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Glaube, Werte und Traditionen der Amischen. Das Leben in der Amischen Gesellschaft

Facharbeit (Schule) 2000 17 Seiten

Didaktik - Englisch - Landeskunde

Leseprobe

Einleitung

Kulturelle Kontraste in der amerikanischen Gesellschaft

Als Nation der Einwanderer deklariert, sind die Vereinigten Staaten von Amerika ein Schmelztiegel der Kulturen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten haben sich während der letzten Jahrhunderte die verschiedensten Kulturkreise zu einem Volk vereint, das jetzt von den unterschiedlichsten Lebensweisen geprägt ist.

Seit Beginn des 17. Jahrhunderts haben ca. 47 Millionen Europäer eine neue Heimat in der ,,Neuen Welt" gefunden. Sie alle wurden der Theorie des ,,melting pot" gerecht, indem sie ihre eigene Identität aufgaben und sich im Sprach- und Kulturverhalten dem amerikanischen Volk anpaßten. Im Gegensatz dazu gelang es anderen Gruppen, wie den Indianern, den Ureinwohnern Amerika's, sowie den Afro - Amerikanischen und den asiatischen Einwanderern nicht, sich dem Land anzupassen. Sie behielten ihre Individualität und tragen so zum kulturellen Pluralismus in Amerika bei.

In den USA gibt es eine Unmenge an unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen, die im Gesamtbild Minderheiten oder sogenannte ,,utopian communities" darstellen.

Auf kultureller oder religiöser Ebene verfolgen sie nicht alltägliche, aber traditionelle Weltanschauungen und werden im ,,Land der unbegrenzten Möglichkeiten" trotz ihrer Andersartigkeit toleriert.

Eine dieser Subkulturen sind die Amischen, die trotz des europäischen Ursprungs ihre eigene Lebensart erhalten haben.

Ihre eigentümliche Tradition und Weltanschauung zieht Wissenschaftler, Soziologen und Touristen in ihren Bann. Verschiedene amerikanische Studien, wie zum Beispiel die des Professors für Anthropologie und Soziologie John A. Hostetler, geben Einblicke in die Gesellschaft der Amischen, deren ,,way of life" für Außenstehende nicht einfach nachzuvollziehen ist und der selbst innerhalb der Gemeinschaft verschiedene komplexe Tendenzen aufweist.

Die folgende Arbeit soll nun einen Überblick über die Entstehungsgeschichte der Glaubensgemeinschaft, ihre Prinzipien und Lebensweise im Allgemeinen und die Situation der Amischen Gesellschaft in der Gegenwart im Bezug zur Außenwelt liefern.

I. Hintergründe

1.1 Geschichte der Amischen

Schon vor der Reformation im 16. Jahrhundert gab es in der europäischen Gesellschaft gewaltige Veränderungen. Die Aussichtslosigkeit der Bauern und Händler, deren Existenz vom wachsenden Handel mit anderen Erdteilen bedroht war und die Unzufriedenheit mit den traditionellen Institutionen ließ plötzlich - als Gegenpol zur unbrauchbaren und ausbeutenden katholischen Kirche - verschiedene radikale, religiöse Bewegungen erwachen. Als dann auch zur etwa gleichen Zeit mit der Erfindung des Buchdruckes die Bibel einer größeren Menge zugänglich gemacht werden konnte, suchten die Verzweifelten die Lösung ihrer Probleme in der heiligen Schrift, die so zum absoluten Vorbild für jede Lebenssituation wurde. Alte Autoritätssysteme wurden bekämpft und die Reformation der Kirche durch Martin Luther und Ulrich Zwingli wurde eingeleitet, wobei aber die Einheit von Kirche und Staat, sowie die Kindstaufe beibehalten wurden. Für einige waren die Veränderungen jedoch nicht fortschrittlich genug, und so nahmen sie eine noch radikalere Position ein und schlossen sich als Wiedertäufer, auch ,, Anabaptisten" genannt, zusammen. Die Grundideologie dieser Gemeinde war die Ablehnung der Kindstaufe, da sie der Meinung waren Kinder könnten keine Sünden haben, weil sie noch nicht in der Lage wären zwischen Gut und Böse zu unterscheiden . Die staatlichen Autoritäten sahen aber in den aufrührerischen, ,,vom Teufel geleiteten" Anabaptisten große Gefahr für die religiösen und sozialen Einrichtungen in Europa und so verwehrten sie dieser Gemeinschaft jegliche Akzeptanz und drohten mit Arrest-, Folter- und Todesstrafen. Genau diesen Maßnahmen sahen sich auch Conrad Grebel, Georg Blaurock und Felix Manz, gebildete Männer in Zürich, gegenüber, die fortan ihre Bibelstudien im Geheimen durchführten, sich tauften und deren Grundprinzipien die Absonderung vom Staat, die Gehorsamkeit gegenüber Jesus' Worten und die Imitation Jesus' Leben und Charakter waren. Doch auch diese, die sich Schweizer Brethren nannten, wurden vom Staat bekämpft und schließlich verbannt oder hingerichtet.

Im Februar 1527 berief der ehemalige Benediktiner Mönch Michael Sattler, der zu den Anabaptisten konvertiert war, eine geheime Konferenz ein, die die ,,Erklärung der brüderlichen Einheit" zum Ziel hatte. Das dort verfaßte Dokument ist seither als das ,,Schleitheimer Bekenntnis" (siehe Anhang S. 33) bekannt und beinhaltet - bis heute - die Grundlagen der Schweizer Brethren und der Amischen. In den sieben Artikeln des Dokuments wurden die wichtigsten Prinzipien, wie zum Beispiel die Ablehnung der Kindertaufe, des Militärdienstes und des Eides festgelegt.

Kurze Zeit später wurden Sattler und einige andere führende Anabaptisten von den katholischen Gegnern hingerichtet. Auf diese Weise kamen in den frühen Jahren dieser Bewegung etwa 5000 Anhänger der Wiedertäufer ums Leben. Trotz dieser vehementen Verfolgung verbreitete sich die Gemeinschaft sehr schnell von der Schweiz über Deutschland hin, nach Holland.

Mehr als zehn Jahre nach der Gründung zweifelte in den Niederlanden ein weiterer katholischer Priester, Menno Simons, an der Glaubwürdigkeit seiner Kirche. Und so konvertierte auch er im Januar 1536 zu den Wiedertäufern und wurde durch seine verbreitete Lehre zum wichtigsten Anführer der holländischen Anabaptisten. Er schaffte es das Überleben der Gemeinde trotz des großen Druckes durch Verfolgung zu gewähren und seine zahlreichen Anhänger nannten sich um 1545 ,,Mennisten" oder später ,,Mennoniten". Während sich die katholischen und protestantischen Kirchen der politischen Struktur ihres Lebensraumes anpaßten, widersetzten sich die Anabaptisten diesen Normen und nahmen dafür Verfolgung und Folter in Kauf. "...a martyr's death represented the supreme identification with Christ's death on the cross" (Hostetler, 1993, S.31) und stellte die Motivation dafür dar.

Nach einer Generation zogen sich die Schweizer Mennoniten in die Täler des Juras und in die Vogesen zurück und lebten dort von der Landwirtschaft.

Zu den wichtigsten Bestandteilen dieser Glaubensgemeinschaft gehörte die strikte Befolgung der Disziplinen, die in Matthäus 5 - 7 und 18 beschrieben sind.

Alle diejenigen, die diese Regel nicht befolgten wurden von der Gemeinde ausgeschlossen und sogar aus der familiären Umgebung verbannt.

Etwa um 1693 verließ Jakob Ammann, ein strenger Verfechter dieses Bannes die Schweiz und wanderte ins Elsaß aus. Dort wurde er in Markirch Bischof und Sprecher der Mennoniten und ließ die Diskussion nicht zu, ob sich die Verbannung nun nur auf die spirituellen oder auf alle Lebenssituationen des Einzelnen auswirken sollte. Mit seinen radikalen Ansichten traf er im Elsaß auf eine gut - integrierte, selbstzufriedene Gemeinschaft der Mennoniten, die jedoch Tendenzen aufwies Kompromisse mit den staatlichen Gegebenheiten einzugehen. Der als unverrückbar und extrem selbstsicher in seinem Urteilsvermögen charakterisierte Jakob Ammann erkannte darin eine Gefahr und begann durch die Verhärtung bestimmter Rituale ( Meidung für Exkommunizierte, Kommunion 2 mal jährlich anstatt einmal im Jahr, Fußwaschung) eine Anhängerschaft anzusammeln, was ihm dann auch gelang. "Ammann was able to win the Alsatian congregations to his views most likely because they sensed that their ranks needed to be firmly tightened if they were going to retain their distinctive identity. " (Hostetler,1993, S. 41)

Ammann beruft sich hierbei auf das Bekenntnis von Dordrecht, das 1632 in Holland entstand und zusätzlich zu den Inhalten des Schleitheimer Bekenntnisses Artikel zur Fußwaschung und Meidung aufführt. Und so formte sich aus den Anhängern Jakob Ammann's eine neue Gemeinschaft als Abspaltung der Mennoniten, die sich Amische nannten.

