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Präventiver Umgang mit Kindeswohlgefährdung. Umgang in stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung

Hausarbeit 2020 51 Seiten

Pädagogik - Sozialpädagogik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung als Leitbegriffe

2 Formen der Kindeswohlgefährdung
2.1 Körperliche Misshandlung
2.2 Seelische Misshandlung
2.3 Vernachlässigung
2.4 Sexuelle Gewalt

3 Risikofaktoren und Schutzfaktoren
3.1 Risikofaktoren der Eltern
3.2 Risikofaktoren der Kinder
3.3 Schutzfaktoren

4 Die rechtliche Grundlage im Kinderschutz
4.1 Das vereinfachte Ablaufschema nach § 8a SGB VIII
4.2 Der Schutzauftrag von Fachkräften nach § 8a SGB VIII

5 Präventionsmaßnahmen
5.1 Frühe Hilfen
5.2 Netzwerkarbeit

6 Forschungsdesign
6.1 Ausgangspunkt und Forschungsfrage
6.2 Methodik der Untersuchung
6.3 Zielgruppe

7 Datenerhebung
7.1 Fragebogenerstellung
7.2 Durchführung der Befragung
7.3 Gütekriterien

8 Datenanalyse
8.1 Statistische Angaben
8.1.1 Geschlecht
8.1.2 Alter
8.1.3 Berufsjahre
8.1.4 Qualifikation
8.1.5 Was ist für Sie eine Kindeswohlgefährdung?
8.1.6 Gibt oder gab es bisher eine Kindeswohlgefährdung in Ihrer Einrichtung?
8.1.7 Gibt es ein Ablaufschema innerhalb Ihrer Einrichtung, an der Sie eine Kindeswohlgefährdung erkennen?
8.1.8 Wenn ja, welches?
8.1.9 Wie ist der Ablauf anhand dieses Schemas?
8.1.10 Nutzen Sie dieses Schema?
8.1.11 Wenn nein, wie agieren Sie stattdessen?
8.1.12 Welche Formen der Kindeswohlgefährdung sind Ihnen bekannt?
8.1.13 Welche der genannten Formen von Kindeswohlgefährdung tritt bzw. trat bisher am häufigsten in Ihrer Einrichtung auf?
8.1.14 Kennen Sie Maßnahmen, um Kindeswohlgefährdungen präventiv zu umgehen?
8.1.15 Wenn ja, welche?
8.1.16 Welche dieser Maßnahmen nutzen Sie bei einer Kindeswohlgefährdung am ehesten?
8.1.17 Ist Ihnen die „insoweit erfahrene Fachkraft“ Ihrer Einrichtung bekannt?
8.1.18 Nutzt Ihre Einrichtung Netzwerke im Falle einer Kindeswohlgefährdung?
8.1.19 Wenn ja, welche?
8.2 Zusammenfassung

9 Fazit

10 Anlagenverzeichnis mit Materialteil
Anlage 1: Leitfaden Verfahrensablauf und Informationswege bei vermuteter KWG
Anlage 2: Fragebogen
Anlage 3: Anschreiben zum Fragebogen
Anlage 4: Merkmalskatalog mit Ausprägungsbeschreibung
Anlage 5: Codeplan
Anlage 6: Häufigkeitenverteilungstabellen
Anlage 7: Diagramme der Datenauswertung
Anlage 8: Schutzauftrag bei KWG – SGB VIII §8a

11 Abkürzungsverzeichnis

Literatur

Einleitung

Kindeswohlgefährdungen (KWG) sind vor allem in Wohngruppen für junge Mütter oder Väter Themen, mit denen die jungen Eltern konfrontiert werden können bzw. könnten. Während meines elfwöchigen Praktikums in einer Mutter-/Vater-Kind-Wohngruppe war dieses Thema allgegenwärtig und wurde von mir oft beobachtet. Beim Ansprechen des Themas, musste ich vermehrt feststellen, dass die jungen Mütter und Väter mit Verschlossenheit oder verbaler Aggressivität reagierten. Präventive Maßnahmen konnte ich nicht direkt wahrnehmen. Dass dennoch präventiv gearbeitet wird, war mir nicht direkt bewusst.

