Lade Inhalt...

Galante Lyrik. Gender und Sexualität in der erotischen Lyrik des Barock

Hausarbeit 2015 26 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erotische Lyrik iml7. Jahrhundert
2.1 Petrarkismus, Opitz und die Antike
2.2 Kultur der Erotik
2.3 Galante Lyrik
2.4 Kritiker der erotischen Lyrik

3. Gender, SexundFrauenim 17. Jahrhundert

4. Gedichtanalysen
4.1 Die Klage eines verliebten Mädchens
4.2 KommPhilirose schaudie Nacht
4.3 So soll der Purpur deiner Lippen
4.4 Die Wollust

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis
6.1 Primärliteratur
6.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die erotische Lyrik des Barock thematisiert die Lust, die Lebensfreude und hebt sich damit von der vom Vanitasgedanken geprägten Lyrik des Barock ab. In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen werden, welche Genderaspekte die erotische Lyrik des Barock auf­weist und welches Bild der Sexualität von ihr in diesem Zusammenhang entworfen wird. Daher wird in dieser Hausarbeit zuerst die erotische Lyrik des 17. Jahrhunderts vorgestellt. Es wird dabei zuerst auf den Petrarkismus und dessen Einführung in Deutschland unter an­derem durch Martin Opitz, sowie auf den Einfluss der Antike auf die erotische Lyrik in Deutschland eingegangen. Die Arbeit beginnt mit dem Petrarkismus, da er die Grundlage für die weitere Entwicklung der erotischen Lyrik in Deutschland bildet. Dann wird auf die sich entwickelnde Kultur der Erotik, die die erotische Lyrik erst gesellschaftliche akzepta­bel machte, eingegangen werden. Die Kultur der Erotik machte es überhaupt erst möglich, dass angesehene Autoren erotische Lyrik verfassen konnten. Für die Fragestellung dieser Arbeit ist die Kultur der Erotik auch sehr wichtig, da sie ein neues Verhältnis zu Sexualität entwarf. Der nächste Punkt wird dann die sogenannte galante Lyrik sein, aus der haupt­sächlich auch die in dieser Arbeit analysierten Gedichte stammen. Auch auf die Kritiker der erotischen Lyrik wird dann in dieser Arbeit eingegangen werden, um die von ihnen ge­forderte Moral mit dem Moralverständnis der Autoren erotischer Lyrik zu vergleichen.

Darauf folgt dann ein Überblick über Genderrollen, Sex und Frauen im 17. Jahrhundert. In diesem Zusammenhang wird auch eine genauere Definition für den mehrdeutigen Begriff Gender gegeben. Dieser Überblick dient dazu, das von der erotischen Lyrik entworfene Bild von Sexualität, Frauen und Gender mit dem in der Bevölkerung vorherrschenden Mo­ralvorstellungen und Lebenswirklichkeiten zu vergleichen.

Dann folgen die Gedichtanalysen. Dabei werden vier Gedichte analysiert: Die Klage eines verliebten Mädchens von einem anonymen Autor, Komm, Philirose, schau die Nacht von Johann von Besser, So soll der Purpur deiner Lippen von Christian Hoffmann von Hoff- mannswaldau und die Wollust von demselben. Die erarbeiteten Ergebnisse werden dann am Ende der Arbeit zusammengefasst.

2. Erotische Lyrik im 17. Jahrhundert

Erotische Lyrik des 17. Jahrhundert ist die erotische Lyrik des Barock. Sie bildet einen Kontrast zu den Schrecken des dreißigjährigen Krieges und der davon geprägten Lyrik, wie sie sich bei vielen Werken von Andreas Gryphius findet.1

