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Der "Uses and Gratifications"-Ansatz

Hausarbeit 1998 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 EINLEITUNG

2 ENTWICKLUNG UND GRUNDLEGENDE ANNAHMEN

3 ANFÄNGE DER GRATIFIKATIONSFORSCHUNG
3.1 Herta Herzog: "What Do We Really Know About Daytime Serial Listeners?"

4 ERWEITERUNG DES "USES AND GRATIFICATIONS"ANSATZES IN DEN 70ERN
4.1 Ausgangspunkt der Forschung
4.2 Wichtige Forschungsansätze
4.2.1 Elihu Katz, Jay G. Blumler, Michael Gurevitch : "Utilization of Mass Communication by the Individual"
4.2.2 Karl Erik Rosengren : "Uses and Gratifications : A paradigm outlined"
4.2.3 Philipp Elliott : "Uses and Gratifications research : A critique and a sociological alternative"

5 NEUE PERSPEKTIVEN UND AKTUELLE BEDEUTUNG

6 KRITIK

7 SCHLUßBEMERKUNG

8 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Der "Uses and Gratifications"-Ansatz unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von anderen Erklärungsmodellen der Medienwirkungsforschung : Er ist keine Theorie mit definierten Konturen, nicht mit einem bestimmten Wissenschaftler verbunden oder aus einer bestimmten Veröffentlichung resultierend - vielmehr bezeichnet er unterschiedlichste Ansätze, denen eine Grundannahme gemeinsam ist:

Medienrezipienten spielen eine aktive Rolle im Kommunikationsprozeß und benutzen Medien ganz bewußt zur Befriedigung eigener Bedürfnisse.

Von diesem Prinzip ausgehend sind in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Forschungsarbeiten durchgeführt worden, die in ihrer Konzeption und in ihren Ergebnissen so unterschiedlich sind, daß sie den Nutzen- und Belohnungsansatz in einem sehr uneinheitlichen Bild darstellen.1

Daher kann eine solche Arbeit den Nutzen- Belohnungsansatz keinesfalls erschöpfend darstellen, zu vielseitig sind die Facetten der Gratifikationsforschung der letzten Jahrzehnte. Ich habe daher aus einer Vielzahl von Arbeiten zu diesem Thema einige Studien auswählt, die im allgemeinen als Meilensteine in der Entwicklung des Ansatzes gelten, angefangen von Herta Herzog bis hin zu den Wissenschaftlern Blumler, Katz, Hass, Gurevitch, McQuail, Eliott und anderen, die in den siebziger Jahren, dem Höhepunkt der "Uses and Gratifications"Forschungstätigkeit, dessen eigentliches Fundament schaffen.

Zunächst wird die Entwicklung dieses Ansatzes mit seinen Grundannahmen skizziert und in die historische Entwicklung der Kommunikationsforschung eingeordnet. Anschließend werden die zentralen Ergebnisse ausgewählter, wichtiger Studien detaillierter dargestellt, wobei eine chronologische Reihenfolge die Entwicklungsstufen verdeutlichen soll, die der Ansatz in mehreren Jahrzehnten durchlaufen hat. Abschließend gehe ich noch auf die Kritik am "Uses and Gratifications" Ansatz ein und stelle kurz neuere Entwicklungstrends vor.

2 Entwicklung und grundlegende Annahmen

In den Anfängen der Medienwirkungsforschung der 20er und 30er Jahre, der Anfangszeit des neuen Massenmediums Radio, herrscht - nicht zuletzt durch Erfahrungen mit der Kriegspropaganda - die Vorstellung von einer starken Medienwirkung vor. Nach dem "Stimulus-Response"-Modell (das nur eine Wirkungsrichtung beschreibt - vom Sender zum Empfänger) übermitteln mächtige Massenmedien ihre Inhalte an die Rezipienten, die darauf mit Verhaltens- oder Einstellungsänderungen reagieren. Demnach besteht die hauptsächliche Wirkung der Medien in der Beeinflussung der Massen, die passiv deren Inhalte aufnehmen. Unabhängig von Unterschieden zwischen den einzelnen Individuen, die man als nur als uniforme Teile einer Massengesellschaft versteht, werden die Wirkungen bei allen Botschaftsempfängern als einheitlich angesehen2.

