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Zukunft der Beschäftigung und der Arbeitsstruktur im Dienstleistungssektor

Seminararbeit 1996 11 Seiten

VWL - Arbeitsmarktökonomik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Komplexität einer Zukunftsperspektive

Kriterien der Beschäftigung und der Arbeits struktur im Dienstleistungssektor

1. Was ist Dienstleistung eigentlich ?

2. Die Entwicklungstheorie: von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft

3. Die Produktivität der Dienstleistung

4. Wie rationalisierungsresistent ist Dienstleistung ?

5. Die Beschäftigung im DLktor

6. Die Rolle der Gewerkschaften

Ausblick

Literaturverzeichnis

Komplexität einer Zukunftsperspektive

Auch bei uns in Deutschland als einem der bekanntesten Industrieländer geistert das Wort Dienstleistungsgesellschaft umher. Seit Mitte der 80er Jahre sind nach dem Anteil an der Gesamtbeschäftigtenzahl und an der gesellschaftlichen Wertschöpfung, sowohl die privaten, wie auch die öffentlichen Dienstleistungsbereiche in den westlichen Gesellschaften der dominierende und dynamische Sektor. Dienstleistung wird als Heilmittel gegen Arbeitslosigkeit und Rationalisierung gepriesen, als Markenzeichen für hochentwickelte Industrieländer hochgehalten, doch ob man wirklich von einem Dienstleistungswunder, das die Zukunft der Beschäftigung sicherzustellen vermag, sprechen kann, soll hier erörtert werden. Dazu müssen erst einmal einige Begriffe geklärt werden. Die Zukunft der Beschäftigung und die Arbeitsstruktur im Dienstleistungssektor sind entscheidend von der gegenseitigen Verquickung und der Vernetzung innerhalb unserer Gesellschaft sowie ihrer wirtschaftlichen und sozialen Ausrichtung abhängig. Regionale und gesellschaftspolitische Unterschiede beeinflussen die Zukunft von Dienstleistung so stark, daß hier nur ein grober Umriß gezeichnet werden kann. Die Zukunft von Dienstleistung und ihrer Beschäftigung und Arbeitsstruktur kann nur anhand von einzelnen Kriterien, die letztlich ein Ganzes bilden, beispielhaft analysiert werden.

Kriterien der Beschäftigung und der Arbeitsstruktur im Dienstleistungssektor

1. Was ist Dienstleistung eigentlich ?

Um dem Begriff Dienstleistung näher zu kommen, muß zuerst die Problematik bei der Begrifflichkeit dargestellt werden, denn Dienstleistung definiert sich nicht selbst als etwas, sondern ist eher ein Relikt anderer Begrifflichkeiten. So bedeutet Dienst- leistung all jene Tätigkeiten, die z.B. nicht produzierend sind, sie definiert sich also über ein Negativum.

Obwohl Dienstleistung überall gleich ist, findet man Unterschiede in den Statistiken, denn Dienstleistung kann auch sektoral definiert werden, so z.B. ist ein Informatiker bei einem Autokonzern nach deutscher Statistik bis vor kurzem dem Industriesektor zugeordnet worden, da man hier von dem Sektor - also der Branche - , dem Endprodukt des Unternehmens ausgeht. In den USA ist schon seit einigen Jahren der gleiche Informatiker statistisch gesehen der Dienstleistungsbranche zuzuordnen, also funktional, nach seiner tatsächlichen Tätigkeit definiert.

Eine weitere Unterscheidung findet in der folgenden Aufteilung von Dienstleistungen statt:

a) industrielle / produktbezogene Dienstleistung: also konjunkturabhängig, der Produktion vor- oder nachge- lagert, abhängig von unternehmenspolitischen "make or buy"

-Entscheidungen (z.B. outsourcing oder z.Z. eher konträrer Trend: Unternehmensbank)

b) konsumorientierte/persönliche Dienstleistung (haushaltsbezogen oder Fun-Services) also stabiler gegenüber Konjunkturschwankungen, aber abhän- gig von der Nachfrage - also der Kaufkraft ( z.B. Friseur, Haus- hälterin etc.). Hier herrscht das uno-actu-Prinzip, d.h. die Tätigkeit wird in einem einzigen Zuge verrichtet und beendet

c) öffentliche Dienstleistungen abhängig von politischen Trends und rechtlichen Regularien;

ggf. auch privat organisiert, z.B. Gesundheitswesen.