Da dieser Gemeinde nach wie vor von den staatlichen Autoritäten des besiedelten Elsasses und der Rheinland - Pfalz (siehe Abb. 1) kein legaler religiöser Status gegeben wurde und da ihr Siedlungsgebiet ein Brennpunkt in den europäischen Kriegsbewegungen war, hatten die Anhänger fortwährend mit Verfolgung und zusätzlich mit Hungersnot und der Pest zu kämpfen.

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Abb. 1: Ursprungsgebiete und Wege der Emigration nach Amerika

Aufgrund einer Einladung des Gründers von Pennsylvania, William Penn, der mit einem ,,holy experiment" allen Siedlern religiöse Toleranz anbot, begannen dann 1709 die ersten Mennoniten nach Amerika auszuwandern. Es folgten etwa 3000 Schweizer Brethren und zwischen 1720 und 1754 brachen schließlich auch Amische Familien in die ,,neue Welt" auf, wo sie sich einen Neubeginn und eine friedvolle Ausübung ihres Glaubens erhofften. In dieser Zeitspanne erreichten etwa 500 Amische ihre neue Heimat Pennsylvania. Während der Kolonialzeit erwarben sie von ihren Ersparnissen Land und gründeten verschiedene Siedlungen in Berks, Chester und Lancaster.

Doch auch hier verlief ihr Leben nicht ohne Probleme. Die Siedlungen waren klein und voneinander isoliert, sie waren ständig Angriffen der Indianer ausgeliefert und ihre Gemeinde drohte zu zerfallen, da viele Mitglieder zu anderen Konfessionen konvertierten, weil der religiöse Zusammenhalt noch nicht organisiert war. Dadurch bedingt, weitete sich das Siedlungsgebiet der Amischen im 18. Jahrhundert auf ganz Pennsylvania aus. Mit dem Anwachsen der Siedlungen etablierten die Amischen Bischöfe für ihre Gemeinden und die familiäre Ordnung wurde unter die Kontrolle der Kirche gestellt.

Aufgrund der französischen Revolution (1789 - 1799) und den Kriegen Napoleons (bis 1815) begann zu Beginn des 19. Jahrhunderts schließlich eine zweite Welle von amischen Auswanderern aus Europa ganz verschiedene Staaten Nordamerikas zu besiedeln. Ungefähr 3000 Amische ließen sich im Laufe des 19. Jahrhunderts in Ohio, Indiana, Illinois, New York, Pennsylvania und Ontario nieder (siehe Abb. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 : Siedlungen der Amischen im 18. Jahrhundert und heute

Heute gibt es in Europa keine Amischen mehr. Die Mehrheit ist in den letzten 280 Jahren nach Amerika ausgewandert um dort das unendliche Angebot an Land zu nutzen und ihre Kultur zu bewahren. Ungefähr 145 000 Amische (nach Hostetler, 1993, S. 97, im Jahr 1992) leben jetzt in etwa 220 Siedlungen verteilt über den nordamerikanischen Kontinent (siehe Anhang S. 34).

Alle diejenigen die in Europa zurückgeblieben sind konnten ihre Amische Identität nicht erhalten und haben sich mit den Mennoniten wiedervereinigt.

1.2 Glaube, Werte und Tradition

Die Basis einer amischen Gesellschaft ist die Kirche und die damit synonyme Gemeinde. In dieser Gemeinde hilft jeder dem anderen und so sind alle voneinander abhängig. Außerhalb von diesem brüderlichen Zusammenschluß gibt es für die Mitglieder kein Überleben. Die Religion ist die Grundlage und der wichtigste Bestandteil des Lebens, von der jede Handlung des Alltags abhängig ist. Innerhalb dieser großen Gemeinde gibt es jedoch im Bezug auf die Auffassung und Ausübung der religiösen Pflichten verschiedene Tendenzen.

Die ursprüngliche, seit der Gründung bestehende Weltanschauung vertreten bis heute die ,,Old Order Amish". Die strenge Befolgung der von Gott gegebenen Gesetze und die Erfüllung Gottes' Willen besitzen hier äußerste Priorität.

Die Grundideologie ihres Glaubens beruft sich darauf, daß es keine Determination im Leben und keine sichere Erlösung nach dem Tod gibt. Ob jemand den ewigen Frieden erreichen kann entscheidet sich erst vor einem ,,letzten Gericht". Christus ist der Wegweiser, der den Gläubigen durch das Leben voller Demut lenkt und ihn auf seinen letzten Weg vorbereitet.

Die Amischen sehen sich selbst als ,,chosen people" (Hostetler,1993, S. 75 ) und es ist ihnen ein Leben der Disziplin, Reinheit und Schlichtheit vorgegeben. Um diese Hervorhebung zu verdeutlichen, passen sie sich der ,,anderen", modernen Welt auf keine Weise, weder durch ihre Kleidung noch durch ihr Verhalten, an.

Sie praktizieren anstelle der Kindstaufe, die Taufe der Erwachsenen, damit jedes ihrer Kinder die Chance hat frei entscheiden zu können, welchen Glauben es annehmen will. Nach Gottes Willen ist es verboten einen Eid abzulegen und so halten sie sich auch an dieses Gebot. Ein Amischer darf keine öffentlichen Pflichten annehmen, da er nur seiner Familie und Gott dienen darf.

Die Existenz einer Familie wird allein durch den Erwerb aus der Landwirtschaft gesichert, wobei aber die Handarbeit und die Arbeit in Harmonie mit der Natur mehr zählen, als die reine Produktivität. Damit werden auch keine technischen Hilfsmittel akzeptiert.

Krieg und Beteiligung an Gewalt sind für die Amischen ein Tabu. Im Falle eines Angriffs, verzichten sie auf Verteidigung und setzen den Rückzug an.

Die Gesellschaft akzeptiert zwar den Glauben anderer Menschen, läßt jedoch keine Beziehungen zu anderen zu. Amische dürfen nur Amische heiraten und selbst Geschäftsbeziehungen zu Andersgläubigen sind verboten.

Mitglieder die gegen ein Gesetz der Amischen verstoßen, werden exkommuniziert und aus Familie und Gemeinde verbannt. Den Amischen ist fortan jeglicher Kontakt zu den Abtrünnigen verboten. Dieses Verfahren wird Meidung genannt und ist ein wichtiges Element im Zusammenleben der Gemeinschaft, wobei es aber auch Konflikte innerhalb der Gesellschaft hervorruft.

Eine dazu weitgehend liberalere Ansicht praktizieren die Amish Mennonites, auch Beachy Amish genannt.

"We're not rebels. We're just trying to serve the lord. We love and appreciate (the Old Order churches), too." (Rosner, 1998, S. 5ff.), beschreibt ein Mitglied seine Glaubensgemeinschaft. Er unterscheidet sich in machen Dingen ganz grundlegend von den bisher beschriebenen Amischen. Denn er ist Mitglied einer Abspaltung der großen Gesellschaft, die aber im Gegensatz zu den streng Traditionellen, nicht auf die Technik verzichtet. Autos, das Telefon und landwirtschaftliche Maschinen sind im modernen Zeitalter notwendig um die Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt zu bewahren und damit die amische Tradition des Erwerbs durch die Landwirtschaft erhalten zu können. Die Gemeinde, deren Name auf ihren Gründer (im Jahr 1925) Moses M. Beachy zurückgeht, kommt auch zum Gottesdienst in speziell dafür vorgesehenen Häusern zusammen und sie üben die Meidung gegen Abtrünnige nicht aus.

1.3 Gelassenheit und Ordnung

Die beiden Grundprinzipien des amischen Lebens sind die immer noch verwendeten Ausdrücke der Gelassenheit und Ordnung hinter denen sich mehr verbirgt, als die eigentliche Bedeutung der Worte. Sie beinhalten verschiedene Regeln, die von jedem Mitglied befolgt werden müssen, da sonst der Ausschluß aus der Gemeinde droht.

Die Gelassenheit ist ein Prozeß, der die Energien der einzelnen Mitglieder ansammelt und gemeinsame Erfolge herbeiruft. Vorstellungen von Raum und Zeit und die soziale und räumlich Ordnung der Gesellschaft werden durch sie bestimmt. Für den Einzelnen darf nicht die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit im Mittelpunkt stehen, sondern die Verwirklichung der Gemeinschaftsziele. Jedes Handeln des Individuums muß also zum Wohle der Gemeinschaft beitragen und die persönlichen Opfer sollen das höchste Gut des Zusammenhalts sichern. Die Erhaltung der Vergangenheit und Tradition ist der Anpassung an den Fortschritt vorzuziehen. Nur auf diese Weise, kann ein Mensch ein glückliches und erfülltes Leben führen.

Ein Regelwerk, das das soziale System der Amischen bestimmt, ist die sogenannte Ordnung. Diese wird halbjährlich von den bestimmenden Gemeindemitgliedern festgelegt und den Veränderungen im jeweiligen Distrikt angepaßt. Obwohl sie nicht schriftlich verfaßt wird, kennt jeder Amische ihren Inhalt und respektiert diesen. In der Ordnung sind Dinge festgelegt, wie der Grad der Absonderung von der Welt, die hierarchischen Strukturen in der Familie und Kirchengemeinde, die bestehenden Verbote und Gesetze, sowie die äußerlichen Kennzeichen. So dient sie also als Wegweiser in der Ausübung der amischen Prinzipien und ist das Leitwerk für das Zusammenleben. Die Ordnung verspricht dem Einzelnen eine Sich - Selbst - Findung in der Amischen Lebensart.

