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Macht in den Internationalen Beziehungen - Warum sind die (neo-)realistischen Theorieansätze so dominant?

Seminararbeit 2000 25 Seiten

Politik - Internationale Politik - Allgemeines und Theorien

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG:

DER KLASSISCHE REALISMUS VON MORGENTHAU
Die Realismus-Idealismus-Debatte
Der klassische Realismus
Das Menschenbild bei Morgenthau
Der Machtbegriff Morgenthaus
Die militärische Macht
Die politische Macht
Macht und Interesse

DIE ENTWICKLUNG ZUM NEOREALISMUS
Kritik am Realismus
Der Neorealismus im Vergleich zum Realismus Morgenthaus
Ein neues Menschenbild
Das innovative Element des Neorealismus
Der Machtbegriff im Neorealismus
Das Mächtegleichgewichtskonzept

ANDERE ANALYSEANSÄTZE IN DEN INTERNATIONALEN BEZIEHUNGEN
Hierarchietheorien
Zentrum-Peripherie-Theorie
Die Dependenztheorie
Der Neoliberalismus
Der Neoinstitutionalismus
Die konstitutionelle Annahme
Die interdependenzielle Annahme
Die transnationale Annahme
Die funktionalistische Annahme
Die rationale Annahme
Der Machtbegriff im Neoinstitutionalismus

SCHLUß

LITERATUR

Einleitung:

Die realistische Schule, 1948 von Morgenthau mit seinem Buch “Politics among Nations” begründet, hat mit ihrem Analyseansatz die Entwicklung der Disziplin “Internationale Beziehungen” in paradigmatischer Weise geprägt1. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sie sich in der Realismus-Idealismus-Debatte durch und konnte tonangebenden Einfluß in der Lehre der Internationalen Beziehungen gewinnen. Morgenthaus Ansatz stellte zumindest für ein Jahrzehnt eine fast schon orthodox zu nennende Orientierung der Disziplin dar.2 Auch heute noch wird der Diskurs in den Internationalen Beziehungen von realistischen und neorealistischen Konzepten beherrscht.3

Diese Arbeit soll aufzeigen warum der Realismus und die theoretische Fortentwicklung dieses Ansatzes auch heute noch so beherrschende Analyseansätze in den Internationalen Beziehungen sind.

Die zu Grunde liegende Annahme dieser Arbeit ist es, daß vor allem das Machtkonzept, welches von Morgenthau eingeführt wurde, einer der zentralen Punkte ist, daß dieser Analyseansatz bis in die heutige Zeit aktuell geblieben ist.

Im ersten Teil der Arbeit möchte ich zuerst auf das Menschenbild, die historischen Umstände und auf den Politkbegriff bei Morgenthau hinweisen um die Grundlagen seiner Theorie zu umreißen. Danach werde ich auf den Machtbegriff von Morgenthau eingehen und aufzeigen, daß es nicht nur der Webersche Machtbegriff ist, wie Morgenthau oft vorgehalten wird, der seinen Ansatz prägt, sondern besonders auf die Differenzierung Morgenthaus zwischen Gewalt und Macht um einen Ansatz zu finden, welcher der Internationalen Politik eine Perspektive zur gewaltlosen Konfliktbewältigung geben könnte. Morgenthau unterscheidet dabei zwischen politischer und militärischer Macht. Auf diesen Unterschied soll genau eingegangen werden, da Morgenthau dort, in dem Verlust der politischen Macht, auch die Ursache für Gewalt in den Internationalen Beziehungen sieht. Vor allem kristallisiert sich im Begriff der politischen Macht auch Morgenthaus Machtbegriff ganz genau heraus.

Im zweiten Teil werde ich die Entwicklung des Morgenthauschen Ansatzes hin zum Neorealismus aufzeigen. Dabei werde ich auf die Kritik am Realismus einerseits und auf die Veränderung der weltpolitischen Umstände andererseits kurz eingehen, um zu erklären, wie der Neorealismus entstand. Hierbei werde ich mein Augenmerk vor allem auf die Unterschiede zum klassischen Realismus richten, und auf die Frage, ob sich der Machtbegriff im Neorealismus geändert hat.

Im dritten Teil werde ich versuchen die anderen, meiner Meinung nach wichtigsten, Ansätze der Internationalen Beziehungen auf ihren Machtbegriff hin zu untersuchen und probiere dabei heraus zu finden, warum der (neo-) realistische Ansatz noch in den heutigen Diskursen der Internationalen Beziehungen so einen großen Stellenwert hat. Ich bin mir dabei bewußt, daß ich nicht alle Theorien, die es derzeit in den Internationalen Beziehungen gibt, gebührend beachten kann. Insbesondere lasse ich die Ansätze weg, die einen Analyseansatz auf individueller Ebene bilden. Also besonders Spieltheorie und Entscheidungstheorie.

Bei Ansätzen die den Morgenthauschen Machtbegriff übernommen haben, werde ich vor allem auf die Unterschiede zum Realismus eingehen. Während ich bei Ansätzen, wo der Machtbegriff fehlt oder eine untergeordnete spielt, versuchen werde herauszufinden, ob das ein Kritikansatz des jeweiligen Analysekonzeptes ist oder ob dieser Ansatz sich nur schlecht mit dem realistischen Ansatz vergleichen läßt.

Zum Schluß werde ich dann versuchen zu erläutern warum der Morgenthausche Realismus, mit seiner Entwicklung zum Neorealismus, tatsächlich wegen oder trotz dem Machtbegriff so führend in den heutigen Debatten der Internationalen Beziehungen ist.

Der klassische Realismus von Morgenthau

Die Realismus-Idealismus-Debatte

Am 30.Mai 1919 vereinbarten die amerikanische und britische Delegation auf der Pariser Friedenskonferenz die Errichtung zweier wissenschaftlicher Institute zur Erforschung der Internationalen Beziehungen. Dieses Datum gilt seither als die Entstehung der Internationalen Beziehungen als eigenständige Disziplin. Ein Jahr später folgte die Gründung des “British Institute of International Affairs und das American Institute of International Affairs.4 Diese Institute waren organisatorisch noch nicht mal richtig verfestigt, da brach bereits die erste große Debatte in der Disziplin aus: Die Idealismus-Realismus-Debatte.

Die Debatte brach also direkt nach den negativen Erfahrungen des Ersten Weltkrieges aus und sollte noch bis Ende der 50er Jahre andauern.

Um zu erforschen, wie ein friedliches Leben der Staaten verwirklicht werden könnte, bildete sich eine stark idealistische Prägung in der jungen Disziplin. Die Weltordnung sollte “unter Rekurs auf die Prinzipien der kollektiven Sicherheit, der friedlichen Streitbeilegung und des ‚peaceful change‘ internationale Konfliktquellen eliminieren.”5 Ein Beleg dafür, daß das Denken und Handeln vieler Staatsmänner nach dem ersten Weltkrieg von der Beschäftigung dominiert wurde ist die Gründung des Völkerbundes (League of Nations) im Jahre 1919.

Die Idealisten glaubten an die Erreichbarkeit der Weltgesellschaft, die auf einer alle Menschen umfassenden Rechtsgemeinschaft beruht. Sie gingen davon aus, daß es einen Bereich gebe, in dem die Interessen des Individuums, der Nation und der Weltgesellschaft übereinstimmten. Es wird dabei angenommen, daß der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen sei, der, wenn er nur genug aufgeklärt ist, dieses universelle Ideal erfassen und annehmen könne. Dieses von allen Menschen erwünschte Ideal sei der Frieden und die Gerechtigkeit. Es herrsche also eine Interessenharmonie, welche zwar nicht zwingend zur Entstehung einer Weltgesellschaft führen müßte, die aber durch die Einführung einer Weltorganisation, die auf dem Völkerrecht beruht und Instrumente zum Krisenmanagement habe, erreicht werden könne. Zudem nahmen sie an, daß Nationen ihre eigenen Interessen zugunsten eines universellen Ideals unterordnen könnten.

