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Berührungspunkte mit Fremden/Fremdem. Bibeldidaktik (Sekundarstufe I, Fach: Religion, 10. Klasse)

von Ann Chef (Autor)

Unterrichtsentwurf 2018 19 Seiten

Didaktik - Theologie, Religionspädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Sachanalyse

2. Didaktische Analyse

3. Methodische Analyse

4. Anhang

5 Literaturverzeichnis

1. Sachanalyse

Der Umgang mit Fremden ist in unserer Gesellschaft ein zentrales Thema, denn im Laufe der letzten Jahrzehnte hat sich die gesellschaftliche Struktur gewandelt: Sie ist multikultureller und multireligiöser geworden, was schließlich zu einer Heterogenität der Gesellschaft sowie zu vielfältigen Begegnungen zwischen Menschen im Alltag führt. Dabei ist es jedoch nicht mehr selbstverständlich, dass einige Menschen in der Gesellschaft einen wertschätzenden Umgang mit Fremden pflegen und diesen offen gegenübertreten. Umso wichtiger ist es also, das Thema in der Schule und auch im Religionsunterricht aufzugreifen, sodass die Kinder für den Umgang mit Fremden sensibilisiert werden und eine Bereitschaft entwickeln, dem Anderen in seiner Fremdheit offen zu begegnen.

Zunächst wird der Begriff des Fremden bzw. der Fremdheit näher betrachtet, dieser lässt sich über die Beziehung einzelner Personen oder Gruppen definieren, wobei Fremdheit das Resultat von Zuschreibungen ist. Dabei wird am Gegenüber das als fremd wahrgenommen, was nicht Teil des eigenen Selbst ist und nicht zur Identifikation beiträgt, wodurch schließlich eine Differenz zwischen Personen entsteht. Doch die Anerkennung des Differenten am Anderen ist wesentlicher Bestandteil zwischenmenschlicher Beziehungen sowie Begegnungen.1 Oft werden jedoch fremdartige Situationen, fremde Lebensstile und Fremde selbst als Bedrohung der eignen Existenz erfahren, denn durch Begegnungen mit dem Fremden wird das eigene Selbstbild hinterfragt und irritiert, wodurch bei manchen Menschen große Verunsicherung entstehen kann. Das Fremdbild wird dabei abgelehnt und als Gefährdung des Selbstkonzepts gesehen, sodass auf sozialer Ebene keine furchtbare Begegnung mehr entstehen kann. Wer oder was als fremd gilt, ist individuell abhängig, wobei entschieden wird, ob eine Person dem persönlich definierten Stereotyp des Fremden entspricht und in wieweit dies durch Verhalten, Sprache, Aussehen sowie Kleidung erfüllt ist, dass der Gegenüber als fremd anerkannt wird.2

Um die Berührungspunkte mit Fremden im Unterricht aufzugreifen, werden in der Unterrichtsstunde die alttestamentlichen Bibeltexte Ex. 22,2, Lev. 19,10, Lev. 19,33f und Lev. 24,22 behandelt.

Mit dem Vers Ex. 22,20 „Einen Fremden sollst du nicht bedrängen und nicht quälen, seid ihr doch selbst Fremde gewesen im Land Ägypten“ wird deutlich, dass der Fremde unter Rechtsschutz steht und nicht bedrängt oder bedrückt wird von den Einheimischen. Hierbei ist auch eine Schädigung im materiellen Sinne gemeint, dass der Fremde nicht ausgenutzt oder enteignet werden soll.3 Nicht nur das Verbot der Unterdrückung der Fremden steht hier im Fokus, auch das „Fremdlingsdasein“4 des Volkes Israel wird in dem Vers aufgegriffen, da Israel das Dasein als Fremde in Ägypten bereits kennt und sich Fremden gegenüber den Anweisungen Gottes entsprechend verhalten soll. Im Hinblick „auf die eigene Volksgeschichte [gilt diese] als Motivation für eine soziale und humanitäre Haltung“5, welche die Israeliten im Kontakt mit Fremdlingen einnehmen sollen. Ein weiterer Aspekt im Umgang mit Fremden wird im Vers Lev. 19, 10 deutlich: „Auch in deinem Weinberg sollst du keine Nachlese halten, und die abgefallenen Beeren deines Weinbergs sollst du nicht einsammeln. Dem Armen und dem Fremden sollst du sie überlassen. Ich bin der HERR, euer Gott.“ Hier steht die wirtschaftliche Förderung bzw. Unterstützung des Fremden im Vordergrund, denn der Weinbauer darf keine liegen gebliebenen Beeren einsammeln, damit Arme sowie Fremde mit Nahrung versorgt sind.

