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Typologie möglicher Figurationen des Fremden. Eine Facette des "Anderen"

©2004 Hausarbeit 34 Seiten

Zusammenfassung

Diese Arbeit behandelt das Erscheinungsbild des "Fremden" aus einer anthropologischen Sichtweise heraus und deckt verschiedene Erscheinungsformen des Selben in der Gesellschaft.

Was kann man unter dem Begriff "Mensch" verstehen? Ein Versuch, sich dieser Frage zu nähern, ist die Wissenschaft der Anthropologie. Diese bietet auf der Suche nach Antworten komplexe und teilweise miteinander verschränkte Erklärungsansätze, jedoch keine allgemeingültigen Lösungen, was sich durch den Themenfokus bedingt.
Ein Ansatz der Beantwortung der Frage nach dem Menschen an sich, ist die Betrachtung des den Anderen umfassenden Spektrums. Auch wenn die Frage nach dem Anderen, als dem uns Fremden, nicht vordergründig zu sein scheint, so ist sie doch von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Rein formal betrachtet existieren zwei, voneinander abhängige, zentrale Kategorien des Anderen. Diese Formen lassen sich als das Ich und der Andere als das, uns meist fremderscheinende, Gegenüber fassen. Ebenso ist das internalisierte Andere, in Form negierter Aspekte der eigenen Persönlichkeit, diesen beiden Kategorien zu zuordnen.

Das Ich kann es nur im Zusammenhang mit dem Anderen geben, da es durch dieses Gegenüber existent ist und dementsprechend betrachtet werden kann. Ebenso verhält es sich komplementär. Ohne ein Gegenüber kann es kein Selbst, aber auch kein Anderes geben. Das Ich und der Andere befinden sich in einer symbiotischen Beziehung zueinander.
Jeder Mensch hat diese beiden existentiellen Positionen des Daseins inne. Für einen selbst ist man das Ich, ein bestimmtes Individuum, und für sein Gegenüber ist man der Andere. Aus eben dieser Perspektive heraus geschieht die Wahrnehmung des Menschen. Somit stellt der Andere die Basis für soziale Beziehungen und den gesellschaftlichen Bezugspunkt für einen selbst dar.

Alles, was nicht von einem selbst kommt oder was man nicht selbst ist, steht unter dem Zeichen des Anderen.
Doch wie genau nehmen wir den Anderen war? Wie werden dessen Facetten betrachtet und wie wird die Existenz des Anderen gewertet? Meist wird der Andere als etwas nicht Eigenes, also Fremdes wahrgenommen. Das ständig präsente Fremde kann als ubiquitärer Begriff verstanden werden.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der Andere als das Fremde

2. Figurationen des Fremden
2.1 Der Fremde als der Feind
2.2 Der Fremde als das Böse – Das andere Geschlecht
2.3 Das Fremde als das Geheimnisvolle
2.4 Der Fremde als sozialer Typus – Etablierte und Außenseiter
2.5 Der Fremde als Teil des Selbst – Der Spiegel des Selbst

3. Der Umgang mit dem Fremden

4. Resümee

5. Literatur

In der folgenden Hausarbeit verzichte ich, der Einfachheit halber, auf eine „gegenderte“ Schreibweise, ohne damit Vertreter des weiblichen sowie männlichen Geschlechts in irgendeiner Form diskreditieren oder sie durch Nichtbeachtung diskriminieren zu wollen.

Bei geschlechtsunabhängigen Begriffen, wie z. B. der Fremde beziehe ich mich sowohl auf männliche als auch weibliche Personen jeden Alters.

Einleitung

Was ist der Mensch? Wie soll man diese elementare Frage beantworten?

Was kann man unter dem Begriff „Mensch“ verstehen?

Ein Versuch, sich dieser Frage zu nähern, ist die Wissenschaft der Anthropologie. Diese bietet auf der Suche nach Antworten komplexe und teilweise miteinander verschränkte Erklärungsansätze, jedoch keine allgemeingültigen Lösungen, was sich durch den Themenfokus bedingt.