In diesem Zusammenhang sieht der Idealismus eine kausale Beziehung zwischen der regierungsform und dem außenpolitischen Verhalten eines Staates. Autokratische Herrscher hätten eher die Neigung, Krieg zu führen, während demokratische Staatsformen eine friedliche Außenpolitik verfolgen.6 Eine Vereinheitlichung der regierungsformen der Staaten auf Demokratie würde deshalb nach Ansicht des Idealismus die Entstehung einer idealen Weltgemeinschaft beschleunigen.7

Die realistische Schule ging im Gegensatz dazu von einer grundsätzlichen Konkurrenz zwischen Staaten um internationale Macht aus. In ihrem Menschenbild waren sie weitaus pessimistischer und gingen nicht von einem vernunftbegabten und Frieden suchenden Menschen aus, sondern sahen im Menschen zuallererst ein machtbesessenes Wesen. Die Kräfte die in dieser Welt herrschen seien nicht Interessenharmonie und Gerechtigkeit, sondern Macht, Interesse und Staatsräson. Hans J. Morgenthau hat sich bei dieser Debatte als der führende Wissenschaftler erwiesen. Gemeinsam mit anderen Vertretern der realistischen Schule, E.H. Carr und Georg Schwarzenberger, warnte er die Staatengemeinschaft vor dem Zweiten Weltkrieg, der Durchsetzung der menschlichen Vernunft und der Anbindung der internationalen Vereinbarungen zu viel Vertrauen zu schenken.

Durch den Zweiten Weltkrieg wurden die Idealisten durch die Praxis bloßgestellt und der Realismus setzte sich als führender Ansatz in den Internationalen Beziehungen durch. Dieser bereits klassisch gewordene Realismus Morgenthaus soll im folgenden näher erklärt werden, da große Teile dieses Ansatzes bis heute aktuell geblieben sind.

Der klassische Realismus

Die zentrale Frage, die Morgenthau zu beantworten versuchte, lautet Wodurch werden Staaten beim Eintritt in die Internationale Politik motiviert? Werden sie motiviert durch universelle Ideale und Werte, wie die Idealisten behaupten, oder durch das Bedürfnis nach internationaler Macht?

Morgenthau legt dabei die Rahmenbedingungen für Internationale Politik fest. Es herrscht ein internationaler Zustand der Anarchie und die Akteure sind die Nationalstaaten. Jeder dieser Staaten der in die Arena der Internationalen Politik eintritt versucht durch den Kampf um Macht seine Ziele zu erreichen. Morgenthau versucht dann diesen Ansatz historisch zu belegen:

Welches Volk will von einer stärkeren Macht unterdrückt werden? Wer möchte, daß sein Eigentum widerrechtlich geraubt werde? Aber gibt es eine Nation, die nicht schon ihre Nachbarn unterdrückt hätte? Wo auf der Welt gibt es ein Volk, das nicht fremdes Eigentum geraubt hätte? Wo?8

Ihm reicht es nicht, daß es ein ideelles Ziel gebe um Internationale Politik zu erklären. Er behauptet, daß die Menschen in sich ein Machtstreben haben, ganz gleich welche Ziele sie verfolgen. Er führt als Beispiele die Kreuzfahrer an, die das Heilige Land von Herrschaft der Ungläubigen befreien wollte oder Woodrow Wilson, der die Welt für die Demokratie gewinnen wollte. Alle hätten unter dem Deckmantel der Kooperation oder im Namen von universellen Idealen Machtpolitik betrieben. Der Realismus behauptet also, das Internationale Politik der Kampf der Nationalstaaten um Macht in einer internationalen Anarchie sei.

Das Menschenbild bei Morgenthau

Der politische Realismus geht davon aus, daß Politik, so wie die Gesellschaft allgemein von objektiven Gesetzen beherrscht wird, deren Ursprung in der menschlichen Natur liegt. Um die Gesellschaft zu verbessern, muß man vor allem die Gesetze verstehen, denen sie gehorcht.9

Hier zeigt sich ein wichtiger Faktor der die ganze Theorie Morgenthaus durchzieht. Sein Menschenbild. Morgenthau hat dieses Menschenbild von einer Reihe von Politikanalytikern übernommen, angefangen bei Macchiavelli über Hobbes, Nietzsche zu Niebuhr. Bei Morgenthau heißt das:

Jeder begreift, daß der Einzelne nach Macht strebt.10

Damit übernimmt Morgenthau das Menschenbild aus der Tradition des Rationalismus. Seine Aussageähnelt stark der von Thomas Hobbes von 1651:

So halte ich an erster Stelle ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht für einen allgemeinen Trieb der gesamten Menschheit, der nur mit dem Tode endet.11

Auch Nietzsche hielt den Mensch vor allem für ein machtbesessenes Wesen:

Was der Mensch will, was jeder kleinste Theil eines lebenden Organismus will, das ist ein Plus von Macht.12

Morgenthau selbst, hat jedoch Reinhold Niebuhr als den Vordenker betrachtet, der ihn am meisten beeinflußt hätte. Nach seiner Angabe war Niebuhrs Einfluß auf ihn “Bestätigung, Vertiefung und Stimulation”. Niebuhrs Anthropologie geht von einem dualistischen Menschenbild aus, welches Morgenthau übernahm und die dann eine Säule seiner realistischen Theorie ausmachte. Aus dieser anthropologischen Perspektive erklärt sich menschliches Verhalten weitestgehend, wenn auch nicht ausschließlich, aus drei Trieben: Aus dem Selbsterhaltungstrieb, dem Fortpflanzungstrieb und vor allem aus dem Machttrieb.

Da der Machttrieb einer der tiefsten menschlichen Triebe ist, wäre es auch

sinnlos und selbstmörderisch, dem einen oder anderen Volk auf Erden das Verlangen nach Macht zu nehmen, solange man es denübrigen läß t. Kann das Verlangen nach Macht nicht auf der ganzen Welt beseitigt werden, so würden die, die davon geheilt sind der Macht der anderen zum Opfer fallen.13

Diese leichtfertige Übernahme des Menschenbildes und der Übernahme in eine Theorie der Internationalen Beziehungen war später auch einer der Ansätze an der Kritik des Realismus, da dieser Ansatz von vielen Theoretikern nicht geteilt wurde. In dem man einfach ein Menschenbild als Basis nimmt, welches den Machttrieb als Ursache für Internationale Politik sieht, nimmt man einen Status Quo an, der nicht verändert werden kann und der eine Kooperation unter Staaten als unwahrscheinlich ansieht, es sei denn die Kooperation würde einen Machtgewinn bedeuten.

Auch die implizite Aussage, daß das Verhalten einzelner Menschen so einfach auf das Verhalten von Staaten zu übertragen ist, löste viel Kritik und Ratlosigkeit aus. Zumindest müßte Morgenthau die Bedingungen dieser Übertragung erklären. Er läßt sie aber nur als Grundthese stehen.

Für diese Arbeit soll aber nur festgehalten werden, daß das Fundament für Morgenthaus Machtbegriff, sein Bild vom machtbesessenen Menschen, stark kritisiert und nicht ausreichend erklärt wurde.

Der Machtbegriff Morgenthaus

Internationale Politik ist, wie alle Politik, ein Kampf um die Macht. Wo immer die letzten Ziele der Internationalen Politik liegen mögen, das unmittelbare Ziel ist stets die Macht.14

In dieser Definition der Internationalen Politik von Morgenthau steckt implizit die Funktionsweise von Macht. Macht ist ein Medium zum Erreichen eines Zieles. Dieses Ziel kann Sicherheit, Frieden, Wohlstand oder auch Macht selber sein, es ist und bleibt dennoch nur ein Medium oder ein Mittel zum Erreichen eines Zieles. In der Aussage, daß Macht ein unmittelbares Ziel sei, steckt zwar die oben genannte Auffassung Nietzsches oder Hobbes, daß jeder Mensch so viel Macht wie möglich ansammeln möchte, jedoch deutet Morgenthau hier darauf hin, daß es noch ein letztes Ziel gibt, welches der Mensch durch Macht zu erreichen versucht. Während in den Definitionen von Hobbes und Nietzsche noch ein großes Potential zur Gewalttätigkeit besteht, da unklar bleibt wie die Macht als Medium genau genutzt werden soll, wird Morgenthau später klarer:

Wenn von Macht gesprochen wird, ist die Herrschaft von Menschenüber das Denken und Handeln anderer Menschen gemeint.15

Macht herrscht hier also in sozialen Beziehungen und bedeutet anderen Leuten seinen Willen aufzuzwingen, daß sie danach handeln und denken. Diese Definition erinnert stark an die vielzitierte Definition von Max Weber, das Macht sei

jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.16

Aber auch diese Definition schließt Gewalt nicht aus. Die Weite dieser Definition spiegelt sich in Morgenthaus Erklärung, daß der Begriff Macht in all den Varianten ihrer Erscheinugsform von subtilsten geistigen Überzeugungsvermögen zu brutalster physischer Gewalt, somit alles umschließt, was geeignet ist, um Kontrolle von Menschen über Menschen zu errichten und zu erhalten. Doch damit ist Morgenthau, der die Internationalen Beziehungen auch als Kriegsvermeidung interpretiert, nicht zufrieden. Er unterscheidet deshalb zwischen einer gewalttätigen Macht, der militärischen Macht, die nur als ultima ratio ansieht, und der eigentlichen Macht, auf die es ihm ankommt, der politischen Macht.

