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HIV/AIDS. Eine globale Herausforderung. Epidemiologie, Prävention und Therapiestrategien

HIV bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten

Ausarbeitung 2019 14 Seiten

Medizin - Epidemiologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen von HIV und AIDS

3. Verlauf und Symptomatik einer HIV-Infektion

4. Übertragungswege

5. Prävention
5.1. Allgemeines
5.2. Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung einer sexuellen Übertragung

6. Behandlung

7. HIV bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten

8. Ausblick

II. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Laut dem Factsheet vom „Joint United Nations Programme on HIV/AIDS“ (kurz „UNAIDS“) lebten im Jahr 2018 weltweit etwa 37,9 Millionen Menschen mit HIV, etwa 1,7 Millionen Menschen wurden neu mit HIV infiziert und ca. 770 000 Menschen starben an AIDS-Erkrankungen (vgl. UNAIDS 2019: 1).

Das Virus betrifft inzwischen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten und sozialen Gruppierungen auf allen Kontinenten. Jedoch gibt es verschiedene Risikogruppen (die je nach Region variieren) und Regionen, innerhalb derer das Virus vermehrt vorkommt. In Süd- und Ost-Afrika leben die meisten Menschen mit HIV. 2018 waren es schätzungsweise 20,6 Millionen Menschen (vgl. ebd.: 5). Dies ist deutlich mehr als die Hälfte aller HIV-infizierten Menschen. In Nordamerika, West- und Zentraleuropa waren 2018 vergleichsweise insgesamt 2,2 Millionen Menschen infiziert (vgl. ebd.).

In Deutschland lebten im Jahr 2017 schätzungsweise mehr als 86.000 Menschen mit HIV. Mehr als 69.000 Betroffene darunter waren Männer. Infektionsweg war bei schätzungsweise 53.000 Betroffenen Geschlechtsverkehr zwischen Männern, der Hauptinfektionsweg in Deutschland. Heterosexuelle Kontakte waren im Vergleich schätzungsweise bei 10.900 Menschen der Übertragungsweg, während es intravenöser Drogengebrauch bei schätzungsweise 7.900 Menschen war (vgl. RKI 2019: 1).

Personengruppe, die seit dem Beginn des Ausbruchs von HIV bzw. AIDS immer wieder in Verbindung mit dem Virus gebracht wird, sind Männer, die Sexualkontakte mit anderen Männern haben bzw. hatten. Wie sich an den eingangs genannten Zahlen erkennen lässt, scheint es hier einen direkten Zusammenhang zu geben. In meiner folgenden Arbeit möchte ich mich dieser Problemstellung etwas genauer widmen und diesen Zusammenhang etwas genauer darstellen und bearbeiten.

Hierzu werde ich zu Beginn die Begriffe „HIV“ und „AIDS“ kurz erläutern und anschließend auf die Symptomatik, den Krankheitsverlauf, sowie Infektionswege, Prävention und die Behandlungsmöglichkeiten eingehen. Da ich in meiner Arbeit einen Schwerpunkt auf das Vorkommen von HIV unter Männern, die Sex mit Männern haben, lege, werde ich im Abschnitt „Prävention“ vorwiegend auf Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung einer sexuellen Übertragung eingehen.

Im Anschluss daran werde ich das Phänomen „HIV unter Männern, die Sex mit Männern haben“ etwas genauer betrachten und der Entwicklung der letzten Jahre etwas nachgehen und anschließend mit einem kleinen Ausblick abschließen.

2. Definitionen von HIV und AIDS

„HIV“ ist eine Abkürzung und steht für das „Humane Immundefizienz-Virus“, was so viel wie „menschliches Abwehrschwäche-Virus“ bedeutet. Das Virus schädigt das Immunsystem, sprich die körpereigenen Abwehrkräfte (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019a). Es handelt sich um ein Virus aus der Gruppe der Retroviren (vgl. Groß 2013: 391). Wird es nicht behandelt, vermehrt es sich und breitet sich im Körper weiter aus, sodass sich dieser nicht mehr ausreichend gegen eindringende Krankheitserreger wehren und diese nicht mehr bekämpfen kann. Im schlimmsten Fall haben sich die Viren so vermehrt und das Immunsystem so stark geschwächt, dass es zum Ausbruch lebensbedrohlicher Krankheiten wie schweren Lungenentzündungen kommt. In diesem Fall spricht man von „AIDS“.