II. Das Leben in der Amischen Gesellschaft

2.1 Kennzeichen und Lebensstil

Die Amischen unterscheiden sich in fast allen Dingen von der restlichen amerikanischen Bevölkerung, sei es durch Wertvorstellungen, Äußerlichkeiten oder durch Verhaltensweisen.

Wie es die Bibel verlangt leben die Amischen ein Leben der Schlichtheit unter Absonderung von weltlichen, materialistischen Gütern und Ansichten.

Elektrizität ist ihrer Meinung nach überflüssig und wird deshalb auch abgelehnt. Die Begründung für das Verbot für Stromnutzung liefern sie dadurch, daß eine Stromleitung eine ,,Verbindung zur Welt" darstellen würde und für die Bereitstellung von Strom andere Menschen selbst am heiligen Sonntag arbeiten müßten, was sie nicht fördern wollen. So benutzen sie also Öllampen und Gaslaternen und schöpfen selbst Energie aus Wasserrädern und Windmühlen (siehe Abb. 3).

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Abb. 3: Ein amischer Hof mit einem Windrad und großen Scheunen

Ohne Strom ist ihnen auch das Nutzen von Telefon, Radio und Fernsehen versagt und Nachrichten und Neuigkeiten werden nur über speziell für die Amischen Gemeinden gedruckten Wochenzeitungen verbreitet.

Autos sind für die Amischen ein Hilfsmittel zur Flucht in die Welt und damit eine Gefahr für die Gesellschaft. Auch die mit dem Besitz eines Wagens verbundenen weltlichen Anschauungen, wie die Unterscheidung nach Klassen und Wohlstand anhand der Größe eines Gefährts, gelten als verwerflich. Damit ist für jedes Mitglied der Besitz eines Autos strengstens verboten und jede Familie besitzt zur Fortbewegung ein anderes Hilfsmittel - den sogenannten ,,Buggy" (siehe Abb. 4). Diese schwarzen oder grauen (abhängig von der Gegend) Kutschen werden von einem einzelnen Pferd gezogen und meistens zum sonntäglichen Kirchgang verwendet.

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Abb. 4: Das Fortbewegungsmittel - der Buggy

Auch die Wohnhäuser der Familien sind zwar von Einfachheit geprägt, jedoch sind sie trotzdem mit äußerster Sorgfalt gestaltet. Die Küche, mit einem Gas-, Öl- oder Kohlenofen ausgestattet, ist der Mittelpunkt des Hauses in dem sich die meisten Aktivitäten in der Familie abspielen, da er auch neben dem Schlafzimmer der Eltern der einzige beheizte Raum ist.

Ein Mitglied der Amischen Gemeinde erkennt man sofort an seiner Art sich zu kleiden (siehe Abb. 5). Schönheit kommt nicht von außen, sondern spiegelt sich nur in der Seele eines jeden Menschen wieder. Damit ist auch der schlichte und zweckmäßige Kleidungsstil vorgegeben: Männer tragen gerade geschnittene, schwarze Anzüge, einfarbig helle Hemden und schwarze Schuhe. Zum Kirchgang und zu kälteren Jahreszeiten ersetzt ein schwarzer Hut, der mit seinem Band auch etwas über den Status des Trägers in der Gemeinde aussagt, den sonst üblichen Strohhut bei der Feldarbeit. Zudem haben alle männlichen Amischen einheitliche Haarschnitte bis etwa zur Mitte der Ohren und verheiratete Männer lassen sich einen Bart wachsen, wobei aber Schnurrbärte wiederum verboten sind, da sie früher eine Assoziation zu Angehörigen des Militärs darstellten (siehe Abb. 6).

Frauen tragen einfache lange Kleider, die sie wie die Kleidung der Männer selbst nähen. Die Kleider sind langärmelig, hochgeschlossen und aus einfachem Material. Das lange Haar wird streng zurückgebunden getragen und von einem schwarzen (für unverheiratete) oder weißen Häubchen bedeckt. Knöpfe und jegliche Art von Schmuck sind ebenfalls verboten.

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Abb. 5: Ein amisches Paar im Sonntagsgewand

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Abb. 6: Erscheinungsbild der Amischen

Nicht nur visuell unterscheiden sich die Amischen von anderen Amerikanern.

Sie haben auch eine eigene Sprache, die auf ihre Ursprünge in Mitteleuropa zurückgeht. Deren Bezeichnung ,,Pennsylvania Dutch" entstand durch die Anlehnung an ,,Deitsch", und ist nicht mit der in Holland gesprochenen Sprache in Verbindung zu bringen. Dieser Dialekt ist dem Pfälzischen sehr ähnlich, wird von den Amischen untereinander zur Kommunikation gebraucht und ist somit deren Muttersprache (siehe Abb. 7). Als Zweitsprache lernt jedes Amische Kind in der Schule selbstverständlich Englisch, das es dann genauso gut beherrscht wie das Pennsylvania Dutch , aber nur im Umgang mit Nicht-Amischen verwendet. Zusätzlich verfügen die Amischen auch noch über Kenntnisse des Hochdeutschen, die sie im Lesen und Rezitieren der Bibel erlernen und unter Beweis stellen.

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Abb. 7: Beispiel für den Dialekt anhand eines Liedes

Ein weiteres Merkmal eines Mitglieds dieser Gesellschaft ist der Name eines jeden. Vornamen sind immer biblischen Ursprungs wobei die häufigsten David, Daniel, Amos, John oder Samuel für Jungen und Mary, Anna, Sarah, Rebecca oder Katie für Mädchen sind. Die Nachnahmen gehen auf die wenigen gemeinsamen Vorfahren zurück, die einst die Siedlungen in Nordamerika gegründet haben. So sind die häufigsten hierunter: Stoltzfus, Miller, Yoder, Hochstetler, Fisher oder Hershberger.

2.2 Religiöses Leben

Die Amische Kirche ist in Anlehnung an die geographischen Gegebenheiten in verschiedene Distrikte aufgeteilt, wobei jedes davon etwa 35 Familien umfaßt. In jeder dieser Gemeinden dienen ein Bischof, ein Geistlicher (manchmal auch mehrere) und ein Diakon, die von den Mitgliedern per los ausgewählt wurden.

Zum wichtigsten Bestandteil eines Wochenablaufes im Leben eines Amischen gehört die Messe am Sonntag. Diese wird nicht in einem Gotteshaus abgehalten, sondern jede zweite Woche ist eine andere Familie Gastgeber für die bis zu vierstündige Zeremonie. Hiermit wird die Identität von Alltag und Gottesdienst betont. Es gehört zur unbedingten Pflicht eines Amischen die Messe, die nur alle zwei Wochen stattfindet, zu besuchen, da dies die Gemeinde von ihm erwartet. Während der Gottesanbetung ist also die ganze, bis zu 200 Personen zählende Gruppe in einem privaten Umfeld vereinigt, was die Zusammengehörigkeit aller Amischen unter Beweis stellt.

Der Gottesdienst besteht aus verschiedenen Liedern aus dem sogenannten ,,Ausbund", einem deutschen Gesangbuch, die von einem Vorsänger angestimmt und dann von der ganzen Gemeinde mitgesungen werden. Gebete werden von den Predigern teilweise in Pennsylvania Dutch und teilweise auf Englisch vorgetragen. Zu stillen Gebeten kniet die Gemeinde nieder. Prinzipien der Amischen Kirche und die Worte Gottes werden verlesen. Zu den wichtigsten Botschaften, die eine Messe vermitteln soll, gehört die Gehorsamspflicht gegenüber Gott, der Bibel und den eigenen Eltern. Hier wird auch an die amische Lebensart erinnert, die die strenge Absonderung von der Welt als wichtigsten Grundsatz hat.

"ORDER OF AN AMISH PREACHING SERVICE

1. Hymns (several) are sung while the ministers retire to an upstairs room for counsel. The Loblied (Ausbund, p.770) is always the second hymn. (The singing of a hymn may take from twenty to thirty minutes.)

2. Anfang or "introductory sermon"

1. Prayer (assembly kneeling, and in most localities silent)
2. The Assembly stands while the Armen-diener ("deacon") reads a chapter from the Bible.

3. Es schwere Deel, or "main sermon", which is concluded by the reading of a chapter from the Bible.

4. Zeugnis, or "testimonies", to the main sermon are given by other ministers present as requested by the one who preached. Other lay members are frequently asked to give Zeugnis.

5. Closing remarks by the minister who preached

6. All turn and kneel while the minister reads a prayer from Die Ernsthafte Christenpflicht. [...]

7. Benediction (assembly standing)

8. Announcement: where the next meeting will be held; whether members should remain after dismissal for a members' meeting.

9. Closing hymn

10. Dismissal with the youngest leaving first, followed by the older ones in the order of their ages."

(Hostetler, 1993, S.213)

Nach der offiziellen Zeremonie werden alle anwesenden Gläubigen von der Gastgeberfamilie mit sorgsam vorbereiteten Kuchenstücken und Kaffee versorgt und es ist Sitte den ganzen Nachmittag mit Gesprächen über Religion und gemeinsame Interessen miteinander zu verbringen.

