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Die Nibelungensage im Home-Office. Thesen zur Sage und Protokoll einer Unterrichtseinheit zu Zeiten der Pandemie

(Gymnasium, Deutsch, Klasse 7)

Fachbuch 2020 92 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Einführung

2 Neue Thesen zur Nibelungensage

3 Vorbereitung der Unterrichtseinheit
3.1 Fachliche Reflexion zum Nibelungenlied
3.1.1 Wissensgrundlage und Materialbasis
3.1.2 Ortskenntnisse
3.1.3 Weiterbildung
3.2 Didaktische Reflexion
3.3 Methodische Reflexion
3.4 Pandemiebedingter Unterrichtsrahmen

4 Das Unterrichtsprotokoll
4.1 Ablauf der Unterrichtseinheit
4.1.1 Erste Schulwoche
4.1.2 Zweite Schulwoche
4.1.3 Dritte Schulwoche
4.1.4 Vierte Schulwoche
4.1.5 Fünfte Schulwoche
4.1.6 Sechste Schulwoche
4.1.7 Siebte Schulwoche
4.2 Ergänzende PC-Dateien
4.2.1 Die Hausaufgaben-Datei
4.2.2 Die Chat-Datei für Schüler

5 Home-Office Schule - Grenzen dieser Methode

Schlusswort

Endnoten

Literaturverzeichnis

Widmung

Für unsere Enkelin Theresa, die mit ihren drei Jahren schon geistiges Interesse und pädagogisches Geschick zeigt.

Vorwort

Seit einigen Monaten leidet die Welt unter der Pandemie des Corona-Virus. Im Dezember 2019 war es von China ausgegangen und erreichte Ende Januar 2020 Deutschland. Ich schrieb damals an einen Freund in München: „Seit heute, 28. Januar, habt ihr im Münchner Klinikum Schwabing den ers­ten Bayer mit Coronavirus, wie ich höre. Also sollten wir dort lieber nicht hingehen.“ Im März und April erreichte die Pandemie bei uns einen Höchst­stand. In Baden-Württemberg wurden alle Schulen geschlossen, und zwar vom 17. März bis zum 26. Juni, also 12 Schulwochen total, ab dem 29 Juni bis zum Schuljahresende am 29. Juli gab es wechselweise für die restlichen fünf Wochen des Schuljahres eine Mischung von Home-Schooling (Lehrer der Risikogruppen) und „Präsenzunterricht“ (jüngere Lehrer). Insgesamt war das Schulwesen für viereinhalb Monate (17.3.-29.7.2020) völlig aus den Fugen.

Aus dieser ungewöhnlichen Zeit, der Zeit der ersten Welle der Pandemie, möchte ich einen Erfahrungsbericht und ein Unterrichtsprotokoll liefern. 17. November 2020, am Tag der Heiligen Gertrud

Gert Heinz Kumpf M.A.

1 Einführung

In einem Schnellkurs wurden die Lehrkräfte in ein Computerprogramm „Home Office Schule“ eingewiesen und hielten dann von Zuhause aus am PC die Kern-Unterrichtsversorgung in Deutsch, Mathematik und nur weni­gen weiteren Fächern aufrecht. Die Schüler und Schülerinnen1 befanden sich während dieser Wochen in ihren Familien und wurden über PC zu von der Schule festgelegten Zeiten unterrichtet.

Am Beispiel einer Unterrichtseinheit aus dem Deutsch-Unterricht eines Gymnasiums, der Nibelungensage in Klasse 7, möchte der Autor über fach­didaktische Fragen hinaus die speziellen gesellschaftlichen Rahmenbedin­gungen dieser „Pionierzeit“ darlegen und anhand eines Verlauf-Protokolls recht genau wiedergeben. Damit verbunden sind Reflexionen über die tech­nischen und menschlichen Schwierigkeiten des Unterrichtens während der unter Corona leidenden Gesellschaft.

Außerdem soll ein Einblick in die Behandlung und Interpretation einer be­kannten Sage im Deutschunterricht geliefert werden, durch Einbinden geographischer, historischer, psychologischer und weiterer literatur­wissenschaftlicher Zusammenhänge.

2 Neue Thesen zur Nibelungensage

Die Nibelungensage ist ein vielbeachteter und häufig interpretierter Kern­bestand der mittelalterlichen Literatur, und doch wurde noch nicht alles dazu gesagt. Deshalb folgen hierzu „neue“ Thesen:

