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Darstellung und Kritik der soziologischen Modernisierungstheorie

Hausarbeit 2007 19 Seiten

Soziologie - Methodologie und Methoden

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Die Entwicklung der Modernisierungstheorie

Die Grundform der Modernisierungstheorie

Die Leistung der Modernisierungstheorie

Ergebnisse der Modernisierungstheorie

Kritik an der Modernisierungstheorie

Strukturinnovationen und Erreichungsziele der

Modernisierungstheorie

1st die Modernisierungstheorie eine modernisierte Theorie

Untersuchungsergebnis

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Modemisierungstheorie ist eine zeitgenossische soziologische Theorie, die sich als die einzige Methode zur Analyse tiefgreifender gesellschaftlicher Veranderungen anbietet. Mit dem Angebot sozialen Wandel adaquat erklaren zu konnen stellt sich die Modemisierungstheorie in den Mittelpunkt soziologischen Interesses. Grund genug nachzuvollziehen welchen Bestand die Modemisierungstheorie aktuell aufweist und mit welchen Konzepten sie arbeitet. Anhand der Aufsatze, „Was behauptet die Modemisierungstheorie wirklich - und was wird ihr blofi unterstellf von Johannes Berger[1] und „Die Modemisierungs­theorie und unterschiedliche Pfade der gesellschaftlichen Entwicklung“ von Wolfgang Zapf [2], die zuganglich sind und eine gute Einfuhrung in die Theorie bieten, werden im ersten Abschnitt die forschungsleitenden Annahmen der Modemisierungstheorie und ihre Begriffe geklart. Im zweiten Abschnitt wird die Grundform der Modemisierungstheorie, wie in den Aufsatzen umrissen nachgezeichnet. Was die Modemisierungstheorie in ihrer Grundform leistet behandelt der dritte Abschnitt. Im vierten Abschnitt dann ein Vergleich der Ergebnisse, die beide Autoren aus der Theorie gewinnen konnten. Es folgt deren Kritik an der Theorie. Anschliefiend, in den Abschnitten sechs und sieben wird die Modemisierungstheorie eingedenk der These angewendet, dass jede Theorie die den sozialen Wandel zum Gegenstand hat auch sich selbst beinhalten muss[3]. Dazu mussen aus der Entwicklungsgeschichte der Modemisierungstheorie strukturelle Neuerungen und deren Erreichungsziele herausgearbeitet werden. Ergebnis dieser Untersuchung wird die Antwort auf die Frage sein, ob es sich bei der Modemisierungstheorie selbst um eine moderne Theorie im Sinne der Modemisierungstheorie handelt. Mit der Auswahl zweier Texte sind in dieser Arbeit neben deren Autoren nur diejenigen Vertreter der Modemisierungstheorie berucksichtigt, die Zapf und Berger erwahnen. Als Hauptvertreter der Theorie werden dort Reinhard Bendix, Samuel Huntington, Samuel Eisenstadt, Daniel Lerner, Ralf Dahrendorf und Jurgen Habermas genannt.

Es kann sich im Rahmen dieser Arbeit weder um eine vollstandige noch um eine abgeschlossene Untersuchung der Modemisierungstheorie handeln.

1. ) Die Entwicklung der Modemisierungstheorie

Berger betont dass Zweifel berechtigt sind, ob es sich bei der Modemisierungs­theorie um eine Theorie im strengen Wortsinn handelt. Es sind spezifische forschungsleitende Uberzeugungen die modernisierungstheoretisch genannt werden konnen. Das es aufgrund dieser Uberzeugungen moglich ist sozialen Wandel zu begreifen relativiert Berger ebenfalls; Modernisierung ist lediglich ein Prozess sozialen Wandels. Deutlich wird bereits an dieser Stelle, das sozialer Wandel modernisierungstheoretisch gedacht erstens prozesshaft und zweitens in Teilprozesse gegliedert ist. Gleiche Struktur stellt die Modemisierungstheorie auch fur den Modernisierungsprozess fest; der in Teilprozessen wie z.B. Industrialisierung, Burokratisierung, Rationalisierung, Urbanisierung, Bildungs- expansion, Demokratisierung, Sakularisierung, etc. zergliedert ist. Die Teil­prozesse der Modernisierung, so die Uberzeugung, unterstutzen sich wechsel- seitig, konvergieren in einem gemeinsamen Ziel, verlaufen in koharenten Mustern und sind in ihrer Gesamtheit interne Leistung der in Modernisierung begriffenen Gesellschaften. Berger behauptet nicht, das dies auch im Verhaltnis von sozialem Wandel zu Modernisierung zutrifft und benennt weder weitere Teilprozesse des sozialen Wandels noch dessen Ziel.