Die "Allmacht" der Medien wird in den vierziger Jahren vor allem im Umfeld von Paul F. Lazarsfeld in Frage gestellt, der in seiner Untersuchung "The People's Choice"3 selektives Verhalten der Rezipienten nachweist. Man erkennt in dieser Selektion ein aktives Verhalten des Publikums und nimmt in der Folgezeit nur noch sehr schwache bis nicht vorhandene Medienwirkungen an.

Ausgangspunkt zukünftiger Forschung ist jetzt nicht mehr der passive sondern der aktive Empfänger, die zentrale Forschungsfrage lautet nicht mehr "Was machen die Medien mit den Menschen" sondern "Was machen die Menschen mit den Medien".4

Dies ist die Geburtsstunde des "Uses and Gratifications" Ansatzes, der auf der Annahme basiert, daß Menschen bestimmte Bedürfnisse haben, die sie durch freie und selbstbestimmte Nutzung der Medien zu befriedigen versuchen5. Die Bezeichnung "Uses and Gratifications" als terminus technicus wird erst später gebräuchlich, die Untersuchung "What Do We Really Know About Daytime Serial Listeners?" von Herta Herzog Anfang der 40er Jahre gilt aber als erste Untersuchung, die sich systematisch den Gratifikationen der Rezipienten widmet. Nach diesen Anfängen in den 40er Jahren verschwindet der Ansatz größtenteils aus der wissenschaftlichen Arbeit6. Lediglich einige weitere Untersuchungen wurden durchgeführt wie Bernard Berelsons Experiment "What missing the newspaper means" von 1949, ohne jedoch den Ansatz als solchen weiter zu entwickeln und zu systematisieren. Dies ändert sich in den 70er Jahren, in denen der Nutzenansatz von zahlreichen Wissenschaftlern wiederentdeckt wird.

Die unausgereiften Ansätze werden wieder aufgegriffen und in den folgenden Jahren stark erweitert, neue Erkenntnisse aus den Nachbardisziplinen der Soziologie und Psychologie werden verarbeitet.

4 Anfänge der Gratifikationsforschung

4.1 Herta Herzog: "What Do We Really Know About Daytime Serial Listeners?"

Wie schon im vorhergehenden Kapitel erwähnt, gilt Herzogs Veröffentlichung als die initiatorische Studie der Gratifikationsforschung.7 Die Studie, die im Umfeld von Lazarsfeld im Rahmen des "Radio Research" Projektes entsteht, beschäftigt sich mit den Auswirkungen des regelmäßigen Konsums von Radiohörspielen - den damaligen Soap Operas - auf den überwiegend weiblichen Teil der Hörerschaft, die in den USA rund 20 Millionen Personen umfaßt. Der größte Teil der Studie beschreibt Eigenschaften und Charakteristiken der Hörerinnen wie beispielsweise deren Zeitschriftenkonsum, vergleichbar einer modernen Mediaanalyse. Am Ende der Studie geht Herzog auf die bedürfnisbefriedigende Wirkung der Serien ein. Zu diesem Zweck werden in Interviews 100 Hörerinnen nach ihren Gratifikationen befragt. Die Bedürfnisse, die die Radioserien bei den Hörerinnen befriedigen können, werden von Herzog in drei Kategorien aufgeteilt:

1. "emotional release": Bedürfnis nach emotionaler Entspannung und Ablenkung von eigenen Problemen : "One the one hand, the sorrows of the serial characters are enjoyed as compensation for the listener's own troubles"8
2. "wishful thinking": Bedürfnis nach "Wunschdenken" als eskapistische Reaktion auf eigene Probleme : "others use them ... to compensate for their own failures through the success pattern of the serials."9
3. "advice": Bedürfnis nach Ratschlägen als Hilfe für das eigene Leben : "The stories are liked because they ,explain things` to the inarticulate listener. Furthermore, they teach the listener appropriate patterns of behavior."10

Schenk definiert den Nutzen- und Belohnungsansatz "einerseits als Gegenposition zum Wirkungsansatz"11 , sieht aber die Möglichkeit, die Publikumsbedürfnisse "als intervenierende Variablen in die traditionelle Wirkungsforschung"12 übertragen zu können - zwecks einer Zusammenführung beider Ansätze. Genau dieses macht Herzog am Ende ihrer Veröffentlichung als sie vorschlägt, ihre Erkenntnisse beispielsweise für Kriegspropaganda zu nutzen: "... use these programs as a vehicle for war messages."13

