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Devianz in Gestalt von Formen des Schulabsentismus

Mögliche Auswirkungen der Corona-Pandemie

Seminararbeit 2020 17 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Devianz in Gestalt von Schulabsentismus
Ist Schwänzen gleich Schwänzen und ein sicherer Vorbote für Delinquenz?

Angstbedingte Formen der Schulverweigerung
Schulangst - wenn jeder Tag mit der Furcht vor jedem und allem beginnt
Schulphobie - Trennungsangst des Kindes - Zurückhalten durch Eltern
Der entscheidende Blick für den Einsatz erfolgreicher Handlungsmöglichkeiten gegen Schulabsentismus aufgrund einer sozialen Störung
Schulische und außerschulische Maßnahmen bei bestehender Schulphobie oder Schulangst

Kein Tag ohne Corona
Diskussion zu möglichen Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf Schüler mit Schulangst oder Schulphobie
Kann ein Schul-Lockdown positive Effekte für Schüler mit sich bringen?

Fazit
Anhang
Literaturverzeichnis

Einführung

In der Geschichte von Schule und ihren Schülern1 ist fast nicht auszuschließen, dass es jemals einen Schüler gegeben haben könnte, der nicht für wenigstens eine Schulstunde dem Unterricht fern blieb, um die eigenmächtig gewonnene Zeit mit angenehmeren Beschäftigungen zu verbringen. Das Schwänzen der Schule gehört seit eh und je zu dem kleinen Nervenkitzel Heranwachsender, welches ihnen ein erstes Gefühl von Selbstbestimmtheit und gelungener Auflehnung gegenüber Autoritäten verschafft.

Dieses Gefühl überdeckt meist die Gedanken an ein eventuelles erwischt werden und eine Erklärungsnot, das Versäumen von Unterrichtsinhalten oder der Frage nach dem geforderten plausiblen Entschuldigungsschreiben. Meist durch mehr Glück als Verstand schaffen es viele Schüler einen Vermerk im Klassenbuch zu umgehen. Hält sich die Häufigkeit dieses Fernbleibens von Schule und Unterricht in einem sehr kleinen, überschaubaren Rahmen, hat dieses Verhalten weithin keine negativen Auswirkungen auf die weitere Schullaufbahn.

Aber was, wenn die Abwesenheit von Schülern und Schülerinnen2 von Schule und Unterricht nicht aus dem Reiz der Autonomie oder Verdrossenheit gegenüber einem bestimmten Schulfach folgt, sondern auf weit größeren und tieferen Ursachen beruht? Ist schwänzen gleich schwänzen, unabhängig von den individuellen Gründen des Schülers? Ab wann kann Schwänzen als ein deviantes Verhalten verstanden werden, welches in starker psychischer Belastung des Schülers gründet? Welche Möglichkeiten bieten sich den betroffenen Schülern und deren Eltern?

Schulphobie und Schulangst als Formen des Schulabsentismus in Verbindung mit den elterlichen Einflüssen wurden hierfür als Schwerpunkte zur Behandlung dieser Fragestellungen gewählt.

Die aktuelle Corona-Pandemie hat die Welt fest im Griff. Schulen müssen plötzlich ihre gesamte Lehr- und Lernstruktur vollständig ändern und dafür Sorge tragen, dass Nachteile, die Schüler durch die verordneten Einschränkungen erfahren könnten, möglichst gering gehalten werden können.

Lockdown, Homeschooling, Wiedereröffnung der Schulen unter nie dagewesenen Bedingungen: Welche Auswirkungen kann diese prägende Zeit, insbesondere der Schul-Lockdown mit der Ersatz-Methode des Homeschoolings, auf SuS mit einem gestörten Sozialverhalten haben?

Ziel dieser Arbeit ist es, theoretische Auswirkungen der Corona-bedingten SchulMaßnahmen auf Schüler mit bestehender Schulphobie und/oder Schulangst aufzuzeigen und zu diskutieren.

Devianz in Gestalt von Schulabsentismus

Ist Schwänzen gleich Schwänzen und ein sicherer Vorbote für Delinquenz?