Der Begriff der Gesellschaft ist innerhalb der Modemisierungstheorie doppelt belegt; Einmal als die Gemeinschaft verschiedener Kulturkreise[4] und abstrakt gemafi der Systemtheorie Parsons als System zusammengesetzt aus den Subsystemen Person, Kultur und dem das soziale System bildenden Systemen Politik, Gemeinschaft, Wirtschaft und Sozio - Kultur. Von Parsons Systemtheorie ubernimmt die Modemisierungstheorie die Uberzeugung, dass Gesellschaft ein naturliches System ist darin Anpassungsfahigkeit, die Fahigkeit Ziele zu definieren und zu verfolgen, die Fahigkeit Eingliederung und Zusammenhalt herzustellen, Strukturerhalt und Werterhalt entscheidet wie sich Subsysteme ausformen und welche Gesellschaftsformation uberlebensfahig bleibt. Allgemein werden in der Modemisierungsheorie Gesellschaften in modemisierte, nicht - modemisierte und modernisierende klassifiziert. Die Temini technici lauten Moderne, Transformation und Tradition und gerade in Auseinandersetzung mit der zur Modernsierungstheorie antithetischen Dependeztheorie auch Pionier- gesellschaft, Durchbrechergesellschaft und Nachzugler. Die Streitfrage der beiden Entwicklungstheorien ist, ob Modernsierung ein endogener Prozess ist oder eine mit Imperialismus gleichzusetzende Einwirkung der OECD - Kultur auf Entwicklungslander ist, die deren Entwicklung zugunsten des eigenen Strukturerhalts aufhalt. Fur die Modernisierungstheorie argumentiert Berger: ,, Dafi einige Gesellschaften auf dem Pfad der Modernisierung bereits weiter vorangekommen sind, bedeutet keinen Nachteil fur die Nachzugler.Die Modernisierungstheorie bestreitet dabei nicht das zwischen modernen und nicht - modernen ein Zusammenhang besteht. ,,Wenn eine Gesellschaft den Durchbruch zur Moderne geschafft hat, hat dies Bedeutung fur alle anderen Gesellschaften ob sie das wollen oder nichtP Diese Stelle entnimmt Berger der Theorie Bendix[5], auf den er hier hinweist. Es ist eine Uberzeugung der Modernisierungstheorie das die modernisierten Gesellschaften das Entwicklungsziel fur nicht - moderne Gesellschaften vorgeben. Uber die Vorbildfunktion hinaus findet Zapf eine Fuhrungsfunktion moderner Gesellschaften gegenuber nicht - moderner. Sie bieten „(...) fur die Nachfolgegesellschaften eine Auswahl an Vorbildern und die zumindest theoretische Moglichkeit, durch Rekombination von Elementen [Losungsansatze hinsichtlich struktureller Probleme, die bei der Modernisierung auftreten konnen. Anm. d. A.] eigene Wege zufinden, die mit ihren institutionellen Kapazitaten ubereinstimmenP Wer oder Was diese Vorbilder sind findet sich bei Zapf im Zitat der Definition der Modernisierung von Reinhard Bendix: „Unter Modernisierung verstehe ich den Typus sozialen Wandels, der seinen Ursprung in der englischen Industriellen Revolution und in der politischen Franzosischen Revolution hat (...). Er besteht im wirtschaftlichen und politischen Fortschritt einiger Pioniergesellschaften und den darauf folgenden Wandlungsprozessen der Nachzugler:"[6] Damit ist die erste modemisierte Gesellschaft geographisch und ideengeschichtlich lokalisierbar - vorbildlich in modernisierungstheoretischem Sinn ist Europa, in Erweiterung die USA und die dort gewonnenen Ideen. Bei anderen Modemisierungstheoretikem, wird dies auch in zeitlichem Bezug, 'die erste Moderne' genannt, in deren Anschluss sich auch moderne Gesellschaften in anderen Regionen der Welt gebildet haben. In der Beantwortung der Frage nach der Verbreitungweise der Moderne stehen sich innerhalb der Modernsierungstheorie die Konvergenztheorie, und die Theorie verschiedener Entwicklungspfade gegenuber. Fur erstere kann exemplarisch Bergers Aufsatz stehen, fur letztere und den Versuch die beiden Theorien zu vereinheitlichen der Aufsatz Zapfs.

