Lade Inhalt...

Praktikumsbericht vom Jahrespraktikum LH

Praktikumsbericht / -arbeit 2000 33 Seiten

Pädagogik - Heilpädagogik, Sonderpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

EINLEITUNG

1.GESCHICHTE DER LEBENSHILFE IM LANDKREIS VERDEN

2. BESCHREIBUNG DES SPRACHHEILKINDERGARTENS „REGENBOGEN“
2.1 Art der Einrichtung
2.2 Aufnahmeverfahren und Kosten
2.3 Personalstruktur
2.4 Organisation der pädagogischen Arbeit
2.5 Elternarbeit
2.6 Lage und materielle Ausstattung

3. DAS PÄDAGOGISCHE KONZEPT
3.1 Allgemeine Ziele
3.2 Sprachheilpädagogische Ziele
3.3 Motorische Übungsbehandlung
3.4 Psychologische Einzelbetreuung
3.5 Schwimmen
3.6 Entspannungsstunde

4. MEINE GRUPPE
4.1 Beschreibung der Räumlichkeiten
4.2 Meine Tätigkeit
4.3 Tagesablauf

5. FALLSTUDIE
5.1 Entwicklungsverlauf
5.2 Soziales Umfeld/ Familiensituation
5.3 Vorgeschichte/Maßnahmen vor Aufnahme in den Sprachheilkindergarten
5.4 Verhalten in der Gruppe
5.5 Schwimmen
5.6 Verhalten in der Motopädie
5.7 Sprachtherapeutischer Bericht
5.8 Förderplanung

6. WELCHEN EINFLUß HAT DIE MOTOPÄDIE AUF DIE ENTWICKLUNG EINES SPRACHBEHINDERTEN KINDES?
6.1 Allgemeine Sprachentwicklung des Kindes
Entwicklung des Hörens
Sehen
Ausbildung der Stimme durch das Schreien
Lallphase
Tastsinn
Bewegungsfähigkeit/Motorik
Sozialemotionale Entwicklung
Geistige Entwicklung/Hirnreifung
Sensomotorische Integration
Sprechfreude
Sprachverständnis
6.2 Wahrnehmungsstörungen
Verlauf der Wahrnehmung
Ursachen von Wahrnehmungsstörungen
Zusammenhang von Sprach - und Wahrnehmungsstörungen
6.3 Psychomotorische Sprachentwicklungsförderung
Ansatz und Ziele der Förderung
Beispiel einer Behandlung

7. BEURTEILUNG MEINES PRAKTIKUMS 30

8.LITERATURVERZEICHNIS

Einleitung

Im September 98 habe ich mein Jahrespraktikum im Sprachheilkindergarten Eitze begonnen. Ich wurde im Gruppendienst in der „Sonnengruppe“ eingesetzt.

Ich habe mit dem Praktikum begonnen, um mir einen Einblick in die Arbeit mit sprachgestörten Kindern zu verschaffen. In Hinblick auf mein angestrebtes Studium wollte ich mich vergewissern, ob ich für den Berufszweig geeignet bin. Die Arbeit im Sprachheilkindergarten erschien mir des Weiteren als Möglichkeit, mit praktischer Erfahrung in ein Studium zu gehen, und so das dort vermittelte theoretische Wissen besser verstehen zu können.

Der folgende Bericht soll einen Eindruck dieser Arbeit vermitteln. Er gliedert sich in sieben Teile. Im ersten Teil gehe ich zunächst auf die allgemeine Geschichte de Lebenshilfe ein. Die Informationen für diesen Teil bestehen zumeist aus Berichten der Mitarbeiter sowie aus Informationen aus Flugblättern. Im zweiten Teil werde ich dann auf meinen Tätigkeitsbereich, den „Sprachheilkindergarten Regenbogen“, eingehen. Dabei gehe ich zunächst auf die Art der Einrichtung sowie das Aufnahmeverfahren und Kosten ein. Ein weiterer Teil ist die Elternarbeit, Organisation der pädagogischen Arbeit sowie Lage und materielle Ausstattung des Kindergartens. Der dritte Teil wird das pädagogische Konzept umfassen. Der vierte Teil beinhaltet die Beschreibung meiner Gruppe sowie meine Tätigkeit und meinen Aufgabenbereich. Der fünfte Teil besteht aus einer Fallstudie über ein Kind meiner Gruppe. Auf diesem Weg möchte ich mich noch einmal für das Vertrauen der Mitarbeiter sowie der Eltern des Kindes bedanken. Meine Fallstudie umfasst zum einen eine ausführliche Beschreibung des Kindes und seines Entwicklungsverlaufs sowie die Entwicklung eines individuellen Förderplans. Im sechsten Teil werde ich mich kurz damit befassen, wie sich die Motopädie auf die Sprachentwicklung auswirkt. Ich schließe meinen Bericht mit der Beurteilung meines Praktikums

1.Geschichte der Lebenshilfe im Landkreis Verden

Die Lebenshilfe im Landkreis Verden wurde am 30. Mai 1963 von dem holländischen Pädagogen Tom Mutters gemeinsam mit Eltern und Freunden geistig behinderter Menschen gegründet. Sie wollten behinderten Menschen die Möglichkeit geben ein möglichst normales Leben zu führen, außerdem sollten die Familien mit behinderten Kindern im Landkreis entlastet werden. Als Alternative zur familiären Betreuung gab es bisher nur die Möglichkeit den behinderten Menschen in ein Heim zu geben, in dem er regelrecht aufbewahrt wurde. Die Gründer der Lebenshilfe wollten nicht nur eine Aufbewahrung der Behinderten erreichen, sondern sie fördern und schulisch weiterbilden um ihnen später ein weitgehend selbständiges Leben zu ermöglichen. Im Januar 1966 wurde die Schule in Eitze als Tagesbildungs- und Betreuungsstätte angemietet. Die Betreuung der Kinder wurde von Menschen übernommen, die Interesse an einer Arbeit mit behinderten Menschen hatten. So wurden die Kinder bis 1976 nicht von pädagogischem Fachpersonal betreut. Erst als die Tagesbildungsstätte am 01.08. 1976 nach dem niedersächsischen Schulgesetz anerkannt wurde, kam man zu der Einsicht, dass eine pädagogische Betreuung nötig wäre. Und so begann man nicht nur pädagogisches Fachpersonal einzustellen, sondern auch mit einer Beschulung der behinderten Menschen.

