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Franz Kafkas "Der Kübelreiter". Das Motiv der Kälte und Kafkas Konflikt zwischen künstlerischer und bürgerlicher Existenz

Seminararbeit 2003 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

l. Die Entstehungsgeschichte von Franz Kafkas „Der Kübelreiter"

2. Die Darstellung des Motivs der Kälte in Franz Kafkas „Der Kübelreiter“

3. Die Bedeutung von Kübelreiter und Kohlenhändler als Repräsentanten für Kafkas Konflikt zwischen künstlerischer und bürgerlicher Existenz in Franz Kafkas „Der Kübelreiter"

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

0. Einleitung

Franz Kafka gilt im Allgemeinen als ein „unzeitgemäßer Zeitgenosse" 1, da er nur sehr schwach auf die aktuellen Probleme seiner Dichterkollegen reagierte. Kafkas Interesse galt nämlich primär seiner eigenen „inneren Welt". Es gibt zahlreiche Selbstzeugnisse, die bele­gen, dass Kafka sein Schreiben als den Versuch einer intuitiven symbolhaften Selbstfindung auffasste. Aus diesem Grund blieb die äußere Welt, so beispielsweise selbst der Erste Weltkrieg, weit gehend außerhalb seines Wahrnehmungsbereichs. Kafka, für den das Schreiben das eigentliche Mittel der Welt- und Lebensbewältigung darstellte, thematisierte somit vor allem in den frühen Erzählungen die Lebenskonflikte, in die er durch sein Schreiben geriet und auf die er wiederum schreibend reagierte. Zu diesen Konflikten zählt primär die Unvereinbarkeit der bürgerlichen Existenz, des Familienlebens, mit dem Künstlerdasein 2.

Obwohl Kafka der Tagespolitik fern gestanden haben mag, scheint er die sozialen Prob­leme der Gesellschaft seiner Zeit durchaus genauso deutlich erkannt zu haben, wie seine poli­tisch ambitionierten Zeitgenossen. In diesem Sinne haben Kritiker insbesondere Kafkas Erzäh­lung „Der Kübelreiter" als ein ,,(…) Prosagedicht (...) über die Verlorenheit des Menschen in unserer Welt" 3 angesehen sowie als eine Erzählung, die Kafka „(...) unabhängig von Armut und selbst vom Krieg (…)" schreiben musste, weil er ,,(…) die geistige Lage der Welt so tief durchdrang (...}" 4. Diese Ansichten spielen auf die Bedeutung der generellen sozialen Prob­lematik im „Kübelreiter" an und legen nahe, dass es sich bei dieser Erzählung um ein wichti­ges literarisches Dokument ihrer Zeit handelt.

Jedoch scheint es eher Kafkas Intention zu entsprechen, dass er die aktuellen äußeren Lebensumstände nur aufnahm, um sie zu Bildern für die eigene innere Situation zu machen. Da das zentrale Motiv im „Kübelreiter" das der Kälte ist, liegt es zwar einerseits nahe, das Leiden des Protagonisten als Darstellung des allgemeinen Leidens des Menschen in einer sozial kalten Welt zu sehen. Andererseits ist aber auch zu bedenken, dass Kafkas Beschäftigung mit dem Motiv der Kälte biografisch begründet ist. Somit drückt die Kälte, eine physisch unangenehme Empfindung, auch Kafkas psychisch leidvolle Situation des Ausgeschlossenseins aus 5. Auf­grund seines Künstlerwunsches nach dem absoluten Alleinsein entbehrte Kafka nämlich sein menschliches Bedürfnis nach persönlicher Verbundenheit, weshalb im „Kübelreiter" auch sein Konflikt mit der bürgerlichen Existenz Gestalt annimmt.

Es erscheint generell berechtigt zu sagen, dass in Kafkas Erzählung „Der Kübelreiter" das Bild der bestehenden Gesellschaft miteingeht, so dass in ihr durchaus soziale Probleme der Zeit aufgegriffen werden. Da das Leiden an der Kälte aber in Kafkas eigenem Leben eine zentrale Bedeutung einnahm, spiegelt sich im „Kübelreiter" auch seine persönliche Lebens­problematik. Im Folgenden soll „Der Kübelreiter" ausführlich analysiert werden. Dazu ist es zunächst notwendig, die Entstehungsgeschichte dieser Erzählung zu behandeln, um den Bezug des „Kübelreiters" auf die sozialen Verhältnisse der Zeit zu sehen. Anschließend wird dann die Darstellung des Motivs der Kälte, vor allem das der zwischenmenschlichen Kälte, unter­sucht werden. Abschließend soll diese Erzählung dann im Hinblick auf Kafkas eigene Lebens­problematik behandelt werden. Dabei wird auf die Bedeutung von Kübelreiter und Kohlen­händler als Repräsentanten für Kafkas Konflikt zwischen künstlerischer und bürgerlicher Exis­tenz einzugehen sein.

l. Die Entstehungsgeschichte von Franz Kafkas „Der Kübelreiter"

