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Das humanistische Bildungsprogramm. Welche Transformationen spiegeln sich im Konzept der studia humanitatis zur Modernisierung und Empirisierung im 15. Jahrhundert?

Hausarbeit 2019 19 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Renaissance-humanistische Bildung
2.1. Anfänge des Humanismus
2.2. Erziehungs- und Bildungsverständnis

3. Humanistisches Studienprogramm
3.1. Die studia humanitatis
3.2. Latein: Die Sprache des Humanismus

4. Transformationsprozesse und Auswirkungen der studia humanitatis
4.1. Empirisierung
4.2. Modernisierung

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

„Der Entdecker der neuen Welt des Humanismus war Francesco Petrarca. Er hat nicht nur vorwärts ihre Bahnen und Perspektiven eröffnet, er hat sie bereits in fast allen Richtungen mit sicheren Schritten des Triumphes durchmessen“ (Böhme, 1984, S. 59). Petrarca gilt als Begründer der Alten Welt und ihrer Aneignung unter den Bedingungen der Neuen Welt. Letztere wurde von Georg Voigt als Welt des Geistes verstanden und mit dem Begriff des Humanismus tituliert. Renovatio und resurrexio, renasci und revivere - Erneuerung und Auferstehung sowie Wiedergeburt und Wiederbelebung waren die Schlüsselbegriffe des humanistischen Zeitalters (vgl. ebd. S. 64).

Durch seinen Vater wurde Petrarca von früh auf mit Cicero und dessen Schriften vertraut gemacht, sodass die antiken Werte, Traditionen und das Realitätsverständnis der römischen Kultur ihm ständige Begleiter waren. Später arbeitete Petrarca im Hause Colonna, wo er Freundschaften mit Angelo di Stefano und Ludovicus Sanctus de Beeringen schloss, welche von großer Bedeutung für seinen Werdegang waren. So wurde Angelo di Stefano zum Laelius seiner humanistischen Briefe und Ludovicus der „Socrates“ seiner Freundschaftsbriefe, welchen Petrarca sich lebenslang verbunden fühlte. Die Freundschaften wurden zur humanistischen Attitüde gesteigert und entwickelten sich im Gedankenaustausch über die Lebenserfahrungen sowie Studien zur Essenz des humanistischen Bestehens. Petrarca reiste nach Paris, Flandern, in die Rheinlande und nach Rom, wodurch sein politisches und humanistisches Denken immer wieder angeregt und erweitert wurde (vgl. ebd. S. 65). Anhand Petrarcas Lebenswegs wird deutlich, dass die humanistische Existenz trotz aller Esoterik und trotz aller gelehrten, weltabweisenden Attitüden sich nicht außerhalb von Zeit und Raum verwirklicht. Vielmehr ringt der Humanismus um nützliches Wissen und Weltverständnis, wobei die Bildung des Menschen als Weltveränderung für ein humanes Leben verstanden wird. Petrarca selbst lebte nach diesem Bildungsverständnis (vgl. ebd. S. 70). Er engagierte sich politisch, theologisch-kirchlich sowie künstlerisch und natürlich wissenschaftlich. Im Rahmen der wissenschaftlichen Auseinandersetzung war die Sprachwissenschaft die erste seiner Disziplinen. Hierbei galt Cicero hinsichtlich der lateinischen Sprache als sein großes Vorbild. Zudem engagierte sich Petrarca philosophisch: Er las Aristoteles und Platon und übernahm die Interpretationen der lateinischen Historiker für seine politischen Aktivitäten. Aufgrund dessen fühlte sich Petrarca der Rehabilitation der antiken Schriftsteller und der Zusammenstellung einer großen Bibliothek berufen. Die leidenschaftliche Hinwendung Petrarcas zur Antike und der zunehmende Erneuerungsgedanke entfachten ein neues historisches Bewusstsein, welches wiederum prägend für den Humanismus und dessen Bildungsprogramm war (vgl. ebd. S. 70-72). Den studia humanitatis gab Petrarca die entscheidenden Impulse:

„Er vereinigt politisch-historisches Bewusstsein, das Geschichtsstudium und Geschichtsforschung hervortreibt; sittliches Bewusstsein, das Ethik und Moralphilosophie erfordert; ästhetisches Bewusstsein, das die künstlerische Pflege der Sprache verlangt; philologisches Bewusstsein, das nach vollendetem Umgang mit der klassischen wie mit der eigenen Sprache ruft“ (Böhme, 1984, S. 73).

