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Vor- und Nachteile individueller Gesundheitsleistungen im Hinblick auf das Arzt-Patienten-Verhältnis

Hausarbeit 2016 12 Seiten

Gesundheit - Gesundheitswesen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische Entwicklung der IGels

3 Diskussion der individuellen Gesundheitsleistungen
3.1 Argumente für das Anbieten der IGels
3.2 Kritik am Angebot der IGels

4 Arzt-Patienten-Verhältnis

5 Fazit und Lösungsvorschläge

6 Literatur- und Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Die folgende Hausarbeit wird sich mit der Fragestellung beschäftigen, welchen Einfluss die individuellen Gesundheitsleistungen auf das Arzt-Patienten-Verhältnis und auf die einzelnen Akteure des Gesundheitswesens haben. In Deutschland sichert die gesetzliche Krankenversicherung die notwendige medizinische Versorgung. Darüber hinaus bestehen auf individueller Ebene medizinische Angebote, die über eine gesetzliche Finanzierung hinausreichen (Stolze, 2007). Unter „Individuellen Gesundheitsleistungen“ oder auch „IGels“ werden ärztliche Leistungen verstanden, die von den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) nicht kostenerstattungspflichtig sind. Die Leistungen können vom Leistungskatalog der GKV ausgeschlossen sein, oder der betreffende Patient erfüllt die Voraussetzungen für eine entsprechende Kostenübernahme nicht. Individuelle Gesundheitsleistungen unterliegen also dem Selbstzahlungsprinzip seitens der Patienten (Zok, 2004) und sind laut Bundesärztekammer (2006, S.39) „ärztliche Leistungen, die generell oder im Einzelfall nicht der Leistungspflicht der GKV unterliegen, aus ärztlicher Sicht erforderlich oder empfehlenswert, zumindest aber vertretbar sind und von Patienten ausdrücklich gewünscht werden“.

Auf dem Gesundheitsmarkt zeigen sich ein breites Spektrum an Angeboten, sowie eine Zunahme der individuellen Gesundheitsleistungen. Versicherte der gesetzlichen Krankenkasse erhalten von Ärzten vermehrt individuelle Gesundheitsangebote. Vorsorge-Untersuchungen, medizinisch-kosmetische Leistungen, Leistungen für Freizeit, Urlaub, Sport und Beruf, Umweltmedizin, Psychotherapeutische Angebote, alternative Heilverfahren, labordiagnostische Wunschleistungen und ärztliche Serviceleistungen und sonstige Wunschleistungen zählen zu den individuellen Gesundheitsleistungen. Am häufigsten werden Vorsorgeuntersuchungen zu Krebs, grünem Star oder allgemeine „Gesundheitschecks“ angeboten. (Stolze, 2007; Böcken, 2007). Allgemein ist der Nutzen individueller Gesundheitsleistungen sehr umstritten, da nicht alle Angebote als medizinisch sinnvoll gelten (Zok, 2004).

In diesem Zusammenhang soll überprüft werden, ob das vermehrte Anbieten individueller Gesundheitsleistungen, negative Konsequenzen für das Arzt-Patienten­Verhältnis hat? Bieten die Ärzte eine sachliche Aufklärung über Nutzen und mögliche Risiken der Leistung? Bestehen für Patienten sachlich aufklärende Informationsangebote zum Thema individuelle Gesundheitsleistungen?

Im Folgenden wird dargestellt, wie sich die historische Entwicklung der individuellen Gesundheitsleistungen vollzogen hat. Anschließend wird dargelegt, welche Rolle sie in unserem Gesundheitssystem einnehmen, wie die Akteure im Gesundheitswesen davon beeinflusst werden und speziell, welche Konsequenzen die individuellen Gesundheitsleistungen für das Arzt-Patienten-Verhältnis haben.

2 Historische Entwicklung der IGels

1993 wurde das Gesundheitsstrukturgesetz verbindlich, welches von der Bundesregierung 1992 zuvor verfasst worden war. Kostensenkung im Gesundheitswesen, beispielsweise durch die angepasste Budgetierung ärztlicher Leistungen, und die Veränderungen der Strukturen in der gesetzlichen Krankenversicherung waren die Ziele der Reformen (AOK-Bundesverband, 2008, zit. nach Rehder, 2008, S.1). Infolge der Reformmaßnahmen, die im Gesundheitsstrukturgesetz verankert waren, konnten die Krankenkassen zunächst einen Überschuss erwirtschaften. Jedoch sorgte die Entwicklung der gesellschaftlichen Bedingungen, wie die zunehmende Arbeitslosigkeit, für einen finanziellen Verlust der Krankenkassen im Jahr 1995. Es folgten weitere Maßnahmen zur Wirtschaftlichkeit der Krankenkassen. Verbunden damit waren Kürzungen des Leistungsumfangs der GKV (AOK-Bundesverband, 2008, zit. nach Rehder, 2008, S.1).

