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Der historische Hintergrund zu Minna von Barnhelm

Seminararbeit 1999 10 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Der historische Hintergrund zu Minna von Barnhelm

Für das Thema ,,Der historische Hintergrund einer von uns gelesenen Komödie" kann ich mir kein besseres Beispiel vorstellen als Lessings ,,Minna von Barnhelm". Viele der in diesem Semester besprochenen Komödien, belächeln eher menschliche Schwächen, als dass sie sich auf bestimmte historische Begebenheiten bezögen oder gar ein politisches System kritisierten. Auch Lessings frühe Komödien machen da keine Ausnahme. Während seiner Schulzeit in St. Afra gehörten Plautus und Terenz zu Lessings Lieblingsdichtern. Angeregt durch diese Lektüre, wagte er sich schon dort an seine erste eigene Komödie: ,,Der junge Gelehrte". Lessing macht sich in diesem Stück über die Leute lustig, deren ,, Gelehrtendünkel . . . die Welt mit dem eitlen Kleinkram nutzlos erworbener und sinnlos angewandter Kenntnisse verwechselte." (Rilla 19).

Erst der gereifte Lessing konnte ein Werk, wie ,,Minna von Barnhelm" schreiben. Lessing versucht, den Menschen zu erziehen. Er stellt sich aber nicht mit erhobenem Zeigefinger hin und kritisiert, sondern er packt seine Erziehung in Humor und erweckt dadurch größeres Interesse an dem, was er zu sagen hat. Er benutzt die Komödie, um seine Erziehung erfolgreicher zu machen. Um die Bedeutung des Stückes besser zu verstehen, müssen wir uns zunächst näher mit Lessings Leben und Werk und mit der Geschichte seiner Zeit befassen.

Gotthold Ephraim Lessing wurde am 22. Januar 1729 als erstes von zwölf Kindern in Kamenz/Oberlausitz (Sachsen) geboren. Lessings Vater war Pfarrer, theologischer Schriftsteller und Übersetzer. Die finianziellen Verhältnisse der Familie waren äußerst bescheiden. Das kümmerliche Gehalt des Vaters reichte kaum aus, die große Familie zu ernähren. Lessing hat seinen Vater sehr geliebt und hat sehr darunter gelitten, dass dieser wegen der misslichen Verhältnisse später ,,geistig vertrocknete und auch kein Verständnis für den kühnen und steilen Weg seines großen Sohnes mehr aufbrachte." (Höhle VI).

1741 bekam Lessing aufgrund seiner Begabung und der Armut seiner Eltern eine Freistelle an der berühmten Fürstenschule St. Afra in Meißen. Die drei berühmtesten Gymnasien Sachsens waren die Fürstenschulen, Grimma, Pforta und Meißen. Sie hatten ein sehr hohes geistiges Niveau und es wurde dort ein für die damalige Zeit beachtlicher Umfang an Wissen vermittelt. Obwohl Latein die Unterrichtssprache war und gemäß der Schulordnung ,,die Schüler nur insoweit Deutsch zu lernen hatten, als sie lernen sollten, ,teutsche Briefe nach dem üblichen Cantzley-Stylo' abzufassen," (Rilla 17) gab es dort durch die Initiative des Konrektors auch einige deutsche Bücher, allerdings keine zeitgenössische Literatur.

Lessing studierte mit leidenschaftlicher Hingabe. Seine Lehrer erkannten in ihm schon früh seine ,,hervorragenden Geistesgaben" und seine ,,feurige Gemütsart". (Höhle, VII) Lessing hat die fünf Jahre, ,,die er hier verbrachte, als die einzigen bezeichnet, in denen er glücklich gelebt habe." (Rilla, 15) Er liebte das Studieren und mit den vielen Büchern, die ihn umgaben, tat sich ihm eine völlig neue Welt auf, die ihn aus der bisherigen Enge und Misere herausholte.

1746 begann Lessing nach dem Willen seines Vaters an der Leipziger Universität das Studium der Theologie. Leipzig war damals eine der bedeutendsten Städte Deutschlands. Es war der Hauptort des deutschen Buchhandels und Journalismus und es wurden dort wichtige Handelsmessen veranstaltet. Für Lessing war dies ,,ein Ort, wo man die ganze Welt im Kleinen sehen kann." (Höhle VII) Goethe nannte es später Kleinparis. Leipzig war damals das Kulturzentrum Deutschlands.