5 Erweiterung des "Uses and Gratifications"-Ansatzes in den 70ern

5.1 Ausgangspunkt der Forschung

Neue Studien versuchen, die Mängel der frühen Arbeiten aufzuarbeiten : vor allem die Beschränkung auf eine Kategorisierung der Bedürfnisse ohne Betrachtung sozialer und psychologischer Ursprünge derselben rückt ins Zentrum der Kritik. Ziel ist, eine größere Systematisierung14 zu schaffen und Theorien hervorbringen, die der frühen Forschung fehlen "... these studies did not result in a cumulative more detailed picture of media gratifications conducive to the eventual formulation of theoretical statements."15

Dies soll ermöglicht werden durch die Einbeziehung etablierter Theorien, vor allem aus der Soziologie und Psychologie.

Der Funktionalismus, der in den 30er Jahren von den Soziologen T. Parson und R. K. Merton erarbeitet wurde, untersucht die Bedeutung einzelner sozialer Handlungen - hier beziehbar auf die Mediennutzung in der Kommunikationsforschung - für ein übergeordnetes System wie beispielsweise das gesamte soziale Umfeld.

Der Funktionalismus stellt insofern eine Innovation im "Uses and Gratifications"-Ansatz dar, als daß bisher Wünsche fixiert auf das Individuums untersucht wurden, ohne ausreichend zu berücksichtigen, daß diese Individuen nicht isoliert von einem sozialen System sondern Teil desselben sind.

In einer weiteren Theorie, dem sozialstrukturell-kulturellen Ansatz, der dem funktionalistischen Ansatz ähnelt, wird die Interaktion mit der gesamten Gesellschaft noch deutlicher herausgearbeitet.16

In der dritten theoretischen Grundlage, dem Handlungs- bzw. Motivationsansatz, konzentriert sich das Interesse wieder mehr auf das Individuum, das unabhängig von seiner Umwelt handelt: "Die Handlungen dienen rein individuellen Zwecken im Gegensatz zu kollektiven Zielen"17

Vor allem die Aufsatzsammlung "The Uses of Mass Communications. Current Perspectives in Gratifications Research", herausgegeben von J. Blumler und E. Katz 1974 demonstriert die neuen Forschungsschwerpunkte. Im Folgenden werden aus dieser Veröffentlichung drei Beiträge vorgestellt.

5.2 Wichtige Forschungsans ä tze

5.2.1 Elihu Katz, Jay G. Blumler, Michael Gurevitch : "Utilization of Mass Communication by the Individual"

Die mangelnde Integration sozialer und psychologischer Theorien wird vom Forscherteam Blumler, Katz und Gurevitch kritisiert ("the study of mass media use suffers at present from the absence of a relevant theory of social and psychological needs"18 ), ihr verbessertes Modell des Gratifikationsprozesses soll diesen Umstand ändern:

"(1) social and psychological origins of (2) needs, which generate (3) expectations of (4) the mass media or other sources, which lead to (5) differential patterns of media exposure (or engagement in other activities), resulting in (6) need gratifications and (7) other consequences, perhaps mostly unintended ones."19

Eine systematische Forschung sollte sich demnach mit den psychologischen und sozialen Ursachen menschlicher Bedürfnisse, mit Erwartungshaltungen an die Medien bzw. möglichen Alternativen, mit Medienverhalten und der Frage, welche Bedürfnisse befriedigt werden, und welche nicht, befassen.

Die Formulierung "soziale und psychologische Ursprünge" stellt allerdings mehr Fragen als sie beantwortet. Die Kenntnis, daß psychische Veranlagungen, soziologische Faktoren und Umweltbedingungen für deren Entstehung verantwortlich sein dürften, ist zu abstrakt, um daraus eine allgemeine Theorie ableiten zu können.20

Weiterhin sind die postulierten Konsequenzen, die Effekte der Mediennutzung auf den Nutzer, noch weitestgehend ungeklärt21 .