Dieses sozialethische Gebot lässt sich mit der JHWH-Spruchformel am Ende des Verses begründen, denn diese bedeutet, dass „JHWH die [...] Fremden in seine Domäne hereingenommen hat und sich mit ihnen identifiziert“6. Also steht der Fremde unter dem Schutz von JHWH und wer diesen verletzt oder das Gebot missachtet, verletzt schließlich auch die Heiligkeit JHWHs oder stellt diese in Frage. Hilft man jedoch einem Fremden und befolgt das Gebot, so ehrt man JHWH.7

Mit dem Vers Lev. 19,33f. „Und wenn ein Fremder bei dir lebt in eurem Land, sollt ihr ihn nicht bedrängen. Wie ein Einheimischer soll euch der Fremde gelten, der bei euch lebt. Und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst Fremde gewesen im Land Ägypten. Ich bin der HERR, euer Gott“ wird zunächst das Verbot der Ausbeutung sowie Unterdrückung von Fremden betont, denn im Gegensatz zu den Einheimischen befinden sich die Fremden in der niedrigeren Position der gesellschaftlichen Hierarchie. Denn der Fremde verfügt über keinen eigenen Besitz und verrichtet für einen Lohn notwendige Arbeit, um seinen Lebensunterhalt sichern zu können. Auch in diesem Vers wird das Volk Israel auf das Dasein als Fremde verwiesen, da sie dies bereits selbst erfahren haben, als Abraham sowie die Erzeltern in Kanaan als Fremde galten.8 Vor diesem Hintergrund wird das Gebot der Fremdenliebe angeführt, denn die Israeliten sollen den Fremden Liebe statt Ausbeutung entgegen bringen. Ihr Bewusstsein soll dafür sensibilisiert werden, da das Volk selbst in ihrem Fremdlingsdasein Erfahrungen mit Ausbeutung, Unterdrückung sowie Abhängigkeit machen musste. Die Liebe zum Fremden basiert jedoch nicht auf einer emotionalen Ebene, sondern findet in der praktischen Unterstützung des Fremden ihren Ausdruck.9

Das Recht für den Fremden wie für den Einheimischen wird im Vers Lev. 24,22 thematisiert: „Ein und dasselbe Recht gilt für euch, für den Fremden wie für den Einheimischen. Denn ich bin der HERR, euer Gott.“ Hier wird der rechtliche Schutz des Fremden als menschliches Grundrecht gesichert, doch auch im Falle eines Verbrechens greift diese Regelung. Denn für Israeliten wie auch für Fremde gilt nun das gleiche Recht, sodass der Fremde mit Geboten und Verboten auch gewisse Pflichten hat, diesen nachzukommen.10

2. Didaktische Analyse

Der vorgeschriebene Umgang mit Fremden in den biblischen Texten soll den SuS in der Unterrichtsstunde aufgezeigt und vermittelt werden, wobei die Umgangsformen mit Fremden auch die Lebenswelt der SuS berühren. Denn die SuS selbst erleben oft Situationen, in denen sie sich mit der Fremde auseinandersetzen und mit fremdem Menschen oder fremdartigen Situationen umgehen müssen. Die ausgewählten Bibelstellen zeigen den SuS auf, wie die Umgangsformen mit Fremden zu ihrem Schutz vorgeschrieben wurden, welche grundsätzlich auf der Würde des Menschen basieren. Die Regeln des Umgangs können die SuS bei Auseinandersetzungen mit Fremden und Fremdartigen weiterhin unterstützen.

