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Authentische Polizei- und Kriminalgeschichten. Teil 1

Stationen und Situationen mit Bildern aus einem langen Berufsleben: 1962 bis 1988

Ausarbeitung 2008 194 Seiten

Biographien

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Polizeischule: erste Eindrücke und Episoden

Bereitschaftspolizei Hannover

Polizeiabschnitt Lingen (Ems)

Ausbildung für die Kriminalpolizei

Landeskriminalpolizeistelle Osnabrück

Der 22. Oberstufenlehrgang

Stress, und nichts als Stress

Der Kommissarslehrgang

Drei Jahre Stabsarbeit

Intermezzo bei der Kriminalpolizeiinspektion (KPI) Lingen

Das ungewohnte und arbeitsintensive Lehrerdasein

Zwei Jahre Studium für den höheren Polizeivollzugsdienst

Erneute Rückkehr zur Landespolizeischule Niedersachsen

Fast sechs Jahre Polizeiausbildungsstätte (ASt) Bad Iburg

Abschließende Erklärung

Personenregister (Polizei)

Personenregister (außerhalb Polizei)

Ortsregister

Berufliche Vita im Überblick

Die Berufswahl

Nach erfolgreichem Abschluss der Realschule in Meppen (Ems) wollte ich zur Seefahrtsschule und später zur Handelsmarine. Meine Mutter Herta Lappe, verw. Hunsicker, geb. Bayer, die ihren ersten Ehemann – und somit meinen leiblichen Vater – Friedrich Wilhelm („Fritz“) Hunsicker im 2. Weltkrieg als „Flieger“ verloren hatte[1], war jedoch strikt dagegen. Sie hatte große Angst, dass mich als ihrem einzigen Kind auf hoher See ein ähnliches Schicksal ereilen könnte. Da ich noch nicht volljährig war, hätte meine Mutter ihre schriftliche Zustimmung zu dieser Marineausbildung geben müssen. Dazu war sie aber nicht bereit, wofür ich heute großes Verständnis habe.

So schnell wollte ich mich aber nicht von meinem Plan abbringen lassen, und ich ging zu einer Info-Veranstaltung „Seefahrt“ des Arbeitsamtes.

Im Anschluss erschien ein Polizeihauptkommissar, der über den Polizeiberuf informierte und diesen in den höchsten Tönen mit den abschließenden Worten „Sie haben den Marschallsstab im Tornister!“ lobte. An den Marschallsstab mochte ich nicht glauben, trotzdem fand ich wohl Gefallen an diesem Beruf. Meine Mutter hatte – wie wohl viele andere Mütter und Väter – auch hierzu leichte Bedenken. Unterstützung erhielt ich aber durch meinen zweiten Vater Heinrich Lappe[2], sodass das Unternehmen „Polizeidienst“ starten konnte.

Der für meinen Wohnort Rühle (heute Emslage) zuständige Stationspolizist aus Groß-Hesepe war von meinem Berufswunsch begeistert, denn er war davon überzeugt, mich für diesen Beruf geworben zu haben. Wohl nicht ganz uneigennützig, denn damals gab es noch zwei Tage Sonderurlaub für eine erfolgreiche Werbung. Außerdem erklärte der Stationspolizist meinen Eltern, dass ich auf jeden Fall mit einer Kofferschreibmaschine ausgestattet sein müsse, die er selbstverständlich besorgen könne. So kam eine Kofferschreibmaschine „Olympia Monica“ frühzeitig ins Haus.

Tatsächlich hatte ich mich vorher bei der Landespolizeischule Niedersachsen in Hann. Münden (Kurzform: Münden) beworben, und ich wurde auch zum 1. April 1962 in den Polizeidienst des Landes Niedersachsen als „Polizeiwachtmeister“ eingestellt. Vorher waren noch eine schriftliche und mündliche Eignungsprüfung zu bestehen sowie eine polizeiärztliche Untersuchung zu überstehen. Damit nicht genug: Der Stationspolizist musste sich zu meinem Leumund äußern; ein Beamter der polizeilichen Staatsschutzdienststelle Nordhorn „besuchte“ meine Eltern und erkundigte sich bei unseren Nachbarn.

Die Bahnfahrt von Meppen nach Münden war keine Anreise, sondern fast eine kleine Weltreise von ungefähr acht Stunden.

Am Bahnhof Münden wurden wir bereits von unseren Ausbildern erwartet und mit einem „Grukw“ (Gruppenkraftwagen = Lkw mit Plane und Holzbänken) zur Polizeischule kutschiert, wo wir ab sofort Teilnehmer des 24. Grundausbildungslehrgangs waren.

Polizeischule: erste Eindrücke und Episoden

Der Ton unserer Ausbilder, die mit ihrer Amtsbezeichnung („Herr Polizeioberwachtmeister“ usw.) angesprochen wurden, war überwiegend rau und wenig herzlich. Meine Gruppe im 3. Zug der III. Lehr-Hundertschaft hatte Glück, denn unser Ausbilder gehörte zu der humaneren Sorte, was auch für unsere höherrangigen Vorgesetzten (Zugführer und Hundertschaftsführer) galt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: privat

Polizeiwachtmeister Ernst Hunsicker ( Juli 1962).

Das Zusammenleben auf einer „Stube“ (offizielle Bezeichnung) von ca. 30 qm Größe, die sich sieben Wachtmeister zum Schlafen und Leben teilen mussten, war schon gewöhnungsbedürftig. Das Mittagessen wurde im Speisesaal eingenommen; Frühstück und Abendbrot gab es in Form von „Kaltverpflegung“ auf der Stube. Duschen durften wir nur nach dem Dienstsport und nach schweißtreibender Formalausbildung („Nach hinten weg, Marsch, Marsch!“, „Volle Deckung!“ und immer wieder „Achtung!“). Zum Duschen mussten wir vorher auf dem Flur antreten. Das Duschen wurde von den Ausbildern überwacht, weil sich zum Beispiel einige wenige Polizeiwachtmeister zierten, ihre Badehosen auszuziehen. Übrigens: Beamtinnen gab es zu der Zeit noch nicht im Polizeidienst.