Nach der maßgeblichen Datierung von Pasley und Wagenbach ist die Erzählung „Der Kübel­reiter" im Januar oder Februar 1917 entstanden 6. Diese Zeit gilt im Allgemeinen als eine der produktivsten Phasen in Kafkas Leben, da sein Schreiben während dieser Zeit nicht durch die familiäre Wohnsituation beeinträchtigt wurde. Seit Ende November 1916 nutzte Kafka näm­lich eine in der Alchimistengasse 22 in Prag von seiner Schwester Ottla gemietete „kohlenlo­se" Wohnung als „Arbeitswohnung" 7. Dort entstand ungefähr die Hälfte der Erzählungen, die 1919 / 20 im „Landarzt"- Band zusammengestellt werden sollten. „Der Kübelreiter" sollte nach Kafkas Wunsch in den Band „Ein Landarzt" eingehen. Dabei setzte Kafka sich intensiv mit der Anordnung der Texte auseinander und beschloss letztendlich, den „Kübelreiter" zu streichen. Bereits vor der Drucklegung, Ende Dezember 1917, hatte Kafka geplant, die Erzäh­lung „Der Kübelreiter" in der Monatsschrift „Das junge Deutschland" zu veröffentlichen. Da eine Publikation dort auch nicht zu Stande kam, wurde „Der Kübelreiter" erst am 25. Dezem­ber 1921 in der Weihnachtsbeilage der „Prager Presse" veröffentlicht8. Zu bemerken ist, dass der frühe Kafka - Herausgeber Max Brod im Gegensatz zu der Datierung von Pasley und Wa­genbach annahm, dass „Der Kübelreiter" erst während der Kohlennot des Prager Winters 1917 / 18 entstanden ist 9.

Für die Erschließung dieser Erzählung ist das genaue Erstellungsdatum aber auch eher nebensächlich, denn das zentrale Motiv ist das der Kälte. Dies ist ein Motiv, das bei Kafka sehr häufig vorkommt, denn seine Protagonisten bewegen sich meistens in einer „kalten" Welt“ 10. Beispielsweise dauert Gregor Samsas Leiden in der „Verwandlung" einen Winter lang, und auch im „Landarzt" bildet ein eisiger Winter den Rahmen für die Erzählung. Die Be­schäftigung mit dem Motiv der Kälte ist bei Kafka biografisch motiviert, denn aus seinen Ta­gebucheintragungen wird ersichtlich, dass er vor allem an innerer Kälte gelitten hat. Im Tage­buch von 1911 erinnert sich Kafka, dass er schon als Schüler in einem Roman die Kälte in der Welt behandelt hat. Als ein Onkel Kafkas den Romanentwurf abfällig beurteilt, internalisiert Kafka dieses Urteil und verallgemeinert es:

(...) aus der Gesellschaft war ich tatsächlich mit einem Stoß vertrieben, das Urteil des Onkels wiederholte sich in mir schon fast wirklicher Bedeutung, und ich bekam selbst innerhalb des Familiengefühls einen Einblick in den kalten Raum unserer Welt, den ich mit einem Feuer wärmen müsste, das ich erst suchen wollte 11.

Es wird deutlich, dass die Suche nach der Wärme der menschlichen Gemeinschaft bereits für den jungen Kafka ein wesentliches existenzielles und poetisches Motiv gebildet hat.

Viele Interpreten haben insbesondere die Darstellung der sozialen K älte in der Erzählung „Der Kübelreiter" betont, da sie in ihr konkrete Hinweise auf zeitgeschichtliche Vorkommnis­se gesehen haben. Sie haben, wie beispielsweise Max Brod, den „Kübelreiter" als eine Erzählung über die Kohlennot in Prag während des Krieges, d.h. als eine politisch ambitionierte Er­zählung, verstanden. Jedoch fällt die Entstehung dieser Erzählung nach der Datierung von Pasley und Wagenbach nicht in die Zeit der Kohlennot von 1917/18. Dennoch sollen an dieser Stelle einige sozialkritische, zum Teil marxistische Interpretationsansätze exemplarisch ge­nannt werden: beispielsweise vertrat Paul Reimann 1957 die Ansicht, dass die Konfrontation zwischen dem Kübelreiter und dem Kohlenhändler und seiner Frau erstrangig einen sozialen Konflikt vermittelt. Nach Reimann stellen der Kohlenhändler und seine Frau zwei Typen des bürgerlichen Menschen dar: während der Mann Mitgefühl heuchelt, vertritt die Frau den ungeheuchelten Standpunkt der Bourgeoisie 12. Auch Helmut Richter vertrat 1959 eine ähnliche These, denn er meinte, dass Kafka die gesellschaftliche Konstellation in einer endenden kapi­talistischen Ära darstellen möchte 13. In diesem Sinne urteilte 1972 auch Herbert Kraft, als er ausführte, dass die ,,(...) Geschichte vom „Kübelreiter", dem es, weil er nicht bezahlen kann, nicht gelingt, Kohlen zu beschaffen, (...) die soziale (inhaltlich: antisoziale) Struktur der bestehenden Gesellschaft [aufdeckt] (...}" 14.

