Lade Inhalt...

Vorstellung von Lerntheorien und ihren Anwendungsbereichen

Hausarbeit 2000 13 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

1. Einleitung

,,Man lernt nie aus.", fast jeder von uns kennt diesen Satz. Er beschreibt Lernen als nicht abschließenden, fortlaufenden Prozeß. Was jedoch ist Lernen darüber hinaus ? Lernen wird je nach Forschungsperspektive und -schwerpunkt unterschiedlich definiert. Zwei dieser Definitionen möchte ich an dieser Stelle wiedergeben: ,,Lernen ist der Sammelname für Vorgänge, Prozesse oder nicht unmittelbar zu beobachtende Veränderungen im Organismus, die durch ,Erfahrungen` entstehen und zu Veränderungen des Verhaltens führen.".1 Dies bezieht sich allerdings ausschließlich auf erfahrungsbedingte Veränderungen, einschließlich solcher des Erlebens. Dieter Ulich definiert Lernen unter der Entwicklungsperspektive etwas ausführlicher als ,,den schrittweisen Aufbau von Kompetenzen, Erlebnis- und Verhaltensbereitschaften, von Ordnungen und Strukturen", als ,,eine Erweiterung des Repertoires an Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten, eine Vertiefung von Regelverständnis usw..". 2 Den so definierten Vorgang des Lernens näher zu erklären, ist Aufgabe der Lerntheorien. In dieser Hausarbeit möchte ich versuchen die Grundannahmen dieser Theorien, Erklärungsmuster für Lernvorgänge und den Zusammenhang zwischen Lernen und Sozialisation verständlich wiederzugeben. Dabei beziehe ich mich auf zwei Quellen: einen Artikel von Dieter Ulich, ,,Zur Relevanz verhaltenstheoretischer Konzepte für die Sozialisationsforschung", zu finden in ,,Neues Handbuch der Sozialisationsforschung" (1998) und auf einen Abschnitt in dem Buch ,,Sozialisationstheorien" (1999) von Klaus-Jürgen Tillmann.

2. Lerntheorien

2.1. Aufgaben, Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Lernen entspricht also laut oben genannten Definitionen Veränderungen. ,,Lerntheorien haben die Aufgabe zu erklären, auf welche Weise die Veränderungen zustandekommen bzw. auf welche Weise Ü bung und Erfahrung dazu beitragen, daßsich dauerhafte Veränderungen von Erlebnis- und Verhaltensbereitschaften ergeben.".3

Es gibt die unterschiedlichsten Lerntheorien, denen jedoch überwiegend drei Kriterien4 zugrunde liegen:

1. Es vollzieht sich eine Veränderung im Verhalten einer Person oder in ihrer Fähigkeit, etwas zu tun.
2. Es wird angenommen, daß diese Veränderung von irgendeiner Art von Übung oder Erfahrung herrührt.
3. Es ist festgelegt, daß die Veränderung eine überdauernde ist.

Lernen bezieht sich dabei auf die Art und Weise, wie Menschen neues Wissen und neue

Fertigkeiten erwerben. Die Veränderung des Verhaltens durch Erfahrung steht vor allem im Mittelpunkt behavioristischer (von engl.: behavior - das Benehmen, das Verhalten) Lerntheorien, während in anderen auch die Veränderung des Erlebens eine Rolle spielt.5 Bereits als Ursachen für Lernprozesse erwähnt wurden Übung und Erfahrung. Es gibt jedoch noch weitere Lernprinzipien.6 Hierzu gehören Assoziation oder assoziative Verknüpfung, Gewöhnung, Verstärkung oder Rückmeldung, Beobachtung und in nicht-behavioristischen Theorien Einsicht und kognitive (lat.: die Erkenntnis betreffend, erkenntnismäßig) Organisation (ein Planungs-, Tätigkeits-, Verhaltensprozess).