Heute besteht die Lebenshilfe im Landkreis Verden aus folgenden Bereichen:

- Frühförderung
- einer heilpädagogischen Kindertagesstätte
- drei kooperativen Kindertagesstätten
- einer Eltern - Kind Gruppe
- dem Sprachheilkindergarten „Regenbogen“
- der Tagesbildungsstätte

Im weiteren gibt es noch eine Schulbegleitung für schwerstbehinderte Kinder, sowie den Familienentlastenden Dienst.

2. Beschreibung des Sprachheilkindergartens „Regenbogen“

Der Sprachheilkindergarten „Regenbogen“ in Verden Eitze wurde am 1. September 1994 eröffnet. Grund für die Eröffnung war die stark angestiegene Anzahl sprachauffälliger Kinder im Landkreis Verden. Träger ist der Verein „Lebenshilfe im Landkreis Verden e.V.“. Das Einzugsgebiet ist der Landkreis Verden und der südliche Bereich des Landkreises Rotenburg.

2.1 Art der Einrichtung

Der Sprachheilkindergarten ist eine teilstationäre Einrichtung zur Betreuung, Förderung und Behandlung sprachbehinderter oder mehrfachbehinderter Kinder mit dem Leitsymptom Sprache. Betreut werden Kinder im Alter von 4 - 7 Jahren, für die eine ambulante Förderung nicht ausreicht. Zur Zeit werden 27 Kinder in drei Gruppen betreut. Von Montag bis Donnerstag werden die Kinder von 8.00 - 15.00 Uhr und am Freitag von 8.00 - 13.00 betreut.

2.2 Aufnahmeverfahren und Kosten

Wird bei einem Kind eine Sprachstörung z.B. durch den behandelnden Kinderarzt festgestellt, vereinbaren die Eltern einen Termin beim zuständigen Gesundheitsamt. Dort erfolgt dann eine Untersuchung des Kindes durch den Amtsarzt und eine Überprüfung des kindlichen Sprachstatus durch den Fachberater für Hör- und Sprachgeschädigte des niedersächsischen Landesamtes für zentrale und soziale Aufgaben (NLZSA). Der Fachberater gibt daraufhin eine Empfehlung für die weitere Behandlung. Das kann zum einen die ambulante Sprachtherapie und zum anderen die teilstationäre Unterbringung im Sprachheilkindergarten sein. Die teilstationäre Unterbringung erfolgt nach § 471 Abschnitt 1

Punkt 6 des BSHG (Bundessozialhilfegesetz). Wird nach Sachlage und nochmaliger Aktenprüfung durch das Sozialamt die Überweisung in den Sprachheilkindergarten anerkannt, werden die Unterlagen an den Sprachheilkindergarten weitergeleitet. Dort wird das Kind dann sozialpädagogisch, motopädisch, logopädisch und psychologisch überprüft. In einem Elterngespräch werden dann noch anamnesische1 Daten erhoben. Nach dem Vorgespräch entscheiden die Fachkräfte dann gemeinsam, ob das Kind in den Sprachheilkindergarten aufgenommen wird. Die Aufnahme geschieht in der Regel zu Beginn, in Ausnahmefällen auch im Verlauf des Kindergartenjahres Die Kosten werden sowohl vom Landkreis als auch von der Krankenkasse übernommen. Zwischen dem Landkreis und der Krankenkasse besteht eine Vereinbarung über die Abgrenzung und Kostenteilung. Mit der Empfehlung des Fachberaters Aufnahme in den Sprachheilkindergarten wird auch gleichzeitig die Kostenübernahme gewährleistet.

2.3 Personalstruktur

Das Personal des Sprachheilkindergartens gliedert sch in folgende Bereiche:

a) Bereichsleitung
b) Betreuung und Pflege
c) Organisatorischer Hilfsdienst
d) Therapeutische und begleitende Dienste

Zu a) Die Bereichsleitung besteht aus einer vollen Stelle.

Zu b) Hierzu zählen die MitarbeiterInnen, die direkt in der Gruppe arbeiten. Laut Personalschlüssel der Leistungsvereinbarung2 sind das

- Ein/e ErzieherIn (0.6 Stellen)
- Ein/e Sozialpädagoge/in (1.8 Stellen)
- Ein/e Heilpädagoge/in (0.8 Stellen)
- Ein/e HeilerziehungspflegerIn (0.8 Stellen)
- Ein/e SozialassistentIn (0.8 Stellen)

Zu c) Hierzu zählen zwei Jahrespraktikanten/innen (jeweils mit einer vollen Stelle besetzt) sowie ein Zivildienstleistender.

Zu d) Hierzu zählen:

- Ein/e LogopädeIn (eine volle Stelle)
- Ein/e Sprachheiltherapeut/In (0.8 Stellen)
- Ein/e Motopäde/In (eine volle Stelle)
- Ein/e Psychologe/In (eine halbe Stelle)

Im weiteren sind noch ein Hausmeister, der von einem Zivildienstleistenden unterstützt wird, zwei Personen für den Wirtschaftsdienst (Küche, Wäsche, Hauswirtschaft), sowie mehrere RaumpflegerInnen angestellt.

2.4 Organisation der pädagogischen Arbeit

Neben der täglichen Arbeit in der Gruppe gibt es verschiedene Dienstbesprechungen für die Mitarbeiter.

1. Dienstbesprechungen

Die Dienstbesprechung findet jede Woche nach der Betreuungszeit eine Stunde lang statt. Es nehmen alle Mietarbeiter des Sprachheilkindergartens teil. Die Dienstbesprechung dient zur Klärung organisatorischer Dinge sowie zur Bearbeitung spezieller Fragestellungen in Bezug auf Probleme mit speziellen Kindern oder deren Eltern. Im weiteren sollen hier neue Arbeitsansätze gemeinsam erarbeitet und ein von allen Mitarbeitern gewünschtes Thema bearbeitet werden.

