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Penelope erkennt Odysseus

Facharbeit (Schule) 2000 16 Seiten

Griechisch / Altgriechisch

Leseprobe

Autorin: Leonie Hagelberg

Penelope erkennt Odysseus

1.Einleitung

Thema dieser Facharbeit ist die Szene in Homers Odyssee, in der sich Penelope und Odysseus, nachdem er zwanzig Jahre lang weg war, wiedersehen.

Die Besonderheit dieser Szene kann man viel besser verstehen, wenn man sich zuerst einmal Gedanken über die Ehe dieser beiden Personen und die Charaktere der beiden macht. ,,Penelope nimmt unser Herz durch ihre unverbrüchliche Liebe und Treue, ihre Charakterfestigkeit und ihre Standhaftigkeit im Leiden ein."1

Tatsächlich ist Penelopes Treue ein Grundpfeiler dieser Ehe. Immerhin wartet sie zwanzig Jahre lang auf ihren Mann. Doch das ist nur ein Aspekt ihres Charakters: Penelope ist klug. Es ist schon etwas Besonderes, eine Frau in der Antike als klug zu beschreiben. So unterscheidet sich Penelope jedenfalls von ihren Cousinen.

,, Helena besaß abgesehen von ihrer Schönheit keine besonderen Talente. Ihr Wesen war einfach, fast simpel. Ihr Temperament war bei weitem nicht so glutvoll und leidenschaftlich wie das ihrer Halbschwester Klytaimnestra. Und was den Verstand betrifft, konnte sie sich nicht im Entferntesten messen mit der wachen Klugheit ihrer Cousine Penelope."2

Penelopes Beiwort von Homer ist ,,perifrw^n", was soviel bedeutet wie ,,die Kluge, die Umsichtige". Und so soll sie auch gewesen sein: eine resolute, praktische Frau -auch bei Männern hatte sie eine besondere Vorstellung:

,, Sie war nicht eine, die sich in ein hübsches Gesicht und einen netten Wuchs vergaffte. Auch Reichtum und klingende Namen bedeuteten ihr nicht viel. Sie brauchte und suchte nach anderem. Sie wollte einen Gescheiten. Die Vorstellung, neben einem Gatten leben zu müssen, der dümmer war als sie, schien ihr unerträglich."3

Und sie heiratet Odysseus. Odysseus, der als der Klügste von allen gilt (nicht erst seit der List mit dem Trojanischen Pferd).

,,Besonders aber treten seine geistigen Vorzüge überall hervor. Am hellsten strahlen seine Klugheit, geistige Gewandtheit und Unerschrockenheit."4 Penelope liebt Odysseus und ist sehr stolz auf ihn:

,,To...hn g¦r kefal¾n poq_w memnhm_nh a,,e^ ¢ndroj, toà kl_oj eÙrÝ kaq` `Ell£da ka^ m_son ·Argoj."

(Ein solches Haupt muss ich vermissen, immer seiner gedenkend: das Haupt des Mannes, dessen Ruhm weit über Hellas reicht und bis hinein in das mittlere Argos.)5

Auch Odysseus ist treu. ,,Für Odysseus heißt nach Hause kommen vor allem zu Penelope zu kommen."6. Inge Merkel formuliert es ähnlich: ,,Wirklich zu Hause kann ein Mann nur sein, wenn er von irgendwo zurückgekommen ist."

Diese beiden Charakterzüge der beiden, Treue und Klugheit, gründen eine Ehe, die ihresgleichen sucht. Sie überdauert zwanzig Jahre Abwesenheit des Mannes, im Gegensatz z.B. zu Klytaimnestras Ehe, die kurz nach Agamemnons Heimkehr im Bad ihr grausames Ende nahm.

Odysseus zur Ehe: ,,Denn es ist nichts Kräftigeres und Besseres als dieses: dass einträchtigen Sinns in den Gedanken haushalten Mann und Frau - sehr zum Leide den Bösgesinnten, zur Freude aber den Wohlgesinnten, doch am meisten spüren sie es selber."7

,,In der Antike galt ein Eheleben, für das Odysseus und Penelope sicherlich das edelste Beispiel sind, als das höchste irdische Glück."8

Auf der Grundlage einer solchen Ehe, stark, fest, aber eben durch die äußeren Umstände empfindlich gestört, denn besonders Penelope ist voller Misstrauen als sie ihrem Gatten nach seiner langen Abwesenheit wiedersieht, steht die Szene im 23.Gesang der Odyssee, die ich behandeln werde.

2.Vergleich von zwei Übersetzungen

9 Beim Vergleich der beiden Übersetzungen fällt auf, dass Schadewaldt sehr darum bemüht ist, den griechischen Text so wörtlich wie möglich wiederzugeben. Dadurch bewahrt er an den meisten Stellen eine größere Distanz zum Text, die sich aber oft auf die Flüssigkeit der Sprache negativ auswirkt.

Voss gelangt -auch infolge der von ihm angestrebte Metrik- oft zu sehr viel freieren Übersetzungen. Dies führt häufig zu einem flüssigeren Satzgefüge -wenn man mal von der heute unmoderneren Sprache absieht- , aber trifft meiner Ansicht nach häufig den Sinn nicht ganz.

Bereits in den ersten Versen wird dies deutlich. In Vers 85 wird Penelopes Zustand damit beschrieben, ,,...das Herz schlug, zweifelnd..." (Voss). Schadewaldt erfasst mit der wörtlichen Übersetzung, er sagt: ,,...das Herz erwog ihr viel...", meiner Meinung nach viel besser die ganze Situation, denn Penelope ist in Aufregung, sie überlegt hin und her wie sie dem Gatten gegenübertreten soll. Bei einem schlagendem Herz denkt der Leser gleich an eine spannende Situation. Natürlich ist sie das, aber meiner Meinung nach spielt sich in Penelope in diesem Moment mehr ab als bloße Aufregung, denn ihr ganzer Verstand arbeitet ja auf Hochtouren.