Gerade im stationären Kontext der Hilfen zur Erziehung (HzE) können die sozialpädagogischen Fachkräfte häufiger Signale für eine drohende Gefährdung des Kindeswohls wahrnehmen, als anderweitig. „ Durch ihren regelmäßigen, längerfristigen Kontakt zu Kindern und Eltern sind sie in der Lage, die Lebenswirklichkeit von Familien umfassend in den Blick zu nehmen, tragfähige Kooperationen aufzubauen und frühzeitige Angebote und Hilfen zu organisieren.1

Als zukünftige Erzieherin habe auch ich einen Schutzauftrag nach § 8a SGB VIII gegenüber Kindern. Deshalb ist es notwendig und unumgänglich, sich mit dem Thema der KWG auseinanderzusetzen.

Anspruch dieser Arbeit soll es sein, herauszufinden, wie in stationären Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung mit dem Thema KWG bei Kindern im Alter von null bis sechs Jahren durch sozialpädagogische Fachkräfte präventiv umgegangen wird. Mit dieser Forschung möchte ich mir einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten in Bezug auf KWG verschaffen.

Wichtige Aspekte dieser Forschung sind:

- was unter „Kindeswohlgefährdung“ zu verstehen ist bzw. als was es von den sozialpädagogischen Fachkräften verstanden wird,
- wie man bei Verdacht einer KWG handelt bzw. interveniert,
- welche Formen von KWG am häufigsten auftreten,
- welche Präventionsmaßnahmen es gibt und
- welche davon auch rentabel sind oder
- welche Netzwerke zu tragen kommen.

Um meiner Forschungsfrage auf den Grund zu gehen, habe ich eine quantitative Befragung mit Hilfe eines Fragebogens durchgeführt.

1 Kindeswohl und Kindeswohlgefährdung als Leitbegriffe

Der Begriff Kindeswohl (KW) wird in der Literatur nur selten bis nicht definiert. Jedoch werden dem Begriff verschiedene Kriterien zugesprochen: die Berücksichtigung der kindlichen Bedürfnisse2 durch Eltern oder Sorgeberechtigte, die kindgerechte Lebenssituation der Familie, „ die Erziehung [...] des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“3 sowie die Berücksichtigung der „Rechte des Kindes [...] und [...] der UN-Kinderrechtskonvention4.

Nach Kindler wird der Begriff „Kindeswohlgefährdung“ als „ eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr [verstanden], dass sich bei der weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt.5 Die Kriterien6, die daraus resultieren, müssen zum gleichen Zeitpunkt gelten und dürfen bei der Risikoabschätzung nicht vernachlässigt werden. Kurz: eine KWG stellt eine direkte Gefahr für das Leib und Leben eines Kindes7 bzw. Jugendlichen dar. Eine KWG hängt immer von der Gefährdung, den Lebensumständen sowie dem Alter des Opfers ab.

Beispielsweise stellt eine Scheidung der Eltern nicht unmittelbar eine KWG dar und trägt nicht zu einer erheblichen Schädigung bei. Sollte es zu einer Gefährdung des KW gekommen sein und „ die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage [sein] [...], die Gefahr abzuwenden [...] bzw. Hilfen zur Gewährleistung des Kindeswohls anzunehmen [so müssen] zur Abwendung der Gefahr [...] erforderliche Maßnahmen [getroffen werden].8 Somit kann den Eltern das Recht zur Erziehung und Fürsorge vorübergehend oder sogar dauernd entzogen werden. Gleichzeitig muss jedoch auch eine Lebenssituation für das Kind geschaffen werden, um eine gesunde Entwicklung zu ermöglichen9.

Im folgenden Abschnitt wird auf die verschiedenen Formen von KWG Bezug genommen.

2 Formen der Kindeswohlgefährdung

Kindeswohlgefährdungen haben verschiedene Gesichter. Sie werden unterteilt in körperliche oder seelische Misshandlungen, in Vernachlässigung und sexuelle Gewalt. Es gibt weitere Formen, jedoch beschränkt sich die vorliegende Arbeit auf die vier bereits genannten.

2.1 Körperliche Misshandlung

Unter körperlicher Misshandlung oder Gewalt versteht man gewaltsame Verhaltensweisen von Müttern oder Vätern gegenüber dem hilflosen Kind, die sich in Treten, Schlagen, Würgen, Vergiften usw. äußern. Die bei betroffenen Kindern dabei entstandenen Schäden, wie Kratzer, Brüche oder Hämatome10 hinterlassen seelische Beeinträchtigungen oder führen schwerwiegender zum Tod. Allein das Schütteln eines Babys kann bereits fatale Folgen11 mit sich bringen und bis zum Tode des Säuglings führen.