So läßt sich also der Begriff Dienstleistungsgesellschaft auch nur über Hilfswege definieren. Interessant ist hierbei die Unter-scheidung, die Baethge/Oberbeck machen, denn sie legen noch eine zusätzlich Wertung an, indem sie die Dienstleistungsgesell-schaft der USA als "Dienstbotengesellschaft" bezeichnen, als eine Gesellschaft, die Dienstleistungsarbeit auf so niedrigem Niveau, mit so schlechter Entlohnung und sozialer Sicherung, oft auch nur mit geringstem Anspruch, betreibt, daß es eher eine Ausbeutungs- als eine Dienstleistungsgesellschaft ist.

Wie kommt es nun, daß gerade hochentwickelte Industriestaaten einen so hohen Anteil an Dienstleistungsektoren aufweisen?

2. Die Entwicklungstheorie: Von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft Über die Entwicklung des Dienstleistungsektors gibt es verschie-dene Theorien: Die Kompensationstheorie von Jean Fourastie (1949) in: Le Grand Espoire du XXe Siècle

Hierbei geht F. davon aus, daß es bei steigendem Wohlstand zu einer zunehmenden Sättigung der materiellen Grundbedürf- nisse komme, während die immateriellen oder höheren Bedürf- nisse ein sehr viel größeres Gewicht im gesellschaftlichen Le- ben erhielten.

Er unterscheidet die drei Sektoren (Landwirtschaft = primärer Sektor, Industrie = sekundärer Sektor, Dienstleistung = tertiärer Sektor) nach ihrer Produktivität, daher auch Drei-Sektoren-

Theorie genannt. Dienstleistung dei demnach am unproduktiv-sten. Seine Hoffnung, daß im 20. Jahrhundert mit wachsen-dem Reichtum und Vergesellschaftungsprozeß sich die Nachfrage der Konsumenten auf Dienstleistungen verla- gere, daß ein "Hunger nach Tertiärem" als Folge produkthafter

Übersättigung entstehe, begründet er mit dem Wunsch der Allgemeinheit nach Melioration der Lebensverhältnisse einerseits, und andererseits daß mit abnehmender Produktivität eine Rationalisierungsresistenz entstehe, somit der Dienst-leistungssektor, die im sekundären Sektor wegrationalisierten Kräfte auffangen, also kompensieren wird, Dienstleistung praktisch als Wunder gegen Arbeitslosigkeit diene, daß der Beschäftigungs-anteil sogar wachsen könne.

Auch Bell behauptet mit seiner nachindustriellen Gesellschaft: "...kennzeichnend für eine nichtindustrielle Gesellschaft sind vor allem zwei Merkmale: die zentrale Stellung des theoretischen Wissens und das zunehmende Übergewicht der Dienstleistungswirtschaft über die produzierende Wirtschaft".

Hartmut Häusermann und Walter Siebel stellen Fourasties Kompensationstheorie in Frage. Sie beziehen sich auf die pro- duktorientierte Dienstleistung in der Form, daß sie keinerlei Einfluß auf die Beschäftigung habe, noch verschiebe sie den Konsum von Gütern zu Dienstleistungen. Sie sei lediglich eine moderne Form der Umwegproduktion durch Steigerung der Produktivität der Güterherstellung und erzeuge Innovation und Kreativität. Ihre Zunahme entspricht einer Abnahme der Ferti- gungstätigkeit, denn aufgrund der Produktivitätssteigerung können immer mehr Güter mit immer weniger Arbeitskräften hergestellt werden. Produktbezogene Dienstleistung sei also ein Artefakt der Statistik und müsse zu keiner Freisetzung von Kräften führen (Management eines Industrieunternehmens zählt als produktbezogene Dienstleistung).

"Die zentrale Begründung für das Wachstum der Dienstleistungsbeschäftigung liegt in der Verschiebung der Konsumnachfrage zugunsten von Dienstleistung und kann sich daher nur auf konsumorientierte Dienste beziehen".

Immer neue Nachfrage nach Konsum von Gütern und Dienst- leistungen entsteht als Effekt von sozialer Ungleichheit, Kom- pensationsbedürfnissen und wachsendem Reichtum. Doch auch die personenbezogenen Dienstleistungen werden durch unsere Selbstbedienungsgesellschaft an den Rand ge- drängt, sie werden oft zu produktbezogenen Dienstleistungen. (Beispiel: vom Barbier zum Do-it-your-self mit dem Rasierap- parat).