Bier aus Stöckelschuhen

Das mit den Beamtinnen stimmt nicht so ganz. Es gab ganz wenige bei der Weiblichen Kriminalpolizei. Besonders Qualifizierte schafften auch den Sprung in den gehobenen Dienst („Kommissarslaufbahn“). Dazu mussten die geeigneten Frauen und Männer der Kriminal- wie auch der Schutzpolizei grundsätzlich einen Oberstufenlehrgang (zwölf Monate), einen Vorbereitungslehrgang und danach einen Kommissarslehrgang (acht Monate) besuchen.

Unser spezieller Auftrag war es, die Damen und Herren des Oberstufenlehrgangs morgens mit Kaffee und Tee zu versorgen, d.h., wir mussten je eine Kanne Kaffee und Tee vor einem separaten Wohnbereich in einem anderen Wohnblock abstellen. Wenn wir diesen Auftrag mal vergessen hatten, gab es eine Beschwerde und wir erhielten einen Sonderdienst verpasst (z.B. einen zusätzlichen Wachdienst am Wochenende).

Doch dann geriet unser Bild von der anständigen Polizei ins Wanken. Wir, einige „Stubenkameraden“ und ich, gingen nach dem Abendessen und den täglich erforderlichen Schularbeiten in eine Mündener Kneipe. Dort trafen wir auf einen Teil unserer vermeintlich blitzsauberen „Oberstufler“, die wir jeden Morgen mit Getränken zu versorgen hatten. Sie, Damen und Herren gleichermaßen, waren ziemlich betrunken. Wir trauten unseren Augen nicht, als die „Herren“ den „Damen“ die Stöckelschuhe auszogen, die Schuhe mit Bier füllten und anschließend das Bier aus den Schuhen tranken.

Ich gehe davon aus, dass die „Oberstufler“ das Bestehen des Lehrgangs oder die Rückgabe gelungener Klausurarbeiten auf übermütige und unbekümmerte Weise ausgiebig gefeiert haben (vgl. Vorwort).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Formalausbildung (erste „Gehversuche“) im April 1962;

Ernst Hunsicker als 5. von links.

„Stube 37“ beim „Budenzauber“;

vordere Reihe links: Ernst Hunsicker.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fotos: privat

Die Ausbilder achteten nicht nur auf körperliche Sauberkeit, sondern auch auf pünktliche Nachtruhe (in den ersten sechs Monaten grundsätzlich 22.00 Uhr, am Wochenende 23.00 Uhr), einen ordentlichen Kurzhaarschnitt (damals orientierten wir uns mehr an den Pilzköpfen der „Beatles“), saubere Stuben, Spinde und Kleidung. Unsere Wäsche wurde von der Reinigung „Schneeweiß“ gewaschen und geplättet.

Nur die im Nahbereich von Münden wohnhaften Wachtmeister konnten an den Wochenenden mit besonderer Genehmigung ziemlich regelmäßig nach Hause fahren. Für uns Emsländer und die Wachtmeister, deren Heimatwohnsitz noch weiter entfernt lag, kam eine Heimreise kaum in Betracht. In unserer Hundertschaft hatte auch keiner ein privates Auto. Während dieses Jahres konnte ich meine Eltern in Rühle nach langen Zugfahrten lediglich fünfmal besuchen.

In den ersten Wochen erhielten wir nach Dienstschluss wiederholt „Besuch“ vom so genannten Stammpersonal, das sich aus gutem Grund äußerst zuvorkommend und freundlich zeigte. Es wurde uns dringend empfohlen – und wer mochte sich da schon widersetzen – eine Kofferschreibmaschine anzuschaffen (die hatte ich ja bereits), in die „Gewerkschaft der Polizei“ (GdP), in den „Polizeisportverein (PSV) Hann. Münden“ und in die „Deutsche Lebens- und Rettungsgesellschaft“ (DLRG) ein- sowie verschiedenen Versicherungen und Kassen beizutreten.

Besonderer Wert wurde auch auf körperliche Fitness gelegt. Neben der Formalausbildung (ein mehrere Stunden andauendes Hin und Her auf dem Ausbildungsplatz) standen Leichtathletik (das Sportabzeichen war Pflicht), Geräteturnen, Schwimmen (das DLRG-Leistungsabzeichen musste gemacht werden) und Waldlauf auf dem Wochenprogramm. Hinzu kam die Geländeausbildung im Bereich Meensen/Jühnde.

Zur Abwechselung ein Ernteeinsatz

Im September 1962 wurde unsere Hundertschaft vierzehn Tage lang jeden Morgen zu einem riesigen Bohnenfeld nach Geismar bei Göttingen gefahren. Die Bohnen waren notreif und mussten dringend vom Strauch. Pro Zentner gepflückte Bohnen gab es zusätzlich 20 DM, die jeden Abend bar ausgezahlt wurden. Wenn man sich anstrengte, konnte man pro Tag auf einen guten Zentner Bohnen kommen und mehr als 20 DM mit nach Hause nehmen. Ein Teil des Baren wurde am Abend in Getränke und halbe Hähnchen umgesetzt. Beim Pflücken tat sich besonders ein Ausbilder hervor, der sich gerade einen nagelneuen VW Käfer gekauft hatte.

