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Neue Werkstoffe im Automobilbau

Auswirkungen auf den Teile- und Servicebereich im Autohaus

Seminararbeit 2020 34 Seiten

BWL - Industriebetriebslehre

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Ausgangslage und Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Methodik
1.3 Aufbau der Arbeit

2. After-Sales im Autohaus
2.1 Definition
2.2 Servicebereich
2.3 Teilebereich
2.4 Herausforderungen und Chancen

3. Werkstofftechnik in der Automobilindustrie
3.1 Leichtbau als Konstruktionsprinzip
3.2 Werkstoffeinsatz im Wandel
3.3 Werkstoffkonzepte

4. Analyse: Werkstoffe im Automobilbau
4.1 Hoch- und höchstfeste Stähle
4.2 Verbundwerkstoffe
4.3 Leichtmetalle
4.4 Selbstheilende Werkstoffe
4.5 Bewertung & Folgen für das After-Sales Segment

5. Schlussteil
5.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
5.2 Fazit & Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Entwicklung des Wartungsgeschäfts im Servicebereich

Abbildung 2: Entwicklung des Reparaturgeschäfts im Servicebereich

Abbildung 3: Der Markt für PKW-Komponenten im Teilebereich

Abbildung 4: Werkstoffeinsatz am Beispiel eines Mittelklasse-PKWs

Abbildung 5: Werkstoffeinsatz am Beispiel des 7er-Modells von BMW

Abbildung 6: Werkstoffkonzepte im Wandel der Zeit

Abbildung 7: Werkstoffverteilung von Stahl an der Karosserie des Volkswagen Polo

Abbildung 8: Veränderungs- und Innovationspotential der behandelten Werkstoffe

Tabellenverzeichnis

Tabelle 2: Vor- und Nachteile von Faserverbundwerkstoffen

Tabelle 3: Eigenschaften der Leichtmetalle

Abkürzungsverzeichnis

BEV... Battery electric vehicle

bzw... beziehungsweise

ca circa

CFK Kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe

CMC... Ceramic matrix composites

etc.. etcetera

FVK Faserverstärkte Kunststoffe

GFK.. Glasfaserverstärkte Kunststoffe

inkl inklusive

NFK Naturfaserverstärkte Kunststoffe

OEM. Original equipment manufacturer

sog. .. sogenannte

usw und so weiter

z.B.. zum Beispiel

z.T. zum Teil

1. Einleitung

1.1 Ausgangslage und Problemstellung

Der automobile Service- und Teilebereich gilt seit Jahren als das ertragreiche Standbein der Autohäuser. Gemessen an einem PKW-Bestand von 47,1 Mio. Fahrzeugen auf den deutschen Straßen wird die Dimension und Bedeutung dieses Marktsegments deutlich.1 Derzeit erleben wir die größte Transformation in der Geschichte der Automobilindustrie, in der sich das Produkt Auto so stark verändern wird wie nie zuvor. Dieser wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Transformationsprozess wird auch Auswirkungen auf das After-Sales Segment nach sich ziehen.

Durch Megatrends wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und Urbanisierung stehen OEM und Händler vor einem Umbruch gewohnter Wertschöpfungsprozesse. Explizit der Megatrend Nachhaltigkeit mit den Themenfeldern Klimawandel, Ressourcenschonung und Umweltschutz ist aktuell weit verbreitet. Speziell bei nachfolgenden Generationen ist eine Bewusstseinsveränderung zunehmend feststellbar (Öko-Trend). Zur Erreichung der Klimaziele wird in Deutschland eine Revolution im Verkehrssektor notwendig. Elektromobilität gilt hierbei als Schlüsseltechnologie, da ihr unter ökologischen als auch ökonomischen Gesichtspunkten ein großes Entwicklungspotential zugeschrieben wird.2 Somit verändern sich die Anforderungen zu einer nachhaltigen Mobilität, auf die Hersteller und Händler mit ihren Produkten und Dienstleistungen reagieren müssen.

