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Übersetzung der Melancholie. Ein Spannungsfeld von Sozialanthropologie und Psychoanalyse

Akademische Arbeit 2020 15 Seiten

Pädagogik - Wissenschaft, Theorie, Anthropologie

Leseprobe

1. Einleitung

Die Sozialanthropologie und die Psychoanalyse verfügen als Wissenschaften über einen besonderen Zugang zum Menschen. Dieser Zugang besteht darin, eine sprachlich repräsentierbare Bedeutungsebene freizulegen, die sich selbst hinterfragen kann (Foucault, 2012: 452). So kommt es auch, dass sich beide Wissenschaften immer wieder gegenseitig beeinflusst haben. Freud (2005) stellte selbst ethnografische Forschungen an und einige Klassiker der modernen Sozialanthropologie (Malinowski, Lévi-Strauss, Turner, Geertz) beziehen sich explizit in ihrer Theorie auf die Psychoanalyse.

Diese Überschneidung gilt auch für die psychoanalytischen Konzepte Trauer und Melancholie (sowie deren pathologisierte Form Depression). Zeitgenössische sozialanthropologische Forschungen nehmen diese Konzepte in ihr Repertoire an theoretischen Werkzeugen auf und interpretieren damit unterschiedliche Forschungsfelder (vgl. bspw. Navaro-Yashin, 2009 und Segal Buch, 2016). Anders als bei anderen psychoanalytischen Konzepten, so meine These, eröffnen sich bei der Melancholie und der Depression jedoch ein methodologisches und wissenschaftstheoretisches Spannungsfeld innerhalb und zwischen der Sozialanthropologie und der Psychoanalyse. Dieses Spannungsfeld aufzuzeigen, ist das Ziel der vorliegenden Arbeit.

Wie zeigt sich dieses Spannungsfeld? Beide Wissenschaften bedienen sich hermeneutischer Werkzeuge, um verschiedene Aspekte der kulturellen Lebenswelt und der menschlichen Psyche zu interpretieren (Geertz, 2015: 307). Die Interpretation ist dabei weder eine Abschrift noch eine creatio ex nihilo, sondern kann als Übersetzungsarbeit verstanden werden. Übersetzt wird dabei ein Erlebnis, welches zu einer Tatsache umgewertet wird (Frankl, 2020: 22). Das bedeutet, durch die Übersetzung zur Tatsache wird somit das Erlebnis der Öffentlichkeit zugänglich und dadurch auch verständlich gemacht (Geertz, 2015: 18). Dabei muss das Erlebnis, um in eine Tatsache übersetzt werden zu können, erfasst und erklärt werden. Hierbei eröffnen sich, argumentiert Lacan, verschiedene Verstehensdimensionen (Pagel, 2012: 46). So richten sich und erstrecken sich die Verstehensdimensionen je nach Forschungsfeld in unterschiedliche Richtungen und Möglichkeiten. Grundlegend ist jedoch für beide Wissenschaften, dass das Erlebnis in eine Sprache und folglich auch in eine Textform übersetzt und niedergeschrieben wird (Clifford in Clifford & Marcus, 1986: 115). Resultat der Forschung in der Sozialanthropologie und der Psychoanalyse ist dementsprechend eine in Worte niedergeschriebene Darstellung von Erlebnissen, die anhand unterschiedlicher Verstehensdimensionen in Tatsachen übersetzt wurden.

Im vorliegenden Essay möchte ich zeigen, dass gerade diese Ansätze bei der Melancholie und der Depression problematisch werden. Es muss daher für beide Wissenschaften genauer untersucht werden, wie sich die Sozialanthropologie und die Psychoanalyse hier als Übersetzerinnen zu den jeweiligen Erlebnissen verstehen können und auch verstehen dürfen. Es geht mir also nicht darum, den beiden Wissenschaften den Zugang zur Melancholie per se abzusprechen, sondern auf das Spannungsfeld hinzuweisen, worin sich diese befinden, sobald sie sich mit dieser Thematik beschäftigen. Die vorliegende Arbeit ist daher primär eine theoretische Besprechung und verzichtet auf konkrete ethnografische Beispiele (vgl. hierzu Navaro-Yashin, 2009 und Segal Buch, 2016).