Apropos Geismar:

Orientierungsmarsch bei klirrender Kälte

An einem Wintertag 1962/63, es waren etwa zwanzig Grad unter Null und es lag ziemlich viel Schnee, wurde unsere Hundertschaft jeweils in Gruppenstärke am frühen Morgen im Raum Geismar „ausgesetzt“. Wir erhielten einen Kompass, eine Geländekarte und eine Marschzahl mit dem Auftrag, auf schnellstem Wege die Unterkunft (Kaserne) in Münden zu erreichen. Meine Gruppe war besonders ehrgeizig. Ich und weitere Marschierer hätte lieber unterwegs in einer Waldgaststätte eine kurze Pause gemacht und etwas Alkoholfreies getrunken, da sich im Marschgepäck lediglich eine kleine Feldflasche mit schwarzem Tee befand. Die Mehrheit wollte aber durchmarschieren. Wir kamen total kaputt und mit blutverschmierten Gesichtern (Äderchen im Gesicht waren von der „beißenden“ Kälte aufgeplatzt) gegen Mittag in unserer Unterkunft an. Der Ehrgeiz hatte sich aber gelohnt: Da wir mit großem Zeitabstand als erste Gruppe zurück waren, gab es zur Belohnung am Nachmittag dienstfrei. Nach unserer Rückkehr habe ich erst einmal zwei Liter Milch getrunken und eine Tafel Schokolade verspeist, um dann für mehrere Stunden in einen Tiefschlaf zu versinken. Das ging aber nicht nur mir so.

Nun darf nicht der Eindruck entstehen, dass die Ausbildung überwiegend sportlich ausgerichtet war. Nein, wir wurden auch unterrichtet (Fachausbildung, Allgemeinbildung) und an der Pistole (P 38) sowie am US-Karabiner ausgebildet. Großer Wert wurde auf die Waffenpflege gelegt. Nicht nur nach jedem Übungsschießen mussten die Waffen in alle Einzelteile zerlegt und gründlich gereinigt werden.

„Erschossene Koreaner“

An den Rohren unserer US-Karabiner befanden sich eingefeilte Kerben. Es ging das Gerücht um, dass so markierte US-Karabiner bereits im Koreakrieg (1950 - 1953) im Einsatz waren. Jede Kerbe sei Indiz für einen erschossenen Nordkoreaner.

In diesem Zusammenhang konnte ich mich noch entsinnen, dass wir während meiner ersten Schuljahre, die ich in Lengerich (Westfalen) verbrachte, das Lied „Ei, ei, ei Korea, der Krieg kommt immer näher … “ gesungen haben. Über die Bedeutung eines solchen Schwachsinns waren wir uns als Kinder offenbar nicht im Klaren.

Mit diesen US-Karabinern „zogen wir auch in den Krieg“, wie die Ausbildung im Gelände manchmal scherzhaft umschrieben wurde. Tatsächlich hatte diese Geländeausbildung mit der Grundausbildung bei der Bundeswehr viele Gemeinsamkeiten. Einmal kam es knüppeldick:

Große Geländeausbildung

Die letzten vierzehn Tage vor dem Sommerurlaub (1962) zogen wir täglich mit unseren US-Karabinern und Platzpatronen ins Gelände. Auf dem Dienstplan stand „Große Geländeausbildung, Ausbildungsorte Barlissen, Meensen, Wiershausen“. Wir wurden täglich von morgens bis abends durch die Gegend gescheucht. Laufend kamen angeblich Tiefflieger von vorne, von hinten oder von der Seite, verbunden mit dem Kommando „Volle Deckung!“. Tatsächlich waren weit und breit keine Flugzeuge zu sehen, schon gar nicht Tiefflieger. Einmal hatte ein genervter Wachtmeister die Faxen dicke. Er ging nach dem Kommando „Volle Deckung!“ nur in die Hocke, woraufhin sich etwa folgendes Wortgefecht ergab:

Ausbilder (schreiend): Volle Deckung! Volle Deckung!

Wachtmeister: Bin ich doch, Herr Oberwachtmeister!

Ausbilder: Sind Sie nicht!

Wachtmeister: Doch, ich hocke hinter einer Mauer!

Ausbilder (zornesrot): Ich sehe keine Mauer!

Wachtmeister: Ich sehe auch keine Tiefflieger!

Für solche Scherze hatten unsere Ausbilder überhaupt kein Verständnis. Das Ergebnis kann man sich vorstellen: „Volle Deckung!“ für diesen Wachtmeister und seine Gruppe bis zur völligen Erschöpfung.

Am Rande der Erschöpfung war ich auch einmal: Meine Gruppe musste über einen längeren Zeitraum durch einen kleinen Bach robben, der sehr moderig war. Der US-Karabiner baumelte um den nach oben gestreckten Hals, da die Waffe auf keinen Fall mit Wasser oder Moder in Berührung kommen durfte. Im und über dem Wasser war reichlich Getier (vorwiegend Schnecken und Mücken). An meiner Seite kroch ein Stubenkollege, der direkt neben meinem Ohr einen Schuss aus seinem Karabiner abgab. Ich dachte, mir fliegt das Trommelfell raus. Aber, ein Indianer kennt keinen Schmerz. Ich robbte weiter, doch die Tränen flossen reichlich vor lauter Erschöpfung und Wut.

Kleine Abwechselungen boten nur die Pausen an der Feldküche („Gulaschkanone“), wo es Essen und Getränke gab.

Ach ja, Getränke. Behauptet wurde immer wieder, in den Getränken der Polizeiküche sei Hängolin[3] enthalten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Rast während der „Großen Geländeausbildung“

(Juli 1962 im Raum Meensen).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fotos: privat

„Meine Kampfgruppe“.

Die letzte Nachtzigarette

Stubenkollege C. hatte die Angewohnheit, nach dem abendlichen Stubendurchgang (22.00 bzw. 23.00 Uhr), der durch einen Ausbilder erfolgte, noch eine Zigarette zu rauchen. Der Rest der Stube lag dann schon im Bett. Einmal hörten wir Schritte auf dem Flur, die sich kurz nach dem Stubendurchgang rückkehrend unserer Stube näherten. C. warf, bevor der erwartete Ausbilder unsere Stube betreten hatte, seine noch glühende Zigarette in den Besenschrank. Der Ausbilder roch den frischen Qualm (auch wohl schon auf dem Flur), sah C. in sein Bett springen und bemerkte den qualmenden Besenschrank. Am nächsten Tag musste C. seine Sachen packen und den Polizeidienst quittieren.

