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Ängste machen Kinder stark

Ausarbeitung 2000 5 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

„DU MUSST DOCH KEINE ANGST HABEN”

Ein Fachartikel auf Grundlage des Buches „Ängste machen Kinder stark“ von Jan-Uwe Rogge

Müssen wir wirklich keine Angst haben? Geht es uns besser, wenn wir die Angst verleugnen? Aber fehlt uns dann nicht etwas? Wenn wir keine Angst haben müssen, warum gibt es sie dann eigentlich? Wer Angst hat ist ein Feigling. Dass dem nicht so ist, will ich anhand dieses Kurzartikels zu erklären versuchen.

Ängste gehören zum Wesen des Menschen. Angst beeinflusst bewusst und unbewusst, es drängt uns zu bestimmtem Handeln. Angst ist ein viel zu wenig erforschtes Phänomen, was uns ein ganzes Leben lang begleitet. Nur die wenigsten wissen, dass die Grundsteine zum Umgang mit Angst schon im Kindesalter gelegt werden. „ Kinder brauchen Angst“, sagt Jan-Uwe Rogge, der schon zahlreiche Studien zu diesem Thema betrieben hat. Seine Erkenntnisse und Ratschläge fasst er in einem Buch zusammen, welches die Grundlage zu diesem Artikel bildet.

Wie oft sagen wir einem Kind, dass es keine Angst muss. Dass wir es uns einfach machen ist ja verständlich, weil wir diese Phase ja schon lange hinter uns haben. Bagatellisierungen von Seiten der Erwachsenen führen lediglich dazu, dass sich die Kinder alleine gelassen fühlen und ihre Ängste häufig verdrängen. Kinder brauchen ihre Ängste aber, denn genau diese Ängste machen die Kinder stark. Aber nur dann, wenn das Kind auch lernt, mit seinen Ängsten umzugehen. Dass diesen Ängsten aber nicht mit erzieherischem Perfektionismus beizu­kommen ist, wissen wir nicht erst seitdem es den Beruf des Sozialpädagogen gibt. Ein Patentrezept zur Verarbeitung der Ängste, die ein Kind mit sich herum trägt, gibt es nicht. Hier ist sicherlich die Phantasie der Eltern gefragt, die sich mit diesem Thema genauer auseinandersetzen sollten.

Angst ist ein Begriff, dessen Bedeutung viel zu oft nicht verstanden und häufig falsch interpretiert wird. Wir reden über Angst, und meinen oft Furcht. Gibt es da überhaupt einen Unterschied? Den gibt es. Aber dazu kommen wir noch später

„Angustiae“ ist die Quelle des Begriffes Angst. Dieses Wort kommt aus dem lateinischen und bedeutet „Enge“. Wie schnell sind Kinder in die Enge getrieben, unter Druck gesetzt, verängstigt. Doch Angst kann auch eine Schutzfunktion haben. Die natürliche und das Leben schützende Angst ist eine notwendige Vorbereitung auf eine gefährliche und bedrohliche Situation. Doch wenn diese Angst ein Ausmaß erreicht hat, das ein normales Leben nicht zulässt, die Reifung des Kindes behindert und Alltagsabläufe in Frage stellt, dann verliert die Angst ihre Schutzfunktion und wird zu einem Problem in der Entwicklung des Kindes.

Die Furcht ist eine Reaktion auf eine wirkliche, manchmal vermeintliche Gefahr. Ein Kind, dass beispielsweise einmal von einem Hund gebissen wurde, wird bei weiteren Begegnungen mit diesem Hund Furcht zeigen, die aber im Laufe seiner Entwicklung vergehen kann. Wie wir sehen, bindet sich die Furcht häufig an ein Objekt. Angst hingegen ist mit Gefühlen verbunden, die sich lähmend auswirken können und die mit Schwäche und Hilflosigkeit verbunden sind. Dies führt uns gleich zu einem wichtigen Begriff zu diesem Thema, nämlich der Psychosomatik.

Ängste sind Gefühlsregungen, die sich, wenn sie nicht verarbeitet werden können, körperlich manifestieren und zeigen können. Angst setzt körperliche Zeichen, dass etwas nicht stimmt. Die Angst selbst bleibt dabei aber im Verborgenen. Für die Erwachsenen ist es nicht leicht zu verstehen, warum das Kind plötzlich einnässt oder einkotet, warum es in seinem Handeln ungeduldig, hektisch und aggressiv ist. Natürlich können diese Signale auch anderen Ursprungs sein. Umso wichtiger ist es hier für die Erwachsenen, das Kind genau im Auge zu behalten, und die Angstgefühle mit den Kindern gemeinsam aufzuarbeiten und nicht einfach zu ignorieren.