Zweimal im Jahr (im Frühling und Herbst) empfangen die Kirchenangehörigen in einer Messe auch die Heilige Kommunion. Mit der Aufnahme von Brot und Wein, als Symbol für Christi's Leib und Blut, zeigen die Amischen gemeinsame Anteilnahme am Leiden des Herrn.

Ein weiteres Zeichen für ihre religiöse Zusammengehörigkeit geben sie sich, indem sie das Ritual der gegenseitigen Fußwaschung bei der Kommunion pflegen und sie beweisen sich damit in der Erniedrigung vor dem Anderen, daß es keine Grenzen gibt, um für ihre Mitmenschen da zu sein und ihnen zu dienen. An den Sonntagen, an denen keine Messe stattfindet, gibt es in manchen Gemeinden organisierte Sonntagsschulen, in denen gemeinsame Bibelstudien stattfinden. Ansonsten ist das Lernen der religiösen Weisheiten die Aufgabe eines jeden Haushalts und ein wichtiger Bestandteil im Familienleben. "Religious life affects activities throughout the week and governs the total lifestyle to a large extent."

(Denlinger, 1993, S.41)

2.3 Landwirtschaft und Erwerb

"Soil has for the Amish a spiritual significance" (Hostetler, 1993, S. 114). So ist es die Pflicht eines jeden Amischen einen Garten zu pflegen, da er der Bedienstete Gottes ist, dem die Erde gehört. Deshalb gehört auch das Arbeitsfeld des Bauern zu dem vorrangigen Beruf in der Gesellschaft, nicht um damit Geld zu verdienen, sondern vornehmlich, um unabhängig von der Außenwelt die eigene Familie zu ernähren. Um einen gepflegten Landwirtschaftlichen Betrieb führen zu können, ist die Mithilfe jedes Familienmitgliedes notwendig. Die Kinder wachsen schon von klein auf in die harte Arbeit auf Hof und Feld hinein und sind unverzichtbare Hilfskräfte. Die gemeinsame Arbeitsteilung fördert den Zusammenhalt der Familie und die Kinder erlernen gleichzeitig notwendige Tugenden, wie das frühe Aufstehen, die Zusammenarbeit mit der Natur und anderen Menschen, sowie Pünktlichkeit, Ordnung und Organisation.

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Abb. 8: Pfluggespann, das bei der Feldarbeit verwendet wird.

Da die Erde nach Gottes Willen nicht mißhandelt und mit Gewalt ausgebeutet werden darf, verzichten die Amischen vollkommen auf jegliche Hilfsmittel des modernen technischen Zeitalters. Anstelle von Traktoren und Pfluggeräten werden Pferdegespänne (siehe Abb. 8) verwendet und jede Arbeit, heutzutage mit Hilfe von Maschinen verrichtet, wird mit reiner Handarbeit bewältigt.

Die Amischen genießen überall großes Ansehen als Bauern, da sie jahrhundertelange Erfahrung nachweisen können und jeder Hof sauber und gepflegt organisiert ist.

Auf ihren Feldern werden immer verschiedene Kornsorten und Feldfrüchte angebaut, was mehrere Ernten pro Jahr ermöglicht. Hauptsächlich bringen sie Mais, Hafer und Roggen zur Viehfütterung ein und ernten Gemüse für ihren eigenen Nahrungsbedarf. Pestizide werden so weit wie möglich vermieden. In der Viehwirtschaft werden Pferde, Milchkühe, Rinder, Schweine, Federvieh und Schafe gehalten. Da in letzter Zeit die Preise für Ackerland immer mehr anstiegen, mußten die Bauern ihre Produktivität steigern und auch landwirtschaftliche Erzeugnisse zum Verkauf anbieten. So werden nun auch Tabak, Sojabohnen und größere Mengen an Gemüse (unter anderem auch ohne technische Hilfsmittel schwer zu erzeugende Kartoffeln) geerntet und zusammen mit Milch und Eiern auf dem Markt verkauft. Erwirtschaftetes Geld wird angespart und später in neue Farmen für die Kinder investiert, damit auch deren Existenz und der Fortbestand der Landwirtschaft gesichert bleiben.

In der Amischen Gesellschaft gibt es jedoch auch noch andere Berufe , die entweder unbedingt nötig sind, um nicht von der ,,anderen Welt" abhängig zu sein, oder die der Aufbesserung des Verdienstes dienen. Schon immer gab es Arbeiter in Getreide- und Sägemühlen und Steinbrüchen, sowie Gerber, Brauer und Hufschmiede.

Seit etwa 1960 steht aber nicht mehr die harte Arbeit, sondern das Überleben an erster Stelle. Die Modernisierung der Umwelt ging auch an den Amischen nicht spurlos vorüber und so entdeckten sie neue Möglichkeiten des Zusatzverdienstes, die im Einklang mit ihren Prinzipien stehen. Auf den eigenen Höfen haben sich die Landwirte mit Geschäften jeder Art beholfen. Es werden Dinge wie Backwaren, Honig, Fleisch, Käse, Besen, handgezimmerte Möbel, Teppiche, Hüte, Schuhe und Dienste wie Schuhreparaturen, Messerschleifen oder Buchbinden angeboten.

Alle Zusatzverdienste sollten immer so nah wie möglich bei der eigenen Farm stattfinden und das Brechen der landwirtschaftlichen Tradition ist auch nur dadurch gerechtfertigt, daß das Geld notwendig ist, um den Nachkömmlingen später erneut eine solide Grundlage in der Landwirtschaft zu schaffen

2.4 Familienleben

Die Voraussetzung für das Überleben der Amischen Gesellschaft ist der Zusammenhalt in der Familie, der die Stabilität der Glaubensgemeinschaft gewährleistet. Deshalb ist es wichtig, daß alles streng monogam und patriarchal organisiert ist und jedes Familienmitglied seiner zugewiesenen sozialen Rolle treu ist.

Der Mann, der für die schwere Feldarbeit und die öffentlichen Angelegenheiten zuständig ist, ist das Oberhaupt der Familie und die Frau muß ihm gehorchen, wobei sie aber ihre primäre Loyalität Gott erweist. Bei Entscheidungen in der Gesellschaft haben die Frauen das gleiche Stimmrecht wie die Männer. Der Mann ist sich der unverzichtbaren Rolle, die die Ehefrau vertritt, bewußt und respektiert sie.

Denn die meiste Produktivität kommt letztendlich von der Frau, da sie Kinder (und somit Arbeitskräfte) gebärt und großzieht, für Haus und Hof sorgt, Kleidung schneidert und bei der Landarbeit mithilft. Trotz der patriarchalen Organisation ist die Arbeit gerecht verteilt. Auch jede Diskussion, die Haushalts- oder Familienangelegenheiten betrifft, wird gemeinsam geführt. Auf diese Weise werden auch finanzielle Ausgaben von beiden entschieden. Die wirtschaftliche Existenz ist also nicht vom Mann abhängig, sondern nur durch die Kooperation der Eheleute gesichert.

Die persönliche Beziehung zwischen Ehepartnern verläuft in einer Amischen Familie ruhig und nüchtern. In der Öffentlichkeit werden weder Gesten der Zuneigung noch laute Worte in Konfliktfällen ausgetauscht. Die Eheleute präsentieren sich immer als sich gegenseitig respektierende Einheit, um für ihre Kinder ein gutes Vorbild darzustellen. "The Amish home is an effective institution for training children so that they readily become socialized into the Amish way of life." (Hostetler, 1983, S. 19) ist ein wichtiger Aspekt, der das Verhalten im Familienleben begründet.

Nicht selten haben die Familien bis zu 14 Kinder und jedes einzelne ist sehr willkommen, da wieder ein neues zukünftiges Mitglied der Kirche gewonnen wurde. Schon im Alter von 2 Jahren wird jedem Kind der Respekt für die Eltern und ihren Lebensstil vermittelt. In seiner Entwicklung lernt es den Unterschied zwischen seiner Gesellschaft und der anderen Welt und wie es sich gegenüber seinen amerikanischen Nachbarn verhalten muß. Die Werte der Amischen Glaubensgemeinschaft werden den Kindern früh anerzogen, so daß sie die Unterscheidung zwischen Gut und Böse erlernen, unbeeinflußbar von der Außenwelt leben und nicht die weltlichen Güter begehren. Jedes Kind wird durch Arbeit auf der Farm auf seine spätere Rolle als Erwachsener vorbereitet, was das Hauptanliegen der Kindererziehung ist. Verantwortung und Arbeitssinn werden den Sprößlingen durch Übertragung bestimmter, auf das jeweilige Geschlecht zugeschnittener Aufgaben vermittelt. Anhand eines Tieres für das es allein verantwortlich ist, lernt jedes Kind die Konsequenzen von regelmäßigem Füttern, Vernachlässigung, Wachstum, Geburt, Krankheit oder Tod. Dadurch wird es auf das Leben vorbereitet. Die Aufklärung der Heranwachsenden wird nicht eigenständig von den Eltern übernommen, sondern geschieht durch die Beantwortung von Fragen über Beobachtungen, die die Kinder an den Verhaltensweisen der Tiere auf dem Hof machen. Innerhalb der Familie sind die Älteren Kinder für Ihre jüngeren Geschwister verantwortlich. Unverheiratete Söhne werden später von den eigenen Eltern wie Arbeitskräfte bezahlt, während die Töchter bei anderen amischen Höfen als Mägde angestellt werden.

