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Foucault und der mediale Körper

Seminararbeit 1998 17 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

In dem Text „Michel Foucault - Andere Räume“1, der 1967 als Manuskript eines Vortrags entstand, den der Autor Michel Foucault vor den Mitgliedern des Cercle d´études architecturales hielt, werden die Grundfragen zu einer modernen Betrachtung des Raumes, einer Methode der Raumanalyse gestellt, welche unter dem Namen Heterotopologie ein wissenschaftliches Plateau findet. Der Topos der Heterotopie ist dabei das Modell einer in die jeweilige Kultur und Gesellschaftsform hineingeschriebenen Gegenplazierung, eines Raumes, der mit den jeweiligen Diskursen und Wissensmodalitäten durchströmt wird, aber diese in einem Prozeß der Umschichtung oder Umlagerung etwa, ver-wendet, einander entgegensetzt, sozusagen die Fähigkeit besitzt „mehrere Plazierungen zusammenzulegen, die an sich unvereinbar sind“2. Die Heterotopie muß nach Foucault als Widerlager, Gegenplazierung verstanden werden, in der „die wirklichen Plätze innerhalb einer Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind“3.

Er greift traditionel le Orte auf, welche Fragestellungen hinsichtlich der Beziehungen zwischen Diskurs und Architektur, Macht und Wissen und dem Dispositiv des Körpers als Schaltstelle und Angriffspunkt dieser Diskurse erlauben und legt mit den im Text eröffneten fünf Grundthesen den Grundstein für eine zukünftige Methode der Raumanalyse, die er Heterotopologie nennt.

In diesem Aufsatz, der im Anschluß an das Projekt „Medienarchäologie des Wissens“ geschrieben wurde, soll diese Theorie der Raumanalyse im Mittelpunkt der Betrachtung stehen und daraufhin untersucht werden, inwiefern diese Methode der Analyse eines Mediums, welches der Raum darstellt, zutreffend ist und wo die Grenzen dieses Begriffes hinsichtlich einer Analyse der neuen Medien liegen.

Wenn der Raum als ein Medium verstanden und die Kernthese Mc Luhans „der Inhalt eines Mediums ist immer ein anderes Medium“ darauf bezogen werden kann, so stellt sich hinsichtlich der im Text „Andere Räume“ aufgestellten Thesen die Frage, welche Diskurse die Heterotopie ausfüllen und welche theoretischen Begriffe Foucaults auch als medientheoretische Begriffe verstanden bzw. umgedacht werden können. Um diesen Fragestellungen gerecht zu werden, muß im Vorlauf auf einige Kernbegriffe des Foucaultschen Raumverständnisses eingegangen werden. Zum einen taucht in diesem Zusammenhang der Begriff des Macht - Wissen - Komplexes in der Einleitung des Buches „Überwachen und Strafen“ von 1976 auf, der eine klar differenzierte Macht - Körper - Beziehung voraussetzt. Um den genannten Macht - Wissen - Komplex verstehen zu können, ist es wichtig auf einige Thesen eines der einflußreichsten Denker des 19. Jahrhunderts einzugehen, auf Friedrich Nietzsche.

„Die Genealogie der Moral gehört zu Nietzsches einflußreichsten Werken, dem vor allem die Kultur - und Zivilisationskritik des 20. Jahrhunderts von Freud bis Foucault wesentliche Anstöße verdankt“, schreibt Walter Gebhard in einer kritischen Betrachtung „Zur Genealogie der Moral“.4 Der Wille zur Macht und die davon ausgehende Unterscheidung zwischen „Herrenmoral“ und „Sklavenmoral“ steht bei Nietzsche in direktem Zusammenhang mit der Beziehung zwischen Machtsystemen und dem Körper, der sich als Schaltstelle der Vorstellungen des Tausches, der Schuld und des Gewissens in der abendländischen Kultur ausgeprägt hat und auch bei Foucault die Rolle des durch verschiedene Wissens - und Machtdiskurse durchströmten oder besetzten Korpus der Geschichte darstellt.

Von der „Philosophie des Leibes“ Nietzsches und einer Theorie des Schmerzes ausgehend, komme ich auf den diskursanalytischen Begriff der Heterotopie zu sprechen, der sich in der Einleitung von „Die Ordnung der Dinge“ finden läßt.

In diesem Text wird der Heterotopiebegriff in Zusammenhang mit der Heteroklisie genannt, wodurch dieser in einem Sinne gebraucht wird, der auf einen Zustand des totalen Innehaltens auf Seiten des Signifikanten und seines Singnifikats hinweist. Anhand der Heterotopie wird die Leerstelle innerhalb des Sprechens definiert, wo es unmöglich ist, den Dingen eine Ordnung zu geben, da darin erkenntlich wird, daß die Dinge in diesem einen Punkt zwar zusammentreten, sich jedoch an „unterschiedlichen Orten“ befinden, „daß es unmöglich ist, für sie einen Raum der Aufnahme zu finden und unterhalb der einen und der anderen einen gemeinsamen Ort zu definieren“5. In der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Heterotopologie ergeben sich nun folgende Fragen; Inwiefern grenzen sich diese beiden Heterotopiebegriffe aus? Der eine Begriff steht für einen Nicht - Ort des Sprechens und der andere für eine Gegenplatzierung im realen Raum. Ist der letztgenannte Heterotopiebegriff nicht auch ein Teil jener im Text von 1967 vorgestellten Raumanalyse, zumal „Die Ordnung der Dinge“ 1966 erschien und zeitlich in diesen Argumentationsrahmen paßt?

