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Magersucht und Bulimie als zeittypische Störungen von Frauen

Seminararbeit 1997 7 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Gliederung

1. Einführung

2. Eßstörungen
2.1. Magersucht
2.2. Eßsucht
2.3. Fettsucht

3. Wozu das alles?

4. Ursachen und Hintergründe
4.1 Gesellschaftliche Einflüsse
4.2 Familiäre Einflüsse

5. Zwischenmenschliches

6. Therapien

7. Eßstörungen und die Emanzipation

1. Einführung

Verschiedenen Berichten, Büchern und Reportagen lassen sich immer wieder ähnliche Zahlen ent- nehmen und sie sind erschreckend. Circa 5-10 % aller Frauen in der Bundesrepublik leiden an einer Eßstörung, bei den Studentinnen rechnet man sogar von bis zu 20 % . Roberta Pollack Seid geht in ihrem Buch Never too thin sogar davon aus, daß 5-10 % aller Amerikanerinnen an Anorexie erkrankt sind, und sechsmal so viele Frauen an den Universitäten an Bulimie. Geht man von diesen Zahlen aus, sind nur zwei von zehn Studentinnen nicht eßgestört. Und trotzdem läßt es die Gesellschaft weitgehend kalt. Warum ? „Die American Anorexia and Bulimia Association verzeichnet pro Jahr 150 000 Todesfälle.“1 Eßstörungen sind die psychischen Erkrankungen mit der höchsten Sterblichkeit, Forscher sprechen von einer Sterblichkeitsrate von bis zu 19 %. Warum nicht versucht wird diesen Zahlen massiv entgegenzuwirken, wie es zu einem solch beängstigenden Ausmaß kommen kann und was sowohl im Einzelnen als auch im gesellschaftlichen dagegen getan werden kann, sind die Schwerpunkte dieser Arbeit. Ich werde mich jedoch hauptsächlich auf eine besondere Form der Eßstörung konzentrieren, nämlich die Bulimie.

2. Eßstörungen

Die verschiedenen Störungen bzw. Erkrankungen werden je nach Eßverhalten und Figur in drei hauptsächliche Gruppen aufgeteilt.

2.1. Magersucht (Anorexie, Anorexia Nervosa)

Magersüchtige verweigern oder reduzieren die Nahrungsaufnahme mit unerbittlicher Härte gegen sich selbst, mit dem Ziel immer dünner zu werden. Sie empfinden es als Größe so zu hungern, daß sie fast verhungern und als Schwäche den Bedürfnissen ihres Körpers nachzugeben. Die Magersüchtige hat sich unter Kontrolle und fühlt sich dadurch überlegen. Die Krankheit verläuft in der Regel in drei Phasen. Sie beginnt mit einer Abmagerungskur. In der zweiten Phase wirkt das Hungern bereits ent- lastend und wird zum persönlichen Merkmal. In der dritten Phase ist die Kranke besessen vom Hun- gern. Das Hungern wird in dieser Phase zum Lebenssinn und gibt das zum Überleben nötige Selbst- vertrauen. Im medizinischen Sinne spricht man von Magersucht bei Abmagerung und Untergewicht, Gewichtsphobie, gestörtem Selbstwertgefühl, Körperschemastörungen... Körperliche Folgen der Ma- gersucht sind: Amenorrhoe, erniedrigte Körpertemperatur, Lanugobehaarung etc. Häufige Begleiter- scheinungen sind Depressionen und Polytoxikomanie.