Ein Ansatz der Beantwortung der Frage nach dem Menschen an sich, ist die Betrachtung des den Anderen umfassenden Spektrums. Auch wenn die Frage nach dem Anderen, als dem uns Fremden, nicht vordergründig zu sein scheint, so ist sie doch von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Rein formal betrachtet existieren zwei, voneinander abhängige, zentrale Kategorien des Anderen. Diese Formen lassen sich als das Ich und der Andere als das, uns meist fremderscheinende, Gegenüber fassen.

Ebenso ist das internalisierte Andere, in Form negierter Aspekte der eigenen Persönlichkeit, diesen beiden Kategorien zu zuordnen.

Das Ich kann es nur im Zusammenhang mit dem Anderen geben, da es durch dieses Gegenüber existent ist und dementsprechend betrachtet werden kann. Ebenso verhält es sich komplementär. Ohne ein Gegenüber kann es kein Selbst, aber auch kein Anderes geben. Das Ich und der Andere befinden sich in einer symbiotischen Beziehung zueinander.

Jeder Mensch hat diese beiden existentiellen Positionen des Daseins inne. Für einen selbst ist man das Ich, ein bestimmtes Individuum, und für sein Gegenüber ist man der Andere. Aus eben dieser Perspektive heraus geschieht die Wahrnehmung des Menschen.

„Soziale Beziehungen beginnen mit der Wahrnehmung einer anderen Person (…).“1

Somit stellt der Andere die Basis für soziale Beziehungen und den gesellschaftlichen Bezugspunkt für einen selbst dar.

Alles, was nicht von einem selbst kommt oder was man nicht selbst ist, steht unter dem Zeichen des Anderen.

Doch wie genau nehmen wir den Anderen war? Wie werden dessen Facetten betrachtet und wie wird die Existenz des Anderen gewertet?

Meist wird der Andere als etwas nicht Eigenes, also Fremdes wahrgenommen. Das ständig präsente Fremde kann als ubiquitärer Begriff verstanden werden. Der Fremde ist eine Abweichung von dem eigenen Imago.

Die Fremden entsprechen nicht dem, jedem Menschen innewohnenden und meist idealisierten, Menschenbild.

Die Begegnung mit dem Fremden ist vorwiegend durch Vorsicht, Skepsis und oft auch Ablehnung geprägt. Hierbei wird jedoch meist missachtet, dass der Fremde auch ein Spiegel des Selbst sein kann. Und auch wenn er dies nicht zu sein scheint, so ist er doch immerhin ein Mensch an sich.

1. Der Andere als das Fremde

Der Andere wird zumeist als Fremd empfunden, da er nicht dem eigenen Selbst entspricht. Hierbei wird, meist unbewusst, dass Selbst als Ausgangspunkt der Kategorisierung des Fremden genutzt. Die eigene Kulturalität, dass dementsprechend geprägte Weltbild, sowie Werte- und Moralempfinden fungieren hierbei als Kategorieschema. Gleichzeitig wirken sie als Filter der Betrachtung, was das Verstehen des Gegenübers erschwert und ihn in die Position des Fremden rückt.

Hierbei sei angemerkt, dass Verstehen in diesem Zusammenhang nicht mit vollständigem Verstehen gleich zu setzen ist. Nichts, was anders ist als man selbst, kann vollständig erfasst also auch nicht im Gesamten verstanden werden. Je mehr über Unbekanntes in Erfahrung gebracht wird, desto schwerer verständlich erscheint es, da sich immer neue Dimensionen eröffnen und der Facettenreichtum sich erweitert.

„Mit der Zunahme des Bekannten vergrößert sich der Umfang des Unbekannten. (…) Je mehr das Wissen über Phänomene und Zusammenhänge zunimmt, desto mehr wächst auch das Nichtwissen.“2

Ist es nicht auch besser, diese Grenze des Nicht-Vollständig-Verstehens zu akzeptieren, anstatt den Fremden pro forma in ein wissenschaftlich gefertigtes Schema zu pressen und zu kategorisieren? Ist der vernunft- geprägte logozentristische Betrachtungsansatz angemessen oder als selbstgefällig und somit kritisch zu bewerten?