2.1 Petrarkismus, Opitz und die Antike

Um die erotische Lyrik des 17. Jahrhunderts zu erläutern, ist es zuerst notwendig, die Lie­beslyrik, die eine Oberkategorie zur erotischen Lyrik dieser Zeit bildet, zu erklären. Die Liebeslyrik bildet im 17. Jahrhundert einen Schwerpunkt der barocken Lyrik. Ihren Ur­sprung hat die Liebeslyrik im Petrarkismus, der auf die 366 Gedichte des um 1340 entstan­denen Canzoniere von Francesco Petrarca zurückgeht.2

Dem Petrarkismus ist der Gegensatz zwischen dem leidvoll liebenden Mann und der kalten und abweisenden Frau grundlegend. Insbesondere wird dadurch der Liebesschmerz und die Sehnsucht nach der Geliebten dargestellt. Dabei sind Geliebte und Liebender voneinander entfernt und der Liebende findet seinen Trost in Erinnerungen an die Geliebte oder Träu­men von ihr. Insbesondere die Naturmetaphorik wird im Petrarkismus genutzt, um die Ge­liebte oder auch nur einzelne Körperteile von ihr zu beschreiben.3

Besonders sind für den Petrarkismus die Häufung von Antithesen und Oxymora und die Verdeutlichung der Geliebten durch Objekte, die ein Liebespfand darstellen können.4

In Deutschland bleibt es aber nicht bei der ursprünglichen Form des Petrarkismus. Es ent­stehen eigene Formen der Liebeslyrik. So wird nach Hansjürgen Blinn der Liebesdiskurs hauptsächlich auf der religiös-theologischen Ebene, der philosophischen Ebene und auf der Ebene der literarischen Behandlung der Liebe geführt. Diese drei Ebenen trennt er vom Pe­trarkismus ab und stellt sie ihm gegenüber.5

Dirk Niefanger stellt dagegen die Formen der Liebeslyrik in Deutschland als verschiedene Formen des Petrarkismus dar. So spricht er vom weltlichen Petrarkismus, vom erotische Petrarkismus, der ein erfolgreiches Werben um die Geliebte antizipiert und der aus der ab­weisenden Frau ein Objekt männlicher Begierde macht, vom Antipetrarkismus, der dage­gen das Hässliche und das Vergängliche der Schönheit in den Mittelpunkt stellt, und vom geistlichen Petrarkismus, der die Liebe zu Gott beschreibt.6

Martin Opitz selbst ist es, der am Beginn der erotische Lyrik in Deutschland steht und dazu beiträgt den Petrarkismus in Deutschland einzuführen.7

In seinem Buch von der deutschen Poeterey schreibt Opitz selbst über die Liebeslyrik:

„[...] so sind auch nicht alle Poeten die von Liebessachen schreiben zue meiden; denn 'viel vnter jhnen zuechtig reden / das sie ein jegliches ehrbares frawenzimmer vngeschewet le­sen moechte. Man kan jhnen auch deßentwegen wol ihre einbildungen lassen / vnd ein 'we­nig vbersehen / weil die liebe gleichsam der Wetzstein ist an dem sie jhren subtilen Ver­stand scherffen / und niemals mehr sinnreiche gedancken vnd einfaelle haben / als wann sie von jhren Buhlschafften Himlischen schoene / jungend / freundligkeit / haß vnnd gunst reden.“8

Martin Opitz verteidigt die Liebeslyrik damit, dass sie der Schärfung des Verstandes diene und der eigentliche Textinhalt an sich uninteressant sei. Nach Harry Fröhlich handelt es sich dabei aber nicht um eine neue Idee, sondern um die Wiederaufnahme antiken Gedan­kenguts. Besonders zu betonen ist auch, dass Opitz dies in seinem Kapitel „ Von etlichen Sachen die den Poeten vorgeworfen werden; und derselben entschuldigung“ schreibt und somit einen Hinweis darauf gibt, dass Liebeslyrik als moralisches Problem empfunden wurde.9