„AIDS“ wiederum steht für „Acquired Immune Deficiency Syndrome“ (engl.), was so viel wie „Erworbenes Abwehrschwäche-Syndrom“ bedeutet (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019a).

3. Verlauf und Symptomatik einer HIV-Infektion

Die Symptomatik und der Verlauf einer HIV-Infektion können von Mensch zu Mensch sehr individuell ausfallen. Eine HIV-Infektion verläuft, sofern sie nicht medikamentös behandelt wird, in der Regel jedoch in folgenden 4 Phasen:

Kurz (i.d.R. zwei bis vier Wochen) nach der Infektion, kann es zu grippeähnlichen Symptomen wie bspw. Fieber, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Unwohlsein, starkem Nachtschweiß, Durchfall, Mandel- und Lymphknotenschwellungen, Muskelschmerzen oder Hautausschlag kommen. Während dieser ersten, sogenannten akuten Krankheitsphase, ist die Ansteckungsgefahr besonders hoch, da die Viruslast in den infektiösen Körperflüssigkeiten (Blut, Sperma und Flüssigkeitsfilm auf den Schleimhäuten von Vagina, Enddarm und Penis) in diesem Zeitraum enorm ist. In diesem Zeitraum beginnt das Immunsystem Antikörper gegen das Virus zu bilden, während dieses speziell in der Darmschleimhaut bereits einen Großteil der Helferzellen zerstört und somit das Immunsystem schädigt und angreift.

Die Symptome dieser ersten Infektions-Phase verschwinden meist nach 1-2 Wochen, woraufhin die Phase des symptomfreien Stadiums folgt. Ab diesem Zeitpunkt lässt sich die Infektion mit dem Virus durch den Nachweis der HIV-spezifischen Antikörper feststellen, welche das Immunsystem bis zu diesem Zeitpunkt gebildet hat. Die symptomfreie Phase hält i.d.R. einige bis viele Jahre, seltener Monate an. In dieser Zeit kann das Immunsystem des Körpers ein Gleichgewicht zwischen Virusmehrung und Virusabwehr erhalten.

Jedoch hat das Virus das Immunsystem irgendwann so ausgeprägt und irreversibel geschwächt, dass wieder vermehrt Symptome wie bspw. Nachtschweiß, langanhaltende Lymphknotenschwellungen, Gürtelrose, Fieber, länger andauernder Durchfall, Pilzbefall von Mund, Rachen und Vagina, sowie Nervenschädigungen an Armen und Beinen mit Schmerzen, Kribbeln und Taubheitsgefühl auftreten. In diesem Stadium spricht man von einer chronischen HIV-Infektion (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019b; RKI 2018b).

Treten bestimmte schwerwiegende, lebensbedrohliche Erkrankungen wie spezielle Lungenentzündungen, Pilzbefall der Speise- und Luftröhre oder bestimmte Krebsarten wie das Kaposi-Sarkom auf, spricht man von AIDS. Im Blut sind dann weniger als 200 Helferzellen pro Mikroliter vorhanden (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019b).

4. Übertragungswege

Eine Ansteckung mit Humanen Immundefizienz-Viren ist möglich, wenn infektiöse Körperflüssigkeiten einer mit HIV infizierten Person in den Körper einer nicht-infizierten Person gelangen (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019c; RKI 2018a). Zu diesen Körperflüssigkeiten mit hoher Viruslast gehören v.a. Blut, Sperma, Vaginalsekret und der Flüssigkeitsfilm auf der Darmschleimhaut (vgl. RKI 2018a).

