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Frauenpolitik, Frauenbewußtsein, Frauenbewegung und Frauenforschung in der DDR

Feministinnen und feministischer Forschung in Ost und West der heutigen BRD

von Leopold Grün (Autor) Susanne Hetzer (Autor)

Seminararbeit 1998 24 Seiten

Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter

Leseprobe

Gliederung

1. Staatliche Frauenpolitik und Frauenbewußtsein in der DDR vor 1989
1.1 Leitbilder
1.2 Auswirkungen
1.3 Frauenbewußtsein

2. Die „nichtstaatliche“ Frauenbewegung vor 1989 in der DDR
2.1 Feministische Theologie
2.2 Frauen für den Frieden
2.3. Lesbengruppen
2.4. Literarischer Feminismus

3. Frauenforschung in der DDR vor 1989 und heute
3.1 Frauenforschung vor 1989
3.2 Forschung über Frauen vor 1989
3.3. Frauenforschung in Ostdeutschland seit 1989

4. Frauenbewußtsein vor und nach der Wende
4.1 Frauenbewußtsein- der Begriff
4.2 Frauenbewußtsein in der DDR vor 1989
4.3 Frauenbewußtsein in Ostdeutschland während und nach der Wende

5. Lösungsansätze und Ausblicke
5.1 Notwendigkeit der gesellschaftlichen Veränderungen in der BRD
5.2 Annäherung der feministischen Positionen zwischen Ost und West
5.3 Lösungsansätze für die (ostdeutsche) Frauenforschung und Ausblick

Einleitung

Diese Arbeit entstand im Rahmen eines Seminars, das sich mit der internationalen Debatte von feministischen Theorien in den Sozialwissenschaften auseinandersetzte. An eine ausführliche Diskussion über die Forschungen in den USA und in der BRD schloß sich eine Betrachtung an, in der vor allem die Frauenforschung und -bewegung in Ostdeutschland und Osteuropa untersucht werden sollten. Bei der Bearbeitung des Themas der hier vorliegenden Arbeit stellte sich schnell heraus, daß die Diskurs der heutigen Situation nicht ohne den Rückblick auf die DDR-Vergangenheit und den Umbruch 1989/90 zu leisten ist. Darin wird auch der Schwerpunkt dieser Hausarbeit liegen.

In der neueren Literatur, die sich mit deutscher Frauenforschung auseinandersetzt, wird immer wieder das gespannte Verhältnis von Ost- und Westfeministinnen und -wissenschaftlerinnen bedauert. Das Ziel dieser Arbeit ist es nicht Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West herauszuarbeiten, sondern sozialisations- und gesellschaftsspezifische Ursachen für die unterschiedliche Entwicklung aus ostdeutscher Sicht darzustellen.

Zehntausende Menschen besuchten bisher die vom Haus der Geschichte in Bonn gestaltete Ausstellung „Ungleiche Schwestern“, die derzeit im Dresdener Hygiene - Museum gezeigt wird. In der Presse gab es kontroverse Reaktionen auf diesen Erklärungsansatz für die konstatierten kulturellen Unterschiede und Barrieren zwischen Ost- und Westfrauen. In der hier vorliegenden Arbeit wird ebenfalls versucht, ein Beitrag zur Ursachenklärung zu leisten. Wir stimmen mit der Projektleiterin der Ausstellung Andrea Mork überein und sind nicht im Besitz der Antwort zu den aufgeworfenen Fragen, sondern wollen dazu auffordern, selbst nach Antworten zu suchen, um des Verstehens und der Verständigung willen.

Ausgangspunkt unserer Betrachtungen ist dabei folgende These:

„Unterschiedliche Erfahrungen und Sozialisation von Frauen in DDR und BRD führen heute zu einer Situation in Feminismus, Frauenforschung und -bewegung, die zwischen Ost und West von mehr Differenzen als Gemeinsamkeiten geprägt ist und nicht einfach durch einen "schwesterlichen" Diskurs zu beheben ist, auch wenn allem Anschein nach die derzeitige gesellschaftliche Situation gemeinschaftliches Handeln erfordert.“

1. Staatliche Frauenpolitik in der DDR

1.1 Leitbilder

Die politischen Systeme von BRD und DDR hatten ein jeweils anderes normatives Leitbild Frau, das als einzig wahres propagiert wurde. Beide Leitbilder waren eine politischideologische Erscheinung, die sich auf die Lebensrealität der Frauen und die Frauenpolitik auswirkten. Die sozialpolitischen Maßnahmen, die jeweils in den beiden Ländern für Frauen und Kinder veranlaßt wurden, folgten diesen Leitbildern. Und so sind die Frauenbewegungen1 in DDR und BRD als kritische Antwort auf die aus obigen Voraussetzungen resultierenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu verstehen.

In der BRD war herrschendes Ideal das Bild von der Frau als Hausfrau und Mutter. In der Folge gab es eine Vielzahl von kulturellen und politischen Ausschlußstrukturen, Behinderungen in Karriere und Erwerbsleben und die weitgehende Unvereinbarkeit von Berufstätigkeit und Mutterschaft. Eine umfassende Versorgung mit Betreuungseinrichtungen für Kinder fehlt so bis heute. Die Tendenz geht im Gegenteil eher dahin, im Osten Tagesstätten zu schließen, Mittel zu kürzen und die Betreuungsschlüssel zu erhöhen. Mit anderen Worten, “Westniveau” herzustellen.

In der DDR wandelte sich das Leitbild im Laufe der Zeit von der (zu Beginn) berufstätigen Frau zur (später) gesellschaftlich aktiven, qualifiziert berufstätigen Mutter. Seine Wurzeln finden sich in der proletarischen Arbeit er bewegung (Bebels, Engels etc.). Ausgangspunkt war die Vorstellung, daß sich aus dem Kapitalismus überkommene Widersprüche der Gesellschaft auf dem Weg zum Kommunismus lösen werden und daß die Lösung der Klassenfrage auch die auftretenden “Nebenwidersprüche” wie die Emanzipation der Frau beinhalten wird. Gleichzeitig wurden die rechtliche Gleichstellung und die Förderung der Berufsintegration der Frauen schon als faktische Gleichstellung betrachtet.

Von Beginn an hat die DDR die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Verfassung verankert: “ Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben die gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens. Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe. ” (Verfassung der DDR, Artikel 20, Absatz 2)

Sozialistische Gleichberechtigungspolitik in Form staatlicher Maßnahmen erfaßte allerdings nicht beide Geschlechter sondern konzentrierte sich auf die Frau.

Demzufolge zielte die Frauenpolitik zunächst im Kern auf die Integration der Frauen in die Erwerbsarbeit als Voraussetzung für die gesellschaftliche Gleichberechtigung. In einer nächsten Phase dienten bis Ende der 60er Jahre zahlreiche sozial- und bildungspolitische Maßnahmen der (nachholenden) Qualifizierung von Frauen:

Es gab Frauenausschüsse in den Betrieben, die Frauen zur Teilnahme an der Neuerer- und Aktivistenbewegung motivieren sollten, Frauenförderpläne für Qualifikation und Aufstieg im Betrieb, Qualifizierungmaßnahmen für Frauen vor allem in technischen Berufen durch Frauensonderklassen an Fachschulen oder das Sonderstudium an Hochschulen für Frauen, die bereits Berufserfahrungen hatten, oder die Möglichkeit von Teilstudien zur Erlangung eines Hoch- oder Fachschulabschlusses für Frauen, denen ein volles Abend- oder Fernstudium zeitlich nicht möglich war.