Für den Punkt, in dem der Diskurs der Sprache einen möglichen Ort(dn)ungsraum entwirft und dadurch verschiedene reale Funktionsräume bestehend aus kulturellen, politischen, mystischen und auch verbotenen Orten determiniert, findet sich in der Begriffswelt Foucaults ein exemplarischer Ausdruck. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem Tableau oder definiert, wie in dem letztgenannten Werk von 1966, den Ort(dn)ungsraum des „Operationstisches“, jenen „vernickelten, gummiüberzogenen, weiß eingehüllten und unter der gläsernen Sonne, die den Schatten verschlingt, glänzenden Tisch, dort wo [...] der Regenschirm die Nähmaschine trifft“6. Dieser Begriff wird später noch in Hinblick auf die Konstruktion einer Leerstelle zu untersuchen sein, innerhalb welcher Möglichkeiten zu einer Neuordnung der Dinge aufscheinen oder es erkennbar wird, daß diese Leerstelle selbst eine Zwischenschaltung, einen Filter darstellt. Im Anschluß daran werde ich anzudeuten versuchen, inwiefern die Foucaultsche Methode auch die Sicht auf andere Bereiche, die über den Ort als materiellen Topos, als Speicher von Praktiken und als Wissensgegenstand hinausgehen, eröffnet, nämlich in den Punkten, in denen die Verschaltung neuer Medien im Raum und mit dem Raum das traditionelle Verständnis von Ort und Zeit durchkreuzen, überlagern oder andere mögliche Verschaltungen etablieren.

In seinem Buch „Überwachen und Strafen“7 zeigt Foucault, daß die Auseinandersetzung mit der Geschichte und in diesem speziellen Fall die Auseinandersetzung mit der Entstehung des Gefängnisses und der Strafe, auf der näheren Betrachtung der diskursiven Praktiken der jeweiligen Zeit gründet, welche verschiedenen Wissensmodalitäten unterworfen sind, woraus hervorgeht, daß „die Geschichtsschreibung Foucaults keine Wissenschaft darstellt, sondern als Wissen im allgemeineren Sinn eines Dispositionsrechts über die Wahrheit zu verstehen ist, das es erlaubt, sein Wissen materiell durchzusetzen. Wissen ist für Foucault Macht in diesem ganz direkten Sinn“8. In das Spektrum dieser in ihrer Eigenart dezentralistischen Vorstellung der Macht darüber, was zu einem bestimmten Zeitpunkt gesagt werden kann und was nicht, ist auch der Körper eingeordnet. Dabei wird der Raum „in einer ganz neuen Art, die Macht in seiner Bindung an den Körper des Individuums einerseits und in seinem Verhältnis zum Wissen andererseits analysiert“, wie es Daniel Defert ausdrückt.9 Foucault sprich in diesem Zusammenhang von der „politischen Ökonomie des Körpers“, die sich aus den Gesichtspunkten der Nützlichkeit, der Gelehrigkeit, der Anordnung und der Unterwerfung des Körpers ergibt, indem er schreibt: „Aber der Körper steht auch unmittelbar im Feld des Politischen; die Machtverhältnisse legen ihre Hand auf ihn; sie umkleiden ihn, zwingen ihn zu Arbeiten, verpflichten ihn zu Zeremonien, verlangen von ihm Zeichen.“10 Dabei ist keineswegs von einer bloß exekutiv - physischen Gewalt die Rede, die ihn unterwirft und in bestimmte Tätigkeiten zwängt, denn die „politische Ökonomie des Körpers“ beschreibt eine Gewalt des Raumes, eine sich materialisierende Gewalt, die nicht in erster Linie mit der des Terrors und der der Waffen verglichen werden kann. Diese Form von Gewalt ist unauffälliger, unscheinbarer und verschleiert, gerade weil sie die Bestimmungen (Diskurse) von Tradition, Ideologie und Bedürfnissen anhand von Artefakten ritualisiert.

Der Raum und die ihn konstruierende Architektur ergaben sich aus den Termini der Überlieferungen, der verschiedenen Schulen, der Verpflichtung der Antike gegenüber. Als sich die Architektur des 18. Jahrhunderts von der „Regelmäßigkeit der architektonischen Linienführung“ zugunsten einer neuen Ordnung von Ansprüchen löste (normative Typologien anstelle historischer Vorbilder), so geschah dies unter der Auflage der herrschenden Diskurse, die nicht zuletzt den Techniken der Überwachung, der Produktion von Wissen und der Ausübung von Macht dienten. Die Konstruktion eines Raums setzt also die Konstruktion eines Wissens voraus, welches wiederum auf den Körper wirkt, ihn zu einem „politischen Körper“ macht, einer „Gesamtheit der materiellen Elemente und Techniken, welche als Waffen, Schaltstationen, Verbindungswege und Stützpunkte den Macht- und Wissensbeziehungen dienen, die menschlichen Körper besetzen und unterwerfen, indem sie aus ihnen Wissensobjekte machen“11. Bei der Untersuchung dieser Praktiken und Diskurse wiederum erhält der Raum in der Foucaultschen Analyse den Wert einer „Größe par excellence, in der ein Begreifen dessen, wie Macht funktioniert, möglich ist“12, wo dessen Bindung an den Körper und die Artikulation von Diskursen und Praktiken nachvollziehbar wird, indem sich ein bestimmtes Wissen etabliert.

