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Antiautoritäre Erziehung am Beispiel von Summerhill

Examensarbeit 2000 89 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Alexander Sutherland Neill – Gründer der Internatsschule Summerhill

3. Anthropologische und Psychoanalytische Grundlagen der Erziehung von Summerhill
3.1 Einführung
3.2 Jean Jacques Rousseaus Erziehungslehre: „Emile oder über die Erziehung“
3.3 Anthropologische Grundlagen A.S. Neills und ihr Bezug zu denen Jean Jacques Rousseaus
3.4 Psychoanalytische Grundlagen Sigmund Freuds
3.5 A.S. Neills Vorstellungen über Sigmund Freuds Psychoanalyse und Sexualität

4. Pädagogische Theorie und Praxis von Summerhill
4.1 Unterricht, Erziehung und Moral
4.2 Neills Ansicht über Religion und Kirche
4.3 Schulversammlung
4.4 Spiel
4.5 Theater, Tanz und Musik
4.6 Koedukation und Sexualität
4.7 Tagesablauf von Summerhill

5. Kritische Analyse der Theorie und Praxis von Summerhill
5.1 Einführung in die Diskussion
5.2 A.S. Neill: „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“ - eine kritische Darstellung des Bestsellers
5.3 Freiwilligkeit des Unterrichtsbesuchs oder die „Geh hin wann du willst Schule“
5.4 „Pädagogische Insel“ Summerhill und die Integration in die Gesellschaft.
5.5 Autorität in der antiautoritären Erziehung von Summerhill
5.6 Schulgeld und seine Auswirkungen auf Summerhill
5.7 Sexualerziehung
5.8 Resümee der kritischen Analyse

6. Aktuelle Situation der Schule Summerhill 1999/ 2000
6.1 Bisherige Schulinspektionen in Summerhill (von 1949 - 1998).
6.2 Schulinspektion im März 1999 und ihre Folgen
6.3 Summerhills Reaktion und Maßnahmen

7. Schlußkommentar und Ausblick für die Zukunft

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der „antiautoritären Erziehung“ am Beispiel der englischen Internatsschule Summerhill. Dieses Thema wurde vor allem wegen seiner derzeitigen Aktualität, von mir ausgewählt. (Vgl. Kapitel 6 der Arbeit).

Summerhill wurde 1921in Lyme Regis (Suffolk) von Alexander Sutherland Neill gegründet. Die Schüler werden an der Schule repressionsfrei erzogen, um ihnen den Weg zu einem glücklichen und freien Dasein zu zeigen. Um das Ziel der freien Erziehung zu erreichen, wird in Summerhill auf jegliche Lenkung, Disziplinmaßnahmen, suggestive Beeinflussung verzichtet.

Die Arbeit beginnt mit einer kurzen biographischen Darstellung von Alexander Sutherland Neill. In Kapitel 3 werden die anthropologischen und psychoanalytischen Grundlagen der Erziehung von Summerhill erläutert. Jean Jacques Rousseaus Erziehungslehre in seinem bekanntesten Werk „Emile“, sowie Sigmund Freuds Psychoanalyse haben das Erziehungskonzept von A.S. Neill wesentlich beeinflußt. Neill distanziert sich jedoch im Laufe der Jahre von Freud und schließt sich den Ansichten seines Freundes und Psychoanalytikers Wilhelm Reich an. Die Schüler werden in Summerhill nach psychoanalytischen Erkenntnissen repressionsfrei erzogen. Dies soll an Beispielen des Schulalltags in Summerhill verdeutlicht werden. Seine Grundeinstellung, die Sexualität betreffend, hat zu großem Aufsehen aber auch zu weltweiten Protesten geführt, da er sich für eine freie sexuelle Entfaltung aussprach. Diesbezüglich mußte Neill jedoch zum erstenmal einen Kompromiß mit seiner Heimat schließen, da ansonsten das Bestehen seiner Schule gefährdet gewesen wäre.

In Kapitel 4 wende ich mich der Theorie und Praxis von Summerhill zu, und werde die wichtigsten Ideen und Anwendungen der Schule darstellen. Unterricht, Erziehung und Moral nehmen zu Beginn meiner Arbeit einen breiten Raum ein, da es diese Elemente der antiautoritären Erziehung waren, die im Laufe der Jahre sowohl negative als auch positive Reaktionen in der Gesellschaft ausgelöst haben.