Der Mittelpunkt des Familienlebens ist die Versammlung am Essenstisch bei allen Mahlzeiten. Hier werden persönliche Probleme und Wünsche diskutiert und die familiären Kontakte zwischen den Einzelnen aufrecht erhalten. Mit geneigten Köpfen wird vor und nach dem Essen gebetet und die Jüngsten lernen richtiges Verhalten am Vorbild der Älteren.

Der Gehorsam und Respekt gegenüber den Eltern ist eine der wichtigsten Pflichten der Amischen. Je älter sie sind, desto mehr Autorität wird den Eltern auch zugeschrieben, da sie einiges an Erfahrung voraus haben.

Sind die Kinder einmal erwachsen und haben schon eigene Familien, so wird die vorhergehende Generation, die sich aus dem Haushalt zurückzieht, in einem Anbau an das Haupthaus beherbergt und umsorgt. Da die Amischen weder staatliche Renten beziehen, noch eine Lebensversicherung abschließen, sind sie auf die Hilfe ihrer Angehörigen angewiesen. Dafür stehen die Alten den Jungen mit Ratschlägen in allen Lebenssituationen beiseite.

Außerhalb der Arbeit verbringen die weiblichen Familienmitglieder ihre Freizeit mit gemeinsamen Handarbeiten, wie zum Beispiel der Herstellung von Kleidung, Spielzeug und den berühmten, kunstvollen Quilts (siehe Abb. 9), die eine besondere Tradition haben.

Die Männer hingegen gehen hin und wieder auf die Jagd oder treffen sich mit anderen auf den wöchentlich stattfindenden Auktionen, bei denen sie Haushaltsartikel oder andere Dinge erstehen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Dekorbeispiel eines Quilts, das ,,Double Wedding Ring" genannt wird.

2.5 Erziehung und Bildung

Für die Entwicklung eines Kindes in der Amischen Gemeinschaft sind viele verschiedene Personen und Institutionen verantwortlich. Eltern und Verwandte, sowie Gemeinde, Kirche und Schule müssen jedem Nachkommen die Werte vom einfachen Leben in ihrer Gesellschaft vermitteln. Das Ziel dabei ist es, ein zukünftiges , gegen die Einflüsse von außen widerstehendes Mitglied ihrer Kirche zu schaffen.

Während ihrer ersten Lebensjahre werden die Kinder von den Eltern umsorgt und von der gefährlichen Außenwelt abgeschirmt und beschützt. Sie werden zum Gehorsam gegenüber den autoritären Erwachsenen erzogen und ältere Personen werden zu Vorbildern erhoben, nach denen sie ihr zukünftiges Leben richten sollen.

Im Alter von sechs bis fünfzehn Jahren besuchen die Kinder dann eine Amische Schule. Von Lehrern, die keine besondere Ausbildung haben außer ihrer eigenen Schulbildung haben, werden die Schüler meistens in Einraumschulen (siehe Abb. 10) in den wesentlichen Dingen unterrichtet. Die Grundschule wird acht Jahre lang wochentags aufgesucht.

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Abb. 10: Typisches Gebäude einer Einraumschule

Während dieser Zeit erlernen die Schüler die englische Sprache, die grundlegenden Rechenarten und bekommen Einblicke in Bereiche, wie Gesundheit, Geschichte oder Geographie. Das vermittelte Wissen soll im Bewußtsein der Lernenden fest verankert, jedoch nicht kritisch hinterfragt werden. "The Amish stress accuracy rather than speed, drill rather than variety, proper sequence rather than freedom of choice. The curriculum as well as the mottoes on the interior walls stress honesty, thrift, purity, love, and cooperation, but without a heavy religious vocabulary." (Hostetler, 1983, S. 22) beschreibt diesen Grundsatz der Unterrichtsmethoden. Die religiöse Erziehung ist somit alleinige Aufgabe der Familie und wird von der Schulbildung nur unterstützt.

Verwaltet werden die Schulen von einem Schulausschuß, der die Lehrer auswählt, sich um das Gebäude und die Finanzen kümmert und die Anwesenheit der Kinder überprüft und an staatliche Kontrollbehörden weiterleitet. Auch die Lernmaterialien werden von diesem Ausschuß ausgewählt, wobei auf christliche und nicht-weltliche Inhalte strengstens geachtet wird.

Im Elternhaus lernen die Schüler zusätzlich zur Schule das Verrichten von häuslichen Pflichten, die auf das jeweilige Geschlecht zugeschnitten sind.

Wenn die Kinder die Grundschule hinter sich gebracht haben, aber noch zu jung sind eine Arbeitserlaubnis zu erhalten, können sie eine amische Berufsschule besuchen, in der sie auf ihren späteren Beruf in der Landwirtschaft vorbereitet werden.

Berufswünsche von amischen Heranwachsenden beinhalten meistens realistische, handwerkliche Tätigkeiten, die im Rahmen der amischen Moralvorstellungen und Traditionen stehen. Nur sehr selten wechseln amische Kinder nach der Absolvenz der Grundschule auf öffentliche High - Schools über, wobei sie dann ab diesen Zeitpunkt nicht mehr als Amische gelten.

Das amische Schulsystem ist vollkommen auf den Lebensstil der Gesellschaft zugeschnitten und entbehrt jeden Einfluß von staatlichen Behörden. Die Erziehung schafft eine vollwertige, bewußt einfach lebende und denkende Persönlichkeit und fördert den Erhalt der amischen Kultur.

2.6 Bräuche und traditionelle Zeremonien

Der Alltag und der Lebenslauf eines jeden Einzelnen in der Gesellschaft sind von den verschiedensten Bräuchen und Traditionen geprägt, die meist eng mit den religiösen Vorstellungen verflochten sind oder zur Ausübung der Religion dienen.

Kinder werden traditionell im eigenen Haus mit Hilfe einer Hebamme geboren und sie werden von der Familie nie als finanzielle Belastung angesehen. Die ganze Gemeinde freut sich über die Geburt eines neuen Mitgliedes, jedoch gibt es hier keine speziellen Riten zur Begrüßung. Da ja die Taufe erst im Erwachsenenalter vollzogen wird, bleiben Kleinkinder von den Traditionen noch relativ unberührt. Mit dem Alter von 16 Jahren erreichen amische Jugendliche normalerweise das Stadium, in dem sie volles Bewußtsein für die Anforderungen der Religion entwickelt haben und in dem sie aufgrund ihrer erworbenen Erfahrung zwischen Recht und Unrecht unterscheiden können. Jetzt sind sie bereit getauft und damit in die Kirchengemeinde aufgenommen zu werden.

Vor der Taufe müssen die Jugendlichen ihre Sünden bekennen und lernen sie zu bereuen und sie müssen wissen, daß Jesus für ihre Sünde gestorben ist. Sie müssen die Grundregeln und Satzungen der amischen Kirche lernen, bevor schließlich die Zeremonie stattfinden kann, bei der der Bischof der Gemeinde dreimal Wasser über den Kopf des Täuflings gießt. Mit einem abgelegten Taufversprechen, ist der Getaufte nun ein vollwertiges Mitglied der religiösen Gemeinschaft der Amischen.

In diesem Lebensabschnitt machen sich auch noch andere Eigenheiten der amischen Kultur bemerkbar. So versammeln sich Sonntag abends die unverheirateten jungen Leute zum Singen in dem Haus, in dem vorher die Messe stattgefunden hat und umwerben das andere Geschlecht. Es bilden sich Paare, die sich fortan Samstag nachts im Elternhaus des Mädchens zum Unterhalten und Spielen treffen (sexuelle Kontakte vor der Ehe sind nicht erlaubt). Amische dürfen nur Partner aus ihrer Gesellschaft ehelichen, womit dieser Brauch seinen Sinn erfüllt, damit die Jugend davor bewahrt wird Nicht-Amische kennenzulernen und Ehen anzustreben. Das zukünftige Brautpaar wird schließlich von den Eltern mit einer Mitgift aus Handarbeiten (hauptsächlich typisch amischen Quilts) und Hausrat ausgestattet.

Für die Gemeinde sind Hochzeiten die wichtigsten Ereignisse des Jahres, welche meist an einem Dienstag im November oder Dezember stattfinden, wenn die Ernte und die harte Arbeit vorbei sind. Bereits etwa eine Woche nach der Ankündigung der Hochzeit durch den Bischof der Gemeinde findet die Zeremonie, für die immense Vorbereitungen getroffen und zu der alle Verwandten und Freunde eingeladen werden, statt. Nach einer etwa neunstündigen Messe im Haus der Braut, wird die Feier an einer großen Tafel veranstaltet. Wenn sich die Älteren Gäste nach dem Abendessen zurückziehen feiern die Jungen noch mit Gesang und Hochzeitsspielen weiter. Die anschließenden Flitterwochen bestehen aus Verwandtenbesuchen, die einige Wochen dauern. Eine verheiratete Frau trägt ab sofort immer ein weißes Häubchen und das Brautpaar zieht auf eine neue Farm oder übernimmt die der Eltern, um sich eine eigene Existenz zu gründen. Dabei wird das Paar von den Eltern, Verwandten und Freunden finanziell und tatkräftig unterstützt.