Im Gegensatz dazu unterstützen die Ökonomen Baumol und Gershuny die These der Resistenz der Dienstleistung gegen Produktivitätssteigerung, sie behaupten sogar, daß aufgrund dieser Rationalisierungsresistenz Dienstleistung immer teuerer werde, daß Dienstleistung bedingt durch ihre " Kostenkrankheit" verschwinden werde. Gerschuny spricht 1981 von einer Reprivatisierung von Dienstleistung bedingt durch eine Rückver-lagerung in die technisierten Haushalte durch nachindustrielle Selbstbedienung.

Horst Albach meint 1989 widerum: nicht individuelle Wachstumsbedürfnisse oder globaler Strukturwandel, sondern die expandie- rende Industriealisierung führe zur Dienstleistungsgesellschaft.

Dienstleistung sei einerseits das Ergebnis des "Angebotsdruckes", Konkurrenzdenken führe zur Notwendigkeit immer innovativerer Produkte. Hieraus ergibt sich zwangsläufig produktvor- oder -nachgelagerte Dienstleistung, wie beispielsweise Marketing, Controlling etc. Sie sei andererseits das Ergebnis des "Nachfragesogs" der privaten Haushalte, also dem Wunsch nach Individuellem.

Dienstleistung sei ein Kind der Not. Der Kostendruck führe dann oft zur Auslagerung der Produktion ("buy") oder zur Eigenerstellung ("make", z.B. im Prozeß der "Securitization" also beispielsweise der Finanzierungsbank im eigenen Unternehmen).

Es handelt sich hier also um eine "intra-institutionelle Tertiärisierung der Wirtschaft"

Mit seiner Theorie der industriellen Dienstleistung weist Albach

auf, daß die von Fourastie aufgezeigte "zwangsläufige"

Tertiärisierung durchaus nicht irreversibel sein muß, sondern

abhängig ist von kostenbedingten "make or buy" Entscheidungen.

"Outsourcing sei ökonomisches Kalkül, was sich als rational,

also mit dem Ziel der Produktivitätssteigerung erweist."

3. Die Produktivität der Dienstleistung

Fourastie unterscheidet die drei Sektoren aufgrund ihrer Produktivität. Dienstleistung ist für ihn wegen ihrer geringen Produktivität rationalisierungsresistent, ja kompensierend. Nun hat sich erwiesen, daß Dienstleistung gar nicht so unproduktiv ist. Durch verstärkten Einsatz von Informations- und Kommunikations-Techniken läßt sich die Produktivität sehr wohl steigern.

Doch dieser Trugschluß ergibt sich daraus, daß die offiziellen Statistiken nur jene Branchen erfassen, die ca. 42 % der Beschäftigten im Dienstleistungssektor aufweisen, es wird also nur ein kleines Tortenstück des Ganzen überhaupt beleuchtet. Dazu kommt, daß die erbrachte Leistung auf Lohnbasis geschätzt wird, somit bleibt die Produktivität definitionsgemäß konstant.

Letztlich ist Produktivität von Dienstleistung immateriell, indem sie eine Verbesserung der Verhältnisse durch Reduktion von Komplexität, Erhöhung der Schnelligkeit, Flexibilität, Kreativität und somit Qualität darstellt.

4. Wie rationaliesierungsresistent ist Dienstleistung?

Ob Dienstleistung wirklich immer so gegen Rationaliesierungs-maßnahmen resistent ist, wie Fourastie es gepriesen hat, ist anzuzweifeln. Sicherlich ist Dienstleistung Rationalisierung gegenüber widerstandsfähiger als industrielle Produktion, doch wie sehr auch Dienstleistung anfällig sein kann (ist), soll hier aufgezeigt werden.

Einer statistischen Untersuchung nach kann der gezielte Einsatz von Informationstechniken bis zu 6,7 Millionen Arbeitsplätze kosten, dabei ist der Handel mit 1,7 Millionen der gefährdetste Bereich im Dienstleistungssektor. Im öffentlichen Sektor können bis zu 1,2 Mio Arbeitsplätze durch Reduktion von Routine-tätigkeiten verschwinden, demnach kann Informationstechnik die Arbeitslosigkeit erhöhen.

