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Zur Funktion des Spiels im Spiel in "Die verkehrte Welt" und "Der gestiefelte Kater" von Ludwig Tieck

Hausarbeit 1999 30 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Illusion und Desillusion als Werkzeug des Spiels im Spiel
2.1 Der 3. Akt der „verkehrten Welt“ als Besonderheit des Spiels im Spiel
2.1.1. Erklärung zum Schema des 3. Aktes
2.1.2 Erklärung des Schemas zum 3. Akt

3 Tieck unter dem Einfluß des Aristophanes

4 Tieck und Shakespeare in Bezug auf die Spiel im Spiel – Thematik

5 Wirklichkeit im Spiel als Illusionsdurchbrechung in Tiecks „verkehrter Welt“ und dem „gestiefelten Kater“
5.1 Vermischung von Realität und Spiel

6 Alles ist nur Spiel
6.1 Theatrum mundi“ – das große Welttheater
6.1.1 Gott als richtender Zuschauer des Welttheaters

7 Der Narr im Spiel im Spiel

Schluß

Literaturverzeichnis
Quellen:
Forschung:

1. Einleitung

In dieser Arbeit werde ich die Thematik des Spiels im Spiel behandeln, und besonders auf die Werke „Die verkehrte Welt“ und „Der gestiefelte Kater“ von Ludwig Tieck eingehen, wobei der Schwerpunkt auf der „verkehrten Welt“ liegen wird.

Durch die Erläuterung des Gebrauchs von Illusion und Desillusion in Tiecks Werken versuche ich, den Charakter des Spiels im Spiel zu erklären.

Ferner werden auch „Die Vögel“ von Aristophanes und drei Stücke von Shakespeare ( „Hamlet“, „Ein Sommernachtstraum“ und „Wie es euch gefällt“) mit in die Arbeit einbezogen und deren Spiel im Spiel – Aspekte zur Bekräftigung und Erläuterung dargestellt. Die Wahl hierbei fiel auf diese zwei Autoren, da sie mir ihren Werken stark Einfluß auf den romantischen Tieck genommen haben.

Ebenso wird in der Arbeit auf den Topos Welttheater eingegangen, insbesondere die Bedeutung des Welttheaters im Barock, um die Funktion des Spiels im Spiel zu verdeutlichen.

2. Illusion und Desillusion als Werkzeug des Spiels im Spiel

Anders als Shakespeare, der in seinen Werken „Hamlet“, „Ein Sommernachtstraum“ und „Wie es euch gefällt“ ebenfalls von der Spiel im Spiel -Tradition Gebrauch macht, beginnt Tieck bei seiner „verkehrten Welt“, ebenso wie im „gestiefelten Kater“, direkt mit dem Bruch der Fiktion, d.h. er läßt erst gar keine Illusion des Publikums aufkommen.

FISCHER: Unmöglich kann ich da in eine vernünftige Illusion hineinkommen.[1]

Tieck läßt in der „verkehrten Welt“ den ersten Akt vom Poeten persönlich einleiten, der sich auf der Bühne mit einem seiner Darsteller unterhält und auch noch über das Stück selber. Das Theaterstück wird also gleich zu Beginn Thema des Theaterstücks, sozusagen Metatheater:

POET: Aber das Stück –

SCARAMUZ: Was Stück! Ich bin auch ein Stück, und ich habe auch das Recht mit zu reden. Oder denkt ihr, daß ich keinen Willen habe? Meint ihr Poeten, die Herren Schauspieler wären immer gezwungen das zu tun, was ihr ihnen befehlt? O mein Herr, die Zeiten ändern sich manchmal plötzlich.

POET: Aber die Zuschauer –[2]

Scaramuz macht hier in seiner Rede auch gleich die Individualität seiner Person, die Unabhängigkeit von seiner Rolle deutlich. Er spielt sich selber und bleibt unabhängig von der Rollenbezeichnung letztendlich immer der Narr. Er wird der neue König und macht sich eigenständig. Er löst sich von seiner Rolle und revoltiert gegen die gewöhnliche Theaterregie. Scaramuz krempelt das Geschehen gründlich um und macht aus dem Theater ein Theater.

Die Zuschauer im Parterre, derart angesprochen, lassen denn auch nicht lange mit kommentierenden Eingriffen auf sich warten, und fallen einfach in das auf der Bühne stattfindende Gespräch mit ein:

SCÄVOLA: O, Herr Scaramuz, mit ihnen nimmt man es noch auf.[3]

Genauso läßt Tieck auch im „gestiefelten Kater“ die Zuschauer durch Diskussionen mit den und über die Spielenden auf der Bühne die Fiktionsdurchbrechung vollführen. Gleich im 1. Akt beginnen hier Leutner und Müller, zwei Zuschauer im Parterre, lautstark eine Diskussion über das Spiel auf der Bühne.

Die Zuschauer sind sozusagen eine eigene Spielebene, auf der ein eigenständiges Spielgeschehen abläuft. In der Personenangabe des „gestiefelten Katers“ werden die Zuschauer auch als aktiv mitwirkende, zum Stück gehörig aufgezählt. Bei der „verkehrten Welt“ fehlt diese Personenangabe jedoch völlig. Zu diffus würde diese wohl auch ausarten.

Diese Publikumsebene wird also ständig wieder mit der anderen Ebene auf der Bühne vermischt.