Das griechische Wort an dieser Stelle ist Ðrm£w (in Bewegung setzen, angeregt werden)10.

Interessant ist auch beider Übersetzung des Wortes par...sthmi (Vers 86). Die wörtliche Übersetzung zu diesem Verb ist: daneben stellen, auf jmds. Seite treten, beistehen11.

Schadewaldt benutzt diese. Voss gesteht dem Verb durch seine Übersetzung: ,,...entgegen ihm flög`..." wesentlich mehr Dynamik zu als es eigentlich hergibt. Es ist hier also schon sehr viel Interpretation dabei, denn Voss gestaltet den Gegensatz, den Penelope in Ihren beiden Möglichkeiten hat, sehr viel intensiver (andere Möglichkeit: ,,von ferne befragen"). Eine weitere interessante Stelle findet sich in Vers 88. Homer benutzt für eine Aktion der Penelope zwei Wörter: TMis»lqen und Þperb». Schadewaldt übernimmt in seiner Übersetzung diesen Wortlaut. Dadurch wird die Wichtigkeit dieser Stelle deutlicher als bei Voss, denn diese Handlung, das Übertreten dieser Schwelle, ist ja ein wichtiger Einschnitt in Penelopes Leben.

Für die Beschreibung von Penelopes späteren Zustand benutzt Homer das Wort t£foj. Hier hält sich Voss an die wörtliche Übersetzung (Staunen, Verwunderung)12, was auch dem Sinn vielmehr entspricht als das von Schadewaldt benutzte Wort ,,Erstarren", denn meiner Meinung nach ist Penelope nicht erstarrt, sie überlegt ja hin und her, blickt Odysseus mal ins Gesicht, mal auf die Kleidung und wägt dabei ab; die Tatsache, dass sie nichts sagt, deutet ja nicht unbedingt auf ein Erstarren hin, in Penelopes Kopf spielt sich, denke ich, sicherlich eine Menge ab.

Erstaunlich ist auch, was ich bei der Untersuchung des Wortes puknÒj herausfand. Die Bedeutung hierfür ist: dicht, fest; übertr. stark13. Voss leistet sich hier anscheinend einen Übersetzungsfehler, denn er übersetzt das Wort mit ,,zierlich". Odysseus` Bett, gezimmert aus einem Baum, ist nicht zierlich, sondern, wie es die wörtliche Bedeutung sagt, fest. Vielleicht ist auch hier eine Interpretation zu finden. Voss war eventuell der Meinung, es wäre von Penelope provokanter, das Bett als zierlich zu bezeichnen, da Odysseus ja genau weiß, dass dieses Bett nicht zierlich ist. Dennoch gibt das griechische Wort Voss` Übersetzung nicht her. Insgesamt gefällt mir die Übersetzung von Schadewaldt besser. Zwar wirken seine Satzgefüge durch die wörtliche Übersetzung aus dem Griechischen oft unverständlich, doch dadurch, dass er sich an Homers Wortlaut hält, lässt er dem Leser viel mehr Interpretationsfreiraum als Voss, der dem Leser oft fertige Interpretationen vorlegt. Dies ist hoffentlich an den vorhergegangenen Beispielen deutlich geworden.

3.Einordnung der Szene in die Gesamterzählung der Heimkehr

Die Erzählung von Odysseus` Heimkehr ist klar gegliedert. Höhepunkte sind dabei die drei Begegnungen zwischen Odysseus und Penelope. Die erste Begegnung der beiden findet im 18. Buch statt. Es bleibt allerdings eine stumme Begegnung14. Penelope zeigt sich in diesem Gesang den Freiern, die schon seit Jahren ihr Haus belagern, und das, nachdem Athene sie mit unvergleichlicher Schönheit übergossen hat. Odysseus sitzt in dieser Szene als Bettler verkleidet zwischen den Freiern und hat auch schon einige Demütigungen von ihnen erfahren müssen. Penelope möchte dem Treiben der Freier (sie verprassen schon seit Jahren ihr Hab und Gut und belästigen Telemachos) endlich ein Ende bereiten und beklagt sich deshalb bei den Freiern, dass ihr Verhalten ungebührlich sei, und dass sie, wenn sie sie heiraten wollten, ihr Geschenke machen müssten. Odysseus versteht ihre Absicht.

,,Da freute sich der vielduldende göttliche Odysseus, wie sie ihnen Geschenke zu entlocken wusste und ihnen den Mut bezauberte mit sanften Worten, jedoch der Sinn stand ihr nach anderem."15

Er versteht auch, was sie mit ,,dem anderen" meint, nämlich, dass sie keineswegs vorhat, einen der Freier zu heiraten, sondern ihrem Gatten treu ist. Insofern ist diese erste Begegnung, auch wenn es zu gar keinem Gespräch zwischen den beiden kommt, sehr wichtig, weil Odysseus nun die Gesinnung seiner Frau kennt, er weiß, dass Penelope ihm treu geblieben ist und noch nicht geheiratet hat, er also willkommen ist.