2. ) Die Grundform der Modernisierungstheorie

Die gesamtgesellschaftlichen Veranderungen, denen der blasse Begriff des sozialen Wandels nicht genugt [Berger] , werden modernisierungstheoretisch als notwendiger Fortschritt traditioneller Gesellschaften gedacht. Die Notwendigkeit begrundet der bei Berger zitierte Theoretiker Lerner mit ,, Die Individuen im Prozess der Modernisierung, sind deutlich weniger unglucklich, und je schneller sich ihre Gesellschaft modernisiert, um so glucklicher sind sie (...) Die traditionelle Gesellschaft erfahrt im Laufe des Mittelalters ihren Niedergang, weil nur recht wenige Menschen noch nach ihren Regeln leben mochten[7] Das Konzept nach dem Modernisierung wunschenswert ist, kritisiert Berger scharf in Auseinandersetzung mit Huntington: Modernisierung kann nur wunschenswert sein wenn sie als Mittel zur Erreichung von Zielen interpretiert wird, die allgemein anerkannt sind. Die aus der strukturellen Innovation traditioneller Kulturen erreichte Verallgemeinerung von Werten gilt Berger als Merkmal der Moderne. Innerhalb der Argumentation Bergers kann sich dieser Wunsch nur dann uberhaupt etablieren, wenn die Modernisierung bereits implementiert wurde. Berger hatte an dieser Stelle die Unmoglichkeit dieses Wunsches nach Modernisierung in traditionellen Kulturen zugunsten der Stringenz unterstreichen mussen. Berger argumentiert auf der Grundlage der Gesellschaftstheorie Parsons, wonach zielgerichtete strukturelle Innovationen gesamtgesellschaftliche Verander­ungen auslosen und „Wenn man strikt zwischen Struktur und Entwicklung trennt, lasst sich jeder strukturellen Neuerung eine fur sie charakteristische Entwicklungsrichtung zuordnenP [Berger]. Die Differenzierung von Wertspharen emeuem das kulturelle System hin zur Rationaliserung und Werteverallgem- einerung. In dazu koharenten Mustern verlaufen Leistungsorientierung und Empathie des personalen Systems hin zur Individuierung. Komplexitatssteigerung aufgrund funktionaler Differenzierung verandert das System Gesellschaft. Konkurrenz fuhrt zu Wirtschaftswachstum. Die Entwicklung der Konkurrenz- demokratie des politischen Systems fuhrt zur Partizipation. Durch Burgerschaft und zunehmende Offentlichkeit wird im System Gemeinschaft Inklusion erreicht. Strukturgebend pragen sich im sozio - kulturellen System die allgemeine Schul- pflicht und die Unabhangigkeit der Wirtschaft aus; Expansion des Bildungs- wesens und die Verwissenschaftlichung ist Erreichungsziel dieser Innovation.

Was dann bei Bergers Kritik an Huntington und an Lerner deutlich wird, ist das Berger den Wunsch als wertmotiviert dem System Kultur zuordnet.