Übertragungen können insbesondere beim Geschlechtsverkehr, intravenösem Drogenkonsum durch gemeinsam genutztes, kontaminiertes Besteck, sowie durch die Übertragung von der Mutter aufs Kind während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder beim Stillen erfolgen (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019c). Häufigster Übertragungsweg sind jedoch ungeschützte Sexualkontakte (vgl. RKI 2018a).

Beim Geschlechtsverkehr besteht das größte Infektionsrisiko beim Analverkehr (vgl. Aids-Hilfe Schweiz), gefolgt vom Vaginalverkehr. Grund hierfür liegt in der hohen Viruslast von Sperma, Vaginal- bzw. Scheidenflüssigkeit und Menstruationsblut (bei einer unbehandelten HIV-Infektion) sowie die hohe Empfindlichkeit der Schleimhäute im Enddarm, am Gebärmutterhals und in der Vagina. Das HI-Virus kann hier somit leichter eindringen, ebenso wie bei der Innenseite der Vorhaut und der Harnröhre. Bestehen andere Geschlechtskrankheiten, ist das Übertragungsrisiko (bei einer unbehandelten HIV-Infektion) durch die entzündeten Schleimhäute erhöht, da das Virus somit leichter aus dem bzw. in den Körper hineingelangen kann. Bei Oralverkehr ist das Risiko für eine Übertragung des HI-Virus enorm gering, da die Mundschleimhaut sehr stabil ist: „Weltweit sind nur wenige Fälle beschrieben worden, in denen es durch Oralsex zu einer HIV-Infektion kam“ (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019c).

Im alltäglichen Zusammenleben ist eine Infektion ausgeschlossen. „Körperkontakte im alltäglichen sozialen Miteinander, die gemeinsame Benutzung von Geschirr, Besteck u.ä. sowie die gemeinsame Benutzung sanitärer Einrichtungen“ stellt kein Infektions-Risiko dar, ebenso der Kontakt von unverletzter, gesunder Haut mit kontaminierter (Körper-)Flüssigkeit (vgl. RKI 2018a). Denn „HIV wird nicht über Speichel, Trän­en­flüs­sig­keit, Tröpfcheninfektion, durch Insektenstiche oder über Nahrungsmittel oder Trinkwasser übertragen“ (ebd.). Auch bei Erste-Hilfe-Leistungen, bei medizinischen und kosmetischen Behandlungen, sowie beim Tätowieren und Piercen besteht kein Übertragungsrisiko, sofern unter hygienischen Bedingungen gearbeitet wird und Hygiene-Vorschriften eingehalten werden (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019c).

Eine Übertragung von der Mutter auf das Kind ist während der Schwangerschaft, Geburt und dem Stillen möglich, wenn die Mutter infiziert ist und das HI-Virus nicht medikamentös behandelt wird (vgl. ebd.).

5. Prävention

5.1 Allgemeines

Da es (bisher) keine heilsame Methode zur Behandlung sowie einen vor der HIV-Infektion schützenden Impfstoff gibt, ist die sinnvollste Maßnahme die Verhinderung von Neuinfektionen. Hierzu ist Aufklärung von Nöten, sowohl für Nicht- als auch Infizierte. Nicht-Infizierte müssen hierzu über die Infektionswege und -risiken aufgeklärt sein, um sich entsprechend schützen zu können, während HIV-Infizierte wissen müssen, welches Verhalten nötig ist, um die Weitergabe der Infektion zu verhindern und dies entsprechend umsetzen (vgl. RKI 2018c).

Da es innerhalb der Bevölkerung ungleich verteilte Infektionsrisiken gibt, ist es erforderlich, „neben Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen, die an die gesamte Bevölkerung adressiert sind, besonders gefährdete Gruppen durch entsprechende zielgruppenspezifische Maßnahmen zu erreichen“ (ebd.). Für eine erfolgreiche Prävention ist es hierzu unerlässlich, verschiedene Lebensstile und sexuelle Präferenzen zu akzeptieren und entsprechend sensibel zu arbeiten (vgl. ebd.).

Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt zur Umsetzung der Präventionsmaßnahmen eine „Kombination massen­me­di­a­ler Kampagnen und personalkommunikativer Strategien vor Ort“ (ebd.) sowie verhaltens- und verhältnispräventive Vorgehensweisen und die „Ko­o­pe­ra­tion staatlicher und nichtstaatlicher Organisationen“ (ebd.). Eine Orientierung an der Lebenswirklichkeit sowie die Berücksichtigung der „sozialen, kulturellen und religiösen Hintergründe der Zielgruppen“ ist hierzu unbedingt erforderlich (vgl. ebd.).

5.2 Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung einer sexuellen Übertragung

Um eine Übertragung des HI-Virus beim Geschlechtsverkehr zu verhindern, sollten entsprechende Maßnahmen („Safer Sex“) durchgeführt werden. Bei penetrierendem Geschlechtsverkehr sollten hierzu grundsätzlich immer Kondome verwendet werden, insbesondere bei neuen oder wechselnden Sexualpartnern. Bevor in dauerhaften Partnerschaften auf Kondome verzichtet wird, sollten beide Partner bei einem möglichen Risiko einen HIV-Test durchführen (vgl. ebd.).

Beim Sexualverkehr einer HIV-positiven mit einer HIV-negativen Person besteht bei einer erfolgreichen medikamentösen Behandlung nahezu kein Infektionsrisiko (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019f). Ist einer der Sexualpartner HIV-positiv, sollte zur Prävention trotzdem regelmäßig eine Überprüfung der Wirksamkeit der Therapie durch die Kontrolle der Viruslast erfolgen. Zudem sollten in einem solchen Fall, auch bei einer nicht nachweisbaren Viruslast im Blut, beide Partner über Restrisiken aufgeklärt werden und dem Nicht-Infizierten Partner die Entscheidung für einen Kondomverzicht überlassen werden (vgl. RKI 2018c).

Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung von Femidomen (das sogenannte Kondom für die Frau). Die Frau kann sich dieses selbstbestimmt vor dem Geschlechtsverkehr in Vagina (oder After) einführen. Auch Männer können diese für den Analverkehr verwenden (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019d).

Eine andere, eher unbekannte Präventionsmaßnahme, um sich vor einer HIV-Infektion beim Geschlechtsverkehr zu schützen, bietet die HIV-PrEP – die sogenannte Prä-Expositions-Prophylaxe. Empfohlen wird diese für Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko wie bspw. Männer, die Sex mit Männern haben (MSM), PartnerInnen von Menschen mit HIV, SexarbeiterInnen oder Drogen injizierende Personen. Dies jedoch nur unter speziellen, risikobehafteten Voraussetzungen. Die PrEP dient zur Vorsorge vor einem Risiko-Kontakt und schützt bei korrekter Anwendung so verlässlich wie Kondome oder dem durch antiretrovirale Therapie gegebenen Schutz vor HIV. HIV-negative Menschen nehmen hierzu täglich oder vor und nach sexuellen Kontakten ein spezielles HIV-Medikament ein. Dieses verhindert ein Vermehren der Viren in den Zellen bei der HIV-negativen Person und somit eine Infektion mit dem Virus. Bei der PrEP gilt es jedoch zu beachten, dass diese nicht vor anderen Geschlechtskrankheiten schützt, Nebenwirkungen mit sich bringen kann und somit eine regelmäßige und gute ärztliche Begleitung und Untersuchung erforderlich ist (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019g).

Kommt es zu Unfällen beim Geschlechtsverkehr und gerät die Schleimhaut mit möglicherweise HIV-haltigen Körperflüssigkeiten in Kontakt, gibt es die Möglichkeit einer medikamentösen HIV-Postexpositionsprophylaxe (PEP). Hierbei werden ebenso antiretrovirale HIV-Medikamente nach einem Risikokontakt für normalerweise vier Wochen verabreicht, um eine Infektion mit dem Virus zu vermeiden (vgl. RKI 2018d).

