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Das Poldermodell der Niederlande als Beispiel für ein Bündnis für Arbeit in Deutschland

Seminararbeit 2000 23 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Westeuropa

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Arbeitsmarkt in den Niederlanden
2.1. Die niederländische Verhandlungsphilosophie
2.2. Bestandteile der Arbeitsmarktpolitik
2.2.1. Gewerkschaften
2.2.2. Arbeitgeberverbände
2.2.3. Stiftung der Arbeit und Rat der Sozial- und Wirtschaftspolitik
2.2.4. Tarifvertrag und Allgemeine Verbindlichkeitserklärung

3. Das Abkommen von Wassenaar
3.1. Der Wiederaufbau nach dem Zweitem Weltkrieg (1945-1962)
3.2. Der Weg in die Krise (1963-1982)
3.3. Inhalte des Abkommens von Wassenaar
3.4. Wassenaar und seine Folgen
3.5. Aktuelle Arbeitsmarktsituation in den Niederlanden

4. Konsensversuche in Deutschland
4.1. Konzertierte Aktion (1967 - 1977)
4.2. Bündnis für mehr Wachstum und Standortsicherung
4.3. Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit

5. Fazit

Literaturverzeichnis

Erklärung zur Haus-/Diplomarbeit gemäß §26 Abs. 6 DiplPrüfO 25

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

,,Die hohe Arbeitslosigkeit zu beenden ist die größte Herausforderung für die Politik und Gesellschaft am Übergang in das nächste Jahrhundert."

Dieser Satz stammt aus der Einleitung eines Textes über den Europäischen Beschäftigungspakt. Arbeitslosigkeit ist in allen europäischen Staaten das bestimmende sozialpolitische und wirtschaftliche Problem. Die Arbeitslosenquote in Europa lag im Dezember 1999 bei 9,6 %1. Der Pakt sieht eine Reihe von Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit auf gesamteuropäischer Ebene vor. Die Vorgehensweise besteht aus drei Säulen, die zusammenwirken. Die erste Säule ist eine koordinierte Beschäftigungsstrategie, die zweite Säule sind Wirtschaftsreformen und die dritte Säule ist ein makroökonomischer Dialog zwischen Staat, Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Hier soll zuerst auf Ebene der einzelnen Länder die Lohn-, Finanz- und Geldpolitik auf mehr Beschäftigung und Wachstum gerichtet werden.2

In einigen europäischen Ländern gibt es bereits solche gesamtwirtschaftlichen Kooperationen, die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt vorweisen können. Als Beispiel werden immer wieder die Niederlande mit ihrem Poldermodell genannt. Dieser Name bezieht sich nicht auf die lange, traditionelle Zusammenarbeit der Sozialpartner mit der Regierung, sondern auf die geographische Besonderheit der Niederlande. An der Küste sind große Landstriche durch Verpolderung entstanden. 1982 hat es mit dem Abkommen von Wassenaar ein Neuorientierung gegeben, die bis heute die niederländische Arbeitsmarktpolitik bestimmt.

In Deutschland hat es bereits mehrere Versuche gegeben, Arbeitsmarktpolitik in Zusammenarbeit von Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Regierung zu gestalten. Die Bundesregierung hat einen ,,Beschäftigungspolitischen Aktionsplan" entwickelt. Bestandteil dieses Planes ist das Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbwerbsfähigkeit. Ich möchte in dieser Hausarbeit das niederländische Modell vorstellen und seine Besonderheiten und aktuellen Probleme erläutern. Weiterhin werde ich das Abkommen von Wassenaar mit seinen Folgen für den niederländischen Arbeitsmarkt darstellen. Ausserdem soll die Anwendbarkeit der Grundidee des Abkommens auf Deutschland untersucht und Unterschiede sowie Gemeinsamkeiten der aktuellen deutschen Bemühungen zu einem gesamtwirtschaftlichen Dialog dargestellt werden.

2. Der Arbeitsmarkt in den Niederlanden

2.1. Die niederländische Verhandlungsphilosophie

Die Arbeitsmarktpolitik in den Niederlanden wird durch eine lange Tradition von ständigen Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern bestimmt. In der niederländischen Wirtschaftswissenschaft wird dieses Vorgehen als Konsultationsmodell bezeichnet. Dieses Modell spiegelt die Neigung der niederländischen Gesellschaft wider, Dinge gemeinsam im Konsens zu gestalten. Für die Entwicklung dieser Konsensneigung werden zwei Gründe genannt, die Einflüsse auf die Entstehung dieses Modell hatten. Diese Gründe sind Besonderheiten der niederländischen Gesellschaft.

Eine Besonderheit ist die Kombination von Händlern und Kirche, die seit jeher das gesellschaftliche Leben in den Niederlanden bestimmt. Die Händler stehen für die niederländische Ansicht, eine Meinung als Beginn eines Gespräches zu sehen. Diese anfangs vertretene Meinung wird nicht als endgültig verstanden, sondern als erstes Angebot. Im Verlaufe des Gespräches kommt man dann zu einem Ergebnis, das für beide Seiten ein möglichst gutes Abschneiden bedeutet. Die Kirche hat mit der christlich - sozialen Lehre einen starken Einfluss auf Politik, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Sozialdemokratie hat einige Ideen der christlich - sozialen Lehre übernommen. Den Arbeitgebern und Arbeitnehmern wird hier die Verantwortung für das Bestehen der Gesellschaft übertragen. So sollen sie darauf achten, die Sicherheit der Gesellschaft nicht durch beispielsweise überzogene Lohnabschlüsse zu gefährden. Der Staat muss hierbei insbesondere den Arbeitgebern genügend Freiraum lassen, damit sie dieser Verantwortung nachkommen können. Ausserdem soll er die Rolle der gesellschaftlichen Organisationen anerkennen und mit ihnen zusammenarbeiten.

Als weitere Besonderheit wird der hohe Organisationsgrad der niederländischen Gesellschaft genannt. Dieser ist aus einer Aufteilung der Gesellschaft in Säulen hervorgegangen. Die vier bestimmenden Säulen sind die katholische, die protestantische, die sozialistische und die allgemein - liberale. Innerhalb dieser Säulen verschwanden teilweise Unterschiede zwischen den Schichten. Die einzelnen Säulen bildeten Dachverbände für Verhandlungen.