Die Assoziation (lat.- franz.: Vereinigung) ist eine Verknüpfung von Vorstellungen, auch von Gefühlen, von seelischen Inhalten, wobei eines das nächste, andere auslöst. Sie ist sozusagen eine Art Gedankenkette. Ein Beispiel: Denkt man an Schnee, tauchen automatisch auch Gedanken an den Winter, an Kälte, vielleicht auch an Rodeln, Schneeballschlachten oder Skilaufen auf, möglicherweise aber auch ein negatives oder positives Gefühl wie Unbehagen oder Freude. Eines folgt dem anderen. Mit Verstärkung ist die Reaktion der Umwelt auf das Verhalten einer Person gemeint. Durch sie wird Fehlverhalten ab- und erwünschtes Verhalten aufgebaut. Dies kann gezielt durch Belohnung (positive Verstärkung) oder Bestrafung bzw. Entzug der Belohnung (negative Verstärkung) von Verhaltensweisen geschehen. Die Rückmeldung ist das Gegenverhalten, das rückmeldend zu einem Ausgangsverhalten folgt. Lernen ist nicht immer gleich, im Gegenteil es ist ein sehr komplexer Vorgang. Es sind verschiedenartige Lernaufgaben zu bewältigen, z.B. das Erlernen des Fahrradfahrens, eines Gedichtes; lernen, nicht auf die Straße zu rennen, eine heiße Herdplatte zu meiden, eine Rechenaufgabe zu lösen. Je nach Aufgabe und bereits erreichtem Kompetenzniveau werden auch dementsprechend unterschiedliche Lernformen und Lernprinzipien benötigt. Ulich unterscheidet kontinuierliches (etwa beim Aufbau von Gewohnheiten) und diskontinuierliches (z.B. plötzliche Einsicht), willkürliches (etwa das Erlernen eines Gedichtes) und unwillkürliches (z.B. das Verbrennen an der heißen Herdplatte) Lernen.7 ,,Lernen kann sich in der Reproduktion vorausgegangener Erfahrungen und Einprägungenäußern, aber auch in der aktiven Anwendung komplexer Strategien der Informationsverarbeitung oder in der Nutzung von Denkstrategien zur Lösung neuer Probleme. Die unterschiedlichen Lernformen ergänzen sich." 8

2.2. Behavioristische Ansätze und Grundannahmen

Wie bereits erwähnt, stehen im Mittelpunkt behavioristischer Lerntheorien vor allem die Veränderungen des Verhaltens durch Erfahrung. Der Schwerpunkt liegt dabei ,,auf ganz bestimmten Lernformen: dem unwillkürlichen Lernen eher als dem willkürlichen Lernen, dem Lernen von Verhalten eher als dem Lernen von Wissen, der allmählichen Ausbildung von Gewohnheiten eher als der plötzlichen Einsicht oder der aktiven Informationsverarbeitung oder Konstruktion, der interaktiven Rückkopplung mit der Umwelt (Verstärkung) eher als der selbstgesteuerten, selbstinitiierten Verhaltensänderung.". 9

Behavioristische Theorien treffen keine Aussagen über Nicht-Beobachtbares, über innerpsychische Vorgänge z. B. Erleben, Denken oder Gefühle. Sie orientieren sich eng an kontrollierter empirischer Forschung. Die menschliche Psyche wird als ,,black box" angesehen, deren Inhalt (in diesem Fall alles Innerpsychische) nicht bekannt ist.10 Ältere behavioristische Theorien, wie die von Watson (1925) oder Guthrie (1935), beschreiben Lernen als Erzeugen von Reiz-Reaktions-Verbindungen. "Umweltereignisse (Reize) lösen unter bestimmten Bedingungen beim Organismus ein Antwortverhalten (Reaktion) aus." 11 (Siehe oben: Verstärkung). Der Erwerb ursprünglich nicht vorhandener Reiz-Reaktions-Verbindungen durch Lernen führt zu Verhaltensänderungen. Ausgehend von diesem Grundkonzept der Lerntheorie erfolgten Weiterentwicklungen.

2.3. Lernmechanismen

Nach Tillmann sind das instrumentelle Lernen und das Lernen am Modell zwei zentrale Lernmechanismen behavioristischer Theorien.