6. Behandlung

Eine HIV-Infektion bzw. AIDS kann mit einer Reihe von Medikamenten behandelt, jedoch nicht geheilt werden, da eine vollständige Eliminierung des Virus aus dem Körper nicht möglich ist (vgl. Lübbert 2013: 326; Groß 2013: 394). Die sogenannte antiretrovirale Therapie zielt darauf ab, die Entstehung eines erheblichen Immundefekts (AIDS) zu verhindern oder hinauszuzögern (vgl. Lübbert 2013: 326., RKI 2018e). Dies erfolgt durch die Senkung der Viruslast unter die Nachweisgrenze und die Erhöhung der sogenannten „Helferzellen“, sodass das Immunsystem gestärkt wird und Folge-Infektionen und AIDS-Symptome verhindert oder reduziert werden können (vgl. Lübbert 2013: 326.; Groß 2013: 394). Die Behandlung erfolgt i.d.R. aus einer Kombination von mindestens drei antiretroviralen Wirkstoffen (vgl. Lübbert 2013: 326), welche verschiedene Funktionen wie bspw. das Verhindern des Eindringens des Virus in die Zellen oder das Verhindern einer neuen Freisetzung von Viren durch eine bereits infizierte Zelle haben (vgl. Deutsche Aidshilfe 2019h). Mit der Therapie sollte vor dem Ausbruch schwerer Folgeinfektionen begonnen werden (vgl. RKI 2018e). Da die Medikamente aber diszipliniert eingenommen werden müssen, da sich sonst Resistenzen bilden können, ist eine hohe Bereitschaft des Patienten zur aktiven Mitwirkung erforderlich. Zudem können die Medikamente eine Reihe von Nebenwirkungen hervorrufen, weshalb eine individuelle Zusammenstellung der Medikamente sowie eine Abwägung bezüglich des Beginns mit der antiretroviralen Therapie erforderlich ist. Auch ist die Durchführung der Therapie durch spezielle Fachärzte, welche das ständig aktualisierte Fachwissen mit sich bringen, von Nöten (vgl. ebd.)

7. HIV bei Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten

Personengruppe, die seit dem Beginn des Ausbruchs von HIV bzw. AIDS immer wieder in Verbindung mit dem HI-Virus gebracht wird, sind Männer, die Sexualkontakte mit anderen Männern haben (MSM). Dies liegt daran, dass besonders Männer, die sexuelle Kontakte mit anderen Männern haben oder hatten, von dem Virus betroffen waren: „Im Jahr 1981 wurden in Los Angeles (Kalifornien) die ersten fünf Fälle einer Pneumocystis-Pneumonie bei zuvor gesunden homosexuellen Männern beschrieben. Da diese Erkrankungen bis dahin nur bei immungeschwächten Personen bekannt waren, nahm man eine erworbene Immunschwäche (AIDS) an. Im Jahr 1983 wurde das humane Immundefizienz-Virus (HIV) erstmalig beschrieben und als Ursache für AIDS erkannt“ (Groß 2013: 391). So wurde HIV anfangs häufig als „Schwulenkrankheit“ bezeichnet: Der Spiegel berichtete 1983 bspw. von der „Homosexuellen-Seuche ‚Aids‘“ (vgl. DER SPIEGEL 1983).

Auch in der heutigen Zeit macht sich eine Zusammenführung von HIV und Männern mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten bemerkbar: So werden betroffene Männer häufig vom Blutspenden ausgeschlossen: Beim DRK z.B. dürfen Männer ein Jahr lang keinen gleichgeschlechtlichen Sex gehabt haben, um für eine Blutspende zugelassen zu sein. Lange durften bisexuelle und homosexuelle Männer gar kein Blut spenden (vgl. Kölner Queer Communications GmbH 2019).