Vielmehr sollte an den Versuchen des, sowohl objektiv als auch subjektiv geprägten, Beschreibens festgehalten werden, ohne einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben. Beschreibung kann Erklärung genug sein (vgl. Kästner 1977). Dennoch geht mit dem Beschreiben meist ein Erklärungsansatz bzw. -versuch daher, sie wie es auch im Falle der Betrachtung des Fremden geschieht.

Ein wichtiger Ansatzpunkt bei eben dieser Betrachtung ist die Frage, was unter dem weitreichenden Begriff des Fremden verstanden werden kann.

Das lateinische Wort hostis bezeichnet den Fremden als jemanden, der keine Zugehörigkeit durch Verwandtschaft oder Blutsbande besitzt.

Dieser eng gefasste Begriff des Fremden muss bei heutiger Betrachtung eindeutig ausgebaut werden. Dabei kann an unterschiedlichen Punkten angesetzt werden.

Etwas, was nicht ich bin ist mir fremd. Mir fremd sein heißt, etwas (noch) nicht zu kennen und etwas nicht zu kennen bedeutet, etwas nicht zu verstehen. Was nicht verstanden werden kann ist nicht selbstverständlich. Ließe sich somit sagen, dass etwas nicht Selbstverständliches fremd scheint bzw. aufgrund dessen zu etwas Fremden, bewusst oder unbewusst, gemacht wird?

Das Wort Fremd scheint eine kategorische Funktion inne zu haben. Es ist ein klassifizierender Oberbegriff für Dinge, für die man selbst keinen Begriff hat oder dem man noch keinen gängigen Begriff zuordnen kann, da die konkreten Kenntnisse darüber fehlen oder nur rudimentär vorhanden sind.

Der Begriff des Fremden fungiert in der Umgangssprache als Sammelbegriff für verschiedene, meist negativ behaftete Verständnisse des Anderen.

So wird der Fremde über einen substantivierenden Modus typisiert, z. B. als das Unbekannte, Unheimliche, Geheimnisvolle, Rätselhafte, Unverständliche, Gefährliche, Bedrohliche und Böse.

Etymologisch betrachtet lässt sich die Begriffsherkunft des Fremden folgendermaßen nachzeichnen: fremd: Das altger. Adjektiv mhd. Vrem(e)de, ahd. Fremidi, got. Framapeis, niederl. Vreemd, aengl. Fremede ist eine Ableitung von dem in Nhd. Untergegangenen gemeingerm. Adverb *fram ‚vorwärts, weiter; von – weg’ (…) und bedeutete ursprünglich ‚entfehrnt’, dann ‚unbekannt, unvertraut’.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abl.: 1 Fremde ‚Person, die aus einem anderen Land stammt; Unbekannte(r)’.

Bei dieser Betrachtung wird deutlich, dass der Begriff ursprünglich auf geographische Komponenten bezogen war. Meist auf Personen aus anderen Ländern. Der Fremde sein nur in der Fremde fremd, merkte Karl Valentin diesbezüglich an.

Das Fremdsein bezieht sich hierbei auf eine nichtstatische Position. Als Kriterium der Fremde dient der Ort, an dem man sich befindet.

Georg Simmel fasste den Fremden als Wanderer, als jemanden der sich fortbewegt. Trennt man dieses Verb auf, so ergeben sich die Wörter „fort“ und „bewegt“. Das Wort fort kann auch durch „weg“ ersetzt werden. Dementsprechend lässt sich unter fortbewegen auch wegbewegen verstehen. Somit hat der Fremde, räumlich betrachtet, seine ursprüngliche Position geändert und das Gewisse gegen das Ungewisse getauscht. Er ist weg- also in die Fremde gegangen.

„Wenn das Wandern als die Gelöstheit von jedem gegebenen Raumpunkt der begriffliche Gegensatz zu der Fixiertheit an einem solchen ist, so stellt die soziologische Form des ‚Fremden’ doch gewissermaßen die Einheit beider Bestimmungen dar.“3

Diese Einheit äußert sich im Wesen dieses Fremden, als jemand „der heute kommt und morgen bleibt – sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weiter gezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.“4

Die Position des Fremden ist durch Beweglichkeit gekennzeichnet.