2.2 Seelische Misshandlung

Die seelische Misshandlung oder auch emotionale oder psychische Gewalt ist durch verschiedene Parameter gekennzeichnet: die Betreuungsperson oder „ Sorgenberechtigten zeigen [wiederholende] Verhaltensweisen, die dem Kind verdeutlichen, dass sie „wertlos, voller Fehler, ungeliebt, [und] ungewollt12 sind. Unterschieden wird jedoch auch in der passiven13 und aktiven14 Form.

Kommt es zu einer Form von KWG wie Vernachlässigung, körperlicher oder sexueller Gewalt, dann ist die seelische Misshandlung immer auch ein Teil davon15. So ist vorstellbar, dass Kinder, denen Gewalt widerfährt, ein Leben lang mit den Folgen zu kämpfen haben und auf psychische Hilfe oder die Aufarbeitung von Traumata angewiesen sind.

2.3 Vernachlässigung

Von Vernachlässigung spricht man, wenn elementare Bedürfnisse von Kindern wiederholt bzw. über einen längeren Zeitraum nicht oder nur unzureichend befriedigt werden.16 Elementare Bedürfnisse sind hier als körperliche Bedürfnisse17, Schutzbedürfnisse, Bedürfnisse nach einfühlendem Verständnis und sozialer Bindung, Wertschätzung, Anregung und Selbstverwirklichung18 zu verstehen. Je nach Alter des Kindes kann die unzureichende Befriedigung von essentiellen Bedürfnissen eine akute Gefährdung des KW hervorrufen. Die mangelnde Gesundheitsfürsorge19 oder eine unzureichende Förderung der Fähigkeiten eines Kindes stellt ebenfalls eine Gefahr dar und kann für das Kind verhängnisvoll werden20. Dies äußert sich bspw. in Auffälligkeiten in der Entwicklung21.

Nach Alle (2017)22 wird sie in der Literatur als überwiegendste Form eingestuft. Letztere Aussage wird mit dieser Forschung ebenfalls untersucht.

2.4 Sexuelle Gewalt

Sexuelle Gewalt ist, wenn eine Person ihre Machtposition oder die Unwissenheit, das Vertrauen oder die Abhängigkeit eines Kindes [...] zur Befriedigung der eigenen sexuellen Bedürfnisse ausnutzt.23 Dabei werden sexuelle Handlungen vor oder am Kind selbst, durchgeführt24. Kinder werden zusätzlich unter Druck gesetzt, sich niemandem anzuvertrauen und das Erlebte nicht zu offenbaren.

Ängste, Depressionen, das Hineingelangen in eine Sucht oder die Beeinträchtigung der Selbstwahrnehmung können daraus resultieren.

Dennoch haben Kinder die Chance, auch resilient25 ggü. dem bisher Erlebten zu sein. Jeder Mensch bringt verschiedene Schutzfaktoren mit. Im folgenden Punkt soll es aber nicht nur um die Schutzfaktoren gehen, es werden auch die Risikofaktoren und die damit verbundene Vulnerabilität26 in den Blick genommen.

3 Risikofaktoren und Schutzfaktoren

In den folgenden Textabschnitten werden die potenziellen Risiko- und Schutzfaktoren vorgestellt.

Risikofaktoren sind als biologische, psychische und / oder soziale Faktoren zu verstehen, die eine Gefahr für das KW darstellen können. Jedoch muss dafür eine gewisse Vulnerabilität vorhanden sein. Unter Vulnerabilität versteht man die Verletzbarkeit hinsichtlich einer bestimmten Sache, Situation oder eines Themas.

Schutzfaktoren sind ebenfalls biologische, psychische und / oder soziale Faktoren, die das Kind widerstandsfähig machen ggü. kritischen Lebensereignissen, Themen oder Ähnlichem. Jedoch muss das Kind resilient sein. Schutzfaktoren können Risikofaktoren abmildern27.