- Die Burgunderkönige aus Worms und Siegfried aus Xanten, der strah­lende Held - sie sind ein literarischer Reflex der frühen Rheinfranken und der Salfranken. Die Salfranken lebten im Salland, der heutigen Provinz Overijssel der Niederlande. Xanten gehörte zu den Salfran- ken, und Siegfried wird auch „Held von den Niederlanden“ genannt.
- Anscheinend vielversprechend ist sein Name: „ein Sieg, der den Frie­den bringt“ - nach zwei Weltkriegen für uns Deutsche eine bittere An­gelegenheit. Vielleicht kann man aber aus Niederlagen mehr lernen?
- Die drei burgundischen Könige sind Brüder und heißen Gunther, Ger­not und Giselher. Hier findet sich die alte heilige Dreizahl2 gespiegelt und durch das anlautende „G“ verstärkt. Die Germanen dichteten im Stabreim.3 Die G-Stabreimnamen der Brüder festigten für die Zeitge­nossen auch akkustisch ihre Zusammengehörigkeit.
- Die Alliterationen zeigt.auch das älteste, umfangreichere althoch­deutsche Werk, das Hildebrandslied (andere Schätze der Germanen­zeit und des frühen Mittelalters wurden leider vom übereifrigen Neu­Christen Karl dem Großen zerstört). Diese Heldendichtung kennt das auch: „Hiltibrant enti Hadubrant unter heriun tuem...“ (Hildebrand und Hadubrand zwischen ihren beiden Heeren. ...). Der H-Stabreim der Namen verweist auf Vater und Sohn, verstärkt durch das „H“ der Heere, zwischen denen beide schicksalhaft stehen.
- Die Nibelungen: das ferne alte Geschlecht des Königs Nibelunc im Norden (Karl der Große nannte den November Nebelung; ortsgenau dagegen ist Nivelles in Belgien, 30 Kilometer südlich von Brüssel, nie­derländisch Nijvel, deutsch Nibel-ung, „-ung“ als Zugehörigkeit zu le- sen?).4 Die Urheimat der Germanen, genauer: der „frühen Franken“ in den heutigen Niederlanden und südlich davon.
- Siegfried besiegt einen Drachen, badet in seinem Blut und wird d a d u r c h unverwundbar, bis auf eine Stelle - dies spiegelt tiefen­psychologisch den Sieg über das Matriarchat. Siegfried wird geboren im Mutterblut, d a d u r c h ist er unverwundbar. Siegfried badet in einer „Vertiefung“ und bekämpft ein Wesen „aus einer Höhle“, um sich von ihm zu befreien, das Geschehen ist doppeldeutig.
- Die Mutter gibt das Leben weiter und besteht dadurch, der Mann aber, auch der Tapferste, hat eine verwundbare Stelle. Siegfried ist nur an einer Stelle zwischen den Schulterblättern verwundbar, dorthin fiel beim Bad im Drachenblut ein Lindenblatt. - Vordergründig ist die Stelle zwischen den Schulterblättern die einzige Stelle am Körper, die man nicht selbst erreichen und damit schützen kann. Tiefer geblickt: Das Bad unter der Linde! Die Linde ist der alte Gerichtsbaum der Ger­manen, hier wird Recht gesprochen, über Leben und Tod entschieden. Siegfrieds Schicksal steht von Anfang an fest. - Die historische Wurzel dieses Motivs ist sicher der strahlende Held des trojanischen Krieges, Achilles. Achilles, schier unverwundbar, bis auf seine Ferse (eben die „Achillesferse“), durch deren Verwundung er zu Tode kommt.
- Die Jung-Siegfried-Abenteuer (Aufwachsen im Wald beim Schmied, Herstellen des Schwertes Balmung, Eroberung des Nibelungenschat­zes und der Kampf mit dem Drachen) sind im ritterlichen Epos um 1200 nicht aufgenommen worden, werden nur kurz und teilweise aus der Sicht Hagens erzählt (Strophen 85ff). Das Nibelungenlied, ge­nauer „Der Nibelunge Not“ beschränkt sich auf die beiden Stoffkreise um „Siegfrieds Tod“ und den „Untergang der Burgunder“.
- Die Brüder Schilbunc und Nibelunc, die beiden Söhne des verstorbe­nen Königs Nibelunc, streiten um den Schatz, die Lösung kommt mit Gewalt in Gestalt des starken Siegfried. Dies spiegelt die brutalen Aus­einandersetzungen der frühen Merowinger-Herrscher.
- Der Schatz ist riesig, unermesslich. Dieser Schatz aus Edelsteinen und rotem Gold war so groß, dass 100 Lastwägen ihn nicht tragen könn- ten. 5 Das ist mythisch - aber der wirkliche, handwerkliche Reichtum Europas liegt tatsächlich in den Niederlanden und Belgien, bei den Tuchmachern in Brabant! Wie das Sprichwort überall sagt: „Handwerk hat goldenen Boden“.
- Siegfried reitet mit seinem Gefolge in sieben Tagen von Xanten bis Worms, das sind, neben der mythischen Siebenzahl, etwa 200 Kilo­meter, also etwa sieben Tagesritte zu 30 Kilometern. Zahl und Entfer­nung passen also.
- Am Hof zu Worms angekommen, muss er bald die Burgunder in Krie­gen gegen die Sachsen begleiten. Durch Siegfrieds Unterstützung werden die Kriege gewonnen.6 Dies erinnert doch sehr stark an Karl den Großen und seine langwierigen Sachsenkriege, die letztlich nur durch die Hartnäckigkeit des Herrschers gewonnen wurden.
- Das mächtige Reich der Burgunder am Rhein grenzt an das Königtum von Siegfrieds Vater. Die Hochzeit zwischen Siegfried und Kriemhild besiegelt das Bündnis der beiden Reiche. - Das sind historisch gese­hen die benachbarten Reiche der Rheinfranken und der Salfranken. Das Bündnis dieser beiden frühen Frankenstämme ist historisch über­liefert. Im Jahr 492 heiratete der Salfranke Chlodwig I. die burgundi­sche Prinzessin Chrodechild. Im NL liegt Burgund um Worms am Rhein.