Mit fünfzig Stunden Dienst pro Woche kamen wir nicht aus, zumal wir auch noch samstags bis 13.00 Uhr ausgebildet wurden. Und das alles bei einem Monatsgehalt von gut 200 DM, was aber 1962 bei freier Verpflegung und Unterkunft ein Haufen Geld war. Das meiste davon wurde für Essen und Getränke ausgegeben, denn die Kaltverpflegung bestand aus Brot, Margarine, Marmelade und überwiegend Leberwurst, die wir wegen ihrer Farbe und Konsistenz als „Betonwurst“ bezeichneten.

Es gab auch Kulturelles im Angebot:

Sommernachtstraum in Bad Hersfeld (mit Götz George)

An einem lauen Sommerabend wurden wir mit Gruppenkraftwagen nach Bad Hersfeld gefahren, wo in einer Burgruine Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit dem auch noch heute bekannten Schauspieler Götz George aufgeführt wurde. Dazu mussten wir unsere Uniformen anziehen. Ausnahmsweise war es erlaubt, weiße Oberhemden zur Uniform zu tragen. Ein Privileg, das sonst nur den so genannten „Oberbeamten“ (Kommissare, Räte, Direktoren) zustand. Einige dieser Spezies trugen selbst im Sommer private Handschuhe aus besonders feinem und hellem Leder.

Bildungsfahrt

Auf dem Programm stand auch eine mehrtägige Bildungsfahrt mit der gesamten Hundertschaft. Es ging in den Harz. Höhepunkt war eine Gemeinschaftsveranstaltung in Bad Harzburg, an der auch der Verwaltungspräsident aus Braunschweig teilnahm.

Das Halten von Haustieren war strengstens verboten. Wobei sich die Frage stellte, sind weiße Mäuse Haustiere.

Stinkende Mäuse

Eines Tages brachte Stubenkollege H. ein Art Aquarium mit, in dem sich eine weiße Maus befand. Kurz darauf musste ich wegen einer Erkrankung mit hohem Fieber ins Krankenrevier der Polizeischule, wo ich etwa zwei Wochen blieb. Meine Krankheit wurde im Wechsel mit rotem Pulver (Abführmittel) und schwarzem Pulver (Kohlepulver gegen Durchfall) behandelt. Das hohe Fieber, verbunden mit Appetitlosigkeit, hatte mich ziemlich geschwächt. Als ich nach meiner Entlassung aus dem Krankenrevier auf meine Stube zurückkam, wimmelte es in dem Aquarium nur so von Mäusen. Ganz offenbar war die zunächst allein im Aquarium lebende Maus weiblich und bereits tragend bei ihrem Einzug in unsere Stube.

Die Mäuse verbreiteten einen solchen Gestank, dass ich mich erst einmal kräftig übergeben musste. Ich forderte H. auf, sofort die Mäuse abzuschaffen. Aber wohin damit? Schließlich wurde eine Lösung gefunden: Jeden Abend steckten sich H. und auch wohl noch andere Polizeischüler ein paar Mäuse in die Taschen, um sie dann in Mündener Kneipen freizulassen. H. und Kollegen haben sich nach ihren Erzählungen tüchtig amüsiert. Insbesondere darüber, dass die weiblichen Gäste beim Anblick der Mäuse auf Stühle und Tische sprangen.

Im 2. Halbjahr gab es an Samstagen keine Torschlussstunde mehr, und die Polizeischüler trafen sich im „Bergschlösschen“ und im „Schützeneck“. Beide Lokalitäten waren nur nach einem langen Fußmarsch und überwiegend bergauf zu erreichen. Aber: Durchtrainiert waren wir ja und zurück ging es meistens bergab.

Die einjährige Grundausbildung an der Polizeischule war hart und lehrreich. Nach dem Bestehen der Prüfungen,

„U-Prüfung“ (Deutsch, Geschichte, Heimatkunde, Rechnen) und

„Fachprüfung I“ (Staatsbürgerkunde, Allgemeines Polizeirecht, Besonderes Polizeirecht, Dienstkunde/polizeipraktische Psychologie, Fußdienst/Ausbildungsunterricht, Körperschulung/Selbstverteidigung, Strafrecht, Strafprozessrecht, Verkehrskunde, Beamtenrecht /Berufsethik, Erste Hilfe),

wurden wir in die Landesbereitschaftspolizei, Abteilungen Hannover und Braunschweig, versetzt. Mich führte der Weg nach Hannover. Später kehrte ich wiederholt nach Münden zurück, wo ich insgesamt annähernd fünf Jahre meiner Dienstzeit verbracht habe.

Bereitschaftspolizei Hannover

Am 1. April 1963 kam ich in die 1. Ausbildungs-Hundertschaft. Unser Ausbilder war wieder so ein Glücksfall. Er scheuchte uns in der „Vahrenwalder Heide“ bis hinter den nächsten Erdhügel. Außerhalb des Blickwinkels von Vorgesetzten war er dann ein toller Kumpel und verordnete „Erst mal hinsetzen und ausruhen!“.

Das Wohnen in der neuen Wohngemeinschaft war schon wesentlich luxuriöser. Wir waren nur noch zu sechst auf der Stube; insbesondere gab es einen separaten Schlafraum.

Das Jahr in der 1. Hundertschaft verging ziemlich schnell. Der Dienst war aber nicht so kurzweilig wie im Jahr davor:

Beispielsweise wurden wir nachts zu Bezirksstreifen eingeteilt. Das waren Doppelstreifen zu Fuß oder auf dienstlichen Fahrrädern in den Außenbezirken von Hannover. An der Polizeischule hatte man uns viel Theorie vermittelt; die polizeiliche Praxis war uns dagegen völlig fremd. Wir waren immer froh, wenn wir mal angesprochen und lediglich nach dem Weg bzw. einer Straße gefragt wurden. Einen Stadtplan hatten wir ja dabei. Den Verantwortlichen in der Polizei war dabei offensichtlich auch nicht ganz wohl, denn alle zwei Stunden musste ein festgelegter Kontrollpunkt „angelaufen“ bzw. „angefahren“ werden, um festzustellen, ob wir uns nicht verlaufen oder verfahren hatten. Funkgeräte standen uns nämlich nicht zur Verfügung.