Neills Ansicht zu Religion und Kirche stellen einen weiteren Punkt dieser Arbeit dar, weil in Summerhill auf jegliche ethische und religiöse Unterweisung verzichtet wird. Die Gründe für das Handeln werden verdeutlicht und an Beispielen erläutert Die Selbstregierung der Schüler ist ein weiterer Schwerpunkt von Summerhill, der die Erziehung der Kinder regelt. Sie bestimmen ihren Tagesablauf selbst und setzen alltägliche Umgangsformen in der Versammlung fest. Die demokratische Selbstregierung ist damit das Hauptprinzip des Neillschen Erziehungskonzepts.

Da in Summerhill die Freiwilligkeit des Unterrichtsbesuchs besteht, spielt der Freizeitbereich der Schüler eine wichtige Rolle. Spiel, Tanz, Theater und Musik sind Freizeitaktivitäten mit denen sich die meisten Kinder am Nachmittag und Abend beschäftigen. Kreative Freizeitbeschäftigungen nehmen in Summerhill einen Großteil der Zeit in Anspruch, da laut Neill, die Schüler in diesen Bereich ihre Persönlichkeitsentwicklung besser erweitern können. Neill legt großen Wert auf das Spielen, da es seiner Ansicht nach für eine gesunde, natürliche und glückliche Entwicklung der Kinder wichtig ist. Das vierte Kapitel wird mit einem tabellarischen Tagesablauf schließen, der einen typischen Tag in Summerhill beschreibt.

Kapitel 5 bildet den Hauptteil der Arbeit. Hier untersuche ich die Theorie und Praxis von Summerhill kritisch. Zu Beginn werde ich mich mit dem Hauptwerk von A.S. Neill: „Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung“2 beschäftigen, da es für die daran anschließende Analyse ein wichtiger Bestandteil ist. Die Freiwilligkeit des Unterrichtsbesuchs wird ein weiterer Diskussionspunkt dieses Kapitels sein, weil er mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist. Ich werde hier klar Stellung zur Unterrichtsfreiheit beziehen und praktische Alternativmöglichkeiten für diesen Bereich vorschlagen.

Die Integration der Zöglinge in die Gesellschaft ist ein weiterer Kritikpunkt, der angesprochen werden soll. Hier wird auf die problematische Eingliederung der Schüler in die Gesellschaft nach Summerhill eingegangen. Probleme, die meiner Meinung nach entstehen können, werden dargelegt und diskutiert.

Daß wider Erwartens in der antiautoritären Erziehung von Summerhill Autorität herrschen kann, wird ein weiterer Diskussionspunkt der Arbeit sein. Autoritäre Praktiken sind in Summerhill an der Tagesordnung, weshalb der Frage nachgegangen wird, ob Summerhill noch als antiautoritäres System verstanden werden kann oder nicht.

Welchen Einfluß das Schulgeld, das die Eltern für die Erziehung ihrer Kinder in Summerhill bezahlen müssen, hat, wird ein weiterer Bereich sein, den ich hier ansprechen und kritisch beleuchten möchte.

Der Sexualerziehung wende ich mich noch einmal kritisch zu, da Neills moderne Einstellung zur Sexualität auch negative Auswirkungen mit sich brachte.

Zum Abschluß diese Kapitels möchte ich meine persönliche Ansicht zu Summerhill und der damit verbundenen antiautoritären Erziehung darstellen.

Die vorausgegangenen Ansichten werden noch einmal resümierend zusammengefaßt. Desweiteren werde ich meine

Vorstellungen von Erziehung erläutern, um die Kritik damit

begründen und schließen zu können.

