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Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Aktualität in der heutigen Zeit

Referat / Aufsatz (Schule) 2000 7 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Nathan der Weise (G. E. Lessing)

Literarische Erörterung

Aufgabe: Erörtere, dass Lessings Drama ,,Nathan der Weise" in der heutigen Zeit noch eine Aktualität besitzt.

Die Behandlung der sogenannten ,,alten Klassiker" stößt immer wieder auf Ablehnung bei Schülern. Viele kennen die Bücher als veraltete Schriften, die keinerlei Aktualität besitzen und fordern moderne Werke, die die Probleme der heutigen Zeit ansprechen. Dass das Eine das Andere nicht ausschließt, dass also schon ein Zusammenhang von früher und heute besteht, möchte ich anhand G. E. Lessings Drama ,,Nathan der Weise" zeigen.

Lessings Drama spielt während der Zeit der Aufklärung und vor einem Schauplatz religiöser Konflikte in den Kreuzzügen. Obwohl das Drama vor so langer Zeit ein damals aktuelles Thema aufwies, hat es auch heute, am Ende des 20. Jahrhunderts, keinerlei Bezug verloren.

Die eigentliche Aktualität kann anhand einzelner Punkte belegt und auf die heutige Zeit übertragen werden.

Zu jeder Zeit erforderte das Zusammenleben in einer Gemeinschaft gewisse Regeln. Dennoch hilft die sture Einhaltung aller Vorschriften nicht immer im Umgang mit den Mitmenschen und so muss jeder ein Stück Menschlichkeit miteinbringen. Nathan verwendet seinen eigenen Reichtum zusätzlich zum Wohl für andere Menschen. Er verleiht nicht gern Geld, sondern teilt es lieber unter denen auf, die es dringend benötigen. Hierbei stellt er die Menschen über die Güter, wie er am Beispiel seiner Ziehtochter Recha verdeutlicht (·1). Auch in der heutigen Zeit geht es darum, seinen eigenen Reichtum nicht egoistisch anzusammeln sondern auch in seiner Pflicht als Mensch in einer großen

Gemeinschaft, für andere zu sorgen. Dies geschieht im kleineren Kreis bei Spendenaktionen in Schulen und Pfarrgemeinden aber auch bei Hilfsaktionen für Länder der sogenannten ,,Dritten Welt". Die Internationale Gemeinschaft, das sind alle Länder der Welt, hat sich entschlossen den Ärmsten unter ihnen zu helfen. So wurde beschlossen, den ärmsten Ländern der Erde die Schulden, die durch die Entwicklungshilfe entstanden sind zu erlassen. Hier mussten die reichen Länder einsehen, dass keine Chance für einen Wiederaufbau der Länder besteht, wenn sie sich immer weiter verschulden müssen und so nie wieder eine geregelte Haushaltsführung erreichen. Lessings Wunsch nach einem Handeln, das nicht auf Pflichtgefühl beruht, sondern sich um die Menschen dreht und auf die inneren Werte achtet scheint heute zum größten Teil erfüllt zu sein. Die Erdbeben in der Türkei in der vergangenen Monaten, haben uns einmal mehr gezeigt, dass ein großes Interesse daran besteht, seinen Mitmenschen zu helfen. Die unzähligen Hilfstransporte und die Mithilfe deutscher und europäischer Suchmannschaften beweisen, dass Mitmenschlichkeit auch heute sehr groß geschrieben wird. Gerade auch jetzt zur Weihnachtszeit steckt hinter der Spendenfreudigkeit auch eine Überzeugung mit seinem Geld, Gutes zu tun.

,,Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden " (·2)

Die Forderung nach der Toleranz gegenüber dem Nächsten ist heute im Grundgesetz verankert und spiegelte sich bereits in Lessings Drama ,,Nathan der Weise" wieder. Was damals ein Leitbegriff der Aufklärung war, ist heute ein für jeden Bürger geltendes Grundrecht.