Vor allem in der Philosophie Friedrich Nietzsches spielt der Körper und der Schmerz eine sehr wichtige Rolle, wenn es um die Entstehung von Moralvorstellungen und die Errichtung eines gesellschaftlichen Gedächtnisses geht, worin Begriffe wie Gewissen, Schuld und Verantwortung ihre Wurzeln finden, wie er diese in dem zu seinem Spätwerk zählenden Text „Zur Genealogie der Moral“ untersucht hat. In der zweiten Abhandlung „ Schuld “ , „ Schlechtes Gewissen “ und Verwandtes zitiert er den Schmerz als Werkzeug der Mnemonik, also als Hilfsmittel des Gedächtnisses, wofür der Körper das erste Archiv des Menschen bildet, indem die Rangordnung innerhalb der Gesellschaft, der Austausch von Schuldigkeit, die Wechselbeziehungen und Verantwortlichkeiten, von denen das Individuum durchströmt wird (wie Foucault sagen würde), hineingeschrieben werden, sobald er dagegen verstößt. „Man brennt etwas ein, damit es im Gedächtnis bleibt: nur was nicht aufhört weh zu tun, bleibt im Gedächtnis.“13 Das durch die Sozialisierung der Gesellschaft aufkommende „Gewissen“ wird auf diesem Wege zur Gewißheit und der Schmerz wird dabei das Schreibwerkzeug gegen das Vergessen, der Wegbereiter der Wissensreproduktion.

Nietzsche gebraucht das Gewissen als Indikator für die Zerrissenheit und das Leiden an der Kultur. In dem Maße, in dem der Mensch sich Werte schafft, die seiner eigentlichen Konstitution nach widersprechen - etwa die Erschaffung eines Gedächtnisses gegenüber der natürlichen Vergeßlichkeit - baut er sich einen Käfig (die Kultur, die Moral), der „die Instinkte des wilden, freien, schweifenden Menschen sich rückwärts, sich gegen den Menschen selbst“ wendet, und weiter; „ Die Feindschaft, die Grausamkeit, die Lust an der Verfolgung, am Überfall, am Wechsel, an der Zerstörung - alles das gegen den Inhaber solcher Instinkte sich wendend: das ist der Ursprung des `schlechten Gewissens´“14. Er entwirft in diesem Punkt die Perspektive der diskontinuierlich verlaufenden Veränderungen der Werte, die zwischen „einzäumender Zähmung und periodischem Ausbruch“15 auf dem Schaltwerk der Geschichte hin- und herspringen. Somit findet zum Beispiel der Krieg als fester Bestandteil des Friedens seine Begründung. Auch Foucaults Betrachtungen zu den verschiedenen Diskursen der Humanwissenschaft, der Medizin, des Gefängnisses, der Psychologie, der Kriminologie und der Sexualität untersuchen die Entwicklungen dieser Praktiken unter den Voraussetzungen von Diskontinuitäten, von Brüchen und Schwellen, durch deren Aufzeigen die Analyse von Macht als das Dispositionsrecht über die Wahrheit erst möglich wird. Foucault dachte also die von Nietzsche für eine Untersuchung von Kultur und Moral vorausgesetzten Thesen in bezug auf das Wissen in seiner Bindung an den Körper als Archiv und der Untersuchung der Diskontinuitäten des historischen Diskurses weiter.

Bleiben wir bei der These des Schmerzes und versuchen diese anhand des „politischen Körpers“ von Foucault weiterzudenken. Wie schon erwähnt, ist der Begriff des „politischen Körpers“ der Topos von Einschreibung und Ausrichtung, Bestrafung und Unterwerfung. Der Diskurs dieser „Technologie“ ist nach Foucault nicht zusammenhängend formuliert und setzt sich eher aus „Stücken und Stückchen zusammen; sie (die Technologie des politischen Körpers) arbeitet mit disparaten Werkzeugen und Verfahren; trotz der Kohärenz ihrer Resultate ist sie häufig ein vielgestaltiger Prozeß“16. Die verschiedenen Diskurse, die Foucault hinsichtlich des „politischen Körpers“ untersucht, beschäftigen sich, wie schon angedeutet und von Foucault selber formuliert, nicht eindeutig und notgedrungen mit dem physischen Körper. Es wird in den verschiedenen Aussagen, so schreibt es Foucault, zum Beispiel die Seele als spezifischer Terminus gebraucht, der nicht der christlichen Theologie entspricht, also „nicht schuldbeladen und strafwürdig geboren wird“. Vielmehr bildet der Begriff der Seele eine Metapher der immateriellen Bezugnahme der verschiedenen Diskurse über den Menschen und über das von ihm Geschaffene auf den materiellen Untertanenkörper, in dessen machtspezifischer Ortbarkeit die „Erfindung“ der Seele das Zahnradgetriebe darstellt, „mittels dessen die Machtbeziehungen ein Wissen ermöglichen und das Wissen die Machtwirkungen erneuert und verstärkt“17. So wird der Terminus Seele selbst zum Diskurs der Macht. Ansatzpunkt dieses Verständnisses ist jedoch wieder der Körper, der innerhalb der sozialen Kontrollmöglichkeiten berechenbar sein muß, um einen jew eiligen Gesellschaftsentwurf praktizieren zu können. Stärker formuliert hieße das; der Körper ist die Voraussetzung für die Existenz der Seele - die Seele ist also nicht frei von der Materialität ihres Trägers - wodurch aber rückwirkend „die Seele das Gefängnis des Körpers ist“.

Das hieße aber, daß der Schmerz eine Praktik zum Diskurs der Seele darstellt, sozusagen die Materialität des Schmerzes in die Abstraktion des Zweitkörpers18 übergeht, welche wiederum durch die Abstraktion des Textes codiert wird (oder durch die Emanation der Bilder, wie z.B. zur Erziehung des mittelalterlichen Mob - was mir eigentümlich bekannt vorzukommen scheint, betrachtet man die Ikonographie der Werbeplakate, die über den Konsumreflex die Ziele der Befriedigung mit denen der sozialen Indikation zusammenlegen). So können wir die Aussagen Nietzsches hinsichtlich der Bildung eines Gedächtnisses durch den Schmerz, mit dem Verständnis der Seele bei Foucault bestätigen. Der Schmerz stellt bei beiden Philosophen eine Produktionseinheit dar. Bei Nietzsche wird somit eine bestimmte Vorstellung von Sozialität produziert, während Foucault darin die Produktion von Wissen in direktem Bezug zu Orten der Speicherung und Lagerung sieht.