Die aktuelle Situation der Schule wird den Schlußteil dieser Arbeit bilden. Summerhill befindet sich zur Zeit wieder einmal kurz vor der Schließung, deren Gründe ich erläutern werde. Hier wird zunächst auf die bisherige Geschichte der Schulinspektionen in Summerhill eingegangen, um zu verdeutlichen, mit welchen Schwierigkeiten und Mängeln die Schule konfrontiert wurde. Außerdem werden die damaligen Defizite, die die Inspektoren ausgemacht haben erläutert. Die letzte Kontrolle der Schule, die im März 1999 stattgefunden hat, war der Auslöser für die derzeitige Diskussion um Summerhill. Die sowohl positiven als auch negativen Feststellungen der Inspektoren werden hier einander gegenübergestellt, um die drohende Schließung untermauern zu können.

Außerdem werden danach, die Reaktionen und Maßnahmen der Schule beschrieben. Summerhill hat dem Staat Widerstand angekündigt, weshalb verdeutlicht werden soll, mit welchen Mitteln dort für den Erhalt der Schule gekämpft wird.

Ich beende die Arbeit mit einer kritischen Analyse der aktuellen Situation. Es wird die Frage geklärt, weshalb Summerhill über achtzig Jahre lang von der Regierung geduldet wurde und weshalb die Schule heute geschlossen werden soll. Mit welchen Maßnahmen Summerhill weiter im privaten britischen Schulwesen bestehen bleiben könnte, wird den Abschluß der Arbeit ausmachen. Mit einer persönlichen Empfehlung für die zukünftige Praxis der Schule , werde ich die Arbeit beenden.

2. Alexander Sutherland Neill - Gründer der Internatsschule Summerhill

Bei der Beschäftigung mit der antiautoritären Erziehung ist es naheliegend, sich mit Alexander Sutherland Neill zu beschäftigen, dem Begründer des antiautoritären Erziehungsmodells, um die Motive für diese revolutionäre Erziehungsmethode zu verstehen.

A.S. Neill wurde am 17. 10. 1883 im schottischen Forfar / Angus geboren. Sein Vater übte den Beruf des Dorfschullehrers aus. Von Mai 1899 bis Juli 1903 ging Neill in die Lehre seines Vaters. Mit schlechten Prüfungsergebnissen wurde er jedoch nur zum Hilfslehrer ernannt.

Er arbeitete in dieser Position drei Jahre an Schulen in Edinburgh und Kingskettle. Die drei Jahre waren für ihn jedoch sehr belastende Jahre, da er aus Achtung vor den strengen Schulmeistern seine Schüler prügeln mußte. Gehorsam und militärische Disziplin gehörten in dieser Zeit zu den Zielen der schulischen Erziehung. 1906 bestand er das Examen für Hilfslehrer und den ersten Teil der Aufnahmeprüfungen der Universität St. Andrews. Bis 1908 arbeitete Neill weiter als Hilfslehrer in Newport, wo er zum erstenmal die glückliche Seite des Lehrerberufs kennenlernte. Er war sehr beliebt bei den Schülern und versuchte, ein freundschaftliches Verhältnis zu ihnen aufzubauen. Die Prügelstrafe wurde nicht durch ihn persönlich , sondern „nur“ von seinem Schulmeister durchgeführt.

Nachdem er das Acting - Teacher Examen und die Universitäts- Eingangsprüfungen bestanden hatte, verließ er Newport und besuchte im Oktober 1908 die Universität in Eddingburgh.

1912 erwarb A.S. Neill den Magistergrad (M.A.) in Anglistik und arbeitete dann als Redakteur bei verschiedenen Verlagen. Dies tat er bis zum Kriegsausbruch im Jahre 1914.

Von 1914 bis 1916 wurde er stellvertretend für den Schulmeister von Gretna Green eingestellt. Die Abneigung gegenüber der autoritären Erziehungsmethode konnte Neill hier zum erstenmal praktisch umsetzen. Er wandelte die Schule nach seinen Vorstellungen um. Sie wurde zu einem Spielplatz für freie Schüler. Redefreiheit, Themenfreiheit und Hausaufgabenauflösung sind nur einige der ersten Versuche, sich vom traditionellen Schulsystem zu lösen.