Die zweite Begegnung der beiden findet im 19.Buch statt. Es kommt auch zum Gespräch, allerdings erkennt Penelope ihren Mann nicht, denn er ist immer noch als Bettler verkleidet. Er bleibt also in der Rolle des Fremden.16 Er kündigt ihr jedoch die Heimkehr des Odysseus an. Und er muss jetzt auch auf keinen Fall mehr an ihrer Gesinnung zweifeln, denn sie beweist ihre Treue, als sie ihm ihre List mit dem Bogen erzählt: Derjenige Freier soll sie heiraten, der es schafft, mit dem Bogen des Odysseus zu schießen. Odysseus weiß, dass nur er diesen Bogen bedienen kann, also keiner der Freier eine Chance hat. Deshalb unterstützt er Penelopes Plan auch.

,,O Frau, ehrwürdige, des Laertes-Sohns Odysseus! Nicht mehr verzögere jetzt diesen Wettkampf in den Häusern! Denn eher wird dir der vielkluge hierher kommen: Odysseus, ehe diese da, wie sie diesen Bogen, den wohlgeglätteten, auch betasten mögen, die Sehne über ihn spannen und mit dem Pfeil durch das Eisen schießen werden."17

Was der ganzen Geschichte von Odysseus` Heimkehr den roten Faden gibt, ist der Name ,,Odysseus", auf den eigentlich alles zuläuft. Denn im 23.Buch kommt es zur Wiedererkennung zwischen den beiden. Die drei Begegnungen von Penelope und Odysseus beschreiben also klar eine aufsteigende Linie18.

Um diesen Spannungsbogen Odysseus - Penelope, der das wichtigste Thema in der Heimkehrgeschichte von Odysseus ist, spannen sich noch mehrere Geschichten. Wichtig ist vor allem die List, in die Odysseus eigentlich seine ganze Rückkehr verpackt, er bleibt Inkognito, versucht es zumindest. An ein paar Stellen wird seine List unterbrochen. Seinem Sohn Telemachos gibt sich Odysseus selbst zu erkennen, da dieser ihn nicht kennen kann. Aber er wird zunächst von seinem Hund Argos erkannt und dann von seiner alten Amme Eurykleia. Die Handlung gelangt also immer näher an den Punkt, an dem Odysseus` wahre Identität aufgedeckt wird und sie mündet in der Wiedererkennungsszene im 23. Gesang. Die aufsteigende Linie wird also aufrecht erhalten, wenn auch nur durch das Eingreifen einer Gottheit, nämlich Athene, die verhindert, dass Penelope Odysseus gleichzeitig mit Eurykleia erkennt. Seine Identität wird erst im 23.Gesang offenbart. Bleibt die Frage: Weshalb gibt sich Odysseus sich nicht gleich zu erkennen?

Odysseus begründet es folgendermaßen: ,, Nein doch! Da hätte ich wohl gar den bösen Untergang des Agamemnon, des Artreus-Sohnes, in den Hallen gefunden."19 Agamemnon war bei seiner Heimkehr von seiner Frau und ihrem Liebhaber umgebracht worden.

Es wäre also zu gefährlich für ihn, sich gleich zu erkennen zu geben, vor allem , weil sich ja die Freier in seinem Haus befinden, die seine Rückkehr nicht gutheißen würden.

Der Gedanke des Freiermordes zieht sich auch durch die gesamte Heimkehr. Odysseus will sich an den Freiern rächen. Beim Erstellen eines Plan hilft ihm -unfreiwillig- Penelope. Den aus ihrer List mit dem Bogen entwickelt Odysseus einen Mordplan, er erschießt die Freier mit diesem Bogen und nutzt die Prüfungssituation für den Überraschungseffekt, während die Freier dem vermeintlichen Bettler beim Schießen zuschauen, erschießt er alle Freier der Reihe nach. Der gesamte Kampf mit den Freiern wird im 22.Gesang der Odyssee beschrieben. Mit der Beseitigung der Freier ist dann auch die Voraussetzung dafür gegeben, dass Odysseus seine Identität offenbart.

Die Wiedererkennungsszene im 23.Gesang ist also das Zentrum der Erzählung von Odysseus` Heimkehr, in ihr mündet alles und an der Stelle wird alles aufgelöst, Odysseus ,,kehrt" endgültig ,,heim".

3.Der Aufbau der Szene

Der 23.Gesang beginnt mit einem Gespräch zwischen Penelope und ihrer Amme Eurykleia, die Penelope mitteilt, dass Odysseus angekommen ist und die Freier erschlagen hat. Nach anfänglichem Misstrauen bricht Penelope darüber in Jubel aus.

,,Da freute sie sich und sprang von dem Bette auf und umschlang die Alte und ließ von ihren Lidern eine Träne fallen."20

In der Passage wird besonders deutlich wie nahe sich Odysseus und Penelope immer noch stehen. Auch Penelopes besonders tiefer Schlaf in der letzten Nacht verdeutlicht dies. ,,Denn einen solchen <Schlaf> habe ich noch nicht geschlafen, seitdem Odysseus fortging, um das Unglücks-Ilion zu sehen, das nicht zu nennende."21

Bei der Schilderung, wie Penelope dann die Treppe hinuntergeht und dabei überlegt, ist man sich dieser Nähe aber nicht mehr so sicher. Man kann, im Gegenteil, fast selbst spüren, dass sich Penelope bei jedem Schritt, den sie macht -sie geht ja auch nicht besonders schnell, wie man es erwarten könnte- , weiter von ihrem Mann entfernt. Sie überlegt hin und her, auf welche Weise sie ihrem Mann entgegentreten soll. Wenn sie dann die Schwelle in den Raum überschreitet, trifft sie damit eine Entscheidung: sie behält die Distanz, die schon auf dem Weg vorbereitet wurde, bei, indem sie sich an die gegenüberliegende Wand stellt. enant...oj (dt. entgegen, gegenüber, aber auch: feindlich, also wird ein großer Abstand durch dieses Wort ausgedrückt) ist ein Schlüsselwort für diesen Zustand Es kommt auch zu keinem Augenkontakt zwischen den beiden. Es baut sich jedoch eine für den Leser spürbare Spannung auf. Diese gründet sich vor allem auf dem Zustand von Penelope: sie ist erstaunt, ihr Verstand scheint aber auf ,,Hochtouren" zu arbeiten, während sie versucht, Odysseus wiederzuerkennen.