2. Große und kleine Teambesprechung

Die Teambesprechungen finden einmal wöchentlich eine 3/ 4 Stunde sowie 14 -tägig eine Stunde zwischen den Mitarbeitern einer Gruppe, sowie den zuständigen Therapeuten statt. Sie dienen zur Entwicklung von Förderplänen sowie der Koordination der pädagogischen und therapeutischen Arbeit. Die Therapeuten werden von den Pädagogen über die derzeitige Gruppensituation und das derzeitige Thema informiert. Gemeinsam werden Förderpläne für die Kinder erstellt. In der kleinen Teambesprechung erstellen die Pädagogen gemeinsam mit der Praktikantin oder dem Zivildienstleistenden einen Wochenplan. Der Wochenplan gilt zur Koordination der pädagogischen Arbeit.

3. Pädagogenbesprechung

Die Pädagogenbesprechung findet einmal wöchentlich vor der Betreuungszeit zwischen den beiden Pädagogen der Gruppe statt. Hier werden Fördepläne überarbeitet und spezielle Probleme diskutiert.

4. Therapeutenbesprechung

Alle 14 Tage Treffen sich die Therapeuten nach der Dienstbesprechung um ihre therapeutische Arbeit zu koordinieren. Sie ist nötig, um gemeinsam besser am Kind zu arbeiten und dient weiterhin als Kompetenztransfer.

5. Besprechungen für Praktikanten und Zivildienstleistende

Alle vier Wochen findet an einem Abend eine Praktikantin - und Zivibesprechung statt. Hier referieren Bereichsleiter und pädagogische Leiter im Wechsel über Behinderungsbilder und die Lebenshilfe. An einem Wahrnehmungsabend haben die Mitarbeiter die Möglichkeit einmal selbst wie ein Behinderter wahrzunehmen. Auch werden auf den Besprechung organisatorische und pädagogische Fragen geklärt. Weiterhin werden die Mitarbeiter in den Umgang mit Behinderten eingeführt („Wie füttere ich ein behindertes Kind oder wie hebe ich es ?“).

2.5 Elternarbeit

Die Elternarbeit ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Arbeit im Sprachheilkindergarten. Um eine kontinuierliche Beratung und Unterstützung zu gewährleisten, haben die Eltern jederzeit die Möglichkeit im Kindergarten zu hospitieren oder einen Termin für ein persönliches Gespräch mit den Therapeuten oder Pädagogen zu vereinbaren.

In einem Eltergespräch werden Informationen ausgetauscht. Sowohl von der Seite der Pädagogen bzw. der Therapeuten als auch von der elterlichen Seite. Die Pädagogen erfahren so mehr über das soziale Umfeld und die Familiensituation, die Eltern etwas über die Leistungen, das Verhalten und den Behandlungsverlauf ihres Kindes im Sprachheilkindergarten.

Bei einer Hospitation nehmen die Eltern einen Vormittag lang am allgemeinen Gruppengeschehen und an der Therapie teil. Eine Ausnahme bildet hierbei die Spieltherapie, bei der eine Hospitation aufgrund der besonderen therapeutischen Situation nur in Einzelfällen möglich ist. Durch die Hospitation sollen die Eltern die einen Einblick in den Gruppenalltag sowie in die Gestaltung der pädagogischen Arbeit bekommen. Im Anschluss an die Hospitation findet noch ein Elterngespräch statt, in dem Fragen zur Gruppensituation gestellt werden können. Von Seiten der Pädagogen findet hier auf Wunsch auch eine Beratung in Erziehungsfragen statt.

Zu Anfang eines Kindergartenjahres machen die Pädagogen, in einzelnen Fällen mit den Therapeuten, Hausbesuche. Die Mitarbeiter bekommen hier einen Einblick in die häusliche Situation und das sozia le Umfeld des Kindes. Oft klären sich hier auch vermutete Familienstrukturen, die das Verhalten des Kindes erklären. Gibt es spezielle Probleme, werden Hausbesuche auch öfter durchgeführt.

Alle zwei Monate finden Informationselternabende statt. Hier informieren die Pädagogen über anstehende Aktivitäten, wie z.B. die Freizeitfahrt. An mehreren Abenden werden die Eltern von den Therapeuten und Pädagogen über bestimmte Themen informiert, um die Behinderung ihres Kindes besser verstehen zu lernen. Die Elternabende haben weiterhin eine wichtige soziale Aufgabe. Sie sollen den Kontakt der Eltern fördern und das Interesse an einer Elternarbeit wecken und intensivieren.

An jedem ersten Donnerstag im Monat haben die Eltern die Möglichkeit an einen Elterngesprächskreis teilzunehmen, der von der Psychologin des Sprachheilkindergartens geleitet wird. Hier werden von den Eltern gewünschte Fragestellungen behandelt. Ein weitere wichtige Aufgabe des Elternkreises ist der Austausch über Probleme und Fragen der Eltern untereinander. Wer nicht die Möglichkeit hat an dem Elterngesprächskreis teilzunehmen, kann den Elternstammtisch besuchen, der von der Elternvertretung der einzelnen Gruppe organisiert wird.