Das Thema der Stunde „Berührungspunkte mit Fremden/Fremdem“ ist für die Gesellschaft bedeutsam, da sie durch die Migration zunehmend multikulturelle sowie multireligiöse Züge annimmt und die Gesellschaft somit immer mehr Facetten annimmt. Die Begegnungen mit Fremdem im Alltag nehmen somit zu, da man oft mit bestimmten Kleidungsstilen, kultischen Techniken oder mit Gesten von Menschen anderer Religionen nicht vertraut ist und dies somit fremd wirkt. Es mag für viele Menschen durchaus schwer sein, sich mit Fremden auseinanderzusetzen und das Fremdartige an den Mitmenschen zu akzeptieren, weil die Religion, die Kleidung oder auch die Sprache anders sind, als das, was man gewohnt ist, was einem vertraut ist und schon immer vertraut war. Denn was nicht Teil des Vertrauten und der eigenen Lebenswelt ist, ist für viele Menschen fremd, worauf sie Ablehnung reagieren könnten, sofern man nicht eine grundsätzliche Offenheit gegenüber Fremdem und Neuem hat. Auch fremde Menschen sind, wie in den biblischen Textstellen deutlich wird, ein Teil unserer Gesellschaft. Jemanden als Fremden anzuerkennen, ist nicht verkehrt, doch der Umgang mit fremden Menschen ist ausschlaggebend, denn auch Fremde haben ein Recht darauf, dass sie in unserer Gesellschaft rücksichtsvoll und mit Achtung behandelt werden. Doch nicht nur Migranten werden in der Gesellschaft als fremd wahrgenommen, auch andere Mitmenschen, die sich außergewöhnlich kleiden, können als fremd gelten, da solche Verhaltensweisen für einige Menschen ungewohnt und schließlich fremdartig sind.

Die grundlegenden Regeln für den Umgang mit Fremden können den Menschen dabei helfen und unterstützen, die Begegnung mit Fremden fruchtbar zu machen. Zudem greift das Thema der Unterrichtsstunde den Themenbereich 2 „Unsere Welt - unsere Umwelt“11 im Lehrplan auf, welcher den Inhalt „Fremdenfeindlichkeit - ein Fremdling sein“12 verbindlich für die Klassenstufe 9/10 vorsieht. Bezüglich der Fachanforderungen lässt sich die Unterrichtsstunde dem Kompetenzbereich II „Die Frage nach dem Menschen“13 zuordnen, wobei die SuS u.a. „ihre positiven und negativen Erfahrungen und ihre eigene Rolle im Kontext der Mitwelt [...] [wahrnehmen], [...] diese differenziert [beschreiben] und [...] sie reflektierend in Beziehung zu Normen [setzen]“14.

Betrachtet man das religionspsychologische Modell von Oser/Gmünder, lässt sich feststellen, dass sich die SuS der Klassenstufe 10 im Alter von 16-17 Jahren mutmaßlich auf Stufe 3 des religiösen Urteils befinden. Die Stufe 3 des Modells setzt die Unabhängigkeit des Menschen von Gott voraus, da der Mensch autonom und abgetrennt von Gott lebt und dieser letztlich nicht mit seinem Handeln in das Leben der Menschen eingreifen kann.15

Diese Unterrichtsstunde stützt sich auf das religionsdidaktische Modell der immanenten Bibeldidaktik nach Ingo Baldermann, da die Bibel hier selbst neue Lernwege offenbart und den SuS die Regeln des Umgangs mit Fremden aufzeigt und diese den SuS näherbringt.16 Diese immanente Bibeldidaktik soll eine „Hilfe zur Erhellung der eigenen Existenz anbieten“17. Die SuS lernen in dieser Unterrichtsstunde nicht über die Bibel, sondern begegnen dieser mit ihren persönlichen Vorstellungen von Fremde und treten mit ihr so auf die Art und Weise in Kontakt und beziehen die biblischen Textstellen auf ihre eigene Lebenswelt.