Als Kern des "Uses and Gratifications"-Ansatzes formulieren Katz/Blumler/Gurevitch folgende Annahmen:

- Das Publikum ist aktiv mit einer zielgerichteten Mediennutzung
- Die Verbindung von Bedürfnisbefriedigung und Medienauswahl wird vom Publikum hergestellt, es entscheidet also über das "ob" und "wie".
- Medien stehen in Konkurrenz zu anderen Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung, "funktionale Alternativen" genannt.
- Aus methodischen Gründen kann man die Ziele des Mediengebrauchs bei den Nutzern nur durch Befragung erfassen, dies bedeutet, daß diese in der Lage sein müssen, ihre Interessen und Motive selbst bewußt zu erkennen und anzugeben.22

Eine Kategorisierung der möglichen Bedürfnisse nimmt einen großen Raum in der Forschung der 70er Jahre ein, eine häufig anzutreffende Typologie der Wünsche umfaßt folgende Kategorien, die einer empirischen Untersuchung von McQuail, Blumler und Brown entstammen:23

- "Diversion" bezeichnet das Bedürfnis nach Ablenkung und Zeitvertreib, also auch Flucht vor Problemen, emotionale Entspannung
- "Personal Relationships" im Sinne von sozialen Kontakten, häufig dient Mediennutzung als Kompensation fehlender Kontakte
- "Personal identity", "individual psychology" als Faktoren persönlicher Identität zur Festigung von Werten, Realitätsexploration
- "Surveillance", das Bedürfnis nach Überwachung, Kontrolle der sozialen Umgebung

5.2.2 Karl Erik Rosengren : "Uses and Gratifications : A paradigm outlined"

Ein ähnliches Modell wie Katz/Blumler/Gurevitch formuliert Rosengren, allerdings erklärt es den Kommunikationsvorgang detaillierter unter Verwendung von 11 statt sieben Elementen.24 In seinem Paradigma sind nicht "Bedürfnisse" sondern "Probleme" und "Motive" die Determinanten für weiteres Verhalten wie beispielsweise Mediennutzung. Basis der Problementstehung sind komplexe Interaktionen zwischen grundlegenden menschlichen Bedürfnissen, der Unterschiedlichkeit individueller Merkmale und der gesellschaftlichen sowie medialen Umgebung: "There is a society characterized by a unique combination of structures and institutions, and within this society individuals behave, react, act, and interact, subject to the potentialities and restrictions presented to them by interacting bundles of biological, psychological and social variables"25

Gleichzeitig werden aber Möglichkeiten wahrgenommen, diese Probleme zu lösen. Diese Erkenntnis führt zu Handlungsmotiven, die entweder Medienkonsum oder anderes Verhalten zur Konsequenz haben ("funktionale Alternativen"). Das Vorhandensein aber auch das mögliche Fehlen von Gratifikationen wirkt auf die Eigenschaften des Rezipienten und der gesellschaftlichen Strukturen zurück. Gerade diese Rückkopplungen sind ein entscheidender Bestandteil von Rosengrens Paradigma und werden der Realität mit der damit beschriebenen Dynamik der Prozesse sicherlich gerechter als das eher statische Modell von Katz. Motivation und Verhalten der Individuen stehen im Vordergrund, individuelle Unterschiede der Mediennutzer lassen eine direkte, starke Medienwirkung nicht zu: "Rosengren (1974) observed that uses and gratifications rests on a mediated view of communication influence that stresses the role of individual differences in lessening direct media effects."26

5.2.3 Philipp Elliott : "Uses and Gratifications research : A critique and a sociological alternative"

Wie der Titel dieses Aufsatzes bereits andeutet, resultiert Elliots Vorstellung von einem "Uses and Gratifications" Ansatz vor allem aus der Kritik an der Art und Weise wie in dieser Zeit die Gratifikationsforschung betrieben wird.

Elliott versucht eine Integration in soziologische Theorien und kritisiert,

- daß die eifrig betriebene Empirie in der "Uses and Gratifications"-Forschung , resultierend aus der Annahme, man könne alles messen, wenn man nur die richtigen Fragen stellt, möglicherweise in die falsche Richtung führt ("if it can be shown that the methods of data collection themselves construct reality, and that the new processes identified coincide with and obscure ones that were already known, then the foundations are cut away from the impressive edifices of statistical analysis that are the tour de force of contemporary uses and gratifications researchers"27 ). Die Forderung nach Annäherung an die Soziologie wird damit begründet, daß sich viele Annahmen dort wiederfinden lassen, so daß es nicht erforderlich, sie neu zu definieren.
- daß "Bedürfnisse" als zentrale Variable des Ansatzes als Vorgegeben gelten und nicht genügend in einen soziologischen Kontext eingebettet sind28 ("as explanatory variables, ,needs` appear to exist outside time and space")29
- daß die Annahme eines "aktiven" Publikums nicht auf Beweisen beruht, sondern ideologsich auf der bewußt eingenommenen Gegenposition zum widerlegten Stimulus-Response-Modell

