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Die Pflegereform und eine radikale Gesellschaftspolitik. Auswirkungen demographischer Veränderungen

Seminararbeit 2020 13 Seiten

Zusammenfassung

Diese Arbeit versuch die Frage zu beantworten, ob die notwendige Pflegereform an eine radikale Gesellschaftspolitik geknüpft ist. Radikal bedeutet dabei ganz und gar, gründlich oder auch vollständig und eine Reform beschreibt eine Verbesserung des Bestehenden. Es soll also etwas an der bisherigen Pflegepolitik verändert werden, um eine bessere Pflege ermöglichen zu können.

Grade durch den sozialen Wandel entstehen neue Herausforderungen mit der unsere Gesellschaft und die Politik zu kämpfen haben. Darunter fällt auch der demographische Wandel, welcher auch bei uns in Deutschland schon längst angekommen ist.
Die Geburtenrate geht zurück und gleichzeitig steigt die Lebenserwartung der Menschen. Dadurch kommt es zu einer Hochaltrigkeit in der Gesellschaft, diese beginnt ab dem 80. Lebensjahr. In dieser Lebensphase sind die Menschen in der Regel vermehrt auf Hilfe angewiesen und es treten häufig Multimorbidität, sowie körperliche Einschränkungen auf.

In Deutschland befindet sich ein großer Anteil der Bevölkerung in dieser Lebensphase, da es auf Grund des demographischen Wandels zu einer längeren Lebenserwartung kommt. Durch den demographischen Wandel geht außerdem ein epidemiologischer Wandel einher, der durch eine Zunahme chronischer Krankheitsbilder und einem Anstieg der Multimorbidität gekennzeichnet ist. Daraus folgen komplexe Bedarfslagen, wie beispielsweise das gleichzeitige Auftreten von Krankheit und Pflegebedürftigkeit.

Ein weiterer Mega-Trend ist zudem der siedlungsstrukturelle Wandel, wobei es zu einer ländlichen Schrumpfung durch soziale Mobilität kommt. Dabei steht vor allem die Abwanderung vom Land in die Stadt im Vordergrund, weswegen es zu Urbanisierungsprozessen kommt. Infolgedessen kommt es zu einem Abbau der sozialen Infrastruktur auf dem Land, die hat wiederum brüchige Versorgungsketten und die Erosion sozialer Netzwerke zur Folge.

Um die Rolle des Gewährleistungsstaates zu erfüllen und den Trendherausforderungen zu begegnen, brauchen wir fundamentale sozialpolitische Veränderungen. Das Zukünftige Leitbild sollte von einer neuen Sorgekultur im trägerpluralistischen Welfaremix unter der Zusammenarbeit aller Akteure, sowie wohnortnah und netzwerkorientiert, orientiert sein.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Relevanz
1.2 Forschungsfrage
1.3 Vorgehensweise

2. Hauptteil
2.1 Klärung zentraler Begriffe und Konzepte
2.1.1 Gesellschaftspolitik, Sozialpolitik und Pflegepolitik
2.1.2 Pflegepolitik im Lichte von Europa- und Völkerrecht
2.1.3 Daseinsvorsorge
2.1.4 Sozialraumorientierung
2.1.5 Inklusion
2.2 Diskussion

3. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1 Relevanz

Grade durch den sozialen Wandel entstehen neue Herausforderungen mit der unsere Gesell­schaft und die Politik zu kämpfen haben. Darunter fällt auch der demographische Wandel, welcher auch bei uns in Deutschland schon längst angekommen ist.

Die Geburtenrate geht zurück und gleichzeitig steigt die Lebenserwartung der Menschen. Dadurch kommt es zu einer Hochaltrigkeit in der Gesellschaft, diese beginnt ab dem 80. Lebensjahr. In dieser Lebensphase sind die Menschen in der Regel vermehrt auf Hilfe ange­wiesen und es treten häufig Multimorbidität, sowie körperliche Einschränkungen auf. In Deutschland befindet sich ein relativ großer Anteil der Bevölkerung in dieser Lebensphase, da es auf Grund des demographischen Wandels zu einer längeren Lebenserwartung kommt. Durch den demographischen Wandel geht außerdem ein epidemiologischer Wandel einher, der durch eine Zunahme chronischer Krankheitsbilder und einem Anstieg der Multimorbi­dität gekennzeichnet ist. Daraus folgen komplexe Bedarfslagen, wie beispielsweise das gleichzeitige Auftreten von Krankheit und Pflegebedürftigkeit.