Die vorliegende Ausarbeitung basiert auf dem Seminar „Subjektwerdung und Vergesellschaftung im historischen Prozess: Humanismus, Reformation, Aufklärung: Pädagogik im Prozess der Moderne“ und thematisiert die wissenschaftliche Fragestellung „Welche Transformationen spiegeln sich im renaissance-humanistischen Konzept der studia humanitatis zur Modernisierung und Empirisierung von Welt und Mensch im 15. Jahrhundert?“

Nach einer Einführung in die Thematik werden zunächst die Anfänge des Humanismus anhand der historischen Einordnung und zentraler Begriffe skizziert, wobei den Aspekten der Erziehung und dem Bildungsverständnis besondere Aufmerksamkeit zukommt. Das darauffolgende Kapitel widmet sich den studia humanitatis. Hier werden zunächst die Rahmenbedingungen und die Bedeutung der Bildung für das Individuum beschreiben. Das humanistische Studienprogramm wird mittels des Fächerkanons beleuchtet, wobei die lateinische Sprache den Schwerpunkt dieses Kapitels bildet. Das anschließende vierte Kapitel thematisiert die Auswirkungen der studia humanitatis auf die Modernisierung und die Empirisierung von Welt und Mensch im 15. Jahrhundert. Inwiefern hat sich das Realitätsverständnis im Renaissance-Humanismus verändert? Was bewirken die einzelnen Disziplinen und welche Ansprüche haben die Menschen an die Wissenschaft? Die Antworten auf diese Fragen sowie die Kernaussagen der vorliegenden Seminararbeit werden im letzten Abschnitt zusammengefasst.

2. Renaissance-humanistische Bildung

Am Anfang der neuzeitlichen Bildungsgeschichte stehen die italienischen Humanisten, welche aufgrund ihrer Hinwendung zur und Rückbesinnung auf die Antike in ihrer lebensformenden Funktion als eigenen Wert verstanden. Die Pädagogik des italienischen Humanismus hat in Theorie und Praxis die Perspektiven der Erziehung und der Unterrichtung sowie die Bildungsinstitutionen nachhaltig in ganz Europa beeinflusst. Der humanistische Einfluss ist auch epochenübergreifend überall dort wirksam, wo bildungsphilosophische Substanzen der Antike entlehnt werden und im modernen Bildungskontext die allseitige Entfaltung geistiger und sittlicher Kräfte des Menschen anstreben (vgl. Buck, 1996, S. 1). Demnach lassen sich der Begriff und die Idee der pädagogischen Bewegung des Humanismus sowohl im italienischen, im europäischen als auch im deutschen Humanismus wiederfinden (vgl. Böhme, 1984, S. 13). Der italienische Humanismus gilt als wichtigste Voraussetzung für das historische Verständnis moderner Bildung, sodass sich die vorliegende Ausarbeitung vorrangig mit diesem beschäftigt. Im folgenden Kapitel werden die historischen, geologischen und inhaltlichen Ursprünge sowie das renaissance-humanistische Bildungsverständnis thematisiert.

2.1. Anfänge des Humanismus

Der italienische Humanismus gilt als Bildungsbewegung der Renaissance und Wiedergeburt der Antike. Die Ursprünge dieser Wandlung stehen im Zusammenhang mit den Erschütterungen und dem Niedergang der universalen Gewalten des Mittelalters. Tiefgreifende ökonomische und politische Krisen, schwere Hungersnöte und Pestepidemien prägten das 14. Jahrhundert. Das Papsttum, die Einheit der Kirche sowie das Kaisertum erlebten einen tiefen Fall und die italienischen Stadtstaaten rangen um Macht. Zudem wurden die scholastischen Studien zunehmend in Zweifel gezogen und auch die Künste unterlagen neuer Gestalt (vgl. Böhme, 1984, S. 64/Buck, 1996, S. 3). Die daraus resultierenden Entwicklungen zum eigenstaatlichen Leben und zur frühkapitalistischen Gesellschaftsform schafften in den italienischen Kommunen die Vorrausetzung für eine Laienbildung, aus welcher die humanistische Bewegung hervorging. Ort des Geschehens und somit Wiege der Renaissance war die Stadt Florenz (vgl. Buck, 1996, S. 3). Der damalige Zeitgeist wird bis heute im florenzischen Stadtbild deutlich. Hierbei veranschaulichen die beiden Türme und ihre Gegensätzlichkeit das renaissance-humanistische Klima. Während der Turm des Palazzo Vecchio als alt, düster und streng beschrieben wird, gilt der Turm des Giotto als prächtig, bunt und klar. Campanile di Giotto repräsentiert die Erneuerung der bildenden Kunst und auch die kräftige Kuppel des Doms wird als große Stilveränderung betrachtet. Der Bau verbindet die Künste mit der humanistischen Bildung, indem dieser nicht nur als ästhetisches Phänomen sondern auch als wissenschaftlich gelehrtes erfahrbar wird (vgl. Böhm, 1996, S. 23-24). „Florenz ist die Hochburg der Renaissance und des Humanismus, beides in einem. Aus der Toskana erwächst der Humanismus“ (Böhme, 1984, S. 21).

