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Süskind, Patrick - Das Parfum

Referat / Aufsatz (Schule) 1999 8 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Gliederung:

A)Tradition von Grenouilles Absicht

B)Erreicht Grenouille sein Ziel, die Liebe der Menschen zu gewinnen?
I.Die Erschaffung des Parfums
1.Über die Entstehung der Idee eines künstlichen Eigengeruchs
2.Gründe für die Auswahl des Liebesduftes
a)Lieblingsgeruch Grenouilles
b)Beweis seiner Fähigkeiten
c)Demonstration von Macht und Überlegenheit vor den Menschen
II.Verwirklichung Grenouilles Wunsches durch die Wirkung des Parfums
III.Fehlschlag durch Ausbleiben des aufrichtigen Liebesgefühls

C)Hinweise zur Schlussszene

Liebe zu gewinnen ist in der Literatur ein altbekannter Wunsch von Romanfiguren. Auch in der heutigen Zeit werden noch viele Bücher verfasst, die das Leben einer nach Zuneigung suchenden Person beschreiben. Patrick Süskinds ,,Das Parfum" ist hierfür zwar kein typisches Beispiel, zumal der Autor, wie der Untertitel des Romans verrät, die ,,Geschichte eines Mörders" erzählt. Genau dieser Aspekt und der Schlusssatz, der dem Leser ein Rätsel in Bezug auf die Verwirklichung Grenouilles Begehrens offen lässt, gestalten die Untersuchung des Lebens Jean-Baptistes interessant. Es stellt sich die Frage ob die Hauptfigur eigentlich ihr Ziel, die Liebe der Menschen zu gewinnen, mit ihrer ungewöhnlichen Methode erreicht. Am Anfang der Auseinandersetzung mit dem Problem steht die Beleuchtung der Motive Grenouilles an, die ihn antreiben, das Parfum zu kreieren. Denn dieses stellt das Mittel dar, mit dem er seine Bestrebungen verwirklichen will.

Erstens baut die Idee auf seinen Lebenswunsch auf, den Jean-Baptiste formuliert als er den Parfumeur Baldini verlässt:

Er wollte seines Innern sich entäußern, nichts anderes, seines Innern, das er für wunderbarer hielt als alles, was die äußere Welt zu bieten hatte. (P, S. 140)[1]

Anschließend zieht sich Jean-Baptiste auf den Plomb du Cantal zurück ,,um sich selbst nahe zu sein" (P, S. 158) und somit sein Ziel abseits der Menschen zu erreichen. Sieben Jahre lang empfindet er auch Befriedigung, indem er in seinem ,,innere[n] Imperium" (P, S. 158) als Schöpfer herrscht und seinen angestauten Hass hervorbrechen (vergleiche P, S. 159) lässt. Dann jedoch wird sein Zustand von Genugtuung zerstört, als er in einem ,,furchtbaren Traum" (P, S. 171) erkennt, dass sein Herz lediglich von nicht riechbaren Nebeln angefüllt ist. In den Maßstäben eines Geruchsmenschen stellt das eine ,,Katastrophe" (P, S. 170) dar, denn ohne persönliche Duftnote in seinem Inneren ist er ein Niemand. Gleichermaßen gibt es nichts mehr, dass er für wunderbarer halten kann als alles, was die äußere Welt zu bieten hat (vergleiche Zitat oben, P, S. 140). Deswegen beschließt er, sich einen persönlichen Eigengeruch zu komponieren um damit sein Herz zu füllen. So hofft er getrost wieder von seinem Inneren schwärmen zu können und über sich selbst Bescheid zu wissen (vergleiche P, S. 175).

Es steht nun noch zur Diskussion, wieso der Meister der Düfte für die Neubelebung seiner

Seele die einzigartige und bezaubernde Note der Liebe aussucht. Im Roman wird die Wahl folgendermaßen erwähnt: Was er begehrte, war der Duft gewisser Menschen: jener äußerst seltenen Menschen nämlich, die Liebe inspirieren.

(P, S. 240)

Damit wird auf die Mädchen verwiesen, von denen laut Grenouille besonders Laure durch ihre gefühlsbeflügelnde Ausstrahlung hervorsticht. Schon in ihrer Kindheit duftet sie ,,haarsträubend himmlisch" (P, S. 217) und trägt mit zunehmender Reife ein Parfum, ,,wie es die Welt noch nicht gerochen hat" (ebd.). Dieses entwickelt sich zu Grenouilles Lieblingsduft, den er sich ,,wahrhaftig aneignen" (P, S. 218) und zu seinem eigenen machen will. Kombiniert mit den Parfums, die er aus seinen anderen Opfern gewinnt, träumt er von der Erschaffung einer Duftaura, so herrlich wie der des Mädchens hinter der Mauer (vergleiche P, S. 244).