2.6 Lage und materielle Ausstattung

Der Sprachheilkindergarten befindet sich in einem zweistöckigem Gebäude in einer Wohnsiedlung mit Einfamilienhäusern, im Randbereich der Stadt Verden. Vor dem Haus verläuft eine Verkehrsberuhigt Straße, hinter dem Haus und dem großzügigen Außengelände befindet sich ein See, umgeben von Wald. Neben dem Sprachheilkindergarten gibt es in Haus noch eine Kooperative Kindertagesstätte mit 4 Gruppen, ein heilpädagogischer Kindergarten mit zwei Gruppen und die Tagesbildungsstätte mit zwei Klassen. Im oberen Teil des Gebäudes liegt die Verwaltung mit Besprechungsräumen für die Mitarbeiter, sowie Büros des Freizeitdienstes und der Frühförderung. Zur weiteren Nutzung steht hier ein abzudunkelnder Entspannungsraum mit Matratzen, Kissen und Decken zur Verfügung. Im Erdgeschoss befinden sich außer den Kindergärten noch Therapieräume, eine kleine Turnhalle (vom Sprachheilkindergarten, der Frühförderung und dem heilpädagogischen Kindergarten genutzt), eine Bewegungshalle (genutzt von KOOP1, Sprachheilkindergarten und Frühförderung), sowie eine Therapiewanne und der Küchenbereich. Der Bereich liegt im hinteren, älteren Teil des Gebäudes. Jede Gruppe hat einen eigenen Gruppenraum, der individuell gestaltet ist, ausgestattet mit einer Hochebene, kleinen Stühlen und Tischen, einer Küchenzeile und einem Schreibtisch für die Mitarbeitet, zur Verfügung. Die Gruppe ist in verschiedene Spielecken eingeteilt (z.B. Puppenecke, Bauecke, etc.). Jeder Gruppe steht ein großes Repertoire an Spielen und Büchern zur Verfügung. Gemeinsam werden der Flur und zwei Waschräume (die se von jeweils zwei Gruppen) genutzt. Auf dem Flur finden die Kinder Möglichkeiten sich mit großen Bausteinen aus Schaumstoff zu beschäftigen oder auf einer Matratze etwas mit einem Buch zu entspannen. Die Kinder haben außerdem sie Möglichkeit in einem Bällebad zu spielen, dass sich am Ende des Flurs befindet. Am Ende des Flurs sind außerdem noch die Garderoben der Kinder. Jedes Kind hat einen Haken mit seinem persönlichen Zeichen, an den es seine Jacke und seine Tasche hängt. Auf einer kleinen Schuhbank werden bei der Ankunft Haus - und Straßenschuhe getauscht.

Von jeder Gruppe aus, haben die Kinder Zugang zum Aussenglände. Das Außengelände ist ebenfalls in verschiedene Bereiche gegliedert. Einen Teil nimmt eine große Sandkiste mit Schaukeln und Seilbahn ein. Ein Teil der Sandkiste ist überdacht, so finden die Kinder im Sommer Schatten. Weitere Teile sind ein Verkehrsplatz, eine Wiese mit Apfelbäumen, sowie ein Fußballplatz und eine kleine Spielwiese mit Tunnel.

Der Verkehrsplatz ist wie ein Verkehrsübungsplatz mit Straßen und Verkehrsschildern aufgebaut. Als Fahrzeuge stehen den Kindern Fahrräder Dreiräder, Mooncars und Roller zur Verfügung. Die einzelnen Spielbereiche sind durch Hecken und Bäume voneinander abgegrenzt. In einem kleinen Gartenhaus finden die Kinder Sandspielgeräte.

3. Das Pädagogische Konzept

3.1 Allgemeine Ziele

Das Konzept des Sprachheilkindergartens orientiert sich an einem mehrdimensionalen Ansatz. Es wird auf der Basis pädagogischer, medizinischer, psychologischer, logopädischer und motopädischer Erkenntnisse gearbeitet. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt in der Verbesserung der verbalen Kommunikation auf der Grundlage einer stabilen Persönlichkeitsentwicklung, wobei auch die Beratung und Unterstützung der Eltern einbezogen ist. Die Förderangebote werden durch den konkreten Entwicklungszustand des Kindes bestimmt. Als begleitende Maßnahme hat die Zusammenarbeit mit Kindergärten, Ärzten, Sprachheilpraxen, Schulen und anderen Institutionen einen hohen Stellenwert.

3.2 Sprachheilpädagogische Ziele

Die Sprachtherapie findet im allgemeinen einzeln und/oder mit zwei Kindern außerhalb der Gruppe in einem eigenen Therapieraum statt. Die Dauer einer Sprachtherapie liegt zwischen 45 Minuten bis zu einer Stunde.

Die Aufgaben der Sprachtherapie sind in vier Bereiche gegliedert:

a) Verbesserung der Artikulation1
b) Verbesserung der Grammatik
c) Verbesserung der Semantik2 und Lexik
d) Entwicklung oder Verbesserung sprachretrogender Funktionen3

Vor Beginn der Sprachtherapie wird für jedes Kind in der Eingangsdia gnostik ein Therapieplan erstellt. Dieser wird dann im Rahmen der Verlaufsdiagnostik immer wieder abgewandelt, neue Grob - und Feinziele gesetzt. In der Eingangsdiagnostik wird ein Grammatiktest durchgeführt, als auch der Mundmotorikstatus, Spielstatus und die Entwicklung im auditiven Bereich festgestellt.

Der Grammatiktest gliedert sich in folgende Bereiche:

- Freie Sprachproben mit Videoaufnahmen
- Wortschatzüberprüfung
- Transkribation des Gehörten

Im auditiven1 Bereich wird Folgendes überprüft:

- Alltagsgeräuscherfassung
- Akustische Differenzierung
- Richtungshören
- Figurgrundhören (Differenzierung zwischen Nutz - und Störschall)2

Die Feststellung des Mundmotorikstatus findet durch spezielle mundmotorische Übungen statt. Im weiteren wird im Spiel mit dem Kind überprüft in welcher Spielphase sich das Kind befindet. Ein wichtiger Bestandteil der sprachtherapeutischen Arbeit ist der Kontakt des Therapeuten zum Kind, was eine häufige Gruppenpräsenz voraussetzt. Hierzu nimmt der Therapeut, soweit möglich, am Morgenkreis teil und nutzt diesen für Spiele oder akustische Übungen.

3.3 Motorische Übungsbehandlung

Die motorische Übungsbehandlung findet einmal wöchentlich mit der ganzen Gruppe in einer Turnhalle statt. In der Einzeltherapie oder in Kleingruppen geht die Motopädin dann noch mal auf spezielle Defizite des Kindes ein. Die Behandlung in Kleingruppen findet meist in der Turnhalle statt, für die Einzelbehandlung steht ein kleinerer Therapieraum zu Verfügung. Ziele der Motopädie sind die Förderung in den Bereichen Neuromotorik (Reflexe/Koordination), Sensomotorik (Wahrnehmung/Reagieren), Psychomotorik (Gefühlsleben/Kognition), Soziomotorik (Sozialwahrnehmung/Kommunikation) sowie der Förderung der Grundwahrnehmungsbereiche (taktil1, kinästhetisch2, vestibulär3 ). Hierdurch soll eine Verbesserung und Stärkung der Handlungskompetenzen des Kindes im Sinne einer ganzheitlichen Persönlichkeitsförderung des Kindes gewährleistet werden.

