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Soziale Erwünschtheit im Arzt-Patienten-Gespräch. Abfrage medizinisch relevanter Informationen

Hausarbeit 2020 12 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Beispiel: Patient X
2.1 Bedeutung der Hausarztversorgung
2.2 Anamnese und Exploration

3 Soziale Erwünschtheit
3.1 Definition und Typen
3.2 Entstehungsbedingungen

4 Vermeidung sozialer Erwünschtheit
4.1 Rational-Choice-Ansatz
4.2 Wording-Effekte

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Welcher Patient würde beim Arzt auf Nachfrage seinen Drogenkonsum wahrheitsgetreu angeben? Wer Angst vor gesellschaftlicher Ablehnung hat, verzerrt seine Antwort und folglich die Wahrheit. Die vorliegende Hausarbeit thematisiert diese Antwortverzerrung, genannt Soziale Erwünschtheit (Dorsch - Lexikon der Psychologie, 2017, S. 1576) und transferiert sie auf den medizinischen Kontext des Arzt-Patienten-Gesprächs. Die gewählte Grundthematik fällt in den Gegenstandsbereich der Sozialpsychologie, da sich diese auseinandersetzt mit dem

„Versuch zu verstehen und zu erklären, wie Denken, Fühlen und Verhalten von Individuen durch die tatsächliche, vorgestellte oder implizite Anwesenheit anderer beeinflusst werden.“ (Allport, 1968, S. 3; zit. n. Werth, Denzler & Mayer, 2020, S. 3).

Häufig fußen sozialpsychologische Untersuchungen ausschließlich auf Selbstbeurteilungen, da diese unter anderem von Probanden schnell und einfach durchgeführt werden können (Jonas, Stroebe & Hewstone, 2007, S. 61f.). Selbstbeurteilungen sind jedoch besonders anfällig für Antwortverzerrungen. Der Effekt der sozialen Erwünschtheit bedroht dabei die Konstruktvalidität psychologischer Tests (Kessler & Fritsche, 2018, S. 15f.) und stellt somit die allgemeine Gültigkeit der Testergebnisse infrage (Dorsch - Lexikon der Psychologie, 2017, S. 399).

Folglich ist es von hoher Bedeutung, weiterhin Forschung zu diesem Thema zu betreiben, um Entstehungsbedingungen sozial erwünschter Antworten zu ermitteln und wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Das vor allem, um das grundsätzliche Gütekriterium der Validität zu erhöhen. Ferner bietet es sich an, von bereits gewonnenen Erkenntnissen zu profitieren durch den Transfer auf andere Kontexte - wie hier ein Anamnese-Gespräch. Da Hausärzte ihre Patienten oftmals lebenslang betreuen („Entschließungsantrag des Vorstandes der Bundesärztekammer ,Die Rolle des Hausarztes in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung'“, 2012, S. 1ff.), ist es bedeutsam, schon beim Erstkontakt mit dem Hausarzt sozial erwünschte Antworttendenzen mittels erforschter Methodik reduzieren oder gar vollständig vermeiden und Vertrauen aufbauen zu können.

Ziel der Arbeit ist es, zu evaluieren, inwiefern Antwortverzerrungen im Gespräch zwischen Arzt und Patient vermieden werden können. Die Forschungsfrage lautet konkret:

Wie können Tendenzen sozial erwünschter Äußerungen bei Abfrage medizinisch relevanter Informationen in der Anamnese im Arzt-Patienten­Gespräch vermieden werden?

2 Beispiel: Patient X

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf der Abfrage des Drogenkonsums des jugendlichen Patienten X‘, der eine Hausarztpraxis zur Abklärung seiner Symptome aufsucht. Der ihn behandelnde Arzt ist ihm fremd, da dieser nur eine Vertretung seines festen Hausarztes ist. Ein Vertrauensverhältnis besteht demnach nicht. Es findet lediglich eine mündliche Befragung durch den Arzt statt, keine körperliche Untersuchung.

2.1 Bedeutung der Hausarztversorgung

Hausärzte sind „gate-keeper“ (Abholz et al., 2017, S. 553): Für gesundheitliche Belange sind sie in der Regel erste Ansprechpartner jedes Einzelnen in der Gesellschaft mit einer breiten Zuständigkeit. Ein Hausarzt ist Allgemeinmediziner - er konzentriert sich auf den ganzen Menschen und verfügt über alle medizinischen Grundkenntnisse (Abholz et al., 2017, S. 553).

Patienten werden kontinuierlich und oft lebenslang betreut. („Entschließungsantrag des Vorstandes der Bundesärztekammer ,Die Rolle des Hausarztes in der gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung'“, 2012, S. 1ff.)

„Damit entsteht eine gewachsene Patienten-Arzt-Beziehung, die Basis für eine vertrauensvolle Behandlung werden kann.“ (Abholz et al., 2017, S. 554).

2.2 Anamnese und Exploration

Die Anamnese wird auch als Krankengeschichte bezeichnet und direkt aus der Erinnerung des Patienten erhoben. Dabei werden aktuelle Beschwerden erfragt, die den Patienten zum Arzt führen, zusätzlich die Lebensumstände und die gesundheitliche Vorgeschichte. Die Exploration beschreibt dabei die gezielte mündliche Befragung (Schulze, Schwarz & Becker, 2014, S. 162). Darüber hinaus dient die Anamnese dem Vertrauensaufbau zwischen Arzt und Patient (Rixen, Hax & Wachholz, 2015, S. 54).

Abhängig von der befragten Person werden Eigenanamnese und Fremdanamnese voneinander abgegrenzt. Die Eigenanamnese beschreibt die Erhebung der Krankengeschichte direkt durch den Patienten selbst. Bei der Fremdanamnese werden Angehörige, Pflegende respektive grundsätzlich Dritte befragt.