Durch diesen Status sichert Toleranz den Frieden. Nathan zeigt im Drama bewußt Toleranz, indem er nicht nur seine Mitmenschen als Teil der Gesellschaft sieht, sondern sich mit den Meinungen und den Religionen anderer auseinandersetzt. Dadurch baut er Vorurteile ab und ein gutes zwischenmenschliches Verhältnis auf. Er versucht natürlich, die für ihn geltenden Prinzipien durchzusetzen, aber er will den anderen nicht überreden, sondern überzeugen. Durch den ständigen Kontakt und die kritische

Auseinandersetzung mit seinem Gegenüber kann auch heute Frieden gesichert und ein Zusammenleben ermöglicht werden. In jeder Stadt leben Deutsche und deren ausländische Mitbürger in unmittelbarer Nachbarschaft. Um hier Konflikten entgegenzutreten, werden gemeinsame Aktionen und Gruppen ins Leben gerufen. Gemeinsame Ausflüge, Diskussionsforen und Kochabende sind nur wenige Beispiele. So können Berührungsängste schnell abgebaut werden und eine gegenseitige Toleranz folgt. Deshalb sieht man auch immer mehr, dass sich die in Deutschland lebenden Moslems ihre eigenen Moscheen bauen und bauen dürfen. Diese positiven Entwicklungen sind nur durch einen Dialog und durch ein gegenseitiges Kennenlernen möglich. Was Nathan lebte, versuchen auch heute einige Menschen zu praktizieren um so zu einem Frieden beizutragen. Denn wo ein Frieden im kleineren Rahmen stattfinden kann, ist auch ein globaler Frieden möglich. Aus dem genannten Dialog entsteht zweifelsohne auch eine gewisse Sicherheit für jeden einzelnen Menschen. Wenn er zu Gesprächen und Kompromissen bereit ist, dann kann Toleranz auch die eigenen Interessen schützen. Dies erleben wir heute bei den verschiedensten Randgruppierungen unserer Gesellschaft. Viele Menschen haben zum Beispiel mittlerweile kein Problem mehr mit dem Thema Homosexualität. Durch den starken Einsatz der Aufklärungs- und Selbsthilfegruppen, haben die beiden ,,Parteien" gelernt aufeinander zuzugehen. Auch in Lessings Drama ,,Nathan der Weise" zeigt sich diese Akzeptanz des Andersdenkenden und Lebenden in dem Verhältnis des Al Hafis zu Nathan. Nathan ist laut Sittah vorurteilslos und so akzeptiert er die Lebensweise des Derwischs. Eine Toleranz setzt hier nicht voraus, dass man sich selbst vorstellen könnte in so einer Situation, der Derwisch lebt in freiwilliger Armut und Weltabkehr, zu leben. Seine Mitmenschen zu tolerieren und sie zu akzeptieren, wird gerade in unserer Zeit zu einem wichtigen Thema in Bezug auf internationale Wirtschaftsbeziehungen und Wirtschaftsbündnisse. So wie Nathan dem Moslem Saladin Geld leiht und auf die Rückgabe vertraut, obwohl dieser einer anderen Religion angehört. Hier interessiert sich Nathan nicht für die religiöse Gesinnung (·3) sondern handelt im Vertrauen auf sein Gegenüber. Wenn wir in Europa eine Einheit möchten und unsere Geschäfte auf die ganze Welt ausweiten möchten, so sollte es unser oberstes Ziel sein, die Partner im In- und Ausland kennen und tolerieren zu lernen. Ein großes