3.4 Psychologische Einzelbetreuung

Spieltherapie erhaltern die Kinder, die stark psychosozial auffällig oder emotional gestört sind. Die Therapie findet einmal die Woche über einen Zeitraum von 45 Minuten in einem eigenen Therapieraum statt. Der Behandlungszeitraum beträgt im Durchschnitt 6 bis 8 Monate. Nach einer Diagnostikphase, in der in speziellen Tests der psychosoziale und kognitive Entwicklungsstand des Kindes festgelegt wird auch hier ein individuelles Förderkonzept erstellt, in dem die individuelle Gesamtpersönlichkeit des Kindes sowie Gutachten/Empfehlungen ärztlicher, pädagogischer und medizinisch - therapeutischer Dienste berücksichtigt werden.

Die Spieltherapie ist durch seine freie Spielsituation gekennzeichnet. Das Kind entscheidet selbst womit es spielen möchte und welche Materialien es dazu benutzen möchte. Die Therapeutin fungiert dabei lediglich als Beobachterin. Nur auf ausdrücklichen Wunsch des Kindes spielt sie mit, wobei sie darauf achtet eine nicht dominante Figur im Spiel zu übernehmen.

Ziel der Spieltherapie ist die Förderung der seelisch - geistigen und körperlichen Wachstumsprozesse des Kindes sowie der Abbau der Störungsproblematik. Ein wichtiger Teil ist die Gewinnung de Vertrauens auf der Kommunikations - und Beziehungsebene. Im allgemeinen soll eine Verbesserung der Lern - und Leistungsfähigkeit erreicht werden. Die Spieltherapie ist am stärksten bei gehemmten, ängstlichen und retardierten1 Verhaltensweisen erfolgreich und wenn ein seelisches Wachstum durch eine mangelhafte Befriedigung der Grundbedürfnisse behindert worden ist.

3.5 Schwimmen

Das Schwimmen fand während meines Praktikums alle zwei Wochen im Erlebnisbad „Ronolulu“ in Rotenburg statt. Hier gibt es mehrere Innen - und Außenbecken unterschiedlicher Temperatur und Wassertiefe, sowie eine große Wasserrutsche im Innen - und eine etwas kleinere Rutsche im Außenbereich. Neben Spaß und Freude stehen die Wassergewöhnung und - bewältigung im Vordergrund. Der Umgang mit dem Element Wasser hat einen hohen Erlebniswert und dient darüber hinaus unter anderem der Förderung folgender Bereiche:

- Verbesserung der Körperbeweglichkeit und -kontrolle
- Verbesserung der Raumerfahrung und schnelle situative Orientierung
- Steigerung der Selbständigkeit und Selbstsicherheit
- Steigerung von Mut und Entschlußfähigkeit
- Stärkung des Regelbewusstseins

Außerdem hat der Aufenthalt im Wasser einen beruhigenden, entspannenden und ausgleichende Effekt.

3.6 Entspannungsstunde

Die Entspannungsstunde findet in der Regel einmal wöchentlich in einem ruhigem Raum, der abgedunkelt wird, statt.

Die Kinder legen sich hierzu auf Matten, die sie selbst kreisförmig im Raum verteilen. In die Mitte wird eine Kerze gestellt. Die Kinder bekommen Kissen und eine Decke, im Hintergrund wird Entspannungsmusik abgespielt, eine der Pädagoginnen liest eine Geschichte vor. Die Entspannungsstunde dauert in der Regel 45 - 60 Minuten. Sie dient dazu, den Kindern eine Pause im Kindergartenalltag zu gewährleisten, sowie zur Stärkung des Regelbewusstseins und des Sozialverhaltens.

In der „Aufwachphase“ sammeln die Pädagogen langsam die Decken und Kissen wieder ein, Kinder, die eingeschlafen sind, werden vorsichtig geweckt.

In einem Abschlusskreis wird die Entspannungsstunde gemeinsam mit den Kindern reflektiert. Da die Entspannungsphase meist zum Ende eines Kindergartentages stattfindet, wir der Abschlusskreis im Entspannungsraum gemacht.

4. Meine Gruppe

4.1 Beschreibung der Räumlichkeiten

Mein Praktikum habe ich in der „Sonnengruppe“ des Sprachheilkindergartens absolviert.

Die Gruppe besteht aus 9 Kindern, davon sieben Jungen und zwei Mädchen. Betreut werden die Kinder von einer Sozialpädagogin, die auch als Gruppenleitung fungiert, sowie einer Erzieherin. Der Gruppenraum ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt. So gibt es auf einer Hochebene eine „Räuberhöhle“, die zum kreativen Freispiel animiert, als auch eine „Bauecke“ in der die Kinder die Möglichkeit haben sich mit Sonos3, einer Ritterburg und Holzspielzeug zu beschäftigen. In einer „Kuschelecke“ haben die Kinder dann die Möglichkeit, sich zurückzuziehen oder sich von einem der Betreuer ein Buch vorlesen zu lassen.

Im weiteren gibt es noch eine kleine Küchenzeile, sowie eine Schreibtisch für die Mitarbeiter.

Die Gruppe ist mit zahlreichen Spielen und Büchern ausgestattet.

Jedes Kind hat in der Gruppe einen kleinen Kasten, der mit seinem Zeichen gekennzeichnet ist, in dem es kleinere Basteleien und sein Turnzeug aufbewahrt.

Der Gruppenraum wird regelmäßig zum momentanen Thema in der Gruppe von den Kindern, mit Hilfe der Mitarbeiter gestaltet.

4.2 Meine Tätigkeit

Meine Aufgabe während meines Praktikums bestand einmal in der Begleitung einer Bustour als auch in der Teilnahme am pädagogischen Gruppenalltag.