So hatten (1988) 81% der berufstätigen Frauen eine abgeschlossene Berufsausbildung und davon etwa 20% einen Fach- oder Hochschulabschluß. In Leitungsfunktionen waren jedoch ähnlich wie im Westen nur 2,5% dieser Frauen vertreten. (vgl. Cordes;Begander 1998:104) Seit Ende der 60er Jahre erfolgte eine bevölkerungspolitisch motivierte Veränderung der Frauenpolitik (sinkende Geburtenrate). Auf dem VIII. Parteitag der SED 1971 wurden zahlreiche sozialpolitische Maßnahmen beschlossen, die auf die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf zielten:

- bezahltes Babyjahr, Verkürzung der Arbeitszeit von Müttern, bezahlter Haushaltstag, erhöhter Grundurlaub für Mütter, Freistellung zur Pflege kranker Kinder, Versorgungsgrad mit Kinderbetreuungseinrichtungen von 90% sowie
- Geburtenbeihilfe (1000,-Mark pro Kind), Ehekredit (der bei der Geburt von 3 Kindern innerhalb von 8 Jahren nicht zurückgezahlt werden mußte), bevorzugte Wohnungsvergabe für junge Ehepaare, freie Schwangerschaftsunterbrechung bis zur 12. Woche.

1.2 Auswirkungen

Arbeit, Familie und Sozialpolitik waren also der Rahmen für weibliche Identität in der DDR. Gleichberechtigung im Beruf und Traditionalismus in den Geschlechterbeziehungen prägten vorrangig die Biographien von Frauen2, so unterschiedliche Erfahrungen die einzelnen auch aufgrund ihrer Generationszugehörigkeit, ihres Alters, ihres Bildungsgrades, ihrer Kinder und politischen Orientierung auch machten.3

Aber: Arbeit sicherte den Frauen unabhängig von Männern die Existenz. Sie bedeutete Vergemeinschaftung in Kollektiven, soziale Integration und soziale Anerkennung durch (Erwerbs-)Arbeitsleistung. Sie war selbstverständlicher Bestandteil der Selbstdefinition und des Selbstbewußtseins der Frauen.

In welchem Maße die DDR-Frauenpolitik Identitäten von Frauen prägte und veränderte, so wenig veränderte sie aber Identitäten von Männern. Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie war vorrangig Aufgabe der Frauen und auch die sozialpolitischen Maßnahmen gingen von einem traditionellen Männer-Frauen-Verhältnis aus. Niemals war es das Ziel, Männer in Frauenberufe zu integrieren oder sie den Familienpflichten näher zu bringen. So schoben Frauen zu Hause nach der Arbeit die "2. Schicht", die ihnen “ für Selbstbesinnung und weiblichen Selbstbezug [...] weder Raum noch Zeit ” (Nickel 1998a:7) ließ. Nichtsdestotrotz bewältigte der Großteil der Frauen diesen Balanceakt.

Die sozialwissenschaftliche Forschung beschreibt mit den Begriffen ‘Patriarchale Gleichberechtigungspolitik’4 und ‘Gleichstellungsvorsprung’5 oben genannte Entwicklungen. Die ‘patriarchale Gleichberechtigung’ bot also die Möglichkeit der Herausbildung von weiblicher Autonomie, war aber für Frauen gemacht und nicht von Frauen entwickelt und erkämpft. Vergessen werden soll hier jedoch nicht, daß auch bei Betrachtung der Verhältnisse in der DDR die Theorie von "doing gender" angewendet werden kann in dem Sinne, daß die Identität der Mehrheit der DDR-Frauen zwar wie oben beschrieben geprägt, aber eben nicht zwangsläufig bestimmt war.6

2. Die ‘nichtstaatliche‘ Frauenbewegung vor 1989 in der DDR

Seit Beginn der 80er Jahre fanden sich in der DDR7 unter dem Dach der evangelischen Kirche informelle Gruppen zusammen, unter ihnen auch Frauengruppen, die sich mit Fragen der Ökologie, Frieden, Antimilitarismus u.a. beschäftigten. Sie waren nicht unbedingt religiös gebunden - aber die Institution Kirche bildete den einzigen begrenzt öffentlichen nichtstaatlichen Raum für weitgehend nicht sanktionierte Diskussionen und das gemeinschaftliche Erproben neuer Interpretationen der eigenen sozialen Situation. Hier gab es auch regelmäßige Kontakte zum und Unterstützung aus dem Westen.

Es wäre jedoch einseitig, kritische Auseinandersetzungen und emanzipatorische Diskussionen einzig in der evangelischen Kirche zu verorten. Zum einen war die evangelische Kirche nicht insgesamt ein Hort der Opposition und gerade Frauen kritisierten die patriarchalen Strukturen innerhalb der Kirche. Zum anderen gab es auch außerhalb der Kirche (auch in SED8 -Gruppen) z.T. sehr kritische und kontroverse Diskussionen. Die politische Brisanz und die Konsequenzen, die sich ergaben waren jedoch verschieden.

Es gab hauptsächlich drei Bereiche, in denen Frauen ihre Probleme und partizipatorischen Interessen formulierten.

2.1 Feministische Theologie

In der feministischen Theologie stellten Frauen das in der Bibel vermittelte Frauenbild in Frage und erarbeiteten Gegendeutungen. Durch diese Arbeit entstand ein neues Selbstbewußtsein von Frauen hinsichtlich ihrer eigenen Stellung in der patriarchalen kirchlichen Struktur.9 Diese Thematisierung von Geschlechterverhältnissen innerhalb der Kirche ließ sich natürlich nicht von den die Kirche umgebenden allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnissen in Bezug auf die Geschlechter trennen.10

1985 entstand der landesweite Arbeitskreis "Feministische Theologie und Frauenbefreiung".

2.2 Frauen für den Frieden

Die informellen Gruppen Frauen für den Frieden entstanden 1982 aus Protest gegen das neue Wehrdienstgesetz der DDR, das u.a. beinhaltete, im Verteidigungsfall auch Frauen in die allgemeine Wehrpflicht miteinzubeziehen.11 Schon seit 1980 fanden verschiedene kirchenöffentliche Aktionen gegen Militärspielzeug und militaristische Erziehung in Kindergärten und Schulen statt. Es gab Diskussionen um die Logik der Hochrüstungspolitik in der Welt. Neu an diesen Aktionen war nun die direkte politische Konfrontation, die gesucht wurde, denn die Aktionen fanden im öffentlichen Raum statt und zielten auch vorrangig auf die Schaffung von Öffentlichkeit für diese Problematik.12 So veranlaßten Frauen eine Eingabe an den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker13, in der sie ihre Verweigerung des Militärdienstes im Kriegsfall bekanntgaben. 1983 gaben schwarzgekleidete Frauen gemeinsam bei der Post Briefe an das Wehrkreiskommando ab, in denen sie ihre Erfassung zum Wehrdienst verweigerten. Flugblätter und öffentliche Erklärungen wurden mit Unterstützung von Gruppen gleichen Namens aus der BRD verbreitet.

Diese Gruppen unterlagen der Repression (auch in Form der Verhaftung einiger prominenter Frauen)14, die aber eher politischen Nachdruck statt Abschreckung erzeugte. Neben den vorrangig auf die Öffentlichkeit gerichteten Aktionen15 organisierten die Frauengruppen Diskussionen, Vorträge in verschiedenen Gemeinden mit anschließenden Streitgesprächen und seit 1984 jährliche Frauengruppentreffen. Themenschwerpunkte waren u.a.: Selbstverständnis und Stellung der Frau in der Kirche und in der Gesellschaft, Sozialisation in der Familie, Geschlechterrollen in Schulbüchern, Gewalt gegen Frauen, Friedenspolitik und Friedenserziehung. “Die Behandlung der aufgegriffenen Themen zielte immer wieder auf Aspekte ihrer Bedeutung vor Ort, der persönlichen Verantwortung und der Handlungsmöglichkeiten.” (Hampele 1993:306)

2.3 Lesbengruppen

Eine dritte Interessenvertretung von Frauen in der DDR bildeten die Lesben in der homosexuellen Selbsthilfe.