Minderheiten erhielten durch diese Zusammenschlüsse die Möglichkeit, ihre Ansprüche zu vertreten und eventuell durchzusetzen. Die klaren Abgrenzungen zwischen diesen Säulen ist mittlerweile nicht mehr vorhanden. Die Bildung von Vereinigungen und die Verhandlungen wurden beibehalten.3

2.2. Bestandteile der Arbeitsmarktpolitik

2.2.1. Gewerkschaften

Durch die späte Industrialisierung in den Niederlanden entstanden hier Gewerkschaften erst Mitte des 19. Jahrhunderts. 1861 wurde als erster Arbeitnehmerverband ein Hilfsfond für Drucker zur finanziellen Absicherung bei Arbeitslosigkeit gegründet. Dieser Fond war noch regional begrenzt. Die erste landesweite Arbeitnehmervertretung bildet sich 1871. Der Allgemeine Niederländische Arbeiterverband trat von Anfang an für eine Zusammenarbeit mit den Arbeitgebern ein.4

Zur Zeit gibt es drei bedeutende Gewerkschaftsbündnisse. Dies sind der Niederländische Gewerkschaftsbund (FNV), der Christlich - Nationale Gewerkschaftsbund (CNV) und die Union der Leitenden Angestellten und Beamten (MHP). In diesen waren 1996 insgesamt 1,9 Millionen Arbeitnehmer organisiert. Das entspricht 30 % der niederländischen Arbeitnehmerschaft. Der Organisationsgrad ist von 40 % in den fünfziger Jahren stetig bis auf 25 % in den achtziger Jahren gesunken bis er sich nach einem Anstieg auf die heutige Marke von 30 % eingependelt hat. Mitglieder der Gewerkschaften sind meist Vollzeitarbeitnehmer. Teilzeit-, junge und ausländische Arbeitnehmer sowie Frauen sind kaum in den Gewerkschaften organisiert.

FNV und CNV sind ähnlich strukturiert. Sie vertreten bis zu zwanzig einzelne Gewerkschaften, die sich nach Branchen unterscheiden. Es soll eine gemeinsamen Interessenvertretung für Arbeiter, Angestellte und Beamte aufgebaut werden. Ziele dieser Verbände sind Ausbau der Beschäftigung, geringe Lohnunterschiede zwischen Unternehmen und Branchen sowie ein leistungsfähiges Sozialversicherungsystem. In beiden Gewerkschaftsbündnissen ist die Industriegewerkschaft (IB) führend.

Die MHP verfolgt andere Ziele. Löhne sollen eher leistungs- und statusorientiert sein. Aufgrund der geringen Mitgliederzahl ist die Auffassung des MHP von untergeordneter Bedeutung.5

2.2.2. Arbeitgeberverbände

Arbeitgeberverbände entstanden in den Niederlanden nach den Gewerkschaften. 1899 schlossen sich in Twente Textilunternehmer zusammen, um mit der Regierung über die ihrer Meinung nach zu umfassenden Sozialleistungen zu verhandeln. Auch hier ist wie bei den Gewerkschaften von Beginn an der Wille vorhanden auf dem Verhandlungsweg Probleme zu lösen.6

Im Gegensatz zu den Gewerkschaften ist der Organisationsgrad der Arbeitgeber hoch. 70 % der holländischen Arbeitnehmer sind in Unternehmen beschäftigt, die einem Arbeitgeberverband angehören. Dies entspricht ungefähr deutschen Verhältnissen.

Es gibt drei große Bündnisse, die Betriebe unterschiedlicher Größe und Branchen vertreten. Der Niederländische Unternehmerverband (VNO) besteht aus Groß- und Mittelbetrieben. Betriebe mit weniger als 50 Arbeitnehmer werden vom Verband der Klein- und mittelständischen Unternehmen (MKB) repräsentiert. Agrarbetriebe sind im Niederländischen agrarwirtschaftlichen Unternehmerverband organisiert.

In den Verhandlungen mit Gewerkschaften und Regierung tritt der Rat der Zentralen Unternehmerorganisationen (RCO) gemeinsam für die Interessen der Einzelverbände auf.7

2.2.3. Stiftung der Arbeit und Rat der Sozial- und Wirtschaftspolitik

Die Stiftung der Arbeit (STAR) wurde 1945 von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden gegründet. Sie ist eine privatrechtliche Organisation. Vertreter von Gewerkschaften und Arbeitgebern sollen hier ihre Meinungen zu grundlegenden wirtschaftspolitischen Problemen austauschen. Im Vordergrund stand anfangs die Lohnpolitik. Die Stiftung hat ihre Zuständigkeit mittlerweile auf alle Gebiete der Arbeitsmarktpolitik ausgedehnt. Regelmäßig im Frühjahr und im Herbst finden Gespräche der STAR mit Regierungsvertretern über die Lohnpolitik statt.8

Von der Regierung wurde 1950 der Rat der Sozial- und Wirtschaftspolitik (SER) gegründet. In dieser staatlichen Organisation sind Arbeitgeber, Arbeitnehmer und von der Regierung ernannte Mitglieder, die Kroonleden, vertreten. Die Regierungsrepräsentanten sind unabhängig. Der SER berät die Regierung in Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik.9 Bis 1995 war die Regierung gesetzlich verpflichtet, die Meinung des SER zu allen bedeutenden wirtschaftlichen Themen zu berücksichtigen. Dieses Gesetz existiert nicht mehr. Weiterhin ist der SER aber das zentrale Organ für die Abstimmung zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern und Staat.10

2.2.4. Tarifvertrag und Allgemeine Verbindlichkeitserklärung

Ziel der Lohnverhandlungen in der Stiftung der Arbeit ist ein ,,Central Akkord" (CA). Dies ist ein Rahmenvertrag, der neben den Ansprüchen der Arbeitnehmer und Arbeitgeber auch die Interessen der Regierung sowie gesamtwirtschaftliche Daten berücksichtigt, die vom Zentralen Planbüro zur Verfügung gestellt werden.11 Die tatsächlichen Tarifverhandlungen werden dann auf Branchen- und Unternehmensebene geführt. Grundlage sind die Vereinbarungen des CA. Diese Tarifverträge (CAO) beinhalten konkrete Absprachen über Löhne, Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen.12

Durch das Gesetz über die allgemeine Verbindlichkeits- und Unverbindlichkeitserklärung von Bestimmungen von Tarifverträgen (AVV) kann die Regierung Einigungen, die zwischen den organisierten Arbeitgebern und Arbeitnehmern getroffen wurden auf ganze Wirtschaftszweige ausdehnen. Arbeitnehmer, die nicht in der Gewerkschaft sind oder in Betrieben arbeiten, die keinem Arbeitgeberverband angehören, werden dadurch vor untertariflichen Löhnen geschützt. Neue Unternehmen können sich nicht durch andere Arbeitsbedingungen Vorteile verschaffen.