2.3.1. Das instrumentelle Lernen

Die theoretische Entwicklung des Prinzips des instrumentellen Lernens beschreibt der Autor folgendermaßen: Auf Grundlage des Konzeptes des klassischen Konditionierens (Watson/Pawlow), erfolgte eine Erweiterung durch Skinner (1938) zum Konzept des operanten Konditionierens, welches auf das menschliche Lernen anwendbar ist. Beim klassischen Konditionieren wird davon ausgegangen, daß auf einen Reiz eine bestimmte

Reaktion folgt. Als Lernprozess gilt dabei Folgendes: Der ursprüngliche Reiz wird durch einen anderen ersetzt, welcher jedoch die gleiche Reaktion hervorruft. Diese Auffassung des Lernprozesses erklärt das menschliche Lernen aber nur begrenzt. Der Unterschied zwischen dem klassischen und dem operanten Konditionieren besteht darin, daß bei letzterem von folgendem ausgegangen wird: Der Mensch muß nicht durch einen Reiz zur Aktivität angeregt werden, sondern ist grundsätzlich aktivitätsbereit. ,,Operantes, auf die Umwelt einwirkendes Verhalten wird nachträglich durch die Reaktion der Umwelt verstärkt oder nicht verstärkt. Entscheidend für das Lernen sind daher die belohnenden bzw. bestrafenden Konsequenzen, die dem Verhalten folgen.". 12 Die Verstärkungen spielen also beim instrumentellen Lernen die entscheidende Rolle.13 Das sind alle Umweltaspekte, die in der Lage sind das Verhalten von Individuen in gewünschter Richtung zu verändern (siehe S. 2).

Nach Skinners Erkenntnissen ist zu Beginn des Lernprozesses eine konstante Verstärkung am wirksamsten. Im weiteren Verlauf ist eine Reduzierung der Verstärkung und der Übergang zu partieller Verstärkung möglich. ,,Zugleichübernehmen bereits gelernte Verhaltensweisen die Funktion der Selbstbekräftigung. Schon die Ausführung einer gelernten Verhaltensweise wird als befriedigend erlebt und bedarf nicht immer einer zusätzlichen Verstärkung von außen.".14 Aus spontanen Verhaltensweisen werden die gewünschten Verhaltenskomponenten ausgelesen und (neu) zusammengefügt. Hierdurch entstehen neue, komplexe Verhaltensweisen und ,,Gewohnheitshierarchien". Dieses Prinzip nennt man das Konzept der selektiven bzw. differentiellen Verstärkung.

Tillmann verweist auf alltägliche Interaktionen, wie die zwischen Kind und Eltern. Betrachtet man diese ebenfalls nach dem Schema Reiz und Reaktion, Verhalten und Verstärkung, so stellt man fest, daß im alltäglichen Leben Verstärkungen meist soziale Verstärkungen sind. Dies sind z. B. Lächeln, Sprechen oder Streicheln. Die Reaktion der Erwachsenen (Verstärkung) auf das Verhalten des Kindes, z. B. das Bejubeln der ersten Schritte, ein ärgerlicher Ausruf bei Ungezogenheit, erfolgt dabei hauptsächlich spontan und ungeplant. Sie beinhaltet jedoch trotzdem implizit Vorstellungen vom richtigen oder falschen Handeln.15 Das Prinzip des instrumentellen Lernens, das Verstärkungskonzept, erklärt auch in einfacher Weise die Entstehung geschlechtsspezifischen Verhaltens: Für Mädchen und Jungen sind selbstverständlich unterschiedliche Verhaltensmuster erwünscht. Danach richtet sich auch die Belohnung und Bestrafung von Verhalten, was zur Ausprägung der entsprechenden erwünschten Verhaltensweisen führt. Wie eindeutig geschlechtstypisch diese im Endeffekt ausfallen, ist abhängig von den Vorstellungen der Bezugsperson darüber, welches Verhalten für das jeweilige Geschlecht das angemessene ist.16