Ein weiterer Mega-Trend ist zudem der siedlungsstrukturelle Wandel, wobei es zu einer ländlichen Schrumpfung durch soziale Mobilität kommt. Dabei steht vor allem die Abwan­derung vom Land in die Stadt im Vordergrund, weswegen es zu Urbanisierungsprozessen kommt. Infolgedessen kommt es zu einem Abbau der sozialen Infrastruktur auf dem Land, die hat wiederum brüchige Versorgungsketten und die Erosion sozialer Netzwerke zur Folge. Um die Rolle des Gewährleistungsstaates zu erfüllen und den Trendherausforderun­gen zu begegnen, brauchen wir fundamentale sozialpolitische Veränderungen. Das Zukünf­tige Leitbild sollte von einer neuen Sorgekultur im trägerpluralistischen Welfaremix unter der Zusammenarbeit aller Akteure, sowie wohnortnah und netzwerkorientiert, orientiert sein.

1.2 Forschungsfrage

Der Demographische Wandel zwingt zu weiteren Reformen der Pflegepolitik, denn in Zu­kunft wird die Zahl der Pflegebedürftigen durch die Hochaltrigkeit stark ansteigen und es wird schwer sein, eine angemessene und ausreichende Zahl von Pflegekräften zu mobilisie­ren. Dabei gibt es verschiedene Gestaltungsperspektiven, die Frage ist nur, wie Gesellschaft und Politik darauf reagieren. Durch den soziodemographischen Wandel liegt die Zukunft im

Vier-Sektoren-Modell, es kommt auf die zukünftige Verteilung der Wohlfahrtsproduktion an. Da die Autonomie von Menschen nur bedingt ist, muss an der Entstehung und Förderung von Caring Communities gearbeitet werden. Dabei geht es vor allem um die Gestaltung von Sozialraum. Es ist wichtig, dass die Pflegepolitik keinesfalls nur auf Pflegeversicherungen reduziert wird. Es geht darum Mutig zu sein und zu schauen wie radikal reformiert werden muss und wie man das ganze finanziert, um ein Nachhaltiges Leben und um eine neue Kultur der Solidarität in der Gesellschaft sicherstellen zu können. All dies bringt uns zu der For­schungsfrage und somit zu dem zentralen Thema der vorliegenden Reflexionshausarbeit: „Ist die notwendige Pflegereform geknüpft an einer radikalen Gesellschaftspolitik?“ Radikal bedeutet dabei ganz und gar, gründlich oder auch vollständig und eine Reform be­schreibt eine Verbesserung des Bestehenden. Es soll also etwas an der bisherigen Pflegepo­litik verändert werden, um eine bessere Pflege ermöglichen zu können (vgl. Schulz-Nies- wandt, 2020c S.5).

1.3 Vorgehensweise

Diese Reflexionshauarbeit ist in drei Teile gegliedert. Zunächst erfolgt eine Einleitung, wel­che die Relevanz des Themas hervorhebt und die Forschungsfrage einleitet. Darauf folgt der Hauptteil, welcher mit der Klärung zentraler Begriffe und Konzepte beginnt, die man braucht um die Forschungsfrage beantworten und verstehen zu können. Außerdem wird die gesetzliche Grundlage skizziert.

Abschließend werden einige Schlussfolgerungen mit Blick auf Gestaltungspotenziale auf der kommunalen Ebene im Pflegebereich erläutert und die Forschungsfrage, ob die notwen­dige Pflegereform geknüpft an einer radikalen Gesellschaftspolitik ist beantwortet. Ziel die­ser Arbeit ist es, sich mit den verschiedenen Facetten der Pflege auseinanderzusetzen und Entwicklungen und Herausforderungen in den Blick zu nehmen und sich zu einem Verständ­nis hin zu einer sich sorgenden Gemeinschaft zu begeben.