Von 1982 an begannen sich Lesben und Schwule unter dem Dach der evangelischen Kirche zu organisieren. Auslöser war eine Tagung der evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg zum Thema Homosexualität am 9.2. 1982, an der ca. 300 Menschen teilnahmen und in deren Folge ‘Arbeitskreise Homosexualität’ vor allem in den Evangelischen Studentengemeinden entstanden.

Ziel war es, die Sicht der “Betroffenen” öffentlich zu machen, die Anerkennung von lesbischen und schwulen Lebensformen zu erreichen und vor allem ö ffentliche Begegnungsorte zu schaffen.16

Zunächst wurden viele Aktivitäten gemeinsam mit Schwulen veranstaltet, später erkannten dann viele Lesben für sich die Notwendigkeit von getrenntgeschlechtlichen Diskussionen, da auch in homosexuellen Gruppen patriarchale Strukturen wirkten: “Zu Beginn war unser Kreis noch gemischt, also Lesben und Schwule gemeinsam. Doch nach dem dritten Abend zu einem Lesbenthema, bei dem die Schwulen in der Diskussionüber uns Lesben voll das Wort an sich rissen, bestanden wir auf Trennung.” (Hampele 1993:307)

Die Frauen trafen sich zum einen in Selbsterfahrungs- und Coming-Out-Gruppen, organisierten aber auch viele kulturelle Aktivitäten wie Konzerte, Diskotheken, Lesungen, Vorträge und Feste.

Auch in der FDJ17 wurden Ende der 80er Jahre verstärkt Lesben- und Schwuleninitiativen unterstützt. Getragen von der Motivation dieses Feld nicht der Kirche überlassen zu wollen, Freizeit- und Begegnungsstätten zu schaffen und Akzeptanz sowie Integration in die sozialistische Gemeinschaft zu erreichen, gab es Abende für Lesben und Schwule in den staatlichen Klubhäusern oder auch eigene Klubs. Bekanntes Beispiel hierfür ist der Berliner Sonntagsklub, der auch bis heute existiert.

Zusammenfassend läßt sich konstatieren, daß durch die verschiedenen Aktionen der informellen Frauengruppen eine Situation entstanden war, in der vielfältige Kontakte zwischen den Gruppen existierten und ihre Bedeutung weit über den kirchlichen Rahmen hinaus wuchs. Frauen lernten, daß es möglich ist, auch politisch über gegebene Strukturen hinaus zu agieren. Der Widerspruch der thematischen Arbeit der Frauengruppen zum weitverbreiteten Klischee der Ost-Mutti wird an dieser Stelle offensichtlich.

2.4 Literarischer Feminismus

Eine weitere interessante Entwicklung, die nicht unerwähnt bleiben soll, läßt sich mit dem Begriff ‘ literarischer Feminismus ’ beschreiben. In Ost und West vertraute Namen wie Brigitte Reimann, Christa Wolf, Irmtraud Morgner und Maxi Wander, aber auch Christine Wolter, Helga Schubert und Helga Königsdorf stecken dieses Feld ab, das inhaltlich und politisch durch eine Mischung aus Freiräumen und Grenzen bestimmt wurde.18 Die Literatur allgemein hatte in der DDR einen anderen Stellenwert und vor allem auch eine andere politische Dimension als in der BRD. In dem Rahmen von sozialistischer Kulturpolitik, starkem Interesse vieler Menschen19, erleichtertem Zugang einerseits20 und erschwerter Verfügbarkeit von bestimmten Neuerscheinungen andererseits, entwickelten sich jeweils besondere Lesegewohnheiten in den unterschiedlichen Schichten der Gesellschaft. Kritische Literatur besaß politische Brisanz, wurde breit rezipiert und diskutiert, sowohl in der privaten als auch der öffentlichen Sphäre. Die DDR-Frauenliteratur21 beeinflußte viele Frauen, nicht nur in der DDR.22 Sie schuf zudem ähnlich wie oben beschriebene Aktivitäten unter dem Dach der Kirche eine Art von Gegenöffentlichkeit.

In der feministischen Forschung finden sich nun kontroverse Antworten auf die Frage, ob es in der DDR eine Frauenbewegung gab oder nicht, die hier vorgestellt werden sollen.

Laut Dölling u.a. führte die patriarchale Gleichberechtigungspolitik zu einer ambivalenten Haltung von Frauen zur gesamten Politik und auch dazu, daß es in der DDR erst seit der Wende eine Frauenbewegung gibt. Dies wird als Manko vor allem auch für die Entwicklung einer Frauenforschung gekennzeichnet. (Podiumsdiskussion am 5.6.1998)

Hampele hingegen, die sich mit der politischen Partizipation von Frauen in der DDR auseinandersetzte, befürwortet die Existenz einer neuen Frauenbewegung in der DDR und benennt zwei Aspekte, die die Selbstbeschreibung von Frauen aus den informellen Frauengruppen als ‘nichtstaatliche Frauenbewegung’ (siehe auch Fußnote) stützen, auch wenn die Zahl der aktiven Frauen relativ gering war:

- Die Initiativen und Gruppen standen über Jahre hinweg miteinander in Kommunikation und organisierten Treffen und Aktionen und
- konnten als sozialisierende Gruppen über ihre unmittelbaren Mitglieder hinaus sensibilisieren und Diskussionen anregen. (vgl. Hampele 1993:302)
- Außerdem vertraten die Gruppen einen gesellschaftsverändernden und -kritischen Anspruch, was folgendes Zitat verdeutlicht: “Das Nichtmachbare zu fordern mit der Selbstverständlichkeit der Betroffenen bedeutete, die bisherigen Spielregeln politischen Engagements in Frage zu stellen. Wir wollen Politik machen, jedoch nicht nach dem herrschenden Politikverständnis. Wir streben weder nach Macht, noch wollen wir politische Funktionsträger sein. Wir wollen uns gerade von diesen unterscheiden durch Gewaltfreiheit, Wahrhaftigkeit, Toleranz, Spontaneität, Phantasie, Empfindsamkeit und Zärtlichkeit. Eine Art “Antipolitik, in der wir Frau sein können, ohne zugleich als minderwertig zu gelten und uns selbst bestimmen, ohne konkurrieren zu müssen. ” (Hampele 1993:308)

Nun ist diese schwierige Frage zum einen nur unter Klärung des Begriffs Frauenbewegung zu beantworten. Orientiert man sich an dem Begriff der neuen sozialen Bewegungen23, wie sie sich in der BRD im Zuge der “Studentenrevolution” von 1968 entwickelten, so ist die Bewegung der Frauen in der DDR von diesen sicher sehr verschieden. Nicht nur durch die Zahl der Akteurinnen sondern auch durch die Art der Aktionsformen und der umkämpften Inhalte und Positionen. Wesentlicher erscheint jedoch die Feststellung, daß es alternative politische Ansätze und Strukturen gab, die zur Voraussetzung für die schnelle Formierung der Frauenbewegung in der Wendezeit wurden. Das breite Interesse und der weitverbreitete Grundanspruch von Frauen während der Wende, im politischen Geschehen mitzubestimmen (“Ohne Frauen ist kein Staat zu machen”)24 und die obengenannten Betätigungsfelder von Frauen in der DDR liefern einen Ansatz für das Verständnis der Vorgänge, die sich vor allem frauenpolitisch nach dem Ende der DDR vollzogen. Es gab schon in der DDR unterschiedlichste politische Ansätze in der Frauenarbeit die zunächst im Unabhängigen Frauenverband vereint waren und sich auch wieder nach einer Phase der gemeinsamen Betätigung und Euphorie trennten. (vgl. Hornig/Steiner 1995)