Auch kann die Regierung mit der AVV gesellschaftliche Ziele verwirklichen. So können beispielsweise Bestimmungen über Aus- und Weiterbildung für eine ganze Branche verbindlich werden.13 Andererseits gibt das Gesetz der Regierung auch die Möglichkeit, Absprachen in den Tarifverträgen aufzuheben, wenn sie dem öffentlichen Interesse widersprechen. Das war zuletzt 1991 der Fall. Die im Central Akkord vorgesehen Lohnerhöhungen wurden als zu hoch angesehen.14

3. Das Abkommen von Wassenaar

3.1. Der Wiederaufbau nach dem Zweitem Weltkrieg (1945-1962)

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war der Großteil der niederländischen Industrie vernichtet. Um Arbeitslosigkeit zu vermeiden sollte daher schnellstmöglich eine erneute Industrialisierung eingeleitet werden. Die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft sollte durch niedrigere Produktionskosten wiederhergestellt werden. Dazu war Lohnzurückhaltung notwendig15. Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Staat waren sich einig, dass dies die einzige Möglichkeit wäre, den Wiederaufbau zu beginnen.

In den folgenden fünfzehn Jahren bestimmten staatliche Lohnleitlinien die Lohnpolitik. Diese basierten auf Absprachen, die in der Stiftung der Arbeit zwischen den Sozialpartner getroffen wurden. Die Regierung berücksichtigte diese in der Stiftung für Arbeit getroffenen Vereinbarungen und setzte sie in allgemeinen Grundlinien um. Die Einhaltung der Richtlinien war Aufgabe der Unternehmen. Die einzelnen Tarifverträge wurden von einem Lohnausschuß der Stiftung für Arbeit auf Übereinstimmung mit den staatlichen Bestimmungen kontrolliert.

Diese Politik führte zu einer starken Lohnmäßigung und dadurch zu einer raschen Zunahme der Wettbewerbsfähigkeit der niederländischen Wirtschaft.16 Auf dem Arbeitsmarkt gab es in Folge dessen bei männliche Arbeitnehmern Vollbeschäftigung, die daraufhin zwanzig Jahre Bestand hatte.

Das System des Wirtschaftsaufschwungs durch Lohnzurückhaltung funktionierte bis zum Beginn der sechziger Jahre gut. Die Vollbeschäftigung hatte aber zur Folge, dass es an Arbeitskräften mangelte. Die Unternehmen zahlten daher, um Arbeitskräfte zu bekommen, zusätzliche schwarze Löhne. Auch gab es die Möglichkeit, branchenintern von den allgemeinen Lohnleitlinien abzuweichen. Diese Absprachen mußten aber genehmigt werden und waren bisher nur gering von den Leitlinien abgewichen.

3.2. Der Weg in die Krise (1963-1982)

Weder die illegalen Lohnzahlungen noch die Sonderabsprachen waren aber unter den Bedingungen des angespannten Arbeitsmarktes von der Regierung und der Stiftung der Arbeit zu kontrollieren. Die staatlichen Lohnleitlinien wurden von den Sozialpartnern nicht mehr umgesetzt. In den Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wurden höhere Lohnsteigerungen abgesprochen. Es kam zu einer Lohnexplosion. In den Jahren 1963 bis 1965 wurden zweistelligen Lohnsteigerungsraten vereinbart.

Ein Versuch, zum System der zentralen Vereinbarung und lokalen Umsetzung zurückzukehren, scheiterte am Widerstand der Gewerkschaften. Sie sahen sich nicht in der Lage, niedrigen allgemeinen Lohnabschlüssen zuzustimmen, wenn die lokalen Arbeitgeber bereits höhere Lohnsteigerungen zugesagt hatten. Die Lohnexplosion war der Grund für die Anpassung des niederländischen Lohnniveaus bis zum Ende der sechziger Jahre an die deutschen Löhne. Der Anteil der Arbeitskosten an den Nettoerträgen der Unternehmen stieg bis 1973 auf 80 %.17

Das Jahr 1964 markiert das Ende der in Abstimmung der Sozialpartner und des Staates gelenkten Lohnpolitik und damit auch das Ende der Lohnmäßigung. In den folgenden Jahren konnten sich Arbeitgeber, Arbeitnehmer und Regierung nicht auf ein Lohnabkommen einigen. Die Tarifverträge wurden in freien Verhandlungen geschlossen. Die Regierung hatte aber weiterhin die Möglichkeit, diese Verträge bei Verstößen gegen das öffentliche Interesse aufzuheben. Da es sowohl zwischen den Sozialpartnern als auch innerhalb der Gewerkschaften zu keiner Einigung kam, wendete die Regierung dieses Mittel häufig an.18

Der Mangel an Konsens führte zu einer Radikalisierung des Arbeitsmarktes. Die Gewerkschaften organisierten Streiks gegen die Gesetze, die der Regierung die Festsetzung der einheitlichen Lohnleitlinien ermöglichte.19 Auch wurde für gleiche Lohnverhältnisse zwischen Branchen sowie Lohnsteigerungen in Höhe des Inflationsausgleich gestreikt. Zwar war die Zahl der an den Streiks beteiligten Arbeiter im europäischen Vergleich gering. Bisher galten Streiks aber als illegal, da ein Streik als Vertragsbruch angesehen wurde. 1972 wurden Streiks durch ein Urteil aber für gerechtfertigt erklärt. Ein gesetzliches Streikrecht gab es aber nicht. Die Arbeitgeber reagierten, indem sie ihre gemeinsamen Verbände stärkten und 1973 die Arbeitgeberstreikversicherung wiedereinführten.

Zu diesen Abstimmungsschwierigkeiten kamen wirtschaftliche Probleme der Textil- und Schiffbauindustrie, die durch die starken Lohnsteigerungen Mitte der sechziger Jahre ausgelöst worden waren. Trotz Eingriffe der Regierung konnten diese Branchen nicht gerettet werden. Dies führte zu großen Arbeitsplatzverlusten.

