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Kritik am BIP

Referat (Handout) 2000 6 Seiten

Leseprobe

Kritik am BIP

Grundsätzliche Kritik am BIP

Sie haben bereits das BIP pro Kopf kennengelernt. Wie aussagekräftig ist diese Zahl nun, was den Wohlstand des Einzelnen betrifft? Das hängt von der Einkommensverteilung innerhalb eines Landes ab.

Nehmen wir an, in einem (Entwicklungs-)Land leben 10 % extrem reiche und 90 % sehr arme Menschen. Durch das hohe Einkommen der Reichen wird der Durchschnitt stark verzerrt und eine Aussage darüber, wie hoch der Wohlstand des „Durchschnittsbürgers“ ist, ist nicht mehr möglich.

Da dieses Problem der höchst unterschiedlichen Einkommensschichten fast überall auf der Welt Bedeutung hat, ist das BIP pro Kopf leider keine sehr geeignete Zahl, um den Wohlstand der Einwohner eines Staates zu messen. Als Maßzahl für das Wirtschaftswachstum hat das BIP allerdings natürlich seine Berechtigung.

Wohlstand vs. Wohlfahrt

Wenn von Wohlstand gesprochen wird, meint man das Vorhandensein materieller Güter - also Einkommen und Vermögen. Unter Wohlfahrt versteht man hingegen die „Gesamtzufriedenheit“ des Individuums.

Ist es denn nicht durchaus möglich, dass ein Ureinwohner im brasilianischen Regenwald, der mit Jagen, Fischen und Früchtesammeln seine Familie ernährt, glücklicher ist als ein gestresster Manager in Österreich, der 150.000,- Schilling im Monat verdient? Persönliche Zufriedenheit hängt schließlich von mehr ab als nur vom Geld. Relevante Faktoren für das „Glück des Einzelnen“ können beispielsweise sein: Gesundheit, persönliche Freiheit (politische und religiöse), eine intakte Umwelt, Freizeit, Infrastruktur, Möglichkeit der Selbstverwirklichung usw.

Ab einem gewissen Maß an Wohlstand ist der Grenznutzen weiterer Güter außerdem geringer als die zusätzliche Belastung (Umweltverschmutzung, investierte Arbeitskraft, ...), die seine Erzeugung mit sich bringt. In diesem Fall steigt zwar der Wohlstand, aber die Wohlfahrt verschlechtert sich.

Unter dem Gesichtspunkt der Wohlfahrt ist das BIP überhaupt kein geeigneter Indikator.

Exkurs: Externe Effekte

Öffentliche Güter

Öffentliche Güter sind durch 2 Merkmale gekennzeichnet:

1. Nicht-Ausschließbarkeit: Niemand kann vom Konsum des Gutes ausgeschlossen werden, sobald es einmal bereitgestellt wurde. (Bsp: Landesverteidigung)
2. Nicht-Rivalität: Die bisherigen Nutzer des Gutes werden durch einen zusätzlichen Nutzer nicht in ihrem Konsum eingeschränkt. (Bsp: Straßenbahn)

Bei öffentlichen Gütern versagt der marktwirtschaftliche Allokationsmechanismus. Individuen, die eigennützig rational handeln, sind nicht bereit, für die Bereitstellung von öffentlichen Gütern einen Beitrag zu leisten, da sie erwarten können, diese Güter bei Bereitstellung durch andere gratis mitbenutzen zu können (➙ Trittbrettfahrer-Haltung, Bsp: Schwarzfahren).

Selbst wenn sich mehrere Benutzer zusammenschließen, ist die Gruppe immer von der Selbstauflösung bedroht, weil es stets die Möglichkeit der parasitären Nutzung gibt. Daraus ergibt sich bei einer Versorgung über die Märkte eine Tendenz zur Unterversorgung der Gesellschaft mit öffentlichen Gütern. Daher werden sie häufig vom Staat zur Verfügung gestellt.

Weiters ist bei öffentlichen Gütern mit einer Übernutzung zu rechnen, da sie auch bei rivalisierender Nutzung der Preis nicht steigt. Übernutzung heißt, dass die Grenze des nichtrivalisierenden Gebrauchs überschritten wird (Bsp: Stau im Straßenverkehr, übervolle Straßenbahn zu den Stoßzeiten).

Unter anderem infolge dieser Übernutzung entstehen externe Effekte.