Elliots "soziologische Alternative" strebt neben einer Integration soziologischer Theorien eine stärkere Berücksichtigung der Produktionsseite an. Welche Gruppen vertreten welche Interessen, welche Position nehmen Medien in der Sozialstruktur ein, welche Konsequenzen hat Mediennutzung auf das gesamte soziale System?30

Insgesamt rückt Elliot von einer einseitigen Wirkungsrichtung ab und betrachtet eine Interaktion zwischen Sender und Empfänger ("again this is a reason for treating the two sides of the communication process as largely separate but interacting systems")31 in einem soziologischen Kontext.

6 Neue Perspektiven und aktuelle Bedeutung

Zehn Jahre nach der Veröffentlichung "The Uses of Mass Communications" veröffentlichen Jay G. Blumler, Michael Gurevitch und Elihu Katz einen Rückblick auf ihre Arbeit.32 Die Frage, ob die Gratifikationsforschung ihre eigenen Wege gehen oder Annäherung an andere Paradigmen suchen sollte, beantworten sie im Sinne Elliots formulierten Alternative von 1994 : "attempt to work toward convergences with other paradigms"33 Dadurch sei aber kein Abrücken von alten Vorstellungen verbunden, sondern vielmehr eine Erweiterung der Perspektiven, die Gratifikationsforscher fühlen sich immer noch als solche: "Are we still gratificationists? Of course we are"34

Wichtige Fortschritte der Gratifikationsforschung werden in folgenden Bereichen festgestellt:35

- zunehmende Bedeutung und methodische Verbesserungen in der Textanalyse
- zunehmendes Interesse an der ideologischen Rolle von Massenkommunikation · globale Forschungsperspektiven werden durch eine weltweite Verbreitung - vor allem das Medium Fernsehen - ermöglicht (Medienimperialismus, "cross-cultural comparisons"36 )
- ein "ganzheitliches Bewußsein" des umgebenden Systems (Medien in Verbindung mit wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aspekten der Umwelt)

Weiterhin findet sich die Forderung, Mißverständnisse und Vorurteile ("vulgar gratificationism"37 ) aus der Welt zu schaffen:

Gratifikationsforscher sollten:

1. Menschen nicht länger als abstrakte Individuen betrachten sondern deren soziale Rolle betrachten sowie Wirkungen der sozialen Struktur ("...and his or her choices are less free and less random than a vulgar gratificationism would presume") berücksichtigen.
2. Realistische Betrachtungen im Sinne einer Selbstbeschränkung vornehmen, denn nicht alles, was grundsätzlich möglich sein könnte, muß auch relevant für die Forschung sein.
3. Klare Abgrenzungen schaffen, um sich gegenüber dem Vorwurf zu wehren, daß alle möglichen Inhalte in der Gratifikationsforschung jede mögliche Funktion besitzen und jedem Gebrauch dienen könnten ("perhaps the New York Times can be read as pornography, but that is unlikely to be its statistically dominant use")38

Insgesamt ist das Erscheinungsbild des "Uses and Gratifications"-Ansatzes nicht wesentlich klarer geworden, der von Elliott (1974) als "atheoretisch" bezeichnete Charakter herrscht immer noch vor, und die Autoren räumen selbst ein, daß die größten Aufgaben der Gratifikationsforschung in der Zukunft noch bevorstehen : "The past ten years will seem like a vacation by comparison"39

Eine große Zunahme an Mediennutzungsmöglichkeiten sehen Williams, Phillips und Lum durch neue Kommunikationstechnologien gegeben.40 Diese Technologien überwinden räumliche Distanzen, machen von starren Zeitplänen unabhängig (Videokassetten vs. TV), bieten neue Kommunikationsformen (Mobiltelefone, Videokonferenzen, electronic mail) und Informationsquellen(Computernetze, Datenträger).