2.2. Eßsucht (Bulimie)

Von Bulimie spricht man bei psychisch bedingtem krankhaftem Heißhunger mit anschließendem Erbrechen. Durch dieses Erbrechen kann in der Regel das Gewicht gehalten werden, unabhängig davon wieviel Kalorien bei so einem Heißhungeranfall zu sich genommen werden. Diese Form der Eßstörung läßt sich in mehrere Phasen einteilen. In der Pubertät waren die Betroffenen meist mollig. Sie mußten lernen, daß das eigene Aussehen und das Schönheitsideal einander nicht entsprachen. In der Regel wird hier die erste Hungerkur begonnen und die Betroffenen ernten bei Erfolg Anerken- nung und Bewunderung für ihre Selbstbeherrschung. Dies gilt ebenso für die Anorektikerinnen. Durch den Verzicht auf Essen als Ausdruck der Verweigerung und auf der Suche nach Zuwendung kann sich die meist junge Frau Bewunderung, Liebe und Fürsorge erkaufen. Für Bulimarektikerinnen ty- pisch ist ein anfänglicher Abführmittelmißbrauch. Dieser hält jedoch meist nur solange an, bis sie das Erbrechen als Wundermittel für sich findet. Selbstvorwürfe und Ekel treiben sie nach einiger Zeit in die Isolation, die Anzahl der Freßorgien wird mehr, bis zu 15 mal am Tag. Das Selbstwertgefühl sinkt immer weiter und die einzig mögliche Art Selbstbewußtsein zu beziehen, wird in der Anerkennung ihres Äußeren gesehen. Die Betroffene ekelt sich vor sich selbst und hält ihre inneren Werte schon lange nicht mehr für liebenswert. In der letzten wichtigen Phase der Erkrankung wird sich die Kranke der Sucht bewußt und stürzt dadurch in tiefe Depressionen.

Körperliche Folgen der Bulimie: Zahnschmelz wird durch vermehrte Magensäure massiv angegriffen und zerstört, Haare werden brüchig, Augenentzündungen, Halsschmerzen, Entzündungen der Speiseröhre, Elektrolytenhaushalt ist völlig aus dem Gleichgewicht, was dazu führt, daß die Kranke friert, niedrigen Blutdruck und Kopfschmerzen hat. Die Gefahr der Niereninsuffizienz besteht. Schädigung der Leber und der Bauchspeicheldrüse.

Man unterscheidet zwischen zwei Freßattacken: der geplanten und der ungeplanten. Die ungewollte Freßattacke tritt während des Essens ein und geht mit Kontrollverlust einher. Sie wird meist ausge- löst durch das Gefühl der Betroffenen „sowieso schon zuviel gegessen zu haben“, die selbst gesetzte Grenze des Erlaubten überschritten zu haben. Bei der geplanten Freßorgie geht die Betroffene be- wußt und gezielt für diesen Anfall einkaufen. Die direkten Folgen eines solchen Anfalls bestehen aus körperlicher Erschöpfung, Elends- und Schlappheitsgefühlen, brennendem Hals, tränende Augen. Das Gefühl wieder versagt zu haben, „das heulende Elend“ und die Depression gehören ebenfalls zu den direkten Folgen.

2.3. Fettsucht

Psychisch bedingter Heißhunger ohne oder mit seltenem Erbrechen. „Die Fettsüchtige ruft in einer Kultur mit schlankem Schönheitsideal Abscheu und Ablehnung hervor.“2

3. Wozu das alles?

Obwohl die Motive der Erkrankten sich ähneln, gibt es doch Unterschiede. „Die Magersüchtige erhebt sich geistig über die „schwachen Mitmenschen“, die Bulimarektikerin gibt sich anders als sie ist und zeigt nur eine unechte Fassade, und die Fettsüchtige baut einen undurchdringlichen körperlichen Schutzwall um sich auf.“3 Alle erreichen dasselbe: Distanz. Die Magersüchtige sieht sich in der Hie- rarchie dieser Erkrankungen ganz oben. Sie hat ihren Körper und seine Bedürfnisse unter Kontrolle. Wichtigstes Ziel ist die Erhaltung dieser physischen Kontrolle, da sie auf der psychischen Ebene fremdbestimmt und unselbständig ist. Die Bulimarektikerin ist gespalten in zwei Ichs: die eine ist perfektionistisch, überkritisch, zielstrebig, ehrgeizig, etwas unnahbar und hat asketische Züge. Mit dieser Seite ihrer Selbst kommt die Betroffene gut zurecht. Sie hat jedoch auch eine Seite, die ge- nußsüchtig, impulsiv und rebellisch ist. Diese Seite wird von der Bulimarektikerin als widerlich, per- vers, schwach und fehlbar wahrgenommen. Sie verachtet sich für diese Züge. In der Hierarchie der Eßstörungen steht sie ihrem Empfinden nach jedoch immer noch an zweiter Stelle. Sie hat zwar ihr Essen nicht so gut im Griff wie die Magersüchtige, immerhin hat sie jedoch eine Lösung gefunden, durch ihre Anfälle nicht so zuzunehmen wie die Fettsüchtige. Diese steht in der Hierarchie ganz un- ten. Durch ihren angefressenen Schutzwall grenzt sie sich körperlich ab, da ihr die Mittel fehlen, sich psychisch abzugrenzen. Sie schafft Platz zwischen sich und den anderen; man kann ihr nicht zu nahe kommen.