Andererseits möchte er indem er ein perfektes Riechwasser herstellt seine olfaktorische

Begabung beweisen. Bestätigt würde er sich fühlen, wenn es ihm gelänge, unter einer gekonnt hergestellten Duftmaske sein wahres Ich, das von ,,Selbstüberhebung, Menschenverachtung" und ,,Immoralität" (P, S. 5) geprägt ist, zu verstecken. Ebenso strebt er die Verdeckung all seiner anderen Eigenschaften an, die ihn zum Außenseiter machen:

Er, Jean-Baptiste Grenouille, geboren ohne Geruch am allerstinkendsten Ort der Welt, stammend aus Abfall, Kot und Verwesung, aufgewachsen ohne Liebe, lebend ohne warme menschliche Seele, einzig aus Widerborstigkeit und der Kraft des Ekels, klein, gebuckelt, hinkend, häßlich, gemieden, ein Scheusal innen wie außen (...)

(P, S. 304)

Ganz deutlich zeigt sich, wie sehr Grenouille auf die Bescheinigung seiner Fähigkeiten hofft, als er sich das erste Mal mit einem künstlichen Menschengeruch unter die Bevölkerung wagt und er es schafft seine wahren Eigenschaften mit einer Dufthaube zu verheimlichen:

... und seine Freude war grenzenlos, als er merkte, daß all diese Männer und Frauen und Kinder, (...) seinen aus Katzenscheiße, Käse und Essig zusammengepantschten Gestank als Geruch ihresgleichen inhalierten und ihn (...) als einen Menschen unter Menschen akzeptierten.

Wäre Grenouille im nächsten Schritt sogar bei der Auslösung von Liebesgefühlen erfolgreich, so wäre das die höchste Bestätigung für seinen selbstverliehenen Titel ,,größte[r] Parfumeur aller Zeiten" (P, S. 58). Dank seines Geschicks hätte er es dann geschafft, dass die Menschen ihn ,,nicht nur als ihresgleichen akzeptieren" (P, S. 198), sondern ihn trotz seines Charakters ,,von ganzem Herzen lieben" (ebd.). Weil ihn die Herausforderung an sein Talent sehr reizt, nimmt er sie auf und sucht nach dem ,,Engelsdufts" (P, S. 198), der das Unmögliche möglich machen soll.

Nicht außer Acht lassen darf man jedoch, dass die für Grenouille unerreichbar scheinende Liebe in seiner Vorstellung eine andere Definition besitzt als in unserer Gemeinschaft. Ein Grund hierfür ist, dass ihm abstrakte Begriffe schleierhaft (vergleiche P, S. 33) sind. Somit verknüpft er das Wort ,,Liebe" wohl nicht mit den uns bekannten Gefühlen, zumal es in seinem Wortschatz keinen Eingang findet, da ,,unsere Sprache nicht zur Beschreibung der riechbaren Welt", in der er lebt, ,,taugt" (vergleiche P, S. 160). Grenouille siedelt die

Bedeutung vielmehr auf der Ebene einer Beziehung zwischen einem allmächtigen Herrscher und seinem ihn verehrenden Untertanen an, als auf der Basis von starker zwischenmenschlicher Zuneigung. So findet er zum Beispiel den ,,universalen Huldigungsduft" (P, S. 162), welchen sein Blütenvolk zu ehren des ,,Großen", ,,Einzigen", ,,Herrlichen Grenouille" (ebd.) während seiner Ausschweifungen im inneren Imperium verströmt, ,,angenehm" (ebd.). Aus der Art der verwendeten Titulierung erkennt man zudem seinen Hang zur Überheblichkeit, die aus dem Gefühl von Überlegenheit und Allmacht hervorgeht. Damit er auch die äußere Welt von seiner Macht überzeugen kann, zieht er wiederum den Duft der Liebe zur Rate. Er soll ihm helfen, die ,,Menschen zu beherrschen", Jean-Baptiste also auch zum Gebieter und Großen Grenouille (vergleiche Zitat oben) der Realität machen:

Er wollte der omnipotente Gott des Duftes sein, so wie er es in seinen

Phantasien gewesen war, aber nur in der wirklichen Welt und über wirkliche Menschen.

(P, S. 198)

Welches Potential der Duft, der Liebe inspiriert, ebenfalls im Bezug auf das Anheizen Grenouilles Überlegenheitsgefühl birgt, erahnt man bei der ersten Anwendung eines Menschduftimitats. Die Erkenntnis seiner Macht lässt bei ihm Eigenlob und Verachtung gegenüber den Menschen, die ihm in so vielen Bereichen unterlegen sind, aufkeimen:

(...) sie [die Menschen] mit ganzer Inbrunst verachte, weil sie stinkend dumm waren; weil sie sich von ihm belügen und betrügen ließen; weil sie nichts waren, und er war alles! (P, S. 197)

Zu beachten ist, dass sein künftiger Eigengeruch der Herzlichkeit, die Wirkung der Surrogaten sogar um Potenzen übertreffen wird, und damit auch eine Gefühlssteigerung provozieren wird.