Der Petrarkismus ist es, der die Grundlage für die deutsche Liebeslyrik bildet.10 Neben dem Petrarkismus sind es aber die humanistischen Autoren des 16. Jahrhunderts, die die antike Liebesdichtung wiederbelebten und die deutsche Liebeslyrik damit stark beeinflussen. Dies zeigt sich in der deutschen Liebeslyrik besonders an den immer wieder auftretenden anti­ken Motiven, Namen und Göttern.11

2.2 Kultur der Erotik

Unabhängig, ob der Umgang mit Liebeslyrik in Deutschland als eine Form des Petrarkis­mus betrachtet werden kann oder nicht, wird bei beiden eben erwähnten Autoren deutlich, dass sich die Liebeslyrik verschiedene Formen annimmt, zu denen auch die erotische Lyrik gehört. Im Barock war es den Autoren im Gegensatz zum 18. Jahrhundert möglich, eroti­sche Texte zu verfassen, ohne dafür inkriminiert zu werden. Möglich machte dies die vor­herrschende höfische Kultur.12

In dieser Kultur dient das Erotische der Triebverwandlung und Regulierung. Erotik ist so­mit nicht gleich Pornographie, die nur erregen soll, sondern ermöglicht es, die eigenen Triebe zu kontrollieren und den kultivierten Menschen vom unkultivierten Menschen zu unterscheiden.13

Als Schema für die erotische Lyrik des 17. Jahrhunderts diente eines, das sich an den anti­ken Autoren erotischer Texte wie Ovid, Properz und Tibull orientierte und fünf Stufen der Begegnung zwischen den Geschlechtern ausformulierte. Diese beginnen mit dem Anblick („visus“), dann folgt die Anrede („allocutio“), die Berührung („tactus“), der Kuss („oscu- lum“ oder „suavium“) bis zum Geschlechtsverkehr („coitus“).14

Erotische Lyrik wurde nicht alleine gelesen, sondern war für den Vortrag in einer literatur­verständigen Gesellschaft gedacht, womit es sich um Kasualdichtung handelt. Der Gedan­ke des „delectare“, des Erfreuens, stand dabei im Vordergrund. Der spielerisch-künstleri­sche Umgang mit Erotik und Sexualität zeichnete dabei die erotische Lyrik aus und nicht ein moralisch-ethischer Diskurs. Bei den Gesellschaften, in denen erotische Lyrik gelesen wurde, handelte es sich um Treffen von aristokratie- und bildungsnahen Männern und Frauen15

Der Autor bleibt dabei immer im fiktionalen und stellt nicht seine eigenen, erotischen Wünsche dar. Nur so können die Texte als Lyrik wahrgenommen werden und nur so ist der spielerische, manchmal auch satirische Umgang mit den Texten möglich.16

2.3 Galante Lyrik

Für die erotische Liebeslyrik findet sich in Deutschland der Begriff der galanten Lyrik, wo­bei sich dieser besonders auf die Erzeugnisse von Christian Hoffmann von Hoffmanns- waldau und den Nachahmern seines Stils bezieht. Benjamin Neukirch ist es, der zum Ende des 17. Jahrhunderts mit dem ersten Teil seiner Neukircher Sammlung 1695 den Begriff galante Lyrik prägt und die Dichtungen Hoffmannswaldaus im Nachhinein als galante Ly­rik bezeichnet. Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau hatte diesen Begriff selbst nie verwendet.17

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau veröffentlichte zu seinen Lebzeiten (1616­1679) nur Epigramme. Erst durch den bereits erwähnten Benjamin Neukirch wurde Hoff­mannswaldaus erotische Lyrik bekannt. Hoffmannswaldaus galante Lyrik beruht auf einer carpe diem-Haltung, wobei im Hintergrund auch immer der Vanitasgedanke mitschwingt. In den Gedichten ist das Hauptmotiv die Argumentation und die Überredung, sowie die Preisung des erotischen Genusses, wobei diese nicht immer ernst gemeint ist.18