Durch neuronale Netze, also lernfähige Systeme, kann heutzutage nicht nur die Routinearbeit ersetzt werden, somit der operative Bereich, sondern auch die Kompetenz eines Angestellten mittlerer Tätigkeit (dispositiver Bereich) kann durch Steuerungssysteme nachempfunden werden, komplette Arbeitsprozesse werden systemisch rationalisiert. Etwas weniger davon betroffen sind personenbezogene Dienstleistungen, die jedoch durch unsere Selbstbedienungsgesellschaft stark an den Rand gedrängt werden können, besonders in Krisenzeiten.

Bedingt durch die ökonomische Form und inhaltliche Struktur von Dienstleistung igibt es durch Arbeitsteilung und Rationalisierung zumindest bei personenbezogener DL (uno actu-Prinzip) keine Zerstückelung von Tätigkeit so, wie sie in der Industrie typisch ist.

Volpert meint dennoch, das Negativum des Taylorismus sei auch auf Dienstleistung anwendbar.

Dennoch ergibt sich ein Paradoxum, denn obwohl 85 % der IT-Investition im DLSektor gemacht werden, erreicht dieser selber mit 0,7 % nur ein mittleres Produktivitätswachstum.

5. Die Beschäftigung im DL-Sektor

Bei der Beschäftigung muß man zunächst darauf achten, daß die einzelnen Sektoren ganz unterschiedliche Charakteristiken aufweisen. So muß man zunächst in öffentliche Dienstleistungen und private Dienstleistungen unterscheiden, wie zuvor schon in Abschnitt 1 genannt. Im Sektor privater DL sollte man wiederum den Handel von dem Kommunikations- und Informationssektor, den Banken und Versicherungen, sowie FUN-Services oder reinen Lieferservices trennen, vor allem aber, von fast schon als handwerklich zu bezeichnenden Dienstleistungen wie Friseur, Barbier, Maniküre etc. Denn gerade bei der Entlohnung gibt es gravierende Unterschiede, angeführt vom Sektor Kommunikation und Information und Versicherungen bis hin zum Einzelhandel, der das Schlußlicht bildet.

Generell kann man feststellen, daß beispielsweise von 1979 - 1988 die Entwicklung im DL-Sektor ein Plus von fast 16 % zu verzeichnen hatte.

Um aber genauere Aussagen treffen zu können, benötigte man weitere Unterteilungen der Berufsbilder, so z.B. in männliche und weibliche Beschäftigte, sowie vor allem, ob eine Voll- oder nur Teilzeitbeschäftigung vorliegt. Denn der häufigste Trugschluß liegt darin, einen Beschäftigungszuwachs durch, meist weibliche, Teilzeitkräfte mit einem eher rückläufigen Wachstum von Volllzeitkräften zu verwechseln.

Von 1979 - 88 stieg die Teilzeitbeschäfitung um 44,7 %, während sich die Vollzeitbeschäftigung von Frauen lediglich um 13,7 % erhöhte.

Betrachtet man nun die Arbeitszeitmodelle, so geben diese jedoch nicht ausreichende Informationen über die Qualität und Gestaltung der Beschäftigung. Untersucht man jetzt die Berufsstruktur, stößt man auch zunehmend auf an- oder ungelernte Kräfte, die bad jobs verrichten, also für eine Mindestentlohnung einen Job mit äußerst geringem Anspruch erhalten. Von Bedeutung wird hier also immer mehr die Aus- und Weiterbildung, die zur Individualität führt und somit die einzig übriggebliebene Daseinsberechtigung auf dem Arbeitsmarkt bildet .

Die typische Arbeitsstruktur, wie vielleicht früher in der Unterteilung zwischen Arbeiter (also eher manuell und rational tätig) und Angestelltem (kopflastige Arbeit verrichtend, individuell tätig) deutlich wurde, ist heute nicht mehr zu finden. Die Arbeiter sind durch EDV-technische Abläufe eher zu Angestellten geworden, indem sie mehr die Planung und den zeitgerechten Einsatz der nächsten Maschine betreuen, die Angestellten dagegen werden durch systemische Rationalisierung ihrer Individualität beraubt; letztlich werden sie zum "Informations- und Kommunikations- Arbeiter".

Eine klare Trennung zwischen Beschäftigung und Arbeitsstruktur ist im DL-Bereich daher nicht möglich. Durch die Mannigfaltigkeit von Dienstleistung in ihrem Wesen bis hin zur heutigen Diversität von Arbeitszeitmodellen und letztlich bedingt durch die problematische statistische Erfassung, kann hier keine präzisere Aussage gemacht werden.