2. Hauptteil

2.1 Klärung zentraler Begriffe und Konzepte

2.1.1 Gesellschaftspolitik, Sozialpolitik und Pflegepolitik

Laut Schulz-Nieswandt ist die Pflegepolitik ein Teil der Sozialpolitik und die Sozialpolitik ein Teil der Lebenslagen Gestaltungs- und Lebenslagen Verteilungspolitik. Lebenslagen stellen ressourcenabhängige Handlungsspielräume im Lebenszyklus dar, um An- und Her­ausforderungen bzw. das gelingende Dasein im Leben zu meistern (vgl. Schulz-Nieswandt 2020c, S.10). Dabei spielen nach dem Capabilities Ansatz nach Sen und Nussbaum mehrdi­mensionale Ressourcen eine wichtige Rolle in der Befähigung zu einem selbstbestimmten Leben: Erstens abilities, die personalen Ressourcen, wozu beispielsweise die Daseinskom­petenzen Humankapital oder auch soziale Kompetenzen zählen. Zweitens capacities, die kontextuellen Ressourcen. Darunter fallen ökonomische Ressourcen und infrastrukturelle Ressourcen, wie Verfügbarkeit, Zugänglichkeit, Erreichbarkeit und die Akzeptanz sozialer Einrichtungen und Dienste. Als letzten Punkt gibt es die Rechtlichen Ressourcen, worunter zum Beispiel das einklagbare Recht auf Pflegeversorgung fällt. Doch die Ressourcen sind ungleich verteilt und genau hier setzt die Sozialpolitik an (vgl. Schulz-Nieswandt 2019; 2020c, S.221; S.10).

2.1.2 Pflegepolitik im Lichte von Europa- und Völkerrecht

Mit dem Mehrebenensystem der Pflegepolitik ist eine vertikale Politikverflechtung „von oben nach unten“ aus Bund, Länder und Kommunen gemeint. Gesetzliche Grundlage hierfür ist das SGB XI Bundesgesetz, welches weitere Verordnungen auf Landesebene delegiert. Der vertikale „von oben“ Modus der Landespolitik legt dabei den Fokus auf Kommunalisie­rung, während der Staat als generalisierter Dritter für die Gewährleistung zuständig ist und die Kommune den Ort der Sicherstellung darstellt, wobei private Träger und ihre Märkte vorrangig bedient werden und dabei anfallende Versorgungslücken durch öffentliche Träger gefüllt werden. Dies entspricht auch dem Subsidiaritätsprinzip der Europäischen Union.

Unionsbürger haben ein soziales Grundrecht auf freien Zugang zu den Sozialschutzsystemen und den Dienstleistungen von allgemeinem Interesse. Dies verstärkt den Sicherstellungsauf­trag des Staates durch EU-Recht. Außerdem besagt Artikel 34 der Grundrechtscharta ein Grundrecht auf freien Zugang auf öffentliche Güter und Pflege (vgl. Schulz-Nieswandt 2020b, S.27f.).

2.1.3 Daseinsvorsorge

Auf der Grundlage des Artikel 20 GG. wird eine Daseinsvorsorge garantiert. Die kommu­nale Daseinsvorsorge meint die Bereitstellung einer entsprechenden Infrastruktur von exis­tenziellen und materiellen Gütern und Dienstleistungen, welche als notwendig erachtet wer­den und somit die Grundversorgung bilden. Um gesellschaftliche Teilhabe und eine freie Entfaltung der Persönlichkeit zu ermöglichen, bedarf es zusätzlich soziale Dienste und Ein­richtungen im sozialen Raum. Es muss demnach also auch eine soziale Infrastruktur von Staat gewährleistet werden. Dies folgt dem Capability-Ansatz. Der Ort der Sicherstellung der Daseinsvorsorge ist laut dem Rechtsstaatsprinzip die Kommune, da diese den Ort des personalen Daseinsvollzug bildet. Nach §28 GG muss den Gemeinden das Recht gewähr­leistet werden, örtliche Angelegenheiten selbst zu klären und bildet im Zusammenhang mit §9 SGB XI, der Eigengesetzlichkeit der Länder, die vertikale Politikverflechtung, welche dem Subsidiaritätsprinzip folgt. Im Sinne der horizontalen Politikverflechtung gibt der Staat den Sicherstellungsauftrag an öffentliche, freie oder private Träger weiter. Die Einrichtun­gen und Dienste im sozialen Raum müssen schließlich erreichbar, verfügbar, zugänglich und akzeptiert sein (vgl. Schulz-Nieswandt 2019).