Neben Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau stehen besonders die Autoren Christoph Hölmann, Christian Friedrich Hunold, Johann Burkhard Mencke, Benjamin Neukirch, Da­niel Caspar von Lohenstein und Gottlieb Stolle für die galante Lyrik.19

Die Autoren, die galante Lyrik verfassten, orientierten sich sowohl am Petrarkismus, als auch an der französischen Salonkulur und deren Bildungs- und Lebensideal des Adels. An den deutschen Autoren ist aber besonders, dass es sich bei ihnen selbst nicht um Adlige, sondern um Bürgerliche handelte, die sich an die Lebensweisen der Aristokratie anpassten und meist im Staatsdienst, also im Dienst eines Fürsten, standen und somit zum höfischen Bürgertum gehörten.20

Stilistisch zeichnet sich die galante Lyrik durch einen mittleren, leicht verständlichen, aber auch einfallsreichen Stil aus. Anmut ist das Ideal, dem sich der galante Dichter unterwirft. Der Text soll von den Extremen der scharfsinnigen und dekorativen Metaphorik gereinigt werden.21

Besonders der kleine Tod, der piccola morte, ist ein vielfach in den Gedichten der galanten Lyrik genutztes Bild für den Orgasmus.22

2.4 Kritiker der erotischen Lyrik

Aufgrund der Moralvorstellungen im 17. Jahrhundert war die erotische Lyrik von verschie­denen Seiten Kritik ausgesetzt. Die größten Kritiker waren die beiden Kirchen. Sowohl die evangelische, als auch die katholische Kirche lehnten den Koitus, wenn er nicht der Erzeu­gung von Kindern diente, ab. Daher verurteilten viele Geistliche, die Preisungen des Ge­schlechtsverkehrs, wie sie auch die Sexualität selbst verurteilten. Der hauptsächliche Kri­tikpunkt der zeitgenössischen Kritiker war aber nicht die intime Beschreibung von Körper­teilen, sondern die Erhebung der Geliebten ins Göttliche. Dass die Geliebte zu einer Göttin verklärt wird, wurde gerade von den pietistischen Frömmlern und den moralisierenden Aufklärern verurteilt.23

Die Kritik der Geistlichen an der galanten Lyrik wurde von den Autoren dieser selbst ange­heizt, indem sie wie in ihren Gedichten auf die Unkeuchheit der Mönche und Pfarrer auf­merksam machten und über diese Doppelmoral spotteten.24 Dies wird in dem Gedicht „An Lisetten“ von Erdmann Neumeister deutlich.

„So willst du nun ins Nonnenkloster geh'n und in der Heiligkeit als eine Schwester steh'n? Nun gut, ich habe mir den Mönchsstand vorgenommen, So darf ein Bruder wohl zu einer Schwester kommen. Lisette, laß mich nur in deine Zeile ein, Im Beten sollst du selbst mein Paternoster sein.“25

In dem Gedicht wird speziell die katholische Kirche und deren Klosterwesen verspottet. Es zeigt deutlich, wie die galanten Dichter die Kirchen, hier die katholische Kirche, und ihre Moralvorstellungen angriffen. Die geistlichen Prediger dagegen nutzten für ihre Kritik an den Autoren meist die Bibel und führten dabei stellen wie Eph. 5,4-6 an.26

3. Gender, Sex und Frauen im 17. Jahrhundert

Um über Gender zu sprechen, ist es erst einmal notwendig, den Begriff Gender zu definie­ren. In der heutigen Zeit findet der Begriff Gender vielfältige Anwendungen. Gender meint in dieser Arbeit das soziale Geschlecht, also das von der Gesellschaft definierte Ge­schlecht, das von den sozialen und kulturellen Umständen abhängig ist. Die weiter gefasste Definition von Gender, wie sie Monika Jakobs vorschlägt, kann hier nicht verwendet wer­den, da die Idee von mehr als zwei Geschlechtern und eine kritische Haltung gegenüber Heteronormitäten eine Entwicklung des späten 20. Jahrhunderts ist.27