Nach zwei Jahren mußte er jedoch zum Militärdienst. In seiner Offiziersausbildung hatte Neill von Homer Lane` s „Little Commonwealth“ - einer Besserungsanstalt für jugendliche Delinquenten gelesen und sie Ende 1917 zum erstenmal besucht. Er war begeistert von der Arbeit des Psychoanalytikers Lane und wollte nach seiner Wehrpflicht bei ihm als Lehrer arbeiten. Die Anstalt wurde jedoch nach seinem Militärdienst geschlossen. Er bewarb sich deshalb bei John Russell`s „King Alfred School“ um eine Anstellung als Lehrer. Diese Schule war die freieste und fortschrittlichste Anstalt, die es zu dieser Zeit in London gab. Er bemerkte jedoch schnell, daß er sich von den anderen Lehrkräften sehr unterschied, da sie betont Erwachsene waren und sich nicht auf eine Stufe mit den Kindern stellen wollten. Die freieste Schule war Neill nicht frei genug und daher verließ er die King Alfred School Mitte 1920. Zu dieser Zeit pflegte er die Verbindung zu Homer Lane, der für ihn die wichtigste Bezugsperson in seinem Leben wurde. Neill erlernte durch ihn die Psychoanalyse. Im Laufe der Zeit entstand nicht nur ein Schüler – Lehrer Verhältnis, sondern auch eine feste Freundschaft.

„Für Lane und Neill bedeutete Erziehung, das Unbewußte bewußt zu machen, um so die Wahrheit über sich selbst zu entdecken .3

1921 reiste A.S. Neill nach Deutschland, um in Dresden – Hellerau seine eigene Schule zu gründen. 1922 entstand die internationale Schule Hellerau.

Fester Bestandteil dieser Schule war die absolute Freiheit. Für Neill war der Glaube an das Kind die Basis seiner Arbeit. Es gab keine Unterrichtspflicht für Schüler und die Lehrer hatten den gleichen Stellenwert wie ihre Schüler. Handwerkliches Arbeiten wurde zum Schwerpunkt der internationalen Schule.

Die Schule hatte von Beginn an Geldprobleme und so wurde sie im Oktober 1923 von Dr. Alois Schardt übernommen, bzw. gekauft. Neill gab den Verkauf nie öffentlich zu und schob den Reichswehreinmarsch als Grund für seine Flucht nach Österreich mit einem kleinen Teil seiner ausländischen Schülerschaft und seiner Freundin und Lehrerin Ada Lilian Sydney Lindesay Neustätter, vor.

Die Schule wurde nach Sonntagsberg in Österreich in ein ehemaliges Kloster verlegt. Aber schon 1924 gab es Probleme mit den Behörden weshalb Neill und Lindesay Neustätter mit fünf Schülern nach England reisen mußten .

Hier wurde die internationale Schule in Summerhill, Lyme Regis untergebracht und Neill spezialisierte sich dort auf Problemkinder, die in anderen nicht angenommen wurden (z.B. Lügner, Bettnässer, mißbrauchte Kinder etc.).

Neill erreichte durch sein 1926 veröffentlichtes Buch: „The Problem Child“ großes Aufsehen in der Gesellschaft, so daß die Schülerzahl weiter zunahm. Außerdem erhielt die Schule einige anonyme Spenden zur Förderung der Schüler.

Hausmütter mußten angestellt werden, die sich zusätzlich um die Kinder kümmerten.

A. S. Neill und Lindesay Neustätter heirateten 1927 der Schule wegen und bildeten ein rein platonisches Arbeitsteam. Ihre Liebe widmeten sie nur den Schülern.

Nach drei Jahren lief der Mietvertrag aus und somit mußte die Schule 1927, mit 31 Schülern, nach Leiston umziehen. Dort besteht sie noch heute. Den Namen Summerhill behielt sie ebenso wie das Ying – und – Yang - Zeichen als Schulemblem.

Im Jahre 1937 lernte Neill die zweite Person seines Lebens persönlich kennen, die einen starken Einfluß auf seine Arbeit gehabt hatte und mit der ihn eine tiefe Freundschaft verband. Dies war der österreichische Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1867 – 1957), ein Mitarbeiter Sigmund Freuds. Im November 1937 nahm Reich ihn als Patienten auf und therapierte ihn. Sexuelle Probleme mit seiner Frau und die heimliche Affäre zu einer anderen Frau waren die Hauptgründe für die Therapie bei Reich. Der Psychoanalytiker beeinflußte Neill stark in seinem Denken über die Psychologie und deren praktische Anwendung.