Nach Befragungsgegenstand wird unter anderem zwischen Krankheitsanamnese, Suchtanamnese und Medikamentenanamnese differenziert; wobei nur die Suchtanamnese für diese Arbeit relevant ist. In dieser wird mitunter nach Suchtmittelgebrauch, Dauer, Häufigkeit und Gründen gefragt (Schulze et al., 2014, S. 163f.).

3 Soziale Erwünschtheit

In diesem Kapitel werden die Kurzdefinition aus der Einleitung erweitert, Typen der sozialen Erwünschtheit erläutert und Entstehungsbedingungen ausgeführt.

3.1 Definition und Typen

Bei einer geforderten Selbsteinschätzung tendieren Personen dazu, diejenige Antwort zu geben, von der sie erwarten, dass sie sozial erwünscht respektive gebilligt ist. Ergo wird die tatsächlich zutreffende Antwort verzerrt. Dahinter steckt Angst vor gesellschaftlicher Ablehnung oder Nachteilen (Dorsch - Lexikon der Psychologie, 2017, S. 1576). Das tritt unter anderem bei Fragen zur Sexualität oder Drogenkonsum auf (Stocké, 2004, S. 303). Zu unterscheiden sind vier Typen der sozialen Erwünschtheit, die sich in dem jeweiligen Motiv unterscheiden: impression management, self deception, egoistic bias und moralistic bias. Das Motiv des Patienten X‘ ist das impression management, zu Deutsch Eindrucksmanagement (Dorsch - Lexikon der Psychologie, 2017, S. 1576). Hierbei steuert der Patient den Eindruck, den sich der Arzt von ihm macht, intentional in sozial erwünschter Weise (Stapf & Heil, o. J., o. S.). Dadurch ergibt sich der Begriff der „Fremdtäuschung“. Auf das impresssion management wird im nachfolgenden Kapitel näher eingegangen. Die Typen self deception, unbewusste Selbsttäuschung; egoistic bias, Übertreibung des eigenen Status' und moralistic bias, Inanspruchnahme angesehener Attribute sind hier auf Bezugnahme des Beispiels irrelevant und bedürfen keiner weiteren Betrachtung (Dorsch - Lexikon der Psychologie, 2017, S. 1576).

3.2 Entstehungsbedingungen

Fernab der in Kapitel 2 geschilderten eindimensionalen Ursache für Antwortverzerrungen werden folgend die Entstehungsbedingungen auf Grundlage des Rational-Choice-Ansatzes betrachtet. Inhalt der Theorie ist, „dass das Antwortverhalten der Befragten nicht durch fixe Orientierungen und Einstellungen im Vorhinein festgelegt ist, sondern sich erst innerhalb der Situation der Befragung in wechselseitiger Beeinflussung mit dem Interviewer durch den Vergleich verschiedener, alternativ möglicher Antwortoptionen ergibt.“ (Klein & Kühhirt, 2010, S. 84).

Die Antwortverzerrung ist dabei auf das Anerkennungsbedürfnis der Befragten zurückzuführen, das es zu maximieren gilt. Es wird laut Esser als der „motivationale Kern“ angesehen (Esser, 1991, o. S., zit. n. Stocké, 2004, S. 304). Die angestrebte Anerkennung ist hierbei erreichbar durch den Ausdruck von Wertschätzung. Missbilligung kann sonach die Anerkennung verringern. Durch die Antworten, die die Befragten geben, schreiben sie sich diese Merkmale selbst zu. Auch hier ist das Ziel, positive Reaktionen zu fördern. Zusätzlich aber auch, das Risiko für negative Konsequenzen zu minimieren. Das kann vor allem im Kontext eines Suchanamnesegesprächs eine große Rolle für Antwortverzerrungen spielen, wenn der Patient nach eingestandenem illegalem Drogenkonsum befürchtet, sanktioniert zu werden.

Prämissen dieser Verhaltensweisen sind, dass Befragte Sanktionen folgend ihres Antwortverhaltens grundsätzlich für denkbar einschätzen und zudem, dass realistische Bewertungskriterien für die infrage kommende Antworten bekannt sind (Stocké, 2004, S. 305).

Für die positive Erwartungshaltung der Befragten von Konsequenzen müssen bestimmte Aspekte der „Privatheit und Anonymität der Antwortsituation“ (Stocké, 2004, S. 305) erfüllt sein. Einerseits muss die Anonymität der Befragungssituation eingeschränkt sein. Besonders bei strafrechtlich relevanten Antwortverhalten ist die Befürchtung vor Konsequenzen groß. Andererseits; könnten Dritte das Antwortverhalten wahrnehmen, rechnen Befragte ebenfalls mit Sanktionen, die in diesem Fall unmittelbar und informell von der zusätzlich anwesenden Person erhoben werden. Dies wird als Privatheit bezeichnet (Stocké, 2004, S. 305).

Nunmehr erwarten befragte nur Konsequenzen, „wenn andere Personen [nicht nur] anwesend[,] [...] [sondern auch] objektiv zur Wahrnehmung der Angaben in der Lage sind“ (Stocké, 2004, S. 305). In dem Beispiel, das diese Arbeit betrachtet, könnte das medizinisches Fachpersonal sein.

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Details

Seiten
12
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346330154
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v979585
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule – Gesundheit und Pflege
Note
1,0
Schlagworte
Soziale Erwünschtheit Sozialpsychologie HFH Medizin Arzt Patient Anamnese Lügen Wahrheit Vertrauen Kommunikation

Autor

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Titel: Soziale Erwünschtheit im Arzt-Patienten-Gespräch. Abfrage medizinisch relevanter Informationen