In den aristokratiefemen Bevölkerungskreisen wurde das Bild der Frau und die Sexualmo­ral sehr stark von den Kirchen bestimmt. Sowohl außerehelicher Sex als auch vorehelicher Sex wurde von beiden Kirchen als schwere Sünde angesehen. Selbst der Sex zwischen Ehepartnern wurde als Sünde angesehen, wenn er nur dem eigenen Lustgewinn diente. Die von Luther geprägte evangelische Kirche stand der Ehe zwar positiv gegenüber, aber gera­de der Orgasmus wurde von Luther als ein krankhafter Anfall angesehen. Alleine nach den Lehren Calvins war Sexualität nichts Schlechtes. Philip Jacob Spener, der Begründer des lutherischen Pietismus, sprach sich zwar positiv zur Ehe aus, verteufelte aber sexuelle Lust und unzüchtiges Verhalten, wie das Singen von Liebeslieder oder Darstellungen nackter Menschen. Auch die zu dieser Zeit sehr lebendige christliche Mystik lehnte Sexualität, die Ehe oder auch Frauen generell ab.28

Im Protestantismus wurde die Frau durch die Abschaffung des Zölibats und der Frauen­klöster in die Rolle der Hausmutter gedrängt. Dies war die einzige Rolle, die eine protes­tantische Frau übernehmen konnte, ohne diskriminiert zu werden. Gleichzeitig wurde die Rolle der Frau als Hausmutter zwar auch aufgewertet, aber da es auch die einzige mögliche Rolle war, wurden die Rechte der Frau damit auch stark beschnitten.29

Die sich im Barock entwickelnde Moraltheologie verstärkte auch auf katholischer Seite die Verurteilung der Sexualität. Herrschte in der Renaissance noch eine relative Offenheit, führte die Moraltheologie zu einer rigorosen Ablehnung von Sexualität. Beide Konfessio­nen versuchten, die Menschen durch Anleitungen zu einem besseren Verhalten zu bewe­gen.30

Um dies zu erreichen, verboten die Kirchen an vielen Tagen den Sexualverkehr, schrieben die Stellung vor, in der der Sex durchgeführt werden durfte, und verboten Onanie und Ho­mosexualität. Nur die weibliche Masturbation war, da der weibliche Orgasmus nach eini­gen Medizinern zur Empfängnis notwendig war, unter diesen besonderen Umständen ge­stattet. Trotzdem kann dies nicht als ein Fortschritt gesehen werden, da hier die Frau in ihre von den Kirchen geforderte Rolle als Mutter gedrängt wird und die weibliche Masturbation nur als notwendiges Übel gesehen wurden.31

Einen Fortschritt dagegen bildet die Abkehr von der Idee des „Ein-Geschlecht-Leibs“32, da bis zum Ende der Renaissance in Europa die Vorstellung herrschte, dass der weibliche Kör­per nur eine schwächere und minderwertige Version des männlichen Körpers sei. Die Exis­tenz von zumindest zwei Geschlechtern ist somit erst eine Idee der frühen Neuzeit. Dies er­möglichte auch das Lob des weiblichen Körpers, da dieser nicht mehr nur als schwächere Version des männlichen Körpers gesehen wurde.33

Das Bild der Frau in der katholischen Kirche wurde durch die Bibel und die Erbsündenleh­re bestimmt. Inbesondere 1. Kor. 7. 1-2 („Es ist gut für den Mann keine Frau zu berühren. Wegen der Gefahr der Unzucht soll aber jeder seine Frau haben und jede soll ihren Mann haben.“34 ) und der Sündenfall prägten das Bild der Frau. Die Ehe sollte dazu dienen, die Lust unter Kontrolle zu halten. Die Frau wurde gleichzeitig dreifach herabgesetzt: Sie galt als Hauptschuldige am Sündenfall, sie galt als unrein aufgrund der Menstruation und sie galt aufgrund der Schöpfungsgeschichte nur als Gehilfin des Mannes und daher bei ma­chen Theologen nicht einmal als richtiger Mensch.35