Das Theologiestudium war nicht so ganz nach Lessings Geschmack. Er interessierte sich viel mehr für andere Fächer, wie z.B. Philologie, Archäologie Kunstwissenschaft und Medizin. Noch mehr aber interessierte er sich für das Leben. Er entdeckte, daß es außer Büchern noch etwas anderes gab und beteiligte sich aktiv am studentischen Leben, fand Freunde und begann zu schreiben. Er bereute es, dass er bisher schüchtern und weltfremd gewesen war. Das wichtigste Erlebnis in Leipzig war für ihn das Theater. Obwohl ihn sein Vater vor den schlechten Einflüssen des Theaters warnte, schloss Lessing Freundschaften mit den Mitgliedern der Theatertruppe Caroline Neubers. Sein erstes Werk, das bereits oben erwähnt wurde, ,,Der junge Gelehrte" wurde 1748 von dieser Truppe aufgeführt.

Die Zeit von 1746 - 1760 wird als eine ,,Periode der Vorbereitung und des Werdens" (Höhle VII) bezeichnet. Aus der Leipziger Zeit von 1746 - 1748 stammen die meisten seiner Lieder, die gereimten Fabeln und einige Lustspiele. Die Lieder folgen dem Trend der damaligen Mode. Sie handeln von Mädchen und Küssen und von Wein und haben keinen großen literarischen Wert. Auch Lessing selbst schätzte diese Lieder nicht sehr hoch ein. In einem Brief an seinen Vater schrieb er am 28. April 1749 wörtlich: ,,In der Tat ist nichts als meine Neigung, mich in allen Arten der Poesie zu versuchen, die Ursache ihres Daseins." (Lessing, Bd 5, 304)

1748 mußte Lessing Leipzig verlassen, da er nach dem Zusammenbruch der Theatertruppe deren Schulden, für die er gebürgt hatte, nicht bezahlen konnte. Er zog nach Berlin, wo er sich dem sächischen Hoheitsbereich entziehen konnte, und arbeitete als freier Journalist und Schriftsteller. Dies waren für ihn schlimme Jahre, denn obwohl er auch Übersetzungen anfertigte, verdiente er kaum genug, um zu existieren. ,,Obwohl er später einmal geäußert hat, er habe nie im eigentlichen Sinne nur für das Brot geschrieben, so war er doch damals ... nicht weit davon entfernt, wenn er auch nichts schrieb, was er mit seiner Überzeugung nicht vereinbaren konnte." (Höhle IX)

In Berlin traf Lessing auch mit Voltaire zusammen, der von Friedrich II. an seinen Hof eingeladen worden war. Er hatte ihm in einem Brief geschrieben, er wolle seine Hauptstadt ,,zu einem Tempel großer Männer" (Rilla 31) machen. Dabei hatte er jedoch nur die französische Kultur im Auge und nicht die deutsche. Lessing konnte sich bei seinem Aufenthalt in Berlin davon überzeugen, wie fern der ,,enggeschlossene fremdsprachige Kreis den Bewohnern Berlins blieb." (Erich Schmidt, Rilla 32) Voltaire bezeichnete Lessing Friedrich II. gegenüber als ,,Erzfeind französischer Bildung" (Gehrke 92)

1751 geht Lessing für ein knappes Jahr nach Wittenberg und promoviert zum Magister. Dort entstanden 1751/52 die Sinngedichte, die schon die Richtung auf Lessings späteres Schaffen zeigen. (Höhle X) Diese Epigramme richteten sich hauptsächlich gegen die lutherische Orthodoxie, die in Wittenberg ganz besonders deutlich zu spüren war.

Lessing interessierte sich so sehr für diese Art von Dichtung, daß er 1759, mitten im Siebenjährigen Krieg (1756-1763), die Epigramme Logaus, die sich gegen den Dreißigjährigen Krieg richteten, wiederentdeckte und veröffentlichte.