Die Problemstellung der Arbeit geht damit einher. Der ökologische Gesichtspunkt gewinnt zunehmend an Bedeutung. Das veränderte Bewusstsein der Konsumenten und die von der EU-Kommission festgelegten CO²-Grenzwerte zwingen die Hersteller auf verbrauchsärmere Antriebe zu setzen. So verfolgen die Automobilhersteller die Ziele alternativer Antriebe bereits seit Jahren: Kontinuierliches Downsizing großer Verbrennungsmotoren, rein elektrische Fahrzeuge und die Konzepte an Plug-In-Hybridfahrzeugen untermauern die technologischen Möglichkeiten.

Zum Produktionsstart des vollelektrischen ID.3 sprach VW Vorstandschef Herbert Diess erst kürzlich von einem „Systemwechsel hin zur Elektromobilität“.3

Solch ein Systemwechsel wird auch zu disruptiven Veränderungen in der Automobilproduktion führen. Der Einsatz ressourcen- und kostengünstiger Werkstoffe im Produktionsprozess für Automobile bietet hierbei enorme Chancen. Ein wichtiger Aspekt wird die Entwicklung und Anwendung des Leichtbaus auf Basis dieser Materialien sein. Einsparungen bei Verbrauchs- und Emissionszahlen sowie größere Reichweiten bei BEV erfordern schlichtweg eine Gewichtsreduktion der Fahrzeuge. Hier bietet der Einsatz neuer Werkstoffe Entwicklungspotentiale, die aber auch zu Veränderungen im und am Fahrzeug führen werden. All diese Einflussfaktoren sind eng verzahnt mit dem After-Sales Geschäft der Autohäuser. Konkrete Auswirkungen, die sich auf die Werkstatt- und Teileprozesse ergeben sind ungeklärt. Somit stellt sich folgende Forschungsfrage:

Welche Auswirkungen haben neue Werkstoffe im Automobilbau auf den Teile- und Servicebereich im Autohaus?

1.2 Zielsetzung und Methodik

Das Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit besteht darin, die Auswirkungen neuer Werkstoffe auf das After-Sales Segment darzustellen. Dabei sollen konkrete Werkstoffe im Automobilbau beschrieben und analysiert sowie deren Wirkungsweisen auf den Teile- und Servicebereich im Autohaus untersucht werden. Dies soll auf Basis einer qualitativen Inhaltsanalyse erfolgen, bei welcher vorhandene Daten zur Beantwortung der Forschungsfrage analysiert und ausgewertet werden. Somit wird im Rahmen der Hauptseminararbeit auf die Sekundärdatenforschung zurückgegriffen. Um entsprechende Daten aus wissenschaftlichen Artikeln zu erhalten, wird eine intensive Auseinandersetzung mit relevanter Fachliteratur sowie verschiedenen Studien zu diesen Themengebieten notwendig. Außerdem werden Daten von Internetquellen angewandt, da diese eine hohe Aktualität aufweisen und fast täglich neue Informationen und Erkenntnisse liefern. Aufgrund des Themenschwerpunkts werden zur Beantwortung der Forschungsfrage verstärkt Datenquellen von technischen Einrichtungen herangezogen. Nach erfolgter Auswertung wird schließlich eine Einschätzung hinsichtlich Reifegrad und Potentiale für die jeweiligen Werkstoffe vorgenommen. Außerdem sollen mögliche Veränderungstreiber für das After-Sales Segment herausgearbeitet und verdeutlicht werden.

1.3 Aufbau der Arbeit

Die wissenschaftliche Arbeit beginnt mit der Einleitung, in welcher die Ausgangslage und Problemstellung, die Zielsetzung und Methodik sowie der Aufbau der Arbeit aufgezeigt werden.

Im darauffolgenden Theorieteil wird das After-Sales Segment der Autohäuser, welches aus dem Teile- und Servicebereich besteht, vorgestellt. Anhand aktueller marktspezifischer Kennzahlen werden das Wartungs- und Reparaturgeschäft sowie das Teile- und Zubehörgeschäft beschrieben. Es sollen aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Chancen offenbart werden.