3.1 Risikofaktoren der Eltern

Eine Gefährdung für das KW können verschiedene Faktoren haben, die mit den Eltern in Verbindung stehen. Bspw. zählen dazu laut Alle28 (2017): eigene Erfahrungen mit Gewalt oder KWG in der Kindheit, Traumata, Krankheiten oder Behinderungen, Suchtverhalten, eine unerwünschte Schwangerschaft, oder eine eingeschränkte bis hin zu einer fehlenden Erziehungskompetenz, um nur einige aufzuzeigen29.

Eltern, die zu unüblichen Erziehungsmethoden greifen, wie Schlagen, sind eventuell mit der Lebenssituation überfordert und wissen sich nicht anders zu helfen. Oft kennen sie selbst nur diese Erziehungsmethoden, weil sie diese selbst als Kind erlebt haben. Ihnen ist eventuell nicht bewusst, dass Kinder ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung30 haben. Die Kinder können die Reaktionen der Eltern noch nicht verstehen und versuchen dann häufig alles „richtig“ zu machen.

3.2 Risikofaktoren der Kinder

Das Kind selbst kann ebenso ein Risiko mit sich bringen bspw., wenn es viel zu früh auf die Welt kommt, Krankheiten oder Behinderungen hat, Schwierigkeiten im Sozialverhalten oder wenn beim Kind eine Entwicklungsstörung vorliegt31.

Diese Faktoren stellen für die Mütter und / oder Väter eine erhebliche Belastung dar und führen zu Überforderung oder Hilflosigkeit. Ihr Mittel zur “Lösung des Problems” führt meistens zu Misshandlungen oder ein Sich-Entfernen vom Kind32.

Dies kann sich zu einem immer wiederkehrenden Kreislauf entwickeln, wenn keine Hilfe erfolgt oder die Hilfe von betroffenen Eltern ausgeschlagen wird.

3.3 Schutzfaktoren

Zu den Schutzfaktoren eines Kindes zählen sprachliche und motorische Kompetenzen, eine ausreichende Intelligenz, Selbstvertrauen, eine gute Selbstwirksamkeit, positive Charaktereigenschaften33, Zuversicht sowie Problembewältigungskompetenzen.

Außerdem ist es förderlich, eine enge Bindung zu mindestens einer primären Bezugsperson zu haben, wenn das Kind außerhalb der Familie soziale und emotionale Unterstützung erfährt oder innerhalb der Familie Zusammenhalt herrscht34.

Wie bereits erwähnt, haben Kinder das Recht auf eine gewaltfreie Erziehung35. Auch der Schutz der Kinder ist rechtlich verankert. Im anschließenden Abschnitt wird die rechtliche Grundlage im Kinderschutz nach SGB VIII betrachtet.

4 Die rechtliche Grundlage im Kinderschutz

Der Schutz der Kinder ist im Sozialgesetzbuch Achtes Buch, dem Kinder- und Jugendhilfegesetz, verankert. In den nächsten zwei Abschnitten wird auf das Ablaufschema und den Schutzauftrag bei KWG eingegangen.

4.1 Das vereinfachte Ablaufschema nach § 8a SGB VIII

Das im Folgenden beschriebene Schema36 orientiert sich am „Leitfaden Verfahrensablauf und Informationswege bei vermuteter KWG“ von Mai 2010 aus dem Leipziger Leitfaden für Kinderschutz. Daraus geht hervor, dass ein Verdacht zuerst wahrgenommen wird. Besteht dann ein rechtfertigender Notstand, so muss umgehend Kontakt zu Polizei oder Notarzt aufgenommen werden. Polizei oder Notarzt, je nach Kontaktaufnahme, treten schließlich mit dem Jugendamt in Verbindung.

Kann die Frage nach einem rechtfertigenden Notstand durch Polizei, Notarzt oder Jugendamt mit einem „Nein“ beantwortet werden, so wird weiterhin beobachtet und zusätzliche Informationen von möglichen Involvierten oder Mitarbeitern der Einrichtung werden eingeholt. Es folgen Gespräche mit den Eltern und dem Kind. Anschließend trifft das sozialpädagogische Team der Einrichtung in einer Teamberatung zusammen, um eine Risikoeinschätzung vorzunehmen. Sollte das Risiko zu hoch sein, kommt es zu einer Fallmeldung an das Jugendamt, anderenfalls erfolgt Hilfe, Beratung und Unterstützung für die Familie bzw. die Betroffenen durch die Einrichtung.