2.3.2. Lernen am Modell

Als zweiten zentralen Lernmechanismus, stellt Tillmann das von Bandura entwickelte Konzept des Lernens am Modell dar. Es ist eine Erweiterung des Konzepts des instrumentellen Lernens: Lernen erfolgt demnach nicht nur durch Verhaltensverstärkungen, sondern auch durch Nachahmung des Verhaltens anderer Menschen.17 Voraussetzung hierfür ist die Anwesenheit eines Modells (jemand, der das entsprechende Verhalten vorgibt, dies kann auch ein Medium wie Film oder Fernsehen sein) und eines Beobachters (der das gesehene Verhalten später nachahmt bzw. übernimmt). Die innerpsychischen Lernprozesse, die zur Übernahme des gesehenen Verhaltens führen, können nicht beobachtet werden, nur die Imitation selbst. Daher werden zwei Schritte unterschieden: der Erwerb der Bereitschaft zur Nachahmung und die ,,Aktualisierung dieser Bereitschaft im manifesten Verhalten". ,,Lediglich der zweite Schritt, die tatsächliche Ausführung derübernommenen Verhaltensweisen, wird durch Verstärkungsprozesse beeinflußt, während der verborgen ablaufende Prozeßder Ü bernahme davon unabhängig ist. Ausgangspunkt dieses Konzepts ist die Erkenntnis, daßdie Wahrnehmung eines Modells (in der Realität oder im Medium) das Verhalten des Beobachters beeinflussen kann, daßalso Lernprozesse auch als Imitation stattfinden.".18

Häufig werden eher soziale Vorbilder in ihrer Gesamtheit nachgeahmt und nicht die einzelnen Verhaltensschritte. Das bedeutet, daß viele komplexe menschliche Verhaltensweisen nicht erst durch Verstärkung von Einzelelementen entstehen, sondern, wie von Bandura belegt, komplett übernommen werden. Daher ist die Theorie des Modellernens am ehesten zur Erklärung der Übernahme komplexer Verhaltensformen geeignet.19 Zu Beginn der Entwicklung der Theorie des Modellernens ging man davon aus, daß nachgeahmte Verhaltensweisen um so häufiger gezeigt und letztendlich auch erlernt werden, desto mehr sie eine Verstärkung (Belohnung) erfahren. Es besteht also eine Abhängigkeit des Lernprozesses von den Konsequenzen für den Beobachter.20 Später erfolgte eine Erweiterung zum Konzept der ,, stellvertretenden Verstärker". Hier wird nicht der Beobachter, sondern das Modell belohnt. Daraus folgen positive Lernkonsequenzen. ,,Soübernehmen z. B. Vorschulkinder aggressive Verhaltensweisen eines (im Film vorgeführten) Modells dann besonders häufig, wenn dieses Modell dafür anschließend (im Film) belohnt wird (...).".21 Mit Entwicklung der ,, sozial-kognitiven"Lerntheorie (1979) übte Bandura Kritik am ,,extremen Behaviorismus": ,,Eine Psychologie die sich sogar weigert menschliche

Denkprozesse zur Kenntnis zu nehmen...,sei theoretisch nicht länger haltbar.".22 Der Einfluß kognitiver Prozesse auf menschliches Lernen und Verhalten sei durch viele Forschungsergebnisse belegt, weshalb eine behavioristische Theorie die weiterhin ,,in Abrede stellt, daßGedanken Handlungen steuern", nicht in der Lage sein wird ,,komplexes menschliches Verhalten zu erklären".23

Bandura setzt zwischen Reiz (Verhalten des Modells) und Reaktion (Verhalten des Beobachters), als zentralen Vermittlungsmechanismus, die kognitive Tätigkeit des lernenden Individuums. Daraufhin wird das ,,sozial-kognitive" Modellernen in vier Phasen eingeteilt, die alle als kognitive Eigenleistung des Lernenden gewertet werden: Phase 1: Das Objekt richtet seine Aufmerksamkeit auf das ,,modellierte Ereignis" (das Verhalten des Modells)

Phase 2: Übersetzung des Ereignisses in Vorstellungsbilder und ,,Merken" im Gedächtnis Phase 3: Aneignung der Verhaltensform durch Vorstellung und Übung Phase 4: Motivierung zur Ausführung des Modellverhaltens24

Die klassischen Mechanismen der Verstärkung haben nach Bandura ausschließlich in der letzten Phase der Motivierung (Phase 4) Bedeutung und sind dort auch wirksam. Das lerntheoretische Konzept soll also daher nicht verworfen, sondern durch die Einführung innerpsychisch- kognitiver Mechanismen erweitert und verbessert werden.