Die militärische Macht

Militärische Macht definiert Morgenthau folgendermaßen:

Wird Gewalt angewendet, bedeutet dies, daß die politische Macht zugunsten militärischer oder pseudomilitärischer Macht zurücktritt.17

Damit schließt Morgenthau Gewalt nicht aus. Morgenthau meinte, daß jedes Mal wenn in der Geschichte der Internationalen Politik Gewalt angewendet wurde, standen die Regierungen und Völker vor der Frage, ob sie sich kampflos unterwerfen oder ihre eigene Macht zum Widerstand einsetzen sollten. Aber er zeigt klar, daß erst etwas anderes versagen muß, damit es zur Gewalt kommen kann. Mit dem Begriff der politischen Macht distanziert sich Morgenthau also, den Machtbegriff als potentiellen Gewaltbegriff zu verstehen, sondern verweist darauf, daß es andere Möglichkeiten gibt Macht anzuwenden. Dafür soll der Begriff der politischen Macht näher unter die Lupe genommen werden.

Die politische Macht

Politische Macht ist eine psychologische Beziehung zwischen denen, die die Macht ausüben, und anderen,über die sie ausgeübt wird. Durch den Einfluß des ersteren auf das Denken der letzteren erlangen diese die Herrschaftüber bestimmte ihrer Handlungen. Dieser Einfluß geht auf drei Ursachen zurück: Die Hoffnung auf Gewinn, die Furcht vor Nachteil und die Achtung oder Liebe für Menschen oder Institutionen. Er kann durch Befehle, Drohungen, Ü berzeugung, Autorität oder die Berufung eines Menschen oder eines Amtes oder durch eine Verbindung zwischen diesen ausgeübt werden.18 Mit dieser Definition hat Morgenthau es schließlich geschafft eine potentielle Anwendung physischer Gewalt auszuschließen. Macht wird nun über psychologische Beziehungen ausgeübt. Solange Staaten sich also in den Internationalen Beziehungen in der politischen Dimension befinden, schließt das den Gebrauch von Gewalt untereinander aus. Macht ist also ein Mittel zur Erreichung von Zielen ohne die Anwendung von Gewalt. Dies erinnert dann schon eher an den Machtbegriff Luhmanns als an den von Weber:

Macht erzeugt sich als Medium dadurch, daß sie die Handlungsmöglichkeiten verdoppelt. Dem von Alter gewünschten Verlauf wird ein anderer gegenüber gestellt, den weder Alter noch Ego wünschen können, der aber für Alter weniger nachteilig ist als für Ego, nämlich das Verhängen von Sanktionen. Die Form der Macht ist nichts anderes als diese Differenz, die Differenz zwischen der Ausführung der Weisung und der zu vermeidenden Alternative.19

Diesähnelt dem Machtbegriff, den auch Morgenthau als politische Macht definiert. Für Morgenthau hat Macht einen universellen Charakter in Zeit und Raum und ist der Grundbegriff um den sich die Internationale Politik dreht. Er meinte dadurch sogar das Fundamentalelement der allgemeinen Politik entdeckt zu haben. Was also für die Rechtswissenschaften die Norm, für die Volkswirtschaftler der Nutzen, für Moralisten die Ethik oder außerhalb der Sozialwissenschaften, für Physiker die Energie ist, das bedeutet für den Politikwissenschaftler die Macht.20

Macht und Interesse

Interessen sind das Ziel welches durch den Gebrauch von Macht erreicht werden sollen. Macht ist also das Mittel eines bestimmten Zwecks. Da die Ausübung von Macht immer politischer Natur ist, muß also auch das Ziel politisch sein.

Nicht jedes Handeln das ein Staat gegenüber einem anderen ausübt ist ein Akt der Machtpolitk. Aber wenn das Handeln kein auf Machtinteressen bezogenes Handeln ist, ist es kein politisches Handeln mehr. Es sind dann Akte der wirtschaftlichen, juristischen, kulturellen oder humanitären Natur. Als Beispiele für Handeln dieser Art gelten für Morgenthau der Austausch von Waren und Dienstleistungen mit anderen Nationen, Hilfe bei Naturkatastrophen oder kultureller Austausch.

Sobald es aber in irgendeiner Form um Macht geht, geht es um Internationale Politik. Bedient sich also eine Nation bei der Verfolgung von nationalen Zielen, bzw. Interessen der Internationalen Politik, betreibt sie schon Machtpolitik. Um zu überleben oder die Bedingungen zum Überleben in der internationalen Anarchie zu verbessern, so stellt Morgenthau fest, versuchen alle Staaten, Einfluß aufeinander, also Macht zu gewinnen. Allerdings glaubt Morgenthau, daß alle formulierbaren außenpolitischen Ziele in drei Gruppen eingeordnet werden können: Erhalten des Status quo (keep power), Expansion von Macht (increase power) und Erhöhung des Prestiges (demonstrate power). Dementsprechend gibt es drei Typen von Außenpolitik: Status quo-Politik, Imperialismuspolitik und Machtdemonstrationspolitik.21

Status quo-Politik soll dazu dienen, die vorhandene Machtverteilung zu bewahren und damit eigene Einflußmöglichkeiten aufrechtzuerhalten. Hingegen dient die Imperialismuspolitik dazu, das existierende Machtverhältnis zu eigenen Gunsten zu verändern. Ziel dieser Politik könnte Einrichtung Vorherrschaft oder Hegemonie auf regionaler, kontinentaler oder globaler Ebene sein.22

Die Machtdemonstrationspolitik wird von Staaten nur betrieben um andere Staaten zu beeindrucken oder um sie von ihrem Machtpotential zu überzeugen. Dies geschieht in der Regel per Diplomatie oder Militärdemonstrationen. Machtdemonstrationspolitik kann auch zur Realisierung der Status quo-Politik oder Imperialismuspolitk beitragen.

Die Entwicklung zum Neorealismus

Kritik am Realismus

Die Weiterentwicklung des Realismus zum Neorealismus entstand aus vielen Einflüssen heraus. Zum einen entwickelte sich die wissenschaftsinterne Entwicklung. Es sind die Einflüsse

Von auß enpolitischen Entscheidungstheorien, von Systemtheorien der internationalen Politik und von bestimmten fachlich relevanten Ansätzen sozialpsychologischer Forschung.23

Der Neorealismus sei also eine Ansammlung aller neueren relevanten Theorieeinflüsse, einschließlich psychologischer Einflüsse, auf Basis des klassischen realistischen Theorieansatzes.

Von anderer Seite wurde argumentiert, daß es tatsächlich weniger die wissenschaftliche Entwicklung war, die den Neorealismus hervorgebracht hat, sondern die Verarbeitung des Bedeutungsverlusts militärischer Machtmittel bei gleichzeitig zunehmender Brisanz von Wirtschaftskriegen. Macht wird nicht mehr vorrangig auf dem Feld der Politik auswärtiger Sicherheit thematisiert.24

Einer der führenden neorealistischen Wissenschaftler Kenneth N. Waltz kritisierte am Realismus:

Morgenthau described his purpose as being ‚ to present a theory of international politics ‘ . Elements are presented, but never a theory. ” 25

Und an anderer Stelle:

He confused the problem of explaining foreign policy with the problem of developing a theory of international politics. He was forestalled by his belief that the international political domain cannot be marked off from others for the purpose of construcing a theory. ” 26

Der Neorealismus im Vergleich zum Realismus Morgenthaus

Doch Waltz und andere Neorealisten wollten den Boden des Realismus nicht verlassen, sondern auf ihm aufbauen um eine moderne Theorie der Internationalen Beziehungen zu begründen. Dabei bauten sie vor allem auf der Annahme Morgenthaus auf, daß die Beziehungen zwischen Staaten nach wie vor durch internationale Anarchie gekennzeichnet sind.

