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Aggressives Verhalten

Skript 1999 5 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Aggressives Verhalten

1) Was versteht man unter aggressivem Verhalten?

Man unterscheidet enge und weite Definitionen von Aggression. Bei den weiten Aggressionsdefinitionen werden quasi alle Verhaltensweisen, die ein hohes Aktivierungsniveau voraussetzen als Aggression bezeichnet, z.B. auch Ehrgeiz und Durchsetzungsvermögen. Eine solch weite Definition läßt den Begriff schwammig werden, deshalb habe ich eine enge Definition gewählt, die sich an FELSON anlehnt.

Aggression wird verstanden als eine Handlung, mit der einePerson ein anderes Individuum verletzt, zu verletzen suchtoder zu verletzen droht, unabhängig davon wie dieseHandlung begründet wird.

2) Welche Phänomene aggressiven Verhaltens lassen sich unterscheiden?

Man kann nicht von dem aggressiven Verhalten, nicht von der Aggression schlechthin sprechen, denn es zählen ganz unterschiedliche Phänomene dazu. Zur Unterscheidung stellt sich besonders die Frage, ob eine aggressive Handlung aktiv oder reaktiv, ob sie aggressiv motiviert oder nicht aggressiv motiviert ist.

a) Vergeltungs-Aggression

Die Vergeltungs-Aggression ist reaktiv. Sie bezieht sich auf eine vorherige Ärger-Situation und verlangt nach Vergeltung, nach Wiedergutmachung o.ä. Die Schmerzzufügung dient dazu, die innere Zufriedenheit wieder herzustellen, sie ist also aggressiv motiviert.

BEISPIEL: Ein Schüler setzt ein böses Gerücht über einen anderen in Umlauf, weil der ihn während einer Klassenarbeit nicht abschreiben ließ.

b) Abwehr-Aggression

Die Abwehr-Aggression ist ebenfalls reaktiv. Die Schmerzzufügung erfolgt, um eine Belästigung oder eine Gefahr abzuwehren. Die aggressive Handlung ist hier Mittel zum Zweck, damit ist das Verhalten nicht aggressiv motiviert.

BEISPIEL: Ein Schüler schimpft: „Laß‘ mich doch in Ruhe!“, um zu Umgehen, daß ein Mitschüler ihm Fragen zu einem unangenehmen Thema stellt.

c) Erlangungs-Aggression

Bei der Erlangungs-Aggression ist die Schmerzzufügung Mittel zum Zweck und erfolgt aus eigenem Antrieb. Sie ist also aktiv und nicht aggressiv motiviert.

BEISPIEL: Ein Schüler schubst einen anderen beiseite, um im Bus einen besseren Platz zu erhalten.

d) Spontane Aggression

Die spontane Aggression kommt zahlenmäßig am seltensten vor, muß aber erwähnt werden, um solche Phänomene wie sadistische Handlungen beschreiben zu können. Die spontane Aggression ist also aktiv und aggressiv motiviert.

BEISPIEL: Einzelne Schüler tyrannisieren und schikanieren andere durch ihre Attacken.

Unter das Phänomen spontane Aggression fällt auch das ‚Suchen‘ nach einem Grund, um eine Schlägerei oder Rempelei anzufangen. Es handelt sich dann nur scheinbar um eine Vergeltungs-Aggression.

3) Lernen aggressiver Verhaltensweisen

Neben anderen Theorien (z.B. Triebtheorien oder Frustrations- Aggressionstheorien) gibt es Theorien, die davon ausgehen, daß aggressive Verhaltensweisen auf Lernprozesse zurückgehen. Ich habe diesen Aspekt herausgegriffen, weil Lernen auch bedeutet, daß man etwas Verlernen kann. Auch impliziert sind Umlernen und neu Lernen. Somit ergeben sich hier auch viele mögliche Ansätze zur Intervention und Prävention, worauf ich später noch eingehen möchte.

a) Lernen am Effekt

Lerntheoretiker nehmen an, daß aggressives Verhalten genauso wie anderes Verhalten davon abhängt, welche Konsequenzen auf ein Verhalten folgen. Aggressives Verhalten wird dann besonders häufig gezeigt, wenn die Person damit schon in ähnlichen Situationen erfolgreich war. Die positiv empfundenen Konsequenzen von aggressivem Verhalten können sein: Durchsetzung, Anerkennung, Beachtung, Gerechtigkeitserleben und Stimulierung.

BEISPIELE: Ein Kind schubst ein anderes weg und gelangt so an ein begehrtes Spielzeug.