1996 stellten niedergelassene Vertragsärzte die Forderung, einer Auflistung, der nicht erstattungspflichtigen Gesundheitsleistungen (Hermanns, Filler und Roscher, 2004). Daraufhin schlossen sich der Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die ärztlichen Verbände und Berufsverbände 1997 zusammen und entwickelten ohne Beteiligung der GKV einen Katalog der individuellen Gesundheitsleistungen (Hermanns, Filler und Roscher, 2004). Die Konzeption individueller Gesundheitsleistungen mit damals rund 70 Leistungen wurde 1998 vorgestellt. Die Kostenübernahme medizinisch notwendiger Leistungen wird von der GKV weiterhin gewährleistet, sodass der Katalog der individuellen Gesundheitsleistungen nicht als Leistungsausgrenzung fehlinterpretiert werden sollte (Schorre, 1998). Die wie bereits erwähnte Budgetierung ärztlicher Leistungen hatte zur Folge, dass Praxiskosten anstiegen und Einnahmen der Ärzte rückläufig wurden. Im Gegenzug bot die Nutzung der individuellen Gesundheitsleistungen eine wirtschaftliche Chance für die Ärzteschaft (Klakow-Franck, 2006, zit. nach Rehder, 2008, S. 4).

3 Diskussion der individuellen Gesundheitsleistungen

3.1 Argumente für das Anbieten der IGels

Individuelle Wünsche der Patienten werden mit der Konzeption der individuellen Gesundheitsleistungen realisierbar und die gesetzlichen Krankenversicherungen werden durch die selbstständige Kostenübernahme seitens der Patienten finanziell entlastet (Stolze, 2007). Sinkende Honorarauszahlungen und die Budgetierung ärztlicher Leistungen, haben zur Folge, dass sich die Ärzteschaft um zusätzliche Einnahmen außerhalb der GKV-Leistungen bemühen muss (Stiftung Gesundheit, 2005). Der Umfang der Vermarktung individueller Gesundheitsleistungen variiert in Arztpraxen sehr stark. Einige Ärzte nutzen ihre Praxen als Verkaufscentren für Lifestyle-Medizin und erwirtschaften mit IGel-Angeboten erhebliche Umsätze. Im Gegensatz dazu nehmen andere Praxen nur einen geringen Anteil durch IGel-Angebote ein (Stiftung Gesundheit, 2005).

Einerseits erhalten Praxen ein besonderes Profil mit dem Angebot individueller Gesundheitsleistungen. Anderseits sind das Erfüllen der Patientenwünsche, zusätzliche finanzielle Einnahmen und die Überzeugung der medizinischen Sinnhaftigkeit individueller Gesundheitsangebote die Motive der Anbieter (IGel-Monitor.de, 2015).

Das Anbieten von Nicht-Kassen-Stunden in Praxen, ermöglicht, besondere Beratungsangebote wie beispielsweise Raucherentwöhnung oder Stressbewältigung. Des Weiteren sollen Patienten auf das Expertenwissen des Arztes unabhängig von den Grenzen der GKV zurückgreifen können. Damit verbunden sind eine bedürfnisorientierte Beratung und eine freie Entscheidungsmöglichkeit auf der Patientenseite. Die Wahlmöglichkeiten resultieren aus einer Aufklärung, seitens der Ärzte, über das Angebotsspektrum der medizinischen Leistungen (der Bundesrepublik Deutschland, Seeber und Weckbecker, 2005). Aus Ärztesicht komplettieren die individuellen Gesundheitsleistungen das medizinische Angebot. Angesichts der fortschreitenden Leistungskürzungen seitens der GKV, ist das Angebot individueller Gesundheitsleistungen medizinisch sinnvoll und notwendig (Frankfurter Rundschau, 2006, zit. nach Böcken, 2007, S. 205), da bereits nach der Continentale-Studie (2004) 81 % der Versicherten der GKV eine ausreichende und medizinische Versorgung für nicht mehr gegeben halten (Continentale-Studie zit. nach der Bundesrepublik Deutschland, Seeber und Weckbecker, 2005)

3.2 Kritik am Angebot der IGels

Interessanterweise haben die Faktoren Geschlecht und Sozialschichtzugehörigkeit einen Einfluss auf das Erhalten von Angeboten individueller Gesundheitsleistungen. Frauen werden mit individuellen Gesundheitsleistungen im Vergleich zu Männern häufiger konfrontiert. Die meisten Offerten erhalten gesunde Patienten, aus der oberen Mittelschicht und des mittleren Alters. Individuelle Gesundheitsleistungen werden häufig für Patienten mit höherem Schichtindex bereitgestellt, sodass dies auf ein wirtschaftliches Motiv der Ärzte hindeutet (Böcken, 2007; Rehder, 2008). Ein rein wirtschaftliches Interesse hinter dem Angebot individueller Gesundheitsleistungen sehen 46% der Befragten einer Studie vom Gesundheitsmonitor 2012 und sind der Ansicht, dass darunter das Arzt-Patienten-Verhältnis leidet (Heier und Marstedt, 2012). Die Einschätzung, dass das Arzt-Patienten-Verhältnis generell durch das Angebot individueller Gesundheitsleistungen negativ beeinflusst wird, teilen 76% der Befragten der Studie des wissenschaftlichen Instituts der AOK (Zok und Schuldzinski, 2005). Die Meinungen zu individuellen Gesundheitsleistungen variieren. 88% der Studie vom Gesundheitsmonitor 2012 behaupten, die GKV würde individuelle Gesundheitsleistungen nicht übernehmen, weil sie ihre Kosten senken wollen. Des Weiteren sind 82 % der Ansicht, dass IGels gut seien, aber empfinden sie jedoch als zu teuer und 44% erachten IGels für medizinisch überflüssig. Außerdem sind 42% der Befragten der Auffassung, dass die Ärzte aus finanziellen Gründen IGels anbieten. Der geringste Anteil mit 32% denkt, dass die gesetzliche Krankenversicherung die Kosten nicht erstattet, weil die Leistungen überflüssig sind (Heier und Marstedt, 2012).