Zuerst werde ich die Konzepte Trauer, Melancholie und Depression kurz vorstellen (Kapitel 2). Anschliessend werde ich zeigen, dass der semantische Ausdruck von Melancholie und Depression (Kapitel 3), die ontologischen Setzungen (Kapitel 4) und die narrative Darstellung (Kapitel 5) für solche Stimmungen und Befindlichkeiten weitaus schwieriger zu erfassen sind, als es für andere Bereiche und Konzepte dieser zwei Wissenschaften der Fall ist. Der Essay wird am Schluss mit einer Konklusion (Kapitel 6) abgerundet.

2. Theoretischer Hintergrund

Bevor ich das Spannungsfeld aufzeige, will ich zuerst den theoretischen Hintergrund darlegen, auf dem sich die Untersuchung entfalten kann. Dabei muss zuerst aufgezeigt werden, was unter den oben genannten Begriffen verstanden wird. Trauer und Melancholie sind psychoanalytische Konzepte, die auf einer Unterscheidung beruhen, die zum ersten Mal bei Kierkegaard (2014, 2017 und als Kommentar vgl. Deuser & Kleinert, 2017) ausführlich diskutiert wird. Grundlegend wurde die Theorie jedoch erst durch die Psychoanalyse von Sigmund Freud und seinen Fallstudien (2005). Freud erkennt gewisse Parallelen und Verbindungen zwischen der Trauer und der Melancholie, hebt jedoch die relevanten Unterschiede der beiden hervor. Diese Konzepte werden bis heute noch angewendet, aber auch kritisiert (vgl. bspw. Butler, 2018).

Trauer ist eine normale, natürliche Reaktion auf Verlusterfahrungen (Jacobi in Mijolla, 2005: 1082). Die Trauer bezieht sich dabei intentional auf ein verlorenes Objekt (Person, Ding, Wunsch, Zeitpunkt etc.). Die sogenannte Trauerarbeit wird durch körperlichen und psychischen Schmerz, Verleugnung, Hemmung der Persönlichkeit und dem allgemeinen Verlust von Interesse begleitet, bis die Trauer überwunden wird (Jacobi in Mijolla, 2005: 1081). Überwunden wird die Trauer nur, sobald der Konflikt zwischen Festhalten und Loslassen aufgelöst werden kann.

Melancholie wird in der psychoanalytischen Tradition hingegen anders verstanden. Langanhaltende depressive Stimmungen, welche zur Depression führen können, werden als neurotische Zustände und nicht unbedingt als natürliche Reaktionen aufgefasst (Frazzetto, 2016: 121f). Melancholie ist dabei nicht auf ein Objekt gerichtet, sondern entzieht sich der Intentionalität. Sie bezieht sich auf die gesamte Existenz. In ihr ist der Mensch von sich selbst und der Welt entfremdet (vgl. Jaeggi, 2019). So führt eine langanhaltende Melancholie schliesslich zur Auflösung des Subjekts (Jeanneau in Mijolla, 2005: 1038). Dies gipfelt in einer Empfindung von Resignation, Schuld, Pessimismus und Indolenz. Die Melancholie wird also nicht wie die Trauer abgearbeitet, sondern stagniert in sich selbst und verhindert dadurch Möglichkeiten zur Überwindung. Obwohl eine solche theoretische Einbettung durchaus plausibel erscheint, stellen sich unterschiedliche Probleme beim Erfassen der Melancholie und der Depression.