„Der Fremde bleibt, aber er siedelt nicht.“5

Für den Moment mag er hier sein, jedoch kann er dieses Dasein als Fremder durch seinen Weggang beenden und somit die Rolle des Fremden abstreifen. Die Fremde macht den Fremden zu dem was er ist. Somit unterliegt der Fremde einer Art räumlicher Determination. Der Fremde kann nur im Bezug auf den Raum existent sein.

Laut Simmel ist der Fremde in einem bestimmten Raum befindlich und doch nicht integriert, da er nicht ursprünglich diesem Raum entstammt. Er bleibt dort, könnte jedoch jederzeit wieder gehen, wie z. B. der Händler, als Prototyp des Fremden bei Simmel, oder die Generation der Gastarbeiter in Deutschland. Was dies für jene bedeutet, zeigen folgende Zitate von türkischen Gastarbeiterkindern der zweiten Generation:

„Man fühlt sich überall abseits. (…) Hier sind wir Ausländer, die sowieso nicht dazugehören, egal, wie sehr wir uns bemühen. In der Türkei sind wir Deutschländer.“6

Dies macht deutlich, was Simmel meint, wenn er davon redet, dass sich der Fremde durch eine ihn freimachende Objektivität auszeichnet und doch gleichzeitig der Gefahr unterliegt, in gewisse Kategorien gepresst zu werden. Das Verhältnis zu dem Fremden ist durch dessen Reduzierung auf allgemein menschliche Qualitäten gekennzeichnet. Somit werden dem Fremden Individualität bzw. spezifische Eigenschaften abgesprochen. Er wird typisiert.

Nach dem Philosophen Waldenfels kann von Fremden, im radikalen Sinne, erst dann die Rede sein, wenn Fremdartiges in unsere feste Vernunftordnung eindringt und dieses Fremde uns quasi in unserem eigenen Haus heimsucht (vgl. Waldenfels 1990). Fremdheit entsteht an diesen Schnittstellen. Somit wird davon ausgegangen, dass Fremdes zeitlich und örtlich determiniert ist.

Waldenfels greift hierbei Anregungen von Husserl, Heidegger, Merleau-Ponty, Lévinas, Bachelard und Foucault auf, die zu einem orthaften Denken anleiten. Hiermit wird sich dem Bild eines Fremden, als den kulturell Fremden, genähert.

Warum geht das Verständnis der Menschen bezüglich des Fremden über die räumliche Komponente hinaus und bedenkt ihn mit zahlreichen Attributen, die zumeist nicht rational, sondern zutiefst subjektiv geprägt sind?

Kann als alleinigen Grund hierfür die Unkenntnis über den Fremden und seine Andersartigkeit angesehen werden? Oder ist der Fremde nicht vielmehr eine Projektionsfläche verschiedener Befürchtungen, die meist nicht in direktem Zusammenhang mit ihm stehen?

Im Umgang mit dem Fremden spielen eine Vielzahl unterschiedlicher Faktoren eine Rolle. Da sind zum einen persönlich geprägte Gründe, die meist in Form von Vorurteilen existent sind. Diese können sich als Ängste und/oder Aggressionen gegenüber dem Anderen manifestieren.

Zum anderen sind gesellschaftlich und kulturell geprägte Bilder des Fremden latent präsent und können, ob bewusst oder unbewusst, auf- und übernommen werden.

Die Wahrnehmung des Fremden ist somit individuell geprägt von der Perspektive und Sinnwelt des Einzelnen Subjektes, welcher wiederum ein Produkt vielfältiger Einflüsse ist.

Simmel geht von einem Typus des Fremden aus, dem menschliche Eigenschaften abgesprochen wurden. Somit hat der Fremde keinen positiven Sinn und wird von der Gruppe ausgeschlossen. Er wird als bestimmter Typus wahrgenommen und nicht als das Individuum, was er eigentlich ist.