Die Idee der humanistischen Erziehung erwuchs aus der Antike unter Anknüpfung neuer innerweltlicher Bildung. Es galt, den Menschen zu seiner wahren Form und zur Vollkommenheit zu erziehen. Die Menschen sollten nicht mehr nur von der Bibel oder der Kirche beherrscht werden, vielmehr sollte die freie geistige Entwicklung der Bevölkerung gefördert werden (vgl. Buck, 1996, S. 1-3). Um dieses Ziel zu erreichen orientierten sich die Menschen an den großen Dichtern und Denkern des Altertums wie Cicero, Aristoteles, Platon, Socrates, Seneca, Tertullian, Cyprian sowie Francesco Barbaro, Plutarch und vielen andere (vgl. Piccolomini, 1966, S. 94). In ihren Schriften wurden die Erforschung des Ichs, die Beobachtung der Gesellschaft und die Antriebe des menschlichen Handelns thematisiert. Demnach ging die Menschenkunde allen Lebensregeln zur Hand und unterstützte das Individuum bei seiner Daseinsbewältigung. Die Kenntnisse der Antike wurden mittels Briefen und Büchern weitergegeben, wodurch das Buch dem Humanisten als höchste Autorität erschien (vgl. Buck, 1996, S. 4). „Die Bücher sind (...) die Eltern der Wahrheit, die treuen Hüter der Zeit, die Lehrer des Lebens, die Führer der Rede; sie verschaffen uns den Gebrauch, die Erfahrung und das Beispiel aller Dinge“ (ebd., S. 3). Dieser unermessliche Wert der Bücher und die Liebe zur Antike trieb die Sehnsucht der Humanisten, möglichst viele Autoren des Altertums kennenzulernen, sich deren Werke zu beschaffen und bestenfalls noch unbekannte Handschriften aufzuspüren, an. Im 14. Jahrhundert reisten die Humanisten, auf der Jagd nach Manuskripten, zu fast allen Bibliotheken des Abendlandes, bis Griechenland und Byzanz. Entdeckte man eine Handschrift, konnte diese erworben oder aber kopiert werden. Die Jagd nach Manuskripten wurde für die Humanisten zur unstillbaren Gier (vgl. ebd., S. 89-90), beispielsweise gestand Petrarca: „Ich könnte nie genug von Büchern kriegen“ (ebd., S. 90). Auch Piccolomini gab sich ganz und gar den Handschriften der Antike hin. Der vertrauliche Umgang mit seinen Büchern erfüllte seine Freizeit, seinen Beruf und sein Leben. „Nie wirst du so viel in der Erfahrung erleben, wie du im Lesen lernen wirst“ (ebd., S. 91). Mit der Ablösung der Wertigkeit der Lebenserfahrung durch das Buch erreichte die humanistische Wertschätzung der antiken Handschriften ihren Höhepunkt.