In Kapitel 3 werden grundlegende Inhalte zur Werkstofftechnik in der Automobilindustrie behandelt. Hierbei soll der Leichtbau sowie konkrete Werkstoffkonzepte im Fahrzeugbau vorgestellt werden. Außerdem wird vorab ein Überblick über den veränderten Werkstoffeinsatz im Automobil gegeben.

Nachfolgend werden in Kapitel 4 verschiedene Werkstoffe beschrieben, analysiert und deren Bedeutung in der Automobilindustrie eingeordnet. Abschließend wird in diesem Kapitel die Brücke zum After-Sales aufgebaut. Auswirkungen und Veränderungstreiber, die sich durch neue Werkstoffe ergeben, werden konkretisiert.

Im Schlussteil sollen die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst, ein Fazit gezogen und darauf aufbauend ein Ausblick gegeben werden.

2. After-Sales im Autohaus

2.1 Definition

Unter dem After-Sales werden alle Leistungen eines Unternehmens verstanden, die nach einem erfolgreichen Verkauf eines Produktes oder einer Dienstleistung durchgeführt werden. Im Automobilhandel unterscheidet man hierbei zwischen dem Servicemarkt und dem Teilemarkt. Jegliche Dienstleistungen und Produkte, die dem Kunden nach dem Kauf eines Fahrzeugs angeboten und verkauft werden, kann man diesem Geschäftsfeld zuordnen. Aus diesem Grund werden Geschäfte des After-Sales häufig auch als eine Nachkaufbetreuung bezeichnet. Dieser serviceorientierte Geschäftsbereich wird über das After-Sales-Management strategisch gesteuert und gilt als die margenträchtigste Einnahmequelle der Autohäuser.4 Die Basis bildet die Annahme, dass eine Kundenbeziehung nicht mit einem erfolgreichen Fahrzeugverkauf endet. Vielmehr muss es der Anspruch sein, die Beziehung zwischen Kunde und Autohaus über den kompletten Nutzungszeitraum zu intensivieren und darüber hinaus zu verlängern. Der Servicebereich fungiert dabei als Sprachrohr zum Kunden und bietet die Chance Kundenbedürfnisse zu befriedigen, Markttrends zu erkennen sowie Zusatzgeschäfte zu generieren. Das Management im After-Sales hat also die Querschnittsaufgabe, den Kunden in seiner Entscheidung für ein Produkt zu bestätigen und zu einer Steigerung der Kundenzufriedenheit- und Loyalisierung beizutragen. Allein daran wird deutlich, welche strategische Bedeutung dem After-Sales Bereich zukommt. Nachfolgend wird der Service- und Teilemarkt der Autohäuser näher behandelt.

2.2 Servicebereich

Zu den wichtigen Einflussgrößen im Servicebereich zählen neben dem Fahrzeugbestand auch die Neufahrzeugverkäufe. Bei einem PKW-Bestand von 47,1 Mio. sowie 3,4 Mio. neu zugelassenen Fahrzeugen in Deutschland wird das Marktvolumen für das Servicegeschäft nochmals deutlich.5 Schließlich ergeben sich daraus die jeweiligen Servicebedarfe im Autohaus. Für die Wahl der Werkstatt spielt wiederum das Alter des Fahrzeugs eine bedeutende Rolle. So ist mit steigendem Alter, speziell bei Fahrzeugen der Segmente II und III eine Abwanderungsbewegung hin zur freien Werkstatt ersichtlich.6 Somit ändert sich das Preisbewusstsein der Halter mit steigendem Fahrzeugalter. Die wesentlichen Servicearbeiten in Autohäusern unterteilen sich grundsätzlich in das Wartungs- und Reparaturgeschäft. Während die Wartung sich dabei auf den Erhalt der Sicherheit und vollen Funktionsfähigkeit des Automobils konzentriert, zielt man bei der Reparatur überwiegend auf Verschleiß- und Unfallreparaturen ab. Laut DAT-Report betrug im Jahr 2018 der Anteil durchgeführter Wartungsarbeiten 69 Prozent. Reparaturarbeiten machten hingegen 31 Prozent der Arbeitsumfänge im Service aus. In den nachfolgenden Abschnitten werden deshalb aktuelle Entwicklungen des Wartungs- und Reparaturgeschäfts näher behandelt.