4. Ursachen und Hintergründe

4.1 Gesellschaftliche Einflüsse

Auch hier gilt, was ich umseitig bereits erwähnt habe: alle Eßstörungen haben verwandte Ursachen, wenn auch nicht unbedingte identische. Eßgestörte haben häufig zuwenig Nahrung, Aufmerksamkeit, Liebe und Zuwendung zum benötigten Zeitpunkt erhalten. Wenn sie es dann bekommen, dann ist es nur natürlich, daß ihnen das Vertrauen in die Dauerhaftigkeit fehlt und sie deshalb krampfhaft versu- chen es festzuhalten. „Geringe Frustrationstoleranz, Gier, Unersättlichkeit, Anklammern an Freun- des- und Partnerbeziehungen sind typisch für Menschen mit Eßstörungen.“4 Betroffen sind meist „Mädchen oder Frauen, die nicht genügend vorbereitet sind auf selbständige Lebensführung in einer Gesellschaft, die individuelle Wahl und Gestaltung verlangt, und zwar, auch von Mädchen und Frauen, was historisch weitgehend neu ist. „5 Im Bezug auf die Medien gilt es nun das uns immer wieder dargestellte Frauenbild, nämlich schlank, hübsch, lieb und fleißig, kritisch zu betrachten. Frauen heute sind eher übergewichtig statt untergewichtig wie die Models. Die schlanke Frau aus der Wer- bung hat mit normalen Frauen des Alltagslebens einfach sehr wenig gemeinsam. Trotzdem ist sie, die Schlanke, diejenige, die das Denken bestimmt, an der wir uns messen. Sie sieht immer klasse aus, ist gebildet, immer fröhlich, arbeitet und verdient Geld und ganz neben bei macht sie noch den Haushalt und erzieht die Kinder. Nur selten, fast gar nicht können wir Frauen diesem Bild gerecht werden. Und so bleibt immer so etwas wie ein schlechtes Gewissen zurück, wenn wir diese Aufga- ben so nicht erfüllen können.

4.2 Familiäre Einflüsse (bei Magersüchtigen und Bulimarektikerinnen)

Lange Zeit stammten sowohl Magersüchtige und auch Bulimarektikerinnen meist aus der Mittel- schicht und aus konservativen Familien, „Familien, in denen Arbeit, Ordnung, Disziplin, Leistung und Äußerliches, auch ganz speziell Gewicht, extrem wichtig sind; Familien, in denen die Familienhar- monie mehr oder weniger über allem steht, so daß die Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen der einzel- nen Familienmitglieder nicht so ernst genommen werden wie die Harmonie des ganzen Systems oder auch die Rolle, die sie jeweils in der Familie einnehmen“.6 Heute ist es so, daß Eßgestörte allge- mein in allen Schichten zu finden sind, gerade in den unteren Schichten wurde ein vermehrtes Auftre- ten von Bulimie festgestellt. Die Vorbilder der Betroffenen, die Eltern, ähneln sich meist sehr. „Über- fürsorglich, dominierend, einengend, perfektionistisch, und mit einem gestörten Verhältnis zum eige- nen Körper - so werden Mütter von bulimischen Töchtern in der Literatur hauptsächlich charakteri- siert“.7 Diese Charakterisierung ist für die Betroffenen wenig hilfreich, im Gegenteil; sie verführt dazu die Eigenverantwortlichkeit abzugeben und nicht nach Alternativen zu suchen. Müter werden oft so geschildert, daß sie ihren Lebensinn in den Kindern suchten In neueren Studien wird auch immer häufiger die Rolle des Vaters mit aufgegriffen. Meist haben wir es mit einem Vater zu tun, der vor der Pubertät eine sehr enge Bindung zur Tochter hatte, und sich dann von ihr abwendet, wobei sie sich dann mit der Mutter verbindet. Wie bei allen Kindern, ist der Einfluß der Eltern auf diese enorm, bei Eßgestörten ist tatsächlich von einer gewissen Mitschuld der Eltern auszugehen. Die Betroffenen lernen schon in der Kindheit, daß sie angepaßt zu sein haben. Sie wissen was sie dürfen, was von ihnen erwartet wird und was sich schickt. „Diese Bravheit, diese antizipatorische Anpassung an die Erwartungen ist zwar sehr praktisch für alle Beteiligten rundherum, aber die Selbstentwicklung, die Individuation und Ablösung der jungen Frauen wird dadurch nicht gefördert, nicht herausgefordert, sondern eher behindert.“8 Die betroffenen Mädchen und Frauen betreiben mit ihrer Hungerei einen Kampf um Unabhängigkeit. Aus den mir vorliegenden Büchern, habe ich entnommen, daß in ca. 10- 20 % aller Fälle von Bulimie die Betroffenen sexuellen Mißbrauch erfahren haben.