Rekapitulierend könnte man also sagen; der Schmerz als gültiges Tauschmittel für Schuld wird durch das Aufkommen des Diskurses der Seele zur Metapher des humanwissenschaftlichen Diskurses. Der Schmerz als exekutives Modul muß dieser Entwicklung Rechnung tragen, woraufhin die juridischen Instanzen mit dem zweiten Körper des Subjektes arbeiten mußten. Der Schmerz muß seine Materialität verlieren, um diesen zweiten Körper zu treffen. So entstand nach Foucault eine Wissenschaft vom Menschen, die nicht nur seine Physiognomie untersuchte, sondern auch auf anderen Sektoren ein Äquivalent zum Schmerz als Disziplinartechnologie suchten. Im weitesten Sinne wird der Henker vom Politiker, Architekten, Mediziner, Ökonomen und Juristen abgelöst. Nicht als Analytiker des Schmerzes (wenn man illusionieren möchte, daß der Henker jemals ein Analytiker war- wohl eher ein Mechaniker), sondern als Konstrukteure des Raumes. Mit dem symbolischen Fall des Schmerzes durch die These des „politischen Körpers“, stellt sich nun das Problem der Lagerung, Stapelung und Schichtung der Körper, des Wissensnetzes und der Macht. Die Bestrafung durch den Schmerz weicht der Bestrafung durch Disziplinierung19 ; der Raum der eisernen Jungfrau wird ausgeweitet zu einem Netzwerk aus Institutionen, Kasernen, Schulen, Internaten, Psychatrien und Gefängnissen.

Hervorzuheben wäre, daß der Prozeß der Diskursproduktion in einem „Nicht - Ort des Sprechens“ seinen Ausgangspunkt findet. Es sei vorausgesetzt, daß die Abstraktion des Textes durch die Materialität des Körpers und die Existenz seines politischen Zweitkörpers bestimmt ist. Dazu möchte ich Prof. Dr. Joseph Vogl zitieren, der im Kontext einer Königs“, dtv, 1990dt, unter anderem Kapitel: VII/2. „Krone und universitas“, S. 358ff und 3. „Körperschaftliche Symptome in England“, S. 398ff)

Vorlesung über „Figuren der Gewalt“ die Kommunikation zwischen Opfer und Täter, in der Situation libertiner Umwertung der gesellschaftlichen Werte anhand sexueller Brutalität und Perversion, wie folgt definierte: „Wo der Schmerz die einzige Kommunikation bildet, endet das Kommunizieren nach taxonomischen und syntaktischen Strukturen.“20 Dieses Zitat kommt dem in der Einleitung zu „Die Ordnung der Dinge“ beschriebenen, diskursanalytisch zu verstehenden Heterotopiebegriff sehr nahe. Die Heterotopie ist in dem genannten Kontext als ein Nicht - Ort des Sprechens zu verstehen, ein Punkt, in dem es unmöglich scheint die Worte und die Dinge einander zuzuordnen, da ihnen der gemeinsame Boden fehlt. „Was unmöglich ist, ist nicht die Nachbarschaft der Dinge, sondern der Platz selbst, an dem sie nebeneinandertreten können.“21 Was hiermit beschrieben wird, ist die Leerstelle der rationalen und kohärenten Gesetzmäßigkeiten auf denen die abendländische Kultur ihr Wesen errichtete. Doch diese Leerstelle bildet nur einen Bruch im Bezug auf ein Denken, welches sich aus hierarchisch geschichteten Systemen, aus geschlossenen und gegenseitig autonomen Kapiteln her definiert. Innerhalb dieser Lücke, oder besser den Topos dieser Lücke ausmachend, befindet sich für Foucault der Ort der fundamentalen Ordnung, ein Ort innerhalb dessen der „positive Boden“ der Ordnung existiert, sozusagen sich die „Seinsweisen der Ordnung manifestieren“, wo sich die Dinge selber ordnen. Er stellt damit einen unterschwelligen Raum der Ordnung vor, der zwischen den Zeilen der empirischen Diskurse hervorscheint, diese bestimmt, da sie auf dieser Ordnung aufbauen, den Diskurs aber auch gleichzeitig ergründen, herleiten und beweisen wollen. Man könnte also mit Foucault sagen, daß gerade dort, wo die Worte und die Dinge, die Signifikanten und ihr Signifikat auseinandertreten, sich die Leerstelle etabliert, in welcher Beziehungen erkennbar sind, sich aber nicht wirklich an diesem Punkt befinden, also kein gemeinsamer Raum der Aufnahme denkbar ist, vielleicht nur der Raum der Assoziation. Ähnlich wie sich in dem Text „Andere Räume“ der Betrachter im Spiegel an einem anderen Ort seiner eigentlichen Anwesenheit sieht, befindet sich in der Heterotopie der Diskursanalyse die Ordnung nicht im Wort - in seiner Bindung an das Bezeichnete - sondern in der „Mittelregion“, zwischen den traditionellen Codes, in die jedes Individuum hineingeboren wird und der philosophischen Reflexion über diese Ordnung. Der heterotopische Raum als reale Entgegensetzung zu seiner Umwelt gesehen, wird innerhalb der Heterotopie des Diskurses virtualisiert, von der Materialität des Raumes, die auch die Metaphorik des Schmerzes einbezieht, in die Abstraktion der Grammatik übersetzt, die sich in diesem Topos der heteroklitischen Entgegensetzung aufzulösen scheint.

Doch worin besteht dieser Ordnungsraum?