Wartungsgeschäft

Verlängerte Wartungsintervalle in Verbindung mit der technischen Weiterentwicklung der Fahrzeuge, insbesondere der steigenden Teilequalität führten zu einem rückläufigen Wartungsgeschäft in den letzten Jahren. Die Wartungshäufigkeit lag im Jahr 2017 bei 0,87 durchgeführten Arbeiten pro Fahrzeug. Im Jahr 1996 wurden noch ca. 1,2 Arbeiten pro Fahrzeug registriert. Im Umkehrschluss entspricht das einem Rückgang um 27,5 Prozent. Für 2018 wurde im Wartungsbereich ein geringfügiges Wachstum auf 0,90 festgestellt. Mögliche Erklärungen hierfür könnten das gestiegene durchschnittliche Fahrzeugalter sowie höhere Fahrleistungen sein. Gemessen am Jahr 1996 entspricht das marginale Hoch im Jahr 2018 dennoch einem Rückgang im Wartungsgeschäft um 25 Prozent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entwicklung des Wartungsgeschäfts; Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an DAT Report 2018, 2019

Reparaturgeschäft

Die Basis im Reparaturgeschäft bilden Verschleiß- und Unfallreparaturen. Auch hier ist ein rückläufiger Trend erkennbar (siehe Abbildung 2). Erzielten die Autohäuser im Jahre 1996 noch eine Reparaturhäufigkeit von 0,94 pro PKW im Jahr, sank dieser Wert um ca. 43 Prozent auf 0,53 im Jahr 2017. Für das Jahr 2018 ist auch in diesem Bereich ein leichtes Plus auf 0,54 zu verzeichnen. Lässt man die Beachtung der Altersstruktur außen vor, ist in diesem Bereich eine stagnierende Reparaturhäufigkeit festzustellen. Auch in diesem Kontext, kann auf den technischen Fortschritt und der daraus resultierenden Qualitätssteigerungen der Fahrzeuge verwiesen werden. Einen entsprechenden Beitrag zu dieser Entwicklung sollte auch der zunehmenden Ausbreitung von Fahrerassistenzsystemen zugeordnet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Entwicklung des Reparaturgeschäfts; Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an DAT Report 2018, 2019.

Bei den ausgeführten Reparaturarbeiten wird die technologische Weiterentwicklung des Automobils nochmals deutlich. Klassische Umsatzbringer wie die Beseitigung von Rostschäden oder die Reparatur von Getriebe und Kupplung werden zunehmend von Arbeiten an der elektrischen Anlage überholt. Mit steigender Elektrifizierung wird das weitere Auswirkungen bei Verschleißreparaturen nach sich ziehen.

2.3 Teilebereich

Der Übergang vom Service- und Teilegeschäft ist in der Praxis fließend. Ist für ein Fahrzeug eine Wartungs- und Reparaturnotwendigkeit gegeben, ist damit auch immer ein Bedarf an Ersatzteilen verbunden. Im Umkehrschluss führt eine rückläufige Werkstattauslastung im Servicebereich auch zu Einbußen im Teilebereich.7 Die enge Verzahnung der beiden Geschäftsfelder wird somit deutlich. Hinsichtlich der Distributionsstrukturen unterscheidet man im Automobilsektor zwischen dem freien bzw. unabhängigen Teilemarkt (sog. Independent Aftermarket) und dem gebundenen Teilemarkt (sog. Original Equipment Market).