Externe Effekte

Externe Effekte liegen vor, wenn anderen durch die Produktion oder den Verbrauch von Gütern (Güter im weitesten Sinne, so zB auch die Umwelt) Ersparnisse bzw Kosten entstehen, für die keine Entschädigung vom Verursacher bzw kein Entgelt vom Empfänger bezahlt wird.

Man unterscheidet zwischen positiven externen Effekten (Bsp: Aufforstung von Ödland, Gegenseitiger Nutzen von Bienenzüchter und Obstgartenbesitzer) und negativen externenEffekten (Bsp: Umweltverschmutzung, Lärmbelästigung durch Maschinen).

Da externe Effekte finanziell nicht abgegolten werden, gehen sie natürlich auch nicht ins BIP ein. Da sie aber volkswirtschafltich relevant wären, muss man sagen, dass das BIP in dieser Hinsicht unvollständig ist.

Daher ist es sinnvoll zu versuchen, die externen Kosten zu internalisieren, dh in die Wirtschaftsrechnung einzubeziehen.

Möglichkeiten der Internalisierung sind zB:

a. Steuern werden für negative externe Effekte gezahlt, daher steigen die Grenzkosten und die Produktion des externen Effektes sinkt. Der Vorteil hierbei ist, dass durch die Kostenerhöhung Anreize geschaffen werden, (umweltfreundlichere) Vermeidungsstrategien zu suchen.
b. Förderungen bekommt man für positive externe Effekte, daher werden die gesamten Grenzkosten gesenkt und die Produktion des externen Effektes steigt (zB Förderung für Aufforstung).
c. Genehmigungen (Umweltlizenzen) sind limitierte Mengen von Umwelt- verschmutzungsrechten, die handelbar sind. Sie werden vom Staat vergeben. Am freien Markt ergibt sich dann der „Preis“ für Umweltverschmutzung. Umweltorganisationen können Lizenzen aufkaufen, um die Umweltverschmutzung zu reduzieren.

Diese Strategien werden zwar teilweise bereits umgesetzt, aber die diesbezügliche Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen.

Um negative externe Effekte zu vermeiden, können Ge- und Verbote herangezogen werden.

Gebote: Erlass von Umweltauflagen, die die Unternehmen einhalten müssen, zB Neuerrichtungen von Anlagen müssen dem „Stand der Technik“ entsprechen. Verbote: Auflagen, die Emissionen bestimmter Stoffe verbieten, zB kein Blei im Benzin.

Aufgrund oben genannter und anderer Unzulänglichkeiten des BIP (auf die noch näher eingegangen wird) sollen hier im weiteren zwei alternative Ansätze zur Feststellung des Wohlstandes eines Landes vorgestellt werden.

1. Wohlfahrtsorientiertes Nettoinlandsprodukt (NIPW)

Ein Kritikpunkt am BIP ist, dass vieles, was dem persönlichen Wohlstand dient (zB das Kochen zuhause, Babysitten uä), nicht in die Berechnung des BIP einfließen, wohingegen viele verzichtbare Aktivitäten sehr wohl ins BIP einbezogen werden (zB das Abholzen von aussterbenden Baumarten uä).

Das NIPW versucht, diese Mängel des BIP zu korrigieren.

So wird dem BIP, um zum NIPW zu gelangen, der Wert der Freizeit hinzugerechnet. Nehmen Sie an, Sie sind wohlhabend und beschließen daher, weniger zu arbeiten., da Ihnen die zusätzliche Freizeit mehr bedeutet als weitere Güter und Dienstleistungen. Das BIP würde in diesem Falle abnehmen, obwohl sich Ihre Wohlfahrt erhöht. Dieser zusätzliche Nutzen findet im NIPW Berücksichtigung.

Arbeiten, die in den Haushalten unentgeltlich geleistet werden, wie zB die Zubereitung von Speisen, das Pflanzen von Gemüse im Garten oder die Kindererziehung, fließen ebenfalls nicht ins BIP ein, da der Mehrwert nicht auf Märkten ge- bzw verkauft wird. Würden Sie aber andererseits täglich auswärts essen gehen oder für Ihre Kinder ein Kindermädchen (vorausgesetzt, es wäre beim Finanzamt gemeldet) anstellen, würde das BIP steigen. Eine Schätzung des NIPW muß also auch den Wert solcher Eigenarbeiten beinhalten.