Der entscheidende Fortschritt gelang Lessing 1755 mit ,,Miß Sara Simpson" Dieses Stück leitet die lange Reihe bürgerlicher Trauerspiele ein und war Vorbild für spätere Werke wie Lessings ,,Emilia Galotti", Goethes ,,Clavigo", Schillers ,,Kabale und Liebe" bis hin zu Hebbels ,,Maria Magdalene" (Höhle XVI) In diesem Stück ist der starke Einfluß der bürgerlichen englischen Literatur des 18. Jahrhunderts deutlich zu erkennen. Lessing, der betont antifeudal und antihöfisch war, meinte, dass das deutsche Theater mehr dem englischen bürgerlichen Theater gleichen sollte als dem französischen. Er begann in diesem Stück, ,,wenn auch noch vorsichtig, mit den Schauplätzen der Handlung zu wechseln." (Höhle XVI)

1755 geht Lessing wieder nach Leipzig. Dort lernt er den reichen Kaufmann Gottfried Winkler kennen, der ihn als Begleiter für eine Europareise engagiert hatte, die zwei bis drei Jahre dauern sollte. Der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges machte diesem Plan allerdings schon nach zwei Monaten in Amsterdam ein Ende. Als Winkler Nachricht vom Angriff Preußens auf Sachsen bekam, drängte er zur Umkehr, weil er um seine dortigen Besitztümer fürchtete. (Rilla 67) Lessing musste sich nun ,,in einer Stadt einrichten, deren kunstheiteres Gesicht sich unter dem auch ökonomisch pressenden Regiment des Eroberers schnell verdüstert hatte." (Rilla 68) Ein positiver Aspekt der ganzen Sache war jedoch, dass Lessing hier den Lyriker Ewald von Kleist traf, mit dem ihm eine grossartige, doch leider viel zu kurze Freundschaft verband. Als Kleist 1758 wieder an die Front geschickt wurde, hielt auch Lessing nichts mehr in Leipzig. Er ging wieder für kurze Zeit zurück nach Berlin. Dort schrieb er viele Entwürfe, vollendete aber nur einen, den Einakter Philotas (1759), der zwar als eines seiner schwächeren Werke gilt, aber da er dieses Stück aus Sorge um seinen im Feld stehenden Freund Ewald von Kleist geschrieben hat, muss es hier doch erwähnt werden.

Kleist wurde in der Schlacht bei Kunersdorf schwer verwundet und starb 1759. Lessing war tief betroffen. Er verlieh ihm Unsterblichkeit, indem er ihn zum fingierten Empfänger der ,,Briefe, die neueste Literatur betreffend" machte und auch dem Tellheim in ,,Minna von Barnhelm" (1763) seine Züge verlieh. (Höhle XVII)

1760 ging Lessing nach Breslau, wo er eine gut bezahlte Stelle bei General von Tauentzien antrat, die er durch Vermittlung Ewald von Kleists bekommen hatte. Zum ersten Mal konnte er sorglos leben. Endlich hatte er Geld und er gab es auch mit vollen Händen aus. Er unterstützte seine Eltern und Geschwister, spendete an die Armen, kaufte viele Bücher und versuchte sich auch im Glücksspiel. Dort hat er vielleicht auch Menschen wie Riccaut getroffen. Die Arbeit beim General ließ ihm genug Zeit zum Studieren und zum Schreiben. Im täglichen Umgang mit dem General und den Soldaten lernte er auch alles, was er später beim Schreiben der ,,Minna von Barnhelm" anwenden konnte.

Obwohl diese Stelle Lessing endlich finanzielle Sicherheit bot, blieb er nicht lange in Breslau, ,,weil er seine Freiheit über alles liebte und sich in einem staatlichen oder höfischen Amt einfach nicht wohl fühlen konnte, auch dann nicht, wenn er - wie es in Breslau der Fall war - anständig bezahlt wurde und sich mit seinen Vorgesetzten gut verstand." (Höhle XXI) Da er inzwischen auch genug Material für seine ,,Minna von Barnhelm" gesammelt hatte, gab es für keinen Grund, dieses ihm verhasste Leben noch länger fortzusetzen. Er vollendete dieses Werk zwar erst einige Jahre später in Berlin, aber er hatte schon im ,,Göldnerischen Garten" in Breslau mit den ersten Aufzeichnungen begonnen.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin und mehreren Reisen ging er 1767 nach Hamburg. Er lehnte zwar das Amt eines Theaterdichters ab, weil er nicht regelmäßig neue Stücke schreiben wollte, aber er erklärte sich bereit, an der ,,Hamburgischen Dramaturgie", einer Theaterzeitschrift, als Kritiker zu arbeiten. Bei der großen Anzahl der Werke, die er in seinem relativ kurzen Leben geschrieben hat, kann man sich nur schwer vorstellen, daß er nicht Stücke fürs Theater schreiben wollte. Das lag aber daran, daß Lessing nie auf Bestellung schrieb sondern aus einem inneren Drang. Er hatte wohl immer mehrere Entwürfe vorbereitet, von denen er viele auch leider nicht vollenden konnte, aber für die eigentliche Ausarbeitung brauchte er fast immer einen äußeren Anlass. Das eben gegründete Hamburger Nationaltheater brach schon nach wenigen Monaten auseinander. Der Aufenthalt in Hamburg war für Lessing aber dennoch wertvoll. Hier machte er viele Freunde, wie zum Beispiel den Sohn Johann Sebastian Bachs, den Lyriker Matthias Claudius und seine zukünftige Frau, Eva König.