Auch weitete die sozialdemokratische Regierung, die von 1974 - 1977 an der Macht war, den Sozialstaat aus. Sie sah nicht die Arbeitgeber, sondern die Gewerkschaften als ihre Partner an und setzte viele arbeitnehmerfreundliche Forderungen um. In dieser Zeit wurden Programme zur Einkommensumverteilung und eine Ankoppelung von Sozialleistungen an die Tariflöhne eingeführt. Ausserdem wurden in den Tarifverträgen Absprachen über eine automatische Lohnanpassung in Höhe der Inflationsrate getroffen, die von da an dreiviertel der jährlichen Lohnsteigerungen ausmachte.

Neben den Sozialleistungen waren auch die Löhne der Beschäftigten im öffentlichen Dienst an die tariflichen Lohnsteigerungen im privaten Sektor gekoppelt. Die Regierung hatte keinen Einfluss mehr auf diese Lohnentwicklungen, war aber aufgrund des verknüpften Systems stark davon abhängig. 60 % des jährlichen Wachstums des Staatshaushaltes wurden auf diese Weise quasi automatisch festgelegt. Ein Großteil der Staatsausgaben konnten von der Regierung nicht mehr kontrolliert werden.20

Die Niederlande wurden durch die zweite Ölkrise 1979 in eine starke Rezession gestürzt. Die Notwendigkeit wieder an den Verhandlungstisch zurückzukehren, um die Folgen der Ölkrise in den Niederlanden abzufangen, wurde sowohl den Sozialpartnern als auch der Regierung deutlich. Die Staatsausgaben stiegen auf 60 % des BIP, woran die Ausgaben für Arbeitslosigkeit und Invalidität eine großen Anteil hatten. Die Arbeitslosenquote lag bei 10 %.21

Das Zentrale Planbüro und der Präsident der niederländischen Zentralbank forderten, die Staatsfinanzen zu sanieren, um eine Inflation zu vermeiden und die Zinssätze wieder zu stabilisieren, damit private Unternehmen wieder investieren konnten. Auch sollten die Unternehmen durch geringere Lohn- und Energiekosten unterstützt werden. Zur Entlastung des Staatshaushaltes müssten die engen Verflechtungen zwischen den Löhnen der öffentlichen Bediensten und die Ausweitung der Sozialleistungen von den Lohnsteigerungen im privaten Sektor aufgehoben werden. Der Zugang zum Sozialsystem müsse erschwert werden.

1982 kam es dann zu einer politischen Wende. Nach den Wahlen 1981 bildete sich, wie bereits in den siebziger Jahren, eine Mitte - Links Koalition. Diese zerbrach an einem Streit mit den Gewerkschaften über die Einführung von Karenztagen in der Krankenversicherung. Die Wiederwahlen 1982 führten dann zu einer Mitte - Rechts Regierung. Diese legte zur Behebung der Krise eine Strategie fest, die ihre Umsetzung im Abkommen von Wassenaar fand.22

3.3. Inhalte des Abkommens von Wassenaar

Im Abkommen von Wassenaar legten die Vertreter von Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und Regierung drei Grundlinien fest, die wieder zu mehr Arbeitsplätzen führen sollten. Die öffentlichen Ausgaben sollten sinken, die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wieder steigen und Beschäftigung sollte gefördert werden. Alle Verhandlungspartner machten Zugeständnisse, um gemeinsam das Ziel zu erreichen.

Die Arbeitgeber wollten mehr Beschäftigung durch Arbeitszeitverkürzungen und durch die Einrichtung von Teilzeitarbeitsstellen ermöglichen. Gleichzeitig versprachen die Gewerkschaften ihre Lohnforderungen zu mäßigen. Die Lohnzurückhaltung wurde wieder die zentrale Strategie der Gewerkschaften.

Die Regierung führte umfangreiche Reformen durch. Kündigungsvorschriften wurden gelockert. Sozialleistungen, Subventionen und die Gehälter im öffentlichen Dienst erfuhren Kürzungen. Die dadurch entstanden Einsparungen nutzte man zu Steuersenkungen und zum Abbau des Haushaltsdefizit.23 Auch wurde die Lohnentwicklung im öffentlichen Dienst wieder von den Anpassungen im privaten Sektor getrennt.24

Im Zuge dieser Absprachen wurde auch eine Neuorientierung der Geldpolitik festgelegt. Der Gulden wurde an die DM angekoppelt.25

3.4. Wassenaar und seine Folgen

Als erste Reaktion auf Wassenaar wurden neue Tarifverträge ausgehandelt. Diese hatten vor allem das Ziel, wieder zur Lohnzurückhaltung zurückzukehren. Deshalb sollten vor allem die automatischen Lohnanpassungen an die Preise gestrichen werden, was auch in 90 % der Verträge verwirklicht wurde. Es gelang, den Anteil der Arbeitskosten an den Nettoerträgen der Unternehmen, der 1982 noch 89 % betragen hatte, bis 1985 auf 83,5 % zu senken.

Die Regierung führte unter starken Protesten einen harten Sparkurs durch. Zuerst wurden die Löhne im öffentlichen Dienst und die Höhe der Sozialleistungen eingefroren. Im Jahr 1984 wurden diese sogar gesenkt. Im Gegenzug kam es aber auch im öffentlichen Sektor zu Arbeitszeitverkürzungen. Die Lohnerhöhungen wurden jetzt nicht mehr aus dem privaten Sektor übernommen. Es wurden Tarifverträge geschlossen. Diese Tarifverhandlungen waren nicht völlig frei sondern mussten sich in von der Regierung gesetzten Grenzen bewegen.26 Die Sozialleistungen, insbesondere die Höhe des gesetzlichen Mindestlohnes der Mindestbetrag des Arbeitslosengeldes, wurden ebenfalls von der privaten Lohnentwicklung abgekoppelt.27

Durch die Lohnzurückhaltung und Verringerung der Löhne der öffentlichen Bediensten konnten in den achtziger Jahren 415.000 Arbeitsplätze geschaffen werden.28 Die Arbeitslosenquote der registrierten Arbeitslosen sank von 9,7 % im Jahr 1983 auf 6,3 % im Jahre 1996.29 Bis November 1999 ging sie noch weiter zurück und liegt nun bei 2,6 %.30

Die Unternehmen richteten neue Beschäftigungsmöglichkeiten ein. Vor allem im Bereich der Teilzeitarbeitsplätze kam es zu großen Zuwächsen. In den Niederlanden sind mittlerweile 25 % aller Arbeitsplätze Teilzeitstellen.31 Ein Großteil der neuen Arbeitsstellen sind im Dienstleistungssektor angesiedelt. Hier hat es von 1979 an die größten Zuwächse gegeben. Bis 1994 waren 45 % aller Arbeitnehmer im Dienstleistungsbereich beschäftigt. Die Sektoren Landwirtschaft und Industrie haben dahingegen Beschäftigung abgebaut. Die Quoten im Industriebereich gingen von 18 % auf 15 % zurück. In der Landwirtschaft verringerte sich die Quote um 1 Prozentpunkt und lag 1994 bei 3 %.32