- Gehen die fränkischen Stämme zusammen, so sind sie unbesiegbar (siehe die Siege gegen die Alemannen in der Schlacht von Zülpich 496 und dann wieder 506). Sind sie entzweit, so sind sie zu schwach, das führt in die Katastrophe (Untergang der Burgunder, ein Stamm der Rheinfranken). Das war eine historische Erfahrung an der Wende von der Völkerwanderungszeit zum frühen Mittelalter.
- Geschichtlich gingen die Burgunder tatsächlich in Kämpfen unter, aber hauptsächlich gegen die Römer. „Historischer Anknüpfungs­punkt ist die Zerschlagung des Burgunderreiches im Raum Worms durch den römischen Heermeister Aetius und hunnische Hilfstruppen um 436 n. Chr.“7
- Die Römer nennt der Nibelungendichter aber gerade nicht! Was ist der Grund? Die Franken kooperierten von Anfang an mit den Römern und eroberten so die Macht über die anderen germanischen Stämme (nach den Alemannen und Thüringern waren es später die Baiern und unter Karl dem Großen die Langobarden und die Sachsen). Daher war es um 1200, zur Zeit der Herrschaft der staufischen Könige und Kai­ser des „Heiligen Römischen Reiches“ (z.B. Heinrich VI. 1165 - 1197 und Friedrich II. 1 194 - 1250), nicht opportun, gegen die Römer ge­kämpft zu haben. Gegen die Hunnen aus dem Osten aber schon! So verdreht der Nibelungendichter die geschichtlichen Tatsachen.
- Brünhild, Königin auf Island: die starke, unbesiegbare Frau - ganz deutlich die Vertreterin des mythischen, uralten Frauenrechts! Weit weg vom Geschehen - im Nibelungenlied räumlich: auf Island, in der Geschichte zeitlich: in der mittleren Steinzeit, außerdem auf einer In­sel abgetrennt (ähnlich der Apfelinsel Avalon der Kelten?).
- Die drei Aufgaben (Speerkampf, Steinstoßen und Springen; dreimal „S“), die der Mann erfüllen muss, um die Liebe der Königin Brunhilde zu erhalten; es ist das Hochhalten der Dreizahl in der Sage. Im Nibe­lungenlied wird es, dem Patriarchat gemäß, auf die Dreizahl der Kö­nige Gunther, Gernot und Giselher übertragen (Anklang an die Dreikönige der Christen?). Dass dies eine Verdrehung der ursprüng­lich weiblichen Dreizahl ist, zeigt u.a. Uhlig in seinem Text „Das Tri­umvirat des Weiblichen: Jungfrau-Mutter-Göttin“.8
- Siegfried ist ein früher Freund und Geliebter Brunhilds. Es ist quasi die Urbestimmung, das Urmuster, dass diese beiden zusammengehö­ren, denn sie sind die stärksten Vertreter ihres Geschlechts und rei­chen beide bis in mythische Vorzeiten zurück (vgl. die Göttin und ihr Geliebter, z.B. Isis und Osiris in Ägypten usw.). Das ist aber mythisch und nicht real, jedenfalls nicht geschichtlich überliefert.
- Wegen den Verlockungen und des Glanzes der weltlichen Macht er­folgt eine Störung. Siegfried muss sich jetzt „in die Welt verwickeln“9, durch die Sachsenkriege, einen fragwürdigen Dienst an seinem König in Island und schließlich den Betrug in der Hochzeitsnacht, nur um sein hohes Ziel, die Liebe Kriemhilds, zu erreichen.
- Die Trickserei der Männerfreunde (um Siegfrieds Tarnkappe herum) führt ins Unglück. Was aber ist der Sinn der Tarnkappe? Ohne Zweifel eine ursprünglich gute, geschickte Sache, die dem Besitzer aber kein Glück, sondern Unglück und sogar den Untergang bringt; ein mär­chenhaftes, in Varianten immer wiederkehrendes Motiv in der Litera­tur: überirdische Fähigkeiten verwandeln Glück in Unglück.
- Siegfried und Brünhild, die vom Schicksal füreinander bestimmt wa­ren, werden durch diese fragwürdigen „Dienste“ Siegfrieds auseinan­dergebracht. Der Trick mit der Tarnkappe im Wettkampf ist der erste Betrug, der zweite Betrug folgt in der Hochzeitsnacht. Aber auch der (durch die Tarnkappe) nicht sichtbare Betrug bleibt Betrug. Durch die Wegnahme des Nibelungenrings und des Gürtels wird Brünhild „ent­machtet“. Siegfried, lachend und übermütig, führt diese Gegenstände als Beute davon. Dieser Hoch-, ja Übermut des Helden ist eine Schwä­che im Charakter, die ihm später zum Verhängnis wird. Wie das Sprichwort sagt: „Hochmut kommt vor dem Fall“. Siegfried „outet“ sich hier als urwüchsiger Germane, der noch nichts von christlicher Demut gehört hat.
- Siegfried wird beim Trinken aus einer Odenwald-Quelle hinterrücks von Hagen erschlagen. In der Handschrift C des Nibelungenliedes wird der Tatort genau beschrieben.10 Viele Lindenquellen im Oden­wald beanspruchen, der Tatort von Siegfrieds Ermordung zu sein: Grasellenbach, Hiltersklingen, Odenheim, Heppenheim und andere. Nach heutigem Forschungsstand weist die Indizienkette auf den „Lin­denbrunnen“ am Westrand von Heppenheim, der am Rand des Oden­waldes liegt. Dies stützt sich auf die Handschrift C des Nibelungenliedes. Wenn auch Grasellenbach mitten im Odenwald den schönsten Brunnen hat.
- Das in der Strophe 1013 der Handschrift C genannte Dorf namens „Otenhaim“ wie auch die „Angabe von einem sedelhof (C 1161) für Ute“11, Kriemhilds Mutter, weist auf einen Witwensitz „Uten-Heim“ hin. Hier zeigt Hansen, dass die Großmutter des Abtes Sigehart (+1198) des Klosters Lorsch, nämlich Uta von Calw als Witwe einen Edelsitz bezogen hatte.12 Er lag 3 /2 Kilometer südlich vom Kloster Lorsch auf dem heutigen Wohnplatz Seehof. Diesen Platz hatte der Verfasser der Handschrift C offensichtlich im Sinn, als er vom Dorf Otenheim vor dem Odenwald sprach.