3. Frauenforschung in der DDR vor 1989 und heute

Gab es Frauenforschung in der DDR? Die Antwort hängt von Kriterien ab, die an die Frauenforschung angelegt werden. Solche Kriterien sind: der theoretische Erklärungsansatz von Geschlechterverhältnissen zum einen und zum anderen ein klar formuliertes subjektives Forschungsinteresse, dem erstens die Annahme einer strukturellen Benachteiligung von Frauen und das zweitens darauf abzielt, Frauen in den Stand zu setzen, eigene Interessen aktiv wahrzunehmen. (vgl. Dölling 1993:398)

3.1 Frauenforschung vor 1989

Untersuchungen zum Geschlechterverhältnis waren vorrangig dort angesiedelt, wo einzelne Wissenschaftlerinnen versuchten, einen mehr oder weniger expliziten feministischen Ansatz in ihren Forschungen zu entwickeln. Geschlechterforschung war ein wissenschaftliches Randgebiet, in dem die Wissenschaftlerinnen nicht gezwungen waren, sich mit den sonst vorgegebenen Themen zu befassen, die aber demzufolge auch mit der geringen Aufmerksamkeit für diese Arbeiten leben mußten.

In Berlin etablierten sich Diskussionszirkel von Kultur-, Kunst-, Literatur-, Sprach- und Sozialwissenschaftlerinnen, die der offiziellen Frauenpolitik Erkenntnisse aus der Sicht feministischer Forschung gegenüberstellten. Diese Zirkel blieben im halböffentlichen Raum und wußten oft kaum voneinander. Ein Zugang zur westlichen Frauenbewegung bestand kaum, wenn auch es in bestimmten Ausmaß möglich war, internationale wissenschaftliche Arbeiten der feministischen Forschung einzusehen. Ein Beispiel ist der seit 1980 arbeitende Arbeitskreis: ”Kulturhistorische und kulturtheoretische Aspekte der Geschlechterverhältnisse”. Diese Forschungen waren von dem Interesse getragen, Geschlechterverhältnisse aus der Sicht von Frauen, mit dem Blick auf historisch produzierte, also auch veränderbare strukturelle Benachteiligungen von Frauen zu untersuchen. Themen waren: die kulturelle Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit, ihre konkreten Erscheinungsweisen z.B. in der Kunst und ihre Rolle bei der Stabilisierung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen. Grenzen dieser Forschungsansätze bestanden in einem stark akademischen Charakter, in dem eher zufälligen statt systematischen Zugang zu internationaler Literatur und auch in einer nur unzureichenden Analyse der Strukturen des bürokratisch-administrativen Staatssozialismus. Diskussionen, die völlig an den DDR-Wissenschaftlerinnen vorbeigegangen sind waren z.B. class and gender (Großbritannien in den 80ern) oder die Debatte um den Dekonstruktivismus (Foucault u.a.).

3.2 Forschung über Frauen vor 1989

Gemessen an oben genannten Kriterien für Frauenforschung können die meisten DDR- Publikationen zur Frauenfrage nicht als Ergebnisse einer Frauenforschung bewertet werden. Es gab umfangreiche von Partei und Staat geförderte Forschungen, die sich mit folgenden Themen befaßte:

- Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf, weibliche Berufsmotivation und -qualifikation, Frauen in leitenden Positionen, Kinderwunsch und Gründe für Abtreibung, Lebensbedingungen alleinerziehender Mütter,
- Vorhandensein geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Sozialisation, beruflicher Laufbahn, Lebensorientierung und -konflikten.

Das waren zwar wichtige Forschungsfelder aber die in der offiziellen Forschung unreflektiert akzeptierte Ideologie von der bereits realisierten Gleichberechtigung und der gelösten Frauenfrage im realen Sozialismus hatte Konsequenzen für die theoretischen Ansätze, die diesen Forschungen zugrunde lagen. (vgl. Dölling 1993)

3.3 Frauenforschung in Ostdeutschland seit 1989

Frauenforschung hat sich an vielen Hochschulen und Universitäten entwickelt. Vor allem in den Geistes-, Sprach-, Sozial- und Kulturwissenschaften. In vielen Studiengängen gibt es Lehrangebote, die sich mit der Analyse von Geschlechterverhältnissen aus feministischer Perspektive beschäftigen. An der Humboldt-Universität Berlin wurde ein eigenständiger, interdisziplinärer Studiengang ‘gender studies’ eingerichtet, in den sich bis jetzt unerwartet viele Studentinnen und Studenten eingeschrieben haben.

Ein besonderes Beispiel für die Institutionalisierung der Frauenforschung an den ostdeutschen Bildungseinrichtungen bleibt jedoch bis zum jetzigen Zeitpunkt die Gründung des Zentrums für interdisziplinäre Frauenforschung an der Humboldt-Universität. Es existiert in der Form eines Netzwerkes für interessierte Wissenschaftlerinnen und Studentinnen und hat eine (wenn auch geringe) personelle und finanzielle Absicherung. 1990 wurde es vom akademischen Senat als Einrichtung der Universität anerkannt.

Eine wachsende Anzahl von Finanzanträgen für Frauenforschungsprojekte an den Universitäten und auf Drittmittelförderungen25, ist ein Indiz für die Verbreiterung der Frauenforschung in Ostdeutschland.

Zugleich ist aber nicht zu übersehen, daß die Umstrukturierung der wissenschaftlichen Einrichtungen nach der Wende die Tendenz zu einer verstärkten Förderung traditionaler Kernbereiche führt. Die von jeher eher randständige Lage von Frauenforschung wird so auch heute weitergeführt. Folgen dieser allgemeinen Umstrukturierung der Wissenschaft haben zu einer Bedrohung von Frauenarbeitsplätzen und zu Unsicherheiten der beruflichen Perspektive vor allem im Mittelbau geführt. Befristete und Teilzeitarbeitsverträge mit jedoch nicht unbedingt geringerem Arbeitsvolumen sind ungünstige Faktoren für die Lebensplanung von Frauen und haben auch negative Konsequenzen ihre Handlungsoptionen in einer von Konkurrenzdruck geprägten Jobsituation. Dölling konstatiert ergänzend eine Dominanz von meist männlichen Wissenschaftlern in den Struktur- und Berufungskommissionen, deren Interesse an Ausschreibungen von Frauenforschungsprofessuren zumeist sehr gering ist. Ihrer Einschätzung nach geht die Tendenz eher dahin, im Zuge der Neuordnung der Hochschulen auch die männlichen Ordnung wiederherzustellen. (vgl. Dölling 1993: 403)

Noch offen in seinen Konsequenzen läßt sich ein Problem betrachten, das für die ostdeutsche Frauenforschung besteht: anders als in den Anfängen der BRD-Frauenforschung ist diese weniger ein Ergebnis der Frauenbewegung als vielmehr einer Entscheidung durch die Struktur- und Berufungskommissionen. Dölling vermerkt hier als mögliche negative Folgen, daß:

- “Frauenforschung von vornherein als akademische, (gleichwohl nur) am Rand des traditionellen Wissenschaftsfeldes akzeptierte Wissenschaft etabliert wird” und daß
- “die Frauenforschung an ostdeutschen Universitäten nur zu einem geringen Teil von ostdeutschen Frauenforscherinnen betrieben werden wird”. (Dölling 1993:404)

4. Frauenbewußtsein vor und nach der Wende

4.1. Frauenbewußtsein - der Begriff

In der Geschichte der Soziologie wurde bis in die 50 er Jahre dieses Jahrhunderts der Begriff des Frauenbewußtseins mit dem Begriff der Unzufriedenheit der Frau gleichgesetzt. Helga Milz spricht von einer „historischen Hypothek“ des Opferdiskurses. Reduzierte Rezeptionsweisen des Materials über Frauen, bei denen die „ tatsächlichen Aussagen der Frauen...ihrer Lebendigkeit beraubt (werden), weil die Auswertungen mit Deutungsmustern Rastern und Auslassungen arbeiten. “ (Milz 1996:342). Der gesellschaftliche Rahmen dieser Zeit ist androzentrisch geprägt und so erfolgt auch die Zuordnung von Geschlecht und dem dazugehörigen Bewußtsein ausschließlich in binärer Form und ist geprägt durch Dualität.