Zudem fand eine Umverteilung der Arbeitsplätze zugunsten jüngerer Arbeitnehmer statt. Für ältere Arbeitnehmer wurden Frühverrentungssysteme geschaffen. Auch erleichterte die Regierung den Zugang zu Erwerbsunfähigkeitsrenten, wodurch auch Arbeitsplätze frei wurden.33

3.5. Aktuelle Arbeitsmarktsituation in den Niederlanden

Bei der Bekämpfung der standardisierten Arbeitslosigkeit nach Definition des ILO34 weist die niederländische Arbeitsmarktpolitik deutliche Erfolge auf. Die Probleme liegen bei der verdeckten Arbeitslosigkeit.35 Bezieht man erwerbsfähige Personen, die Sozialhilfe, Frührente oder Erwerbsunfähigkeitsrente beziehen mit ein, lag die erweiterte Arbeitslosenquote der Niederlande 1996 bei 10,6 %.36

Die Umverteilung von Arbeit war nicht durch Arbeitszeitverkürzungen gelungen sondern in der Hauptsache durch die Schaffung von Sozialleistungen. Die Niederlanden weisen den höchsten Anteil Europas Arbeitsunfähiger an der Erwerbsbevölkerung auf. Anfang der neunziger Jahre wurde der Zugang zu dieser Sozialleistung erschwert. Als Folge verschoben sich die Probleme zu Regelungen über das frühzeitige Ausscheiden aus dem Erwerbsleben sowie auf die Arbeitslosenrente.

Studien des CPB für das Jahr 1999 haben ein Ende des Wirtschaftswachstums in den Niederlanden in den nächsten Jahren vorausgesagt. Das BIP wird nicht mehr wie bisher mit mehr als 3 % steigen. Bis zum Jahr 2003 werden sich die Wachstumsraten nur zwischen 1,25 % und 1,75 % pro Jahr erhöhen. Der Verminderung ist einerseits eine Folge des rückgängigen Welthandels. Andererseits droht auch ein Ende der Lohnzurückhaltung. Die Sozialpartner haben Lohnzuwächse zwischen 3 % und 5 % vereinbart. Dadurch droht ein Wiederanstieg der Arbeitslosigkeit.37

Auch droht der Konsens zwischen den Sozialpartnern und der Regierung an einer Sozialstaatsreform zu zerbrechen. Bisher werden die Zahlung von Arbeitslosengeld, Erwerbsunfähigkeitsrenten sowie die Arbeitslosenvermittlung von lokalen Stellen durchgeführt, in denen Sozialpartner und Staat zu gleichen Teilen vertreten sind. Diese Regelung soll durch Einrichtung einer Behörde ersetzt werden. Damit würden die Sozialpartner das Mitspracherecht über die Verwendung der Beiträgen zur Arbeitslosen- und Erwerbsunfähigkeitsversicherung verlieren.38

4. Konsensversuche in Deutschland

4.1. Konzertierte Aktion (1967 - 1977)

Der Begriff ,,Konzertierte Aktion" kann auf zweierlei Weise interpretiert werden. Zum einen wird als allgemeinere Definition darunter eine Verhaltensabstimmung zwischen den an der Wirtschaft Beteiligten verstanden. Zum anderen wird auch nur ein Treffen zu einem Gespräch zwischen Sozialpartnern und Regierung als Konzertierte Aktion bezeichnet, unabhängig davon, ob es bei diesen Gedankenaustausch zu einem Ergebnis gekommen ist.39

Die Einrichtung konzertierter Aktionen wird in Deutschland durch zwei Gesetzte ermöglicht. Zum einen kann nach dem KVKG im Gesundheitswesen eine konzertiert Aktion eingereicht werden, um medizinische und wirtschaftliche Orientierungsdaten zur Verfügung zu stellen sowie Vorschläge zur Steigerung der Effektivität und Effizienz des Gesundheitswesens zu entwickeln. Dadurch soll eine Kostendämpfung erreicht werden.40

Die zweite Möglichkeit ist im Stabilitätsgesetz verankert. Nach § 3 StabG muss die Bundesregierung den Sozialpartnern Orientierungsdaten zur Verfügung stellen, wenn die gesamtwirtschaftlichen Ziele stabiles Preisniveau, hoher Beschäftigungsstand, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und stetiges Wirtschaftswachstum gefährdet sind.41 Das Gesetz sieht keine Teilnahmeverpflichtung der Sozialpartner vor. Auch sind die Beschlüsse der Gespräche nicht verbindlich.

Dieses Gesetz wurde unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Stagnation in den Jahren 1966/67 geschaffen. Ziel war es auf die Einkommenspolitik einzuwirken und die Tarifpolitik in die zentrale Steuerung der Wirtschaft mit einzubinden. Die Gespräche sollten zu keinen direkten Eingriffen des Staates führen, sondern eine Abstimmung der Interessen zwischen Sozialpartnern und Regierung ergeben, ohne sich gegenseitig zu schädigen.42 Vorsitzender dieser Runde war der Bundeswirtschaftsminister. Weiter nahmen der Bundesfinanzminister, Vertreter der Arbeitgeber und Arbeitnehmer, des Sachverständigenrates und der Bundesbank teil. Die Gespräche fanden zweimal jährlich statt.