1944 starb Lindesay Neill , aber schon vier Monate später heiratete Neill seine ehemalige Koch- Hilfe Ena Wood. Die Heirat wurde aus Liebe vollzogen. Das Ehepaar bekam am 1.11.1946 eine Tochter, Namens Zoë. Neill war zu dieser Zeit schon dreiundsechzig Jahre alt und genoß die Vaterrolle sehr.

Alexander Sutherland Neill starb am 22.09.1973. Er wurde auf dem Friedhof von Leiston begraben.

Ena Neill leitete Summerhill bis 1985 und übergab sie dann Neill’s verheirateter Tochter Zoë Readhead, einer gelernten Reitlehrerin, die die Anstalt heute noch leitet. Die Schulphilosophie ist nach wie vor wie zu Neills Lebzeiten die gleiche.

3. Anthropologische und Psychoanalytische Grundlagen der Erziehung von Summerhill

3.1 Einführung

Um die Anthropologie von A.S. Neill zu verdeutlichen, wird zu Beginn kurz auf die Erziehungslehre von Jean Jacques Rousseau (1712 – 1778) eingegangen. Beide verbindet eine Konzeption, die ihre Lehre und Erziehungsvorstellung beeinflußte. Rousseaus Roman: „Emile oder über die Erziehung“ (1762) enthält viele zentrale Postulate, die man knapp zweihundert Jahre später auch bei A.S. Neill wiederfindet. Bei beiden sind Menschenbild, Erziehungsbegriff, Schülereigenschaften und die Aufgabe des Erziehers identisch. Beiden Autoren ist eine Grundvorstellung von Erziehung gemeinsam, die in ihrer Zeit nachhaltige Reaktionen auslöste.

Anschließend wird auf das psychoanalytische Konzept von Sigmund Freud (1856 – 1939) eingegangen. Der Psychoanalytiker prägte aber nur anfangs den Gründer von Summerhill. Schon in der 30er Jahren vertrat Neill nicht mehr die Position Freuds. Er vertrat seinen eigenen Standpunkt zur Psychoanalyse (Mit Hilfe von Wilhelm Reich). Neills Position über die kindliche Sexualität und deren Auswirkungen in der Gesellschaft werden zum Schluß des Kapitels dargelegt.

3.2 Jean Jacques Rousseaus Erziehungslehre: „Emile oder über die Erziehung“

Rousseau vertritt die These, daß der Mensch von Natur aus gut sei und erst durch die Gesellschaft verdorben werde: „Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen der Menschen.“4

Mit dieser Aussage wandte er sich zu seiner Zeit gegen die kirchlichen Vorstellungen vom Menschen. Die Kirche vertrat die Ansicht, daß der Mensch von Natur aus schlecht sei, und nur göttliche Führung und Gesellschaft geeignet seien, ihn zu einem guten Wesen heranwachsen zu lassen.

Rousseau setzt sich mit der Frage auseinander, wie der gesellschaftliche Mensch (l`homme civil) wieder zur Ausgeglichenheit des natürlichen Menschen (l`homme naturel) geführt werden könne. Er beantwortet seine Frage mit dem Leitgedanken „Zurück zur Natur.“ Damit ist aber nicht gemeint, den Menschen in den Zustand der Wildheit zu führen, sondern ihm zu seiner ursprünglichen, natürlicher Ausgeglichenheit zurück zuführen. Der natürliche Mensch befindet sich im Naturzustand, wenn er nicht von den negativ bewerteten Wirkungen der Kultur berührt wird. In diesem Zustand sind die Menschen frei, gleich und glücklich.

„Freiheit heißt Aussteigen aus der Kulturgesellschaft – retournons a` la nature – um das Kind vor der Ansteckung durch die dekadente Gesellschaft zu bewahren und schuldlos glücklich leben zu können.“5 Wenn Rousseau über den Menschen spricht, schließt er das Wesen des Kindes mit ein. Kindheit ist für ihn etwas Wertvolles.