Zapf entlarvt den Wunsch nach Modernisierung, sofern dieser als Forderung seitens der Bevolkerung gegenuber ihrer Regierung von jener nicht in gebotener Zeit verwirklicht werden kann sogar als Grund der Stagnation von Gesellschaften auf dem Weg der Modernisierung. So begrundete Stagnation des Modernisierungs prozesses als Typus gesellschaftlicher Entwicklung ist, neben weiteren, ein Ergebnis Zapfs Untersuchung verschiedener Entwicklungspfade von Gesell­schaften unter zeitlichem Bezug. Diesen Typ fand Zapf bei osteuropaischen Transformationsgesellschaften. Wird Modernsierung von aussen und durch Top- Down Prozesse eingesteuert benennt das Zapf als Imposition. Dieser Fall soll nach Zapf in den Entwicklungen Deutschlands, Italiens, Japans nach 1945 vorgelegen haben. Entsprechend der dritte Typus der Transition by pact, in der Demokratie und Marktwirtschaft bereits durch neue Eliten bekannt sind und diese die Modalitaten der Machtubergabe mit den alten Eliten aushalten, wie in Spanien, Portugal, Griechenland nach 1974. Viertens beschreibt Zapf die asynchrone Transformation in der sich die Marktwirtschaft ohne eine Statusanhebung im Volk und demokratische Reformierung sich langsamer entwickelt als die Wirtschaft. Genannte Beispiele sind Sudkorea, Taiwan, Honkong, Singapur. Alternative Transformationen sieht Zapf in der sozialistischen Marktwirtschaft Chinas und der starkeren Entwicklung kultureller Eigenstandigkeit und hohere Bewertung politisch - kultureller Expansions- versuche wie in Landern des islamischen Fundamentalismus. Funftens der ready made state, die Ubernahme und Ankopplung von Gesellschaften an ein funktionierendes modemes System, was nach Zapf Ostdeutschland nach 1990 widerfuhr. Und anhand des Beispiels Lateinamerika einen Typ des Vorkommens von Modernsierungsphasen und Regressionsphasen in zeiltichem Wechsel. Modernisierung ist sowohl bei Zapf als auch bei Berger nicht im Wunsch nach Erleichterung des Lebens begrundet. Aus dem geschichtliche Nachvollzug der Moderniserung bei Zapf zusammen mit den systemtheoretischen Betrachtungen Bergers lasst dich die Grundform der Modernsierungstheorie holzschnittartig darstellen: Die Moderne ist das Fatum der Kulturgemeinschaft. Jede moderne Gesellschaft hat eine Transformationsphase durchschritten und entstammt ihrer Tradition und umgekehrt wird jede traditionale Gesellschaft gegen alle Widerstande durchbrechen und zur modernen Gesellschaft werden, aufgrund des Drucks zur Anpassung, der auf diesen Gesellschaften lastet nachdem die erste Gesellschaft die Formation Moderne angenommen hat. Die Moderne ist irreversibel und unterscheidet sich radikal von der Tradition. Aber - „ Die diesbezuglich zentrale Annahme der Theorie lautet (...) nicht: Ruckfalle sind ausgeschlossen, sondern nur: sie sind weniger wahrscheinlich als das Verharren auf auf derselben Stufe.“ [Berger]. Das vorherrschende Motiv ist das des homo faber nicht des Odipus!

3. ) Die Leistung der Modernisierungstheorie

Unter diesen Voraussetzungen bietet sich die Modernisierungstheorie als Analysemethode tiefgreifender gesamtgesellschaftlicher Veranderungen an. Eine Gesellschaftsformation, bei Zapf die OECD-Lander, welche eine ,,Oberschicht als moderne Gesellschaften mit Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft, Wohlfahrtsstaat und Massenkonsum“ bilden, wird als Idealtyp der Moderne definiert. Am Idealtyp werden andere Formationen verglichen. Der als konstant und gerichtet begriffene Modernisierungsprozess zielt auf die Moderne. Auch den Anfangspunkt des Prozesses spricht zumindest Zapf an. Das ,,sind unterentwickelte Lander, die noch darum kampfen Zivilisationsminima und elementare Grundbedurfnisse der Ernahrung, Gesundheit, Bildung, usw. ihrer Bevolkerung zu befriedigenP Formation die sowohl in der Geschichte aufzufinden sind und aktuell existieren. ,, Anfang und Ende des Prozesses werden (...) nicht durch Entwicklungsgrade definiert, sondern konkreter durch zwei verschiedene

[...]


[1] Im folgenden, sofern nicht anders benannt, als [Berger] im Text

[2] Im folgenden, sofern nicht anders benannt, als [Zapf] im Text

[3] Vgl. Luhmann 1987, S.9 ff.

[4] Bei Huntington sind es acht Kulturkreise in die sich die Weltgesellschaft zerlegen lasst: Der sinische,japanische, hinduistische, islamische, slawisch-orthodoxe, lateinamerikanische, westliche und der afrikanische. Aus dieser Aufstellung geht hervor, das modernsierungs- theoretisch Kultur geographisch, anhand der Religion und anhand der vorherrschenden Sprache bestimmtwird. s. Huntington 1997

[5] Reinhard Bendix 1977, zitiert bei Berger

[6] Reinhard Bendix 1996, zitiert bei Zapf

[7] Daniel Lerner 1958, zitiert bei Berger

Details

Seiten
19
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640540723
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v93927
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
Darstellung Kritik Modernisierungstheorie

Autor

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