Der Philosophieprofessor Christian Thomasius setzte sich in seinem 1689 erschienen Tracktat ,, Ob 'wahrhafte Liebe zwischen Eheleuten sich nolhwenig in anderer Gesellschaft kund geben müsse“ für die Auffassung ein, dass Sexualität ein Ausdruck der Liebe zwi­schen Eheleuten ist und Sexualität in der Ehe nichts Sündiges sein kann. Für ihn ist sowohl die Liebe als Caritas, die hingebende oder uneigennützige Liebe, als auch als Eros, die Lei­denschaft oder die begeisterte Liebe, eine Tugend. Thomasius verknüpft in seinen Lehren die Liebesethik und die Freundschaftslehre mit der erotischen Liebe. Daraus erschafft er eine Theorie der vernünftigen Liebe. Damit erhöht Thomasius die erotische Liebe über die freundschaftliche, gleichgeschlechtliche Liebe. Für ihn ist eine Liebe zwischen Mann und Frau nur dann vollkommen, wenn sie zu einer geschlechtlichen Vereinigung kommt. Ge­schlechtsverkehr der reinen Lust und ohne aufrichtige Liebe lehnt er aber in seinen Lehren ab. Zwar ist Thomasius Lehre ein Fortschritt für die Sexualmoral, auf Genderebene aber sind seine Schriften eher kritisch zu sehen, da er davon ausgeht das Freundschaft zwischen Mann und Frau nicht möglich ist, wenn keine sexuelle Liebesbeziehung besteht. Trotzdem findet bei Thomasius eine Aufwertung der Frau statt, da sich Thomasius gegen die Hexen­verfolgung einsetzt und sich auch gegen die Vorstellung mancher Theologen wehrt, die be­zweifeln, ob Frauen überhaupt Menschen sind.36

Aus dem offiziellen Literaturbetrieb waren Frauen so gut wie ausgeschlossen, da sich die­ser in den Akademien, Lateinschulen und Universitäten entwickelte und Frauen diese nicht besuchen durften. Nur den adligen und gutbürgerlichen Frauen war es überhaupt möglich, Bildung innerhalb der Familie zu erlangen und so am Kulturgeschehen teilzunehmen. Die­se Bildung war aber hauptsächlich religiöser Natur.37

[...]


1 Vgl.: Reiner Ruffing: Deutsche Literaturgeschichte, München 2013, S. 48-50.

2 Vgl.: Peter J. Brenner: Neue deutsche Literaturgeschichte. Vom „Ackermann“ zu Günther Grass, Berlin 2011, S29f.

3 Vgl.: DirkNiefanger: Barock. LehrbuchGermanistik, Stuttgart 2006, S.108-110.

4 Vgl.: VolkerMeid: Barocklyrik, Weimar 2008, S. 35.

5 Vgl.: Hansjürgen Blinn: Begehren und Erfüllung. Zum Liebesdiskurs des 17. Jahrhunderts, in: Erotische Lyrik der galantenZeit. Hg. v. H. B. FrankfurtamMain/Leipzig 1999, S. 99-117, hier: S. 100-105

6 Vgl.: Niefanger: Barock, S. 111.

7 Vgl.: Harry Fröhlich: Apologien der Lust. Zum Diskurs der Sinnlichkeit in der Lyrik Hoffmannswaldaus und seiner Zeitgenossen mit Blick auf die antike Tradition, Tübingen 2005, S. 87.

8 Martin Optiz: Buch von der deutschen Poeterei (1624). Studienausgabe. Mit dem Aristarch (1617) und dem Opitzschen Vorreden zu seinen Teutschen Poemata (1624 und 1625) sowie der Vorrede zu seiner Übersetzung der Trojanerinnen (1625), Hg. v. Herbert Jaumann, Stuttgart 1970, S. 21.