Da die Automobilhersteller vermehrt auf Modul- und Systemlieferanten setzen, werden nur noch rund 20 Prozent der PKW-Teile in Eigenregie gefertigt. Die restlichen 80 Prozent werden von externen Teileherstellern produziert. Der Markt für PKW-Komponenten lässt sich grundsätzlich in mehrere Teilbereiche aufgliedern. Er setzt sich zusammen aus Ersatz- und Verschleißteilen, Zubehör sowie Reifen und Autochemie. Zubehörteile stellen dabei für den Betrieb und die Funktionsfähigkeit des Fahrzeugs keine Notwendigkeit dar. Dennoch sind hier dem Kunden in puncto Individualisierung nahezu keine Grenzen gesetzt. Nachfolgende Abbildung verdeutlicht den KFZ-Aftermarket für das Jahr 2017:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Der Markt für PKW-Komponenten 2017; Quelle: BBE Automotive GmbH

Der Gesamtmarkt im PKW-Bereich bewegte sich in Deutschland im Jahr 2017 in einer Größenordnung von ca. 20,5 Mrd. Euro.8 Klammert man die Lohnanteile aus, so werden hier jährlich ca. 440 Euro an Materialwerten pro Fahrzeug erzielt. Dadurch wird die Bedeutung des Teile-Aftermarket aus dem Gesichtspunkt der Profitabilität, speziell auch für die Autohäuser vorstellbar.

2.4 Herausforderungen und Chancen

Das After-Sales Segment der Autohäuser steht zweifellos vor einer Zukunft mit diversen Herausforderungen. Der Servicemarkt stößt allmählich an seine Wachstumsgrenzen. Steigende Fahrzeug- und Teilequalität, höhere Wartungsintervalle, sinkende Fahrleistungen und ein stagnierender Fahrzeugbestand führen zu einer rückläufigen Wertschöpfung in diesem Bereich. Im Teilebereich wächst zudem der Wettbewerbsdruck, allen voran durch Online-Anbieter. Diese werben mit Transparenz sowie günstigen Preisen und stellen somit auch eine potenzielle Gefahr für die klassischen Autohäuser dar.

Mit Spannung wird auch die Entwicklung in der Elektromobilität und die sich daraus ergebenden Veränderungen für das After-Sales Segment der Autohäuser verfolgt. Führten die Modelloffensiven der Automobilhersteller in den letzten Jahren auch zu positiven Erträgen im Service- und Teilegeschäft, wird dies bei fortschreitender Elektrifizierung nicht mehr in diesem Ausmaß erzielbar sein. Schlichtweg benötigt ein BEV einfach weniger Bauteile als ein Verbrenner. Öl- und Filterwechsel, Wechsel von Kühlflüssigkeit, Zahnriemenwechsel sowie Auspuff- und Kupplungsreparaturen sind einige konkrete Servicearbeiten, die akut betroffen wären.

Die Elektromobilität wird also einen nachhaltigen Einfluss auf das Servicegeschäft nach sich ziehen. Der Wegfall des Ölgeschäfts durch Elektroautos wird für die Autohäuser zur Herkulesaufgabe. Unter dem Strich liegt der „Wartungs- und Reparaturumfang bei einem Elektroauto um mindestens 13 Prozent unter dem eines Verbrenners. Der Teileumsatz (inkl. Öl) ist fast 45 Prozent niedriger.“9

Nichtsdestotrotz ergeben sich durch die fortschreitende Automobiltechnik auch wandelnde und komplexere Teilsysteme, bei welcher es auch künftig eines umfangreichen Knowhow der Servicemitarbeiter im Autohaus bedarf. Welche Wirkungsweisen dabei von neuen Werkstoffen und Materialien im Automobilbau ausgehen, soll in den nachfolgenden Kapiteln verdeutlicht werden.