Durch die Entstehung der These der zwei Körper (unter anderem) und der damit verbundenen Diskursproduktion muß ein Raum etabliert werden, in dem all dieses Wissen zusammengetragen und ausgewertet werden kann. Ein Locus der Akkumulation muß entstehen, oder so etwas wie ein Katalog, in dem die Dinge eingeordnet werden und sich gegenübergestellt werden können. Doch mit dem Erstellen eines solchen Katalogsystems treten neue Probleme auf. Anders als im ersten Moment ersichtlich, ergibt diese Archivierung kein abgeschlossenes Ganzes, sondern produziert förmlich Widersprüche und Entgegensetzungen; so, wie es logisch ist, daß mit zunehmender Anzahl von Meinungen, die Wahrscheinlichkeit des idealen Ergebnisses der Einstimmigkeit innerhalb einer Abstimmung tendenziell gegen Null geht. Dieser Ort wird in der Foucaultschen Philosophie als Tableau bezeichnet. Ähnlich der Riten innerhalb einer Sprach- oder Codegemeinschaft, die die Brüche „mit dem Alltag, der Emanation der Einbildungskraft, polyphonische Darstellungen des Lebens, des Todes, der Liebe mithin von Eros und Thanatos“22, die Gegenplatzierungen erst produzieren (aufzeigen), so produziert das akkumulierte Wissen Diskontinuitäten, Brüche und Schwellen. Darin besteht für Foucault die Möglichkeit, die Dinge neu zu ordnen, die Entgegensetzungen herauszufordern und somit neue Perspektiven des Wissens zu etablieren. Das eigentlich Interessante dabei ist die Möglichkeit zu einer Ordnung zu finden, indem die Worte und die Dinge durch die Pforte der Rekombinatorik der sie jeweils verbindenden gesellschaftlichen Codierungen, einander neu zugeordnet werden, wie es bei der chinesischen Enzyklopädie von Borges nachvollziehbar wird. Das Tableau ist also nicht ein Ort der Akkumulation und Lagerung, sondern ein Ort der Neuordnung, der Verwendung und Kombination.

Nun vollzieht sich dieser Akt nicht anhand eines Computerprogramms, das eingespeiste Daten nach Belieben oder eher nach einfachen Algorithmen kombiniert, oder anhand einer mystischen Geomantie. Foucault entwirft ein sehr differenziertes Netz von Regeln und Vorgehensweisen, die er in seinem Buch „Archäologie des Wissens“ von 1973 (dt.) entfaltet. Außerdem stehen seine Forschungen unter dem Hauptziel der Analyse der Macht innerhalb der verschiedenen Diskurse, die durch verschiedene Zeiträume hindurch verfolgt, abgewandelt, verdrängt, und scheinbar plötzlich wieder auftreten können.

Die Geschichte wird somit, bildlich gesprochen, zu einer Röhre, die im Innern von Diskursen durchströmt wird. Der einzelne Diskurs gleicht einem Faden, der in Konkurrenz mit den anderen steht. Dieses dynamische Gebildeähnelt einem Geflecht aus verschiedenen Fäden mit unterschiedlichem Ursprung und differenten Vektoren. Dieses Netzwerk, welches mit einem Rhizom verglichen werden kann, etabliert Brüche, Diskontinuitäten und Leerstellen, indem die verschiedenen „Diskursfäden“ Schnittpunkte bilden, an denen sie ineinander übergehen, sich gegenseitig ausschließen oder neue Diskurse produzieren, welche wiederum in Konkurrenz mit den sie produzierenden Diskursen stehen können.

Anhand dieses Verständnisses erhält das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung eine neue Dimension. Die Kybernetik der Diskurse führt dann zur Indifferenz von Ursache und Wirkung, da das Geflecht keinen bestimmbaren Mittelpunkt hat, sondern nur Deterritorialisierungslinien aufzeigt, durch die die Dynamik der Diskurse und die ständige Neustrukturierung der diskursimmanenten Aussagen erkennbar wird. Das Plateau der Foucaultschen Analyse, oder besser die Archäologie als Weg der Aufdeckung der diskursiven Praktiken, untersucht also das Zusammentreten von Aussagen, welche die Voraussetzung für ein Wissen bilden, das wiederum unter bestimmten Bedingungen zu einer Wissenschaft sich wandeln kann. Foucault hat zu diesen Untersuchungen den Entwicklungsbogen, ausgehend von einer diskursiven Praxis, die ein hervortretendes Wissen provoziert, bis hin zu deren „Schwelle der Formalisierung“, wodurch dieses Wissen zur Wissenschaft wird und „ein und dasselbe Formationssystem der Aussagen angewendet wird“, zwischen der Schwelle der Positivität, der Schwelle der Epistemologisierung, der Schwelle der Wissenschaftlichkeit und eben der Schwelle der Formalisierung unterschieden, um daraufhin deren Nichtlinearität der Abfolge zu induzieren.23