Seit 1977 wird dieses Instrument nicht mehr eingesetzt. Die Gewerkschaften nahmen aus Widerspruch gegen die Arbeitgeberklage gegen das Mitbestimmungsgesetz nicht mehr teil.43

4.2. Bündnis für mehr Wachstum und Standortsicherung

Ein weitere Versuch, gemeinsam gegen wirtschaftliche Probleme, insbesondere gegen Arbeitslosigkeit vor zu gehen, stammt aus dem Jahr 1995. Im November bot die IG Metall an, Lohnanpassungen lediglich in Höhe der Inflationsrate zu akzeptieren, wenn im Gegenzug 100.000 Arbeitsstellen geschaffen würden. Der DGB nahm diese Idee zum Anlaß, ein Bündnis für Arbeit für alle Wirtschaftszweige vorzuschlagen.44

Der DGB forderte Bund, Länder, Kommunen und die Arbeitgeber auf, zusammen durch eine aktive Arbeitsmarktpolitik mehr Beschäftigungs- und Ausbildungsmöglichkeiten zu schaffen. Bis Ende des 20. Jahrhunderts sollte die Arbeitslosigkeit halbiert und jedem Jugendlichen ein Ausbildungsplatz zur Verfügung gestellt werden. Als Gegenleistung bot der DGB ein Entgegenkommen im Rahmen der Tarifverträge an. Beschäftigunswirksame Arbeitszeitverkürzungen und flexiblere Arbeitszeiten wurden als Beispiele hierfür genannt.45

Am 23.01.1996 kam es dann zu einem Treffen im Bundeskanzleramt, an dem Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertreter sowie die Regierung teilnahmen. Ergebnis war das Bündnis für Wachstum und Standortsicherung, dessen Ziel eine Halbierung der Arbeitslosenzahl bis Ende der 90er Jahre sein sollte. Es wurden zahlreiche Vereinbarungen über die Steigerung der Attraktivität Deutschlands als Wirtschaftsstandort getroffen. Vor allem die Investitionsbereitschaft sowohl ausländischer als auch deutscher Unternehmer sollte gesteigert werden, beispielsweise durch günstige Kredite, Vereinfachung von Planungs- und Genehmigungsverfahren und Senkung der Sozialabgabenquote.46

Dieses Bündnis endete im April 1996. Die Gewerkschaften nahmen aufgrund der von der Regierung eingeführten Kürzung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auf 80 % nicht mehr an den gemeinsamen Gesprächen teil

4.3. Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit

Nachdem der erste Versuch für ein Bündnis für Arbeit scheiterte und auch ein Beschäftigungspakt für Ostdeutschland ergebnislos blieb, zeigte sich wiederum die IG Metall nach den Bundestagswahlen im September 1998 gesprächsbereit.47 Ein erstes Treffen zwischen Wirtschaft, Gewerkschaften und Regierung fand am 07.12.1998 statt. Es wurden grundlegende Strategien für den Abbau der Arbeitslosigkeit und der Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen vereinbart. Dieses Gespräch wurde von den Beteiligten als Beginn eines gemeinsamen Vorgehens gewertet, dem konkrete Umsetzungen folgen müssten.48

Das erste geschlossene Vorgehen wird beim dritten Spitzengespräch am 06.07.1999 vereinbart. BDA und DGB geben zu diesem Treffen eine gemeinsame Erklärung heraus. Beide Verbände wollen das Bündnis zum Erfolg führen. Sie verständigen sich auf Maßnahmen, die mehr Beschäftigung als Resultat haben sollen. Neben den bereits häufig genannten Punkten wie Arbeitszeitreduzierung und Entwicklung neuer Beschäftigungsfelder wird auch zugesagt, Produktivitätssteigerungen für Beschäftigungsförderung zu nutzen.49

In dem Meinungsaustausch zwischen Regierung und den Sozialpartnern werden die Themen Steuerpolitik, Ausbildung, Rente, Arbeitszeit und Aufbau Ost vertieft50. Um die Erfahrungen anderer Länder bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu nutzen wird eine Benchmarking - Gruppe gebildet. Weitere Aufgaben dieser Gruppe ist es, Wirtschaftsdaten des In- und Auslandes dem Bündnis zur Verfügung zu stellen und Bechäftigungsmöglichkeiten für Geringqualifizierte zu erforschen.51

Das wichtigste Ergebnis des dritten Spitzengespräches ist der Ausbildungskonsens. Die Arbeitgeber konkretisieren ein Angebot aus dem Februar 1999, dem vermehrten Ausbildungsplatzbedarf aufgrund der zunehmenden Bevölkerungszahl zu decken. 1999 sollen in einem ersten Schritt 10.000 weitere Ausbildungsplätze geschaffen werden. Die Bundesverwaltung sagt zu, ihr Ausbildungsangebot um 6 % zu erhöhen. Weitere Ausbildungsmöglichkeiten entstehen durch die Schaffung neuer Berufsfelder, insbesondere im Bereich der Kommunikations- und Informationstechnik.52

Zweimal jährlich werden unter Beteiligung vom Wirtschaft, Gewerkschaften und Arbeitsverwaltung Ausbildungskonferenzen durchgeführt. Im März wird die Lehrstellenbilanz des Vorjahres untersucht und eine Prognose der benötigten Lehrstellen für das aktuelle Jahr erstellt. Im Oktober wird versucht, den Jugendlichen, die bis zum 30.09 noch ohne Lehrstelle sind, einen Platz zu vermitteln.53

Die erste Ausbildungskonferenz im September 1999 hatte folgende Ergebnisse. Von 30.000 Jugendlichen, die bis dorthin noch keine Ausbildungsplatz hatten, konnten 10.000 eine Lehrstelle vermittelt werden. Für das Jahr 2000 haben die Unternehmen die Schaffung von 16.000 zusätzlichen Ausbildungsplätze zugesagt.54

Im viertem Spitzengespräch am 12.12.1999 ziehen die Bündnispartner über den bisherigen Ablauf des Bündnisses Bilanz und legen neue Ziele fest. Beim Ausbildungskonsens werden die Erfolge begrüßt. Ein Großteil der geschaffenen Lehrstellen sei aber staatlich gefördert. Die betriebliche Ausbildung müsse wieder Vorrang haben.

Weiterhin sollen mehr Beschäftigungmöglichkeiten für Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte geschaffen werden. Dazu werden Modellversuche mit einer Laufzeit von 3 Jahren gestartet. Ziel dieser Versuche ist es, das Beschäftigunsniveau der betroffenen Arbeitnehmer zu steigern.

Die Unternehmenssteuerreform soll zu einer Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Firmen führen. Um Personengesellschaften, die häufigste Rechtsform der Klein- und Mittelbetriebe, zu entlasten, soll die Gewerbesteuer auf die Einkommensteuer angerechnet werden.55

Über die beschäftigungsfördernde Tarifpolitik konnte in diesem Gespräch noch keine Einigung erzielt werden, da Detailfragen strittig waren. Problematisch war insbesondere das Thema ,,Rente mit 60".

In einer weiteren Gesprächsrunde am 09.01.2000 haben die Bündnispartner sich arrangiert. Hauptthema ist die beschäftigungsfördernde Tarifpolitik. Die ,,Rente mit 60" wird nicht ausdrücklich genannt. Man verständigt sich aber auf Regelungen zum frühzeitigen Ausscheiden aus dem Berufsleben. Den Sozialversicherungen sollen keine zusätzlichen Belastungen entstehen. Die Bundesregierung sagt Änderungen im Altersteilzeitgesetz zu, die mehr Beschäftigung zum Ziel haben.