Das internationale System unterscheidet sich vom nationalen nicht dadurch, daß es auf internationaler Ebene immer zur Gewaltanwendung kommt. Gewalt sei in einem Staate monopolisiert worden und würde die Selbsthilfe dadurch überflüssig machen. Auf internationaler Ebene gebe es diese Sicherheitsmaßnahme nicht und Staaten könnten nicht wie Bürger eines Staates auf dessen Hilfe zurückgreifen. In einem internationalen System mit anarchischer Struktur wären Staaten dazu nicht in der Lage nicht und wären deswegen auf Selbsthilfe angewiesen.

Self-help is necessarily the principle of action in an anarchic order.27 Staaten wären auch sehr mißtrauisch, was Kooperation mit anderen Staaten angehen würde, da sie immer fürchten würden, daß andere Staaten von der Zusammenarbeit mehr profitieren als sie selbst. Es bestehe also immer die Gefahr, daß andere Staaten ihre Machtposition zu Ungunsten der eigenen Position auszubauen wüßten und diese ihnen dann später ihren Willen aufzwingen könnten.28

Ein neues Menschenbild

Das Menschenbild des klassischen Realismus haben die Neorealisten verworfen. War es bei Morgenthau noch der egoistische und machtbesessene Mensch der als Paradigma für das Verhalten der Staaten in Internationalen Politik stand, geht Waltz von einem “single-minded maximizer ” , einer Art Wirtschaftsmensch aus, der rational denkt, gut informiert ist und danach strebt sein berechtigtes Interesse zu maximieren. Er kennt aber auch seine Grenzen. Dieses Menschenbild wurde von der ‚microtheory‘ von Adam Smith übernommen. Durch die Übertragung dieses Menschenbildes auf den Staat im internationalen System erscheint die Internationale Politik in einem neuen Licht. Dieses besteht nun aus Staaten, die in der internationalen Struktur versuchen ihre eigene Sicherheit aufrechtzuerhalten. Es geht ihnen nun nicht mehr um die absoluten Gewinne, sondern sie interessieren sich nun für relative Gewinne. Relative Gewinne sind Gewinne, die der Akteur dann im Vergleich mit einem konkurrierenden Akteur erzielt.

Bei einer Umfrage wurden Gruppen von graduierten Studenten, Investmentbankern, Bürger in Massachusetts, Managern, höheren Mitarbeitern des State Department sowie von professionellen Ö konomen vor die fiktive Alternative gestellt, ob sie entweder als Resultat eines Kooperationsabkommens ein japanisches Wachstum von 75% verbunden mit einem amerikanischen Wachstum von 25% oder ob sie durch Ablehnung eines solchen Abkommens ein Wachstum in beiden Volkswirtschaften um nur 10% vorzögen.

Das Ergebnis sah so aus: Mit einer Ausnahme entschied sich die Mehrheit in jeder Gruppe für die zweite Möglichkeit. Die Wirtschaftswissenschaftler, die die Ausnahme darstellten, wählten einstimmig die erste Möglichkeit und waren erstaunt, daß andere Amerikaner 15% Wachstum verschenken wollten, nur um die Japaner in ihrer Entwicklung zu behindern.29

Der Mensch ist nicht einfach mehr ein Gewinnsuchender, wie bei Morgenthau, sondern ein Gewinnmaximierer. Er denkt und handelt nicht nur danach, wie seine gegenwärtige Situation im Vergleich zu früher aussieht, sondern er vergleicht auch seine gegenwärtige und zukünftige Situation entsprechend der Situation anderer Akteure.

Das innovative Element des Neorealismus

Das innovative Element, welches der Neorealismus entwickelt hat ist die einer strukturellen Sichtweise der internationalen Politik. Wie oben erwähnt sind die Hauptakteure immer noch die souveränen Staaten, die in einer internationalen Arena durch Macht nach Sicherheit streben. Allerdings ist dieses Machtstreben nicht mehr so absolut, sondern relativ.

Durch die internationale Struktur kann der Staat jedoch nicht mehr handeln wie er will, sondern er hat nur noch wenige Optionsmöglichkeiten, da die Struktur ihm nur zu bestimmten Handeln den Raum läßt. Dem staatlichen Handeln werden strukturelle Beschränkungen auferlegt.

The idea that international politics can be thought of as a system with precisely defined structure is neorealism ’ s fundamental departure from traditional realism.30

Die anarchische Welt ist also strukturiert. Diese paradox anmutende Rahmengebung wird versucht so aufzulösen:

The market arises out of the activities of seperate units - persons and firms - whose aims and efforts are directed not toward creating an order but rather toward fulfilling their own internally interests by whatever means they can muster.31

Jeder Akteur ist also von vornherein unabhängig und autonom, genau wie man es in einem anarchischen System erwartet. Dann jedoch kann dieser Akteur seine eigene Interessenverfolgung nicht genau erfüllen, weil andere Akteure auch ihre Interessen verfolgen. Durch diese Interaktionen bildet sich eine Struktur, die die Akteure aber nicht vorhersagen können und deswegen ihre Interessen nicht absolut erreichen können.

Waltz überträgt hier einen ökonomischen Mechanismus in die Internationale Politik. Auch hier seien die Akteure, also die souveränen Nationalstaaten, unabhängige und autonome Akteure. Das internationale System besteht also aus Interaktionen zwischen den souveränen Nationalstaaten. Diese Struktur entsteht, auch wenn keiner der Staaten die Absicht hat irgendwelche Strukturen zu erzeugen, weil diese Struktur letztendlich ihren Handlungsspielraum wesentlich einschränkt.

Daher, so die Neorealisten, lassen sich die Ergebnisse der Interaktionen zwischen Staaten nur durch Analyse der internationalen Struktur erklären. Wenn man die Struktur und die von ihr ausgehenden Beschränkungen auf die Staaten durch die Untersuchungen erkennt, vermag man nach Ansicht der Neorealisten sogar das Handeln der einzelnen Staaten und das Ergebnis der internationalen Politik wenn nicht präzise, so dich innerhalb einer Bandbreite vorhersagen.32

Der Machtbegriff im Neorealismus

Waltz übernahm Morgenthaus Machtbegriff nur teilweise in den Neorealismus. Der neorealistische Ansatz leugnet zwar nicht, daß der Staat Macht braucht, um Sicherheit zu gewährleisten. Aber das oberste Ziel ist das Verlangen nach Sicherheit. Macht nur noch um seiner selbst zu akkumulieren wird aber nicht als staatliches Handeln anerkannt. Macht wird zwar immer noch die Bedeutung zugesprochen, den Staat zu befähigen seine grundlegende Aufgabe, die aus der anarchischen Struktur entsteht, nämlich das Überleben, zu lösen. Waltz grenzt sich hier klar von Morgenthau ab:

For Morgenthau, as for Hobbes, even if one has plenty of power and is secure in ist possession, more power is nevertheless wanted.33

Das Machtbild des Neorealismus veränderte sich also mit dem Menschenbild des klassischen Realismus. Macht wird nur solange angestrebt bis die Stellung im internationalen System gesichert ist. Den Staaten ist daran gelegen ihre relative Stellung gegenüber anderen Staaten zu bewahren, also ihre Position in der internationalen Struktur zu bewahren, ihre Position beizubehalten oder weiter zu verbessern. Zuviel Macht könnte auch den Neid oder die Furcht anderer Staaten erzeugen, woraufhin diese dann sich zur Aufrüstung gezwungen sehen könnten. Zuwenig Macht könnten andere Staaten als Einladung zur Machtausübung ausnutzen.

Neorealists, rather than viewing power as an end in itself, see power as a possibly useful means, with states running risks if they have either too little or too much of it. Weakness may invite an attack that greater strength would dissude an adversary from launching. Excessive strength may prompt other states to increase their arms and pool their efforts. Power is a possibly usefull means, and sensible statesmen try to have an appropriate amount of it. In crucial situations, the ultimate concern of states is not for power but for security. This is an important revision of realist theory.34

Macht ist bei Waltz ist also da um internationale Beziehungsstrukturen zu erfassen, nicht aber internationale Interaktionen. Macht ist kein richtiges Bewertungsmerkmal, sondern ein Unterscheidungsmerkmal.