Der intimste, und doch von der ganzen Gemeinde getragene, Augenblick im Leben eines Amischen ist der Tod. Nur wenn es unvermeidlich ist sterben die Amischen nicht in ihrem eigenen Heim. Die ganze Gemeinde nimmt an der Trauer um den Verstorbenen Anteil und befreit die hinterbliebene Familie von allen Pflichten, die der Tod eines Menschen mit sich bringt. So wird die komplette Organisation der Beerdigung, die am dritten Tag nach dem Tod stattfindet, von der Gemeinde durchgeführt. Traditionsgemäß wird der Leichnam weiß gekleidet und in seinem ehemaligen Haus aufgebahrt, damit alle Freunde und Verwandten Abschied nehmen können. In einem einfachen Grab wird der Sarg schließlich ohne Blumen auf dem amischen Friedhof beigesetzt. Der Beerdigung folgt unmittelbar ein Leichenschmauß, bei dem den Angehörigen des Verstorbenen Respekt und Anteilnahme der Gemeinschaft erwiesen wird.

All diese Traditionen zeugen von der Schlichtheit und dem religiösen Bewußtsein, zu denen sich die Amischen verpflichtet haben. Sie dienen zur Demonstration ihrer Kultur und zum Zusammenhalt der Gemeinschaft.

III. Soziale Situation in der Gegenwart und Probleme

3.1 Beziehung zu Staat und Regierung der Vereinigten Staaten

"Rebellion against the state is considered un-Christian and unthinkable. The function of government is to maintain order in the natural or carnal world. But like the Anabaptists, the Amish place a major limitation on the authority of the state. As far as they are concerned the state has no jurisdiction over the spiritual realm, no right to promote religious and ecclesiastical uniformity or to suppress dissent." (Hostetler, 1993, S. 256)

Diese Ansicht gehört zu den wichtigsten Ideologien der Amischen und bestimmt auch ihr Verhältnis zu den staatlichen Obrigkeiten.

Innerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika sind die Amischen ein selbständiges Volk, dessen Gesellschaft aufgrund seiner strengen Ordnung ohne jegliche Einflüsse und staatsunabhängig funktionsfähig ist. Sie kommen ohne staatliche Institutionen und Bürokratie aus und finden alles, was sie zum Überleben brauchen, in der Amischen Gesellschaft.

Das wichtigste Anliegen der Amischen besteht darin, ihre religiöse Freiheit und die totale Unabhängigkeit von der Regierung zu erhalten.

Die Mitglieder der Gesellschaft zahlen zwar Steuern, empfangen jedoch keinerlei staatliche Transferleistungen, wie Renten, Arbeitslosengelder oder andere Soziale Hilfen. Ist ein Amischer in finanzieller Not, wird die Unterstützung von der eigenen Familie oder Gemeinde übernommen.

Gesetze des Staates werden befolgt und respektiert, jedoch wird man einen Amischen nie als Kläger in einem Gerichtssaal vorfinden. Lieber wird, empfangenes Unrecht hingenommen, da es für die Mitglieder nicht erlaubt ist, einen Eid abzulegen, als Jurymitglied zu dienen oder Schulden von anderen durch das Gericht einzufordern. Die einzige Ausnahme bildet hierbei die Verteidigung der religiösen Freiheit und des eigenen Glaubens.

Als vollwertige Bürger der USA besitzen die Amischen selbstverständlich auch das Wahlrecht, wenn sie sich, wie es das amerikanische Gesetz verlangt, registrieren lassen. Zwar dürfen Amische selbst keine öffentlichen Funktionen wahrnehmen, doch sie nutzen ihr Wahlrecht vereinzelt, um in Lokalwahlen zu stimmen und Einfluß auf die Bedingungen in ihrer Siedlungsregion zu nehmen.

So ist das friedliche Zusammenleben zwischen den Amischen und der Regierung gesichert, da die Gesellschaft die Autorität des Staates zwar nicht anerkennt, jedoch auch keine Forderungen gegenüber demselben hat.

Von der Seite des Staates gibt es aber sehr wohl bestimmte Ansprüche. In den Vereinigten Staaten besteht die Pflicht, die Schule bis zum 16. bzw. 17. Lebensjahr (je nach Satzung des einzelnen Bundesstaates) zu besuchen. Mit der Amischen Schulbildung von 8 Jahren ist diese Regelung nicht erfüllt, da die Kinder schon mit 14 oder 15 Jahren die Schule beenden. Da sich die Amischen in früheren Jahren weigerten, ihre Kinder nach der Grundschule auf öffentliche ,,High Schools" zu schicken und der Staat sie dazu zwingen wollte, kam es im vergangenen Jahrhundert zu diversen Gerichtsfällen, in denen dieses Problem behandelt wurde. 1972 schließlich entschied der oberste Gerichtshof zu Gunsten der Amischen Gesellschaft und genehmigte eine Ausnahmeregelung, da durch den Besuch von öffentlichen Schulen und dem damit verbundenen Einfluß der Welt auf die Kinder, die amische Kultur tatsächlich gefährdet gewesen wäre. Ein weiterer Konfliktpunkt ist die Absolvierung der Wehrpflicht. Für die streng pazifistische Gemeinde kommt dies nicht in Frage und so sind amische Männer automatisch Kriegsdienstverweigerer. Zwar gibt es als Ersatz für den Wehrdienst einen zivilen Dienst, bei dem die betreffenden Personen außerhalb der amischen Gemeinde (meist in der Großstadt) eine gemeinnützige, soziale Arbeit verrichten oder für zwei Jahre in einer anderen amischen Gemeinde auf einer Farm arbeiten muß. Jedoch wird auch dies von den meisten Gruppierungen als kulturgefährdend angesehen und so akzeptieren sie lieber eine Gefängnisstrafe. Eine allgemeine staatliche Lösung des Problems oder Kompromissbereitschaft gibt es noch nicht.

3.2 Die Amischen als Wirtschaftsfaktor

Wie bereits erläutert, ist die Landwirtschaft der Lebensinhalt der Amischen und aus diesem Grund, sind sie auf diesem Gebiet auch besonders qualifiziert. Für die Regionen in denen sie leben, wurden die Amischen Landwirtschaftsbetriebe in den letzten Jahren zum wichtigen Versorger. So stammt zum Beispiel ein fünftel von Amerika's Milch aus amischer Erzeugung und angebaute Güter werden auf landesweiten Märkten verkauft. Von den Modeerscheinungen der Neuzeit als ,,Öko-Produkte" und als besonders interessant angesehen, wird die amische Herkunft schnell und effektiv vermarktet und gewinnt allein durch den Aufdruck ,,aus amischer Erzeugung" an Qualität und Beliebtheit bei den Konsumenten. Obwohl Arbeit auf dem Bauernhof die grundlegende Beschäftigung ist, müssen heutzutage viele Mitglieder der Gesellschaft aus finanziellen Gründen andere Erwerbsarten finden (siehe 2.3). So stellen sie also neben den Produktionsgütern auch noch fleißige, hart arbeitende Produktionskräfte für die Wirtschaft des Landes dar.

Ein weiterer wichtiger Bestandteil in der Vermarktung amischer Erzeugnisse sind die Handarbeiten. Die Kunst des Quiltens beherrschen die amischen Frauen am Besten und die gefertigten Decken werden als Kunstwerke zu Höchstpreisen gehandelt. Auch handgeschreinerte Möbel und landwirtschaftliche Gerätschaften sind eine gute Einnahmequelle.

Das einfache Leben der Amischen hat das Interesse der restlichen Bevölkerung, die in einer total anderen Welt lebt, geweckt. Amische wurden zum Inhalt zahlreicher Bücher, Filme und sogar Broadwaymusicals, was die Neugier der Welt auf diese ,,seltsamen" Menschen immer mehr anwachsen ließ. Und so wahr der Grundstock für den Tourismus in den Siedlungsgebieten gelegt.

In Gegenden wie Pennsylvania und Ohio, abseits und doch nicht weit entfernt von den pulsierenden Großstädten der USA, entdeckte man die Profitmöglichkeiten, die sich aus der allgemeinen Begeisterung für die Amischen schlagen ließen. Jedes Jahr besuchen zum Beispiel mehr als 5 Millionen Touristen Lancaster County, PA und seine Attraktion und geben über 400 Millionen US-Dollar in der Gegend aus. Damit ist der Fremdenverkehr zur zweitgrößten Einnahmequelle in den betreffenden Gebieten geworden. Durch künstlich geschaffene ,,Original Amish" Farmen, Besuchertouren und Vergnügungsparks ist beabsichtigt den Besuchern die Amische Lebensweise näher zu bringen, was aber durch die Verkommerzialisierung meist nicht gelingt und nur ein Abwenden der Amischen selbst bewirkt. Jede Alltagssituation wird von den Fremden, die oftmals keine Rücksicht auf die Mentalität nehmen, als Attraktion angesehen und beobachtet. Die Gesellschaft fühlt sich von dem Touristenansturm bedrängt und ihrer geheiligten Traditionen beraubt und an Besucher vermarktet. Und so ist der Tourismus auch eine große Bedrohung für den Erhalt der amischen Gesellschaft, da durch fluchtartige Wegzüge von amischen Familien, die Gemeinde zerrissen wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: Anzeige einer Touristenattraktion

In Lancaster County sind etwa 600 Tourismus - Unternehmen entstanden (siehe Abb. 11), die Touren veranstalten, Informationszentren oder Museen betreiben und teilweise den Besucherandrang von den echten Siedlungen und privaten Bereichen der Amischen fern halten und so Entlastung für die Gruppe gewähren. Außerdem ist es ihre Aufgabe die gängigen Klischees zu widerlegen.