Diese Spannung wird unterbrochen, als Telemachos das Schweigen bricht und seine Mutter anklagt, hartherzig zu sein. Penelope gesteht ihrem Sohn daraufhin, sie sei noch zu befangen, um zu sprechen.

Es entwickelt sich hier eine merkwürdige Form des Gesprächs. Denn eigentlich sollten ja Penelope und Odysseus miteinander reden, nun haben sie aber noch Telemachos als Dritten dabei. Dieses ,,Über-Eck-Gespräch"22 macht die enorme Entfernung zwischen den beiden Ehepartnern zu diesem Zeitpunkt deutlich.

Die nun anschließende Szene scheint nicht richtig in den Handlungsverlauf zu passen.

Zunächst wird das Über-Eck-Gespräch zwischen Odysseus und Telemachos weitergeführt. Jedoch entfernen sich die Gesprächsthemen immer mehr von Penelope, die noch daneben sitzt. Vater und Sohn sprechen darüber, dass Odysseus aufgrund des Freiermordes Gefahr droht. Eine vorgetäuschte Hochzeit soll diese Gefahr eindämmen. Das Haus wird also geschmückt, und es wird Musik gespielt. Auch Odysseus wird von seiner Bettlerverkleidung befreit und schön gemacht. So tritt er wieder vor seine Frau. An dieser Stelle wird jedoch deutlich, dass die Szene offensichtlich später eingesetzt worden ist. Es ist schon merkwürdig, dass Penelope nach der Zeit, in der Odysseus und Telemachos weg waren und Hochzeitsvorbereitungen getroffen worden sind, immer noch an der gleichen Stelle sitzt. Und findet das nun folgende Gespräch eigentlich bei dem Lärm einer Hochzeitsfeier statt?23 Odysseus beginnt seine Rede auch mit dem zu der Situation passenden Wort: Seltsame! Es ist wirklich seltsam: Odysseus lässt Penelope nicht einen Augenblick Zeit, ihn in seiner neuen Gestalt wiederzuerkennen, er macht ihr gleich Vorwürfe und zwar genau die gleichen, die Telemachos auch schon ausgesprochen hatte (Vers 100-102 = Vers 168-107), nämlich, dass sie hartherzig sei.

,,Wäre nicht alles viel richtiger und bündiger, wenn wir den Zwischenteil überspringen und auf Odysseus` Vorwurf: >Sie verachtet mich, weil ich schmutzig bin< (23.116) Penelope sogleich antworten lassen: >Du Unbegreiflicher! Ich bin keineswegs hochmütig...< (174)?"24 Ich stimme diesem Zitat von Uvo Hölscher nicht zu. Es wäre zwar eine sinnvolle Verknüpfung, denn die beiden Aussagen von Odysseus und Penelope behandeln dasselbe Thema, nämlich Hochmut. Und wenn Odysseus Penelope vorwirft, sie sei hochmütig, ist es nur verständlich, dass sie dieses sofort abstreitet. Sobald man diesen Schwerpunkt setzt, bekommt das Gespräch zwischen den beiden jedoch eine andere Richtung. Odysseus sagt, sie würde ihn verachten, das griechische Wort ist ¢tim©zw, was ,,nicht eigentlich ,entehren` oder ,verachten` heißt, es drückt keine positive Beleidigung aus, sondern das Unterlassen einer Ehrung, also: , sie achtet meiner nicht`"25 Penelope benutzt dieses Wort in ihrer Rechtfertigung nicht. Sie benutzt die Wörter: ,,oÙ g©r ti megal<zomai", was soviel heißt wie ,,ich mache mich nicht groß, tue nicht, als wäre ich mehr als andere"26. Sie bezieht es also auf sich selbst, nicht auf Odysseus, der in Bettlerkleidung vor ihr steht. Tut er das überhaupt? Ließe man die Partie aus, würde die Verwandlung des Odysseus zu einem schönen Mann durch Athene gar nicht erwähnt. Und doch ist dies sehr wichtig, damit Penelope ihn endgültig erkennt. Denn das tut sie, schließlich bereitet sie zwei Verse später ihre List vor, indem sie die Amme bittet, das Bett zu machen, mit dem es ja eine besondere Bewandtnis hat27.

Ließe man die Partie weg, fiele auch das besondere Gespräch zwischen den beiden weg, das Odysseus mit dem Wort ,,Unbegreifliche..." (Vers 165) beginnt. Er tadelt sie mit Telemachos` Worten. Doch Penelope reagiert darauf nur gereizt, sie beginnt ihre Rede mit demselben Wort wie Odysseus: ,,Unbegreiflicher...". Dieses kleine Wortspiel würde bei einer Kürzung verloren gehen.

Adolf Kirchhoff28 schlägt vor, nach der ausgelassenen Szene schon in Vers 171 wieder einzusetzen. Nach Odysseus` Entschuldigung für Penelopes Verhalten würden dann also gleich seine Worte kommen: ,,Doch auf, Mütterchen! Schlage mir das Bett auf, damit ich mich auch selber lege! Denn wahrhaftig, die hat ein eisernes Herz in der Brust!"