- Auch nimmt der Dichter der Handschrift C seine genaue Ortskenntnis um das Kloster Lorsch herum zum Anlass, Siegfrieds Sarg dort zu lokalisieren.13 Ein „langer Sarg“ steht tatsächlich in dem 768 gegrün­deten Kloster Lorsch - und es dürfte sich nach Auffassung des Autors um das Grab des ersten deutschen Königs Ludwig der Deutsche (876) handeln, den Enkel Karls des Großen. Der 2,40 Meter lange Sarg (das Grab einer hünenhaften Gestalt!) hat an den Innenseiten zwei aus dem Stein herauspräparierte Symbole: das Kreuz und die Weltesche Yggdrasil - das christliche und das heidnische Symbol. Ge­rade der Enkel des großen Karl, des Gründers des christlichen Abend­landes, der aus missionarischem Übereifer die alten germanisch­heidnischen Texte zerstören ließ, könnte in Erinnerung an die Auslö­schung der germanischen Kultur durch seinen Großvater gerade die­sen Sarg im Kloster Lorsch gehabt haben, der vom Dichter im Nibelungenlied Siegfried zugesprochen wird. Heidnisches durfte nur noch neben Christlichem bestehen bleiben und wurde so hinüberge­rettet - von König Ludwig dem Deutschen u n d von der Witwe Kriemhild, die Siegfried, den germanischen Held christlich betrauerte und bestattete. Hier sieht der Autor dreifache Zusammenhänge über die Jahrhunderte hinweg 436 - 876 - 1200 n. Chr.
- Hagen von Tronje im Nibelungenlied: grandioses und zugleich düste­res Bild von Gefolgschaft und Treue, zwei Werten der Germanenzeit. Kaiser Wilhelm II. telegrafierte beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 nach Wien: „Deutschland steht in Nibelungentreue zu Öster­reich.“ Man hätte wissen können, wohin diese blinde Treue führt, wenn man das Nibelungenlied richtig gelesen hätte. Warum blind sein, wenn man Augen zum Sehen hat?
- Hagen steht als Gefolgsmann ganz im Dienst des burgundischen Kö­nigs Gunther, in Vasallentreue, dem Urelement des mittelalterlichen Feudalismus. Aber er tut noch mehr. Er liest seinem Herrn die Gedan­ken von den Lippen ab - und beseitigt den die Ehe und damit das Königreich störenden Siegfried. So wird Hagen zum Mörder, in schrecklicher Konsequenz. Sein Lehnsherr König Gunther aber ist zu­gleich sein höchster Richter. Aber es gibt im Nibelungenlied keine Gerechtigkeit, keinen unabhängigen Richter, der Recht sprechen könnte. Und so kehren die Männer den Mord unter den Teppich. Dass das nicht gutgehen kann, zeigt der weitere Verlauf. Denn Kriemhild zeigt kein Einlenken, sondern entwickelt sich zur Rachegöttin.
- Die Folgen fehlender Gerechtigkeit oder, genauer, fehlender unab­hängiger Richter und Gerichte sind ja geradezu ein Wesensmerkmal der vordemokratischen Zeiten. Dies spiegelt z. B. auch der Dichter Heinrich von Kleist (1777-1811) mehrfach - auf tragische Weise in seiner Erzählung „Michael Kohlhaas“, auf humorvolle Weise in seinem Lustspiel „Der zerbrochene Krug“.
- Hagen versenkt den Nibelungenhort im Rhein, einige Kilometer nörd­lich bei Lochheim in einer alten Rheinschlinge. Sein Denkmal steht heute in Worms am Rheinufer, das „Rheingold“ aber soll immer noch leuchten, wenn die Sonnenstrahlen das Wasser berühren. Der Schatz wurde bisher auch von tauchenden Abenteurern nicht gefunden.
- Der Hunnenfürst, den die Witwe Kriemhild ehelicht, ist Etzel, die deut­sche Form von Attila (Wirken der Zweiten Lautverschiebung), seine Burg, die Etzelburg, steht in Gran an der Donau, ungarisch Eszter- gom, eine der ältesten Städte Ungarns. (Heißt sie „Drehbank“, da sie- vor der „Drehung“ des Donauknies gelegen ist?)
- Nachdem die Burgunder auf ihrer Reise die Donau überquert haben, zerschlägt Hagen das Boot des Fährmanns, weil sie es, nach der Weis­sagung der drei badenden weisen Frauen14, nicht mehr bräuchten: „ez muoz also wesen, / daz fuwer deheiner kann da niht genesen, / niwan des küneges kappelan.. .“'5 Hagen ist so der „Vollzieher des Schick­sals“. Ein Zurück gibt es nicht mehr. Vgl. Hitler im Zweiten Weltkrieg: „Die 6. Armee vor Stalingrad kapituliert nicht. Ein deutscher Soldat geht keinen Schritt zurück.“
- Auf ihrer langen Reise16 begegnen die Burgunder an der Donau Rüdi­ger von Bechelaren, dem Markgrafen und Schützer des Vorfelds des Hunnenreiches. Rüdiger war Etzels mächtigster und tüchtigster Vasall und als Brautwerber nach Worms geschickt worden. So ist er König Etzel und seiner neuen Gemahlin Kriemhild lehnsrechtlich verpflich­tet. In Bechelaren, heute Pöchlarn an der Donau, oberhalb von Melk in Niederösterreich gelegen, werden Rüdiger und seine Familie die Gastgeber der durchreisenden Burgunder, die drei Tage bleiben und dort ihre letzten unbeschwerten, heiteren Tage verbringen.
- Es kommt in dieser noch schönen Zeit zum Eheversprechen zwischen dem jüngsten Burgunderkönig Giselher und Rüdigers Tochter. Durch seine Gastfreundschaft, denn die Bewirtung von Bekannten war ein heiliges Gastrecht, das drei Tage währte (und auch heute noch währt), ist er den Burgundern ganz allgemein und König Giselher im Beson­deren als zukünftiger Schwiegervater verbunden.