Das Mächtegleichgewichtskonzept

Im klassischen Realismus muß jede rationale Außenpolitik zur Etablierung eines Gleichgewichtes der Mächte, zu Macht-Balancierungsmechanismen, im Sinne von Macht- und Gegenmachtbildung führen. Im Neorealismus, mit seinem strukturistischen Ansatz, werden die Staaten zu gewissen Handlungen genötigt. Es hängt also von der Struktur ab, wie politische Staaten miteinander umgehen.

Unter den Bedingungen einer prinzipiellen Anarchie im internationalen System müssen Staaten selbst für ihre Sicherheit sorgen, daß heißt sie müssen Macht und dies kann sowohl in militärischer, wirtschaftlicher als auch sozialer Hinsicht sein, akkumulieren, und zwar aufgrund der strukturell begründeten Unsicherheit über das aktuelle und zukünftige Verhalten anderer Staaten. Wegen des auf der Ebene der Gesamtbeziehungen vorherrschenden anarchischen Ordnungsprinzips ergibt sich jedoch jener nicht intendierte Effekt, daß die Sicherheit des einen Staates gleichzeitig einen Bedrohung des anderen bedeutet. So kommt es zur Bildung von Macht- und Gegenmacht als typischen Ergebnis der zwischenstaatlichen Konkurrenz, um das knappe Gut der Sicherheit.

Waltz versucht nun zu erklären, warum das balancing-Verhalten der Staaten, das meistens in die Bildung von Gegenmachtsystemen einmündet, ein die internationale Politik bestimmendes Prozeßmuster darstellt. Es soll versucht werden durch die ,,Mächtegleichgewicht-Konzeption" weltpolitische, systemische Veränderungen zu erklären, wie Verhaltensmuster bei den Akteuren entstehen, die durch politische Strukturen aktiviert wurden. Die Erklärung liegt darin, daß die Staaten sich durch die Existenz von Gegenmachtsystemen gegenseitig beschränken. Gegenmachtsysteme, meist in Form von Allianzen organisiert, verringern somit die zwischen den Staaten bestehende Ungewißheit und Unsicherheit, und zwar sowohl nach außen wie auch nach innen.

Dies gilt vor allem in hegemonial strukturierten Allianzen, sofern dieser Willens ist, seinen bestimmenden Einfluß auf die übrigen Allianzmitglieder auszuüben und die kleineren Staaten diesen Einfluß als legitim anerkennen. Die geführten Staaten werden den bestimmenden Einfluß des Hegemonialstaats aber nur dann als legitim anerkennen, wenn damit Vorteile im Hinblick auf die Verwirklichung eigener Ziele (Sicherheit und wirtschaftliche Wohlfahrt) verbunden sind. Sie springen also sozusagen auf den Wagen des Stärkeren auf (,,bandwagoning”).

Letztendlich besteht der Unterschied zum klassischen Realismus darin, daß es sich im Neorealismus um einen vom System induzierten Vorgang handelt, einen sogenannten,,topdown-Prozeß", wohingegen im klassischen Realismus ein ,,bottom-up-Prozeß" stattfindet, nämlich eine zweckrationale Willenshandlung.35

Andere Analyseansätze in den Internationalen Beziehungen

Hierarchietheorien

Wenn wir von Hierarchie sprechen, denken wir in der Regel an eine soziale Beziehung, die durch das Prinzip von Über- oder Unterordnung organisiert ist. Das auffälligste Merkmal der Theorieansätze, die wir hier als Hierarchietheorien bezeichnen, ist die Neigung, die zwischenstaatlichen Beziehungen als ein vertikal geordnetes Verhältnis bezeichnen, also eine Hierarchie, zu begreifen, zu beschreiben und zu erklären. Dementsprechend wird die Welt also als ein hierarchisches System betrachtet, ein System, in dem manche Staaten “herrschen” und manche “beherrscht sind. Je nach Rang, den ein Staat besitzt, sind die Staaten dann “Zentrum” oder “Peripherie”, “Imperialisten” oder “Beherrschte”, “Metropolen” oder “Satelliten”, “Herren” oder “Knechte”.36

Zentrum-Peripherie-Theorie

Nach dieser Theorie besteht die Welt aus mehreren Machtzentren, die wiederum von mehreren oder vielen Peripherien umkreist werden. Während die Industrieländer die Rolle des Zentrums spielen, wird den Entwicklungsländern die Stellung der Peripherie zugesprochen.

Die Beziehungen zwischen dem Zentrum und den Peripherien sind durch ein feudale Interaktion gekennzeichnet. Diese feudale Interaktion soll folgende Eigenschaften aufweisen:

1. Die Interaktion zwischen Zentrum und Peripherien ist vertikal.
2. Interaktion zwischen Peripherien, die zu dem gleichen Zentrum gehören, findet nicht statt.
3. wechselseitige Interaktion zwischen Zentrum, Peripherie und Peripherie findet nicht statt.
4. Peripherien haben für das Zentrum nur eine Funktion als Brückenkopf: Interaktion zwischen Peripherien, die zu verschiedenen Zentren gehören findet nicht statt.37

Diese vertikale Interaktion zwischen Zentrum und Peripherie umfaßt alle wichtigen Bereiche des Lebens. Im ökonomischen Bereich ist die Peripherie der Teil, der die Rohstoffe liefert und das Zentrum produziert. Im politischen Bereich werden Entscheidungen immer von Industriestaaten getroffen. Die Peripherie hat keine Möglichkeit an diesem Entscheidungsprozeß teilzunehmen oder sich zu widersetzen, so daß ihnen nichts weiter übrig bleibt als sich zu unterwerfen.

Im militärischen Bereich stellt das Zentrum Waffen, Berater und Ausbilder, während die Peripherie für Disziplin und Rekrutierung sorgt.

Interessant ist aber, daß es zwischen den Eliten in Zentrum und Peripherie eine Interessenharmonie gibt, da diese Eliten einähnliches Wohlstandsniveau haben. Anders ist es in der Bevölkerung. Dort klaffen die Lebensbedingungen weit auseinander.

Durch diese Unterscheidung kommt man zu dem Schluß, daß es keinen Krieg zwischen Staaten gebe, sondern nur da Krieg ausbreche, wo die Spannungen zwischen Herrschern und Beherrschten zu groß werden. Ist der Machtbegriff nochähnlich, wie der Machtbegriff von Morgenthau, unterscheidet sich diese Theorie von der realistischen Sichtweise, indem sie nicht die Nationalstaaten als Hauptakteure sieht, sondern die verschiedenen Klassen in Zentrum und Peripherie.

Die Dependenztheorie

Die Dependenztheorie entwickelte sich aus den Theorien des Nord-Süd-Konflikts. Grundannahme ist ein kapitalistisches Weltsystem. Jedoch sind die Dependenztheoretiker in drei Gruppen gespalten, was die Überwindung dieses kapitalistischen Weltsystem angeht. Während die einen, die Überwindung für möglich halten, indem die vorkapitalistische Gesellschaft in den abhängigen Ländern gefördert und integriert wird, halten andere es für unmöglich diese Unterentwicklung aufzuhalten, da diese Weltordnung gewollt sei. Eine dritte Gruppe wiederum hält eine Integration nicht für das Allheilmittel zur Überwindung des Weltsystems, sondern macht es auch von lokalen und strategischen Maßnahmen abhängig, ob die Abhängigkeit des Südens vom Norden aufgebrochen werden kann.38

Viele Kritiker bestreiten allerdings, daß das Überleben des Kapitalismus im Norden auf die Abschöpfung von Mehrwerten aus dem Süden angewiesen sei.