Kleine Ruhepausen im „Hainhölzer Bahnhof“

Einer meiner Streifenkollegen war im Stadtteil „Hainholz“ groß geworden und kannte sich dort bestens aus. Im „Hainhölzer Bahnhof“ gab es ein paar lauschige Ecken, und im Winter war es dort auch einigermaßen warm. Publikumsverkehr gab es dort zur Nachtzeit nicht. Zwischen den Kontrollzeiten haben wir dann hin und wieder diesen Bahnhof aufgesucht, um uns mit geschlossenen Augen ein wenig von dem nächtlichen Streifendienst zu erholen.

„Verpflegung“ durch einen Krankenpfleger

Ein Streifenbezirk befand sich auch im Bereich des „St. Vinzenzstiftes“. Wenn wir uns dem Vinzenzstift näherten, lag ein bestimmter Krankenpfleger (K.) bereits auf der Lauer. Er galt als überaus polizeifreundlich, verpflegte uns mit geschmierten Broten und zeigte uns, sofern es die Zeit zuließ, Fotos von seinen vielen Reisen. Nicht bekannt war mir bis dahin seine schwule Neigung. Später bekam ich diese dann aber hautnah zu spüren. (Einzelheiten folgen unter „K., der mehr als fürsorgliche Krankenpfleger“).

Besonders unbeliebt war die Bestreifung des Innenministeriums an der „Lavesallee“. Jeweils zwei Polizeiwachtmeister wurden während der Nacht dem Pförtner zugeteilt. Eine Stunde war für den Rundgang um das Innenministerium eingeplant. Danach war der andere Kollege dran und man selbst hatte eine Stunde Pause, um danach wieder das Ministerium zu umkreisen.

Mehr Abwechselung bot da schon die Industriemesse während der Messetage. In meinem ersten Dienstjahr in Hannover durfte ich den Verkehr an einer Parkplatzein- und ausfahrt regeln. Der Messeeinsatz begann aber schon eine Woche vor Beginn der eigentlichen Messe, sodass sich in dieser Vorphase der Verkehr von selbst regelte.

Später gab es dann aber aus einem anderen Anlass ein Highlight.

Verkehrsregelung auf einer Großkreuzung

Bei Fußballländerspielen kamen wir auch zum Einsatz. Einmal erhielten wir den Auftrag, einen erfahrenen Verkehrspolizisten auf einer Kreuzung am Maschsee zu unterstützen (Arthur-Menge-Ufer/Culemannstraße/Willy-Brandt-Allee/ Rudolf-von-Bennigsen-Ufer) . Der „Verkehrskollege“ stand mit seinem Verkehrsregelungsstab mitten auf der Kreuzung, um den Verkehr zu regeln. Auf sein Zeichen hin mussten wir jungen Wachtmeister an vier Stellen dafür sorgen, dass die Fußgänger sicher auf die andere Straßenseite kamen. Nach Ende des Spiels, als der abfließende Verkehr stark zunahm, winkte mich „Kollege Verkehrspolizist“ zu sich. Ich dachte, dass er auf der Kreuzung Unterstützung braucht. Mir sackte fast das Herz in die Hose, als er mir seinen Verkehrsregelungsstab in die Hand drückte, um sich dann in Richtung Toilette zu verabschieden. Nach etwa zehn Minuten kam er zurück. Ich war heilfroh, als der Kollege wieder auftauchte und dass ich kein Chaos auf der Kreuzung verursacht hatte. Er blieb aber am Straßenrand stehen, und ich durfte den Verkehr bis zum Einsatzende verantwortlich regeln. Hinterher war ich mächtig stolz, dass alles so glatt gelaufen war.

Beteiligt war ich auch an anderen Großeinsätzen:

Besonders ist mir der Besuch von Queen Elizabeth II. und Prinzgemahl Philipp im Mai 1965 in Erinnerung. Auf dem Flughafen Hannover waren wir als Ehrenhundertschaft eingesetzt. Aus einem anderen Anlass mussten wir für Bundeskanzler Konrad Adenauer auf dem Militärflughafen Wunstorf einen Streckenabschnitt schützen[4].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: privat

Ministerpräsident Dr. Diederichs neben der Queen (Mai 1965).

Alkohol an der Kugel

Aktiv beteiligt war unsere Hundertschaft auch an Polizeischauen in Hannover, Braunschweig und Salzgitter. Wir mussten Kugeln, die sonst beim Kugelstoßen zum Einsatz kamen, synchron durch die Luft werfen. Das wurde Wochen vorher auf dem Ausbildungsplatz mit Hingabe geübt. Bei den Polizeischauen waren wir mit unserer Übung immer erst zum Schluss an der Reihe. Die Polizeischau in Braunschweig fand bei Dunkelheit statt. Für diesen Zweck waren die Kugeln, um im Scheinwerferlicht einen besonderen Leuchteffekt zu erzielen, mit Phosphorfarbe präpariert worden. Wir saßen auf unserem Gruppenfahrzeug und verbrachten die Wartezeit mit Tee trinken. Sehr schnell fiel uns ein, dass der Tee mit ein bisschen Rum noch besser schmecken könnte. Aus der Stadiongaststätte wurde eine Flasche Rum auf unser Gruppenfahrzeug geschmuggelt. Die Kollegen, die auf den anderen Kfz saßen, bekamen Wind von der Aktion „Tee mit Rum“ und versorgten sich auch mit diesem Zuckerrohrschnaps. Unsere Ausbilder waren ahnungslos. Da es ziemlich kalt war, tat uns dieses Getränk so richtig gut. Bei unserem Kugeleinsatz war die gesamte Hundertschaft mehr oder weniger angesäuselt. Das führte zu allerhand Kugelverlusten, und mancher Kugelakrobat suchte krabbelnd nach seiner Kugel. Die Zuschauer haben das, wie wir später hörten, so gut wie nicht bemerkt, wohl aber unsere Ausbilder. Es gab ein Donnerwetter, und bei der nächsten Polizeischau waren wir unter strenger Bewachung der Ausbilder.