Das Frauenbewußtsein ist eine „ eigenständige Ebene der Aneignung, Kontrolle und Gestaltung von Gesellschaft “ (Milz 1996:345)

Nach Milz bestimmt das Denken und Meinen der Frauen in Form von Schilderungen ihrer Lebenslagen, Aüßerungen über Ziele, Möglichkeiten, Erfordernisse und Grenzen von Gleichberechtigung und Emanzipation jenes Frauenbewußtsein.

Frauenbewußtsein ist eine (sozialwissenschaftliche) Kategorie, die aus Frauenforschung, -politik und -bewegung resultiert, diese aber wiederum auch bestimmt.

Das heißt z. B. staatl. Politik, fehlende oder vorhandene Frauenbewegung prägen natürlich dieses Frauenbewußtsein ebenso wie sich z.B. Frauenbewegung auch nur durch ein bestimmtes Frauenbewußtsein formieren kann. Identitätsbildung von Frauen resultiert somit u.a. aus der Kategorie des Frauenbewußtseins.

4.2. Das Frauenbewußtsein in der DDR bis 1989

Die zeitliche Parallelität von Beruf und Familie und die dadurch gewährleistete relative ökonomische Unabhängigkeit vom Partner entwickelte sich zu Bestandteilen der Identität von in der DDR sozialisierten Frauen, aber auch zum eigenen Bewertungsmaßstab ihres Emanzipationsanspruchs. Dies ist ein strukturell -ökonomisch-materieller Emanzipationsanspruch, der auf gleiche reelle Chancen gerichtet ist und, im Unterschied zu bundesdeutsch sozialisierten Frauen, den Staat in die Pflicht ruft. (vgl.Milz 1996:350)

Das Selbst-Bewußtsein von Frauen konstituierte sich auf beiden Ebenen - Familie und Beruf. Eine doppelte Orientierungsmöglichkeit, bzw. Doppelbelastung.

Die Mehrheit der Frauen in der DDR dachte sich als Paar in der Familie, mit Kindern als Zentrum, als Entscheidungsfreiraum und Gestaltungschance, welche mehrheitlich nicht gegen, nicht ohne einen Mann/Partner definiert wurde. (vgl.Bertram/Bütow 1994 in Milz 1996:350) Das Geschlechterbild ist weitgehend polar und komplementär und unterscheidet sich von dem der BRD.

Mütterpolitik, Hausarbeitstag (zunächst nur für Frauen) und Vorstellungen von nur weiblichen oder nur männlichen Eigenschaften tragen zu einem binären Frauenbewußtsein bei, daß sich aber vom bundesdeutschen unterscheidet: Es wurde, zumindest offiziell, nicht zur Legitimation von Geschlechterhierarchie genutzt. Die kulturelle Auseinandersetzung zu Geschlechterfragen und damit auch zum Frauenbewußtsein war in der DDR jedoch nur gering entwickelt. Geschlechtsstereotype betrafen bzw. bedrohten die privaten Beziehungen von Frauen zu Männern in der DDR insofern nicht, da sie (die Frauen) finanziell und damit in ihrer Existenzsicherung unabhängig waren. Selbstverständliche Integration der Frauen in Erwerbsarbeit und Entprivatisierung der Kinderziehung haben bürgerliche Geschlechterstereotype erhalten.(vgl. Müller 1996:195)26.

Milz formuliert in ihrem Text, daß die Einstellung zur Geschlechterparität im Osten „ offenbar egalitärer als im Westen sei “. (Milz 1996:351)

Wir haben leider keine Literatur bzw. Untersuchungen ausfindig machen können, inwiefern Frauen in der DDR in ihrem Selbstverständnis die genannten Ebenen und Aktionsformen der Frauenbewegung miteinbezogen, um sich selbst zu verwirklichen bzw. ihr eigenes Verständnis über das übliche Frauenbewußtsein hinaus zu definieren. Es standen ebenfalls keine Untersuchungen über das Frauenbewußtsein der alternativ engagierten Frauen zur Verfügung.

4.3. Das Frauenbewußtsein während und nach der Wende

Die Erfahrung der Öffnung bzw. des Zusammenbruchs alter Machtstrukturen begründeten die Euphorie von Frauen in den Jahren 1989/1990. Nach strukturellem Ausschluß von politischer Verantwortung verhieß diese Zeit politische Mitverantwortung und Verwirklichung neuer - eigener Lebensentwürfe. Dies galt natürlich hauptsächlich für den Teil von engagierten Frauen. Für diese Gruppe war die Enttäuschung über die folgende Entwicklung um so gravierender. Nach dem was wir über das Bewußtsein der Mehrheit der Frauen in der DDR wissen, waren und sind vor allem die Erwerbslosigkeit und dabei das nunmehrige Betroffensein von Langzeitarbeitslosigkeit jene Faktoren, die starke Auswirkungen auf das (Selbst)Bewußtsein hatten und haben.

Die vorliegenden ”Befunde” bestätigen jene ‚Erwerbszentriertheit‘, die an die Bedeutung von Kindern und Familie heranreicht sie aber nicht überholt. (vgl. Milz 1996:348) Nur jüngere Frauen, in der Phase der Berufseinmündung stellen nunmehr den Kinderwunsch zurück. Einige Forscherinnen sehen sich bei diesen Untersuchungen erinnert an Ergebnisse der Frauenforschung im Westen der 80 er Jahre.

Die Frauen in Ostdeutschland sind zwar gewillt zurück in die Erwerbstätigkeit zu gelangen, richten sich aber auch langsam ein als ‚VerliererInnen der Wende‘. Sie fühlen sich in mehrfacher Hinsicht abgewertet: als DDR Bürgerin, als weibliche Arbeitskraft, als Mutter, als Frau (die Kategorien Vergangenheit, Region und Nation sowie Klasse und Geschlecht,). Auf Grundlage unserer Textstudien von Milz, Müller, Nickel und anderer Autorinnen kann herausgelesen werden: Frauen in den neuen Ländern sind skeptischer, ihre Lebenszufriedenheit sinkt, ihre Zukunftsprognosen sind düster und ihre Zustimmung zum Politiksystem nimmt stetig ab. Sie wehren27 sich jedoch gegen Bedingungen, die Berufstätigkeit verunmöglichen, lehnen die ausschließliche Hausfrauenexistenz ab und Beharren auf Unabhängigkeit und eigenes Einkommen. (vgl. Hoecker 1995 in Milz 1996: 350)

Helga Milz warnt jedoch Frauenforscherinnen, daß sich Übergangsphänomene nicht für die Suche nach langfristig wirksamen Charakteristika der bewußten Auseinandersetzung bzw. Aneignung eignen. Sie konstatiert weiterhin, daß sich auf der Ebene des Frauenbewußtseins in Ost und West Parallelen zeigen, der Umgang der Forschenden jedoch differiert. Frauenforschung in den neuen Ländern versucht die materiell ökonomischen Egalitätsbestrebungen heraus zu arbeiten und zu akzentuieren. (vgl. Milz 1996:352)