Ich halte das für weniger logisch. Denn es ist unwahrscheinlich, dass Odysseus erst Penelopes Verhalten entschuldigt (,,sie verachtet mich, weil ich schmutzig bin"), ihr kurz darauf aber den Vorwurf macht, sie sei hartherzig.

Insgesamt ist der Verdacht, die Verse 111-164 seien später eingeschoben worden, berechtigt. Ich finde jedoch gerade diese Unterbrechung des normalen Handlungsverlaufes ganz reizvoll, die Handlung wäre in dieser Szene sonst sehr gebündelt. Im Gegensatz zu sonst verzichtet Homer hier größtenteils auf lange Ausschweifungen, er konzentriert sich ausschließlich auf die Beziehung zwischen Odysseus und Penelope, die hauptsächlich durch Gespräche dargestellt wird. Die Partie fungiert als Retardierung. Der Spannungsbogen wird eigentlich unterbrochen. Doch dadurch, dass das Thema dem Leser immer präsent bleibt, wird die Spannung noch erhöht. Die Partie ist für den Verlauf der Szene also unerlässlich.

Die Szene endet mit der List der Penelope und der eigentlichen Wiedererkennung. Odysseus besteht die Probe und endlich können sich die beiden in die Arme fallen.

,,Da lösten sich ihr auf der Stelle die Knie und ihr Herz, als sie die Zeichen erkannte, die ihr Odysseus unumstößlich gewiesen hatte. Und weinend lief sie alsbald auf ihn zu und warf die Arme dem Odysseus um den Hals und küsste sein Haupt."29

Damit löst sich jegliche Spannung, jeder Leser wird erleichtert aufatmen. Man hat das Gefühl, dies ist das Ende eines Hollywood-Filmes, der entscheidende Moment, das ,,Happy End". Und noch ist die Szene nicht ganz zu Ende. Denn nach einer Entschuldigung von Penelope fängt auch Odysseus an zu weinen. Und um ihnen eine lange Wiedersehensfreude und die Erholung von ihren Strapazen zu ermöglichen, macht Athene den beiden ein Geschenk: sie verlängert die darauffolgende Nacht um einen Tag, denn am nächsten Morgen könnten sich die beiden nicht mehr der Wiedersehensfreude hingeben, da es viel zu erledigen gibt.

5.Interpretation

Das, was sich zwischen Odysseus und Penelope abspielt, als sie sich nach zwanzig Jahren wiedersehen, ist erstaunlich. Es ist ein Spiel, basierend auf Misstrauen und Vorsicht, aber es resultiert auch aus der Liebe, die die beiden verbindet.

Als Eurykleia Penelope erzählt, Odysseus sei heimgekommen, mag sie dies nicht glauben. Wie sollte sie auch? Sie wartet seit zwanzig Jahren auf ihn, und sie hat sich vielleicht auch schon mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass er tot ist. Andererseits ist Odysseus` Heimkehr die Erfüllung ihres größten Wunsches.

Diese beiden gegensätzlichen Empfindungen erklären ihren nachfolgenden Zustand: Sie ist unsicher, befremdet, vielleicht ist es auch Furcht, jedenfalls ,,bewegt sie viel in ihrem Herzen", als sie die Treppe hinunter kommt. Sie scheint allerdings die Möglichkeit, dass Eurykleia die Wahrheit spricht, keinesfalls ausgeschlossen zu haben, fragt sie sich doch, wie sie ,,den Gatten" begrüßen soll - befragen oder um den Hals fallen. Befragen - das wäre das, was man mit jedem Fremdling erst einmal machen würde.30

Als Penelope die Schwelle übertritt (von Homer auch doppelt formuliert: TMis»lqen und Øperb» sind eine Tautologie) ist das ein ganz wichtiger Augenblick. Jetzt steht sie ihrem Gatten gegenüber, alles, was sie sich bis jetzt hätte ausmalen können, gilt nicht mehr. ,,Das Schwanken von vorher setzt sich in die sinnliche Gegenwart des Gatten fort."31 Sie ist erstaunt, aber ihr Verstand arbeitet auf ,,Hochtouren". Doch die Angst und das Misstrauen, das sich in den letzten zwanzig Jahren bei ihr aufgebaut haben, lässt sie weiter schwanken, schließlich trägt Odysseus auch immer noch die Bettlerkleidung, die ihn unkenntlich macht. Jedenfalls schweigt Penelope. Sie braucht erst einmal Zeit, um sich zu fangen.

Doch warum schweigt Odysseus? Er hätte sich denken können, was geschieht, wenn er Penelope in seiner Verkleidung gegenübertritt, und er war es ja, der sie unbedingt anbehalten wollte. Auf Eurykleias Vorschlag, frische Kleider anzuziehen32,war er jedenfalls gar nicht eingegangen. Er wollte wohl prüfen, ob Penelope ihn auch in Bettlergestalt erkennt, oder vielmehr - er hat es gehofft. Es ist auch die typische Vorsicht des Odysseus, dass er noch einmal prüft, ob seine Frau ihm wirklich treu ist (obwohl er das eigentlich aus den vorherigen Gesprächen erfahren hatte). Odysseus wartet ab. Er kennt die Vorsicht und Klugheit seiner Frau.