Man kann jedoch nicht leugnen, daß viele Amische vom Fremdenverkehr und seinen Nebenwirkungen profitieren, indem ihre Produkte in Läden für Touristen hervorragenden Absatz finden. Im Land des Kommerzes und der Schnelllebigkeit sind die anders lebenden Amischen ein willkommenes Lockmittel zur grenzenlosen Produktveräußerung.

3.3 Gesundheit und Medizin

Aufgrund ihrer relativ gesunden Ernährung sind die Amischen weniger anfällig für übliche Krankheiten. Kranke werden von der Familie zu Hause so gut wie möglich versorgt und es wird nur im Notfall auf moderne medizinische Mittel zurückgegriffen und auch Krankenhausaufenthalte sind rar. Gott ist ihrer Ansicht nach der Einzige, der heilen kann. "The Amish do not have trained physicians of their own, since attendance at institutions of higher learning conflicts with the doctrine of separation. By relying on worldly society for medical knowledge and medical services, the Amish live in a state of liminality when securing these services." (Hostetler, 1993, S. 323)

Medizinische Vorsorgemaßnahmen, wie Impfungen oder Untersuchungen, werden so gut wie gar nicht in Anspruch genommen, was aber nicht aus religiösen Vorstellungen geschieht, sondern hauptsächlich aus Mangel an Informationen über die Gefahr von Krankheiten. Die meisten amischen Kinder sind nicht gegen Diphterie, Polio, Masern oder Mumps geimpft.

Für die alltäglichen Krankheiten verfügen die Amischen über spezielle Heilverfahren, die von den Vorfahren überliefert sind und meistens auf Naturheilmittel zurückgreifen. Verschiedene Salben, Tees, Öle und Umschläge werden angewandt und sind teilweise auch bei den amerikanischen Mitbürgern willkommen. In manchen Gegenden ist es zusätzlich noch üblich Wunderheiler zu Rate zu ziehen, die mit verschiedenen mystischen Anwendungen Wohlbefinden erzeugen können.

In medizinischen Studien wurden verschiedene genetische Defekte bei den Amischen entdeckt. So treten unter den Mitgliedern auffällig oft Zwergenwuchs (verursacht zum Beispiel durch das Ellis-van-Creveld - Syndrom) und Mutationen der Gliedmaßen auf. Auch Blutkrankheiten sind in bestimmten Gegenden sehr häufig. Da die Amischen ihre einmal besiedelten Gebiete nicht verlassen und auch nur untereinander heiraten dürfen, leben sie genetisch isoliert. "Of 1,850 Amish couples in Lancaster County, it was found that all but 3 were related. The inbreeding coefficient was about the equivalent of each couple being more closely related than second cousins." (Hostetler, 1993, S. 330) Die Ursache dieser Erbkrankheiten liegt also im Inzucht -Verhalten, wobei die Wahrscheinlichkeit von Mißgeburten ansteigt, wenn beide Ehepartner rezessive Gendefekte einbringen. Die jeweiligen Krankheiten können jedes Mal durch eine Gruppe von Abkömmlingen auf einen einzigen ,,defekten" Einwanderer zurückverfolgt werden. Wissenschaftler der Deutschen Forschungsgemeinschaft haben außerdem herausgefunden, daß die Amischen an einer Fettsucht leiden. Fettreiche Speisen, die die Mitglieder für die harte Arbeit kräftigen sollen, sowie die genetische Vorprägung sind die Ursachen für diese Krankheit. Für die Amischen gilt die Fettleibigkeit als Gnade Gottes und ein weltliches Schönheitsideal wird abgelehnt.

Die Amischen schließen keine Versicherungen ab, und so muß auch eine eventuelle Behandlung durch ein öffentliches Krankenhaus oder einen praktizierenden Arzt von der ganzen Gemeinde finanziert werden.

3.4 Verführungen und Unstimmigkeiten

"All societies risk the hazard of change and ultimately of disintegration. Human beings in the same society do not think precisely alike. All do not have the same tendencies toward conformity. Some are tradition-directed, while others are creative and inner-directed. Traditional societies are particularly vulnerable to economic and social stagnation."

(Hostetler, 1993, S. 277)

Eine widerständige Gesellschaft erfordert Mitglieder, die jede Norm des amischen Lebens annehmen und uneingeschränkt befolgen.

Vor allem die Jugend wird jedoch von den Einflüssen der Welt, die trotz aller Vorsorgemaßnahmen nicht immer vermeidbar sind, verleitet, dem einfachen amischen einen weltlichem Lebensstil vorzuziehen. Denn zum Beispiel durch Touristen und durch notwendige Besuche der Großstädte, wird den Mitgliedern bewußt, welchen Mangel an weltlichen Gütern sie verspüren können.

Bei vielen amischen Kindern besteht auch ein Verlangen nach einer höheren Schulbildung und sie mit der ihnen vorgesetzten Lebensperspektive unzufrieden. Dies führt wiederum zu einem Interesse an nicht - landwirtschaftlichen Berufen und fortschrittlichen Denkweisen, und damit einem Interesse an der Technik.

Im Bereich der religiösen Bildung haben manche das Bedürfnis ihr eigenes Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Kritik einzubringen.

Um all diese Wünsche zu verwirklichen müssen sie die Gemeinde vor ihrer Taufe verlassen und schließen sich meistens liberaleren Gruppen, wie den Mennoniten an. Durch diese Bildung von Untergruppen gewinnt die Gesellschaft an Komplexität. Je nach Weltanschauung verstehen sich diese Abspaltungen gut oder schlecht mit den anderen, und mit dem konservativen Kern der Old Order Amish. Die meisten Uneinigkeiten basieren auf der unterschiedlichen Akzeptanz von Veränderungen und Fortschritt. Abbildung 12 zeigt ein Beispiel für das System in Mifflin County, Pennsylvania. Die innerste Gruppe der Old School Amish lebt streng nach den traditionellen Vorschriften, während die Kirchen nach außen hin immer liberaler und weltlicher werden. Kann ein Mitglied sich nun nicht mehr mit seiner Kirche identifizieren verläßt er diese und schließt sich einer Gemeinschaft ,,weiter außen" an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 12: Anordnung der unterschiedlichen Kirchen in Mifflin County, PA.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten, in denen die Rate derer, die die Kirche ganz verlassen haben, bei etwa 22 Prozent lag ist die Abwanderungsrate heutzutage auf etwa 6 Prozent (nach Hostetler, 1993, S. 301) geschrumpft. Diese Tatsache zeugt davon, daß es der Gesellschaft immer wieder gelingt, den Verführungen der Welt zu widerstehen und eine Einigkeit herzustellen. "The proliferation of drugs, alienation, loneliness, theft, murder, and the breakdown of the family as portrayed by the media, supports their traditional teaching against worldliness." (Hostetler, 1983, S. 40)

3.5 Modernisierungen

Um ein Überleben der Amischen Gesellschaft zu sichern, dürfen die Mitglieder nicht vor Veränderungen halt machen. Auch wenn die Modernisierung nur sehr langsam vorangeht, existiert sie dennoch und ist im Wandel der Zeit unbedingt notwendig.

Die liberaleren unter den amischen Gruppen haben sich dazu entschlossen Autos zu akzeptieren, da viele Dinge im modernen Staat ohne PKW nicht mehr möglich waren und die Distanzen für die Buggies einfach zu groß wurden. Dagegen widersetzen sich die konservativen Old Order Amish dieser Regelung, benutzen jedoch trotzdem Autos, indem sie Nicht-Amische Fahrer engagieren. Auch Söhne, die noch nicht getauft sind (und somit gegen kein Gesetz verstoßen können), aber alt genug für das Autofahren sind, dürfen einen Wagen besitzen und ihre Eltern chauffieren.

Ausnahmeregelungen, die in manchen Fällen genehmigt werden müssen, weil bestimmte technische Geräte für den einzelnen lebensnotwendig sind, führen zu einer Änderung in der Ordnung der Gemeinde und somit zu allgemeinen Normänderungen, welche aber die Disziplin nicht gefährden dürfen. Auch im Bereich der Information durch Zeitungen und Literatur sind Neuerungen entstanden. Mehrere amische Herausgeber versorgen die Gesellschaft mit Neuigkeiten und Ratschlägen. So werden viele Voraussetzungen der amischen Kultur zum Gegenstand des Alltags, indem sie einer breiten Masse zugänglich gemacht werden können und ein neues Selbstbewußtsein der Mitglieder entsteht.