Hiermit sind die Motive aufgeführt, die die Hauptfigur dazu veranlassen, sich den Geruch der Liebe anzueignen. Inwieweit sie ihre Wünsche verwirklicht, werde ich im Folgenden erörtern. Zur Beantwortung der Frage, ob Grenouille sein Ziel erreicht hat, stellt seine geplante Hinrichtung die Schlüsselszene dar, denn dort trägt er das Menschenparfum, seinen selbst erschaffenen Eigengeruch, zum erstenmal. Und die erhoffte Wirkung trat offensichtlich ein:

(...) er hatte es erreicht, sich vor der Welt beliebt zu machen.

(P, S. 304)

Er erlebte in diesem Augenblick den größten Triumph seines Lebens. (P, S. 305)

Es gelingt ihm, trotz seiner widerwärtigen Eigenschaften (vergleiche Zitat weiter oben von P, S. 304) ,,geliebt", ,,verehrt" und ,,vergöttert" (P, S. 304) zu werden. Er erreicht sogar noch mehr:

Den göttlichen Funken (...) hatte er sich durch unendliches Raffinement ertrotzt. (...) Er hatte sich eine Aura erschaffen, strahlender und wirkungsvoller, als sie je ein Mensch besaß.

(P, S. 304)

Folglich hat er die Herausforderung, die die Komposition eines beliebt machenden Parfums an seine Fähigkeiten gestellt hat, bewältigt. Dies gestattet ihm, sich wieder getrost in Überheblichkeit und Gotteslästerung üben, weil er sein grenzenloses Talent bestätigt glaubt:

Er war noch größer als Prometheus. (...) Und er verdankte sie [seine Aura] niemandem - keinem Vater, keiner Mutter und am allerwenigsten einem gnädigen Gott - als einzig sich selbst.

Ebenfalls dank des unheimlichen Gefühlsrausches, den Grenouilles Erscheinen auslöst

(vergleiche P, S. 302), kann er sich nun, um die Liebe seiner Untertanen zu empfangen, an die Spitze der realen Welt setzen:

Ja, er war der Große Grenouille! (...) Er war's, wie einst in seinen selbstverliebten Phantasien, so jetzt in Wirklichkeit.

Mit ,,Verachtung" (P, S. 304), die in dem Gefühl der Überlegenheit gegenüber den

Anwesenden wurzelt, betrachtet der Allmächtige die ekstatischen Huldigungen seiner Person, welche die Menschen ,,für das schönste, attraktivste und vollkommenste Wesen, das sie sich denken" können (P, S. 303), halten. Zudem stellt er fest, dass er in der Tat ,,sein eigener Gott, und ein herrlicherer Gott als jener weihrauchstinkende Gott" (P, S. 304) sei. Doch abgesehen davon, dass man hierdurch wiederum eine Bestätigung für das Erreichen der Liebe, welche in Grenouilles Verständnis ja ein Mittel zum berechtigten Genuss seiner Überlegenheit darstellt, festmachen kann, ist auch Zweifel weckbar. Sogar allgemein betrachtet bestätigt sich sein Triumph in Bezug auf die göttliche Schöpfung einer liebenswerten Aura nicht. Um dies zu erreichen, hätte sein Menschenparfum sein Inneres ausfüllen und nicht nur seinen Eigenschaften eine Duftmaske aufsetzen müssen. Statt dessen fühlt er, ,,daß die Nebel wieder stiegen", ,,wie damals in der Höhle (...) im Herzen seiner Phantasie" (P, S. 306) und er somit einen Fehlschlag erleidet. Da sein Inneres weiterhin aus Geruchlosigkeit, für ihn also aus keinen wahrnehmbaren Gefühlen, besteht, kann folglich die gewonnene Liebe nicht wahr sein. Sie hätte nur einen Wert gehabt, wenn die Zuneigung der Menschen eine Antwort auf Grenouilles eigene Herzlichkeit gebildet hätte.