3. Lernen unter Sozialisationseinflüssen

3.1 Sozialisation

Im folgenden fasse ich die Überlegungen Ulichs zu der Frage zusammen, welche Bedeutung lerntheoretischen Beiträgen für die Sozialisationsforschung zukommt. Die meisten Sozialisationstheorien gehen davon aus, ,,...daßsich Individuen und die sie umgebende Gesellschaft gegenseitig zu ihrer jeweiligen Entwicklung ,,brauchen". Eine Gesellschaft ist nur dannüberlebensfähig, und Personen werden nur dann handlungsfähig, wenn den jeweils Heranwachsenden die für notwendig erachteten Werthaltungen und Kulturtechniken vermittelt werden; die Notwendigkeit dazu folgt aus dem ständigen Generationswechsel." 25 Persönlichkeitsentwicklung wird hier unter dem Gesichtspunkt der gesellschaftlichen Mitgliedschaft betrachtet. Sozialisation gilt dabei als ,,...Oberbegriff für (identifizierte) Strukturen und Prozesse, welche die vereinheitlichende Vermittlung von Werthaltungen und Fertigkeiten in der Entwicklung Heranwachsender leisten, soweit diese Merkmale in der Gesellschaft vonöffentlichem Interesse sind...".26 Gemeint ist damit die Weitergabe gesellschaftlicher, normentsprechender Handlungsfähigkeit im Wechsel der Generationen. Dies geschieht durch Lernen (Def.: siehe S. 1).

3.2. Bedeutung der Umwelt, des Lernens am Modell

Nach Ulich sind beim Lernen unter Sozialisationseinflüssen die Lerngegenstände und -inhalte lediglich auf die Mitgliedschaft in der Gesellschaft ausgerichtet. Sozialisation und Entwicklung bzw. Lernen können daher als komplementäre Begriffe angesehen werden.27 Erweitert man das behavioristische Prinzip der Verstärkung auf unsere gesamte Umwelt, so stellt man laut dem Autor fest, ,,...daßwir ständig Informationen aus der Umwelt aufnehmen und das wir diese Informationen auf uns und unsere Handlungen beziehen." (Informationsrückkopplung). ,,Die Umwelt gibt dem Verhalten des reagierenden, aber auch bedeutungszuschreibenden, bewertenden Individuums mehr oder weniger differenzierte Rückmeldungen, d.h. sie ,,informiert" die Personüber die Bedeutung und die folgen ihres Tuns." 28 Der Umwelt kommt also eine herausragende Rolle bei der Steuerung von Entwicklung bzw. Lernen zu.

Bestimmte Sozialisationswirkungen können aus der Interaktion der Person mit ihrer dinglichen und sozialen Umwelt relativ gut erklärt werden. Das sind vor allem solche bei denen die Ausbildung stabiler (für die Integration in die Gesellschaft relevanter) Gewohnheiten des Reagierens, Erlebens und Handelns eine Rolle spielt. Der Ansatz von Bandura, das Lernen am Modell (wie erklärt auf S. 4), scheint Ulichs Meinung nach für solche Erklärungen geeignet zu sein.29 Für ihn ist menschliches Lernen ein komplexer Prozeß der Auseinandersetzung mit der Umwelt. Er betont ,,... vor allem dreierlei: die Abhängigkeit des Lernens von sozialen Einflüssen und Beziehungen, die Eigenaktivität des Lerners und schließlich die Rolle kognitiver Prozesse.".30 Diese Eigenaktivität, das Ablaufen kognitiver Prozesse, äußert sich darin, daß die ausgeführten imitierenden Verhaltensweisen selten mit den vom Modell vorgeführten Verhaltensweisen identisch sind. Ein Kind zum Beispiel

,,...verarbeitet das, was es am Verhalten der erwachsenen Mitglieder der Gesellschaft wahrnimmt, in einer solchen Weise, daßes die impliziten Regelsysteme aus dem Verhalten der Erwachsenen herauslöst.".31 Die übernommenen Regelsysteme verändern sich mit der Entwicklung des Kindes, werden also kaum einfach nach in der Gesellschaft vorherrschenden Regeln reproduziert. Nicht einmal die Erwachsenen selbst (die Modelle) verfügen stets über konkrete Ausformulierungen der abstrakten Inhalte (Regeln/Regelsysteme), die sich in ihrem Verhaltens mehr oder weniger stark ausdrücken. Ein Beobachter (Lernender) kann auch neue,individuelle Verhaltensregeln aus gemeinsamen Zügen unterschiedlicher Reaktionen zusammensetzen, die ihn befähigen, über das bereits Gesehene und Gehörte (das Bekannte) hinaus zu agieren und zu reagieren.32