Für die Busbegleitung wurde ich morgens von der Busfahrerin eines Taxiunternehmens abgeholt um dann die 1 ½ - stündige Fahrt 6 behinderte Kinder zu begleiten. Ich habe die Kinder von der Haustür zum Bus begeleitet und bei Bedarf Hilfestellung beim anschnallen gegeben. Die Kinder wurden dann an den einzelnen Behinderteneinrichtungen abgesetzt, von mir in die Klasse oder den Gruppenraum begleitet und nachmittags wieder abgeholt.

In der Gruppe habe ich nach einer Orientierungs - und Beobachtungsphase Angebote für das einzelne Kind, die Kleingruppe und auch für die gesamte Gruppe geplant und durchgeführt. Ich habe die Gruppe außerdem noch zum Schwimmen, zu Ausflügen und während einer ein - wöchigen Freizeitfahrt begleitet.

Weiterhin habe ich soweit wie möglich an den Praktikantenbesprechungen sowie Dienstbesprechungen teilgenommen und wurde bei der Erstellung von Förderplänen, sowie Wochenplänen von den Fachkräften mit einbezogen.

Durch Hospitationen in der Sprachtherapie, Motopädie und Spieltherapie konnte ich Einblicke in die einzelnen Therapieansätze gewinnen.

Während einer Überprüfungswoche, in der neue Kinder, die eine Empfehlung für den Sprachheilkindergarten bekommen hatten, vom Fachpersonal überprüft wurden um dann eine endgültige Empfehlung für den Sprachheilkindergarten oder den Sonderkindergarten zu geben, habe ich die Motopädin bei der Überprüfung unterstützt. Meine Aufgabe war es, nach ausführlicher Anleitung durch die Motopädin, die Kinder bei der Bewältigung der geforderten Aufgaben anzuleiten und, wenn nötig, zu unterstützen.

4.3 Tagesablauf

Zwischen 6.30 und 8.00 werden die Kinder, die von der Lebenshilfe Verden betreut werden, von einem Fahrdienst (einem Taxiunternehmen oder Kleinbussen der Lebenshilfe) von zu Hause abgeholt. Die Touren werden von Praktikantinnen oder Zivildienstleistenden begleitet. Bis 8.30 treffen die Kinder im Sprachheilkindergarten ein, wo sie bis 9.00 die Möglichkeit zum freien Spiel erhalten. Von 9.00 - ca.10.00 treffen sich die Kinder dann in ihren Gruppen zu ihrem Morgenkreis. Der Morgenkreis wird individuell gestaltet, hat aber ein immer wiederkehrendes Rahmenprogramm. Im individuellen Teil werden Spiele gespielt, Lie der gesungen oder die Kinder haben die Möglichkeit von ihrem Wochenende zu erzählen. Der andere Teil besteht aus folgenden Teilen:

- Im Gruppenbuch wird die Anwesenheit der Kinder festgestellt (diese Aufgabe wird jeden Tag von einem anderen Kind übernommen)
- Die Kinder nennen den Wochentag, Datum, Jahreszahl und Jahreszeit
- Auf einem Tagesplan werden die Aufgaben des Tages festgelegt (abwaschen, aufräumen, Frühstück und Mittagessen vorbereiten)

Zwischen 10.00 Uhr und 11.00 Uhr frühstücken die Kinder gemeinsam mit den Mitarbeitern. Danach gehen die Kinder Zähneputzen, der Abwaschdienst wäscht ab.

Bis ca.12.15 haben die Kinder dann die Möglichkeit zum Freispiel oder es werden verschiedene Angebote der Pädagogen durchgeführt (z.B. Bastelarbeiten). Die Angebote finden in Kleingruppen, als auch in der Einzelsituation und der Einbeziehung der gesamten Gruppe statt. Um 12.30 Uhr essen dann alle gemeinsam Mittag. Das Mittagessen wird von der Stadtküche Hannover angeliefert. Der Tischdienst bereitet vorher zusammen mit einem Mitarbeiter der Gruppe den Tisch vor (Teller holen und den Tisch decken). Von 13.30 Uhr bis ca. 14.45 haben die Kinder dann wieder die Möglichkeit zum freien Spiel, lässt das Wetter es zu, können die Kinder auf dem Außengelände spielen.

Freitags findet eine Betreuung nur von 8.00 - 13.00 Uhr statt. Der Freitag wird dazu genutzt, mit den Kindern zu kochen. Die Kinder bereiten gemeinsam mit den Mitarbeitern entweder ein Frühstück oder ein Mittagessen vor. Die jeweiligen Zutaten werden am Tag zuvor mit drei Kindern und der Praktikantin eingekauft.

Während der ganzen Wochen werden im Laufe des Tages Kinder in Einzeltherapie behandelt (z.B. Spieltherapie, Logopädie).

Das gesamte Kindergartenjahr ist von bestimmtem Themen begleitet, die entweder von den Kindern, meist jedoch von den Mitarbeitern festgelegt werden. Die Gruppenaktivitäten sind auf das Thema abgestimmt. Die Kinder lernen zu jedem Thema z.B. neue Spiele und Singspiele kennen.

5. Fallstudie

Im Folgenden werde ich die Fallstudie Fabian beschreiben. Ich habe Fabian für meine Fallstudie ausgewählt, weil er meiner Meinung nach die besten Fortschritte gemacht hat, so dass ich während meines praktischen Jahres vieles durch Fabian gelernt habe. Weiterhin war Fabian eines der Kinder, die mich und die Pädagogen am meisten gefordert haben, aber wir auch viel Rückmeldung durch sein Verhalten uns gegenüber bekamen. Ich habe Fabian als sehr waches und interessiertes Kind erlebt, das um sich besser in seiner Umwelt einordnen zu können, klare Informationen durch sein eigenes Handeln und seine Umwelt braucht.

Fabian kam mit 4 Jahren in den Sprachheilkindergarten Eitze. Diagnostiziert wurde eine Sprachentwicklungsverzögerung außerdem bestand Verdacht auf Sehminderung.

5.1 Entwicklungsverlauf

Die Geburt Fabia ns verlief weitgehend normal. Sie fand entsprechend des errechneten Termins statt, während der Geburt musste kurz mit der Saugglocke unterstützt werden, außerdem hatte sich die Nabelschnur um den Hals gewickelt, was aber keine Gehirnschäden zur Folge hatte.