Diesem Fremden werden jedoch Eigenschaften zugeschrieben, die der Betrachter nicht mit ihm gemeinsam hat, wie z. B. Hautfarbe, Religion, Sprache und Kultur. Somit fungiert der Fremde als Träger einer bestimmten Rolle ohne individuelle Züge.

Die Beziehung zu diesem Typus des Fremden ist durch die Nicht – Beziehung zu ihm gekennzeichnet. Als solches scheint er, paradoxerweise, zugleich nah und fern.

Als Fundament dieser Anschauung des Fremden fungiert die Ansicht über eine, auf allgemeiner Gleichheit basierenden, Beziehung der Menschen zueinander. Simmel betrachtet bezüglich dessen, dass abstrakte

„Wesen des Verhältnisses zu ihm, d.h. (…) dass man mit dem Fremden nur gewisse allgemeinere Qualitäten gemein hat, während sich das Verhältnis zu den organisch Verbundenen auf der Gleichheit von spezifischen Differenzen gegen das bloß Allgemeine aufbaut.“7

Zwischen diesen beiden Elementen entsteht eine spezielle Spannung. Diese gründet in dem Bewusstsein, nur das wirklich Allgemeine als verbindende Gemeinsamkeit zu haben. Dem entgegen steht jedoch die Betonung dessen, was nicht auf Gemeinsamkeit basiert. Diese beiden Komponenten stehen sich gegenüber und sind doch untrennbar miteinander verbunden.

Der Fremde ist somit ebenso ein Element der Gruppe, wie es alle anderen auch sind. Ist er nicht aufgrunddessen sogar als ein essentieller Bestandteil der Gruppe zu werten?

„Die Position des Fremden verschärft sich für das Bewusstsein, wenn er, statt den Ort seiner Tätigkeit wieder zu verlassen, sich an ihm fixiert.“8

Der Zeitfaktor bedingt nötig erscheinende Kategorisierungen und somit den Versuch der Einordnung des Anderen, in diesem Falle als Fremden, in das herrschende System. Doch wie gestaltet sich die Beziehung zu diesem Fremden?

„Der Fremde ist uns nah, insofern wir Gleichheiten nationaler oder sozialer, berufsmäßiger oder allgemein menschlicher Art zwischen ihm und uns fühlen; er ist uns fern, insofern diese Gleichheiten über ihn und uns hinausreichen und uns beide nur verbinden, weil sie überhaupt sehr Viele verbinden.“9

Der kleinste gemeinsame Nenner reicht nicht aus, um einen persönlichen Bezug zu dem Fremden herzustellen.

Als verdeutlichendes Beispiel für einige genannte Aspekte lässt sich die mittelalterliche Judensteuer anführen.

Im Gegensatz zu der von christlichen Bürgern bezahlten Beede (Steuer auf Grund und Boden, die zur Verbesserung der Einnahmen der Landesherren dienen sollte), die nach dem jeweiligen Vermögensstand festgelegt wurde und dementsprechend auch geändert werden konnte, war die Steuer für die Juden unveränderbar festgesetzt.

Dies beruhte darauf, dass der Jude seine soziale Position als Jude innehatte und nicht als Träger bestimmter sachlicher Inhalte fungierte.

Jeder andere Bürger war in steuerlichen Belangen Besitzer eines bestimmten Vermögens. Der Jude war als Steuerzahler in erster Linie Jude, wodurch seine steuerliche Position ein invariables, durch Geburt festgelegtes, Element erhielt. Dieses Gefüge wurde noch deutlicher, sobald diese Position individuell zugeschnitten und durch festgesetzte Regelungen der Kopfsteuer auf alle Fremden gleichermaßen übertragen wurde.

Es wird deutlich, dass der Fremde trotz seiner unorganischen Angefügtheit an bestehende, in sich geschlossen scheinende Kreise, doch ein organisches Glied der Gruppe darstellt. Das einheitliche Leben dieser Gruppe schließt das scheinbar fremde Element mit ein. Diese sonderbar wirkende Einheit bewirkt Schwierigkeiten bei der Findung des treffenden Terminus.