Bald befand sich Lessing wieder in finanzieller Not, und da sein letzter Versuch, in Hamburg als freier Schriftsteller zu leben, gescheitert war, nahm er, obwohl es ihm vor einem höfischen Amt graute, 1770 das Angebot des Herzogs von Braunschweig an, die Bibliothek in Wolfsbüttel zu leiten.

Ende 1776 heiratete Lessing Eva König, die Witwe eines 1770 verstorbenen Freundes, mit der ihn eine langjährige Freundschaft verbunden hatte. Sie war eine gebildete und sehr sympatische Frau und Lessing war ihren Kindern ein herzensguter Stiefvater. (Höhle XXXVI) Das Glück dauerte jedoch nicht lange. Eva starb im Januar 1778 wenige Tage nach der Geburt eines Sohnes, der nur wenige Stunden alt wurde. Lessing litt schmerzlich unter diesem Verlust. Er schrieb an einen Freund:

,, ... Wenn ich noch mit der einen Hälfte meiner übrigen Tage das Glück erkaufen könnte, die andere Hälfte in Gesellschaft dieser Frau zu verleben; wie gern wollte ich es tuen (sic)." (Höhle XXXVII)

Viel Zeit ist ihm allerdings nicht geblieben. Nach dem Tod seiner Frau kränkelte er oft. Er starb am 15. Februar bei einem Besuch in Braunschweig. Seine beiden letzten Werke waren ,,Die Erziehung des Menschengeschlechts" und ,,Nathan der Weise".

Die ungeheure Wirkung, die Lessings ,,Minna von Barnhelm" auf das Publikum seiner Zeit hatte, wird aus den folgenden Zitaten deutlich:

Goethe schrieb darüber in ,,Dichtung und Wahrheit":

,,Die erste aus dem bedeutenden Leben gegriffene Theaterproduktion von spezifisch temporärem Gehalt." (Rilla 106) und ,,Nicht der Krieg, sondern die politischen Spannungen, die auch durch seine Beendigung nicht aufgehoben wurden, sind der Inhalt der ,,Minna von Barnhelm" . . . Der Sachse fühlte nun erst recht schmerzlich die Wunden, die ihm der überstolz gewordene Preuße geschlagen hatte. . . . Und den ,vollkommenen Nationalgehalt' des Stückes sieht er darin, daß (sic) es diese Versöhnung der neu aufgerissenen Gegensätze ,im Bilde bewirken' wollte. . . . ,Die Anmut und Liebenswürdigkeit der Sächsinnen überwindet den Wert, die Würde, den Starrsinn der Preußen, und sowohl an den Hauptpersonen als den Subalternen wird eine glückliche Vereinigung bizarrer und widerstrebender Elemente kunstgemäß dargestellt."(Rilla 108)

Rilla stellt auch fest:

,,Lessing ist aktuell. Er versöhnt in der ,Minna von Barnhelm' die nationalen Gegensätze, die der deutschen Einheit im Wege sind. Er wendet sich gegen einen Krieg, der nicht den Frieden der Nation hergestellt, sondern die nationale Zerklüftung vertieft hat. (Rilla 109/10)

Rilla nennt es

,,ein Meisterwerk der heiteren Bühne, dessengleichen es vorher und nachher in Deutschland nicht gegeben hat." (Rilla 112)

Den Hintergrund zu ,,Minna von Barnhelm" bildet der Siebenjährige Krieg, bzw. die Folgen, die sein Ende auf die Bevölkerung hatte. Um die wahre Größe dieses Werkes und die ungeheure Wirkung auf das Publikum der damaligen Zeit besser zu verstehen, müssen wir uns näher mit den Problemen dieser Zeit befassen. Erst dann wird verständlich, wie aktuell und wegbereitend für die nationale Einigung dieses Werk in der damaligen Zeit war.