Über einen Zeitraum wird die Entwicklung der Situation betrachtet, wobei eventuell die KWG abgewendet werden kann und somit eine Einbindung in ein soziales Netzwerk erfolgt. Erfolgt keine Verbesserung der Situation oder die Verweigerung einer angebotenen Hilfe, so wird ebenfalls eine Meldung ans Jugendamt abgegeben.

4.2 Der Schutzauftrag von Fachkräften nach § 8a SGB VIII

Liegt eine KWG vor, hält das SGB VIII mit dem § 8a37 einige Schritte bereit, nach denen das Jugendamt sowie die jeweiligen freien Träger der Jugendhilfe in Aktion treten sollen. Dieses Gesetz enthält folgende wichtige Punkte, an denen sich der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) und die Träger, als Vereinbarung zu orientieren haben:

- das Gefährdungsrisiko muss vom Jugendamt gemeinsam mit mehreren Fachkräften eigeschätzt werden
- das Jugendamt bezieht die Sorgeberechtigten und das betroffene Kind (Schutz des Kindes muss gewahrt sein) in die Gefährdungseinschätzung ein
- die bei diesem Gespräch angebotenen Hilfen müssen geeignet und notwendig sein
- falls erforderlich, arbeitet der ASD mit dem Familiengericht zusammen
- bei „ dringender Gefahr […] ist das Jugendamt verpflichtet, das [betroffene] Kind […] in Obhut zu nehmen38 und ggf. zur Abwendung der Gefahr zuständige Stellen39 zu kontaktieren
- der ASD stellt sicher, dass die sozialpädagogischen Fachkräfte
- „ eine Gefährdungseinschätzung vornehmen,
- […] eine insoweit erfahrene Fachkraft beratend hinzuziehen [und]
- [die Sorgeberechtigten sowie das betroffene] Kind […] in die Gefährdungseinschätzung [mit einbeziehen]40 (Schutz des Kindes muss gewahrt sein)
- die Fachkräfte der Träger sind verpflichtet, „ auf die Inanspruchnahme von geeigneten Hilfen hinzuwirken41 und bei Nichtabwendung der Gefahr das Jugendamt zu informieren
- „ bei gewichtigen Anhaltspunkten für die Gefährdung42 des KW sind diese dem ASD mitzuteilen
- erfolgt im Rahmen eines Gesprächs mit dem ASD, dem betroffenem Kind und den Sorgeberechtigten (Schutz des Kindes muss gewahrt sein)

Der wichtigste theoretische Aspekt dieser Forschung erfolgt im folgenden Abschnitt, der sich mit den Präventionsmaßnahmen beschäftigt. Für einen kleinen Einblick werden die Frühen Hilfen und die Netzwerkarbeit als Maßnahmen ausgewählt, auf die näher eingegangen wird.

5 Präventionsmaßnahmen

Hilfreiche Prävention [...] orientiert sich primär am Bedarf des Kindes und berücksichtigt die Lebenswelt und die individuellen Ressourcen der Familie.43

Der Sinn von Präventionsmaßnahmen liegt darin, dass diese zur Verfügung gestellt werden, um akut gefährdete Kinder erstens vor einer KWG zu schützen und zweitens eine gute Entwicklung zu ermöglichen. Außerdem unterstützen Maßnahmen dieser Art die Krisenbewältigung innerhalb der Familie und eröffnen neue Möglichkeiten zur Entwicklung von Erziehungskompetenzen44. Beispielweise stellt das Vorhandensein geschulter Fachkräfte über Tag und Nacht eine Präventionsmaßnahme dar, da die Eltern zu jeder Zeit einen Ansprechpartner innerhalb der stationären Einrichtungen haben.

5.1 Frühe Hilfen

Zu den ersten Instanzen der Prävention im Kindesalter von null bis drei Jahren zählen die Frühen Hilfen. Sie dienen prä-, und postnatal vor allem zur Unterstützung von Eltern, die besonderen Belastungen ausgesetzt sind. Diese Unterstützung45 besteht hauptsächlich in der Entwicklung und Förderung von Kompetenzen, die zur Erziehung von Kindern und der Beziehung zu Kindern notwendig ist. Zudem sollen sie „ auch in der Sekundärprävention [...] Entwicklungs-, Beziehungs-, [und] Bindungsstörungen [sowie] Misshandlung[en]46 vorbeugen. Zu den Frühen Hilfen zählen Schwangerschaftsberatungsstellen, Schwangerschaftsvorsorge, Hebammen, Kinderärzte, Gesundheitsämter, Frühförderstellen und die Sozialpädagogische Familienhilfe47.