Obwohl der Umgang mit den Büchern und das Studium den Alltag der Humanisten bestimmten, lebten sie weder isoliert von ihrer Umwelt noch waren sie desinteressiert am sozialen Austausch. Die Pflege der Freundschaft galt als humanistischer Kult und nahm im Leben und Wirken ihrer Vertreter eine gemeinschaftsstiftende Funktion ein. Darüber hinaus fand der Freundschaftskult seine Leiterbilder in der Antike. Viele Humanisten knüpften Freundschaften, welche auf gemeinsamen Interessen und Lebensformen basierten. Sie nutzen vor allem den Brief, um miteinander in Dialog zu treten und ihre Gedanken auszutauschen. In manchen Fällen der Brieffreundschaft kannten sich die Korrespondenten nicht persönlich, sodass ihre Verbindung einzig auf dem Geschriebenen beruhte (vgl. ebd., S. 94). Neben dieser literarischen Fiktion des Dialogs verlebten die Humanisten ihre Freundschaften auch in gesellschaftlicher Wirklichkeit. So lud beispielsweise Franco Sacchetti zweimal jährlich zu einem Bankett ein, bei welchem er seine Gäste für zwei bis drei Tage festlich bewirtete. Solche Veranstaltungen boten den geeigneten Rahmen für einen regen Austausch und für das Knüpfen neuer Freundschaften. Gemeinsame Interessen sowie gegenseitige Sympathien schufen binnen des humanistischen Zirkels eine Atmosphäre des gegenseitigen Wohlwollens und der Verständnisbereitschaft (vgl. ebd., S. 99-101).

Die Humanisten entstammten unterschiedlicher sozialer Herkunft, sodass Angehörige aus jeder Gesellschaftsschicht vertreten waren: aus dem Kleinbürgertum, aus dem städtischen Patriziat, aus den Kreisen der Handels- und Finanzmagnaten und dem Grundadel. Abhängig von der sozialen Herkunft war unter anderem die finanzielle Situation, welche sich wiederum auf das individuelle Studium auswirkte (vgl. ebd., S. 83). Trotz ihrer sozialen Vielfalt standen für alle Humanisten die Bücher, das Bildungsideal und das Menschenbild der Antike im Mittelpunkt. Burckhardt definiert sie als „eine neue Menschenklasse, [die] eine neue Sache in der Welt“ (Burckhardt, 1952, S. 85) vertreten. Zudem entwickelten die italienischen Humanisten einen neuen Lebensstil mit neuen Geselligkeitsformen, neuen Gewohnheiten hinsichtlich der Kleidung und des Konsums sowie antikisierendem Namensgebrauch (vgl. Treml, 1989, S. 141). Auch der berufliche Tätigkeitsbereich der Humanisten war von Vielseitigkeit geprägt und umfasste verschiedene Berufsbilder. Während einige als Lehrer an Universitäten und Schulen arbeiteten, übernahmen andere die Gründung und Leitung von Privatschulen. Wieder andere agierten als Fürstenerzieher oder als Sekretäre an der Kurie sowie in den Kanzleien von Fürsten und Stadtstaaten (vgl. Buck, 1991, S. 84-85).

Durch die Lehrtätigkeit, die Jagd nach antiken Handschriften und den Reisen seiner Vertreter verbreitete sich der Humanismus über weite Teile Europas. Darüber hinaus galt Italien als Hochburg der Universitäten: Bereits vor 1500 gab es hier weitaus mehr Universitäten als andernorts, sodass eine Vielzahl ausländischer Studierender und Lehrender nach Italien kam. Auch Pilger, Kaufleute, Geistliche und Wanderlehrer reisten durch Italien und nahmen das humanistische Gedankengut auf, welches sich auf diesem Wege in ganz Europa verbreitete (vgl. Buck, 1996, S. 25-45). „Wo zurückgekehrte Italien-Studenten als Lehrer an [anderen europäischen] Universitäten und Schulen wirkten oder im praktischen Leben als Kleriker, Richter, Ärzte, Politiker und Staatsmänner tätig waren, trugen sie zur Verbreitung der humanistischen Idee bei“ (ebd., 1996, S. 43).

2.2. Erziehungs- und Bildungsverständnis

Die Epoche des Humanismus strebte die Erneuerung aller Lebensbereiche an, indem der Mensch sich dem systematischen Studium der Antike und ihrer Lebensformen hingeben sollte. Die zentralen Bereiche umfassten die Kunst, die Politik, die Architektur, die Literatur sowie die Philosophie, die Medizin und einige weitere. Jeder Disziplin wird eine Modellfunktion zugeschrieben, sodass der Mensch eine Hinwendung zu Individualismus und Kosmopolitismus; eine verstärkte Förderung von Ökonomie und Naturwissenschaften erfährt, welche zusammenfassend als unvoreingenommene Erforschung des umgebenden Mikro- und Makrokosmos beschrieben wird (vgl. Felten et al., 1992, S. 88).