3. Werkstofftechnik in der Automobilindustrie

3.1 Leichtbau als Konstruktionsprinzip

Auch im Automobilbau wird der Aspekt der Nachhaltigkeit zunehmend wichtiger. Klimawandel und Klimaschutz gelten als die größte menschliche Herausforderung unserer Zeit. Den steigenden Verbrauch an natürlichen Ressourcen gilt es zu begrenzen. Zukünftige Produktentwicklungen werden sich deshalb verstärkt an der Steigerung der Ressourcen- und Energieeffizienz, unter Beachtung des Klima- und Umweltschutzes orientieren. Auf der anderen Seite steht der Anspruch der modernen Konsumgesellschaft an die Fahrzeuge von morgen: Sie sollen leistungsstark, komfortabel sowie technisch hochwertig sein und gleichzeitig wenig Verbrauch und Kosten verursachen. Dieser Zielkonflikt rückt den Leichtbau als Konstruktionsphilosophie in den Mittelpunkt. Mit Leichtbau verfolgt man das Ziel der Gewichtsreduktion bei gleichbleibender Funktionalität von Bauteilen und Systemkomponenten. Durch einen effizienten Materialeinsatz sollen Rohstoffe und Kosten bei der Herstellung eingespart und der CO2-Ausstoß verringert werden. Gewichtseinsparungen können durch Veränderungen der Produktstruktur, einer Verminderung des Werkstoffeinsatzes oder durch den Einsatz leichterer Werkstoffe erreicht werden. Mit einem Gewichtsanteil von ca. 39 Prozent stellt die Karosserie dabei das größte Anwendungsfeld dar. Jedoch bestehen auch beim Fahrwerk (ca. 24 Prozent), Antrieb (ca. 16 Prozent), Interieur (ca. 15 Prozent) sowie der Elektronik (ca. 6 Prozent) Einsparpotentiale.10 Die Motivation zur Gewichtseinsparung ergibt sich auch durch die fortschreitende Elektrifizierung des Antriebsstrangs. Leichtbaulösungen bieten die Chancen zu einer nachhaltigen Erhöhung der Reichweiten beizutragen. Die Weiterentwicklung des Leichtbaus gilt deshalb als umfangreicher und interdisziplinärer Prozess mit verschiedenen Handlungsfeldern. Grundsätzlich zählen dazu die Werkstoffeigenschaften, die Auslegung (Gestaltung der Bauteile) sowie die Fertigungsverfahren (z.B. moderne Fügetechniken). Werkstoffe werden dabei stets, neben Kosten- und Nutzenaspekten, anhand von Kriterien wie Funktionsfähigkeit, Umweltverträglichkeit, Sicherheit, Robustheit sowie Verarbeitbarkeit und Großserientauglichkeit bewertet. Bei der Kostenverteilung für die Herstellung eines PKWs entfällt der größte Anteil auf das Material (ca. 53 Prozent).11 Somit wird die maximale Materialausnutzung zur zentralen Aufgabe im Herstellungsprozess von Automobilen.

3.2 Werkstoffeinsatz im Wandel

Im Zuge der wachsenden Bedeutung des Leichtbaus in der Automobilproduktion werden auch die spezifischen Anforderungen an die Werkstoffe immer komplexer. Beispielsweise soll ein Bauteil hochfest, hochsteif, duktil und gleichzeitig leicht sein. Hierbei geraten klassische Werkstoffe wie Metalle, Keramiken oder Polymere zunehmend an ihre Grenzen. Folglich ist eine immer größere Diversifikation von Materialien im Fahrzeugbau zu erkennen (sog. Multimaterialbauweise oder Multi-Material-Design). Heute bestehen die meisten Bauteile und Systeme aus mehreren Werkstoffen, die im Zusammenspiel ihre optimalen Eigenschaften entfalten sollen. Hierbei wird häufig ein ganzheitlicher Ansatz verfolgt. Neben den Werkstoffen sind auch die Werkstoffkonzepte und die Fertigungsverfahren in die jeweiligen Überlegungen mit einzubeziehen. Jeder OEM verwendet dabei Materiallösungen und Konzepte, je nach Fahrzeugklasse auf unterschiedliche Weise. Der Aspekt der Wirtschaftlichkeit spielt dabei weiterhin die wichtigste Rolle. Abbildung 4 zeigt die Veränderung des Werkstoffmixes am Beispiel von Mittelklasse-Fahrzeugen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Werkstoffeinsatz im PKW; Quelle: Martin Josef Greitmann, Fortschrittliche Werkstoffkonzepte, Hochschule Esslingen, Studiengang Kraftfahrzeugtechnik, S.5