Bei der Analyse der Verschaltung dieser Entwicklungstadien stützt sich die Archäologie auf die Betrachtung der Formationssysteme, in denen die Gegenstände eines Diskurses ihren Platz finden, deren Äußerungstypen, der verwandten und zugeordneten Begriffe und der theoretischen Wahlmöglichkeiten der Wissenschaft. Die Untersuchung des Formationssystems, diese Archäologie, etabliert sich somit an der Leerstelle (den Schnittpunkten), in der die Diskurse mit dem (durch die Wissenschaftlichkeit ausgeschlossenen) Wissen, das Wissen mit den diskursiven Praktiken in Beziehung treten und die Praxis in die Wissenschaftlichkeit eingeht oder mit ihr kommuniziert. Aus diesem Grund muß Foucault zu recht auf die Unwissenschaftlichkeit der archäologischen Methode bestehen, da durch sie die Peripherie der Beobachtung im Zentrum der Verschaltungen behauptet werden soll, wodurch es erst möglich wird die diskursive Kommunikation (Verschaltung der Diskurse) zu analysieren. „Er verstand es, sich erfolgreich einer `disziplinierten ´ Wissenschaft und ihrer `Diskurspolizei ´ zu entziehen, weshalb ihn die Disziplinen nur ungern in ihren Diskursrevieren vagabundieren ließen. Eher erschien er als ein Landstreicher, als einer der Ihren, ein Landvermesser; ...“24. Die Diskurse stehen, wie schon erwähnt, in einem Verhältnis der Konkurrenz miteinander, wodurch es nicht mehr möglich ist, eine rein linear verlaufende Abfolge von Themen und Aussagen und Argumentationsrahmen zu analysieren. Vielmehr treten die einzelnen Diskurse in ein Netzwerk von Streitgesprächen ein, wodurch die Linearität der Zeit nicht mehr die Rolle des Distributionsorgans, im Sinne einer streng bewahrten Überlieferung und rezeptiven Verarbeitung von Texten, spielt, sondern die Verhältnismäßigkeiten in bidirektionaler Richtung in Kontakt treten.

Dadurch eröffnet sich ein Bedeutungswandel des Foucaultschen `Textkörpers ´ innerhalb der gegenwärtigen Diskurse über die Landschaft der neuen Medien. Sein Werk ist vor allem der Entwurf zu einer Theorie der Verschaltung, die dadurch gerechtfertigt wird, herauszufinden, inwieweit sich Macht durch Wissen in einem System entfalten kann und inwiefern dieses Wissen auch eine Macht provozieren, und zur Bildung einer neuen Macht beitragen kann. Allgemeiner gesagt, welche Konstellationen einer Macht erlauben, sich zu etablieren.

Foucault ist in dieser Beziehung ein Systemanalytiker, der sich jeglicher Systemzugehörigkeit entziehen will.

Dieser Raum der Foucaultschen Betrachtung ist also durch eine ihm inhärente Dynamik gekennzeichnet, bei der sich die Ursachen und Wirkungen nicht mehr in einem linearen Verhältnis bedingen, durch das die Ursache immer der Wirkung vorausgehen würde.

Doch worin besteht die Aktualität des Foucaultschen Textkörpers bezüglich der Neustrukturierung von Wissen, welche sich durch die Entwicklung der neuen Medien vollzogen hat und sich weiterentwickeln wird? Eröffnet die Foucaultsche Sichtweise einen Raum der Ordnung, z.B. innerhalb der rechnergestützten Virtual Reality, in der das Wissen eine Umdeutung, oder anders ausgedrückt einer Ver-wendung in diesem ganz pragmatischen Sinn erfährt?

Foucault hat versucht, die Verschaltungen zwischen den Diskursen und den sie statuierenden Voraussetzungen aufzuzeigen. So hat er auch das Archiv als Ort der möglichen Entgegensetzungen untersucht, als einen Gedächtniskörper, der die Gebiete umrahmt und gleichzeitig deren Inhalt darstellt.

Er hat den Bezug des Körpers, als ersten „medialen“ Raum, zu dem davon ausgehenden ritualisierten Raum (Heterotopie) aufgezeigt, der durch Zeichen etabliert wird, die ihn ausfüllen und dadurch einen neuen Raum eröffnen; den der Schrift als Auslagerung der menschlichen Spezifität und Anklage gegen die Entropie. So gesehen hat Foucault in seiner Analyse der Macht auch den Prozeß der Auslagerung des Subjektes durch dessen „Apparate“ beschrieben, wodurch das Subjekt zu einem innerhalb der von der Menschheit veräußerlichten und angeordneten Gegenständen eingeordneten, aufgestapelten, angereihten Objekt umgedeutet wird. Man kann demnach nicht mehr von einem erkennenden Subjekt sprechen, womit auch die Eigenverantwortlichkeit als conditio humana in Frage gestellt wird.