Auffällig ist, dass die Ablehnungsquote der individuellen Gesundheitsangebote zunimmt. Ein Grund dafür ist, dass die Patienten den individuellen Gesundheitsangeboten kritischer gegenüberstehen. Exotische Angebote, ein hoher Überzeugungsaufwand des Arztes und eine fehlende Qualitätssicherung lassen die Patienten kritischer werden. Die möglicherweise daraus entstehende Unsicherheit auf Patientenseite, führt zu einer Nichtinanspruchnahme von Leistungen. Die höchsten Annahmequoten zeigen IGels, deren Nutzen offensichtlich ist (medizinisch-kosmetische Leistungen) (Böcken, 2007). Individuelle Gesundheitsangebote und das wachsende Angebotsspektrum führen zu einer Unübersichtlichkeit auf Patienten- sowie Expertenebene. Eine diskutierte Problematik, stellen fehlende Richtlinien zur genauen Abgrenzung und Definition der Angebote individueller Gesundheitsleistungen dar (Böcken, 2007). Eine Studie des EbM (2016) untersuchte 59 Informationsangebote auf ihre Evidenz. 5,9 % des Informationsmaterials erfüllte mehr als die Hälfte der Qualitätskriterien guter Gesundheitskommunikation. Auffällig ist, dass Anbieter der individuellen Gesundheitsleistungen häufiger qualitative Mängel in ihren Informationsangeboten aufwiesen. Dadurch dass Anbieter weniger neutrales als werbendes Informationsmaterial bereitstellen, ist zu vermuten, dass ökonomisches Interesse im Vordergrund steht. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Verbesserungsbedarf bei der Darstellung von Nutzen und Risiken in Informationsangeboten besteht (Brinker und Fischer, 2016). Informationen auf Praxiswebseiten wird ebenfalls ein werbender Charakter zugeschrieben und weniger als Aufklärung über die Vor- und Nachteile von individuellen Gesundheitsleistungen wahrgenommen (IGel-Monitor.de, 2015). Patienten benötigen als Grundlage für die Entscheidung einer Inanspruchnahme oder Nichtinanspruchnahme evidenzbasierte Informationen (Brinker und Fischer, 2016). Allerdings fehlen einerseits evidenzbasierte Informationen und anderseits der Zugang zur medizinischen Fachliteratur, weshalb Patienten sich in Nutzen und Notwendigkeit auf ihren Arzt verlassen müssen. Haben Patienten Bedenken was das Angebot betrifft, äußern sie jedoch selten Zweifel, um die Kompetenz des Arztes nicht in Frage zu stellen und um das Vertrauensverhältnis zu schützen (IGel-Monitor.de, 2015). Darüber hinaus existiert keine Qualitätssicherung für diese Leistungen. Vielmehr besteht ein mangelnder Nutzen der individuellen Gesundheitsangebote (Böcken, 2007). Des Weiteren sollen die Einhaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen wie Vertragsschluss und Abrechnung nicht erfolgen (Zok und Schuldzinski, 2005). Ein weiterer Kritikpunkt seitens der Verbraucherzentralen und dem Spitzenverband der GKV ist das Aufdrängen mangelnder evidenzbasierter Leistungen (Heier und Marstedt, 2012). Außerdem sollten individuelle Erfahrungen des Arztes keine Grundlage für die Beurteilung sein, ob eine individuelle Gesundheitsleistung medizinisch sinnvoll ist oder nicht (IGel-Monitor.de, 2015).

Vergleichsweise werden individuelle Gesundheitsleistungen von Ärzten häufiger angeboten, als von den Patienten nachgefragt (Zok und Schulzinski 2005). Zudem äußern in einer Studie der KBV 19 % der Befragten, dass die Bedenkzeit, einer Inanspruchnahme oder Nichtinanspruchnahme individueller Gesundheitsleistungen, zu kurz sei (Protschka und Riesinger, 2011). Andreas Köhler, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, appelliert an mehr Zurückhaltung auf Ärzteseite, da es sich um kostenpflichtige Angebote handelt und fordert, dass das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient nicht verletzt werden darf (Heier und Marstedt, 2012).

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Details

Seiten
12
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783346281678
ISBN (Buch)
9783346281685
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v945760
Note
Schlagworte
vor- nachteile gesundheitsleistungen hinblick arzt-patienten-verhältnis
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