5. Zwischenmenschliches

Typisch für die Anfänge einer Bulimie-Erkrankung ist, daß sie eigentlich erst auftrifft, wenn die Betrof- fenen nach außen hin eigentlich schon unabhängig sind, d.h. sie wohnen alleine und haben meist auch eine Partnerbeziehung. Dann nämlich werden sie konfrontiert mit den widersprüchlichen Erwar- tungen die andere aber auch sie selbst an ihr Frau-sein haben. Die meisten Bulimarektikerinnen füh- ren nach Außen hin ein vollkommenes Leben. Sie erfüllen die an sie gestellten beruflichen Erwartun- gen meist bravourös, nur im zwischenmenschlichen Bereich sieht es oft ganz anderes aus. Da sie zum Einen so voller Komplexe und Selbstzweifel sind und sich selbst nicht für liebenswert halten, ist es für sie kaum möglich eine ehrliche Beziehung über längeren Zeitraum aufrechtzuerhalten. Zum anderen aber scheitern diese zwischenmenschlichen Kontakte einfach wieder an dem Essen. Ihr Leben ist danach ausgerichtet, der Tagesplan richtet sich danach und es gibt eigentlich nichts wich- tigeres als Essen. Bulimarektikerinnen sind daher im privaten oft unzuverlässig, das Essen bzw. ein Freßanfall kann jederzeit dazwischen kommen. Die Kranke ekelt sich vor sich selbst und zu ihrer Erkrankung zu stehen bzw. sich damit jemanden anzuvertrauen ist daher für sie unvorstellbar. Intime Beziehungen sind daher kaum denkbar, da es den Betroffenen sehr, sehr schwer fällt Nähe, vor allem auch körperliche Nähe zuzulassen.

6. Therapien

Die Therapieformen für Magersucht und Bulimie sind sich sehr ähnlich. Als psychosomatische Er- krankungen werden fast alle zuerst stationär behandelt, auch ambulante Therapien sind möglich, positive Resultate sind so jedoch schwieriger zu erzielen. Bei beiden Erkrankungen wird eine ganz- heitliche Therapie angestrebt, die sowohl den körperlichen, wie auch den seelischen Auswirkungen Rechnung trägt. Die verschiedensten Therapieansätze werden hierzu verwandt wie: Familien- oder Partnertherapie, Verhaltenstherapie, Körperpsychotherapie, Musiktherapie, verschiedene Gruppen- therapien und neuerdings auch feministische Therapieansätze. Die Heilungschanchen sind natürlich größer je früher mit der Behandlung angefangen wird. Bei Magersüchtigen gelten von denen, die eine Therapie gemacht haben 40 % als geheilt, 30 % erholen sich beträchtlich, bei ca. 20 % der Betroffenen spricht man von einer Chronifizierung, ca. 10 % sterben an den Folgen der Sucht. Bei Bulimie sieht es nicht viel anders aus. In den aller seltensten Fällen ist ein Ausstieg ohne Therapie möglich. Selbst wenn es Betroffene geschafft haben, auf welchem Weg auch immer, auszusteigen, sind sie wie die Alkoholikerin nur „trocken“ und nicht geheilt.