Ausgehend vom Raum des Körpers, der anhand der Apparate (Mc Luhan) oder, wenn man mit Virilio sprechen möchte, seiner Prothesen, ausgeweitet wird, beschreibt (man könnte es so auslegen) Foucault eine Medientheorie, die das Medium als Inhalt eines anderen Medium beschreibt (innerhalb der Archäologie, wo die Schnittpunkte zwischen diskursiver Praxis, diskursiver Formation und Wissen gleichzeitig den Rahmen und den Inhalt darstellen); so, wie die Analyse des Raumes eine Analyse des Wissens ist, das sich im Raum ausbreitet, um ihn zu konstruieren, zu definieren, zu strukturieren und aufzuschichten. Die Betrachtung der Konfigurationen und Rekombinatorik, diese Kybernetik der Diskurse, hat im Zeitalter der neuen Medien und der „Renaissance“ des Bildes als sozialem Code nicht an Bedeutung verloren. Auch Foucault sah die von ihm konstituierte Archäologie keinesfalls ausschließlich mit der Wissenschaftsgeschichte, oder wie in der „Archäologie des Wissens“ formuliert, der Episteme, als „Analyse der diskursiven Formationen, der Positivitäten (das „Herausschälen“ bestimmter Aussagen aus der Fülle von möglichen Aussagen) und des Wissens...“25, verbunden. Am Ende des Buches stellt er selber die Frage; „Befaßt sich die Archäologie nur mit Wissenschaften? Ist sie immer nur eine Analyse der wissenschaftlichen Diskurse?“ und gibt die Antwort; „Was die Archäologie zu beschreiben versucht, ist nicht die Wissenschaft in ihrer spezifischen Struktur, sondern der durchaus andersartige Bereich des Wissens26. Auf den Seiten 275f wird das Beispiel einer solchen, nicht auf die Episteme gerichteten Archäologie anhand der möglichen (und später in „Sexualität und Wahrheit“ verwirklichten) Beschreibung der Sexualität, durch das Aufzeigen der „... Verbote, Ausschlüsse, Grenzen, Aufwertungen, Freizügigkeiten, Grenzüberschreitungen...“ genannt, deren „sprachliche oder nicht- sprachliche Manifestationen an eine determinierte diskursive Praxis gebunden sind“. Gerade diese Beschreibung anhand von Einschluß und Ausschluß kann für eine Betrachtung der neuen Medien eine aufschlußreiche Perspektive darstellen, wenn es dann nämlich um den Zugang zu Informationen geht und um die Verweisstrukturen (Hyperlink), durch die man an die gesuchten Informationen gelangt (oder auch nicht). Thomas Barth untersucht in seinem Buch „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“ von 1997 das von Foucault formulierte Disziplinarsystem (Panoptikum von Bentham) auf die Kontrollmechanismen des Cyberspace hin und zitiert in diesem Zusammenhang Gille Deleuze; „Das Gefängnis als feste (zellenförmige) Segmentierung verweist auf eine dehnbare und bewegliche Funktion, einen kontrollierten Verkehr, ein ganzes Netz, das auch die freien Milieus durchzieht und das lehren kann, auch ohne Gefängnis auszukommen. Es ist ein wenig wie der `unbegrenzte Aufschub ´ bei Kafka, der der Verhaftung und Verurteilung nicht mehr bedarf.“27 Barth formuliert diesen Vorgang als „ein zweites, umgekehrt kommunizierendes Netzwerk“, daß anhand der Massenmedien „über die Gesellschaft“ geworfen wird. Damit wird der Prozeß von der starren Disziplinärgesellschaft (wie sie von Foucault in „Überwachen und Strafen“ von 1975 beschrieben wurde) zur dynamischen und keinen Lebensraum auslassenden Kontrollgesellschaft, die somit „auch die freien Milieus durchzieht“, beschrieben.

Die Untersuchung der Verweise, durch die man an Wissen gelangen kann und durch die Wissen bereitgestellt wird, ist gleichzeitig eine Untersuchung der Metapräskriptionen28, also der Konstellation von Codes durch die Aussagen getroffen werden können und zu neuen Aussagen führen. Die Aussage selbst wird zum Representanten dessen, woraus sie hervorgeht. Die Struktur der Verweise ist schon die Aussage. So kann diese Konstellation zum Terrorismus führen, oder in Anerkennung der Heteromorphie „auch den über die Metapräskriptionen diskutierenden Gruppen dienen, indem sie ihnen Informationen gibt, die ihnen meistens fehlen, um in Kenntnis der Sachlage zu entscheiden“29, wie Jean- Francois Lyotard schreibt. Um das Wissen vor der „Ideologie des Wissens“ (Terrorismus) zu schützen, schlägt er den freien Zugang „zu den Speichern und Datenbanken“ vor. Dies ist auch der Punkt, an dem er (wenigstens in dem zitierten Text) innehält, um dem Rauschen Raum zu schaffen, der vollständigen Information. Vollständige Inormation ist Rauschen, insofern sie der Entropie entspricht, also die Wahlmöglichkeiten ein so hohes Maß erreichen, daß es für den Empfänger praktisch kein zu verwertendes Signal produziert aus dem eine Botschaft entstünde. Um Botschaften auszutauschen bedarf es einer Reduktion durch Codes.30

Bezieht man dies auf die Aussage Lyotards, so stellen wir uns eine Vielzahl von Wissensgemeinschaften vor, die durch Interaktion Wissen austauschen und unbegrenzten Zugang zu Wissen haben. Eine solche Wissensgemeinschaft, deren Mitglieder selber anhand der Möglichkeiten der Telematik untereinander kommunizieren (Das globale Dorf), entwickelt bestimmte Codes, unter deren Eingrenzung der Wahlmöglichkeiten innerhalb eines Wissensgebietes Botschaften entstehen und ausgetauscht werden können, die der Spezifität (von der man ausgehen muß, wenn man die Verschaltung von „Wissensmodulen“, den projektorientierten Forschungsgruppen, untersucht) dieser Wissensgemeinschaften entspricht. Tritt diese Wissensgemeinschaft aber in Kontakt mit anderen und sollen dabei Botschaften ausgetauscht werden, müssen weitere Codes entwickelt werden, die sozusagen als Metakodex (oder Metapräskription) die Interaktion der beiden „Wissensmodule“ ermöglichen. Fügt man dieser Verbindung weitere hinzu und geht dabei zum Beispiel davon aus, daß sich „Wissensmodul 1“ und „Wissensmodul 3“ nicht kennen aber beide Beziehungen zu „Wissensmodul 2“ unterhalten, so entsteht eine indirekte Beziehung zwischen „W 1“ und „W 3“, wodurch es möglich wird, daß ein, wenn auch über einen Mittler („W 2“), ermöglichter Wissensaustausch zwischen „W 1“ und „W 3“ geschieht. Doch ist es auch wahrscheinlich, daß die Beziehung „W 1“ zu „W 2“ einen anderen Code benutzt als die Beziehung „W 2“ zu „W 3“. Es entsteht innerhalb der indirekten Verbindung von „W 1“ zu „W 3“ wieder eine Expansion der Wahlmöglichkeiten, eine tendenzielle Entropie innerhalb eines eingeschränkten Informationsflusses. Der Austausch von Wissen fällt zusammen mit seiner Transkription, wodurch sich das Rauschen in den Kanälen vergrößert. Hohe Informationsdichte verkleinert also die Wahrscheinlichkeit von präzisen Botschaften.31

Die Offenheit des Systems (der Zugangsmöglichkeiten) führt nun, im Bezug zum Dispositiv der Macht, zu einem Alles-Sehen, womit der Horizont der Kontrolle unbegrenzt scheint und die Einsperrung „nur mehr in Sonderfällen nötig“32 ist.