Fabian drehte sich bereits mit drei Monaten vom Bauch auf den Rücken und umgekehrt, er lag allerdings sehr ungern auf dem Bauch.

Er robbte mit fünf bis sechs Monaten, krabbelte mit zehn Monaten und lief mit elf Monaten bereits frei.

Fabian ist körperlich altersgemäß entwickelt, leidet aber an Neurodermitis und hat häufig Schwierigkeiten mit den Bronchien, die oft mit bronchienerweiternden Mitteln behandelt werden. Im Alter von 3 Jahren wurden bei Fabian die Polypen aufgrund einer Wucherung entfernt.

Fabian leidet unter einer zentralen auditiven Verarbeitungs - und Wahrnehmungsstörung.

5.2 Soziales Umfeld/ Familiensituation

Fabian lebt mit seinen Eltern und seinem 3 Jahre jüngeren Bruder in einem Einfamilienhaus mit Garten in einer dörflichen Gegend.

Seine Mutter ist Hausfrau, sein Vater Soldat und aufgrund seiner beruflichen Stellung oft

über mehrere Tage nicht zu Hause. Andere häufige Bezugspersonen sind Fabians Tante und die Großeltern mütterlicherseits. Fabian hat einen besten Freund, der in der Nähe wohnt und ein Jahr älter ist.

Fabians Mutter ist sehr besorgt bezüglich Fabians Entwicklung. Durch Bekannte wurde sie zusätzlich verunsichert.

In der Erziehung reagiert der Vater gegenüber Fabians Verhalten oft mitleidig und inkonsequent.

5.3 Vorgeschichte/Maßnahmen vor Aufnahme in den Sprachheilkindergarten

Vor seiner Aufnahme in den Sprachheilkindergarten besuchte Fabian 3 Monate den Kindergarten seines Wohnortes. Hier wollte er allerdings nach kurzer Zeit nicht mehr hingehen, da er sich nicht verständigen konnte und von den anderen Kindern ausgelacht wurde. Als seine Eltern ihn im Sprachheilkindergarten anmeldeten, kam Fabian zunächst auf die Warteliste, die Leiterin des Sprachheilkindergartens konnte Fabian allerdings an die Frühförderung verweisen, in deren Rahmen Fabian kurze Zeit betreut wurde. Dort besuchte er gemeinsam mit drei Weiteren Kindern eine bewegungsorientierte Kleingruppe, die im Kindergarten in der Nähe seines Wohnortes stattfand.

Neben der Frühförderung konnte 3 Monate vor der Aufnahme in den Sprachheilkindergarten mit ambulanter Sprachheiltherapie begonnen werden.

5.4 Verhalten in der Gruppe

Im Sprachheilkindergarten fiel Fabian zunächst durch seinen hohen Bewegungsdrang auf. Er konnte nicht lange ruhig im Morgenkreis oder während der Mahlzeiten am Tisch sitzen. Er war sehr reizoffen und ablenkbar. In der Gruppensituation konnte Fabian sich nicht länger als fünf Minuten mit einer Sache beschäftigen. In der Einzelsituation war seine Konzentrationsspanne weitaus größer, solange man ihm ein Angebot machte, das ihm keine

Schwierigkeiten bereitete. Große Probleme bereiteten ihm Veränderungen in der Gruppe (z.B. neue Gruppenkonstellation ). Fabian war an allem interessiert und lernte sehr schnell. In der Gruppe suchte er sich bevorzugt Puzzle - Spiele oder beschäftigte sich mit Knete. Besonders intensiv beschäftigte sich Fabian allerdings in der Bauecke, bevorzugt mit Sonos. Hierbei zeigte er sehr viel Kreativität und Ausdauer.

Fabian begann schon zu einem frühen Zeitpunkt Situationen und Personen auszutesten. Er hatte Schwierigkeiten Grenzen zu akzeptieren und einzuhalten. Ihm mussten sehr deutlich, oft auch über Körperkontakt, Grenzen gezeigt werden, auf die er mit Beschimpfungen reagierte. Gleichzeitig zeigte sich aber, dass er durch diese klare Information Regeln annehmen konnte und sich sein Verhalten schon nach kurzer Zeit positiv veränderte. Die Kontaktaufnahme zu anderen Kindern fand anfangs nur über aggressives Verhalten seitens Fabians statt (beißen, kratzen).

Nach einiger Zeit aber änderte sich dieses Verhalten, da Fabian bemerkte, dass er so keine Freunde gewinnen konnte und das ihn die Kinder verstanden, wenn er verbalen Kontakt zu ihnen aufnahm.

Fabian entwickelt Ideen für Rollenspiele und schaffte es auch sich im Morgenkreis zu beteiligen.

Fabians Situation während der Mahlzeiten gestaltete sich zu Anfang sehr unruhig. Bereits nach kurzer Zeit konnte er nicht mehr stillsitzen und musste sich in der Gruppe bewegen. Dieses Verhalten änderte sich nachdem ihm immer wieder klare Grenzen bei Tisch aufgezeigt wurden.

Fabian hatte auch Schwierigkeiten sich seine Essens - Portionen einzuteilen. Anfangs vermied Fabian Vollkornbrot oder Essen, bei dem er viel kauen musste. Er konnte sein Essen nur schlucken, wenn er soviel im Mund hatte, dass der Würgereiz ausgelöst wurde. Auch bei diesem Verhalten waren bereits nach kurzer Zeit Fortschritte erkennbar. Fabian zeigte einen guten Umgang mit Werkzeugen. Er konnte diese benennen und wußte wozu man sie benutzt. Im Umgang mit der Schere konnte er auf einer Linie schneiden. Beim Malen hielt Fabian den Stift in der rechten Hand meistens mit dem Drei - Punkte Griff. Beim aus - und anmalen konnte er die Begrenzung nicht genau einhalten.

5.5 Schwimmen

Fabian vermied die Wasserberührung, besonders den harten, warmen Wasserstrahl. Das abduschen vor dem Schwimmen war nur mit Hilfe eines Erwachsenen und unter großem Geschrei möglich. Während seines Aufenthalts im Sprachheilkindergarten und mit der langsamen Wassergewöhnung durch Wasserspiele zeigte sich dieses Verhalten schon nach ein paar Monaten nicht mehr.