Bei beiden Hierarchietheorien widersprechen dem Machtbegriff von Morgenthau oder auch dem von Waltz auf den ersten Blick nicht. Jedoch sind sie viel anklagender gegenüber den Eliten, sei es das Zentrum oder die nördliche Hemisphäre. Bei Johan Galtung, der die Zentrum-Peripherie-Theorie aufgestellt hat, tritt deswegen aucuh ein modifizierter Gewaltbegriff auf:

Gewalt liegt dann vor, wenn Menschen so beeinfluß t werden, daß ihre aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer als ihre potentielle Verwirklichung.39

Also ist auch jede psychologische Beziehung, die Denken und Handeln beeinflußt, bereits Gewalt. Morgenthaus Machtbegriff wird hier also zu einem Gewaltbegriff gemacht. Dies wirkt zwar viel anklagender, ist aber im Grunde eine Übernahme des klassischen Realismus. Dadurch, daß alles was psychisch oder physisch beeinflußt, nun Gewalt ist, fehlt aber die Differenzierung von Macht und Gewalt, die bei Morgenthau noch in politischer und militärischer Macht unterschieden wurde.

Der Neoliberalismus

Basierend auf den Überzeugungen Kants, daß Demokratien oder Republiken keine Kriege führen und daß nur ein internationales Völkerrecht institutionalisiert werden müßte um zum Weltfrieden zu gelangen. Die Thesen von Kant konnten aber zum großen Teil die historischen Tatsachen nicht belegen. Daß Demokratien friedfertig seien

“ ...ist längst widerlegt, weil Demokratien sich genauso häufig an Kriegen beteiligen wie andere Staaten auch, und dies keineswegs immer nur als unschuldige Opfer oder Angegriffene ... Die Wählbarkeit der Regierung durch die Bevölkerung und die kompletteren Entscheidungenstrukturen halten demokratische Staaten offenbar keineswegs davon ab,überhaupt Kriege zu führen und in Kriege einzutreten. ” 40

Die Neoliberalen sind sich dieser Tatsache bewußt. Aber trotz oder gerade wegen dieser Defizite versuchen sie die Thesen von Kant zu präzisieren und damit den liberalen Ansatz auszubauen. In der neueren Forschung, die auf Kants Thesen aufbaut haben sich drei Ansätze des Neoliberalismus herauskristallisiert: 1. Die These der Exklusivität der demokratischen Aggressivität gegen Nichtdemokratien. Sie verweisen auf die Vorsicht, mit der die Demokratien Kriege führen. Es kommt seltener als bei autokratischen Staaten zu Krieg und dann wird er von Demokratien weniger willkürlich geführt, als von autokratischen Staaten. 2. Die These des demokratischen Friedens. Basierend auf der Tatsache, daß es in der Neuzeit keinen wirklichen Krieg zwischen Demokratien gegeben hat. 3. Die These der demokratischen Überlegenheit gegenüber autoritären Systemen im Krieg. Dabei wurden die Kriege mit demokratischer Beteiligung zwischen 1816 und 1998. In dieser Zeit gab es 30 Kriege mit demokratischer Beteiligung. Dabei waren 9 demokratische Staaten auf der Verliererseite und 38 auf der gewinnerseite. Hingegen waren 42 der autokratischen Staaten auf der Verliererseite und nur 32 auf der Gewinnerseite. Während also Demokratien zu 81% Kriege gewonnen haben, haben die autokratischen Staaten zu 57% verloren.41

Der neoliberale Ansatz ist trotz allem problematisch, weil er eine Demokratisierung der Welt zum Weltfrieden voraussetzen würde. Dies wird auch von den Neorealisten kritisiert, daß die empirische Grundlage für oben genannte Untersuchungen zu schmal sei, weil die Mehrheit der Staatenwelt noch nicht zur demokratischen Familie gehöre.42 Einer der führenden deutschen Neorealisten kritisierte:

Die extreme These, Demokratien seien wesensmäßig friedlich, ist eindeutig empirisch widerlegt... Demokratien haben mindestens ebenso viele oder gar häufiger Kriege geführt wie Nicht-Demokratien. Auch die im Licht dieses Sachverhalts modifizierte These, daß Demokratien untereinander keine Kriege führen, ist problematisch."43

Der Machtbegriff wird ist den Neoliberalen besonders schwer zu ermitteln. Einerseits führen sie untereinander anscheinend so etwas wie eine herrschaftsfreie Beziehung, andererseits müssen sie zur Erreichung des Weltfriedens nicht-demokratische Staaten demokratisieren. Dies könnte aber nur über das Medium Macht erflogen. Sei es in direkter Art und Weise, wie im klassischen Realismus oder durch die Veränderung der Struktur, die dann keine weiteren Handlungsoptionen mehr offen läßt, also nach neorealistischer Art. Das Problem der Neoliberalen ist einähnliches, wie das der Idealisten vor dem zweiten Weltkrieg, daß ihr Analyseansatz durch das impliziert geforderte Ziel des Weltfriedens sehr undurchschaubar wird. Diese Idee von der Demokratisierung der Welt ohne Macht- oder gar Gewaltausübung scheint doch sehr utopisch.

Der Neoinstitutionalismus

Während der Neorealismus, von einer Festhaltung der Staaten an ihrer Position durch Selbsthilfe ausgeht und somit eine Überwindung der internationalen Anarchie als nicht möglich betrachtet, ist der Neoinstitutionalismus von der Bereitschaft der Staaten zur internationalen Kooperation und damit auch von der Möglichkeit des Abbaus der internationalen Anarchie überzeugt.

Während der ursprüngliche Institutionalismus, also die konventionelle Integrationsforschung, insbesondere der Föderalismus und der Konstitutionalismus, aber auch der klassische Funktionalismus, die Institutionalisierung der zwischenstaatlichen Beziehungen mehr oder weniger mit internationalen Organisationen gleichsetzte, nimmt der Neoinstitutionalismus auch Regeln und Mechanismen zwischenstaatlicher Zusammenarbeit in den Blick, die noch unterhalb der Organisationsebene in den Internationalen Beziehungen liegt.44

Die Überwindung der internationalen Anarchie durch Kooperationen stützt sich auf fünf Annahmen, die hier nur kurz genannt werden soll.

Die konstitutionelle Annahme

In Staaten gibt es genügend Staatsmänner und gesellschaftliche Eliten, die interessiert sind, Integrationsprozesse einzuleiten und neue supranationale Einheiten zu konstituieren. Die internationale Anarchie wird also in dem Maße zurückgehen, wie zwischenstaatliche Integration von politischen Eliten vorangetrieben wird. Im Neoinstitutionalismus wird im Gegensatz zum Neorealismus davon ausgegangen, daß es den einzelnen nationalen Staaten nicht so schwer fällt, sich von der Souveränität des Staates zu trennen. Eine Annahme die auch schon der Idealismus vor dem Zweiten Weltkrieg hatte. Die Integration in ein überstaatliches Gebilde halten sie nur für überlebensfähig, wenn dieses nach föderalistischen Prinzipien gestaltet wird.

Dabei sind zwei Formen möglich: Staatenbund oder Bundesstaat. Je nachdem ob die neu gebildete Gemeinschaft auf völkerrechtlicher oder staatsrechtlicher Grundlage organisiert ist.

Die interdependenzielle Annahme

Im Unterschied zu den Hierarchietheorien sehen die Neoinstitutionalisten mit interdepenzieller Annahme internationale Politik nicht als einseitige sondern als gegenseitige Abhängigkeitsbeziehung. Durch die wirtschaftliche Liberalisierung über die nationalen Grenzen hinweg sind Strukturen entstanden, die Staaten zur Kooperation zwingen. Vor allem weisen die Strukturen der internationalen Politik nach Ansicht der Neoinstitutionalisten eine tiefgreifende Interdependenz auf.. Der Freihandel und begrenzte Ressourcen haben eine Struktur geschaffen, in der jeder Staat auf andere Staaten angewiesen ist und jede große Veränderung in einem Teil der Erde auch Veränderungen in anderen Teilen auslösen könnte . Mit dem Interdependenz-Konzept treten die Neoinstitutionalisten dem realistischen Modell entgegen, wonach Staaten nach innen geschlossen, in je wechselnden Formationen miteinander in Beziehung treten, ohne daß ihr Inneres von diesen Interaktionen berührt wird bewußt entgegen. Allerdings teilen sie den neorealistischen Ansatz, daß es die Strukturen sind, die den Staaten ihre Handlungsmöglichkeiten aufzwingen.45