5.2 Netzwerkarbeit

Kinder vor [ KWG] effektiv zu schützen, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die in gemeinsamer Verantwortung wahrgenommen werden muss.48 Innerhalb des Kinderschutzes kooperieren heutzutage mehrere Institutionen miteinander, darunter: Jugendämter, Psychiatrien, Ärzte, Beratungsstellen, Kindergärten, Schulen, Familiengerichte sowie die Polizei und die Träger der Jugendhilfe49.

Ziel solcher Netzwerke ist vor allem der Informationsaustausch. Die einzelnen Netzwerkpartner unterstützen sich gegenseitig, und somit wird der „ fachliche Blickwinkel und [die] Handlungsmöglichkeiten erweiter[t].50 Außerdem werden Versorgungslücken geschlossen, Ressourcen aktiviert, Unterstützungsleistungen gebündelt sowie lebensweltorientiert gehandelt51.

Bei Familien, in denen der innerfamiliäre Zusammenhalt fehlt, in denen häufig ungelöste Konflikte bestehen oder selten offen über Gefühle gesprochen werden, können familiensystemische Ansätze einen Zugang und entsprechende Entlastung ermöglichen, sodass es nicht zu einer KWG kommt52.

Von großer Bedeutung, nach einer vermuteten und / oder bestätigten KWG, „ ist die gemeinsame Analyse [der] Situationen, [...] die zu Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch53 geführt haben. Dabei können Feststellungen über die jeweiligen Risikofaktoren der Eltern gemacht werden, die die KWG begünstigt haben. Um diese Situationen zu umgehen, sollten speziell auf die Situation angepasste Maßnahmen herangezogen und somit erneute Gefährdungen vermieden werden. Dazu zählen die Kinderbetreuung zur Entlastung der Eltern54, eine individuelle Erstellung eines Schutzkonzeptes gemeinsam mit der Familie oder die Wahrnehmung familiärer Ressourcen und deren Aktivierung oder Stärkung, um nur einige aufzuzählen55.

Der folgende Abschnitt dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Forschungsdesign.

6 Forschungsdesign

Das Forschungsdesign ist der Kern der vorliegenden Untersuchung und beschreibt den Ausgangspunkt, die Forschungsfrage, die Untersuchungsmethode, sowie die Zielgruppe, die sich dieser Forschung unterzogen hat.

6.1 Ausgangspunkt und Forschungsfrage

Das Thema „Präventiver Umgang mit KWG im stationären Kontext der HzE“ wurde durch verschiedene Bezüge zum eigenen Interesse. Zu den persönlichen Bezügen zum Thema zählten die gesammelten Erfahrungen in einem elfwöchigen Praktikum in einer Mutter-Kind-Wohngruppe sowie interessante Erfahrungen aus dem bisherigen Unterricht.

Der Schutzauftrag als Erzieherin nach § 8a SGB VIII, das Wissen um Präventionsmaßnahmen zum eigenen Handeln und das Kennen von Handlungsabläufen bei einer KWG in der eigenen beruflichen Praxis waren berufspraktische Bezüge.

Einen fachtheoretischen Zugang entnahm ich Büchern und dem Lernfeld 6 mit den Unterrichtsthemen: KWG und Prävention. Ich suchte nach Antworten zu folgenden Fragen: 1. Gibt es ausreichende Präventionsmaßnahmen?

2. Werden diese Präventionsmaßnahmen genutzt?

Über diese mich interessierenden Fragen kam ich zu meiner eigentlichen Forschungsfrage: Wie wird in stationären Einrichtungen der HzE mit dem Thema KWG bei Kindern im Alter von null bis sechs Jahren durch sozialpädagogische Fachkräfte präventiv umgegangen?

6.2 Methodik der Untersuchung

Um sich dem Thema zu nähern und die Forschungsfrage zu untersuchen, wurde ein Untersuchungsmodell entwickelt. Dabei wurden wesentliche Kernpunkte aufgegriffen, die berücksichtigt werden sollen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Untersuchung wurde mit Hilfe einer Befragung durchgeführt. Diese gehört zu den quantitativen Untersuchungsmethoden. Dafür wurde ein Fragebogen mit personenbezogenen und einrichtungsbezogenen Daten erstellt.