Ziel des zeitgenössischen Bildungsideals war die Erziehung des Menschen zu seiner wahren Form und vor allem zur Menschlichkeit, welches durch die Ausbildung der Fähigkeiten und des Verstandes erreicht werden sollte. Demnach werden homines naturales erst durch Bildung und die damit verbundene Veredelung zu homines civiles (vgl. Buck, 1996, S. 7). Petrarca unterstreicht die Notwendigkeit der Bildung: „Der Mensch ist ein gefährliches, wankelmütiges, treuloses, doppelzüngiges, grausames und blutgieriges Tier, falls er nicht [...] lernt, seine Tiernatur abzulegen und Menschlichkeit (Humanitas) anzunehmen, und aus einer bloßen Kreatur zum Mensch wird“ (ebd., 1996, S. 12). Auch Erasmus formulierte einen ähnlichen Gedanken: „Bäume wachsen vielleicht von selbst, Pferde kommen zur Welt, aber Menschen, glaube mir, werden nicht geboren, sondern gebildet“ (ebd., 1996, S. 7). Die Überwindung der Animalität des Menschen durch Bildung und Erziehung gilt im renaissance-humanistischen Kontext als unabdingbarer und identitätsstiftender Lernprozess der studia humanitatis.

Im Rahmen der studia humanitatis muss der Mensch zunächst lernen, seine Triebe und Affekte zu unterdrücken, da er nur auf diesem Weg Selbstbeherrschung sowie Gelassenheit erlangt. Neben diesen Eigenschaften werden vor allem die antiken Tugenden von Aristoteles übernommen und auf die Gesellschaft der Renaissance angewendet. Hierzu zählen die Kardinaltugenden, Gerechtigkeit, Mäßigung, Tapferkeit und Weisheit sowie Güte, Gehorsamkeit, Freigiebigkeit, Wohltätigkeit, Großherzigkeit, Weltklugheit, etc. Insgesamt sollen die Tugenden als rechte Mitte zwischen den Extremen verstanden werden, da auf diese Weise die Ordnung von Sitten, Gebräuchen und Gesetzen sichergestellt wird (vgl. ebd., 1996, S. 11-13). Erlangt der Mensch die geistigen Güter, so bleiben sie ihm treu und werden ihm erst im Tode genommen. Piccolomini beschreibt sie als die wahren Güter, welche wir genießen sollen, solange wir leben, da sie unser Leben bereichern und die Hoffnung auf ewige Seligkeit gewähren. Jedoch bedingt die Aufrechterhaltung Pflege, welche sich überwiegend als Studium der Literatur gestaltet (vgl. Piccolomini, 1966, S. 89). „[Dabei] will ich gar nicht, dass Du Tag und Nacht über den Büchern brütest, sondern wünschte nur eine Stunde jedes Tages, die Du der Wissenschaft widmest“ (ebd., 1966, S. 92). Neben der Pflege der Tugenden schöpft der Verstand große Kraft aus dem Studium. Beim Nachdenken über die Lehren der antiken Autoren soll der Mensch erkennen, wie sich die Bildung auf das Heil der Seele und zum Nutzen des Körpers auswirkt.

Um all die Vorteile des Studiums zu genießen, wird die Aufnahme bereits im frühen Kindesalter empfohlen, da der Charakter hier als sehr bildungsfähig und das Gedächtnis als unbelastet gilt. Maffeo Vegio hält sieben Jahre und Piccolomini fünf Jahre für angemessen. Letztlich lag die Bildungsverantwortung bei den Eltern und auch diese wurden von den Humanisten aufgefordert, ihr Studium trotz vollendeter schulischer oder universitärer Bildung, im Privaten kontinuierlich fortzusetzen. So wurden die Lektüren der alten Klassiker unter anderem zu Lebenshilfen, Vermittlern und Stilmustern (vgl. Buck, 1996, S. 11-12). Der Mensch soll seinen Schatz bewahren und vermehren, damit die Vorzüge mit der Zeit wachsen und der Charakter täglich vollkommener wird (vgl. Piccolomini, 1966, S. 88). Die Wiederaufnahme des Studiums ist von zentraler Bedeutung für den Humanismus und dessen Bildungsverständnis.