Diese gesellschaftskritischen Interpretationen gehen im Allgemeinen davon aus, dass Kaf­ka den „Kübelreiter" aufgrund der Hinweise auf zeitgeschichtliche Ereignisse aus dem „Landarzt" - Band gestrichen hat. In diesem Sinne mutmaßte beispielsweise Helmut Richter, dass Kafka die Erzählung aus dem Zyklus genommen hat, „(...) weil er unter dem Eindruck der realen Kohlennot des Winters 1917 / 18 ihren fragwürdigen Charakter spürte" 15. Sabine Schindler betont jedoch, dass sowohl im „Kübelreiter" als auch im „Landarzt" die äußeren Bedingungen das Leiden der Menschen verursachen, weshalb die Erklärung, „Der Kübelrei­ter" sei für Kafka mit zuviel Zeitkolorit behaftet und somit nicht in den „Landarzt" - Band integrierbar gewesen, nicht unbedingt überzeugend erscheint 16. Da Kafka stets die Wirkung seiner Erzählungen zueinander geprüft hat, erscheint es nahe liegend, dass er den „Kübelreiter" strich, um dessen Wirkung in Verbindung mit dem „Landarzt" nicht zu beeinträchtigen. Zu beachten ist nämlich, dass beide Erzählungen thematische Parallelen aufweisen. Sowohl im „Kübelreiter" als auch im „Landarzt" werden die Protagonisten der Kälte ausgeliefert und müssen in irreale Räume ausweichen. Zudem werden der Kübelreiter und der Landarzt von ih­rer Umwelt isoliert und abgewiesen und sind deshalb gezwungen, Abschied aus der bewohn­baren Welt zu nehmen.

[...]


[1] Reinhard Meurer: Franz Kafka. Erzählungen: Interpretation. München 1988. S. 8. Die folgenden grundlegend­ den Informationen stammen auch aus Meurer, S. 8f.

[2] Bert Nagel; Franz Kafka Aspekte zur Interpretation und Wertung, Berlin 1974 S 37. 47 Siehe hierzu auch Karlheinz Fingerhut: Kafka für die Schule. Berlin 1996. S 152.

[3]. Heinz Politzer: Franz Kafka, der Künstler, Gütersloh 1965, S 140; Hervorhebung von mir.

[4] Werner Kraft: Geld und Güte. Der Kübelreiter in: Franz Kafka. Durchdringung und Geheimnis. Frankfurt am Main 1968. S. 35; Hervorhebung von mir.

[5] Rieck weist auf die Vermischung der physischen Empfindung der Kälte mit der psychischen Erfahrung der zwischenmenschlichen Kälte bei Kafka hin. Siehe Gerhard Rieck: Kafka Konkret - Das Trauma Ein Leben. Wiederholungsmotive im Werk als Grundlage einer psychologischen Deutung. Würzburg 1999. S. 80

[6] vgl. Meurer. S 63. Siehe hierzu auch Sabine Schindler: Der Kübelreiter. In: Franz Kafka. Romane und Erzäh­lungen. Interpretationen. Hrsg. von Michael Müller. Stuttgart 1994 S. 233.

[7]. vgl. Fingerhut. S. 140, 148 und Schindler. S. 233.

[8]. Zu diesen Informationen siehe Schindler. S. 234, Politzer. S. 140 und Helmut Richter: Der Kübelreiter. In: Werk und Entwurf des Dichters Franz Kafka Eine literaturkritische Untersuchung. Phil. Diss Leipzig 1959 S. 149.

[9]. vgl. Politzer. S. 140. Bereits 1959 hat Richter erkannt, dass Brods Ansicht zu korrigieren ist (vgl. Richter. S 383).

[10]. Allgemein zum Motiv der Kälte in Kafkas Werk siehe Josef Hermann Mense: Die Bedeutung des Todes im Werk Franz Kafkas. Frankfurt am Main 1978. S. 94.

[11]. Meurer. S. 63 zitiert aus Franz Kafka: Tagebücher in der Fassung der Handschrift. Bd. I. 1909 - 1912. Hrsg. l von Hans - Gerd Koch. Frankfurt am Main 1996. S. 116.

[12]. vgl. Paul Reimann: Die gesellschaftliche Problematik in Kafkas Romanen In: Weimarer Beiträge 3 (1957). S. 609. Siehe hierzu auch Schindler. S 235f.

[13]. vgl. Richter. S. 151.

[14]. Herbert Kraft: Kafka. Wirklichkeit und Perspektive. Bebenhausen 1972. S. 74.

[15]. Richter. S 384

[16]. vgl. Schindler. S. 236f.

Details

Seiten
25
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783640103492
ISBN (Buch)
9783640113880
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94522
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,0
Schlagworte
Franz Kafkas Kübelreiter Entstehungsgeschichte Motiv Kälte Bedeutung Kohlenhändler Repräsentanten Konflikt Existenz

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