Was er sich immer ersehnt hatte, daß nämlich die Menschen ihn liebten, wurde ihm im Augenblick seines Erfolges unerträglich, denn er selbst liebte sie nicht, er haßte sie. Und plötzlich wußte er, daß er nie in der Liebe, sondern immer nur im Haß Befriedigung fände, im Hassen und Gehaßtwerden. (P, S. 305/ 306)

Aus diesem Grund hat er die ehrliche Liebe seiner Person nicht gewonnen, denn die Menschen begehren lediglich seine Duftmaske, deren Liebenswürdigkeit sie individuell, jedoch nicht als aus Jean-Baptistes Herzen kommenden Eigengeruch, auslegen:

Den Nonnen erschien er als der Heiland in Person, den Satansgläubigen als strahlender Herr der Finsternis, den Aufgeklärten als das Höchste Wesen, den

jungen Mädchen als ein Märchenprinz, den Männern als ein ideales Abbild ihrer selbst. (P, S. 303)

Aber niemand erkennt in Grenouille seine wahre Person. Die Liebe der Menschen zu seiner Hülle, nach deren Besitz er zwar ,,ein Leben lang gedürstet hatte" (P, S. 305), kann er aufgrund des Widerspruchs zu seinen Gefühlen ,,keine Sekunde" lang ,,genießen" (ebd.) und lässt seine alte Haltung des Hasses und ,,Ekels vor den Menschen" (P, S. 305) wieder hervortreten. Doch selbst diese Gefühle bleiben zum Leid seines Wunsches nach Verständnis unbestätigt und werden sogar mit dem Gegenteil bedient, da er unter seiner ,,Maske kein Gesicht" (P, S. 306) trägt:

Je mehr er sie in diesem Augenblick haßte, desto mehr vergötterten sie ihn (...) Er wollte sich ein Mal im Leben entäußern. (...)

Er wollte ein Mal, nur ein einziges Mal, in seiner wahren Existenz zur Kenntnis genommen werden und von einem anderen Menschen eine Antwort erhalten auf sein einziges wahres Gefühl, den Haß.

(P, S. 306)

Auch in Bezug auf sein Streben nach Anerkennung scheitert Grenouille mit dem Parfum, zumal ,,niemand weiß, wie gut es gemacht ist" (P, S. 316). Die Menschen lobpreisen zwar seine Duftmaske, schenken seiner olfaktorischen Begabung jedoch keine Beachtung, denn sie können seine Aura nicht als perfektes Imitat entlarven. Folglich fühlt sich der ,,größte Parfumeur aller Zeiten" (P, S. 58) ebenfalls in seinem Geltungsdrang gekränkt. Am Ende ergründet Grenouille sogar, wieso für ihn das Parfum ,,sinnlos ist" und ihn ,,nicht bezaubern kann" (P, S. 317): Er ist der einzige der Kenntnis davon hat, dass es ein von ihm nur künstlich zusammengesetzter Duft ist.

Wer meiner Erörterung gefolgt ist, hat womöglich eine Untersuchung Grenouilles Tod auf dem Pariser Cimetière des Innocents vermisst. Diese Szene beschließt den Roman mit der Aussage, das das Zerfleischen des Geruchsmenschen die erste Tat ist, bei der sie Liebe verspüren. Auf den ersten Blick scheint der letzte Satz für die Begutachtung, ob Jean-Baptiste sein Ziel erreicht, von tragweite, weswegen ich auch zu Beginn kurz darauf hingewiesen habe. Tatsächlich nützt die Analyse jedoch nichts und taucht in Folge dessen in meinen Ausführungen nicht auf. Im vierten Teil des Romans wandelt sich Grenouilles Zielsetzung nämlich von dem Wunsch nach Zuneigung zur Todessehnsucht um:

Er wollte überhaupt nicht mehr leben. Er wollte nach Paris gehen und sterben.

(P, S. 315)

Um dieser Absicht gerecht zu werden, missbraucht er das Parfum. Obwohl es für die Inspiration von Liebe konzipiert ist, verwendet er es als Instrument seines Selbstmordes. Im Bewusstsein der unwiderstehlichen Wirkung überschüttet er sich mit dem Parfum, was die Vagabunden durch grenzenlose Verliebtheit in Grenouille zum Kannibalismus treibt. Da Morden oftmals mit tiefer Feindseligkeit gegenüber dem Opfer verbunden ist, könnte man zum Schluss kommen, dass Jean-Baptiste zwar sein erstes Ziel verfehlt, aber dennoch seinen erst am Ende ausgebildeten Wunsch nach Hass verwirklichen kann. Doch dies ist ein Trugschluss, denn die Verbrecher vergöttern seine Duftmaske noch haltloser als die Anwesenden bei der Hinrichtung, anstatt ihn zu verschmähen. Da das Parfum keinen Hass hervorrufen kann, bleibt es dabei, dass Grenouille von den Menschen nicht verstanden wird und sich Zeit seines Lebens nie entäußern kann.

[...]


1 Süskind, Patrick. Das Parfum. Zürich 1985 (Im Folgenden abgekürzt als [P])

Details

Seiten
8
Jahr
1999
Dateigröße
376 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v95729
Note
1
Schlagworte
Süskind Patrick Parfum

Autor

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Titel: Süskind, Patrick - Das Parfum