Generell kann Schulabsentismus als deviantes Verhalten bezeichnet werden, wobei es gilt den Grad anhand facettenreicher Formen und deren Ursprünge zu definieren.3 Grundsätzlich zu unterscheiden ist eine Schulpflichtverletzung von erlaubtem, also legitim begründetem Fernbleiben vom Unterricht wie beispielsweise in Form von attestierter Erkrankung der SuS, gegenüber unerlaubtem Fernbleiben ohne autorisierte Begründung. Verschiedene psychologische und soziologische Erklärungstheorien geben Einsicht in mögliche Ursachen zum Fernbleiben von Unterricht und Schule. Genannt seien hier neben weiteren der Ansatz des Modelllernens sowie der Etikettierungsansatz (Labeling Approach). (vgl. Stamm, 2008), (vgl. Stamm, et al., 2009)

Zwischen SuS, die sich für unregelmäßiges und sehr seltenes Schwänzen einzelner Stunden oder Tage verleiten lassen und sich somit in einem von Schule und Lehrkraft duldsamen Rahmen bewegen, und jenen, die kontinuierlich Schulpflichtverletzungen massiven Ausmaßes begehen, zeigt sich auch ein exponentieller Anstieg für das Risiko delinquenten Verhaltens. Unter anderem erkennt Frings bei umfassendem Schulschwänzen hier eine Steigungsrate um 30,5 Prozentpunkte gegenüber SuS, die nie oder nur vereinzelte Stunden unentschuldigt fehlen. Demnach liegt das Risiko von SuS, noch während ihrer Schulzeit oder ihrem späteren Erwachsenenleben durch delinquentes Verhalten aufzufallen, bei 70,2 %. (vgl. Frings, 2007)

Inwiefern besteht bei diesen Erkenntnissen eine Notwendigkeit seitens der Lehrkraft und der Eltern, den Motivationen des Schwänzens intensiver nachzugehen? Bleibt das Resultat, Fehlzeiten und versäumter Unterricht, nicht das gleiche, unabhängig von den Beweggründen? Inwiefern das Wissen um divergierende Ursachen und die entsprechenden Reaktionen und Handlungsmöglichkeiten für erfolgreiche Gegenmaßnahmen nötig sind, wird in den folgenden Abschnitten verdeutlicht.

„Schulabsentismus umfasst diverse Verhaltensmuster illegitimer Schulversäumnisse multikausaler und langfristiger Genese mit Einflussfaktoren der Familie [...], die einhergehen mit weiteren emotionalen und sozialen Entwicklungsrisiken [...].“ (Ricking, et al., 2017 S. 6)

Eine einheitliche und somit eindeutige Definition von Schulabsentismus lässt sich jedoch in Fachdiskussionen ebenso vergeblich finden wie in den aktuellen Schulgesetzen.

Ricking und Dunkake unterteilen den Schulabsentismus als Begriff illegitimer Schulversäumnisse in drei Kategorien, welche sowohl in sich gegenseitig bedingender Form als auch unabhängig, getrennt von weiteren Ausprägungen auftreten können. Diese umfassen das klassische Schulschwänzen im Allgemeinen, das angstbedingte Meidungsverhalten von SuS sowie den Fall des Zurückhaltens - meist durch einen oder beide Elternteile. (vgl. Ricking, et al., 2017)

In der vorliegenden Arbeit wird auf die Absenz-Form der Schulverweigerung, spezifischer Schulphobie und Schulangst besondere Aufmerksamkeit gelegt. Stamm unterscheidet die Verweigerung gegenüber dem allgemeinen Oberbegriff des Schulabsentismus wie folgt: „Während [schulabsente Verhaltensweisen] vor allem sozioerzieherische Probleme darstellen, handelt es sich bei Schulverweigerung häufig um eine psychologisch und somatisch bedingte Form von Schulmeidung.“ (Stamm, 2008 S. 79) Eine differenzierende Bestimmung einzelner Begriffe ist folglich erforderlich, da hierdurch gleichzeitig die graduelle Intensität möglicher Formen sowie deren mögliche Ursachen und Einflussfaktoren dargestellt werden sollen.