Obwohl Lessing in Sachsen geboren war, stand er weder auf der sächsischen noch auf der preußischen Seite und wurde deshalb von beiden Seiten angegriffen. Er wandte sich nicht gegen den Krieg im Allgemeinen, sondern gegen einen Krieg, der nicht ein Krieg der Völker, sondern von Söldnerarmeen war. Deshalb lässt er seinen Tellheim auch Werner ermahnen:

,,Man muß (sic) Soldat sein für sein Land; oder aus Liebe zu der Sache, für die gefochten wird. Ohne Absicht heute hier, morgen da dienen: heißt wie ein Fleischerknecht reisen, weiter nichts." (III,7)

Lessings Kritik richtet sich gegen einen Krieg, der ,,nicht den Frieden der Nation hergestellt, sondern die nationale Zerklüftung vertieft hat." (Rilla 110). Dies wird auch später von Goethe so beurteilt:

Der Siebenjährige Krieg konnte kein nationales Bewußtsein erwecken, ... die nationale Zerklüftung wurde durch den Ausgang des Krieges nur noch empfindlicher spürbar. (Goethe, Rilla 107/08)

Der Siebenjährige Krieg, der 3. Schlesische Krieg, begann mit dem Überfall Preußens auf Sachsen. Er war ein Präventionskrieg. Friedrich II. fühlte sich zu Recht von Feinden umringt. Die Spannungen zwischen Österreich und Frankreich waren beseitigt. Die Franzosen hatten mit Maria Theresia im Mai 1756 ein Defensivbündnis geschlossen, das gegen Preußen gerichtet war. Auch Rußland konnte bei seinen, gegen Preußen gerichteten Plänen, der Unterstützung Österreichs sicher sein. England, das während der beiden ersten Schlesischen Kriege Österreich unterstützt hatte, suchte nun Hilfe bei Preußen, um das mit ihnen in Personalunion verbundene Kurfürstentum Hannover zu sichern. Außerdem bestanden Spannungen zwischen England und Frankreich wegen der Besitzungen in Nordamerika. Weder Österreich noch Frankreich wollten jedoch Preußen angreifen, um nicht vor der Welt als der Schuldige dazustehen. Preußen sollte dagegen zu einem Angriff provoziert werden, worauf sich seine Gegner schon mit erheblichen Rüstungsaktivitäten vorbereiteten. Im Mai 1756 erfuhr Friedrich II. von Rußlands Kriegsplänen gegen Preußen und im Juni des gleichen Jahres konnte Friedrich in Magdeburg Österreichs Reaktion auf die russischen Vorschläge lesen, die Graf Kaunitz am 22. Mai diktiert hatte: ,,Rußland kann versichert sein, daß wir alles tun werden, um seine großen Ideen auszuführen, und daß alles, was der Schwächung des Preußenkönigs dient, von uns mit Freuden ergriffen wird." Vorrang habe jedoch erst einmal, den Einkreisungsring um Preußen völlig zu schließen und eine Annäherung zwischen Rußland und Frankreich, wie sie soeben gerade zwischen Wien und Versailles vollzogen worden sei, herbeizuführen. Deshalb sei es nicht klug, noch im Sommer 1756 - wie man es in Petersburg wünsche - gegen Friedrich loszuschlagen, sondern man empfehle dringend, den Anschlag auf das Frühjahr 1757 zu verschieben. ,,Inzwischen kommt alles darauf an", so Kaunitz, ,,das Spiel gut zu verdecken und den Verdacht, welchen England und Preußen schon hegen, zu kaptivieren, folglich unser Vorhaben bis zum wirklichen Ausbruch geheim zu halten." (Venohr 36)

Dadurch wurde Friedrich II. klar, dass ein Krieg nicht zu umgehen war. Er sah seine einige Chance darin, anzugreifen, bevor die Gegner ihre Rüstungsvorbereitungen abgeschlossen hatten. Einzelheiten zum Kriegsgeschehen spare ich mir hier. Sie können bei Venohr besser und ausführlicher nachgelesen werden, als ich sie hier anführen könnte. Wichtig für den Hintergrund zu ,,Minna von Barnhelm" ist jedoch die Tatsache, daß Friedrich II. im Winter 1761/62 sein Hauptquartier in Breslau hatte, wo Lessing als Sekretär bei General von Tauentzien beschäftigt war. Dort konnte er einen ausgezeichneten Einblick in das Soldatenleben bekommen und wurde sowohl Zeuge der finanziellen Ausbeutung der eroberten Städte durch Friedrich II., als auch der Versuche einzelner Majoren, diese in einem erträglichen Rahmen zu halten.