3.3. Erklärbarkeit von Sozialisationsprozessen durch das Verstärkungskonzept

Das Verstärkungskonzept ist nach Ulichs Ansicht zur ausschließlichen Erklärung von Sozialisationsprozessen nur sehr begrenzt nutzbar. Empirische Untersuchungen zeigten, daß Lernen am Modell auch ohne Verstärkung (bei Beobachter oder Modell) stattfindet, obwohl sich dabei das ersten Auftreten der erworbenen Reaktionen verzögert.33 Das bedeutet das neue Verhaltensweisen auch allein durch Wahrnehmung erlernbar sind. Der Erwerb der Sprache ist nicht lediglich durch das Verstärkungskonzept erklärbar, da hier in jedem Fall die Anwesenheit eines Modells notwendig ist, und auch komplexe Verhaltensmuster können nur mit Hilfe sozialer Modelle erworben werden. Die Konsequenzen unseres Handelns sind zwar wichtig für Planung und Orientierung, jedoch sind Ereignisse unter Umständen vorhersehbar und eine Vorbereitung durch Informationsbeschaffung sowie ein aktives Einwirken auf die zu erwartenden Handlungsfolgen möglich.34

Konsequenzen (also Verstärkungen) beeinflussen Handlungen nach Auffassung Ulichs nur dann, wenn uns bewußt ist, in welcher Beziehung sie zu den Handlungen stehen. Der Zusammenhang zwischen einer Reaktion und ihren Konsequenzen muß uns bewußt sein, sonst bleiben diese wirkungslos. Das bedeutet das Menschen durch Erkenntnis (kognitiv) mitbestimmen, welche Verstärkungen wirksam werden (können) und welche nicht.35 Bandura stellte außerdem folgendes fest: ,, Beobachtungslernen, d. h. im engeren Sinne der durch Beobachtung geleitete Erwerb bzw. Aufbau von Verhaltenstendenzen, schließt eine Reihe von Subfunktionen ein, deren Entwicklungsstand und Funktionsfähigkeit wiederum von der bisherigen Sozialisation abhängen.".36 Die Entwicklung der Fähigkeit zum Beobachtungslernen geschieht durch den Erwerb folgender Fähigkeiten: ,, diskriminierende Beobachtung, Gedächtnisverschlüsselung, Koordinierung des ideomotorischen (griech../lat.: nur durch Vorstellungen ausgelöst) und sensomotorischen (=durch Reize beeinflußbar ) Systems und Urteilsfähigkeit hinsichtlich der Konsequenzen des Nachbildungsverhaltens.".37 Nur mit Hilfe dieser Fähigkeiten können die, bereits auf Seite 4 beschriebenen, 4 Phasen des Modellernens erfolgreich durchlaufen werden.

3.4. Sozialisationsrelevante Anwendungsbereiche von Lerntheorien

Nun möchte ich noch drei praktische Anwendungsbereiche von Lerntheorien nennen. Die wichtigste ist sicherlich die Verhaltenstherapie, die zum Beispiel bei der Behandlung von Depressionen und Phobien eingesetzt wird. Dabei spielen Modellernen und die sozialkognitive Lerntheorie eine grundlegende Rolle. Es wird versucht, Probleme durch Selbsterkenntnis und Selbstkontrolle zu lösen.

Weitere Anwendungsfelder sind Forschungen zur Agression, bis hin zur Prävention von Delinquenz, was bei den sich häufenden Problemen mit Gewalt, z.B. an Schulen, sicher auch gegenwärtig ein aktuell interessantes Gebiet sein dürfte.38

Außerdem finden lerntheoretische Ansätze bei der Identifikation von Erziehungspraktiken und der Erforschung der Geschlechterentwicklung Anwendung.39