Während meiner Freizeit war ich häufiger im „Savoy“ am Marstall. Das „Savoy“, in dem es täglich Lifemusik gab, war wegen der vielen hübschen Mädchen auch im Kollegenkreis sehr beliebt.

Es gab aber auch noch andere Interessen wie der Besuch von Fußballspielen. „Hannover 96“ spielte in der gerade gegründeten 1. Bundesliga mit so bekannten Spielern wie dem bulligen Mittelstürmer Walter Rodekamp, Karl-Heinz Mühlhausen und dem Urgestein Otto Laszig; später kam noch der Techniker Hans Siemensmeyer hinzu. Trainer war übrigens Helmut („Fiffi“) Kronsbein. Dann waren da noch die Fußballländerspiele, die ich zusammen mit Kollegen besuchte, wenn wir nicht selbst durch den Polizeieinsatz gefordert waren.

Hin und wieder bin ich auch zum Berufsboxen in die Stadionsporthalle gegangen. Eine besondere Show boten die Veranstaltungen mit Norbert Grupe („ Prinz von Homburg“)[5] und dem niederländischen Schwergewichtler Wim Snoek, der für seinen kurzen Prozess bekannt war.

In Hannover habe ich auch wieder angefangen, selbst Fußball zu spielen. Meine Fußballkarriere war mit meiner Entscheidung, zur Polizei zu gehen, abrupt zu Ende. Immerhin stand ich bis dahin im Tor der A-Jugend des „SV Meppen“ und gehörte auch zur Kreisauswahl. Im „Polizeisportverein Hannover“ reichte es nach längerer Pause und mit nicht mehr ganz so großer Begeisterung für die 2. Herrenmannschaft.

K., der mehr als fürsorgliche Krankenpfleger

In einem Spiel sprang ich als Torwart einem gegnerischen Angreifer entgegen, der, obwohl ich den Ball bereits unter Kontrolle hatte, voll durchzog und mir heftig gegen die linke Schulter trat. Ich verspürte einen starken Schmerz, der auch nicht nachließ. Man brachte mich zum Sanitätsbeamten, der meine sofortige Einlieferung ins „St. Vinzenzstift“ veranlasste. Dort fixierte man meinen linken Arm mit viel Verbandsmaterial auf der Brust, sodass ich nur noch bedingt handlungsfähig war. Freudig begrüßt wurde ich von K., dem mir von meinen Streifengängen ja bereits bekannten Krankenpfleger. Er tat sehr fürsorglich. Von dem Fußballspiel war ich noch ziemlich verdreckt und K. erklärte, dass ich erst einmal duschen müsste. Das war auch in meinem Sinne. K. kam mit. Ehe ich wusste, was mir geschah, fing K. an, mich im Genitalbereich besonders sorgfältig zu waschen. Das war zu viel der Fürsorge. Ich schubste ihn mit meiner freien rechten Hand zurück und erklärte ihm deutlich, dass er umgehend das Badezimmer verlassen möge. Fortan waren die Verhältnisse geklärt und seine Fürsorge hielt sich nun sehr in Grenzen.

An Wochenenden begleiteten wir oft unsere polizeieigene Beatkapelle „the stokers“, die vorwiegend im Raum Peine spielte. Hin und wieder gingen wir auch in die nahe gelegene Kneipe „Gibraltareck“ oder wir hielten uns in der Polizeikantine auf. Selbstverständlich wurde in der Freizeit auch für die Polizeiberufsschule gelernt („M-Stufe“; Fächer: Deutsch, Staatsbürgerkunde/Geschichte, Erdkunde, Rechnen).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto. privat

„the stokers“ im Februar 1965

Insgesamt bot Hannover viel Abwechselung: Konzerte mit Tony Sheridan, der schon zusammen mit den legendären „ Beatles“ aufgetreten war, und den damals populären Chubby Checker und Jack Hammer, die die Musik für die Modetänze „Twist“ und „Hully Gully“ lieferten, gehörten ins private Programm.

Flächenbrand am „Steinhuder Meer“

Es kam hin und wieder vor, dass während der Freizeit Alarm oder auch Probealarm ausgelöst wurde. An einem Abend, es war schon ziemlich spät, kam es mal wieder zu einer echten Alarmauslösung. Eine größere Wald-, Busch- und Heidefläche am „Steinhuder Meer“ brannte. Ich hielt mich mit einigen Kollegen in einem Nebenraum der Kantine auf, wo wir gerade Tischfußball spielten. Alles was Beine hatte, rannte auf die Stuben, um sich in die Einsatzanzüge zu werfen und das Einsatzgerät an den Mann zu bringen. Danach war Antreten auf dem Ausbildungsplatz. Die 1. Ausbildungs-Hundertschaft, zu der ich ja gehörte, rückte mit den Gruppenkraftfahrzeugen in Kolonne aus. Auf dem Weg zum Einsatzort kam ein solches Fahrzeug in einer scharfen Rechtskurve von der Fahrbahn ab, d.h., es fuhr geradeaus und kam in einem großen Sandhaufen zum Stehen. Zwei folgende Kolonnenfahrzeuge schafften die Kurve auch nicht und fuhren ebenfalls in den Sandhaufen, sodass drei Autos nebeneinander im Sandberg standen. Da ansonsten nichts passiert war, gab es erst einmal ein großes Gelächter; die drei Kraftfahrer waren nicht nur an diesem Tage Zielscheine spöttischer Bemerkungen. Als wir am „Steinhuder Meer“ ankamen, brannte es immer noch. Wir wurden in kleinere Gruppen aufgeteilt und mit Feuerpatschen in das Feuer geschickt. Jeder war eifrig bemüht, die immer wieder auflodernden „Buschfeuer“ mit den Feuerpatschen zu bekämpfen. Auf einmal stellte ich fest, dass ich keinen Kontakt mehr zur Gruppe hatte und mutterseelenallein zwischen kleineren Feuern und mitten im Qualm stand. Ich bekam leichte Panik und rief nach meiner Gruppe. Aber weit und breit war nichts zu hören und erst recht nichts zu sehen, weil die Augen brannten und zusätzlich tränten. Es war ein Gemisch aus Angst- und Qualmtränen. Wie Phönix aus der Asche tauchte dann ein Kollege auf. Gemeinsam haben wir es geschafft, uns mit den Feuerpatschen aus dieser bedrohlichen Lage zu befreien.