Die quantitative Untersuchungsmethode beinhaltet „eine Fragestellung, Theorien […] als Ausgangsbasis“56, eine Gruppe von Forschungsteilnehmern sowie einen Forschungsprozess mit getrennten Phasen zur Erhebung, Untersuchung und Auswertung.

Eine schriftliche Befragung hat den Vorteil, dass die jeweiligen Teilnehmer dieser Befragung sich individuell die Zeit einteilen können, um die Fragen zu beantworten. Der Nachtteil besteht darin, dass Verständnisfragen dagegen nicht geklärt werden können. Auch der Rücklauf kann nur schwer beeinflusst werden57.

6.3 Zielgruppe

Für die Befragung wurden drei Einrichtungen aus der Stadt Leipzig ausgewählt, die nach § 19 SGB VIII oder § 34 SGB VIII mit jungen Eltern und Kindern zusammenarbeiten. Aus dieser Stichprobe waren aussagekräftige Antworten zum Thema „präventiver Umgang mit KWG“ zu erwarten.

Die Zielgruppe ist nicht repräsentativ, da von achtunddreißig nur sechzehn Fragebögen zurückgegeben wurden. Hinzu kommt, dass ausschließlich weibliche Fachkräfte an der Stichprobe teilgenommen haben, obwohl innerhalb der Einrichtungen heterogen gearbeitet wird.

Der anschließende Punkt beleuchtet die Datenerhebung dieser Forschung.

7 Datenerhebung

Zur Erhebung der Daten wurde ein Fragebogen entwickelt, da dieser flexibel gestaltet werden konnte. Er könnte sowohl offene und geschlossene Fragen beinhalten, als auch Multiple Choice-Fragen. Für die Erhebung besteht nur ein geringer Kosten- und Zeitaufwand, und es können statistische Zusammenhänge erhoben werden.

7.1 Fragebogenerstellung

Zuerst wurde überlegt, welche personen- und einrichtungsbezogenen Daten erhoben werden sollen. Daraus entstanden Gliederungspunkte. Diese wurden insofern gegliedert, dass sie aufeinander aufbauen. Schließlich wurden die Gliederungspunkte als Frage ausformuliert und entsprechende Antwortmöglichkeiten kategorisiert. Diese sind sowohl offen für eigene Erfahrungen und Sichtweisen der Teilnehmer als auch geschlossen mit möglichen Ja- oder Nein-Antworten versehen. Zuletzt entstand ein ansprechendes Design für den Fragebogen58, in dem die Fragen eingebettet wurden.

7.2 Durchführung der Befragung

Bevor die Fragebögen an die jeweiligen Einrichtungen verschickt werden konnten, wurden passende Einrichtungen in Leipzig für die Befragung ausgewählt und mittels Email angeschrieben, mit der Bitte, an der Befragung teilzunehmen. Für die jeweiligen möglichen Einrichtungen wurde ein Anschreiben59 erstellt. Dieses Schreiben enthielt das Thema der Forschung, den zeitlichen Rahmen zur Beantwortung des Fragebogens sowie einen Hinweis auf den Umfang des Fragebogens.

[...]


1 Hegermann, Wilhelm: Handbuch Kinderschutz. 3. Auflage. Bad Oldesloe Herbst 2018, S. 8

2 physiologische Bedürfnisse, Schutz und Sicherheit, Verständnis und soziale Bindung, seelische und körperliche Wertschätzung, Anregung, Spiel und Leistung sowie Selbstverwirklichung nach MASLOW

3 Alle, Friederike: Kindeswohlgefährdung. Das Praxishandbuch. 3. Auflage. Lambertus-Verlag. Freiburg im Breisgau 2017, S. 13