Kinder sind keine kleinen, unvollkommenen Erwachsenen, sondern sie besitzen ihre eigene Persönlichkeit. Die Kindheit ist für Rousseau eine eigene Phase der menschlichen Entwicklung: „Die Menschheit hat ihren Platz in der Ordnung der Dinge; die Kindheit hat den ihren in der Ordnung des menschlichen Lebens.“6

Kinder sollen nur das lernen, wofür sie sich selbst reif fühlen und nicht das erarbeiten, was ihnen die Gesellschaft auferlegt.

Er vertrat die Position, daß Unterricht bzw. schulisches Lernen nicht durch Bücher, sondern durch Anschauung und Selbständigkeit stattfinden sollte. Alle Ergebnisse sollen unter der passiven Führung des Erziehers, vom Zögling selbst gefunden und alles Wissen über die Gesellschaft von ihm selbst erarbeitet werden. Rousseau vertritt keinen Autoritätsglaube, sondern nur eine Orientierung an den natürlichen Bedürfnissen des Kindes. Der Erzieher führt das Kind mit unsichtbarer Hand auf den richtigen Weg, ohne es dabei aber zu beeinflussen und zu bestimmen. Das ist die Kunst der negativen Erziehung. Ausgehend von der Gutheit des Menschen hat die Erziehung zunächst nicht direkt einzugreifen, sondern im Gegenteil nur negativ diese Gutheit zu bewahren. Da das Kind von Grund auf gut ist, ist es unnötig, das Kind Tugend lehren zu wollen. Es soll von seinem Erzieher lediglich vor schlechten Einflüssen bewahrt werden und nichts Böses tun. Das ist für Rousseau dann die positive Seite der Erziehung.

Jean Jacques Rousseau wußte, daß er vor dem idealistischen Hintergrund seiner Zeit sprach, doch er wollte auf seine Art begeistern und die Gesellschaft zur Kritik anregen.

3.3 Anthropologische Grundlagen von A.S. Neill und ihr Bezug zu denen Jean Jacques Rousseaus

Neill behauptet selbst nie, ein Anhänger Rousseaus zu sein, jedoch lassen sich einige Gemeinsamkeiten feststellen, die mit dem Menschenbild und der Kindererziehung übereinstimmen. A.S. Neill wird durch die Übereinstimmung zu Rousseau auch als Anhänger des Rosseauismus oder als antiautoritärer Neorousseauist bezeichnet.7

Hierzu sagt Neill in seiner Biographie selber: „Man hat mich oft als einen Nachfolger Rousseaus bezeichnet, aber ich habe Émile erst gelesen, als es Summerhill schon fünfzig Jahre gab. Mir war ziemlich erbärmlich zumute bei der Entdeckung, daß ich das, was ein Mann in der Theorie vor zweihundert Jahren formuliert hatte, in Unkenntnis seiner Vorstellungen praktiziert hatte.“8

[...]


2 Neill, A.S. Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung. Das Beispiel

Summerhill., Reinbek 1969

3 Kamp, Johannes-Martin: Kinderrepubliken. Geschichte, Praxis und Theorie radikaler Selbstregierung von Kinder- und Jugendheimen., Opladen 1995, S. 327

4 Rousseau, Jean Jacques: Emile oder über die Erziehung., Stuttgart 1969, S. 107

5 Engelmayer, Otto: Die Antiautoritätsdiskussion in der Pädagogik. Quellentexte, Kommentare, Analysen., Neuburgweier 1973, S.45

6 Rousseau, Jean Jacques: Emile oder über die Erziehung., Stuttgart 1969, S. 186

7 Vgl. I.: Engelmayer, Otto: Grundlagenkritik antiautoritärer Erziehungskonzepte., in: Claßen, Johannes (Hrsg.): Antiautoritäre Erziehung in der wissenschaftlichen Diskussion., Heidelberg 1973, S. 111.

Vgl. II.: Erlinghagen, Karl: Autorität und Antiautorität. Erziehung zwischen Bindung und Emanzipation., Heidelberg 1973, S. 32

8 Neill, A.S.: Neill, Neill, Birnenstiel! Erinnerungen des großen Erziehers A.S. Neill. , Reinbek 1982, S. 324

Details

Seiten
89
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638161053
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9388
Institution / Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
2,7
Schlagworte
Summerhill Examensarbeit Neill antiautoritär England Schule Examen Erziehung

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