- Auf der Etzelburg: Markgraf Rüdiger, beiden Seiten im Kampf der Ni­belungen verpflichtet, der nicht kämpfen will, dann aber muss, wegen seiner Lehnsverpflichtung, seines Versprechens Kriemhild gegen­über; - schließlich der freundschaftliche Tausch der Schilder zwischen Hagen und Rüdiger und sein tragischer Untergang. - Das Geschehen hat eine derart schreckliche Dimension erreicht, dass der Unschul­dige, Neutrale, der zwischen die Fronten gerät, keine Überlebens­chance mehr hat - und mit unerbittlicher Wucht vollendet sich das Schicksal der Nibelungen. Am Ende der Dichtung steht „daz ist der Nibelunge not“17 - dem bleibt nichts hinzuzufügen. Vielleicht könnte man bei der Figur des Rüdiger auch an das Schicksal Hamlets erin- nern18: „Die Zeit ist aus den Fugen: Schmach und Gram, / Daß ich zur Welt, sie einzurichten, kam!“ und schließlich sein letzter, resignieren­der Satz vor seinem Tod: „Der Rest ist Schweigen.“
- Dietrich von Bern (= Verona beim Gardasee), der König der Ostgoten, steht in den Diensten von König Etzel, und nur ihm steht es zu, die letzten überlebenden Nibelungen Gunther und Hagen zu überwälti­gen. Dietrich, lateinisch Theoderich der Große, wird später Herrscher von Italien, sein Grabmal steht in Ravenna (deutsch Raben), und er ist historisch erfolgreicher als das Volk der Burgunder, die untergingen. Folglich steht ihm das zu und nicht dem „fremden“ Hunnen Etzel, der im Geschehen des Nibelungenliedes sowieso am Rande bleibt.
- Zum Schluss bleibt noch zu sagen, dass das ganze Nibelungenlied als Parabel gelesen werden kann, wie die germanischen Werte von Treue und Gefolgschaft durch Hochmut und Betrug zerstört werden, was in grenzenloser Rache endet. Oder, anders gesehen, wie die fehlende christliche Demut, das fehlende Vertrauen in einen Gott die handeln­den Menschen ins Verderben führt. So gesehen, enthält das Nibelun­genlied in versteckter Weise doch auch eine christliche Botschaft, in Form einer fulminanten Warnung an den Leser.
- Zu Sage und Mythos, erster Teil: Hagen von Tronje - trotz vieler Ver­suche wurde „Tronje“ in der Pfalz oder in Lothringen nicht gefunden, anders als bei Volker von Alzey und Ortwin von Metz. Tronje ist ver­mutlich Troja - der uralte Ort, von dem nach 10jährigem Krieg der Königssohn Aeneas, Tochter der Göttin Aphrodite (!), floh und Rom gründete. Wie Aeneas der Stammvater Roms sein soll, so hat Hagen auch eine fundamentale Position in Worms am Hof der Burgunder.
- Zu Sage und Mythos, zweiter Teil: Im Nibelungenlied gibt es nicht nur die historischen Figuren wie z.B. König Gunther, König Etzel und Diet­rich von Bern, sondern auch Sagenfiguren, die in eine mythische Vor­zeit zurückreichen. Das ist Brunhild, die starke, unbesiegbare Frau und ihr Liebhaber und naturgemäßer Begleiter Siegfried - Verkörpe­rungen der vorhistorischen Zeit der Großen Göttin und ihres Beglei­ters, wie es erstmals die deutsche Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth (*1941) und viele weitere Autorinnen und Auto­ren dargelegt haben. Hier spiegeln sich frauenrechtliche Zeiten der Mittleren Steinzeit, eine Sichtweise, zu der aus rechtshistorischer Sicht schon Johann Jakob Bachofen (1815-1887) die Grundlagen ge­legt hatte. Letztlich beziehen sich nach Ansicht des Autors diese Überlegungen auch auf die Beobachtung des Himmelszeltes: der Mond als Symbol des Weiblichen (mit seinen Zustandsänderungen) und die Sonne als Symbol des Männlichen.
- Zu Sage und Mythos, dritter Teil: Das Nibelungenlied nennt aber noch eine dritte Person, nämlich Hagen von Tronje, dessen Figur, gedeutet als „von Troja“, in die frühesten historischen Zeiten der Bronze- und Eisenzeit zurückreicht: den trojanischen Krieg, und zum Flüchtling A­eneas, der Rom und damit das mächtigste Imperium der Antike grün­dete. D i e s e Figur ist es nun, die im Nibelungenlied bewirkt, dass B r u n h i l d ins Abseits geschoben und S i e g f r i e d ermordet wird. Somit ist Hagen der Vertreter der historischen Zeit und damit auch des Patriarchats mit seinen (verheerenden) Heeren, der die ural­ten frauenrechtlichen Verhältnisse „brutalstmöglich“ zerstört.
- Zu Sage und Mythos, vierter Teil: Welche Botschaft trägt Hagen von Tronje mit sich? Es ist die Gefolgschaft und Vasallentreue, aber auch das Wissen um das Schicksal. Die vom Dichter ihm zugeordnete Tat ist der Mord, der ungesühnt, aber nicht ungerächt bleibt. Schließlich hängt der verhängnisvolle Weg der Nibelungen wesentlich an ihm, der in ungeheurer Verblendung beschritten und bis zum für alle tödlichen Ende begangen wird. Am Ende reißt er sogar den Buben Ortwin und seinen König Gunther mit in den Tod. So ist Hagen die große Gegen­kraft zu Frieden und Liebe. Es liegt in der Figur des Hagen keine Zukunft und Perspektive, dort wird ein Kult des Todes praktiziert und die äußerste Gewalt endet im Untergang.