3. Semantische Übersetzbarkeit

Durch die Anlehnung an De Saussure gehen sowohl Lévi-Strauss als auch Lacan davon aus, dass die Sprache als Medium der Kommunikation verstanden werden kann. Dabei ist die Sprache durch Symbole als Formgestalt oder Struktur mit Bedeutung behaftet (Pagel, 2012: 40). Sprache wird dementsprechend auch genutzt, um Erlebnisse in Tatsachen zu übersetzen, indem die Erlebnisse semantisch aufgeladen werden. Das Erlebnis wird dabei meistens dem Innenleben von einem oder mehreren Subjekten zugesprochen (Jaeggi, 2019: 233). Von hier aus wird es zur öffentlichen Tatsache übersetzt, indem es semantisch festgehalten und somit versprachlicht wird. Dieses Innenleben ist aber nicht als abgeschlossene Hemisphäre aufzufassen, welche an den Rand der Welt stösst, sondern ist selbst der Knotenpunkt des Subjekts mit der Welt. Freud dreiteilt in diesem Sinne das Subjekt auch in Es, Ich und Über-Ich (Freud, 2014: 101). Anhand dieser drei Aspekte des Subjekts wird das Innenleben geformt und strukturiert. Weil das Innenleben und dessen Erlebnisse aber semantisch übersetzbar sind, ist es daher angebracht, von einer Innenwelt des Subjekts zu sprechen. Die Innenwelt ist somit öffentlich und privat zugleich.

In der Übersetzungsarbeit oszilliert nun das Erlebnis zwischen qualitativen Bestimmungen von Nähe und Distanz hin und her und es drängt sich die Frage auf, wie die Darstellung der Innenwelt möglichst optimal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann (Frankl, 2020: 23). Kann jemand beispielsweise ein Erlebnis durch eine semantische Darstellung verstehen, ohne es selbst eigenhändig erfahren zu haben? Wie muss dabei das Erlebnis übersetzt werden? An welchen Verstehensdimensionen orientiert man sich dabei? Wie sehr muss sich ein Subjekt aber auch von den eigenen Erlebnissen abgrenzen, um sie in Tatsachen übersetzen zu können?

Dies gilt nun auch für die Melancholie und die Depression. Die Melancholie als Befindlichkeit oder Stimmung zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Innenwelt des Subjekts qualitativ beeinflusst (Kristeva, 2018: 23). Die Welt und das Selbst wird in der Melancholie auf eine gewisse Art und Weise erschlossen und zwar meistens in einem Leidensdruck und/oder in der Apathie. Dies muss nun für die Forschung öffentlich zugänglich werden. Ziel ist es dementsprechend, dass die eigene Befindlichkeit versprachlicht wird, also in eine semantische Symbolik übersetzt werden kann (Bordt, 2019: 43). Diese Versprachlichung der eigenen Befindlichkeit ist bei der Melancholie jedoch nicht (immer) möglich (Kristeva, 2018: 43). Sowohl der energetische Antrieb als auch der Wille und die Sinnhaftigkeit fehlen dem Subjekt, um sein Befinden in Worte zu fassen. Das Schweigen wird daher zum Negativsymptom der Melancholie und der Depression, weil der Mensch nicht in der Lage ist, seine eigenen Erlebnisse zu übersetzen. Kristeva (2018) und Starobinski (1992) orientieren sich in ihren Analysen daher auch primär an einigen wenigen Künstler und Künstlerinnen (Baudelaire, Duras, Holbein etc.), die es trotz aller Widerstände geschafft haben, dieses Leiden in Worte zu fassen.