Reklamationen aus dem Westen, es gäbe im Osten gar kein adäquates Frauenbewußtsein über Unterdrückung wird von den dortigen Autorinnen mit dem Argument, es gebe hier ein anderes ein spezifisches auf Prosozialität und den ganzen Menschen gerichtetes Bewußtsein, daß sich in DDR Zeiten entwickelt und bewährt hätte, beantwortet. (vgl. Milz 1996:353) Dies führte während und nach der Wende zu großer Skepsis gegenüber Macht, zur Distanzierung zu westlichen Parteien bzw. deren demokratischen Legitimationsvorgang, den Wahlen, aber nicht in politische Apathie. Unmittelbare Partizipationsangebote im ‚Nahraum‘ werden genutzt. “ Das war die Kultur der Gestaltung des sozialen Umfelds, die stärker an verständiger denn streitiger, an pragmatischer denn prinzipieller Debatte orientiert war und sich aller Probleme annahm, die sich kollektiv besser klären lassen als allein. “ (Milz 1996:351)

Ulrike Baureithel beschreibt in ihrem Artikel des Buches „Feindliche Schwestern“ von Katrin Rohnstock sehr eindringlich die Konfrontation, der sich vor allem Ost-Frauen ausgesetzt sahen und die erklären läßt, warum es nicht nur bei Feministinnen zwischen Ost und West Unverständnis über das jeweilige Bewußtsein gibt: „ Wie immer das Geschlechterverhältnis in der ehemaligen DDR beschaffen war, wie funktionalistisch ausgerichtet und männlich normiert das politische Gleichheitspostulat auch gewesen sein mag: Die Erfahrung, daß Frau auf den Arbeitsmarkt nichts mehr wert ist und alsältere Frau nicht mehr gebraucht wird; die Erfahrung , daß Kindererziehung nicht mehr in der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung steht; die Erfahrung als Sexualobjekt an Litfaß säulen und Kinoleinwänden ausgestellt zu werden; kurz: die Erfahrung dieser Differenz machen die ostdeutschen Frauen erst in den vergangenen Jahren.

Möglicherweise liegt hier -über Enttäuschungen und Verletzungen hinaus - ein strukturelles Moment für die Aversion zwischen Ost und West... “ (Baureithel in Rohnstock 1996:152).

Der Widerspruch von egalitärer Emanzipationsvorstellung und den beharrlich konstatierten Eigenarten der Geschlechter bleibt auch in den heutigen Untersuchungen bestehen. Bei aller Verschiedenheit der Frauen in Ost und West und der Doppelbelastung, bildeten sich ähnliche Zwischenorientierungen heraus aufgrund gemeinsamer historischer Hintergründe Mutterschaft und Fürsorgearbeit, Unabhängigkeit und Erwerbsteilhabe.

5. Lösungsansätze - Ausblicke

5.1. Die Notwendigkeit der gesellschaftlichen Veränderungen in der BRD

Die BRD befindet sich in einer Krise des öffentliche Lebens und Gemeinwesens. Der ökonomische Strukturbruch seit Mitte der 70 er Jahre bei der das Wirtschaftswachstum hinter dem Tempo der Produktivitätsentwicklung zurückbleibt. Es herrscht in der BRD eine Zuspitzung von Umverteilungskämpfen von rückläufigen Zuwachsraten, aber nicht ein realer Rückgang des Wirtschaftswachstums. Die negativen Effekte der Transformation der ostdeutschen Wirtschaft sind nicht bewältigt. Die neokonservativen VertreterInnen in Politik und Wirtschaft verteidigen geradezu aggressiv die marktregulierenden Grundstrukturen dieser Gesellschaft und bemühen sich soziale Errungenschaften dieser Bundesrepublik in Frage zu stellen und abzuschaffen. (vgl. Nickel 1997:20 )

Eine wirkliche Opposition ist nicht erkennbar, zu sehr werden (Schein)Gefechte zum Machterhalt oder zur Erreichung derselben ausgetragen. So werden Möglichkeiten zur Stärkung von Realinvestitionen ebenso wie tatsächliche gesellschaftliche Veränderungen (Umverteilungen) blockiert.

Das Geschlechterverhältnis und die Lage der Frauen in dieser Gesellschaft sind Paradigmen dieser Krise. Die Verteilungskämpfe um knappe Ressourcen ist somit auch ein Geschlechterkampf um Erwerbsarbeit. Das bekommen vor allem die Ostdeutschen Frauen zu spüren, da sie von der (Langzeit)Arbeitslosigkeit am stärksten betroffen sind und dabei die stärkere Erwerbsorientierung zeigen. Heute läßt sich bereits eine Feminisierung männlicher Erwerbsbiographien erkennen, bei denen mit geringem Einkommen, prekäre Beschäftigung (Scheinselbständige...) die Merkmale der Frauenbeschäftigung gegeben sind und somit eine Angleichung nach unten vollzogen wurde. Nickel nennt das treffend „ Demokratisierung des Geschlechterarrangement “ . (Nickel 1997:21)

Da es aber Ziel sein sollte, daß jedes Mitglied der Gesellschaft über ein selbsterwirtschaftetes und seine eigene Existenz sicherndes Einkommen verfügen kann, ein Einkommen, daß sich auf eine nützliche und öffentlich anerkannte Arbeit stützt, ist die Überwindung der Massenarbeitslosigkeit die Schlüsselfrage der heutigen Zeit. Ein offensive Gestaltung sozialer Gerechtigkeit durch eine Frauen integrierende Arbeitsmarktpoitik ist dabei eine zentrale Forderung. (vgl. Nickel 1997:29) Diese Forderung ist sowohl an den Markt und die Verantwortungsträger des Staates formuliert. Notwendig ist aber darüber hinaus ein öffentlicher Diskurs und Aktionsformen, welche gesellschaftliche Veränderungsmöglichkeiten aufzeigen und zu einer konsequenten (Gegen)Reaktion auf die realen Verhältnisse aufruft.

Bezüglich der von uns bearbeiteten Thematik geht es jedoch zunächst um ein mögliches ‚Zusammenführen‘ von Frauenbewegungen Ost und West, da die von uns angesprochenen Ziele unserer Meinung nach über Solidarisierungsprozesse eingefordert werden können.

5.2. Annäherung der feministischen Positionen zwischen Ost und West

Gegenwärtig besteht noch ein Konglomerat von Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Vor allem aber von Vorurteilen feministischer Positionen in Ost und West.

Nach der ersten Offenheit 1989, einer Phase in der alles möglich schien und sowohl die Frauen als auch die Frauenforscherinnen aufeinander zugingen, verschlechterte sich analog der gesellschaftspolitischen Abkehr von neuen Wegen oder Utopien das Verhältnis zwischen Frauen West bzw. Ost.