Im Herbst 1963 begann für mich und viele andere die Fahrschule, die etwa drei Monate dauerte. Wir wurden sehr intensiv für die Führerscheine der Klasse III (Pkw und Lkw bis 7,5 t) und der Klasse I (Motorräder) ausgebildet. Die Fahrschule erfolgte mit Gruppenkraftwagen (Grukw) der Firma „Hanomag“ und auf Motorrädern (250 ccm) aus dem Hause „BMW“. Die Fahrlehrer gingen nicht gerade zimperlich mit uns um. Wenn bei der Fahrt mit dem Grukw ein Verkehrszeichen nicht beachtet wurde, gab es schon mal einen Schlag auf den Schädel mit der Anhaltekelle.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: privat

Fahrschulausbildung auf dem Krad mit Fahrlehrer;

Ernst Hunsicker als 3. von links.

Nach bestandener Prüfung erhielten wir unsere Polizeiführerscheine, mit denen auch Privatfahrzeuge geführt werden durften.

Nach der Führerscheinausbildung meldete ich mich als Kraftfahrer und kam so in die 2. Hundertschaft, die als Elitehundertschaft galt und in Anlehnung an die berühmt-berüchtigte US-Militärakademie allgemein als „West Point“ bezeichnet wurde.

Ich gehörte jetzt auch zum Stammpersonal, was mit etlichen Privilegien verbunden war. So kam ich dienstlich beispielsweise nach Hamburg (während der Freizeit Besuch im legendären „Starclub“) und nach Helgoland.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: privat

Ernst Hunsicker (im Vordergrund) als Kraftfahrer in der 2. Hundertschaft in einem Gruppenkraftfahrzeug der Firma „Hanomag“ (Mai 1965).

Urlaubsfahrten

Im April 1964 konnte ich mir mit finanzieller Unterstützung meiner Eltern mein erstes Auto kaufen. Es war ein DKW 1000, mit dem es häufiger auf Reisen ging. Im Sommer 1964 fuhr ich während des Urlaubs mit meinem Schul- und Fußballfreund W. aus Rühle an die Nordsee. Wir landeten auf Langeoog, wo W. seine Freundin besuchen wollte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: privat

„DKW 1000“, blau/weißes Dach, H - ME 464, mit

Ernst Hunsicker als stolzem Halter.

Im Juli 1965 folgte eine große Urlaubsreise mit dem „DKW 1000“. Zusammen mit dem Kollegen J., der aus dem Bereich Celle kam, ging es nach Ystad in Südschweden, um dort Campingurlaub zu machen. Auf der Hinfahrt wählten wir noch die Fähre Travemünde - Trelleborg, zurück ging es über Malmö, Kopenhagen und Flensburg. In Ystad war ein größeres Volksfest mit der damals auch in Deutschland sehr bekannten Entertainerin Siw Malmquist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: privat

Ernst Hunsicker; flankiert von zwei Schwedinnen in Ystad.

Zwischendurch: Am 23. März 1965 Ernennung zum Polizeioberwachtmeister (POW).

Bei unserem Schirrmeister, Polizeiobermeister (POM) M., der im 2. Weltkrieg bei der Luftwaffe war, hatte ich „ein Stein im Brett“, nachdem er wusste, dass mein leiblicher Vater „ Fritz“ Hunsicker im Oktober 1943 von englischen Spitfirepiloten über dem Mittelmeer vor Italien abgeschossen worden war und als vermisst galt. Fortan durfte ich seinen privaten „Opel-Rekord“ pflegen, was eine große Ehre war. Außerdem wurde ich bei Übungen und Kontrollen als Fahrer eines „DKW-Munga“ (Geländewagen) für den Hundertschaftsführer und für Beamte des höheren Dienstes eingesetzt. Als der Sachbearbeiter für das Kraftfahrzeugwesen einmal für längere Zeit ausfiel, musste ich ihn vertreten. Meine wichtigste Aufgabe war es, die Fahrtenbücher der Hundertschaftsfahrzeuge nach den Monatsenden abzuschließen, d.h., Listen über gefahrene Kilometer, Benzin-/Ölverbrauch, Reparaturen usw. zu führen. Beim ersten Mal wurden im Gruppenstab (vorgesetzte Stelle), dem die Fahrtenbücher und Listen vorzulegen waren, noch ein paar kleine Systemfehler festgestellt. Das nächste Mal war alles fehlerfrei. Mein Schirrmeister war begeistert, denn eine fehlerlose Monatsabrechnung hatte es bis dahin nach seinen Angaben noch nie gegeben. Prompt kam auch eine Anfrage aus dem Gruppenstab, ob ich Interesse an einer dortigen Verwendung hätte. Hatte ich aber nicht, weil ich unbedingt in den Einzeldienst im Emsland oder im Raum Osnabrück wollte. Verantwortlich dafür war meine Freundin Walburga Wehkamp aus Rühle; später (1968) haben wir geheiratet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: privat

Walburga (März 1966)

Die Mittagspause verpennt

Die Dienstkraftfahrzeuge unserer Hundertschaft mussten in gewissen zeitlichen Abständen technisch überprüft werden. Zusammen mit Kraftfahrer W. saß ich in einem Gruppenkraftwagen. Vor uns stand eine lange Schlange Autos, die nach und nach abgenommen wurden. Bei dieser nicht gerade aufregenden Tätigkeit sind W. und ich eingeschlafen. Als wir aufwachten, war es um uns herum still, denn alle hatten sich inzwischen klammheimlich in die Mittagspause verabschiedet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto: privat

Weiterbildungsfahrt der Kraftfahrer nach Hamburg im September 1965;

Ernst Hunsicker vorne links an den Landungsbrücken in/auf St. Pauli.