4 Alle, 2017, S. 13

5 Kindler, Heinz u.a.: Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München Oktober 2006, S. 35

6 gegenwärtig vorhandene Gefahr, erhebliche Schädigung sowie sichere Vorhersage

7 nach §2 BGB: Menschen, die das 18.Lebensjahr noch nicht vollendet haben

8 Kindler u.a. 2006, S. 31

9 Vgl. Kindler u.a. 2006, S. 34

10 Blutansammlung in eine bestehende Körperhöhle

11 innere Blutungen oder Verletzungen im Gehirn

12 Hegermann, Wilhelm: Handbuch Kinderschutz. 3. Auflage. Bad Oldesloe Herbst 2018, S. 31

13 dem Kind Erfahrungen vorenthalten

14 Anfeindungen, Abweisung oder Ignoranz gegenüber dem Kind

15 Vgl. Kindler u.a. 2006, S. 46

16 Hegermann, Wilhelm: Handbuch Kinderschutz. 3. Auflage. Bad Oldesloe Herbst 2018, S. 18

17 Hunger, Durst usw.

18 Vgl. Hegermann 2018, S. 18

19 regelmäßiges Windeln wechseln, regelmäßiges Baden bzw. Waschen

20 Vgl. Alle Friederike: Kindeswohlgefährdung. Das Praxishandbuch. 3. Auflage. Lambertus-Verlag. Freiburg im Breisgau 2017, S. 22

21 in Sprache, Motorik, Emotionen oder Leistungsfähigkeit

22 Alle, 2017, S. 21

23 Hegermann 2018, S. 24

24 Vgl. Alle 2017, S. 25

25 widerstandfähig

26 Verletzbarkeit

27 Vgl. Universität Regensburg: Fakultät für Psychologie, Pädagogik und Sportwissenschaften. Institut für Psychologie. Auffälligkeiten im Erleben und Verhalten von Kindern und Jugendlichen. Einführung zum Thema Verhaltensauffälligkeiten, 2018, S. 7

28 Vgl. Alle Friederike: Kindeswohlgefährdung. Das Praxishandbuch. 3. Auflage. Lambertus-Verlag. Freiburg im Breisgau 2017, S. 60

29 Vgl. Alle, 2017, S. 13

30 nach § 1631 BGB Art. 2

31 Vgl. Alle Friederike: Kindeswohlgefährdung. Das Praxishandbuch. 3. Auflage. Lambertus-Verlag. Freiburg im Breisgau 2017 S. 13

32 Vgl. Kindler, Heinz u.a.: Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München Oktober 2006, S. 120

33 Freundlichkeit, Offenheit, Hilfsbereitschaft

34 Vgl. Alle 2017, S. 62f

35 nach § 1631 BGB Art. 2

36 Vgl. Anlage 1: Leitfaden Verfahrensablauf und Informationswege bei vermuteter KWG

37 Vgl. Anlage 8 Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung § 8a SGB VIII

38 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: Kinder und Jugendhilfe. Achtes Buch Sozialgesetzbuch, 4. Auflage, Berlin April 2013, S. 81

39 Polizei, Rettungswagen, Erstaufnahmestellen, Kinder- und Jugendnotdienst

40 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2013, S. 81

41 Ebd.

42 Ebd.

43 Kindler, Heinz u.a.: Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München Oktober 2006, S. 327

44 Vgl. Kindler, Heinz u.a.: Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München Oktober 2006, S. 267

45 spezielle Unterstützungs- und Hilfeangebote

46 Alle, Friederike: Kindeswohlgefährdung. Das Praxishandbuch. 3. Auflage. Lambertus-Verlag. Freiburg im Breisgau 2017, 143

47 Vgl. Alle 2017, S. 164

48 Ebd, S. 169

49 Vgl. ebd, S. 171

50 Ebd, S. 177

51 Vgl. ebd, S. 178

52 Kindler, Heinz u.a.: Handbuch Kindeswohlgefährdung nach § 1666 BGB und Allgemeiner Sozialer Dienst (ASD). München Oktober 2006, S. 135

53 Kindler u. a. 2006, S. 139

54 Vgl. ebd., S. 139

55 Vgl. ebd., S. 270

56 Zierer, Klaus u.a.: Methoden erziehungswissenschaftlicher Forschung. München und Basel 2013, S. 52

57 Vgl. Zierer, 2013, S. 69

58 Vgl. Anlage 2: Fragebogen

59 Vgl. Anlage 3: Anschreiben für Fragebogen

Details

Seiten
51
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346316240
ISBN (Buch)
9783346316257
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v961923
Institution / Hochschule
DPFA Akademien Gruppe GmbH
Note
1
Schlagworte
Kindeswohlgefährdung Prävention bei Kindeswohlgefährdung HzE und Kindeswohlgefährdung

Autor

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