6. Die Rolle der Gewerkschaften

Welche Problematik für die Gewerkschaften vorhanden ist, sollte inzwischen deutlich geworden sein. Die traditonelle Industrie-gewerkschaft zerbröckelt, denn der typische "Arbeiter" existiert nicht mehr. Individualismus prägt die Gesellschaft, nicht aber gewerkschaftliches Denken. Kollektive Interessenvertretung blockiert letztlich die persönliche Entfaltung. Als sozialer und politischer Kampfverband hat die Gewerkschaft ausgedient, eine Umorientierung auf rechtlich beratendes Dienstleistungsangebot ist der Trend.

Können die Gewerkschaften somit vielleicht auch die Angestellten bewegen, sich gewerkschaftlich zu organisieren? "Es gibt heute in der Bundesrepublik Deutschland ebensoviele Angestellte wie Arbeiter, während der Organisationsgrad der Angestellten insgesamt noch nicht einmal einem Viertel entspricht."11

Doch auch die Angestellten mutieren langsam zum Informations- und Kommunikations-Arbeiter, denn durch perfekte Kontrolle des Arbeitsablaufs ist keine individuelle Gestaltung möglich. Beispielsweise lagen 1975 in den USA 69,3 % der Beschäftigten im DL-Sektor bei Konsumdiensten mit der niedrigsten Verdienstgruppe, in positiver Richtung gefolgt von 56,2 % im Gesundheitsbereich und 47,1 % im öffentlichen Dienst, also in den klassischen Berufgruppen für Frauen.12

Die Chancen für Frauen haben sich quantitativ verbessert, qualitativ und auch arbeitsrechlich sind sie jedoch gleich geblieben.

Die Arbeit der Gewerkschaft muß heute also genauso vielfältig sein wie ihre Mitglieder. Ob diese Herausforderung allerdings rechtzeitig erkannt und gemeistert wird, bleibt noch offen. So ergibt sich durch den verstärkten EDV-Einsatz für den Großteil der Angestellten eine Umakzentuierung in den Qualifikations-anforderungen, aber keine Absenkung des Anforderungs-niveaus.13

Also sind "mehr Kompetenzen nicht mit Erhöhung von Verantwortung und Ermessensspielräumen gleichzusetzen, eher ist es in der Dimension einer Erhöhung seines individuellen Scheiternsrisikos zu betrachten."14

Aufgabenerweiterung und Kompetenzerhöhung steigern also nicht zwangsläufig die Eigenständigkeit.

Flexibilisierung von Arbeitszeit führt zu mehr Beschäftigung, doch meist nur auf Teilzeitbasis. Die Folge ist oft "contigent work", randständige Arbeit, so z.B. ohne Arbeitsplatzsicherung mit nur kurzfristigen Verträgen etc.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Beschäftigung von Frauen im DL- Sektor. Auch im überregionalen Vergleich zeigt sich, daß der Frauenanteil an den Erwerbstätigen dort am höchsten ist, wo der Dienstleistungsektor weit ausgebaut ist (Schweden, USA).

Ausblick

"Die Zubereitung von Hamburgern in einem Fast-Food-Restaurant hat sehr viel Ähnlichkeit mit Fließbandarbeit in der Automobil-industrie."15

Wo trennt man also Arbeiter und Angestellten ?

Letztlich wo trennt man Produktion von Dienstleistung ?

Und ist nicht heutzutage industrielle Produktion aufgrund ihrer Mannigfaltigkeit, Kreativität und Indivualität nicht fast schon wieder Handwerk ? Ist wirtschaftlich gesehen nicht jede Tätigkeit eine Dienstleistung, so vielleicht auch Handwerk ?

Eine klare Trennung läßt sich heute wohl kaum noch ziehen. Sicher ist, daß der industrielle Sektor nicht aussterben wird, denn Dienstleistung, sei es produktorientierte oder konsumorientierte DL, bedarf materieller Güter, denn "die Beschäftigung im traditionellen Dienstleistungssektor kann nur in dem Maße steigen, wie die Wertschöpfung und Produktivität im industriellen Sektor steigt."16 Die durch Informations- und Kommunikations-techniken gewandelte Dienstleistung wird auf der Grundlage neuer Techniken zur Optimierung industriewirtschaftlicher Vorgänge ausgebaut werden. Gleichzeitig führen die I- und K-Techniken zu neuen Berufen, zur Wiederbelebung totgesagter Branchen, und neue Qualifikationsprofile werden geschaffen.