4. Zusammenfassung

4.1. Zusammenfassung des Erarbeiteten und eigene Stellungnahme

Lernen ist meiner Meinung nach ein sehr komplexes Thema, das sich nicht durch eine einzige festgeschriebene Theorie erklären läßt. Ausgehend vom Behaviorismus, der sich auf die Erforschung des Beobachtbaren und erfahrungsbedingter Verhaltensänderungen beschränkte, während alles Innerpsychische unberücksichtigt blieb, erfolgten Weiterentwicklungen von Theorien unter Einbeziehung kognitiver Vorgänge in die Erklärung von Lernprozessen. Jedoch erklärt keine Lerntheorie, für sich genommen, Lernen umfassend und in jeder Form. Der Schwerpunkt liegt jeweils auf verschiedenen Lernmechanismen, zum Beispiel auf dem Prinzip der Verstärkung (instrumentelles Lernen) oder auf dem Modell- bzw. Beobachtungslernen. Nur verschiedene Theorien in Verbindung miteinander, wie das Verstärkungskonzept zusammen mit dem Prinzip des Modellernens, können meinen ein annähernd geschlossenes Bild von Lernprozessen geben. Es wird versucht, durch Lerntheorien sowohl die Aneignung einzelner Verhaltenssegmente bzw. situationsspezifischen Verhaltens als auch die Ausprägung komplexer Verhaltensmuster, z. B. geschlechtstypischen Verhaltens, zu erklären. Sie sind aber auch praktisch, in der Forschung zu Agression und in der Verhaltenstherapie zur Behandlung von Depressionen und Phobien, anwendbar. Dabei haben das Modellernen und die sozial- kognitive Lerntheorie besondere Bedeutung.

Lernen, Aneignung von Wissen und gesellschaftliche Handlungsfähigkeit spielen eine wichtige Rolle in der Sozialisation. Sie sind notwendig, um sich als Mitglied in einer Gesellschaft zu integrieren. Andererseits wirken Sozialisationseinflüsse, alle Einflüsse der Umgebung sowie das Handeln anderer Menschen, auf uns ein und beeinflussen wiederum unser Lernverhalten (z. B. durch Verstärkungen). Wertvorstellungen, Normen und Kulturtechniken werden an die Heranwachsenden einer Gesellschaft weitergegeben. Dies wird durch den Wechsel der Generationen notwendig. Wahrscheinlich kann man sich heute bei der Erforschung von Lernprozessen nicht mehr lediglich auf das Beobachtbare beschränken und alles Innere vernachlässigen. Im Gegenteil: Ich denke, daß in unserer heutigen ,,Leistungsgesellschaft" der Ablauf kognitiver Prozesse, deren Beeinflussung und Verbesserung, im Mittelpunkt des Interesses stehen.

Außerdem wird das Lernen durch die dabei ablaufenden kognitiven Vorgänge meiner Meinung nach zu einem sehr individuellen Vorgang. Das bedeutet: Jeder Mensch besitzt sein eigenes Regelsystem, entstanden durch (partielle) Übernahme von Vorgaben und eigene Entwicklung. Dadurch erlangt er außerhalb seiner Mitgliedschaft in der Gesellschaft eine gewisse (aus meiner Sicht positive und wichtige) Eigenständigkeit.

4.2. Kritische Bewertung durch Tillmann

Tillmann sagt, daß eine Forschung gemäß behavioristischen Ansätzen auf eine nachvollziehbare Erklärung des Beobachtbaren abzielt. Dabei liegt ein Vorteil im strengen methodischen Umgang mit den eigenen Vorannahmen. Jedoch sind auch theoretische Schwächen vorhanden. Die Abneigung gegenüber allem nicht Meß- und Beobachtbarem führt zu Mängeln im persönlichkeitstheoretischen Konzept. ,,Die innerpsychische Realität...l äß t sich nicht einmal thematisieren.".40 Außerdem wird durch das Reiz-Reaktions-Modell ,,...ein radikal-mechanistisches Menschenbild eingebracht, in dem so grundsätzliche menschliche Fähigkeiten wie Selbstreflexion oder Intentionalität keinen Platz haben.".41 Dies gilt nach Tillmanns Aussage allerdings nicht in gleichem Ausmaß für spätere Konzepte Banduras, da er von einem nachdenklich lernendem Individuum ausgeht. Das Verständnis eines Subjekts, also eines aktiv, selbstreflexiv und intentional handelnden Menschen liegt dabei jedoch nicht vor. Es werden lediglich kurze Lernsequenzen untersucht, ein entwicklungspsychlogisches Modell wird nicht entworfen. Der gesellschaftliche Aspekt des Sozialisationsprozesses bleibt in diesem Ansatz außerhalb des Blickwinkels, da die Bedingungen des Aufwachsens als Reiz bzw. als Modell erscheinen und soziale Zusammenhänge nicht behandelt oder kritisch hinterfragt werden. Tillmann nennt als besonders deutliches Beispiel die geschlechts- spezifische Sozialisation: Die Geschlechterrollen werden als gegeben hingenommen, es wird lediglich nach den Mechanismen ihrer Weitervermittlung gefragt. Er betont allerdings auch, daß instrumentelles Lernen und Lernen am Modell sicher einen Beitrag zur Herausbildung geschlechtstypischen Verhaltens leisten, weil sich Kinder an Erziehungspraktiken und den entsprechenden Modellen orientieren. Der Gesamtprozess des Erwerbs einer geschlechtsspezifischen Identität und der Übernahme geschlechtstypischer Verhaltensweisen läßt sich nach Tillmanns Aussage so jedoch nicht erklären, identifiziert werden auf diese Weise lediglich einzelne Mechanismen der Sozialisation. Nach Tillmanns Auffassung ist, wie bereits durch die von Bandura vorgenommenen theoretischen Erweiterungen angedeutet, eine Einbindung lerntheoretischer Konzepte in ein Verständnis von einem aktiv handelnden Individuum und seiner kognitiven Prozesse notwendig.42