An dieser Stelle soll wiederum ein Zitat von Ulrike U. Baureithel (West) dienen, die mangelnde Fähigkeit der Annäherung bzw. die bestehende Differenz zu beschreiben: „ Als ich ihnen dann schließ lich begegnete, Anfang 1990, erschreckten mich ihre verhärmten Gesichter, die abgearbeiteten Gestalten, sie sahen so ausgepowert aus und hatten ein Selbstbewuß tsein und einen Pragmatismus, die mich faszinierten. Ihr Auftreten war so resolut, manchmal fast unfreundlich, und wenn ich auf Frauenbewegte traf, irritierte mich ihre burschikosen und kurzangebundene Art. Überallhin schleppten sie ihre Kinder mit, forderten lautstark die Erhaltung der Kinderbetreuungseinrichtungen - und wir dachten geringschätzig: Was hat das mit Feminismus zu tun? Sie beharrten auf die Beibehaltung der Fristenregelung und plädierten für Beratungspflicht und wir belehrten: Nicht in diesem Staat. Sie stellten sich selbstverständlich als Jurist oder Arzt vor -und wir korrigierten entnervt: Ärztin! Zur Frauen - Disco brachten sie ihre Freunde und Männer mit - und wir brüllten: Männer raus! “ (Baureihel in Rohnstock 1996:152)

Die ostdeutsche Wissenschaftlerin Eifler benennt den Konflikt folgendermaßen: West-Emanzen gegen Ost-Muttis, Befreiungskämpferinnen einerseits, Fußfessel der feministischen Bewegung andererseits. Den West Feministinnen wird in dieser Phase Kolonialherrengebaren vorgeworfen. Den Ostfrauen wiederum Verklärung der realsozialistischen Frauenemanzipation. (vgl. Dölling 1993:404)

U. Müller (West) erarbeitet zu diesem Thema folgende Thesen:

- Der westliche Feminismus betrachtet(e) die Schwestern aus dem Osten und die Forschung die sie betrieben haben unter der Perspektive der Entwicklungshilfe. (analog dem Verhalten der Bundesregierung)
- Probleme, die es in der DDR bezogen auf die Geschlechterfrage gab, werden als Beleg dafür benutzt, daß es nun wirklich nicht Schade sei, daß die DDR unterging.
- Damit werden grundlegende Probleme der Bundesrepublik alt wie neu abgespalten und letztendlich auf die EX-DDR projiziert. Ähnlich wie zu Zeiten des Kalten Krieges fungiert die DDR noch als argumentativer Zweck bei grundsätzlicher Kapitalismuskritik.28 (vgl. Müller 1996:196)

Es kann also zunächst weniger darum gehen Gemeinsamkeiten heraus zu arbeiten als vielmehr Wege des Verstehens und der Verständigung zu suchen.

Gleichheit in der Differenz herzustellen, das heißt, die strukturelle Ungleichheit zu beheben, ohne Differentes auf das Geschlecht zu reduzieren, ist nicht nur eine Forderung an patriarchale Gesellschaften, sondern auch eine Herausforderung für die Frauen selbst. Sonst besteht die Gefahr, daß Frauen in ihrer Differenz nur gleich werden als sozial Ausgegrenzte.(vgl.Baureithel in Rohnstock 1996:158)

5.3. Lösungsansätze für die (ostdeutsche)Frauenforschung und Ausblick

Die Erkenntnisse der Abgrenzung führen zu folgenden Aufgabenstellungen für die ostdeutschen Frauenforschung:

Erstens: Aus dem Anderssein sollte mit Hilfe einer fundierten Analyse und einer begrifflich theoretischen Verarbeitung der Geschichte der realsozialistischen DDR ein eigenes Selbstversändnis entwickelt werden Damit würde der die frauenpolitische Realität der DDR weder vergessen noch verklärt.

Zweitens: Eine kritische Analyse der enttäuschten Wunschvorstellungen von deutsch-deutscher Schwesterlichkeit, bzw. der Allmachtsphantasien von einer gesellschaftsverändernden Frauenbewegung. Und dies nicht nur zum Reflektieren, sondern für eine mögliche Konzipierung von Frauenforschung, die die sozialen und generationsbedingten Differenzen zwischen Frauen ernst nimmt und den Beziehungen zwischen Geschlecht und Alterspositionen nachgeht.

Drittens: Aufdeckung wiederbelebter traditioneller Geschlechterordnungen im Zuge des gegenwärtigen Transformationsprozesse (vgl Dölling in Nickel 1993:406)

In Westdeutschland sind heute Untersuchungen zu Strukturen und Handlungsbedingungen Schwerpunkte der Frauenforschung, das Frauenbewußtsein der 90 er Jahre bleibt eher Nebensache.(vgl. Milz 1996:354)

Ob die Frauenforschung Ost Untersuchungen zum dortigen Frauenbewußtsein und damit Suchbewegungen wider den Geschlechterhierachien in den Vordergrund schiebt bleibt abzuwarten.

Ausgangspunkt der Betrachtungen war die These, daß die Gegensätzlichkeiten von Frauen in Ost und West nicht einfach durch einen schwesterlichen Diskurs zu beheben sind. Wir betrachten diese als bestätigt und konstatieren, daß die Auseinandersetzungen weitestgehend auf einer wissenschaftlichen Ebene stattfinden. Diese sollten stärker in den öffentlichen Diskurs dieser Gesellschaft eingebunden werden. So gesehen kann, wie in der feministischen Debatte um Gleichheit und Differenz, der Unterschied zwischen Ost- und Westfrauen als Chance betrachtet werden, um ein großes Maß bzw. Spektrum an Interessen von Frauen für Frauen zu verwirklichen.

Literatur

Cordes, Mechthild; Begander, Elke 1998: Die Frauenfrage. Tübingen: Institut für Fernstudienforschung an der Universität Tübingen, S. 103-108

Dölling, Irene 1993: Aufbruch nach der Wende. Frauenforschung in der DDR und in den neuen Bundesländern. In: H. M. Nickel (Hrsg.), Frauen in Deutschland 1945-1992. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 397-407

Geißler, Rainer 1996: Die Sozialstruktur Deutschlands. Opladen: Leske+Budrich

Hampele, Anne 1993: Arbeite mit, plane mit, regiere mit. Zur politischen Partizipation von Frauen in der DDR. In: H. M. Nickel (Hrsg.), Frauen in Deutschland 1945-1992. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 301-311

Hanke, Irma 1998: Über das Schweigen reden. Diktaturerfahrung und Literatur. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, Nr. B 13/98, S. 3-12

Hervé, Florence; Steinmann, Elly; Wurms, Renate (Hrsg.) 1996: Das Weiberlexikon. Von A wie "Abenteurerin" bis Z wie "Zyklus". München: Wilhelm Heyne Verlag

Hornig, Daphne; Steiner, Christine 1995: Auf der Suche nach der Bewegung. Zur Frauenbewegung in der DDR vor und nach der Wende. In: Mitteilungen aus der kulturwissenschaftlichen Forschung. Heft 36 (Band Differente Sexualitäten)

Kästner, Susann; Scholz, Sylka 1994: INSEXIS. Wider das Verschwinden einer Idee. In: Berliner Debatte INITIAL, Nr. 6, S. 117-120

Löffler, Dietrich 1998: Lektüren im „Leseland“ vor und nach der Wende. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, Nr. B 13/98, S. 20-30

Milz, Helga A. 1996: Zur deutsch-deutschen Soziologie des Frauenbewußtseins. Paradigmenwechsel der Frauenforschung in Ost und West. In: Berliner Journal für Soziologie, 6. Jg., Nr. 3, S. 339-362

Müller, Ursula 1996: Besserwissende Schwestern? Eine erfahrungsgesättigte Polemik. In: I. Lenz, A. Germer, B. Hasenjürgen (Hrsg.), Wechselnde Blicke. Frauenforschung in internationaler Perspektive. Opladen: Leske+Budrich, S. 188-199

Nickel, Hildegard Maria 1996: Feministische Gesellschaftskritik oder selbstreferentielle Debatte? Ein (ostdeutscher) Zwischenruf zur Frauen- und Geschlechterforschung. In: Berliner Journal für Soziologie, 6. Jg., Nr. 3, S. 325-338

Nickel, Hildegard Maria 1997: Der Transformationsprozeß in Ost- und Westdeutschland und seine Folgen für das Geschlechterverhältnis. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, Nr. B 51/97, S. 20-29

Nickel, Hildegard Maria 1998: Gesellschaftskritischer Biß wäre vonnöten. Akademische Profilierung und politischer Handlungsdruck. Frauen- und Geschlechterstudien in der Zwickmühle. In: Frankfurter Rundschau vom 20.01.1998, S. 10

Nickel, Hildegard Maria 1998a: Frauen und Feminismus in der DDR. Unveröffentlichtes Manuskript

Rohnstock, Katrin (Hrsg.) : Stiefschwestern. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag Rohnstock, Katrin 1998: Die bessere Hälfte. In: Das Magazin, 74. Jg., Nr.5, S. 29-31

Szepansky, Gerda 1995: Die stille Emanzipation. Frauen in der DDR. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag eigene Mitschrift einer Podiumsdiskussion "Feminismus und Frauenalltag in der DDR" am 05.06.1998 im Frieda-Frauenzentrum in Berlin

[...]