Eine Welt frei von jeder Angst existiert nicht. Dies ist lediglich eine Illusion. Also muss der Mensch lernen, mit seinen Ängsten zu leben und mit ihnen umzugehen. Der erste Schritt dazu kann schon in früher Kindheit gelegt werden, indem man die Ängste der Kinder ernst nimmt, ihm zuhört, ihm Geborgenheit vermittelt, und bei der Angstbewältigung aktiv mithilft. Nicht umsonst schreibt Jan- Uwe Rogge: „Ängste kommen schnell, sie vergehen aber nur sehr langsam“.

Einige der Leser werden sich jetzt sicher fragen, wie sie die Kinder vor Ängsten schützen können. Eine Antwort darauf hat der Autor des Buches „Ängste machen Kinder stark“ leider auch nicht. Aber er hat sehr genau erklärt, wie Ängste entstehen, und was Eltern tun können, um einem Übermaß an kindlichen Ängsten vorzubeugen.

Kinderängste können auf verschiedenste Art und Weise entstehen. In den ersten fünf Jahren zum Beispiel, durchlebt das Kind fünf entwicklungsbedingte Ängste, die es ein Leben lang begleiten. Das sind die Körperkontaktverlustangst, das „Fremdeln“, die Trennungsangst, die Vernichtungsangst und schließlich die Todesangst. Auch wenn diese Ängste nach einer gewissen Zeit überwunden scheinen, so können jederzeit wieder auftreten. Ängste sind derart vielfältig, dass es den Rahmen meines Artikels sprengen würde, sie alle aufzuzählen. Widmen wir uns also den „vorbeugenden Maßnahmen“ zu, die Ängste vermeiden sollen, die zu Entwicklungsstörungen führen können.

Gleich nach der Geburt wird die Nabelschnur durchtrennt. Das Kind löst sich von der Mutter. Aber es bleibt weiterhin von ihr abhängig. Das Kind braucht seine Mutter, um körperlich und seelisch überleben zu können. Das Kind sucht die schützende Wärme der Mutter, den Körperkontakt und Halt. Das Kind beginnt, Bezugspersonen für sich zu erkennen. Es fängt an zu unterscheiden, welche Personen feste und welche weniger feste Bezugspersonen sind. Also liebe Eltern. Kauft euren Kindern nicht unnötiges Spielzeug. Wärme, Geborgenheit und Zuwendung schaffen eine Bindung, die so mancher Belastung standhält.

Diese Bindung verlangt Urvertrauen, wobei es in der frühesten Kindheit enorm wichtig ist, dass kindliche Bedürfnisse konsequent und verlässlich und vor allem spontan befriedigt werden. Das Kind hat nämlich noch nicht gelernt, Frustration auszuhalten, wenn seine Gefühle verletzt werden, und die Mutter den Körperkontakt zum Kind untersagt. Dieser Körperkontakt ist oft bei der Annäherung zu dem Kind unbekannten Personen ein Problem.

Wir alle kennen die Situation nur allzu genau, wenn die Großmutter kommt und ihren Enkel in den Arm nehmen will. Das Kind ist ängstlich, weil es die Oma nicht kennt und versteckt sich hinter den Beinen der Mutter. Diese wiederum ist ganz schockiert und schiebt das Kind in die Arme der Großmutter. Eltern verstehen oft nicht, dass das Kind in solch einer Situation überfordert ist. Das Kind braucht eine Aufwärmphase, um die neue Person kennen zu lernen. Der Körper und der Instinkt des Kindes signalisieren ein klares Nein zu einer unbekannten Person. Wenn von Seiten der Erwachsenen nicht genug auf dieses Bedürfnis eingegangen werden, kann es sein, dass das Kind später distanzlos im Umgang mit anderen Kindern aber auch mit Erwachsenen wird. Distanzlosigkeit ist aber auch ein Hinweis auf fehlendes Urvertrauen und somit auf ein Fehlen von fester Bindung. Ein Kind, welches eine feste Bezugsperson hat, wird lernen im richtigen Maße loslassen und festhalten zu können.

Eine zu starke Bindung des Kindes an die Mutter oder an eine andere feste Bezugsperson ist aber auch nicht besonders förderlich für die Entwicklung des Kindes. Ein Zuviel an Mutterliebe, ein zuviel an Behütung, kann die Kinder in ihrem sozialen Verhalten verunsichern, was vor allem später in der Gesellschaft zu Problemen führen kann.