Die Sozialpartner verpflichten sich, wie in der Erklärung von BDA und DGB am 06.07.1999 angekündigt, bei den Tarifverträgen die Beschäftigungsförderung in den Vordergrund zu stellen. Die Produktivitätszuwächse sollen hierfür genutzt werden. Ausserdem soll die Arbeitszeitpolitik durch Arbeitszeitkonten und Teilzeitarbeit modernisiert werden.56

5. Fazit

Das niederländische Modell für die Arbeitsmarktpolitik weist einige Erfolge auf. Die Arbeitslosenquote ist eine der niedrigsten in Europa (Stand November 1999). Beschäftigung wurde in großem Maße durch die Einrichtung von Teilzeitstellen, Umverteilung der Arbeit und Lohnzurückhaltung erreicht. Das System zeichnet sich auch durch die lang andauernde Zusammenarbeit von Sozialpartnern und Arbeitgebern aus.

Probleme bestehen noch immer im Umfang des Sozialstaates. Dieser ist zwar bereits eingeschränkt worden. Noch haben die Niederländer aber einen hohen Anteil an Erwerbsfähigen, die durch Regelungen zur Erwerbsunfähigkeit oder durch Frühverrentung die Sozialversicherungen belasten. Aber gerade am Umbau des Sozialstaates droht zur Zeit das Konsensmodell zu scheitern. Die niederländische Regierung versucht Einfluss auf die Auszahlung der Arbeitslosengelder zu gewinnen. Die Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände leisten Widerstand dagegen. Es ist in den Niederlanden zu einer einheitlichen Front aus Arbeitgebern und Arbeitnehmern gekommen, die im Konflikt mit der Regierung stehen.

Als weiteres Problem kommt hinzu, dass die Gewerkschaften ihr Lohnzurückhaltung aufgegeben haben. Die höheren Lohnforderungen treffen mit einer drohenden Rezession zusammen. Deshalb ist meiner Meinung nach in den Niederlanden wieder eine Rückbesinnung auf das Verhandlungsmodell nötig, um gegen die wirtschaftliche Krise gewappnet zu sein und um den Umbau des Sozialstaates voranzutreiben. Das Bündnis für Arbeit in Deutschland hat einige Ideen aus dem niederländischen System übernommen. Die Zielsetzung ist gleich. Arbeitslosigkeit soll durch Schaffung von neuen Beschäftigungsmöglichkeiten bekämpft werden. Wie in den Niederlanden wird für die Einrichtung neuer Arbeitsplätze von den Gewerkschaften Lohnzurückhaltung angeboten. Arbeit soll durch Teilzeitarbeitsstellen, Arbeitszeitverkürzungen und Vorruhestandsregelungen umverteilt werden.

Im Bündnis werden, wie in den Niederlanden, auch weitergehende Themen behandelt. Reformen des Steuersystems und der Sozialversicherung sind Inhalte der Gespräche.

Das Bündnis sieht aber nicht, von den Ausbildungskonferenzen abgesehen, regelmäßige Treffen vor. Die dreiseitigen Gespräche finden nur auf freiwilliger Basis statt. Der Verhandlungsprozeß wird nicht institutionalisiert. Es ist keine der Stiftung für Arbeit gleichende Einrichtung geschaffen worden. Die Verbindung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern wird nicht so eng, wie sie in den Niederlanden ist. Auf öffentlicher - rechtlicher Basis wird auch keine Behörde geschaffen, die dem SER vergleichbar wäre.

Ich denke, dass die Basis, auf der die Verhandlungen stattfinden, der entscheidende Unterschied zwischen den Vorgehensweisen ist. In Deutschland geschieht alles auf freiwilliger Basis, während man in Holland Institutionen geschaffen hat. Weiterhin halte ich das Modell Holland auch nicht für ohne weiteres auf Deutschland übertragbar. Neben den Unterschieden wie Grösse des Landes oder der Einstellung zu Verhandlungen, stellt für mich die Erfahrung mit einem gemeinsamen Vorgehen einen wichtigen Punkt dar. Die Niederlande haben 1945 mit einem System von ständigen Verhandlungen einen Weg aus einer schweren Krise gefunden. 1982 haben sie sich auf die entscheidenden Punkte besonnen und die Fehler des alten System korrigiert.

Ein System ständiger Verhandlungen muss sich in Deutschland erst etablieren. Es wird eine Zeit dauern, bis es die ersten Ergebnisse gibt. Beim Ausbildungskonsens sind schon die ersten Resultate vorhanden. Auch wurden die Probleme erkannt und die Behebung dieser beschlossen.

Literaturverzeichnis

Adam, Hermann (1972): Die Konzertierte Aktion in der Bundesrepublik, Bund Verlag GmbH, Köln

Kern, Manfred (1973): Konzertierte Aktion als Versuch einer

Verhaltensabstimmung zwischen Regierung und Wirtschaftsverbänden, Köln

Lampert, Heinz (1996): Lehrbuch der Sozialpolitik, Springer Verlag , Berlin, Heidelberg, New York

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.) (1999a):

Beschäftigunspolitischer Aktionsplan 1999; Europäischer Beschäftigungspakt, Bonn

Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.), (1999b): Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit, Berlin

Stille, Frank (1998): Der niederländische Weg: Durch Konsens zum Erfolg, in:

Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (Hrsg.): Mitteilungen aus Arbeitsmarktund Berufsforschung 2/98, W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Visser, Jelle; Hemerijck, Anton (1998): Ein holländisches Wunder?: Reform des Sozialstaates und Beschäftigungswachstum in den Niederlanden, Campus Verlag, Frankfurt am Main

Watrin, Christian (1988): Konzertierte Aktionen, in: Handwörterbuch der

Wirtschaftswissenschaften, ungekürzte Studienausgabe, Band IV, S. 782 - 788

o.V. (1996): Verhandlungspapier der Kanzlerrunde vom 23.01.1996

Deutscher Gewerkschaftsbund (Hrsg.). (1995): Höchste Zeit für Wende in der Beschäftigungs- und Sozialpolitik, Pressemitteilung von 05.12.1995

Schettkat, Ronald (1997): Jobwunder Niederlande - Vom kranken Mann Europas zum weltweiten Vorbild, in: Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (Hrsg.): Mitteilungen aus Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 4/97, Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Internetadressen