,,... er [Friedrich II.] legte der schon bis auf den letzten Groschen ausgepumpten Stadt Leipzig so ungeheuerliche Kontributionen auf, daß der mit ihrer Eintreibung beauftragte Major und Flügeladjutant v. Dyherrn sich zu ernsten Gegenvorstellungen verpflichtet fühlte, und als diese nichts halfen, nur den Frieden abwartete, um dem Könige seinen Degen vor die Füße zu werfen." (Mehring 409)

Lessing sah auch, wie nach dem Frieden von Hubertusburg die Offiziere, die nicht mehr gebraucht wurden, abgedankt wurden.

,,Als aber im Februar 1763 der Friede geschlossen war, ... jagte [Friedrich II.] alle Truppenteile auseinander, die er im Frieden nicht mehr gebrauchen konnte, und er warf alle bürgerlichen Offiziere, wie sehr er gerade ihrem Mute und ihrer Treue die Erhaltung seiner Krone verdankte, unbarmherzig aufs Pflaster, um an ihre Stelle ausländische Abenteurer von Adel zu setzen, mochte dieser Adel auch so zweifelhaft sein, wie der Adel - Riccauts de la Marlinière." (Mehring 409)

Vor diesem Hintergrund also spielt ,,Minna von Barnhelm". Lessing wusste zu verwenden, was er als Gouvernements-Sekretär hinter den Kulissen der friderizianischen Kriegspolitik wahrgenommen hatte. (Rilla 110)

Nicht nur die Handlung basiert auf historischen Tatsachen, auch viele Personen in diesem Stück haben ein Original im wirklichen Leben.

Das Vorbild für Major von Tellheim wird nach allgemeiner Auffassung in Ewald von Kleist gesehen. Es gibt allerdings auch andere Ansichten. Schmidt meint, dass ein Major Marschall v. Biberstein, der wegen seiner Fähigkeit im Pistolenschießen den Namen Tell von seinen Kameraden erhalten und den niederlausitzischen Ständen eine ihnen auferlegte Kontribution aus seiner eigenen Tasche vorgestreckt haben soll, zum Tellheim gesessen habe. (Schmidt, Mehring 409)

Mehring glaubt das jedoch nicht, da die Kontributionen, die Friedrich II. forderte, nicht gerade so unerheblich gewesen seien, dass sie ein beliebiger Major aus seiner eigenen Tasche hätte vorstrecken können.

Es ist wahrscheinlicher, dass es sich dabei um den Lyriker Ewald von Kleist handelt. Er wurde 1715 in Pommern geboren und stammte aus dem gleichen Adelsgeschlecht wie Heinrich von Kleist. Er war preußischer Offizier in Potsdam und von Friedrich II. begeistert. Bei seinem Dienst in Potsdam fühlte sich aber nicht wohl, er litt unter den Launen des Königs. Nach dem Ausbruch des Krieges diente er in dem besetzten Leipzig, wo er sich Lessing anschloss.

,,Wie er nicht mit Erobererallüre auftrat, vielmehr im ,feindlichen' Land gerecht und milde verfuhr, so wurde er zum Modell jener echten, auch eigensinnigen Soldatentugenden, denen Lessing nicht nur in der ,Minna von Barnhelm' ein Denkmal gesetzt hat." (Rilla 68)

Es muss hier jedoch festgestellt werden, dass es in der Armee Friedrich II. noch mehr ehrenhafte Männer gegeben hat. Hierbei möchte ich das Wort ,,ehrenhaft" in einem durchaus positiven Zusammenhang sehen. Ich denke dabei an Männer wie den oben erwähnten Major von Dyherrn (Seite 6) und an General von Saldern, den ich weiter unten (Seite 8) erwähnen werde. Diese und vielleicht auch andere, die ohne Namen blieben, haben sicherlich die Figur des Tellheim mitbestimmt.