7. „Eßstörungen und die Emanzipation“ oder

„Was haben die Männer davon ?“

Wenn man sich die Zahlen der Eßgestörten noch einmal vor Augen führt, man also davon ausgehen muß, daß 5-10 % aller Frauen in unserer Gesellschaft betroffen sind, liegt die Frage nahe, warum so wenig dagegen getan wird. Viele Wissenschaftlerinnen und Autorinnen sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Eßstörungen und der gesellschaftlichen Entwicklung der Frau. Diesen möchte ich nun abschließen einmal kurz darstellen.

Die Rolle der Frau ist heute nicht mehr klar definiert, nicht für Erwachsene und noch weniger für junge Mädchen. Wir befinden uns in einer Zeit des Aufbruchs, in der es uns gerade an weiblichen Leit- und Vorbildern fehlt. Wir wissen, daß wir uns nicht wie unsere Mütter über die Rollen Hausfrau und Mutter definieren wollen. Wir wissen, daß auch die Ansprüche der Männer sich diesbezüglich geändert ha- ben. Frauen von heute, sollen beruflich und finanziell bis zu einem gewissen Punkt selbständig sein. Nach wie vor, sollen wir aber auch die Hausfrau und perfekte Mutter sein. Auf keinen Fall, sollen wir eine „Emanze“ sein. Emanzipiert - vielleicht, Emanze auf keinen Fall. Und die meisten Frauen kennen den Unterschied dieser sich so ähnlichen Begriffe sehr genau. Emanzen sind in unweibliche Frauen; Frauen, die entweder keine Kinder wollen, weil sie karrieregeil sind oder lesbisch, oder aber, die wenn sie Kinder haben, sie wie Rabenmütter dem Vater überlassen oder gar fremden Kindermädchen. E- manzen sind im Vergleich zu emanzipierten Frauen nicht nur informiert, sondern sie fordern auch das Recht mitzureden, auch in so unweiblichen Bereichen wie Außenpolitik und Wirtschaft. Vermutlich ist längst deutlich was ich meine. Wir befinden uns in einer Situation, in der wir zwar genau wissen, was wir nicht mehr wollen, nämlich „Heimchen am Herd“ sein, und das wird gesellschaftlich durchaus toleriert. Was wir jedoch genau wollen, wissen wir noch nicht so ganz. Gesellschaftlich toleriert wird, wie oben erwähnt Bildung und ein gewisses Maß an Selbständigkeit. Wollen wir jedoch noch mehr, machen wir uns unbeliebt und zu Emanzen. Diese wird uns auch schon früh beigebracht und so ma- chen wir ständig eine Gradwanderung, auch in uns selbst. Gerade bei Bulimarektikerinnen ist dieser Gegensatz deutlich. Nach außen hin perfektionistisch, angepaßt, fast asketisch und wenn sie alleine sind schlingen sie unbeherrscht kiloweise Nahrung in sich herein und kotzen sich ihre Aggressionen aus dem Leib.