Die transnationale Annahme

Die transnationale Annahme ist gekennzeichnet durch die Anerkennung von nichtstaatlichen Akteuren und der Schwächung der Nationalstaaten durch die Durchdringung ihrer traditionellen Handlungsbereiche. Anhänger dieses Ansatzes glauben, daß diese nicht mehr unter staatlicher Kontrolle stehenden, aber transnational organisierten Aktivitäten zur Überwindung der internationalen Anarchie beitragen können, indem sie gesellschaftliches, ökonomisches, politisches und kulturelles Leben transnational harmonisieren und damit Konfliktpotential nachhaltig abbauen.46

Die Staatenwelt werde also von der Gesellschafts- und Wirtschaftswelt verdrängt. Hier wird offensichtlich eine tragende Säule der realistischen Theorien angegriffen. Deshalb wird auch entsprechend zurückargumentiert, daß “...das Phänomen internationaler Verflechtung und transnationaler Unternehmen ebensowenig neu wie der Freihandelsliberalismus mit seinen Friedenshoffnungen ist ... daß das Verhältnis zwischen Außen- und Binnenbeziehungen im 19.Jahrhundert sogar höher lag als Mitte der achtziger Jahre, als der Begriff populär wurde.”47

Mit dem Verhältnis meinte Link einen errechneten Quotienten der Außen- und Binnenbeziehungen im Verhältnis zur gesamten Außenhandelswirtschaft. Und er weist daraufhin, daß auch damals der Staat als Akteur auch nicht untergegangen sei. Auch führt er an, daß die geo-ökonomische Konkurrenz, die Tripolarität der globalisierten Märkte und die fortbestehende Bedeutung des national- bzw. territorialstaatlichen Ordnungsprinzips hinreichende Gründe seien, daß die einheits- und friedensstiftende Perspektive der Globalisierung als unrealistisch und illusionär zu bewerten seien.48

Die funktionalistische Annahme

Neoinstitutionalisten mit funktionalistischer Annahmen gehen davon aus, daß zwischenstaatliche Integration nicht von einer Ideologie oder einer bewußten Politik ausgeht, sondern von einem funktional-mechanischem Prozeß. Integration, so die Funktionalisten, entsteht weil ein unsichtbarer, aber wirksamer Mechanismus dafür sorgt, daß sich die Staaten immer aktiver und intensiver an Integration beteiligen, ob sie nun wollen oder nicht. Diesen mechanismus nennt man “spill over effect”.

So ein Mechanismus kann durch verschiedene Dinge ausgelöst werden. Es kann eine idealistische Idee oder eine konkrete Machtüberlegung sein. Aber sobald dieser Prozeß begonnen wurde, ist er nicht mehr aufzuhalten. Staaten, die von diesem “spill over effect” erfaßt sind können nicht mehr können nicht mehr aus dem Integrationsprozeß austreten ohne daß sie befürchten müßten, daß sich die internationale Bedingungen für sie im politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bereich radikal verändern würden.49

Die rationale Annahme

Rational institutionalist theory begins with the assumption, shared with realism, that states, the principal actors in world politics, are rational egoists. Contrary to realists, institutionalists argue that discord not necessarily result from rational egoism.50

Die Neoinstitutionalisten sprechen den rationalen egoistischen Staaten also die Fähigkeit zu, auch in Abwesenheit einer hegemonialen Macht, die sie zur Kooperation zwingen könnte, freiwillig zu kooperieren. Es wird davon ausgegangen, daß die Staaten interessiert sind, das Verhalten von anderen zu kontrollieren. Wenn also einige Staaten willig sind, dieses Bedürfnis durch gegenseitige Kontrolle zu befriedigen, ist Kooperation möglich.

Die Neorealisten meinten, daß kein Staat jemals ausschließen könnte, daß der Kooperationspartner potentielle Machtgewinne der Kooperation für sich selber nutzen könnte um die vormaligen Partner zu erpressen oder ihre staatliche Selbständigkeit zu beseitigen. Die Neoinstitutionalisten weisen daraufhin, daß das Gegenteil viel wahrscheinlicher ist. Daß die Staaten Normen und Regeln befolgen, die in den Institutionen geschaffen worden sind, zeigt daß die Staaten die Vorteile der institutionellen Kooperation höher bewerten als den Verlust an staatlicher Autonomie.

Der Machtbegriff im Neoinstitutionalismus

Der größte Unterschied zwischen Neorealismus und Neoinstitutionalismus ist der Glaube des Neoinstitutionalismus, daß die Anarchie des Weltsystems überwindbar sei. Beide gehen aber von einem anarchischen Weltzustand aus. Im Neoinstitutionalismus ist es dabei zeitweise, vor allem im transnationalen Ansatz, auch zu der Annahme gekommen, daß nicht nur Staaten, sondern auch nicht-staatliche Organisationen oder Regime Akteure im Internationalen System seien.

Der Machtbegriff wird von den Neorealisten übernommen.

Macht kann man sich denken als Fähigkeit eines Akteurs, andere dazu zu bewegen, etwas zu tun, was sie ansonsten nicht tun würden (zu hinnehmbaren Kosten für den Akteur).51

Deswegen ist es auch schwer zu unterscheiden, aus welcher Schule die Neoinstitutionalisten ursprünglich kommen. Haben sie mit den Neoliberalen gemeinsam, daß sie an die Überwindung des anarchischen internationalen Systems glauben, sind sie bei vielen Ansätzen auf der anderen Seite keine Leugner des Machtbegriffes in den Internationalen Beziehungen. Allerdings glauben sie, im Gegensatz zum pessimistischeren Ansatz der Neorealisten, daß Staaten nicht dazu bereit sein, Macht an eine übergeordnete Institution abzugeben.

Schluß

Morgenthau hatte drei Hauptpfeiler in seinem ersten Theorieansatz über Internationale Beziehungen. Die Anarchie im Internationalen System, die souveränen Nationalstaaten als Akteure und der Kampf um Macht als mittelbares Ziel. Es mag sein, daß sein Konzept der einfachen Macht- und Gegenmachtbildung nicht als allgemeiner Analyseansatz zu gebrauchen war, doch mußten auch alle folgenden Theorieansätze sich zuerst mit den drei Grundbegriffen Morgenthaus auseinandersetzen. Innovativ an seinem Ansatz war aber gerade das Einführen des Machtbegriffes in die Internationalen Beziehungen. Beachtlich und, wie ich finde, in der Literatur viel zu wenig differenziert betrachtet, ist der umfassende Machtbegriff bei Morgenthau. Betrachtet man die Sekundärliteratur zum Thema Macht im klassischen Realismus, so wird der Begriff des öfteren als reine militärische Ausübung betrachtet und nur selten klar vom Gewaltbegriff unterschieden. Aber gerade hier liegen die Stärken des Machtbegriffes von Morgenthau. Er unterscheidet klar zwischen militärischer und politischer Macht. Politische Macht ist eben eine gewaltlose Ausübung der Macht. Auch wenn Morgenthau tatsächlich hauptsächlich von der Sicherheitspolitik sprach, umfaßt sein Machtbegriff im Grunde genommen auch den wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Teil, wenn die Staaten dabei nur versuchen die eigene Position zu stärken, also Macht ausüben.

Die Mängel des Morgenthauschen Ansatzes wurden von den Neorealisten dann mit dem strukturellen Ansatz behoben. Machtausübung fand nun nicht mehr auf rein bilateraler Ebene statt, sondern wirkte im internationalen System auch auf andere Staaten, die von der ursprünglichen Machtausübung gar nicht hätten betroffen sein sollen.

Beim Vergleich mit anderen Theorien der Internationalen Beziehung fällt auf, daß die anderen Theorien sich nur in wenigen Punkten grundsätzlich vom Morgenthauschen Ansatz her unterscheiden. In den Hierarchietheorien wird Macht nur anklagend negativ gesehen, ja eigentlich als Gewaltbegriff definiert, ohne daß dabei ein innovatives Konzept in den Internationalen Beziehungen zustande gekommen wäre.

Die Neoliberalisten haben Probleme mit dem Machtbegriff. Ihre visionär-optimistisch zu nennende Haltung gegenüber der Globalisierung, die zum Weltfrieden führen soll, beschreibt keineswegs wie denn alle Staaten demokratisiert werden sollen, damit die Welt friedlicher wird. Auch wirkt es etwas utopisch zu behaupten, daß demokratische Staaten untereinander in einer spannungslosen Ebene bestehen, die einen Ausbruch von Gewalt unmöglich macht. Allerdings gibt der neoliberalistische Ansatz zumindest eine Perspektive, oder eine Vision, wie denn die Welt von morgen aussehen könnte.