Grund hierfür ist, dass Männer, die Sex mit Männern haben, ein erhöhtes Risiko für eine HIV-Infektion besitzen. UNAIDS berichtet, dass dieses Risiko 22 Mal höher ist als bei Menschen mit heterosexuellem Verhalten und keiner Zugehörigkeit zu einer anderen Risikogruppe (vgl. UNAIDS 2019: 3). Wie bereits im Kapitel „Infektionswege“ beschrieben, bringt Analverkehr das höchste Risiko für eine HIV-Übertragung beim Geschlechtsverkehr mit sich. Dies erklärt, warum die Krankheit insbesondere unter MSM auftrat und diese bis heute eine besonders gefährdete und betroffene Personengruppe darstellen: „(C)a. 65% der aktuell diagnostizierten Infektionen“ in Deutschland betreffen „Männer mit gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten“ (vgl. RKI 2018f).

In der folgenden Abbildung wird der Entwicklungsverlauf der geschätzten Anzahl der HIV-Neu-Infektionen bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM), sowie bei intravenös drogenkonsumierenden Personen (IVD) und heterosexuellen Menschen (Hetero) vom Jahre 1975 bis 2017 dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Geschätzte Gesamtzahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland seit Beginn der HIV-Epidemie: 1975-2017 nach Infektionsjahr und Transmissionsrisiko (MSM = Männer, die Sex mit Männer haben, IVD = intravenöse Drogenkonsumenten und Heterosexuelle Menschen)

Quelle: RKI 2018g, S.511

Es lässt sich deutlich erkennen, dass Männer, die Sex mit Männern haben, die größte Risikogruppe in Deutschland sind. In den Jahren 1980 bis 1986 gab es einen enormen Anstieg der HIV-Neuinfektionen bei MSM. Die Ursache hierfür lässt sich damit erklären, dass die Krankheit innerhalb dieses Zeitraumes erst richtig bekannt wurde und ausbrach und somit entsprechend noch nicht viel über den Übertragungsweg und Verhütungsmöglichkeiten bekannt und erforscht war. In den darauffolgenden Jahren bis etwa 1994 gab es einen enormen Abfall der Inzidenz bei MSM, welcher bis etwa 1999 weiter sank bzw. stagnierte. Dieser Abfall lässt sich vermutlich daher gehend erklären, dass die betroffene Personengruppe nach dem starken Ausbruch der HIV-Epidemie und der Erkennung des Hochrisikos präventiv tätiger wurde.

Nach einem Abfall der Inzidenz stieg diese von 1999 bis 2006 wieder deutlich an. Grund hierfür könnte der Fortschritt der wissenschaftlichen Entwicklung von Medikamenten zur Behandlung von HIV sein (seit etwa 1996 sind Erfolge in der HIV-Therapie durch antiretrovirale Medikamente zu sehen (vgl. Bochow 2010)), welcher Betroffene eventuell weniger vorsichtig im Umgang mit der HIV-Prävention werden ließ. Seit diesem erneuten Anstieg der Inzidenz unter MSM sank dieser bis 2017 erneut. Hier lässt sich darüber spekulieren, ob dies daran liegt, dass die Bedeutsamkeit der Auswirkungen der HIV-Infektion und ihrer Behandlung wieder mehr publiziert wurde und die Bevölkerung sowie die Risikogruppen mehr erreichte, was für erfolgreiche präventive Aufklärungsarbeit sprechen würde.

Das RKI berichtet im Epidemiologischen Bulletin vom 22. November 2018, dass die geschätzte Zahl der Inzidenz unter Männern mit gleichgeschlechtlichem Sexualverkehr in den letzten Jahren „deutlich von 2.600 im Jahr 2007 auf 1.700 im Jahr 2017 zurückgegangen“ ist (RKI 2018g: 517). Als Grund für diesen Rückgang der Neuinfektionen nennt das Institut „die effektive und frühere Behandlung von HIV-Infizierten und die gestiegene Testbereitschaft und frühere Diagnose von Infektionen“ (ebd.).