Es wird deutlich, dass der Anteil von Leichtbauwerkstoffen wie Verbundmaterialien, Kunststoffen und Leichtmetallen zunimmt, während der Anteil von klassischen Materialien wie Stahl und Eisen tendenziell rückläufig ist. Nichtsdestotrotz wird die Karosserie auch zukünftig, aufgrund seiner Anforderungen an Stabilität und Korrosion, aus Stahl bestehen. Hier wird jedoch den hoch- und höchstfesten Stählen eine größere Rolle zukommen. Ebenso gilt der Einsatz von Kunststoffen, insbesondere von faserverstärkten Kunststoffen als zunehmend gefragt. Der Trend in der Automobilindustrie zielt also verstärkt auf die Umsetzung des Materialmixes, bei welcher verschiedenste Werkstoffe eingesetzt und kombiniert werden, ab.12 In Abbildung 5 kann das beispielhaft an dem älteren 7er-Modell von BMW illustriert werden. Welche Rolle im Rahmen des Multimaterialansatzes dabei Werkstoffkonzepte spielen, soll im nachfolgenden Punkt deutlich werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Werkstoffeinsatz am Beispiel des 7er-Modells von BMW; Quelle: T. Posch; Manuskript, Hochschule Esslingen, Studiengang Kraftfahrzeugtechnik

3.3 Werkstoffkonzepte

Bei den Bauweisen unterscheidet man hinsichtlich der Kombination verschiedener Werkstoffe häufig zwischen der Mischbauweise und Hybridbauweise. Um nicht zu tief in die Materie einzutauchen, soll im Folgenden kurz deren Bedeutung in der Automobilindustrie beschrieben werden. Bei beiden Vorgehensweisen werden verschiedene Werkstoffe miteinander kombiniert. Die Mischbauweise kennzeichnet sich durch eine „vielgliedrige Fertigung der Strukturelemente mit anschließendem Fügeverfahren.“13

[...]


1 [Vgl. Kraftfahrt-Bundesamt, Homepage, Pressemitteilung Nr.5/2019]

2 [Vgl. Diez, Maier, Autohaus 2025, S.9]

3 [Vgl. Suedwestpresse (Hrsg.), 2019, S.4]

4 [Vgl. Diez, Reindl, Brachat; Grundlagen der Automobilwirtschaft, S.186]

5 [Vgl. KFZ-Bundesamt, Homepage]

6 [Vgl. DAT Report 2019, S. 56]

7 [Vgl. Diez, Reindl, Brachat; Grundlagen der Automobilwirtschaft, S.197]

8 [Vgl. BBE Automotive GmbH; KFZ-Aftermarket]

9 [Diez, Maier; Autohaus 2025, S.26]

10 [Vgl. FAT; Studie: Beitrag zum Fortschritt im Automobilleichtbau; S.13]

11 [Vgl. VDI (Hrsg.); Report 4: Werkstofftechnik im Automobil]

12 [Vgl. VDI e.V. (Hrsg.): Werkstoffinnovationen für nachhaltige Mobilität und Energieversorgung, S.33]

13 [Vgl. Lothar, K. (Hrsg.) (2018): Technologiefusion für multifunktionale Leichtbaustrukturen, Ressourceneffizienz durch die Schlüsseltechnologie „Leichtbau“, S.39]

Details

Seiten
34
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346286895
ISBN (Buch)
9783346286901
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v948550
Institution / Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen; Standort Geislingen
Note
1,7
Schlagworte
Automobilbau Automobiltechnik Neue Werkstoffe After Sales Teile- und Zubehör

Autor

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Titel: Neue Werkstoffe im Automobilbau