Auch Paul Werner ist eine historische Gestalt:

,, ... bei dieser Figur denkt man an eine scherzhafte Anspielung Lessings auf den General Paul von Werner, der 1750 als einfacher Soldat aus der österreichischen in die preußische Armee getreten und 1758 zum General, 1761 gar geadelt und zum Generalleutnant ernannt worden war. (Hein 45)

Mit seiner Darstellung ,,bekämpft [Lessing] jenes heimatlose Söldnerwesen, welches keine nationalen Interessen und kein Interesse der Sache kennt." (Rilla 110) Werner ist von ganzem Herzen Soldat. Wenn ein Krieg zu Ende ist, sucht er sich einen neuen. Ein typischer Landsknecht ist er jedoch nicht. Das geht aus seinem Gespräch mit Just hervor, in dem er diesen kritisiert: ,,Sengen und brennen? - Kerl, man hört's, daß du Packknecht gewesen bist und nicht Soldat; - pfui." (I,2) (Gehrke 80)

Es gibt auch zwei negative Charaktere, die entweder als eine Person oder eine damals weit verbreitete Personengruppe damals gelebt haben und in diesem Werk unsterblich gemacht wurden.

Der Wirt, der als Polizeispitzel seine Gäste auszuspionieren hat (Rilla 112) steht stellvertretend für viele andere Wirte, die sich ebenso verhalten haben. ,,Allerdings, mein schönes Kind: die Polizei will alles, alles wissen; und besonders Geheimnisse." (II,2)

Die andere negative Figur ist Riccaut de la Marlinière, der nach Rilla ,,für einen ganzen Schwarm ausländischer adliger Abenteurer steht, wie sie in der Armee Friedrichs ihr Glück machen konnten, was denn auch eine friderizianische Spielart von ,Soldatenglück' war." (Rilla 112)

Auch Gehrke sieht ihn stellvertretend für viele andere:

,,Er personifiziert den aus der Bahn geworfenen Landsknecht. ... Schließlich sollte nicht übersehen werden, daß Lessing die Riccaut-Szene nutzte, um seiner Abneigung gegen welsche Überfremdung auf recht herzhafte Weise Ausdruck zu geben. ... Das schauerliche Kauderwelsch des deutsch-französisch radebrechenden Söldners darf als Seitenhieb auf die Bevorzugung des Französischen unter den gebildeten Ständen gewertet werden, ganz nach königlichem Vorbild." (Gehrke 63)

Obwohl sich Gehrke bewusst ist, dass es viele Riccauts gegeben haben mag und auch Lessing seinen Unmut über die Franzosen im Allgemeinen zum Ausdruck bringt, sieht er in ihm auch eine bestimmte Person, den Offizier französischer Abstammung, Guichard, der 1761 die Plünderung des sächsischen Jagdschlosses Hubertusburg kommandierte. Zuvor hatte sich General von Saldern geweigert, diesen Befehl auszuführen, weil er ihn als ehrenrüchig betrachtete. Hierzu der Dialog zwischen Friedrich II. und von Saldern:

Der König: ,,Höre er, Saldern, Er geht morgen mit einem Detachement Infanterie und Kavallerie in aller Stille nach Hubeertusburg, besetzt das Schloß, läßt alle geldwerten Meubles sorgfältig aufschreiben und einpacken. . . . Ich werde das daraus erlöste Geld den Lazaretten zukommen lassen. Und Ihn werde ich auch nicht vergessen." Der General: ,,Euer Majestät halten zu Gnaden, aber das ist gegen meine Ehre und gegen meinen Eid!" . . . Der König: ,,Saldern, Er will nicht reich werden." (Venohr 280)

Nach General von Salderns Ausscheiden aus dem Dienst, fand Friedrich II. in Guichard ein williges Werkzeug, die Zerstörung des Charlottenburger Schlosses in Berlin im Jahr 1757 zu rächen. Nach Beendigung des Krieges hat Friedrich II. jedoch General von Saldern wieder eingestellt, vor Guichard hat er aber jede Achtung verloren. Lessing, der zu dieser Zeit in der Breslauer Residenz des Generals von Tauentzien beschäftigt war, wo Friedrich II., wie schon erwähnt, sein Winterquartier hatte, konnte dort die Wirkung, die dieses Ereignis hatte, an der Quelle studieren. In seiner ,,Minna von Barnhhelm" machte er Guichard zu einem richtigen Franzosen und ,,entlud auf ihn allen seinen Ingrimm gegen ein Frankreich, das er in seinen literarischen Fehden bekämpft hatte und spottete seiner noch im Namen. Riccaut ist der Mann, der sich bereichert hat, und das hat er gründlich in Klein-Marly, eben in Hubertusburg, getan; daher de la Marlinière. Hubertusburg war nämlich nach Anregungen von Marly-le-Roi, einem Lustschloss des Sonnenkönigs nahe Versailles erbaut worden. Die Riccaut Szene, mit Verständnis gelesen, ist voller Anspielungen auf die Plünderung. (Gehrke 22)