5. Literaturverzeichnis

Ulich, Dieter: Zur Relevanz verhaltenstheoretischer Lern -Konzepte für die Sozialisationsforschung, in: Hurrelmann, Karl/Ulich, Dieter (Hrsg.): Neues Handbuch der Sozialisationsforschung, Weinheim/Basel, 1998, Seiten 57-75

Tillmann, Klaus-Jürgen: Sozialisationstheorien- Eine Einführung in den Zusammenhang von Gesellschaft, Institution und Subjektwerdung, Rowohlt/Reinbek, 1999

[...]


1 Bergius 1971, 9 nach Ulich 1998, S. 59

2 Ulich 1998, S.57/58

3 ebd., S. 60

4 Shuell 1986, 412 nach Ulich 1998, S. 59

5 Ulich 1998, S. 59

6 Ulich 1998, S.58, 60

7 ebd., S. 60

8 ebd.

9 Ulich 1998, S. 61

10 Tillmann 1999, S. 74

11 Tillmann 1999, S. 75

12 ebd.

13 Edelmann 1986, S. 75 ff. nach Tillmann 1999, S. 75

14 Tillmann 1999, S. 75/ 76

15 Baldwin 1974, Bd. 2, S.134 ff. nach Tillmann 1999, S. 76

16 Tillmann 1999, S.77, dort auch Mischel 1966, S. 61

17 Bandura 1976 nach Tillmann 1999, S. 77

18 Tillmann 1999, S. 77

19 ebd.

20 Bandura/ Walters 1963 nach Tillmann 1999, S. 77/ 78

21 Tillmann 1999, S. 78, hierzu auch Ulich 1998, S. 72

22 Tillmann 1999, S. 78

23 Bandura 1979, S. 21 nach Tillmann 1999, S.78

24 Tillmann 1999, S. 78

25 Ulich 1998, S. 57

26 ebd.

27 ebd., S. 58

28 Foppa 1972 nach Ulich 1998, S. 62

29 Ulich 1998, S. 63

30 ebd., S. 70

31 Brown 1965 nach Ulich 1998, S. 70

32 Ulich 1998, S. 70

33 Skinner 1973, S.18 nach Ulich 1998, S.71

34 Ulich 1998, S.71

35 ebd.

36 Bandura 1976 b, S. 217; 1986, S. 51 nach Ulich 1998, S. 73

37 Bandura 1976 b, S. 217 nach Ulich, S. 73

38 Ulich 1998, S. 67 u. S. 75

39 Tillmann 1999, S. 83

40 Tillmann 1999, S. 84

41 ebd.

42 Tillmann 1999, S. 84/85

Details

Seiten
13
Jahr
2000
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v96445
Institution / Hochschule
Frankfurt University of Applied Sciences, ehem. Fachhochschule Frankfurt am Main
Note
gut
Schlagworte
Lerntheorie

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Vorstellung von Lerntheorien und ihren Anwendungsbereichen