Unter Berücksichtigung der eben beschriebenen Notwendigkeit des Studiums und dem Wert der Tugenden sowie der vorangegangenen historischen, geologischen und inhaltlichen Einordnung des italienischen Humanismus, wird deutlich, dass die Wiedergeburt der Antike und das Eindringen in das geistige Leben, von dem Mitwirken der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse geprägt wurde und sich in einem einzigartigen Bildungswillen niederschlug. Die humanistische Bildungs- und Kulturbewegung reagierte demnach auf die sozial-gesellschaftliche Umschichtung hinsichtlich der Pluralisierung ihrer Handlungsfelder und Wissensformen.

„Damit steht die Epoche in vollem Glanz vor Augen und wird in ihren Eigentümlichkeiten fassbar: Die Hinwendung zur Antike in ihrer imaginierten Vorbildlichkeit, die Verschlingung mit der christlichen Tradition, die Gewinnung neuer Studien- und Wissensbereiche, die Erschließung der Quellen der Bildung, die Wiederherstellung der Texte, das Interesse an der Versittlichung der Menschen“ (Böhme, 1984, S. 15).

3. Humanistisches Studienprogramm

Im Zentrum des Humanismus stehen die studia humanitatis. Diese wiederbelebten Studien und das Bildungsprogramm der Antike bilden den thematischen Schwerpunkt des folgenden Kapitels. Hierbei wird zunächst der Hintergrund des Studiums beleuchtet sowie die Fächer des klassischen Lehrplans vorgestellt. Im Mittelpunkt des Bildungskanons stehen die Sprachwissenschaften, sodass diesen auch hier besondere Beachtung zukommt.

3.1. Die studia humanitatis

Das System, in dem der italienische Humanismus die Bildung organisiert hat, sind die studia humanitatis. „In einem der frühsten Wiederverwendungen des durch Cicero geprägten Begriffs rühmt Leonardo Bruni Aretino am Beginn des 15. Jahrhunderts Petrarca deswegen, weil er die schon erloschenen studia humanitatis wieder erneuert habe“ (Buck, 1996, S. 12). Ursprung des antiken Wissenskonzepts war die humanitas (Menschlichkeit), welche die Beziehung zwischen Wissen und Bildung des Menschen hergestellt hatte. Der Begriff der humanitas wurde im renaissance­humanistischen Kontext häufig in Verbindung mit dem Begriff der civilitas verwendet, da der menschlichen Zivilisierung und den damit verbundenen Verhaltensanforderungen besondere Bedeutung zukam. Die erforderlichen Eigenschaften des Zivilisierungsprozesses umfassten neben der Affektkontrolle die Mäßigung, Selbstbeherrschung sowie Freundlichkeit und Umgänglichkeit (vgl. Treml, 1989, S. 99). Die Norm der humanitas kann demnach auch als Überwindung der angeborenen Animalität verstanden werden. Dieser Lernprozess, „deren Mutter die Antike ist -, studiorum mater omnium...antiquitas‘ - [zeigt] dem Menschen den Weg“ (Buck, 1991, S. 104) zum rechten Leben. Petrarca etablierte die neue menschliche Entwicklungsnorm, welche sich einerseits auf die Antike berief, anderseits auf zeitspezifische kulturelle und soziale Herausforderungen reagierte. Auf diese Weise konnten die Humanisten an der Idee der persönlichen Vervollkommnung durch das tugendhafte Leben festhalten und zugleich an der christlichen Idee der menschlichen Gottesebenbildlichkeit anknüpfen, wodurch ein tiefer Bruch bezüglich der christlichen Geschichte des Mittelalters vermieden wurde (vgl. Trinkaus, 1970, S XX.). Die alten Lehrfächer des klassischen Studienprogramms erschienen im neuen Gewand (vgl. Böhme, 1984, S. 17) und der Begriff studia humanitatis wurde zum Schlüsselwort der humanistischen Pädagogik (vgl. Buck, 1991, S.105).

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Details

Seiten
19
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346292155
ISBN (Buch)
9783346292162
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v951155
Institution / Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
1,3
Schlagworte
bildungsprogramm welche transformationen konzept modernisierung empirisierung jahrhundert

Autor

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