"Innovations that are accompanied by economic rewards have a greater chance of being accepted than do changes that are noneconomic in character." (Hostetler, 1993, S. 363) Also können Modernisierungen im Bereich des Erwerbs leichter durchgesetzt werden, als solche, die sich auf die traditionellen Zweige der Gemeinde, wie zum Beispiel Kleidungsstil und Brauchtum, beziehen.

Um die Landwirtschaft effizienter gestalten zu können werden in vielen Gemeinde jetzt auch Traktoren zugelassen. Um weiterhin nicht von der Elektrizität abhängig zu sein, schränken sich die Amischen im Nutzen neuer Technologien, die einfach notwendig geworden sind, jedoch weitgehend ein. Im sozialen Bereich bleiben die meisten Gemeindemitglieder bei ihren alten Normen. Von der weltlichen Gesellschaft sondert sich die Gruppe der Amischen immer noch auf allen Gebieten, politischer und religiöser Art, streng ab und auch interkulturelle Ehen sind weiterhin nicht erlaubt.

Gegner der Modernisierungen, die meistens aus der Gruppe der Old Order Amish stammen, reagieren auf eine ganz besondere Weise gegenüber den ihnen widerstrebenden Normänderungen. Sie passen sich noch strengeren Regeln an, als eigentlich von ihnen erwartet wird und werden so im Gegensatz zu den Fortschrittlichen immer konservativer.

Eine andere Reaktion auf nichtakzeptable Veränderungen ist die Abwanderung in ein neues Siedlungsgebiet und die Gründung einer neuen Gemeinde.

Modernisierungen sind also grundsätzlich möglich und werden auch verwirklicht, beziehen sich aber nie auf die gesamte Gesellschaft, sondern immer nur auf die moderner denkenden Mitglieder.

IV. Zukunftsperspektiven

Das Überleben der amischen Gesellschaft

"Social theorists have assumed that it is only a matter of time before the Amish will become absorbed into the dominant society." (Hostetler, 1993, S. 387)

Ob ein Überleben der amischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert gewährleistet ist, ist tatsächlich nicht gewiß.

Angesichts der vielen Bedrohungen, die durch die hereinbrechenden Einflüsse der Welt durch Medien und Touristenströme auf die Amischen ausgeübt werden, ist es fraglich, ob sich die Mitglieder der Gemeinde diesen Verführungen in der Zukunft widersetzen können. Die Tendenzen der einzelnen Personen zu ihrer eigenen Selbstverwirklichung sind gegeben und diese bringen Entwicklungen in verschiedene Richtungen mit sich. Sollten diese Ströme tatsächlich so unterschiedlich sein, wird wohl die amische Gesellschaft den Abwanderungen und zahlreichen Bildungen von Untergruppen nicht standhalten können, da hierdurch ihre so wichtige Einheit extrem geschwächt wird.

Im Gegensatz dazu hat die Vergangenheit jedoch bewiesen, daß die Gesellschaft sehr wohl überlebensfähig ist. In ihrer gesamten Geschichte hatten die Amischen immer wieder mit großen Gefahren aller Art zu kämpfen und trotzdem ist ihre Bevölkerungszahl jetzt so groß wie nie. Durch soziale und lokale Isolation und vor allem durch den wertvollen religiösen Zusammenhalt innerhalb der Kirche, hat sich eine starke Gemeinschaft entwickelt, die gelernt hat mit den Problemen umzugehen. Für die Amischen ist der Blick in die Zukunft nicht von Bedeutung, da sie ihr einfaches Leben in der Vergangenheit verbringen und durch das Festhalten an der Tradition ein individuelles, schwer beeinflußbares Gemeinschaftsgefüge bilden.

Die letzten Jahrzehnte haben auch gezeigt, daß sie sich auf gewisse Weise anpassen können und so im Einklang mit ihren eigenen Normen, die Gegenwart akzeptieren.

Wenn die Amischen überall in den Vereinigten Staaten in Frieden leben können, wird die Gesellschaft mit der langen Tradition diese auch fortführen können und eine Zukunft haben. Und weiterhin kann sie ein Vorbild für die materialistische und schnelllebige Welt darstellen.

Anhang

The Schleitheim Articles

1. Adult baptism

Baptism shall be given to all who have been taught repentance and the amendment of life, who believe that their sins are taken away through Christ, and who desire to walk in the resurrection of Jesus Christ. This excludes all infant baptism.

2. The ban

After taking baptism as a sign of commitment to the fellowship, if any inadvertently slip and fall into error and sin, the ban shall be employed. First they shall be warned twice privately, and the third time publicly before the congregation (according to Matthew 18). This shall be done before the breaking of bread, so that all may in one spirit and in one love, break and eat from one loaf and drink from one cup.

3. Concerning the breaking of bread

Those who partake of the bread (the Lord's Supper) must beforehand be united in the one baptism and one body of Christ. Those who desire to drink in remembrance of the shed blood of Christ, cannot be partakers at the same time of the table of the Lord and the table of devils. All who have fellowship with the dead works of darkness have no part in the light. We cannot be made one loaf together with them.

4. Separation

We have been united concerning the separation that shall take place from the evil and wickedness which the devil has planted in the world, simply in this; that we have no fellowship with them, and do not run with them in the confusion of their abominations Thereby shall also fall away from us the diabolical weapons of violence - such as sword, armor, and the like, and all of their use to protect friends or against enemies - by virtue of the words of Christ: "You shall not resist evil."

5. Shepherds

The shepherd in the church shall be a person of good report according to the rule of Paul, who can read, exhort, teach, warn, admonish and properly preside in prayer and in the breaking of bread. If he has need, he shall be supported. If he is driven away or martyred, another shall be installed immediately.

6. The Sword

The sword [government] is an ordering of God outside the perfection of Christ. It punishes and kills the wicked, and guards and protects the good Within the perfection of Christ only the ban is used for the admonition and exclusion of the one who has sinned - without the death of the flesh - simply the warning and the command to sin no more. The rule of government is according to the flesh; that of Christians, according to the spirit.

7. Rejection of oaths

The oath is a confirmation among those who are quarreling or making promises. In the old law it was permitted in the name of God. Christ, who taught the perfection of the law, forbids all swearing. One's speech shall be yea or nay. Anything more is evil.

(aus: Hostetler, 1993, S. 28/29)

Bevölkerung der Old Order Amish nach Staat und Provinz, 1992

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

nach: Hostetler, 1993, S. 98

Bibliographische Angaben

Bücher

- Hostetler, J. A., Amish Society, Baltimore & London, The John Hopkins University Press, 19934
- Hostetler, J. A., Amish Life, Scottdale, PA, Herald Press, 1983
- Denlinger, A. M., Real People - Amish and Mennonites in Lancaster County Pennsylvania, Scottdale, PA, Herald Press, 1993
- Berthold, F., Das Glück vom einfachen Leben - Siedlerkulturen in USA, München/ Berlin, Herbig Verlagsbuchhandlung, 1979
- Lichti, T. / Penrod, J., Amish, Berrien Center, Michigan, Penrod/ Hiawatha Co., 1991
- Hendler, M., Six Amish Quilt Postcards, New York, Dover Publications, Inc., 1991
- Saunders, H. / Bendl H., Landeskunde Great Britain and the U.S.A., München, Manz Verlag, 1994³

Zeitung

- Rosner, R., The same yet different, in: The Amish - A Culture, A Religion, A way of life, A Special Section from the Holmes County Hub, May 1998, S. 5 - 9

Internetquellen

- http://www.800padutch.com
- http://holycrosslivonia.org/amish
- http://www.luther.edu/ library/pages/courli/amish.htm
- http://www.amish-heartland.com
- http://www.geocities.com/ResearchTriangle/Lab/4199/amish.htm
- http://www.goshen.edu/ lohns/SamYoder.html
- http://www.goshen.edu/ lohns//GCPUBLICATIONS/GROSS.html
- http://www.idw.tu-clausthal.de/public/zeige-pm.html?pmid=9308

Abbildungsverzeichnis

Abbildungen 1,2 ,6,7 &12 aus: Hostetler, J.A., Amish Society, Baltimore & London, The John Hopkins University Press, 19934

Abbildungen 3,4 & 8 aus: Lichti, T. / Penrod, J., Amish, Berrien Center, Michigan, Penrod/ Hiawatha Co., 1991

Abbildungen 5 & 10 aus: Hostetler, J. A., Amish Life, Scottdale, PA, Herald Press, 1983

Abbildung 9 aus: Hendler, M., Six Amish Quilt Postcards, New York, Dover Publications, Inc., 1991

Abbildung 11 aus: The Amish - A Culture, A Religion, A way of life, A Special Section from the Holmes County Hub, May 1998

Erklärung

Ich erkläre hiermit, daß ich die Facharbeit ohne fremde Hilfe angefertigt und nur die im Literaturverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel benützt habe.

Details

Seiten
17
Jahr
2000
Dateigröße
519 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97332
Note
1
Schlagworte
Amischen Englisch

Autor

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Titel: Glaube, Werte und Traditionen der Amischen. Das Leben in der Amischen Gesellschaft