Hier zeigt sich nun auch das Spannungsfeld der Sozialanthropologie und der Psychoanalyse. Beide Wissenschaften beruhen darauf, dass die Erlebnisse semantisch übersetzt werden können und so (meistens) in Textform öffentlich werden. Ganz besonders die Psychoanalyse versteht sich darauf, die Stimmungen und Befindlichkeiten des Menschen kommensurabel zu machen, indem sie veräussert, kategorisiert, analysiert und dementsprechend auch reguliert werden (Illouz, 2016: 54). Es geht also darum, die eigenen Gefühle explizit zu machen. Gelingt dies nicht, so wird dieses Verhalten pathologisiert. Genau dies geschieht im Falle der Depression. Es ist daher möglich, von einer Politik der Emotionen und Stimmungen zu sprechen (Solomon, 2003: 57). Die Versprachlichung der Befindlichkeit holt die ausserpropositionale Befindlichkeit in den Raum der Sprache, macht sie explizit und kommensurabel. Die Befindlichkeit wird dadurch zu einer sozialen Entität (vgl. Barrett, 2012 und Kapitel 4). Das bedeutet, nur Gefühle, die ausgesprochen sind, existieren auch wirklich und werden zu einer Tatsache. Nur was gesagt wird, kann in eine semantische Verstehensdimension der Symbole eingegliedert werden. Das Schweigen ist ein Ausbleiben davon. Die Rhetorik der Befindlichkeit nimmt daher einen zentralen Platz des wissenschaftlichen Verstehens ein (Heidegger, 2006: 138).

Dieses Primat der Sprache nennt Derrida auch den Logozentrismus (vgl. Lüdemann, 2013). Nur was Teil der Sprache werden kann, ist auch ein mögliches Forschungsfeld. Die Melancholie entzieht sich dem jedoch (teilweise). Daraus resultieren drei Konsequenzen, die aufgrund der Melancholie und der Depression aus diesem Spannungsfeld heraus entstehen. Die erste Konsequenz besteht darin, dass Melancholie und Depression in der Forschung übergangen und vernachlässigt werden. Die Depressiven werden dadurch zu den Subalternen der logozentristischen Wissenschaften. Sie befinden sich ausserhalb des wissenschaftlichen Diskurses. Die zweite mögliche Konsequenz beinhaltet die Annahme, dass auch das freudsche Es über eine Sprache verfügt (Pagel, 2012: 37). Die Melancholie, als semantisch repräsentierbares Forschungsobjekt, muss sich so im Es einen Weg nach aussen bahnen, um gehört und damit öffentlich zu werden. Dies kann beispielsweise in Form der Hysterie geschehen (Zizek, 2015: 191 und Butler, 2018). In der Hysterie bricht das Leid eruptiv durch und veräussert sich. Wie Hysterie jedoch mit Depression zusammenhängt, muss hierbei aber weiter geklärt werden. Die dritte Möglichkeit besteht in darin, dem Unbewussten eine vorpropositionale Sprache zuzusprechen. Die Melancholie ist in diesem Sinne die Rede des Unbewussten (Schuppener, 2019: 108). Dies kann jedoch nur ex negativo erfasst und beleuchtet werden, also anhand der Negativsymptome des Schweigens.

Unabhängig davon welche Konsequenz nun vermehrt Beachtung erfährt, zeigt sich, dass die Melancholie eine problematische Stellung in den logozentrischen Wissenschaften einnimmt. Die hier vorgestellten Konsequenzen versuchen mit dieser Problematik umzugehen. Es besteht zudem auch die Gefahr, dass die Darstellung asymmetrisch wird, da die forschende Person für das depressive Schweigen sprechen will. Die Sozialanthropologie und die Psychoanalyse übersetzen Erlebnisse in semantische Symbole und genau diesem Unterfangen verweigern sich die Melancholie und die Depression.

Welchen wissenschaftlichen Status nimmt aber ein Subjekt ein, welches sich selbst nicht versprachlichen kann? Diesen Punkt will ich nun als nächstes betrachten.

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Details

Seiten
15
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346342058
ISBN (Buch)
9783346342065
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v985730
Institution / Hochschule
Universität Bern – Institut für Sozialanthropologie
Note
6.0 (Schweiz)
Schlagworte
Melancholie Depression Sozialanthropologie Psychoanalyse Wissenschaftstheorie

Autor

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Titel: Übersetzung der Melancholie. Ein Spannungsfeld von Sozialanthropologie und Psychoanalyse