8. Ausblick

Trotz der fortgeschrittenen Medizin und viel Präventionsarbeit ist HIV weltweit und auch in Industriestaaten wie Deutschland ein noch immer verbreitetes Problem. Zum einen, da es (noch) keine Methode gibt, um das Virus aus dem Körper zu eliminieren und die Erkrankung vollständig zu heilen, zum anderen aufgrund von Lücken in der Prävention. In Afrika liegt die hohe Rate der HIV-Erkrankten vorwiegend an mangelnder Aufklärung und Prävention sowie am Gesundheitssystem, das anders als in Deutschland keine medizinische Versorgung für alle Menschen bietet. Entsprechend gibt es hier regional unterschiedliche Risikogruppen, die besonders von der HIV-Infektion betroffen sind. In Deutschland sind dies insbesondere Männer, die Sex mit Männern haben. In den letzten Jahren gab es hier einen deutlichen Rückgang an Neuinfektionen.

Damit dieser weiter sinken kann, müssen erfolgreiche Präventionsstrategien und Leistungen des Gesundheitssystems erhalten bzw. weiter verbessert werden.

Das Robert-Koch-Institut sieht hierzu in folgenden Punkten Potenzial bzw. Gefährdung:

Die gestiegene Bereitschaft zur Durchführung von HIV-Tests „führt zu einer besseren Kenntnis des eigenen HIV-Status und vermehrter Kommunikation mit Sexualpartnern über HIV“ (vgl. RKI 2018g: 517). Das RKI sieht dies aber auch als Risiko: „Dies hat auch zur Folge, dass vermehrt auf den Gebrauch von Kon­domen verzichtet wird, wenn der Partner als nicht infiziert oder als effektiv behandelt eingeschätzt wird“ (ebd.).

Auch in der Empfehlung der Deutsch-Österreichischen HIV-Behandlungsleitlinien, nach der bei jeder HIV-Diagnose (unabhän­gig von Immunparametern wie der Anzahl der sogenannten „Helferzellen“) eine antiretrovirale Therapie angeboten werden soll, sieht das RKI neben den positiven Folgen wie der Verhinderung des Fortschritts der Krankheit und des Auftretens klinischer Komplikationen ein Risiko: Durch die Durchsetzung der Erkenntnis, dass eine erfolgreiche Therapie bedeutet, dass eine „Weitergabe der HIV-Infektion nicht möglich ist“, werden ebenso weniger Kondome verwendet (ebd.).

„Rückläufiger Kondomgebrauch birgt natürlich das Risi­ko, dass gerade bei Menschen die häufig und mit vielen Partnern Sex ohne Kondom praktizieren Neuinfektionen erfolgen und weitergegeben werden, bevor die Infektion entdeckt wird. Für diese Personengruppe ist die zusätzli­che Möglichkeit eines Schutzes durch eine medikamentöse HIV-Präexpositionsprophylaxe (PrEP) besonders wichtig. Seit Herbst 2017 ist in Deutschland eine medikamentöse HIV-Präexpositionsprophylaxe für viele erschwinglich ge­worden. Die Zahl der PrEP-Benutzer ist seitdem kontinu­ierlich angestiegen und wird derzeit auf mehrere tausend Personen geschätzt. […] Nach einem Gesetzentwurf des Bundesministeriums für Gesundheit soll für eine noch zu definierende Gruppe von Personen mit substanziellem Infektionsrisiko ein Anspruch auf HIV-PrEP als Kassenleistung festgeschrieben werden. Es wird erwartet, dass dadurch der Rückgang der Neuinfektionen weiter beschleunigt werden kann“ (ebd.).

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Details

Seiten
14
Jahr
2019
ISBN (eBook)
9783346313225
ISBN (Buch)
9783346313232
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v962817
Institution / Hochschule
Hochschule RheinMain
Note
1,0
Schlagworte
Gesundheit Epidemiologie HIV AIDS Soziale Arbeit Homosexualität

Autor

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Titel: HIV/AIDS. Eine globale Herausforderung. Epidemiologie, Prävention und Therapiestrategien