Weiters ist noch die Schattenwirtschaft zu berücksichtigen. Diese umfasst eine Vielzahl von Aktivitäten, die nicht an die Finanzämter bzw Statistiker gemeldet werden, zB ein Teil der Glücksspiele, Prostitution, Dorgenhandel, Bestechung, Schwarzarbeit etc. Motivation für die Schattenwirtschaft kann einerseits die Umgehung von Steuerleistungen sein (zB Schwarzarbeit) oder die Vermeidung von Strafen aufgrund der Illegalität des Geschäftes (zB Drogenhandel).

Im allgemeinen werden illegale Aktivitäten auch im NIPW nicht berücksichtigt, da sie nicht zur Wohlfahrt beitragen sondern im Gegenteil unerwünscht sind. Legale Tätigkeiten werden im NIPW hingegen sehr wohl berücksichtigt, doch deren Schätzung ist schwierig.

Umweltschäden, also negative externe Effekte, werden im NIPW ebenfalls berücksichtigt.

2. Der Human Development Index (HDI) - Index für menschliche Entwicklung

Die Weltbank gruppiert bisher noch alle Länder (einschließlich der früheren Ostblockstaaten) ungeachtet der methodischen Einwände nach dem BSP pro Kopf und unterscheidet Länder mit niedrigem, mittlerem und hohem Einkommen, wobei die mittlere Einkommensgruppe noch in zwei Teilgruppen aufgespalten wird. Zu den Ländern mit hohem Einkommen zählen nicht nur die westlichen Industriestaaten, sondern zum Beispiel auch Singapur, Hongkong und Israel sowie bevölkerungsarme Erdölexporteure wie Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate, während sich zum Beispiel mit Portugal und Griechenland auch zwei EU-Mitgliedsländer im obersten Teil der mittleren Einkommensgruppe befinden.

Einen differenzierten, den hohen Anspruch schon in der Bezeichnung ausdrückenden Versuch stellt der "Index der menschlichen Entwicklung" (Human Development Index - HDI) dar, der von einer Arbeitsgruppe im Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen konstruiert und 1990 erstmals präsentiert wurde. Er umfaßt zur Zeit drei Teilelemente, die in den HDI eingehen:

- Lebensdauer, gemessen als Lebenserwartung zwischen 25 und 80 Jahren;
- Wissen, gemessen als Alphabetisierung Erwachsener (zwei Drittel) zwischen 0 und 100 Prozent sowie als Dauer des Schulbesuchs (ein Drittel) zwischen 0 und 15 Jahren;
- Lebensstandard, gemessen als Pro-Kopf-Einkommen in realer Kaufkraft zwischen 200 und 40.000 US-Dollar.

In den HDI gehen die drei Teilelemente jeweils zu einem Drittel ein. Die Berechnung zielt auf den Abstand zwischen den Ländern, wobei für angenommene Maximal- bzw. Minimalwerte (Lebenserwartung zum Beispiel 85 bzw. 25 Jahre) eins bzw. Null gesetzt werden. Entsprechend liegt der HDI für alle Länder zwischen 0 und 1, und es werden die Teilgruppen mit hohem (größer als 0,8), mittlerem (0,5-0,8) und niedrigem (unter 0,5) HDI unterschieden. Auch hier liegen die westlichen Industrieländer mit Werten über 0,9 an der Spitze, während zum Beispiel die einkommensstarken Vereinigten Arabischen Emirate in die mittlere HDI- Gruppe abrutschen. Der HDI ist als Experiment methodisch und politisch umstritten und tendenziell auf Erweiterung angelegt. Gefordert werden insbesondere die Berücksichtigung des politischen Freiheitsgrades, der Umweltbelastung und des Grades an sozialer, regionaler und geschlechtsspezifischer Ungleichheit.

Vorteil:

- Berücksicht mehr Faktoren als BSP; Aussage über Lebensverhältnisse in einem Land sind genauer.

Nachteile:

- Indikator Lebensdauer unscharf (Langes Leben kann mit Armut verbunden sein)
- Indikator Wissen unscharf (Hohe Schulbildung garantiert noch keinen Arbeitsplatz)

Die Welt nach dem Human Development Index

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

grün: hoher HDI, gelb: mittler HDI, rot: niedriger HDI

Human Development Index (High Human Development)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.undp.org/hdro/98hdi1.htm

Details

Seiten
6
Jahr
2000
DOI
10.3239/9783638098021
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97127
Note
Schlagworte
Kritik

Autor

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