Die Untersuchung des Ausschlusses von Information durch den unbegrenzten Zugang dazu wäre ein zukünftiges Forschungsgebiet einer „Medienarchäologie“. Das Entstehen einer Disziplinargesellschaft beruhte auf der Vorstellung der Linearität, die sich im Zeitalter der Massenmedien auflöst, wodurch die Verkettung von Begebenheiten zu einem Rhizom aus virtuellen Anwesenheiten transformieren und die Heterotopien Schnittpunkte in diesem Informationsnetz darstellen, oder anders ausgedrückt, sich die Gegenplazierungen nach außen kehren, um nicht durch Ritualisierung Wissen zu produzieren, sondern durch Verschaltung von Wissensräumen.

Literaturangabe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

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1 Michel Foucault - Andere Räume; in Politics-poetics, hrsg. Dokumenta und Museum Friedericianum - Veranstaltungs GmbH, Ostfildern-Ruit; Cantz, 1997, S. 262-272

2 ebd., S. 265

3 ebd., S. 265

4 Walter Gebhard in Friedrich Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral“, Kröner Verlag, 1991, S. 442

5 Michel Foucault „Die Ordnung der Dinge“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997, S. 20

6 ebd., S. 19

7 Michel Foucault „Überwachen und Strafen“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1994, S. 37

8 Anton Hügli, Poul Lübcke „Philosophielexikon“, Systhema Verlag, München, 1995 (Cd-Rom, daher keine Seitenangabe - Zitat unter Eingabe: Foucault, Michel) (Original: Rowohlt Verlag, Hamburg, 1991)

9 Daniel Defert „Foucault, der Raum und die Architekten“, in Politics-poetics, Dokumenta X, Cantz, 1997, S. 274-283

10 Michel Foucault „Überwachen und Strafen“, S. 37

11 ebd., S. 40

12 Daniel Defert „Foucault, der Raum und die Architekten“, in Politics-poetics, S. 281

13 Friedrich Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse. Zur Genealogie der Moral“, Kröner Verlag, 1991, S. 289

14 ebd., S. 318

15 ebd., im Nachwort von Walter Gebhard S. 443

16 Michel Foucault „Überwachen und Strafen“, S. 37

17 ebd., S. 42

18 Zweitkörper im Sinne der Gesamtheit von „wissenschaftlichem Wissen“, welches „in die Gerichtspraxis einbezogen“ wird, um den Untertanenkörper zu disziplinieren(in Anlehnung an den sterblichen Körper des Königs, der von der Dignität der Krone getrennt betrachtet werden konnte, wenn es zum Beispiel darum ging die Krone vor dem König selbst zu schützen; also die Auslagerung der Sakralität des von Gott befohlenen Monarchen, in den Diskurs der Machtzeichen - Siegel, Krone, Unterschrift, ... ; siehe Ernst H. Kantorowicz „Die zwei Körper des Fortsetzung nächste Seite

19 Disziplinierung im Sinne von Unterordnung und bewußter Einordnung

20 Prof. Dr. Joseph Vogl (Geschichte und Theorie künstlicher Welten), Vorlesung „Figuren der Gewalt“, SS 98´ Das Zitat bezieht sich auf einen Textkörper. Der reale Raum führt den Text zurück in den Raum, von der Abstraktion zum locus der Geschichtsschreibung Foucaults.

21 Michel Foucault „Die Ordnung der Dinge“, S. 19

22 Daniel Defert „Foucault, der Raum und die Architekten“, Politics-poetics, S. 275

23 Michel Foucault „Archäologie des Wissens“, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1973, d. „Die verschiedenen Schwellen und ihre Chronologie“, S. 265f

24 Thomas Barth „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“, Pfaffenweiler: centaurus - Verlag, 1997 (Hamburger Studien zur Kriminologie), S. 38

25 Michel Foucault „Archäologie des Wissens“, S. 272

26 ebd., S. 278

27 Thomas Barth „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“, S. 78

28 siehe Jean-Francios Lyotard „Das postmoderne Wissen“, Passagen Verlag, Wien, 1993, S. 187f Der Begriff der Metapräskriptionen beschreibt eine Entwicklung in der postmodernen Erkenntnisphilosophie, nach welcher auch die denotativen Aussagen einer Metastruktur unterliegen, nach deren Regeln, die selber präskriptiv sind, denotative Aussagen erst getroffen werden können. Es handelt sich dabei nicht um eine Metasprache, sondern um die vom jeweiligen wissenschaftlichen Konsens abhängige Aussagenberechtigung. „Unzählbar sind die Wissenschaftler, deren „Spielzug“ manchmal auf Jahrzehnte vernachlässigt oder unterdrückt wurde, weil er erreichte Positionen nicht nur in der universitären oder wissenschaftlichen Hierarchie, sondern auch in der Problematik zu heftig destabilisierte. Je stärker ein „Spielzug“ ist, desto leichter ist es, ihm den Mindestkonsens zu verweigern, eben weil er die Spielregeln verändert, über die der Konsens bestand.“ (S. 183-184)

29 ebd., S. 192

30 Umerto Eco „Das offene Kunstwerk“, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1996, (Kapitel: „Offenheit, Information, Kommunikation“, S. 90-153)

31 ebd., S. 128-131 „Information, Ordnung und Unordnung“

32 Thomas Barth „Soziale Kontrolle in der Informationsgesellschaft“, S. 83

Details

Seiten
17
Jahr
1998
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97021
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar – Fakultät Medien
Note
1
Schlagworte
Foucault Körper Projekt Medienarchäologie Wissens

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Titel: Foucault und der mediale Körper