Hetzel, Helmut (1999a): Das Wirtschaftswunder in Holland ist vorbei http://www.welt.de/daten/1999/04/09/0409wi64335.htx, Stand: 25.02.2000

Hetzel, Helmut (1999b): Niederlande: Erfolgsgeschichte vor dem Ende, http://www.welt.de/daten/1999/11/25/1125eu139600.htx, Stand :25.02.2000

Empel van, Frank (1997) Modell Holland - Die Stärke der Verhandlungen in den Niederlanden http://www.stiftung.bertelsmann/publika/download/index.htm, Stand: 25.02.2000

Steinmeier, Frank - Walter (1999): Konsens und Konflikt gehören eng zusammen http://www.bündnis.de, Stand: 25.02.2000

o.V (2000): Gemeinsame Erklärung des Bündnisses zu den Ergebnissen des Spitzengespräches am 9. Januar 2000, http://www.bündnis.de, Stand: 25.02.2000

o.V (1999): Gemeinsame Erklärung des Bündnisses für Arbeit Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit zu den Ergebnissen des 4. Spitzengesprächs am 12.Dezember 1999, http://www.bündnis.de, Stand: 25.02.2000

o.V.: (2000): Das Ringen um das Bündnis, Spiegel Online 09.01.2000, http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,59199,00.html, Stand: 10.01.2000

o.V.: Arbeitslosenquote der Eurozone auf 9,6% gesunken http://europa.eu.int/comm/eurostat/Public/datashop/print- product/DE?catalogue=Eurostat&product=3-01022000-DE-AP-DE&mode=download, Stand: 10.02.2000

Erklärung zur Haus-/Diplomarbeit gemäß §26 Abs. 6 DiplPrüfO

Hiermit erkläre ich, daß ich die vorliegende Arbeit selbständig und ohne Benutzung anderer als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel angefertigt habe.

Alle Stellen, die wörtlich oder sinngemäß aus fremdem Quellen übernommen wurden, sind als solche kenntlich gemacht.

Die Arbeit hat in gleicher oder ähnlicher Form noch keiner anderen Prüfungsbehörde Vorgelegen.

Ort, Datum Unterschrift

[...]


[1] Arbeitslosenquote der Eurozone

[2] vgl.: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (Hrsg.) (1999a), S 115-134

[3] vgl.: Empel van, Frank (1997) S. 4/5, 9/10

[4] ebenda S. 5

[5] vgl.: Visser, Jelle Hemerijck, Anton (1998), S. 114-120

[6] vgl.: Empel van, Frank (1997), S. 5

[7] vgl.: Visser, Jelle Hemerijck, Anton (1998), S. 124,125

[8] ebenda, S.125

[9] vgl.: Empel van, Frank (1997), S. 8

[10] vgl.: Stille, Frank (1998), S. 301

[11] Das CPB ist mit dem Statistischen Bundesamt vergleichbar

[12] vgl.: Stille, Frank (1998), S. 300

[13] vgl.: Empel van, Frank (1997), S6/7

[14] vgl.: Stille, Frank (1998, S. 300,301

[15] vgl.: Visser, Jelle Hemerijck, Anton (1998), S.128

[16] vgl.: Empel van, Frank (1997), S. 10

[17] vgl.: Visser, Jelle Hemerijck, Anton (1998), S. 128-129

[18] vgl.: Empel van, Frank (1997), S. 11-13

[19] vgl.: Visser, Jelle Hemerijck, Anton (1998) ,S. 131

[20] vgl.: Visser, Jelle Hemerijck, Anton (1998) ,S.135

[21] vgl.: Stille, Frank (1998), S. 300

[22] vgl.: Visser, Jelle Hemerijck, Anton (1998), S. 130 - 140

[23] vgl.: o. V.: Das holländische Wunder ist vorbei

[24] vgl.: Empel van, Frank (1997), S. 13

[25] vgl.: Stille, Frank (1998), S. 300

[26] vgl.: Visser, Jelle Hemerijck, Anton (1998), S. 141

[27] vgl.: Stille, Frank(1998), S. 300

[28] vgl.: Empel van, Frank (1997), S. 14

[29] vgl.: Stille, Frank(1998), S. 298

[30] vgl.: o. V.: ,,Arbeitslosenquote der Eurozone auf 9,6% gesunken"

[31] Vergleich: Deutschland: 13 % der Arbeitsplätze sind Teilzeitstellen

[32] vgl.: Schettkat, Ronald (1997), S. 809

[33] vgl.: Becker Uwe (1998), S. 15

[34] weniger als zwei Wochen in der Befragungswoche gearbeitet, aktive Bemühungen um Arbeit in den vier vorhergehenden Wochen und Bereitschaft in den nächsten zwei Wochen eine Arbeit anzunehmen

[35] vgl.: Empel van, Frank (1997)

[36] vgl.: Stille, Frank (1998), S.299

[37] vgl.: Empel van, Frank (1997)

[38] vgl.: Hetzel, Helmut (1999b)

[39] vgl.: Adam, Hermann (1972), S.5

[40] vgl.: Watrin, Christian (1988), S. 782

[41] vgl.: Kern, Manfred (1972), S. 13/14

[42] vgl.: Watrin, Christian (1988), S.783/ 784

[43] vgl.: Lampert, Heinz (1996), S.217

[44] vgl.: Spiegel online 09.01.2000

[45] vgl.: DGB (1995)

[46] vgl.: Verhandlungspapier der Kanzlerrunde am 23.01.1996

[47] vgl.: Spiegel online 09.01.2000

[48] vgl.: http://www.bündinis.de/, 25.02.2000

[49] vgl.: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (1999b), S.21

[50] vgl.: ebenda, S.5

[51] vgl.: ebenda S.11-12

[52] vgl.: ebenda S. 6 - 8

[53] ebenda S. 14/15

[54] vgl.: Steinmeier, Frank - Walter (1999)

[55] vgl.: http://www.bündnis.de/

[56] vgl.: http://www.bündnis.de/

Details

Seiten
23
Jahr
2000
Dateigröße
464 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v97853
Institution / Hochschule
HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst - Fachhochschule Hildesheim, Holzminden, Göttingen
Note
2,7
Schlagworte
Poldermodell Niederlande Beispiel Bündnis Arbeit Deutschland

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Titel: Das Poldermodell der Niederlande als Beispiel für ein Bündnis für Arbeit in Deutschland