Aus diesen Erläuterungen ergeben sich folglich das Hauptlernziel, die Hauptkompetenz und die Intention der Unterrichtsstunde:

Hauptlernziel: Die SuS können die Regeln für den Umgang mit Fremden in den biblischen Texten nennen sowie erläutern und vor diesem Hintergrund Stellung zum Umgang mit Fremden in den biblischen Texten nehmen und diese auf ihre eigene Lebenswelt beziehen.

Hauptkompetenz: Deutungsfähigkeit, Urteilsfähigkeit

Intention: Indem die SuS zunächst selbst den Begriff „Fremde“ für sich definieren und anschließend die biblischen Texte hinsichtlich des Umgangs mit Fremden verstehen können, erweitern sie ihre Fähigkeiten, theologische Texte zu entschlüsseln, und werden so schwerpunktmäßig in ihrer Deutungs- und Urteilsfähigkeit gefördert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

[...]


1 Vgl. Feldtkeller, Anderas, Art. Fremde. IV. Sozialgeschichtlich, soziologisch, sozialethisch, in: RGG4 6 (2000), S. 342f.

2 Vgl. ebd., S. 342f.

3 Vgl. Dohmen, Christoph, Ex 20,22-23,33: Anweisungen für den Bund, in: Exodus 19-40, HThKAT (2004), S. 173.

4 Ebd., S. 173.

5 Ebd., S. 174.

6 Hieke, Thomas, Lev 19,1-37: Soziale und kultische Einzelbestimmungen, in Levitikus 16-27, HThKAT (2014), S. 718.

7 Vgl. ebd., S. 718f

8 Vgl. Hieke, Thomas, Lev 19,1-37: Soziale und kultische Einzelbestimmungen, in Levitikus 16-27, HThKAT (2014), S. 754.

9 Vgl. ebd., S. 755.

10 Vgl. ebd., S. 754.

11 Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Lehrplan für die Sekundarstufe I der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen. Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Gesamtschule. Evangelische Religion, (WWW-Dokument, http://lehrplan.lernnetz.de/index.php7wahU6), abgerufen am:15.08.17, S.24.

12 Ebd., S. 24.

13 Ministerium für Bildung und Wissenschaft, Fachanforderungen für die Sekundarstufe I. Evangelische Religion, (WWW-Dokument, http://lehrplan.lernnetz.de/index.php7wahU199), abgerufen am 15.08.2017, S. 21.

14 Ebd., S. 21.

15 Vgl. Naurath, Elisabeth, Kognitiv-strukturalistische Entwicklungstheorien, in: Lämmermann, Godwin / Naurath, Elisabeth / Pohl-Patalong, Uta (Hg.), Arbeitsbuch Religionspädagogik. Ein Begleitbuch für Studium und Praxis, Gütersloh 2005, S. 87.

16 Lämmermann, Godwin, Die religionspädagogische Debatte im 20. Jahrhundert, in: Lämmermann, Godwin / Naurath, Elisabeth / Pohl-Patalong, Uta (Hg.), Arbeitsbuch Religionspädagogik. Ein Begleitbuch für Studium und Praxis, Gütersloh 2005, S. 170.

17 Ebd., S. 170.

Details

Seiten
19
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783346278081
ISBN (Buch)
9783346278098
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v942617
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2.0
Schlagworte
religion unterrichtsentwurf fremdheit migration

Autor

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    Ann Chef (Autor)

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