Einenähnlichen Ansatz haben auch die Neoinstitutionalisten, die trotz der vielen Strömungen innerhalb des Theorieansatzes doch eines gemeinsam haben: Sie glauben an eine Überwindung des anarchischen Systems in den Internationalen Beziehungen. Allerdings gehen sie von einer langwierigen Kooperation und Integration auf internationaler Ebene aus, bis dieses Ziel tatsächlich eintrifft. Die Neoinstitutionalisten kann man in dieser Hinsicht wohl auch innovativ nennen, weil sie als erster Theorieansatz ein Handeln vorgeben können, wie die Anarchie im Internationalen System überwunden werden könnte. Dabei unterscheiden sie sich zum Teil nur in ihrem Glauben an diese Überwindung von den Neorealisten.

Also auch hier hat der seit Jahren die Internationale Debatte beherrschende Neorealismus einen großen Einfluß. So kommen viele Neoinstitutionalisten aus der neorealistischen Schule.

Bleibt festzuhalten, daß Morgenthau mit der Einführung des Machtbegriffes die Internationalen Beziehungen ein großes Stück nach vorne gebracht hat. Dieser Machtbegriff ist bis heute nur wenig modifiziert worden und war schon in seinem Ursprung viel differenzierter als viele ihn gesehen haben.

Literatur

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[...]


1 Albrecht, Ulrich / Hummel, Hartwig 1990: Macht, S.90-109, in: PVS Sonderheft 21/1990: Theorien in den Internationalen Beziehungen, S. 93

2 Gu, Xuewu 2000: Theorien der Internationalen Beziehungen, München, Wien, S.21

3 Albrecht / Hummel a.a.O., S.95

4 Kurz danach, auch 1920, wurde die Deutsche Hochschule für Politik in Berlin gegründet, weitere Institute zur Erforschung der Internationalen Beziehungen wurden an der Universität von Wales (auch 1920) in Paris (1925) und in Genf (1927) gegründet.

5 Meyers, Reinhard 1993: Grundbegriffe, Strukturen und theoretische Perspektiven der Internationalen Beziehungen, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Grundwissen Politik, Bonn, S. 234

6 auf diese These wird später im Kapitel ‚Neoliberalismus‘ eingegangen. Vor allem von Werner Link wird diese Behauptung als eindeutig falsch dargestellt.

7 Gu, Xuewu 2000 a.a.O., S.21

8 Morgenthau, Hans J. 1963: Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Bewziehungen, Gütersloh, S.77

9 Morgenthau, Hans J. 1963: Macht und Frieden - Grundlegung einer Internationalen Politik, Gütersloh, S. 49 im Original: Politics Among Nations, New York 1948)

10 Morgenthau 1963, a.a.O. S.124

11 Albrecht, Ulrich 1999: Internationale Poltik: Einführung in das System internationaler Herrschaft, München, Wien, S.51. Das Zitat ist von U. Albrecht selbst übersetzt aus: Thomas Hobbes: Leviathan, Erster und Zweiter Teil, Stuttgart 1970, S. 91

12 Nietzsche, Friedrich 1930: Der Wille zur Macht, II. Buch, Leipzig, S.702

13 Morgenthau, Hans J. 1977: Internationale Politik: Der Kampf um die Macht,S78-88, S.84, in Frei, Daniel (Hrsg.): Theorien Internationalen Beziehungen, München 1997.

14 Morgenthau, Hans J. 1977: a.a.O., S.78

15 Morgenthau, Hans J. 1977, a.a.O., S.79

16 Weber, Max 1956: Wirtschaft und Gesellschaft, Tübingen, S.28

17 Morgenthau, Hans J. 1977: a.a.O., S. 79

18 Morgenthau, Hans J. 1977: a.a.O., S. 80

19 Luhmann Niklas 1997: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1. Teilband, Frankfurt a.M., S. 355f

20 vgl. dazu Albrecht, Ulrich 1999, a.a.O. S. 47; auch bei Gu kommt dieser Vergleich inähnlicher Form vor, in: Gu 2000: a.a.O. S.41

21 vgl. Gu 2000: a.a.O., S.42f

22 vgl. Gu 2000: a.a.O., S.43

23 Kindermann, Gottfried Karl 1981: Grundelemente der Weltpolitik. Eine Einführung, München, S.25

24 Albrecht, Ulrich 1999: a.a.O., S.55

25 Waltz, Kenneth N. 1990: Realist Thought and Neorealist Theory, in: Journal of International Affairs, vol. 44 (1990), no.1, S.26

26 ebenda

27 Waltz, Kenneth N. 1979: Theory of International Politics, Reading, Massachusetts, S.102

28 vgl. Gu 2000: a.a.O., S.49

29 vgl. Reese-Schäfer, Walter 1995: Neorealismus und Neoliberalismus in den internationalen Beziehungen. Zur empirischen Überprüfung einer These Immanuel Kants, in Gegenwartskunde, Bd. 44, 1995, S.449-460, S. 453

30 Waltz, Kenneth N. 1990: a.a.O., S.29

31 Waltz, Kenneth N. 1990: a.a.O., S.30

32 Gu 2000: a.a.O., S.52

33 Waltz, Kenneth N. 1990: a.a.O., S.35

34 Waltz, Kenneth N. 1979: a.a.O., S.135

35 vgl. Siedschlag, Alexander 1997: Neorealismus, Neoliberalismus und postinternationale Politik, Opladen, S.96

36 vgl. Frei, Daniel 1977: Wozu Theorien der Internationalen Politik, in Frei (Hrsg.): Theorien der Internationalen Beziehungen, München, S.135

37 Gu 2000: a.a.O., S.58f

38 vgl. Elsenhans, Hartmut 1990: Nord-Süd-Beziehungen: Theorien über die Nord-Süd-Konfliktformation und ihre Bearbeitung, in: Rittberger, Volker (Hrsg.) Theorien der Internationalen Beziehungen. Bestandsaufnahme und Forschungsperspektiven, PVS-Sonderheft 21, Opladen 1990, S.330-351, hier: S. 331ff.

39 Galtung, Johan (Orig. 1969): Violence, Peace and Peace Research, hier zitiert nach der deutschen Übersetzung in: Senghaas, Dieter (Hrsg.): Kritische Friedensforschung, Frankfurt a.M. 1971, S. 57

40 vgl. Reese-Schäfer, Walter 1995: a.a.O., S. 450

41 Lake, David A. 1992: Powerful Pacifists: Democratic States and War, in: American Political Science Review, vol. 86/1, S. 24-37, S.24.

42 Gu 2000: a.a.O., S.71

43 Link, Werner 1997: Zur internationalen Ordnung - Merkmale und Perspektiven, in: Zeitschrift für Politik, 44.Jg, 3/1997, S. 258-277, S.263

44 vgl. Gu 2000:

45 Gu 2000: a.a.O., S.77

46 Gu 2000: a.a.O., S.78

47 Link, Werner 1978: Deutsche und amerikanische Gewerkschaften und Gecshäftsleute 1945-1975. Eine Studie über transnationale Beziehungen, Düsseldorf. S. 75

48 vgl. Link, Werner 1997: Zur internationalen Ordnung - Merkmale und Perspektiven, in: Zeitschrift für Politik, 44.Jg, 3/1997, S. 258-277, S.273

49 vgl. Kehoane, Robert O. / Nye, Joseph S. 1977: Power and Interdependence. World Politics in Transition, Boston/Toronto, S. 23

50 vgl. Keohane, Robert. O. 1993: Institutional Theory and the Realist Challenge after the Cold War, in Baldwin, David (Hrsg.): Neorealism and Neoliberalism: The Contemporary Debate, New York 1993, S. 269-300, S. 273

51 vgl. Kehoane, Robert O. / Nye, Joseph S. 1977: Power and Interdependence. World Politics in Transition, Boston/Toronto, S. 11, hier übersetzt von Albrecht, Ulrich 1999: a.a.O., S.57

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2000
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Deutsch
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v97015
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Freie Universität Berlin
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Macht Internationalen Beziehungen Warum Theorieansätze Machttheorien

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Titel: Macht in den Internationalen Beziehungen - Warum sind die (neo-)realistischen Theorieansätze so dominant?