3 Vorbereitung der Unterrichtseinheit

Wie bei jeder Unterrichtsvorbereitung eines Themas sind vier Aspekte im Voraus zu bedenken: das fachliche Verständnis, die didaktische Vermitt- lung des Stoffes, die methodische Vorgehensweise und der Unterrichtsrah­men, d.h. die Klassensituation und die gesellschaftliche Situierung des Un­terrichts.

3.1 Fachliche Reflexion zum Nibelungenlied

Am Anfang jeden unterrichtlichen Handelns steht die fachliche Reflexion: Wissen und Material, persönlicher Bezug der Lehrkraft, Weiterbildung und gedankliche Auseinandersetzung mit der Sache, z.B. in Form von Thesen. In dieser Abhandlung wurden die Thesen in Kapitel 2 vorangestellt.

3.1.1 Wissensgrundlage und Materialbasis

Es ist von großem Vorteil, wenn man sein Germanistikstudium schon so gewählt hat, dass die Mediävistik, die Beschäftigung mit Literatur und Spra­che des älteren Deutsch im Mittelalter, eine wesentliche Grundlage gebildet hat. Manche Universitäten bieten da mehr als andere an; die älteren, tradi­tionellen Universitäten sind i. d. R. hier kompetenter. Ein weiter Rahmen ist abzustecken, von den Anfängen der deutschen Literatur in der Heldensage des Hildebrandlieds über die karolingische Dichtung, vom mönchischen Früh- zum ritterlichen Hoch- und bürgerlichen Spätmittelalter, für die Blü­tezeit sei die Minnelyrik von „Minnesangs Frühling“ bis Walther von der Vo­gelweide, die Epik des Wolfram von Eschenbach, des Hartmann von Aue und des Gottfried von Straßburg und schließlich die Heldenepik, das christ­lich verbrämte Heldenepos des frühen 13. Jahrhunderts, das Nibelungen­lied genannt. Die althochdeutsche und auch die mittelhochdeutsche Form des Deutschen liegen weit zurück und verlangen nach einer Übertragung ins heutige Deutsch. Dabei entstehen notwendigerweise Verstehensprob­leme, da wir heute weder mit dem christlichen Ritterideal des Hochmittel­alters noch mit den Werten der älteren Heldenepik aus der Völkerwanderungszeit vertraut sind.

Man sollte das Nibelungenlied, das ja in die Völkerwanderungszeit um 436 n. Chr. zurückreicht, aber erst um 1200 von einem unbekannten Mönch im Kloster Passau heimlich auf eine Buchinnenseite aufgeschrieben wurde, heimlich deshalb, da es den Idealen des christlichen Ritterwesens aufgrund seiner fürchterlichen Betrugs- und Rache-Kaskaden nicht entsprach und von der Kirche abgelehnt werden würde, im Studium gelesen und übertra­gen haben. Das Epos umfasst 2379 vierzeilige Langstrophen, die soge­nannte Nibelungenstrophe. Diese 9516 Langverse lassen sich wirklich nicht als Inhaltsangabe oder gar nur in einer Literaturgeschichte lesen, sondern müssen Wort für Wort übertragen, diskutiert und verstanden sein, andern­falls lässt man es lieber bleiben.