Dazu folgender Text aus einem Fotoalbum: „Das letzte schöne Ereignis während der Zeit bei der Bepo Hannover. Kraftfahrer der 2./I. LBPN machen eine 2-tägige Fahrt nach Hamburg. 3 Tage danach wurde ich nach Lingen/Ems versetzt! Sep./1965“

So war ich wieder in der Nähe von Rühle.

Ernst Hunsicker …

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

… vor dem Ortsschild von

Rühle

Kreis Meppen

Reg. Bez. Osnabrück

Zollgrenzbezirk

(August 1965) … und

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Fotos: privat

… ganz seriös im Wald bei Rühle (September 1965).

Polizeiabschnitt Lingen (Ems)

Zum 1. Oktober 1965 wurde ich zum Regierungspräsidenten in Osnabrück, den es damals noch gab, versetzt und dem Polizeiabschnitt Lingen (Ems) zugeteilt. Ich war quasi wieder in der Heimat und durfte jetzt richtigen Polizeidienst machen. Mein erster Dienst war ein Nachtdienst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Foto. privat

„Dienstabteilung B“ beim Polizeiabschnitt Landkreis Lingen

im September 1966; 2. von rechts: Ernst Hunsicker.

Kein guter Auftakt

An diesen Nachtdienst – in Lingen war gerade Kirmes – habe ich überhaupt keine gute Erinnerung. Kurz nach Dienstantritt erklärte mir mein Streifenführer (ein älterer Kollege), dass er mal kurz eine Gaststätte an der Waldstraße aufsuchen müsse, um etwas zu klären. Ich musste draußen im Streifenwagen warten, um auf den Funk zu achten.

Nach etwa einer Stunde kam der Gastwirt und brachte mir eine Cola, was nach einer weiteren Stunde noch einmal geschah. Nach rund drei Stunden kam mein Streifenführer nicht mehr so ganz nüchtern aus der Gaststätte, und für ihn war der Nachtdienst gelaufen. Dafür hatte ich überhaupt kein Verständnis und ich hoffte, dass dies wohl eine Ausnahme sein würde.

[Während der Zeit in der Bereitschaftspolizei waren wir, wie vorstehend geschildert, bei einem Polizeisportfest in Braunschweig auch nicht so ganz nüchtern. Aber irgendwie sehe ich da schon einen Unterschied.]

Hin und wieder kam es dann doch vor, dass ältere Kollegen nach Mitternacht Streife fuhren, um, wie sie sich ausdrückten, die Torschlussstunde in den Gaststätten zu überwachen. Vielleicht kann man aus heutiger Sicht Verständnis dafür haben, denn immerhin waren diese älteren Kollegen im 2. Weltkrieg gewesen und hatten unter großen Entbehrungen sicherlich Schlimmes erlebt.

Wir, d.h., die anderen jüngeren Beamten aus meiner Schicht und ich, hatten überhaupt kein Verständnis für solche „Überwachungen“. Zusammen mit den Polizeihauptwachtmeistern dieser Schicht habe ich wirklich das Einhalten der Sperrstunde kontrolliert. Unsere nicht so ganz ernst gemeinten Standardfragen an die Wirte lauteten: „Haben Sie es den Gästen ungemütlich gemacht? Haben Sie die Stühle hochgestellt?“ Bei wiederholten Verstößen wurden die Gäste gebührenpflichtig verwarnt, gegen die Gastwirte wurden Übertretungsanzeigen geschrieben. Das fanden unsere älteren Kollegen überhaupt nicht gut. Volle Unterstützung erhielten wir aber durch unseren Schichtführer B.

Bestimmte Gaststätten in der Stadt Lingen wie auch im ehemaligen Landkreis Lingen waren dafür bekannt, dass die Gäste von dort aus alkoholisiert mit Autos nach Hause, zur nächsten Gaststätte oder auch sonst wo hinfuhren. Diese Örtlichkeiten haben wir besonders zur Nachtzeit ins Visier genommen und viele „Blutproben gemacht“.

[...]


[1] Mein Vater ist von einem Feindflug (Nacht zum 24.10.1943 über dem Mittelmeer) nicht zurückgekehrt, wurde zunächst als vermisst gemeldet und später für tot erklärt. Nach dem letzten Funkspruch zu urteilen wurde die Besatzung, zu der auch mein Vater gehörte, von mehreren englischen Maschinen („Spitfire“) angegriffen und beschossen.

[2] Durch die 2. Heirat meiner Mutter mit Heinrich Lappe im Jahr 1955 kamen wir nach Rühle (damals Landkreis Meppen/Ems). Vor/nach dieser Heirat wurden mir zwei bedeutsame Fragen gestellt:
1. Nachname Hunsicker oder Lappe ? Ich entschied mich für Hunsicker.
2. Evtl. noch eine Halbschwester oder einen Halbbruder? Ich entschied mich gegen geschwisterliche Konkurrenz, sodass ich Einzelkind blieb.

[3] Soll angeblich den Sexualtrieb von Kasernierten dämpfen.

[4] Feldparade der Bundeswehr auf dem Flughafen Wunstorf, an der etwa 100.000 Menschen teilnahmen. Bundeskanzler Adenauer befand sich auf seiner Abschiedsreise.

[5] Boxte auch gegen Oscar „Ringo“ Bonavena, gegen den er allerdings am 20. Juni 1969 in Berlin in der 3. Runde durch k.o. verlor. Bonavena stand immerhin zusammen mit Muhammad Ali im Ring; verlor gegen diesen aber am 7. Dezember 1970 in New York (erst) in der 15 Runde durch k.o.

Details

Seiten
194
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783638070478
ISBN (Buch)
9783638955447
Dateigröße
29.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94116
Note
Schlagworte
Authentische Kriminalgeschichten Polizeigeschichten

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Titel: Authentische Polizei- und Kriminalgeschichten. Teil 1