Bei 150 000 Todesfällen im Jahr allein in den Vereinigten Staaten ist es mehr als verwunderlich, daß kaum jemand darüber redet oder gar etwas dagegen unternimmt. Aber ist es das tatsächlich? Etwas dagegen zu unternehmen würde unter anderem heißen, jungen Frauen noch mehr Selbstwertgefühl mitzugeben und sie in ihren Bemühungen gleichberechtigter zu werden tatsächlich und aktiv zu un- terstützen. Und die Männer erleben emanzipierte Frauen doch jetzt schon als Bedrohung. Kranke Frauen sind nicht bedrohlich. Körperlich sind sie zu schwach um bedrohlich zu sein, geistig dreht sich bei ihnen sowieso alles nur um das Äußerliche: die Figur. Solange ihr größtes Problem abzu- nehmen ist, bzw. ihr Gewicht zu halten und schön auszusehen, sind sie tatsächlich keine ernstzu- nehmende Konkurrenz für Männer. „Die große Umorientierung in Sachen Gewicht ist eine der bedeu- tendsten historischen Entwicklungen dieses Jahrhunderts, eine direkte Reaktion auf die Gefahr, die die Frauenbewegung, die ökonomische und reproduktive Freiheit heraufbeschwört: Hunger ist das wirkungsvollste politische Sedativ in der Geschichte der Frau. Menschen, die zwar verrückt, aber ruhig sind, bekommt man in den Griff.“9 Niemand kann sagen, was wäre wenn nicht 5 % aller Betrof- fenen Männer wären, sondern gar 50%. Auffällig ist es jedoch schon, daß die Krankheit fast nur Frauen betrifft, und zwar viele Frauen, und das trotzdem nichts dagegen getan wird. Als 1965 das Magermodell Twiggy erstmals in der Vogue erschien wurde sie wie folgt beschrieben: „Sie heißt Twiggy, weil sie wirkt als könne ein kräftiger Windstoß sie zerbrechen und zu Boden werfen... Twiggy ist so dünn, daß andere Models sie anstarren. Ihre Beine sehen aus, als hätte sie als Baby nicht genug Milch bekommen, und ihr Gesicht hat einen Ausdruck, bei dem man unwillkürlich an die Lon- doner Bevölkerung während des Blitz (-krieges) denkt.“

Das neue Schönheitsideal war also, um das nochmals zusammen zu fassen, eine Frau, die so zer- brechlich aussah, daß man sich an den Zustand der Bevölkerung einer belagerten Stadt erinnert fühl- te. Dieses Schönheitsideal, diese Frauen, waren ganz sicher keine Bedrohung für die Männerwelt.

Die Frage, in wie weit die Männer zur Situation der Eßstörungen beitragen ist also tatsächlich von Bedeutung und darf eigentlich in keiner Diskussion über Eßstörungen fehlen.

Literatur:

Bingen, Helga: Magersucht und Bulimie als zeittypische Störungen von Frauen

Erpen, Dr. med. Heinrich: Die Sucht, mager zu sein, Humboldt 1994

Göckel, Renate: Eßsucht, Rowohlt Verlag Hamburg 1990

Hrsg: AOK : Eßstörungen, Streben nach dem Ideal?

Hrsg. Fachverband Freier Einrichtungen in der Suchtarbeit e.V.: Drogen-Report 17. Jahrgang 3/96

Langblz-Weis, Maren: Ratgeber bei Eßstörungen, Lambertus-Verlag 1986

Langsdorff, Maja: Die heimliche Sucht unheimlich zu essen, Fischer Verlag, Frankfurt 1985

Leibhold, Gerhard: Wenn das Eßverhalten gestört ist, Englisch Verlag Wiesbaden 1986

Nuber, Ursula: Spieglein, Spieglein an der Wand, Heyne Verlag, München 1992

Tarr-Krüger: Verhungern im Überfluß, Asanger-Verlag Heidelberg 1989

Wolf, Naomi: Der Mythos Schönheit, Rowohlt Verlag Hamburg 1992

[...]


1 Wolf, Naomi: Der Mythos Schönheit, S. 256

2 Göckel, Renate: Eßsucht oder die Scheu vor dem Leben, S. 10

3 Göckel, Renate: Eßsucht oder die Scheu vor dem Leben, S. 11

4 Göckel, Renate: Eßsucht oder die Scheu vor dem Leben, S. 12

5 Bilden, Helga: Magersucht und Bulimie als zeittypische Störungen von Frauen, S. 200

6 Bilden, Helga: Magersucht und Bulimie als zeittypsiche Störungen von Frauen, S. 203

7 Tarr-Krüger, Irmtraud: Verhungern im Überfluß, S. 15

8 Bingen, Helga: Magersucht und Bulimie als zeittypische Störungen von Frauen, S. 204

9 Wolf, Naomi: Mythos Schönheit, S: 264

Details

Seiten
7
Jahr
1997
Dateigröße
344 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v96404
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1,5
Schlagworte
Magersucht Bulimie Störungen Frauen Universität Würzburg

Autor

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Titel: Magersucht und Bulimie als zeittypische Störungen von Frauen