So lässt es sich nicht anders beschreiben, als das deren Charakter von einem Zusammenspiel aus gewissen Anteilen von Nähe und Ferne geprägt ist. Aus der Proportionierung dessen können gegenseitige Spannungen resultieren, die sich wiederum in einem spezifisch, formalen Verhältnis dem Fremden gegenüber dartun.

Ist dies ein Erklärungsansatz, warum der Fremde von uns so verschiedenartig betrachtet wird und sein Wesen, als Großfläche vielfältiger Projektionen dient?

Was sind das für Bilder des Fremden, die sich da entwickeln können bzw. entwickelt werden? Und wie wirkt sich dies auf den Umgang mit dem Fremden aus?

2. Figurationen des Fremden

Die Wahrnehmung und das Verständnis des bzw. vom Fremden finden meist über dessen Kategorisierung statt. Hierfür lassen sich subjektive Empfindungen als Basis der Wahrnehmung und somit Kategorisierung sehen. Der Mensch hilft sich mit Kategorisierungen des ihm unbekannt Erscheinenden, um diesem, verstandesmäßig, besser habhaft werden zu können.

Bei der nachfolgenden Betrachtung lasse ich die formale Kategorie des ausländischen Mitbürgers aus meinen Ausführungen heraus, da dies eine gesonderte Betrachtung an sich erfordern würde.

2.1 Der Fremde als der Feind

Die Wahrnehmung des Fremden als Feind basiert auf der Ansicht, teilweise geprägt durch diffuse subjektive Empfindungen, dass etwas, was fremd und unbekannt scheint, eine potentielle Gefahr darstellen kann. Diese vermeintliche Bedrohung scheint allgegenwärtig zu sein.

Das der Betrachter selbst diese Wirkung auf Fremden ausüben kann, wird dabei nicht bedacht.

Deutlich wird diese These an der Entstehung von Feindbildern. Der Fremde wird mit negativen Eigenschaften bedacht, die eine ängstliche Meidung und/oder ein abwehrendes Verhalten ihm gegenüber rechtfertigen.

Oft spielt bei der Propagierung von Feindbildern der Wunsch nach Überlegenheit gegenüber dem „niederen“ Fremden auch eine Rolle, soll im Folgenden jedoch nicht weiter betrachtet werden. „(…) wir weigern uns, das Offensichtliche zuzugeben: Wir Menschen sind Homo hostilis, die feindselige Spezies, das ‚feinderfindende’ Lebewesen. Wir sind getrieben, uns einen Feind zu basteln, der als Sündenbock die Last unserer verleugneten Feindschaft trägt.

Aus dem unbewussten Reservoir unserer Feindseligkeit erschaffen wir ein Zielobjekt; aus unseren privaten Dämonen zaubern wir uns einen öffentlichen Feind.“10

Was ist dieser Homo hostilis? Wie wird das Bild des Feindes und somit (überflüssiges?) Böses erschaffen?

Hilfreich bei der Beantwortung ist die Klärung dessen, was C. G. Jung den „Schatten“ nannte, sowie gleichermaßen die Betrachtung der individuellen und kollektiven Psyche.

Die Tiefenpsychologie sieht den Feind als Konstrukt der verleugneten Aspekte des Selbst, die auf den Feind übertragen werden.

Das Unterdrücken von bestimmten Facetten der Persönlichkeit bewirkt eine Entwicklung von Teilpersönlichkeiten, welche diese unterdrückten Persönlichkeitsteile aufnehmen müssen.

Die erste Teilpersönlichkeit ist der Schatten. Jener umfasst Geiz, Egoismus, Aggressivität, Triebhaftigkeit, Neid, Habgier, usw.

Insofern wird sich dem Feind, als Projektion der negierten Aspekte der eigenen Persönlichkeit, zugewandt und entsprechend mit ihm umgegangen.

Der Psychoanalytiker Arno Gruen vertritt die strikte These, dass Fremdenhass immer mit Selbsthass einhergehe. Er richte sich gegen einen entfremdeten, unterdrückten Teil des eigenen Selbst und führe zu innerer Leere und Destruktivität(vgl. Gruen 2002).