Ein wesentliches Hilfsmittel für Kinder im Umgang mit ihren Ängsten, kann das Spiel sein. Vor allem in Rollenspiele drücken Kinder Vernichtungs- und Todesängste aus. Je jünger Kinder sind, um so heftiger empfinden sie Vernichtungsängste, weil ihre Identität, ihre Persönlichkeit noch nicht ausreichend entwickelt ist. Oft machen wir Erwachsene den Fehler, den Kindern Spiele mit Phantasiefiguren ausreden zu wollen. Wir sollten uns viel eher fragen, warum sich ein Kind mit Phantasiefiguren beschäftigt. Kinder verarbeiten im Spiel unbewusst ihre Ängste. Sie handeln und spüren, dass ihnen gruselige Spiele gut tun, weil sie den bedrohlichen Vernichtungsängsten ein Gesicht geben und damit ihrer Angst entgegenwirken. Vernichtungsängste, die nicht verarbeitet werden konnten, führten im Laufe der Entwicklung oft zu Störungen im Selbstwertgefühl und in der Ausprägung der Ich-Identität.

Auch die Angst vor dem Tod gehört zu den Trennungsängsten. Wir Erwachsene haben oft verlernt mit dem Thema Tod umzugehen. Vielleicht wollen wir uns aber auch nur von der Frage nach der Endlichkeit des Lebens ablenken. Für Kinder aber ist es normal über den Tod, über Gott und den Himmel und über die Seele zu reden. Leider sind wir Erwachsenen mit einer passenden Erklärung für die Ereignisse um die Endlichkeit des Lebens oft überfordert. Auch hier gibt es keine Patentlösung für Eltern und andere Bezugspersonen. Wann soll nun das Thema Tod angesprochen werden? Der Autor Jan-Uwe Rogge meint, dass man den Kindern erst dann die Bedeutung des Todes erklärt, wenn das Kind die Bezugspersonen konkret danach fragt. Weiters ist es wichtig, nur das zu beantworten, was die Kinder auch wirklich wissen wollen. Manche Eltern erklären den Tod mit einem langen Schlaf und wundern sich dann, wenn das Kind Angst vor dem Einschlafen hat.

Ganz besonders aktuell wird das Thema, wenn ein Familienmitglied stirbt. In dieser Phase wäre es besonders wichtig, dass das Kind Schutz, Geborgenheit und viel Vertrauen zu spüren bekommt. Kinder brauchen, genauso wie Erwachsene, Zeit, den Schmerz und die Trauer zu verarbeiten. Jeder Eingriff in die Trauer kann die Kinder erschrecken und Ängste verstärken.

Sie sehen also, lieber Leser, dass Ängste, die - aus welchen Gründen auch immer - nicht verarbeitet werden konnten Störungen in vielen Entwicklungs­bereichen hervorrufen können.

Das Kind findet nicht immer den besten Weg mit seiner Angst umzugehen. Es fragt die Erwachsenen um Rat, die aber ihre Art zu fragen oft nicht verstehen. Unverzichtbar im Umgang mit der Angst des Kindes ist es, die kreativen und schöpferischen Fähigkeiten des Kindes zu fördern. Kinder haben ihre eigenen Techniken der Angstbewältigung.

Hier spielt die Phantasie eine wichtige Rolle. Die selbständige Bewältigung von Angst und Unsicherheit ist eine Entwicklungsaufgabe. Die Kinder entwickeln dabei Strategien, die ebenso kinderleicht wie zauberhaft erscheinen. Ein Erwachsener hat diese Fähigkeit schon lange verlernt.

Ängste sind also kein Schicksal, das wir als gegeben hinnehmen müssen. Angst kann nützlich und lebensrettend, leider aber auch entwicklungshemmend sein. Abschließend möchte ich noch einmal die Hauptintention des Autors Jan-Uwe Rogge als einen Impuls zum weiterdenken in den Raum stellen. Er besteht darauf, dass „[...] Kinder Ängste brauchen. Denn Ängste machen dann stark, wenn ein Kind weiß, wie es seine Angst bewältigen kann.

Details

Seiten
5
Jahr
2000
Dateigröße
342 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v96086
Institution / Hochschule
Universität Wien
Note
1
Schlagworte
Kinder

Autor

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Titel: Ängste machen Kinder stark