Basis ist also der Urtext, „Das Nibelungenlied“ nach der Ausgabe von Karl Bartsch, herausgegeben von Helmut de Boor.19 Zum Lesen und Übertragen ins heutige Deutsch absolut notwendig ist über den (dürftigen) Apparat der Klassikerausgabe hinaus der „Lexer“, Matthias Lexers Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch sowie die Mittelhochdeutsche Grammatik von Paul/Mo- ser/Schröbler.

So gerüstet, lässt sich ein Blick in das eingeführte Deutschbuch werfen und die Unterrichtseinheit konzipieren. Im vorliegenden Fall ist es P.A.U.L.D 7, Deutschbuch für Gymnasien in Baden-Württemberg vom Schöningh Verlag.

3.1.2 Ortskenntnisse

Orts- und Geographiekenntnisse sind gerade beim Nibelungenlied von Vor­teil, denn keine andere bekannte Sage zieht einen solchen weiten Bogen durch Europa. Angefangen von Island, Brünhilds Reich, bis zum Reich der Nibelungen (Nivelles in Belgien?) über Xanten am Niederrhein, Herkunft Siegfrieds, bis Worms, dem Sitz der burgundischen Könige. Ihr Jagdgebiet und zugleich der Raum, in dem Siegfried ermordet wurde, war der Oden­wald. Hagen von Tronje (Ortsname in der Pfalz?)20 versenkte den Hort der Nibelungen bei Lochheim in den Rhein. Die Witwe Kriemhild heiratete König Etzel aus Gran (Esztergom an der Donau), damals Sitz den Hunnenreichs, heute Ungarn. Die Reise der Burgunder, später Nibelungen genannt, ging quer durch den Odenwald (sicher auf Teilen der „Nibelungenstraße“, der B 47) bis zur Donau bei Pförring, dann über Passau (dem Ort des Dichters) nach Österreich der Donau entlang. Stationen waren Pöchlarn im heutigen „Nibelungengau“ (Markgraf Rüdiger von Bechelaren), Melk, dem Tor zur Wachau, und schließlich Wien (dem Ort der Hochzeit Kriemhilds mit König Etzel). Entgegen früherer Vermutungen lag aber die Burg Etzels (Attilas) nicht in Buda (Budapest rechts der Donau), sondern in Gran, dem heutigen Esztergom noch vorher, vor dem Donauknie.

3.1.3 Weiterbildung

Um die Schauplätze des Nibelungenlieds besser zu verstehen und die ent­sprechenden Textstellen zuordnen zu können, ist die Lektüre von Walter Hansen „Wo Siegfried starb und Kriemhild liebte“ von Vorteil. Auch nicht völlig von der Hand zu weisen ist ein - vorsichtiger - Blick in die Heimatli­teratur der Lokalhistoriker „Was uns der Odenwald erzählt“ oder ein Blick zurück auf das Buch der Jugendzeit, z. B „Die Nibelungen“ von Hans Lehr.

Als Lektüre für Unterrichtszwecke eignet sich z.B. die Sammlung „Germani­sche und deutsche Sagen“ aus dem Schöningh Verlag. Im selben Verlag gibt es auch ein Unterrichtsmodell mit Materialien dazu.

Es ist verständlich, dass man nicht bei einem oberflächlichen, handlungs­bezogenen Verständnis der Märchen und Sagen stehenbleiben kann, son­dern versuchen muss, die dahinter wirkmächtige tiefenpsychologische Struktur zu finden. Zu dieser Thematik gibt es verschiedenerlei, z.B. aus der Geschichte der Sagenforschung das Buch von Hans Gerd Rötzer mit dem Titel „Sage“.

Der Aspekt, auf den Rötzer schon hingewiesen hat (Tiefenpsychologische Sagendeutung S. 42ff), sollte aktualisiert und vertieft werden. Hierzu eig­nen sich z.B. für das weitere Umfeld um die Siegfried-Figur „Der göttliche Sonnenheld der Bronzezeit“ (in Ehmers „Die Weisheit des Westens, Mensch, Mythos und Geschichte“) und besonders für Siegfried als Drachentöter „Die Höhle als Urerlebnis“ (in Uhligs „Am Anfang war Gott eine Göttin“). Zur Brunhild-Figur könnte man „Vom kontinuierlichen Niedergang der kultu­rellen Mutterstufe“ (in Armbrusters „Das Muttertabu“) lesen. Prinzipiell als Lexikon für gesellschaftliche Tiefenpsychologie und den Übergang vom Matriarchat zum Patriarchat, dessen Übergangsspuren sich auch in dieser Sage noch finden, eignet sich Walkers „Das geheime Wissen der Frauen“.

Der christliche Zeit um 1200, die der Dichter des Nibelungenlieds über diese genannten älteren und wirkmächtigeren Schichten der Sage (nämlich Mutterrecht und Patriarchat mit seinen Kämpfen der Völkerwanderungs­zeit) legt, bleibt doch an der Oberfläche, wenn man z.B. an den Kirchgang der Königinnen und ihren Streit vor dem Kirchenportal des Wormser Domes denkt. Es ist viel vom Streit, vom Fürchterlichen, Zerstörenden die Rede und nichts vom Gottesdienst oder dem Sinn der christlichen Religion. Vergeben spielt keine Rolle, stattdessen wirkt grenzenlos die Rache Kriemhilds, der beispiellose Betrügereien der Männer, des Königs Gunther und des Königs Siegfried, voraufgegangen sind. Ein tieferes. wahreres Verständnis des Christlichen, als es das Nibelungenlied liefert, findet sich z.B. in Max Bolli- gers „Bruder Franz“. Bolliger erzählt „Tatsachen und Geschichten aus dem Leben des Franz von Assisi“, dem großen Mönch jener Zeit, der von 1181 bis 1226 lebte, also ein Zeitgenosse des Nibelungendichters war. Franz von Assisi gilt als Nachfolger Christi, quasi seine „Wiederverkörperung“, indisch gesprochen, um das Jahr 1200.