9 Vgl.: Fröhlich: Apologien der Lust, S. 2f.

10 Vgl.: Brenner: Neue deutsche Literaturgeschichte, S. 33f.

11 Vgl.: Fröhlich: ApologienderLust,S. 1.

12 Vgl.: Blinn: BegehrenundErfüllung, S. 107f.

13 Vgl.: Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Bd. II, Frankfurt am Main 2010, S. 386.

14 Vgl.: Blinn: BegehrenundErfüllung, S. 106.

15 Vgl.: Gudrun Blecken: Deutsche Liebeslyrik. Vom Barock bis zur Gegenwart, Hollfeld 2012, S. 47.

16 Vgl.: Niefanger: Barock, S. 40.

17 Vgl.: Meid: Barocklyrik, S. 147-150.

18 Vgl.: Marian Szyrocki: Die deutsche Literaturdes Barock. Eine Einführung, Stuttgart 1994, S. 200-203.

19 Vgl.: Meid: Barocklyrik, S. 151.

20 Vgl.: Blinn: BegehrenundErfüllung, S. 107.

21 Vgl.: Meid: Barocklyrik, S. 150.

22 Vgl.: Niefanger: Barock, S. 39.

23 Vgl.: Blinn: BegehrenundErfüllung, S.100-111.

24 Vgl.: Manfred Beetz: Von der galanten Poesie zur Rokokolyrik, in: Literatur und Kultur des Rokoko. Hg. v. Matthias Luserke / Reiner Marx / Reiner Wild, Göttingen 2001. S. 33-62, hier: 35-37.

25 Erdmann Neumeister: An Lisetten, in: Blinn: Erotische Lyrik der galanten Zeit, S. 70.

26 Vgl.:Beetz: Vonder galantenPoesie zurRokokolyrik, S. 36.

27 Vgl.: MonikaJakobs: Gender inder Theologie, in: Gender überall!?. Beiträge zurinterdisziplinären Geschlechterforschung. Hg. v. Astrid M. Fellner / Anne Conrad / Jennifer J* Moos, St. Ingbert 2014, S.119-143,hier: S. 126-130.

28 Vgl.: Blinn: BegehrenundErfüllung, S. lOOf.

29 Vgl.: Hans Georg Kemper: Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit. Barock - Humanismus: Liebeslyrik, Band 4, Tübingen 2006, S. 16f.

30 Vgl.: Heribert Smolinsky: Kirchengeschichte der Neuzeit. Erster Teil, Düsseldorf 2008, S. 156-158.

31 Vgl.: Blinn: BegehrenundErfüllung, S.lOlf.

32 Thomas Laqueur: Auf den Leib geschrieben. Die Inszenierung der Geschlechter von der Antike bis Freud, Frankfurt am Main / New York 1992, S. 80.

33 Vgl.: Laqueur: Auf den Leib geschrieben, S. 80f.

34 l.Kor. 7. 1-2.

35 Vgl.: Kemper: Barock-Humanismus: Liebeslyrik, S. 13.

36 Vgl.: Blinn: BegehrenundErfüllung, S. 103 f.

37 Vgl.: Helga Neumann: ZwischenEmanzipationund Anpassung. Protagonistinnendes deutschen Zeitschriftenwesens im ausgehenden 18. Jahrhundert (1779-1795), Würzburg 1999, S. 10.

Details

Seiten
26
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783346300416
ISBN (Buch)
9783346300423
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v957608
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1.0
Schlagworte
Lyrik Barok Gender Galante Lyrik Barock Epochen Sexualität Erotik Gedicht Barocklyrik Hoffmanswaldau

Autor

Zurück

Titel: Galante Lyrik. Gender und Sexualität in der erotischen Lyrik des Barock