1 zu diesem Begriff siehe weiter unten

2 hier fehlt die Betrachtung der Alltagswirklichkeit von Lesben natürlich völlig

3 Anzumerken sei hier, daß in diesen Rahmen alternative Lebensformen (Homosexualität, freiwillige Kinderlosigkeit, Wohngemeinschaften) nicht besonders paßten und das gesellschaftliche Nichtumgehen oder auch Stigmatisieren Symptome dafür sind.

4 Politik, die Schutz für Herausbildung von weiblichen Autonomiepotentialen (rechtliche Gleichstellung, Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit, sozialpolitische Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf) bot, aber auch für deren Begrenzung und Kanalisation sorgte. Gleichberechtigung von oben, Begünstigung des Traditionalismus in den Geschlechterbeziehungen

5 Vorsprung ostdeutscher Frauen gegenüber westdeutschen, hervorgerufen von Gleichberechtigung durch verallgemeinerte auf Frauen und Männer gleichermaßen bezogene Erwerbsarbeit und flankierende sozialpolitische Maßnahmen in der DDR (vgl. Geißler 1996)

6 So berichtet die Interviewte Frau H. von einer empfundenen Gleichberechtigung im Beruf und gesellschaftlicher Anerkennung ihrer Persönlichkeit, jedoch auch von erfahrener Nicht-Gleichberechtigung in der Familie, die sie jedoch auch der Tatsache zuschreibt, nicht genügend Verantwortung ihres Mannes für die Familie eingefordert zu haben. Ihre Kinder erzog sie jedoch mit dem Anspruch, daß auch Familienarbeit von allen Mitgliedern zu gleichen Teilen geleistet werden muß.

7 Dieser Begriff stammt von Anne Hampele (Hampele 1993:301). Er erscheint ziemlich unglücklich gewählt, denn das logische Gegenstück wäre der paradoxe Begriff “staatliche Frauenbewegung”

8 Sozialistische Einheitspartei Deutschlands

9 Aktionsformen: Einbettung von Aktionen in vorhandene kirchliche Aktivitäten (Gottesdienste, Friedensgebete, Kirchentage, Frauenforen, kirchliche Frauenarbeit), Herausgabe von Zeitschriften wie z.B. "lila Band" (theologisch)

10 Eine Protagonistin dieser Interessengruppe bezeichnete diese Diskussionen einmal als FrauenBewußtwerdungsarbeit. (Hampele 1993:317/ Anm.122)

11 Wehrdienstgesetz der DDR §3, Absatz 5

12 “Im Zusammenhang mit der Wehrpflichtverweigerung schrieb die Berliner Gruppe: ‘Wir Frauen glauben, daß die Menschheit heute an einem Abgrund steht und daß die Anhäufung von Waffen nur zu einer wahnsinnigen Katastrophe führt. Dieser schreckliche Untergang kann vielleicht verhindert werden, wenn alle Fragen, die sich aus der Tatsache ergeben, öffentlich diskutiert werden.’” (Hampele 1993:304)

13 Diese Form wurde sonst eher als letzte Interventionsmöglichkeit für vor allem private Anliegen wie Wohnungsprobleme oder das Fehlen eines Kindergartenplatzes eingesetzt.

14 Am 12.12.1983 wurden Ulrike Poppe, Bärbel Bohley, Irena Kukutz und Jutta Seidel verhaftet, die beiden letztgenannten wurden am folgenden Tag wieder freigelassen. Außerdem kam es zu Verhaftungen in Jena, Weimar, Potsdam. (vgl. Hampele 1993:318/Anm. 128)

15 Fasten, Schweigen, Klagen, Friedensdekade, Eingaben

16 Homosexuelle Subkultur hat es natürlich wie überall auch in der DDR immer gegeben. Die Gelegenheit, sich in nicht negativ belegten Örtlichkeiten (Klappen z.B.) zu treffen, war jedoch ein großer Fortschritt.

17 Freie Deutsche Jugend, staatliche Jugendorganisation der DDR

18 Die zentrale Steuerung der Buchproduktion der DDR beinhaltete auch eine sogenannte Präventivzensur, die nicht vordergründig auf das Verbot einzelner Werke abzielte, sondern die Gesamtproduktion hinsichtlich der Proportionen der Gattungen und Genres, der Auflagenhöhe für bestimmte Titel und bei kritischen Titeln auch bis hin zu Rezensionen beeinflußte.

19 laut Löffler hervorgerufen durch eine “lebenslange Lesesozialisation” in der DDR (Löffler 1998:21)

20 1989 waren in ”97% der 7565 Gemeinden staatliche, allgemeine, öffentliche Bibliotheken vorhanden” (Löffler 1998:21)

21 hier mehr im Sinne von Literatur von Frauen, als Literatur für (ausschließ lich) Frauen

22 Weitergehende Beschäftigung mit diesem Thema finden sich z. B. bei Hanke 1998, Löffler 1998.

23 soziale Bewegung : besonderer Typus von Kollektiven, nämlich auf gewisse Dauer gestellte Netzwerke von Gruppen und Organisationen mit einem Konglomerat von ebenen-, gruppen- und organisationsspezifischen Identitäten, die sozialen Wandel mit Mitteln des Protests herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen, sie läßt sich nicht allein auf Spontaneität und die Unmittelbarkeit von face-to-face-Kontakten gründen, sondern besteht als zumindest loses, teilweise auch durch formale Organisation gestütztes Netzwerk von oft großer räumlicher Ausdehnung (Rucht 1997)

24 Motto des Unabhängigen Frauenverbandes

25 z.B. beim Senat von Berlin oder bei der Kommission zur Erforschung des sozialen und politischen Wandels in den neuen Bundesländern

26 Heute bildet genau das den „guten Nährboden“ für die Durchsetzung von westlich geprägter Komplementarität, die einhergeht mit der nach wie vor ungleichen Verteilung von Existenzchancen. (vgl. Müller 1996 ebenda)

27 Hoecker benennt den Widerstand als leise aber zäh. Anderen westlichen Autorinnen ist in ihren Texten anzumerken, daß sie enttäuscht sind von dem ausbleibenden Protest gegen Erwerbslosigkeit ostdeutscher Frauen.

28 Früher hieß es: ”Geh doch nach drüben, wenn’s Dir nicht paßt.” -Heute: ”Man hat doch gesehen, daß es keine Alternative zu diesem System gibt.”

Details

Seiten
24
Jahr
1998
Dateigröße
398 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v96648
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Frauenpolitik Frauenbewußtsein Frauenbewegung Frauenforschung Eine Suche Ursachen Verhältnisses Feministinnen Forschung West Seminar Feministische Theorien Sozialwissenschaften

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Titel: Frauenpolitik, Frauenbewußtsein, Frauenbewegung und Frauenforschung in der DDR