Dadurch werden die Auswahlmöglichkeiten und somit die möglichen Gratifikationsquellen erweitert,41 im Interessen zukünftiger Forschung liegen vor allem42

- erweiterte Auswahlmöglichkeiten, die die Mediennutzung differenzierter werden lassen
- interaktive Medien - allerdings dienen diese häufig nicht speziell der Kommunikation im klassischen Sinne sondern rein utilitaristischen Zewcken wie beispielsweise Tele- Banking und sind daher für die Gratifikationsforschung eher uninteressant
- spezifischere Gratifikationen durch "demassification" der Medien : bedeutet - beispielsweise auf Internet Nutzung übertragen- , daß es praktisch unendlich viele Inhalte und somit Alternativen für ganz individuelle, persönliche Bedürfnisse gibt

7 Kritik

"Die Leute auf dem Sofa wollen nicht herumklicken, sondern sich entspannen"43

Trotz der umfangreichen Erweiterungen, die der Ansatz in den letzten Jahrzehnten erfahren hat, gibt es noch zahlreiche Kritikpunkte. Die bereits von Elliott geforderte Abkehr von einer Fixierung auf das Individuum ist noch nicht genügend umgesetzt, die Einbeziehung gesellschaftlicher Auswirkungen noch nicht umfassend erarbeitet : "Die Forschung orientiert sich zu stark am System Individuum, während die übergeordneten Systeme weitgehend ausgeklammert bleiben"44

Weiterhin ist die Annahme eines rationalen Publikums, das nach subjektiven Nutzenabwägungen handelt, weiterhin nicht ganz unproblematisch. Diese Perspektive berücksichtigt nicht, daß das Mediensystem gerade in der heutigen Form wirtschaftlichen Zwängen unterliegt, das Medienangebot demnach nicht fest vorgegeben ist sondern ständigen dynamischen Veränderungen durch Angebot und Nachfrage unterliegt. Genau hier müßten die Rückkopplungsprozesse von Mediennutzern auf die Medienlandschaft stärker berücksichtigt werden.

Ein Problem, das der Schaffung einer einheitlichen Theorie entgegensteht, ist die kaum vorhandene Abstimmung der Forschungsarbeiten, die zu einer geringen Kompatibilität der Ergebnisse ohne einheitliches Konzept führt ("fuzzy thinking").45

Die starre Vorstellung von einem jederzeit aktiven Publikum, die Ziel zahlreicher Kritik war und ist, ist bereits einer Veränderung unterworfen. Man rückt von dieser dogmatischen Vorstellung ab und nimmt an, daß es auch Phasen geringerer Aktivität gibt : "In short, all audience members are not equally active at all times".46

8 Schlußbemerkung

Die wichtigsten Aspekte der Entwicklung, der Thesen und der Hauptproblemfelder des "Uses and Gratifications"-Ansatzes sind in dieser Arbeit skizziert - aber sie können, wie schon in der Einleitung angesprochen, nur einen kleinen Ausschnitt darstellen. Trotz des Umfangs und der Komplexität dieses Themas, welches erschöpfend zu beschreiben sicherlich nicht Aufgabe einer einzigen Arbeit dieser Größenordnung sein kann, dürften die Grundmerkmale des Ansatzes deutlich geworden sein. Insgesamt stellt sich die Gratifikationsforschung sehr inhomogen und unvollständig dar - unterschiedliche Terminologie erschwert zusätzlich den Überblick. Hauptproblem bei der Darstellung von "Uses and Gratifications" ist nach wie vor das Fehlen einer ausformulierten Theorie. Durch das Abrücken vom uneingeschränkten Glauben an die Publikumsaktivität hin zu Vorstellung von einer komplexen Interaktion zwischen Medien und Publikum öffnet sich der Ansatz neuen Perspektiven. Subtile Medienwirkung ist der Kern neuer Forschungsaktivitäten, neuere Entwicklungen in der Medienwirkungsforschung wie das dynamisch-transaktionale Modell resultieren aus diesem Trend.

9 Literaturverzeichnis

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Williams, Frederick, Amy Friedman Phillips, Patricia Lum : Gratifications associated with new communication technologies. In: Rosengren, Karl Erik, Lawrence A. Wenner, Philipp Palmgreen (eds.): Media Gratifications Research. Current Perspectives. Beverly Hills: Sage Publications 1985.

[...]