Interessant ist es auch, den vollen Namen Riccauts zu übersetzen. Chevalier Riccaut de la Marlinière, Seigneur de Pret-au-val, de la branche de Prensd'or; Ritter, hier vielleicht auch Raubritter, Riccaut des Schlosses Klein-Marly (Hubertusburg), Herr von Schuldental, aus der Linie der Goldnehmenden. Da das Französische den gebildeten Leuten damals geläufig war, kann man wohl sicher sein, dass diese Anspielung damals von der Mehrheit des Publikums verstanden und belacht wurde. Die Riccaut Szene wurde bei einigen Aufführungen ausgelassen, weil sie angeblich für die Entwicklung des Stückes nicht von Bedeutung wäre. Nach Kenntnis der genaueren Zusammenhänge verstehen wir jedoch den wahren Grund der Zensur und erkennen, dass gerade diese Szene besonders wichtig ist. Auch Minnas Oheim, der Graf von Bruchsall, hat ein historisches Vorbild. Bei ihm handelt es sich um den Kurprinz Friedrich Christian, dessen Residenz eben dieses Schloss Hubertusburg war.

Er war der schärfste Gegner der sächsischen Kriegspolitik und vereinte . . . die Friedensunterhändler mit dem Erfolg, daß der Friede zustande kam. (Gehrke 22)

Auch dieser Name ist ironisch zu verstehen. Bei der Plünderung von Hubertusburg ging auch ein Spiegelsaal nach dem Muster von Versailles zu Bruch. Für Minna selbst und für Franziska habe ich keine konkreten Beispiel gefunden. Die Selbständigkeit und Entschlossenheit der jungen Damen lässt aber schon eine beginnende Emanzipation der Frauen erkennen. Beide waren gebildet und sehr wohl zu eigenem Denken fähig. Auch die Beziehung zwischen Tellheim und Minna ist kein Einzelfall. Friedrich II. hatte seinen Soldaten geraten, sächsische Mädchen zu heiraten und nach Berlin zu bringen. Er hoffte nämlich, durch viele solcher Verbindungen den Frieden zu sichern. Nach Untersuchung der historischen Hintergründe liest sich die ,,Minna von Barnhelm" in einem ganz anderen Licht. Die Riccaut Szene, die zuvor mehr wie ein Slapstick wirkte, zeigt nun eine meisterhaft scharfe Ironie. Der neugierige und gewinnsüchtige Wirt erscheint noch widerwärtiger, weil es so viele seinesgleichen gibt, und Tellheims übertriebenes Ehrgefühl wird angesichts eines Major von Dyherrn und eines General von Saldern etwas positiver, wenn man bedenkt, wieviel Gutes von Männern ausging, denen Ehre mehr als Reichtum bedeutete.

Quellenangaben

Arntzen, Helmut. Die ernste Komödie: Das deutsche Lustspiel von Lessing bis Kleist. München: Nymphenburger Verlagshandlung GmbH, 1968

Gehrke, Hans. Gotthold Ephraim Lessing, Minna von Barnhelm. Analysen und Reflexionen: Wertungen und Rezeptionshilfen. Hollfeld/Ofr.: Joachim Beyer Verlag, 1981, Bd. 7.

Hein, Jürgen. Erläuterungen und Dokumente. Minna von Barnhelm. Stuttgart, Reclam, 1985

Höhle, Thomas. Einleitung zu Bibliothek deutscher Klassiker, Lessings Werke in fünf Bänden. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 10. Auflage 1988. Bd. 1.

Lessing, Gotthold Ephraim. Minna von Barnhelm. Stuttgart: Reclam, 1962 Michelsen, Peter. Die Verbergung der Kunst. Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft. Bd. 17, S. 192 ff., 1973

Rilla, Paul. Lessing und sein Zeitalter. Berlin: Aufbau-Verlag, 1959

Venohr, Wolfgang. Der große König. Friedrich II. im Siebenjährigen Krieg. Bergisch Gladbach: Gustav Lübbe Verlag GmbH, 1995.

Details

Seiten
10
Jahr
1999
Dateigröße
420 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95642
Note
Schlagworte
Hintergrund Minna Barnhelm German Graduate Program Kurs Professor Alexander Arizona State University

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