2.1.4 Sozialraumorientierung

Daseinsvorsorge wird außerdem mit Fokus auf Sozialraumorientierung sichergestellt. Der Sinn der Sozialraumorientierung ist, dass Menschen auch in schwierigen Lebenslagen Ent­wicklungsaufgaben bewältigen können. Daher müssen die Lebenswelten und Verhältnisse der Menschen genau so geschaffen werden (vgl. Schulz-Nieswandt 2020a, S.3). Sozial­raumorientierung heißt auch, dass nachhaltige Netzwerke sozial sorgender Gemeinschaften gebildet werden sollen, dabei spielt Inklusion eine wichtige Rolle. Wichtig dabei ist eine Entwicklung von hybriden Gebilden und heterotypen Räumen, also eine Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Wohnformen (vgl. Schulz-Nieswandt 2020a, S.6). Dafür müssen nachhaltige Netzwerke sichergestellt werden. Das Ziel der Sozialraumorientierung und eine Ausprägung von Sozialkapital ist die Bildung von Caring Communities, diese sind lokal sorgende Gemeinschaften, die im Modus des sozialen Miteinanders operieren, mit dem Ziel der Sicherstellung von Hilfe zur Selbsthilfe (vgl. Schulz-Nieswandt 2020a, S.8 f.).

Mit Sozialraumorientierung ist auch die Schaffung gesetzesübergreifender, integrierter Ver­sorgungsstrukturen gemeint. Dies bedeutet zum einen, die Optimierung des Care- Managements, worunter die effiziente Gestaltung der gesamten Versorgungslandschaft fällt und zum Anderen, die Optimierung des Case-Managements. Case-Management sieht eine integrierte Fallsteuerung vor. Das bedeutet, ein Beratungsangebot für einzelne Personen und deren individuelle Bedürfnisse. Beispielhaft seien hier Lotsensysteme genannt (vgl. Schulz­Nieswandt 2020c, S.16). Darüber hinaus ist ein optimiertes Schnittstellenmanagement be­sonders wichtig. Dies meint eine Absicherung, zum Beispiel der Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen werden, danach aber nicht in eine sogenannte “No-Care-Zone” fal­len, sondern durch Vermittlung an Selbsthilfegruppen eine bedarfsgerechte Zuwendung ha­ben (vgl. Schulz-Nieswandt 2020a, S.8f.).

2.1.5 Inklusion

Inklusion bedeutet eine Überwindung von Exklusion. Der Begriff der Inklusion geht dabei über eine Integration hinaus und meint neben Anerkennung und Akzeptanz der gleichwerti­gen Vielfalt von Menschen in einer Gesellschaft eine vollständige Durchmischung aller Ele­mente bislang getrennter sozialer Sphären und deren Elemente (vgl. Schulz-Nieswandt 2020c, S.5). Außerdem ist unter Inklusion die Selbstbestimmte und selbstständige Teilhabe an der Gesellschaft im Sinne der Sozialraumorientierung gemeint (vgl. Schulz-Nieswandt 2020c, S.7). Aktuell herrscht in Deutschland eher eine Exklusion als eine Inklusion (vgl. Schulz-Nieswandt 2020c, S.12). Denn Inklusion kann nicht von „oben“ verordnet werden sondern erfordert bestimmte Rahmenbedingungen. Eine weitere Voraussetzung für Inklu­sion ist die Entwicklung von hybriden Gebilden und heterotypen Räumen, also eine Ausdif­ferenzierung und Pluralisierung von Wohnformen. Dafür müssen nachhaltige Netzwerke si­chergestellt werden.

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Details

Seiten
13
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346313423
ISBN (Buch)
9783346313430
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Soziologie
Erscheinungsdatum
2020 (Dezember)
Note
1,3
Schlagworte
Altern Sozialraumbildung Netzwerk Demographischer Wandel Daseinsvorsorge Inklusion

Autor

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Titel: Die Pflegereform und eine radikale Gesellschaftspolitik. Auswirkungen demographischer Veränderungen