So werden aber beratende, kreative Tätigkeiten zunehmen, eine Verlagerung in Maßen auf Immaterielles ist durchaus denkbar. Der Bedarf an Zuarbeitern wird stark zurückgehen, systemische Rationalisierung wird auch einen großen Teil der Dienstleistungs- branche treffen. Eine Kompensation der verlorenen Arbeitsplätze durch DL-Arbeit hat sich bereits jetzt schon nicht bestätigt. Ob eine Melioration der Lebensverhältnisse eintreten wird, ist anzuzweifeln. Systempolitisch bedingt werden wir in der BRD keine so große Armut haben wie beispielsweise in den USA, wo Dienstleistung dazu beiträgt, daß Arbeitsplätze entstehen, die so gering entlohnt werden, daß die Armutsgrenze nicht überschritten wird.17

Der Abbau sozialer Leistungen ist aber schon heute spürbar, der Weg von der Dienstleistungsgesellschaft zur "Dienstboten"-Gesellschaft ist nicht sehr weit. Die Erwerbsquote für Frauen wird steigen, eine bessere Akzeptanz und Qualifikation wird unter den jetzigen Umständen aber nicht erreicht. Das Arbeiten ohne Qualifikation führt dagegen eher zur Entlastung der Männer als zur Verbesserung der Situation der Frauen in der Gesellschaft.

Chancen, aus dieser Situation eine Besserung zu erwirken, sind Flexibilität, Weiterbildung und Individualität, vielleicht auch kombiniert mit gewerkschaftlichem Engagement einer neuen Dimension.

LITERATURVERZEICHNIS

Albach, Horst, Dienstleistungen in der modernen Industrie-gesellschaft, München, 1989

Albach, Horst, Perspektiven des Dienstleistungssektors in der Bundesrepublik Deutschland

in DIW: Dienstleistungen, neue Chancen für Wirtschaft und Gesellschaf, Berlin, 1989

Baethge, Martin, Wandel betrieblicher Strukturen von Angestelltentätigkeiten in Matthes (Hrsg.), Krise der Arbeitsgesellschaft ? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982, Frankfurt/Main 1983

Baethge, Martin/ Oberbeck, Herbert, Zur Entwicklung von Arbeit und Beschäftigung im Dienstleistungssektor in Altvater, E. u.a.: Arbeit 2000 / Über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft, Hamburg, 1985

Baethge, Martin u.a ., Regulierung und Deregulierung der Dienstleistungsarbeit in der BRD und den USA, Eschborn,1991,1.Auflage

Berger, Johannes/ Offe, Claus; Die Entwicklungsdynamik des Dienstleistungssektors

in C. Offe, Arbeitsgesellschaft Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven, Frankfurt / Main

Bischoff,Joachim /Herkommer, , Sebastian, Die große Hoffnung und die Krise des Kapitalismus in Steinkühler/ Bleicher, Zwischen Aufstieg und Rationalisierung - die Angestellten -, Hamburg, 1988

Bleicher, Siegfried, Beschäftigung im Dienstleistungssektor aus der Sicht der Arbeitnehmer

in DIW: Dienstleistungen, neue Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft, Berlin, 1989

Häußermann, Hartmut/Siebel, Walter; Dienstleistungsgesell-

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Müller,W., Wege und Grenzen der Tertiarisierung: Wandel der Berufsstruktur in der BRD 1950-1980 in Matthes (Hrsg.), Krise der Arbeitsgesellschaft ? Verhandlungen des 21. Deutschen Soziologentages in Bamberg 1982, Frankfurt/Main 1983

ZEITUNGEN:

Auszug aus Blick durch die Wirtschaft: Informationstechniken können die Arbeitslosigkeit erhöhen, Frankfurt/Main, 12.5.97 Auszug aus: Neue Zürcher Zeitung : Dem Produktivitätsrätsel auf der Spur, Washington, Jan. 1994

Auszug aus: Süddeutsche Zeitung von Barbara Sommerhoff: Aufbruch ja, aber wohin?, 19.10.96

Details

Seiten
11
Jahr
1996
Dateigröße
351 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95408
Note
Schlagworte
Zukunft Beschäftigung Arbeitsstruktur Dienstleistungssektor

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