Angstbedingte Formen der Schulverweigerung

Neben den beschriebenen eher harmlosen Beweggründen für eigenmächtig entstandene Fehlzeiten, kann ein immer häufiger vorkommendes Schwänzen jedoch auch in einer allgemeinen Aversion gegenüber Schule begründet liegen. Diese Form zeigt weniger die Umwandlung von Schulzeit in genussvolle Freizeit durch die SuS, sondern kennzeichnet sich mehr durch eine generell negative Haltung gegenüber schulischen Anforderungen. Eine besonders sensible Wahrnehmung und bestenfalls Kooperation zwischen der Lehrkraft und den

Erziehungsberechtigten ist notwendig, um sicherzustellen, dass hinter einer ausgelebten Aversion von SuS gegen Schule und/oder Unterricht eine angstbedingte Ursache auszuschließen ist.

Schulangst - wenn jeder Tag mit der Furcht vor jedem und allem beginnt

Bei dieser Form sozialer Störung zeigen sich Ängste vor Situationen in der Schule. Die Angst entsteht in der konkreten Schulsituation, äußert sich jedoch häufig auch zuhause, vor dem Einschlafen oder unmittelbar bevor der Schulweg angetreten werden soll. Dies kann zum einen die Angst vor Leistungsversagen darstellen, welche mit einem geringen Selbstwerterleben, Achtungsverlust und Schamgefühlen einhergehen kann. Die realen Leistungsanforderungen, welche Präsentationen, Klassenarbeiten oder weitere Prüfungssituationen beinhalten können, werden vermieden, die Lern- und Leistungsmotivation sinkt. Anforderungen gegenüber den SuS werden in ihrem subjektiven Verständnis als nicht bewältigbar und unüberwindbar wahrgenommen, Ängste als unaushaltbare Intensität erlebt. Vermeidung einzelner Fächer bis hin zum intensiven Schwänzen mehrerer Unterrichtstage können die Folgen sein. Betroffene SuS reagieren mitunter durch psychovegetative Symptome wie Bauch- oder Kopfschmerzen, Übelkeit und ähnlichen Angstkorrelaten.

Weitere Realsituationen, durch welche sich Ängste vor schulischen Situationen manifestieren können, stellen wiederholt erlebte Erniedrigungen, Anfeindungen oder auch Aggressionen gegenüber Schülern und Schülerinnen dar. Besonders Mobbing ist ein nicht zu unterschätzendes Phänomen im Alltag schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher. Ricking und Dunkake bezeichnen Mobbing gegen Mitschüler als Form von personaler Gewalt. (vgl. Ricking, et al., 2017) Auch verbale Attacken gegen Mitschüler finden häufig und oft unbemerkt von der Lehrkraft statt. Im Kontext von Schule wird der allgemeine Begriff des Mobbings als Bullying definiert. Schüler und Schülerinnen, die machtvoll auftreten und sich entsprechend als Angreifer präsentieren, spüren meist Auffälligkeiten und Schwächen ihrer Mitschüler auf, um sie gegen diese zu verwenden. In Aussprachen, körperlicher Erscheinung oder bestimmter atypischer Verhaltensweisen der Betroffenen können sich die Folgen dieser entwürdigenden Behandlungen widerspiegeln.

[...]


1 In dieser Arbeit wird aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum verwendet. Weibliche und anderweitige Geschlechteridentitäten werden dabei ausdrücklich miteinbezogen

2 Im weiteren Verlauf durch SuS - entsprechend dekliniert - abgekürzt

3 Siehe auch: (Schäfers, et al., 2005 S. 164f)

Details

Seiten
17
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346330864
ISBN (Buch)
9783346330871
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v978944
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule in Schwäbisch Gmünd
Note
1,8
Schlagworte
Schulabsentismus Corona Schwänzen Devianz

Autor

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Titel: Devianz in Gestalt von Formen des Schulabsentismus