Für weitere Überlegungen zum Nibelungenlied siehe das Thesen-Kapitel. Das dort entfaltete Reflexionsniveau ist, auf den schulischen Rahmen be­zogen, zur Vorbereitung auf eine Arbeit im Deutsch-Leistungskurs der Oberstufe des Gymnasiums bezogen.

3.2 Didaktische Reflexion

In der Unterstufe ist der stoffliche und gedankliche Umfang für Unterrichts­zwecke zu reduzieren und auf das Verständnisniveau von Zwölf- bis Drei­zehnjährigen anzupassen. In der Klassenstufe 7 werden Sagen auf der Ebene der Handlung und der Eigenschaften der handelnden Personen be­handelt. Teilweise kann das zu Vorbereitungen der Aufsatzform „Perso­nencharakteristik“ führen, wenn die Lehrkraft das so anlegen möchte. Über die Ebene der charakterisierenden Eigenschaften gelangt man dann zu Per­sonenkonstellationen, wobei die Art der Beziehungen eventuell in einem Schaubild an der Tafel typisiert werden können. Der schicksalhafte Ablauf der Handlung sollte auf jeden Fall auf seine Anfänge, seine Ursachen zu­rückgeführt werden. In dem Alter der Schüler wird z.B. der Betrug der Män­ner mit der Tarnkappe noch nicht in aller Schärfe gesehen, sondern eher als lässiger Trick aufgefasst. Hier gilt es nachzuarbeiten. Wie sich eine La­wine am Hang aufbaut, ebenso dynamisch rutscht die Handlung vom klei­neren zum größeren Betrug und endet schließlich in denkbar schrecklichster Weise. Es gibt kein Halten, kein Innehalten; wir befinden uns auf einer moralisch schiefen Ebene. Dafür muss die Lehrkraft den Schü­lern die Augen öffnen. Diese Problematik ist bewusst zu machen, in alters­angemessener Form. Trotzdem soll man den Schülern aber nicht durch übertriebenes Moralisieren die Freude am Text nehmen. Es wird auch viel Schönes und Interessantes erzählt, dafür muss Zeit bleiben. Im Unterricht sollte dabei auch der ritterliche Tugendkanon thematisiert werden: Ehre, Anstand, Maß, Hilfe für Schwache, aber auch Tapferkeit, Hofleben und Tur­niere.

Ein weiteres Lernziel sollte das Übertragen von Originalstrophen ins Neu­hochdeutsche sein. Das beginnt mit einer Lesehilfe für das Mittelhoch­deutsch (wobei besonders auf die neuhochdeutsche Diphthongierung und Monophthongierung eingegangen werden sollte) und wird an ausgewähl­ten, exemplarischen Textstellen vom Lehrer gezeigt, um dann recht bald die Schüler selbst üben zu lassen. Selbstverständlich soll zur Textauswahl die erste Strophe des Nibelungenliedes gehören; der Autor empfiehlt sie auswendig lernen zu lassen, wobei er nach eigenem Vortrag selbstredend die Aussprache des Mittelhochdeutschen überprüft.

Schließlich sollte auch auf die Rezeptionsgeschichte des Nibelungenlieds eingegangen werden. Hier kann man Bilder einer Verfilmung interpretieren lassen. Schließlich sollte der Lehrer die propagandistische Verwendung des Nibelungenthemas in Kaiserreich und Nazizeit durch einen kurzen Vortrag beleuchten. Am Ende gälte es aber, diese Dichtung zu retten, durch das Herausarbeiten der wahren Botschaft des Textes.

Wenn man den Text nach seinem pädagogischen Zweck befragt oder den sogenannten „Sitz im Leben“ sucht, dann ist das in der Altersgruppe der Zwölfjährigen kein Problem. Wie oft gibt es Streit zwischen Jungen, aber auch bei Mädchen, die dann zum Lehrer laufen oder bei seiner Intervention im Pausenhof empört reagieren: „Der andere hat aber angefangen!“ „Und was hast du vorher getan?“ Den Streit auf seine Wurzel zurückführen zu versuchen ist der Blickwinkel der streitenden Jugendlichen, nicht aber des schlichtenden Erwachsenen: „Ich frage nicht, wer angefangen hat, ich frage, wer zuerst aufhört.“ Man könnte das als die (nicht nur didaktische) „Maxime vom Aufhören“ bezeichnen, die Wurzel jeder Friedensforschung.

Das Nibelungenlied ist ein geradezu exemplarischer Text, in dem es um Schuld und Rache geht, um ständiges Suchen nach den Wurzeln des Strei­tes, und nicht um Ausgleichen, Schlichtung, Vergeben und Vergessen. Das „Freiwerden von der Schuld“ durch Reue und Vergebung aus Gnade (des rettenden christlichen Gottes) - es fehlt.

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Titel: Die Nibelungensage im Home-Office. Thesen zur Sage und Protokoll einer Unterrichtseinheit zu Zeiten der Pandemie