,,Odysseus wäre nicht, der er ist, wenn er nicht wüsste, was jetzt die Frau denkt: Dieser Mann kann Odysseus sein. Er kann es auch nicht sein."33

Die Reaktion, die man von ihm erwarten könnte, übernimmt Telemachos. Er ist wahnsinnig enttäuscht von seiner Mutter und wirft ihr vor sie sei hartherzig. Doch damit hat er Unrecht. Penelope beschreibt ihren Zustand nämlich so, wie ihn auch der Dichter vorher schon beschrieben hat: sie sei erstaunt und verwirrt.

Doch mittlerweile denkt sie schon wieder ziemlich klar: ,,Doch wenn er wirklich Odysseus ist und ist zu seinem Haus gekommen, so werden wir beide uns ganz gewiss einander auch besser erkennen. Denn es sind uns Zeichen (sÁma), die nur wir, verborgen vor den anderen kennen."34

Als sie diesen Satz spricht, fällt jegliche Spannung von Odysseus ab. Er lächelt sogar.35 Er hat nun endgültig verstanden, was seine Frau im Schilde führt und ihn amüsiert die Vorsicht seiner Frau. Penelope möchte ihn auf die Probe stellen, um zu erkennen, dass er der echte Odysseus ist. Sie will ihm ein ,,Zeichen" geben. Diese Vermutung äußert er auch gegenüber seinem Sohn. Und Odysseus beginnt sofort, seine Frau zu provozieren. ,,Sie verachtet mich, weil ich schmutzig bin." Diesen Vorwurf wird seine Frau nicht auf sich sitzen lassen, das weiß er. Denn genau diese schlechte Kleidung, die er anhat, hat ja nicht dazu geführt, dass sie ihn verachtet, sondern gerade das hat zu ihrer Prüfung (pe<ra) geführt.

Als Odysseus nach dem Zwischenteil wiederkommt, lässt er Penelope keine Zeit zum Reden und ihn in seiner neuen Gestalt zu erkennen, sondern fährt sie sofort an, indem er Telemachos` Vorwurf wiederholt. Friedrich Focke36 ist der Meinung, diese Reaktion käme unvermittelt. Der Meinung bin ich nicht, denn auch dieser Schachzug ist von Odysseus geplant und dient auch wieder dazu, Penelope aus der Reserve zu locken. Und er geht noch einen Schritt weiter: denn nun bittet er Eurykleia, ihm das Bett zu machen. ,,Indem er aber selbst von dem Bette redet, bringt er das entscheidende sÁma aufs Tapet."37 Focke kritisiert hier den Dichter und meint, das ,,pe<ra-Gespinst würde hier zerstört"38 Dieser Aussage widerspricht Friedrich Eichhorn39 und auch ich bin wie er der Meinung, dass genau das von Odysseus beabsichtigt ist.

Auch Penelope scheint Odysseus zu verstehen. Sie geht in geschickter und schlagfertiger Weise auf ihn ein. Schon das Reizwort, mit dem er sie angeredet hat ,,da^moni" , erwidert sie im identischen Wortlaut. Und auf seine Vermutung, sie würde ihn verachten, meint sie ,,Nicht bin ich stolz noch geringschätzig noch gar zu verwundert, sondern weiß gar wohl wie du warst, als du von Ithaka in dem langrudrigen Schiff hinweggingst."40

Spätestens in diesem Augenblick ist auch dem Leser endgültig klar, dass Penelope ihren Gatten erkannt hat. Das Interessante hierbei ist, dass man das jedoch schon die ganze Zeit vorher im Gefühl hatte, es aber nie am Text belegen konnte, dass sie ihn wirklich erkannt hat. Doch jetzt ist es sicher, sonst hätte sie wohl kaum ,,wie du warst" gesagt. Doch Penelope macht diesem Spiel zunächst kein Ende. Sie will es jetzt zu Ende spielen, also nimmt sie die Fäden in die Hand und spielt ihre List aus, indem sie Eurykleia bittet, das Bett, das Odysseus selbst gebaut hat, hinaus zu bringen. Doch dieses Bett kann man gar nicht bewegen. Odysseus -und nur Odysseus- weiß das.

Er reagiert zornig: ,,O Frau! Wahrhaft ein herzkränkendes Wort hast du da gesprochen." Hölscher meint dazu: ,,Dass dieses Bett aus dem Raum entfernt sein sollte -wer weiß von welchem der Männer- das empört ihn."41

Ich bin nicht der Ansicht, dass Odysseus auf Penelopes List hereinfällt. Schließlich hat er sie die ganze Zeit erwartet. Daraus folgt aber, dass seine Empörung nicht echt sein kann. Auch Inge Merkel sieht das so: ,,Darauf er mit gespieltem Groll..."42 Odysseus weiß ganz genau wie er das Spiel nun beenden muss. Sein Zorn lockt Penelope nun endlich aus der Reserve und sie fällt ihm um den Hals.

6.Die Anagnorisis

Ein immer wiederkehrender Szenentyp in der antiken Literatur ist die sogenannte Anagnorisis (von ¡nagignèskw - wiedererkennen): Zwei Personen, die sich suchen, aber aus irgendwelchen Gründen nicht wissen, dass sie einander bereits gegenüberstehen, erkennen sich plötzlich anhand irgendeines Hinweises, was für den weiteren Fortgang der Handlung unerlässlich ist. Der griechische Philosoph Aristoteles sagt in der von ihm verfassten Dichtungstheorie43: ,,Die Entdeckung (=Anagnorisis) ist das Umschlagen aus Unwisssenheit in Erkenntnis, zur Freundschaft oder Feindschaft, ja nachdem ob die Handelnden zu Glück oder Unglück bestimmt sind. Das Entdecken kann sich entweder nur von der einen auf die andere Person beziehen, wenn nämlich schon bekannt ist, wer der eine ist, oder es müssen sich beide gegenseitig erkennen."