Problem aus dem auch Intoleranz und Unmenschlichkeit entstehen, ist

politischer und religiöser Fanatismus. An vielen Stellen im Drama ,,Nathan der Weise" zeigt G. E. Lessing, welche Ausmaße ein religiöser Fanatismus haben kann und belegt deshalb zwei Charaktere mit eindeutig dogmatischen Verhaltenszügen. Daja und der Patriarch sind beide Christen und so zeigt sich die religionskritische Tendenz des Dramas. Als die Geheimnisse um die Ziehvaterschaft des Nathan gelüftet werden und Recha erfährt, dass sie eigentlich eine Christin ist, reagiert Daja mit einem großen Missionseifer. Für Recha ist dies eine schwierige Situation, da sie sich gewissermaßen zwischen ihrem ,,Vater" und ihrer Religion entscheiden muss. Dennoch wird ihr diese Entscheidung selbst überlassen wohingegen bei den als Entwicklungshilfe bezeichneten Aktionen oft die Interessen der Einheimischen übergangen werden. Die ,,Helfer" dringen in Gebiete vor und versuchen, die bisherigen Lebensgewohnheiten der Menschen zu verbessern. Dennoch interessiert sie nicht, was die Einheimischen möchten, sondern ein für uns gut funktionierendes System, wird über das bestehende gestellt. Bekehrung vom heidnischen Götterglauben zum Christentum ist nicht eine Hilfe, sondern eher ein Aufdrängen der eigenen Überzeugung. Vielmehr sollte eine Hilfe zur Selbsthilfe gegeben werden. Die Menschen können sich, wenn ihnen Mittel zur Verfügung gestellt werden, selbst helfen. Ein Anstoß ist nötig und auch gewünscht, doch ein Leiten anstatt eines Begleiten gleicht den Zwangsmissionierungen aus vergangenen Zeiten.

Politischer Fanatismus ist besonders in Deutschland ein sehr aktuelles Thema. Dass der 2. Weltkrieg schon über 50 Jahre her ist, merkt man heute an manchen Stellen kaum. Das blinde Gehorchen und das unkritische Übernehmen fremder Meinungen und Einstellungen zeigt sich sowohl in Lessings Drama ,,Nathan der Weise" als auch in der heutigen Neonazi-Szene in Deutschland. Der Tempelherr gehorcht zunächst dem Patriarchen, der von sich behauptet ein ,,Engel Gottes" zu sein, weshalb man ihm ,,blindlings" zu gehorchen habe. Daraufhin bricht der Tempelherr gemeinsam mit seinen Gefährten den mit Saladin vereinbarten Waffenstillstand. Dass die Ideen der Aufklärung nicht verwirklicht sind und dass der Mensch wenig aus seiner Vergangenheit gelernt hat, lehren uns die fast täglichen Nachrichten von Übergriffen auf Asylbewerberwohnheime und andere Einrichtungen ausländischer Mitbürger wie Restaurants und Gemeindehäuser. Die meist relativ jungen Menschen übernehmen die Meinung anderer, wie in diesem Fall, die des ehemaligen Reichskanzlers Adolf Hitler, ohne sie kritisch zu prüfen. Oft entstehen diese Verhalten in Gruppen, da eine gegenseitige Kontrolle schon von vornherein ein Hinterfragen verhindert. Unter dem Namen Gruppenzwang tritt dies auch bei sektiererischen Gruppen auf. Die Anhänger nehmen ein bestimmtes Weltbild und eine bestimmt Weltanschauung eines Anführers (Guru) an und verfolgen einen eng vorgesteckten Weg. Dies wird dann besonders gefährlich für die Beteiligten wie auch für die Mitmenschen, wenn die Köpfe solcher Gruppierungen der Meinung sind, dass ihre eigene Überzeugung und ihr eigene Standpunkt der einzig richtige ist. Im Drama beschreibt Recha einmal die Daja, die überzeugte Christin , als eine ,,Schwärmerin" (·4). Daja nimmt für sich in Anspruch, den einzigen wahren Weg zu Gott zu kennen. Dieses Verhalten kann direkt mit der fanatischen Haltung des bereits oben erwähnten Kanzlers Adolf Hitler und dessen Anhänger verglichen werden. Hitler war von sich und seiner arischen Rasse derart überzeugt, dass er es sich zum Ziel gemacht hatte, eine arische Welt zu schaffen und alle, die nicht in dieses Schema passen auszubeuten und zu töten. Aus diesem Fanatismus folgt oft auch eine Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Im Fanatismus zählt die freie Meinungsäußerung nicht und so können wir auch hier wieder eine Parallele zwischen politischen Herrschaftsformen, wie der eben erwähnten Diktatur und den sogenannten Jugend- bzw. Psychosekten feststellen. Scientology zum Beispiel handelt nach den Gesetzen ihres Gründers L. Ron Hubbard und so bezeichnet diese Sekte jeden der sich gegen Sie auflehnt als PTS (Potential Trouble Source). Diese Bezeichnung gibt an, dass dieser Ärgernisverursacher zu ,,handhaben" ist (Hartwig), was bedeutet, dass er mundtot zu machen ist. Das zeigt, dass wir jeglicher Art von Fanatismus in unserem Alltag begegnen können, auch wenn wir ihn vielleicht oft nicht wahrnehmen.