1 Vgl. Schenk, Michael : Medienwirkungsforschung. Tübingen : J.C.B. Mohr 1987, S.383, S.386

2 Vgl. Burkart, Roland : Kommunikationswissenschaft. Grundlagen und Problemfelder. Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. Wien, Köln, Weimar: 1995, S. 186

3 Vgl Lazarsfeld, Paul F., Bernard Berelson, Hazel Gaudet : The People`s Choice. How the Voter Makes up his Mind in a Presidential Campaign. New York 1944

4 Vgl. Noelle-Neumann, Elisabeth, Winfried Schulz, Jürgen Wilke (Hrsg.) : Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation. 3. Auflage. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag 1994, S. 535

5 Vgl. Schenk : 1987, S.379

6 Vgl. Rubin, Alan M.: Media Uses and Effects: A Uses-and-Gratifications Perspective. In Jennings Bryant, Dolf Zillman (eds.) : Media Effects. Advances in Theory and Research. Hillsdale: Lawrence Erlbaum Associates 1994, S. 421

7 Herzog, Herta: What Do We Really Know About Daytime Serial Listeners? In: Paul F. Lazarsfeld, Frank N. Stanton (eds.) : Radio Research 1942-1943. New York: Duell, Sloan and Pearce 1944, S. 3-33.

8 Ebd. S. 24

9 Ebd. S. 24

10 Ebd. S. 24

11 Schenk, S. 383

12 Ebd. S. 383

13 Herzog: 1944, S. 32

14 Rubin S. 421

15 Katz, Elihu, Jay G. Blumler, Michael Gurevitch : Utilization of Mass Communication by the Individual. In: Blumler, Jay G., Elihu Katz (eds.): The Uses of Mass Communications. Current Perspectives in Gratifications Research. Beverly Hills: Sage Publications 1974. S. 20

16 vgl. Schenk S. 387

17 Schenk S. 388

18 Katz, Elihu, Jay G. Blumler, Michael Gurevitch : 1974, S. 24

19 Ebd. S. 20

20 Ebd. S. 26f

21 Ebd. S. 28f

22 Ebd. S. 21f

23 vgl. Schenk S. 394ff

24 Vgl. Rosengren, Karl Erik : Uses and Gratifications: A Paradigm Outlined. In: Blumler, Jay G., Elihu Katz (eds.): The Uses of Mass Communications. Current Perspectives in Gratifications Research. Beverly Hills: Sage Publications 1974. S. 269ff.

25 Ebd. S. 272

26 Rubin, S. 418

27 Elliot, Philip : Uses and Gratifications research : A critique and a sociological alternative. In: Blumler, Jay G., Elihu Katz (eds.): The Uses of Mass Communications. Current Perspectives in Gratifications Research. Beverly Hills: Sage Publications 1974. S. 256

28 vgl. ebd. S. 252

29 vgl. ebd. S. 251

30 vgl. ebd. S. 262

31 ebd. S. 264

32 Blumler, Jay G., Michael Gurevitch, Elihu Katz : Reaching Out: A Future for Gratifications Research. In: Rosengren, Karl Erik, Lawrence A. Wenner, Philipp Palmgreen (eds.): Media Gratifications Research. Current Perspectives. Beverly Hills: Sage Publications 1985. S. 255ff

33 ebd. S. 271

34 ebd.

35 vgl. ebd. S.257

36 vgl. ebd. S.267f

37 ebd. S.259

38 ebd. S.260

39 ebd. S.273

40 Williams, Frederick, Amy Friedman Phillips, Patricia Lum : Gratifications associated with new communication technologies. In: Rosengren, Karl Erik, Lawrence A. Wenner, Philipp Palmgreen (eds.): Media Gratifications Research. Current Perspectives. Beverly Hills: Sage Publications 1985. S. 241ff.

41 vgl. ebd. S.242f.

42 vgl. ebd. S.249ff.

43 Netscape-Gründer Marc Andreessen, FOCUS vom 13. Juli 1998, S.154

44 Schenk, S. 387

45 vgl. Rubin S. 423

46 Rubin S. 427

Details

Seiten
17
Jahr
1998
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v94909
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Publizistik
Note
Schlagworte
Uses Gratifications Institut Publizistik Johannes Gutenberg-Universität Mainz Seminar Medienwirkungsforschung

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