Wir lieben oder hassen unsere Feinde so, wie wir uns selbst lieben oder hassen. Dieser Gedankengang könnte sowohl zu Selbsterkenntnis als auch zu Ansätzen des friedlichen Umgangs mit dem Fremden führen. Allerdings lassen sich diese psychologischen Ansätze nicht verallgemeinern und müssen im Kontext betrachten werden.

Der Andere, der Fremde, der Feind erscheint nicht menschlich. Nichts kann als Anzeichen gewertet werden, dass er Gefühle hat und ebenso Schmerzen empfinden kann. Er ist nicht wie man selbst und liefert einen Konzentrationspunkt für Abscheu, Hass, negative Bilder und Gefühle aber auch für das Böse in uns selbst.

Es scheint in der „conditio humana“ zu liegen, Hass auf Fremde zu richten und Liebe sowie Zuneigung für bekannte und vertraute Menschen zu reservieren.

„Die Gewohnheit, unsere Feindseligkeit nach außen auf alle zu richten, die uns unbekannt sind, ist (…) ein Charakteristikum des Menschen (…). Unsere Feindseligkeit pervertiert die Vernunft zu einem Akt des vereinfachten Denkens und der Propaganda; sie stellt unsere Kreativität in den Dienst zerstörerischer Kräfte und lässt uns Schwerter statt Pflugscharen schmieden.“11

Wie Sandor McNab treffend bemerkte: „Liebe addiert und multipliziert. Hass dividiert und subtrahiert.“

Es wird deutlich, dass der Fremde als Feind noch weitere „Funktionen“ innehat. So scheint es, als ob eine Vielzahl der Stämme und Nationen das Gefühl der Solidarität und Zugehörigkeit über den Aufbau von systematischen Feindbildern erzeugen.

Im Angesicht der Bedrohung wird eine Gemeinschaft gebildet und somit auch gemeinsame Identität, die sich von eben diesem Feind unterscheidet.

„Die gemeinsame Identität der meisten Völker gründet auf einer antagonistischen Weltsicht:

Wir versus Die.

Zugehörige versus Außenseiter.

Der Stamm versus Der Feind.“12

Insofern steht hierbei der Entwurf des Feindes im Zeichen der Stammesloyalität und des Patriotismus.

Diese Unterscheidung zwischen Zugehörigkeit und Fremdheit entspricht einem dualistischen Denken, was alles in polare Gegensätze aufteilt. Diese, fast schon grundsätzliche, Unterteilung lässt die menschliche Wirklichkeit als einen Konflikt zwischen:

[...]


1 Mann, L. (1991): Sozialpsychologie. S. 138

2 Wulf, Ch. (2001): Einführung in die Anthropologie der Erziehung. S. 160

3 Merz –deinem aktuellen Phänomen. S. 47

4 ebenso

5 Park, R. E. : Migration und der Randseiter. In: Merz – Benz, S. & Wagner, M. (Hg.) (2002 Der Fremde als sozialer Typus. S. 63

6 Holler, U. & Teuter, A. (Hg.) (1992): Wir leben hier! Ausländische Jugendliche berichten. S. 6

7 Merz – Benz, P.-U. & Wagner, G. (Hg.) (2002): Der Fremde als sozialer Typus. S. 50

8 Merz – Benz, P.-U. & Wagner, G. (Hg.) (2002): Der Fremde als sozialer Typus. S. 48

9 Merz – Benz, P.-U. & Wagner, G. (Hg.) (2002): Der Fremde als sozialer Typus. S. 51

10 Keen, S. (1986): Gesichter des Bösen – über die Entstehung unserer Feindbilder. S. 7

11 Keen, S. (1986): Gesichter des Bösen – über die Entstehung unserer Feindbilder. S.13

12 Keen, S. (1986): Gesichter des Bösen – über die Entstehung unserer Feindbilder. S.13

Details

Seiten
34
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783346333056
ISBN (Paperback)
9783346333063
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Arbeitsbereich Anthropologie und Erziehung
Erscheinungsdatum
2021 (Januar)
Note
1, 3
Schlagworte
Anderssein Fremder Feindbild Außenseiter Vorurteile
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Titel: Typologie möglicher Figurationen des Fremden. Eine Facette des "Anderen"