In der Heimkehrgeschichte der Odysseus kommt er zu mehreren Anagnoriseis, was daraus resultiert, dass Odysseus anfangs ja inkognito bleiben muss, sich also niemandem zu erkennen geben darf. Die verschiedenen Anagnoriseis bauen aufeinander auf bis es schließlich zur entscheidenen -der zwischen Odysseus und Penelope- kommt.

Die Anagnorisis von Odysseus und Penelope ist von ganz besonderer Art. Er erkennt sie, sie ihn aber nicht, was verständlich ist, schließlich hat sie ihn seit zwanzig Jahren nicht gesehen und er ist durch seine Bettlerkleidung vollständig entstellt. Das Besondere: Penelope erkennt ihren Mann im Laufe des Gesprächs, auch ohne ein Erkennungszeichen. Doch das fällt keinesfalls weg, sondern Penelope benutzt es später, um ihren Mann noch einmal zu prüfen. Es ist die List mit dem Bett. Odysseus selbst bringt sie auf den Gedanken, als er die Amme bittet ein Bett aufzustellen. Penelope gibt daraufhin die Anweisung, das Bett hinaus zu stellen. Odysseus Antwort44 klärt das Geheimnis und weist ihn als denselben aus:

,,Dieses Bett wirst du nicht hier aufstellen können. Als ich dich zu lieben begann, als ich um dich freite, damals, als keiner von uns auch nur ahnte, wo Troja liegt, suchte ich auf meiner Insel den Ort, der gut war für mein zukünftiges Haus. Ich fand diesen Platz und rodete. Nur einen einzigen starken Baum ließ ich stehen. Ihn bestimmte ich zum Mittelpunkt meines Hauses. Ich kuppte ihn nur, aber den mächtigen Stumpf ließ ich auf seinen Wurzeln stehen. In diesen Stumpf schnitt ich dann unser Bett. Übrigens weißt du das ja alles selbst."

Bevor sich Odysseus jedoch Penelope zu erkennen geben darf, muss er zunächst unerkannt bleiben. Dieser Plan wird jedoch zweimal unterbrochen.

Odysseus wird von seinem Jagdhund Argos erkannt.45 Odysseus hat diesen selbst erzogen, bevor er nach Troja in den Krieg zog. Nun hat sich jedoch keiner mehr richtig um ihn gekümmert und er liegt verwahrlost herum. Doch als er seinen früheren Herrn sieht, erkennt er ihn sofort. Odysseus bemerkt dies und ist gerührt über die Treue dieses Tieres. Auch hier ist kein Erkennungszeichen notwendig. Die Treue des Hundes ist im wahrsten Sinne des Wortes ,,übermenschlich". Auch das Alter des Tieres ist ungewöhnlich, älter als zwanzig Jahre wird ein Hund normalerweise nicht. Und so stirbt Argos auch gleich, allerdings nicht bevor er seinen Herrn noch einmal wiedergesehen hat. Das Verhalten des Hundes lässt Odysseus` Plan beinahe auffliegen, weil der Schweinehirt Eumaios, bei dem Odysseus gerade zu Gast ist, ihn noch nicht erkennen darf und dies auch nicht tut. Odysseus versteckt seine Rührung hinter Verwunderung über den Hund und kann so verhindern, dass Eumaios ihn erkennt. Und auch das lässt den Hund noch einmal in einem besonderen Licht erscheinen, nämlich, dass er Odysseus erkennt, alle anderen Menschen jedoch nicht.

Als zweites wird Odysseus von seiner alten Amme Eurykleia erkannt. Dieser Anagnorisis war ein Gespräch zwischen Penelope und Odysseus vorausgegangen, in der sie ihn nicht erkannt hat. Sie lädt den vermeintlichen Fremden jedoch ein ihr Gast zu sein iund bittet eine Sklavin, ihm die Füße zu waschen. Doch da überkommt Odysseus wohl Rührung und Sehnsucht nach seiner alten Amme, und so bittet er, dass eine alte Frau ihm die Füße waschen soll. In Bezug auf seinen Plan macht Odysseus damit einen schweren Fehler. Denn als Eurykleia ihm auf seine Bitte hin die Füße wäscht, erkennt sie ihren früheren Zögling an einer Narbe, die er sich bei einer Eberjagd im Parnass zugezogen hatte. Eine solche Narbe spielt in einer Anagnorisis die typische Rolle eines Erkennungsmerkmales. Eurykleias Erregung bei ihrer Entdeckung ruft Penelope auf den Plan. Sie darf es jedoch noch auf keinen Fall erfahren, bevor die Freier nicht umgebracht sind. Dieses Mal kann nur noch ein göttliches Eingreifen verhindern, dass Odysseus` Plan scheitert: Athene wendet Penelope für kurze Zeit den Sinn ab, sodass sie von der Szene nichts mitbekommt.

Im Gegensatz zu der Anagnorisis Penelope-Odysseus beeinflussen die beiden letztgenannten Szenen den Handlungsverlauf nicht wesentlich. Allerdings dies auch nur, weil beide Male verhindert werden kann, dass eine dritte Person Odysseus auch erkennt. Auch darin gleichen sich die Szenen. Sie haben beide die Funktion den Handlungsverlauf für kurze Zeit zu unterbrechen und so Spannung aufzubauen.

Die Anagnorisis von Odysseus und seinem Vater Laertes ist gesondert zu den anderen zu betrachten. Sie steht erst nach der von Odysseus und Penelope und fällt somit aus der Heimkehrgeschichte heraus.