Ein Schüler beschimpft den Lehrer und erfährt so die Beachtung des Lehrers und seiner Mitschüler.

Das Abwenden negativer Konsequenzen kann ebenfalls aggressives Verhalten bestärken.

BEISPIEL: Ein Kind hat einen Wutanfall, die Eltern hören auf zu schimpfen.

b) Lernen am Modell

Eine Art des Neuerwerbs von Verhaltensweisen stellt das Lernen am Modell dar. Ein Verhalten eines anderen wird beobachtet und nachgeahmt. Durch ein aggressiv handelndes Modell kann also aggressives Verhalten gelernt werden, ob sich dieses dann auch zeigt, hängt von weiteren Faktoren ab.

Genießt die Modell-Person ein hohes Ansehen oder eine hohe Autorität (aus der Sicht des Lerners), wird das Verhalten eher nachgeahmt. Wird die Modell-Person für ihr aggressives Verhalten belohnt, ist die Auftretenswahrscheinlichkeit beim Lerner ebenso höher.

c) Kognitives Lernen

Durch kognitives Lernen kommt es zum Interpretieren und Bewerten von Situationen sowie bewußtem Planen und Steuern des eigenen Handelns. Ursachenzuschreibungen können aggressives Verhalten in großem Maße beeinflussen.

BEISPIEL: Ein Schüler wird von einem anderen auf den Fuß getreten. Wie wird die Situation bewertet? Hat der andere aus Versehen, aus Fahrlässigkeit oder mit voller Absicht gehandelt? Je nachdem zu welchem Urteil der Getretene kommt wird auch seine Reaktion unterschiedlich ausfallen.

Kognitives Lernen kann für aggressives Verhalten bedeuten, daß sich jemand sehr ausgeklügelte Strategien ausdenkt, wie er einen anderen schädigen kann (z.B. Banküberfall).

Durch kognitives Lernprozesse kann man aber auch zu Handlungsalternativen zu aggressivem Verhalten und Lösungsansätzen zu Problemen kommen. Umgekehrt folgt daraus, daß möglicherweise starres unflexibles Denken eher dazu führt, daß sich jemand aggressiv verhält.

d) Signallernen

Bestimmte Reize in der Umwelt können ein aggressives Verhalten mitbedingen, wenn vorher eine negative, aggressive Bedeutung für diese Reize gelernt wurde. So können Waffen, bestimmte Worte, Uniformen dazu führen, daß aggressives Verhalten verstärkt auftritt.

4) Mögliche Maßnahmen zur Prävention und Intervention bei aggressivem Verhalten im schulischen Kontext

I. Man kann sozial erwünschtes Verhalten verstärken (Lob,anerkennender Blick) oder Schritte in die ‚richtige‘ Richtung. Das ‚Bestrafen‘ von aggressiven Verhaltensweisen kann im Zusammenhang mit in der Klasse ausgehandelten Regeln und Sanktionen erfolgen.
II. Lehrer haben - bewußt oder unbewußt - ebenso Modellcharakter wie andere Menschen auch, deshalb sollte man die Gelegenheit nutzen, z.B. friedliche Konfliktlösungen vorzuleben. Schüler haben untereinander auch Modellcharakter, deshalb ist es notwendig, wenn aggressives Verhalten vorkommt, auch tatsächlich unerwünschtes Verhalten zu ‚bestrafen‘.
III. Im Zusammenhang mit dem kognitiven Lernen kann man in der Klasse Problemlösestrategien im Rollenspiel oder fiktiven Konfliktsituationen trainieren, so daß den Schülern alternative Handlungsmöglichkeiten zum aggressiven Verhalten eröffnet werden.
IV. Reize und Signale, die (in unserer Kultur) sehr häufig mit aversiven Gefühlen verbunden sind wie z.B. Abzeichen mit geballten Fäusten o.ä. gehören nicht in die Schule.

Häufig ist die Ursache von aggressivem, störenden Verhalten in der Schule ein empfundener Mangel an Zuwendung und Aufmerksamkeit. Es ist notwendig eine menschliche-soziales Klima in der Klasse zu schaffen, in der jeder - auch wenn er gerade aggressives Verhalten gezeigt hat - Wertschätzung und Anerkennung erfährt.

Details

Seiten
5
Jahr
1999
Dateigröße
355 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v96985
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
Schlagworte
Aggressives Verhalten Rehabilitationspsychologie

Autor

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Titel: Aggressives Verhalten