In der „verkehrten Welt“ bleibt es aber auch nicht nur, wie im „gestiefelten Kater“ nur bei Kommentaren und Erläuterungen derer, die im Parterre sitzen, sonder hier wird auch aktiv ineinander übergegriffen, d.h. ein Tausch der Agierenden der verschiedenen Ebenen untereinander vollzieht sich. So wird zum Beispiel aus dem Spieler Pierrot durch einen „gewagten“ Sprung hinunter ins Parterre der Zuschauer Pierrot:

PIERROT: Adieu, Herr Poet, ich mische mich unter die verehrungswürdigen Zuschauer. Ich will einmal über die Lampen hinweg den berühmten Sprung vom Felsen Leukathe in das Parterre hineintuen, um zu sehen, ob ich entweder sterbe, oder von einem Narren zu einem Zuschauer kuriert werde.[4]

Als Ersatz sozusagen, als Ausgleich wandelt sich nun der Zuschauer Grünhelm zum Spieler:

GRÜNHELM: Herrlich! Herrlich! Bei meiner Seele herrlich! Aber um eins ins andere zu reden, so möchte ich zur Abwechslung gerne einmal mitspielen, das würde mir in der Seele wohltun...[5]

Hier wird schon die Dualität der Rollen deutlich. Grünhelm und Pierrot sind Teilnehmer bei den Spielenden und bei den Zuschauenden.

2.1 Der 3. Akt der „verkehrten Welt“ als Besonderheit des Spiels im Spiel

Im 3. Akt treibt Tieck das Spiel mit dem Wechsel der Ebenen auf die Spitze und potenziert diese Ebenen bis ins vierfache, um sie dann wieder alle zusammen fallen zu lassen.

Er läßt ein Stück im Stück aufführen, worin wieder ein Schauspiel dargestellt wird. Die Spiel im Spiel – Struktur wird nun mehrfach potenziert. Die Anzahl der Sphären, auf denen die Akteure aktiv sind nimmt in erheblichen Maße zu. Während die einfache Spiel im Spiel – Struktur einmal nur eine Ebene hinzufügt und somit Theater im Theater entsteht beläßt es Tieck nicht nur dabei. Die Spieler und die Zuschauer sind nun auf insgesamt vier Ebenen in Aktion. Die Grenzen zwischen den einzelnen Schauplätzen sind nicht immer klar ersichtlich und durch die jeweiligen Kommentare und Eingriffe der anderen Ebenen nicht leicht zu unterscheiden.

Das folgende Schema soll helfen die Vorgänge auf (und vor ) der Bühne während des 3. Aktes verständlicher zu machen:

2.1.1. Erklärung zum Schema des 3. Aktes

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.1.2 Erklärung des Schemas zum 3. Akt

Auf der Ebene I befindet sich das Publikum I, zu dem Scävola, Wachtel, der andere und auch Pierrot zählen, der von der Ebene II der Schauspieler zur Ebene I der Zuschauer übergegangen ist ( siehe Punkt 2)

Auf der nächsten Ebene, Ebene II, agieren die „wirklichen Schauspieler“, die Schauspieler I sozusagen, zum Beispiel Apollo, Scaramuz, Melpomene, Thalia, der Fremde und auch Grünhelm, der ursprünglich zu den Zuschauern zählte ( siehe Punkt 2). Hier nimmt er die Rolle des Narren Scaramuz ein :

GRÜNHELM: ... . Und somit, Herr Scaramuz, überlaßt mir nur gutwillig Eure komische Rolle, und ihr mögt dann, wie gesagt, den Apollo übernehmen.[6]

Auf die Rolle des Narren wird in Punkt 7 noch einmal eingegangen.

Im 3. Akt der verkehrten Welt teilen sich nun die Schauspieler der Ebene II auf. Einige, Scaramuz und sein Gefolge werden zu Zuschauern. Sie bleiben in ihrer gewohnten Ebene. Die Musen Melpomene und Thalia sowie der Fremde und Grünhelm übertreten diese Sphäre und wechseln in die Ebene III, und werden dort die Darsteller des ersten Stück im Stück. Sie bekommen nun neue Rollen zugeteilt. So wird aus Melpomene Emilie, Thalia wird zu Lisette, der Fremde wird zu einem jungen Menschen und Grünhelm bekommt wieder den Part des Narren.

In dieser dritten Spielebene kommen auch noch erstmals neue Charaktere hinzu: Der Vater und die Besucher Graf Sternheim, Baron Fuchsheim, die dicke Frau und mehrere Gäste. Diese Besucher nehmen innerhalb der Ebene III die Rolle der Zuschauer für das nächste Stück im Stück ein. Die Schauspieler, mit ihren bereits doppelten Rollen betreten von der Ebene III aus erneut eine andere Sphäre, die Ebene IV.

[...]


[1] Tieck: Der gestiefelte Kater. Stuttgart. 1964. Akt I, S. 11.

[2] Tieck: Die verkehrte Welt. Stuttgart. 1996. Akt I, S. 11.

[3] Ebd. S.12.

[4] Ebd. S. 13 – 14.

[5] Ebd. S. 15.

[6] Ebd. S. 15.

Details

Seiten
30
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638163965
ISBN (Buch)
9783638641258
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v9782
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Deutsches Institut
Note
1,3
Schlagworte
Funktion Spiels Spiel Welt Kater Ludwig Tieck

Autor

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