G. E. Lessing versuchte in seinem Drama die Ideen der Aufklärung darzustellen. Er wollte den Leser zu Menschlichkeit, Toleranz und Abkehr vom Fanatismus erziehen. Da diese Erziehungsziele zu jeder Zeit in der Geschichte neu definiert werden müssen, wird das Drama auch für die nachfolgenden Generationen nie an Aktualität verlieren.

Jede Gesellschaft wird diese Grundvoraussetzungen menschlichen Zusammenlebens für ihr Bestehen benötigen.

Anmerkungen

(·1) Dialog: Nathan und Daja; 1.Aufzug, 1. Auftritt

(·2) Artikel 3 Absatz 3 GG

(·3) Al Hafi über Nathan: ,,Doch ganz so sonder Ansehn. Jud` und Christ/ Und Muselmann und Parsi, alles ist/ Ihm eins."

(·4) Recha über Daja: ,,... Ist eine von den Schwärmerinnen, die/ Den allgemeinen, einzig wahren Weg/ Nach Gott zu wissen wähnen! ... Und sich gedrungen fühlen, einen jeden,/ Der dieses Wegs verfehlt, darauf zu lenken.-"

Literaturangaben

- Bayrische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Stand 1. Oktober 1998

- Lessing, G.E.: Nathan der Weise, Philipp Reclam jun., Universalbibliothek Nr.3, 1990

- Sedding, Gerhard: G.E. Lessing, Nathan der Weise, Lektürehilfen; Klett: Stuttgart, Düsseldorf, Leipzig, 1998, 8. Auflage

- Hartwig, Renate: Scientology - Ich klage an!; Pattloch Verlag Augsburg

Thema 3:

Die Behandlung von Klassikern im Literaturunterricht der Schule haftet stets etwas

Verstaubtes, Unzeitgemäßes an. Erörtere, dass Lessings Drama ,,Nathan der Weise" in der heutigen Zeit noch eine Aktualität besitzt.

Gliederung

A) Viele Schüler verlangen modernere Probleme in den Lektüren.

B) Die Aktualität von Lessings Drama ,,Nathan der Weise" liegt in folgenden Punkten begründet.

I) Das Zusammenleben in einer Gemeinschaft ist nur möglich, wenn jeder ein Stück Menschlichkeit miteinbringt.

a) Menschlichkeit ist, den Reichtum zu teilen.
b) Sie ist ein Handeln, das nicht aus einem Pflichtgefühl heraus folgt.

II) Die Toleranz als Leitbegriff der Aufklärung ist auch heute ein wichtiges Grundrecht.

a) Sie sichert Frieden.
b) Sie schützt die Interessen jedes einzelnen Bürgers.
c) Sie ist absolut notwendig für internationale Wirtschaftsbeziehungen.

III) Religiöser und politischer Fanatismus sind immer wieder Anlass für kriegerische Auseinandersetzungen.

a) Missionseifer ist eine der gängigsten Formen von Fanatismus.
b) Fanatismus folgt aus einem blinden Gehorchen und Verfolgen vorgegebener Muster.
c) Die Überzeugung, dass der eigene Standpunkt der richtigen und das Maß aller Dinge sei ist fanatisch.

C) Die Aktualität ist durch die Wahl der Grundbegriffe gegeben.

Details

Seiten
7
Jahr
2000
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97237
Note
2
Schlagworte
Lessing

Autor

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Titel: Lessing, G. E. - Nathan der Weise - Aktualität in der heutigen Zeit