Odysseus möchte seinen Vater auf die Probe stellen, ob er seinen Sohn nach zwanzig Jahren noch erkennt. Er gibt sich als Fremder aus, der Nachricht von Odysseus bringt. Sein Vater, der seit langem mit dem Gedanken lebt, dass sein Sohn tot sei, erkennt ihn nicht und ist bei der Erwähnung seines Sohnes zu Tode erschüttert. Diese Erschütterung erfasst daraufhin auch Odysseus.46 Er kann deshalb das angefangene Spiel nicht zu Ende bringen, sondern fängt an zu weinen. Odysseus führt die Wiedererkennung hier also -mehr oder weniger- absichtlich herbei.

Soviel zu den Anagnorisis in Homers Odyssee. Ich möchte an dieser Stelle noch einen Vergleich zu der Anagnorisis in einer antiken Tragödie machen und zwar an dem Beispiel der Anagnorisis von Orest und Elektra.47 Orest kommt in dieser Szene nach ca. 15 Jahren Verbannung in seine Heimatstadt Argos zurück, um gemeinsam mit seiner Schwester Elektra den Mord an seinem Vater Agamemnon zu rächen, den seine Mutter Klytaimnestra mit ihrem Liebhaber Aighistos verübt hat. Die Tradition verlangt, dass er dazu beide umbringen muss. Doch damit seinem Plan niemand aus Argos in die Quere kommt -schließlich plant er einen Königsmord und ist somit ein politischer Feind- muss er unerkannt bleiben. So gibt er sich seiner Schwester bei ihrer ersten Begegnung nicht zu erkennen, und Elektra erkennt ihn auch nicht, da sie, als Orest verbannt wurde, noch ein Kind war. Orest erkennt seine Schwester, da er sie zuvor beobachtet hat.

Orest gibt sich zunächst als einen Freund von Orest aus und erkundigt sich nach ihrer Situation, die sie ihm schildert.

Bei der zweiten Begegnung zwischen Orest und Elektra ist noch eine dritte Person dabei: Ein Greis, der schon Erzieher des Agamemnon war und auch Orest seit seiner Geburt kennt. Der Greis erkennt Orest. Bei dieser Anagnorisis ist also ein Vermittler nötig, der den beiden Beteiligten hilft. Er sagt es Elektra jedoch nicht direkt, sondern führt sie Schritt für Schritt zur Wahrheit. So bezeichnet er Orest erst als filÒj qhsaurÒj, also ,,einen geliebten Schatz", steigert dies zu einem Ð f...ltatoj ,,das Liebste". Danach wird er konkret und bezeichnet Orest als ihren kas...gnhtoj, ihren Bruder. Als Elektra ihn aber immer noch nicht versteht, nennt er endlich den Namen: Or_sthj. Elektra ist daraufhin jedoch noch nicht überzeugt, sie fordert ein Erkennungszeichen. Das bekommt sie: Der Greis weist auf eine Narbe an Orests Augenbraue hin, die er sich bei einem Sturz holte, als er ein Reh verfolgte. Hier taucht also die Narbe als klassisches Erkennungsmerkmal wieder auf. Elektra erkennt ihren Bruder schließlich und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Die Anagnorisis dient im antiken Drama als retardierendes Moment. Sie verlangsamt die Handlung des Stückes und dient so dazu, Spannung aufzubauen.

[...]


1 Hermann, Prof. Dr. C., 1871, S. 93

2 Merkel, I., 1989, S. 19

3 Merkel, I., 1989, S.21

4 Hermann, Prof. Dr. C., 1871, S.91

5 Od. 1.343

6 Steinthal, H., 1991, S. 501

7 Od. 6.182-185

8 vgl. Henke, Prof. Dr. O., 1907

9 Übersetzungen: Voss, J. H., 1951; Schadewaldt, W., 1958

10 Gemoll, W., 1965, S.551

11 Gemoll, W., 1965, S.582

12 Gemoll, W., 1965, S.730

13 Gemoll, W., 1965, S. 659

14 vgl. Vester, H., 1968, S.432

15 Od. 18.281-83

16 vgl. Vester, H., 1968, S.432

17 Od. 19.583-87

18 vgl. Vester, H., 1968, S. 433

19 Od. 13.383-84

20 Od.23.33-34

21 Od.23.18-19

22 vgl. Hölscher, U., 1988, S.288

23 vgl. Hölscher, U., 1988, S.289

24 Hölscher, U., 1988, S. 289

25 Hölscher, U., 1988, S.289

26 von Wilamowitz-Moellendorf, U., 1927, S.69

27 s. Kapitel 6 ,,Die Anagnorisis"

28 vgl. Kirchhoff, A.,1859

29 Od.23.205 ff.

30 vgl. Hölscher, U., 1988, S. 287

31 vgl. Hölscher, U., 1988, S. 287

32 Od. 22.487-489

33 Seghers, A., 1973

34 Od. 23.109f.

35 Od. 23.111

36 Focke, F., 1943

37 v. Wilamowitz-Moellendorf, U., 1927, S. 70

38 Focke, F. 1943, S.369

39 Eichhorn, F., 1965, S. 135

40 Od. 23.173f.

41 Hölscher, U., 1988, S. 294

42 Merkel, I., 1989, S. 239

43 Aristoteles, Poetik, 1452a, 29ff.

44 Seghers, A., 1973

45 Od. 17.290-327

46 vgl. Hölscher, U., 1988, S.242

47 Euripides, Elektra, Verse 558-578

Details

Seiten
16
Jahr
2000
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97575
Note
15 Punkte
Schlagworte
Penelope Odysseus

Autor

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Titel: Penelope erkennt Odysseus