5.6 Verhalten in der Motopädie

Fabian erhielt motopädische Einzelbehandlung in der Kleingruppe mit zwei anderen Kindern und nahm auch an der Motopädiestunde mit der ganzen Gruppe teil. In der Motopädie - Stunde mit der gesamten Gruppe hatte Fabian zunächst große Schwierigkeiten, sich dem Gruppengeschehen anzupassen. Er weigerte sich anfangs, an Sing- und Kreisspielen teilzunehmen und versuchte immer wieder zu stören.

Von den motopädischen Angeboten nahm Fabian bevorzugt die Angebote im propriozeptiven Bereich an. Er kletterte, hüpfte, schleppte schwere Sachen und ließ sich gerne und lange schaukeln und drehen. Im Spiel mit Bausteinen entwickelte Fabian viel Kreativität und Ausdauer.

Fabian traut sich aus größerer Höhe hinunter zu springen. Er klettert gut koordiniert die Sprossenwand hoch und überklettert diese auch. Auf der schrägen Ebene bewegt er sich gewandt und sicher. Er kann sehr gut Körperspannung aufbauen.

Nach einigen Monaten hatte sich Fabians Verhalten stark verbessert. Er hat an Sing - und Kreisspielen teilgenommen (anfangs nur körperlich, später auch aktiv mitgemacht).

5.7 Sprachtherapeutischer Bericht

In der sprachtherapeutischen Einzelsituation zeigt sich Fabian erheblich sprachkompetenter als in der Gruppensituation. Er konnte den Blickkontakt halten oder nahm diesem bei Ansprache schneller auf. Seine Aufmerksamkeitsspanne war ebenfalls weitaus länger als in der Gruppensituation. Nach einiger Zeit gelangen vermehrt wechselseitig gestaltete und getragene Spielsequenzen.

5.8 Förderplanung

Die Förderplanung für Fabian gliederte sich in folgende Bereiche:

a) sozial -emotional - kommunikativer Bereich
b) kognitiver Bereich
c) Wahrnehmungsbereich
d) Spielverhalten
e) rhythmisch musikalischer Bereich
f) lebenspraktischer Bereich
g) sprachlicher Bereich
h) motorischer Bereich

zu a) Im sozial - emotional - kommunikativen Bereich sollte Fabians gruppenrelevantes Verhalten gefördert werden. Hierbei stand besonders das Einhalten und umsetzten von Regeln im Fordergrund. Ein weitere Teil das Förderkonzeptes war der Ausbau Fabians Sozialverhaltens. Hierzu wurde Fabian zeitweise die Verantwortung für die Gruppe übertragen und auch im Morgenkreis sollte Fabian Führungspositionen übernehmen (z.B. das Abhaken der Anwesenheitsliste).

zu b) Im kognitiven Bereich standen der Wissensaus - und - aufbau im rechnerischen Denken sowie der Abbau von Fabians Reizoffenheit im Fordergrund. Das Erkennen von Mengenbegriffen und die Erfassung des Zahlenraums bis zehn wurden hauptsächlich in der Einzelsituation gefördert. Um Fabian konzentriertes Lernen zu ermöglichen, war anfangs eine ruhige Umgebung und die Einzelsituation nötig.

zu c) Im Wahrnehmungsbereich wurde vorrangig vorhandenes Wahrnehmungsempfinden vertieft und dabei der propriozeptive Bereich besonders berücksichtigt. In einer Kleingruppe wurden verschiedene Wahrnehmungsübungen angeboten, in der Reize erspürt und benannt werden sollten (z.B. KIM -Spiele1, Bällebad, in einen Laubhaufen springen etc.)

zu d) Fabians Spielverhalten wurde gefördert, in dem Rollenspielsituationen geschaffen wurden. So konnte Fabian positive Erfahrungen aus der Einzelsituation in die Gruppensituation einbringen.

zu e) Im rhythmisch - musikalischem Bereich stand bei Fabian der Ausbau seiner Erfahrungen im Fordergrund. Seine aktive und positive Mitarbeit wurde in der Großgruppe gefördert, indem man ihn Sing - oder Sprechspiele vormachen ließ. Seine Aufmerksamkeitsspanne sollte sich dadurch erhöhen.

zu f) Im lebenspraktischen Bereich sollte Fabian Strukturen erlernen und sein

Ordnungsverhalten sowie Tisch- und Eßverhalten erweitern. Bei seinem Eßverhalten war dabei das Einschätzen von Mengen sehr wichtig.

zu g) Der Schwerpunkt der logopädischen Arbeit lag bei Fabian in der Verbesserung der Artikulation und der Erweiterung dialogischer Kompetenzen durch die Aktivierung der 1. Artikulationszone, der Differenzierung der auditiven und taktilen Wahrnehmung sowie im Erlangen von Symbol - und Rollenspielkompetenzen.

zu h) Im motorischen Bereich wurde bei Fabian besonders der taktile und propriozeptive Bereich gefördert um einen Ausbau des vestibulären Bereichs zu erreichen.

6. Welchen Einfluß hat die Motopädie auf die

Entwicklung eines sprachbehinderten Kindes?

6.1 Allgemeine Sprachentwicklung des Kindes

Um die Bedeutung der Motopädie für die Entwicklung der Sprache besser verstehen zu können, ist es wichtig, die allgemeine Sprachentwicklung eines Kindes kennenzulernen. Dies läßt sich gut am Sprachbaum von Wendt verdeutlichen (Sprachbaum. Wendlandt (2000), S. 11.) . „Der Sprachbaum verdeutlicht, daß sich die Sprache des Kindes (Krone) mit ihren drei Bereichen (Artikulation, Wortschatz, Grammatik) nur dann entwickeln kann, wenn eine Reihe grundlegender Fähigkeiten angemessen ausgebildet ist (Wurzeln: z.B. das sehen, Hören und die Feinmotorik) und bereits Sprachverständnis und Motivation zum Sprechen vorliegen. Dabei entfaltet sich der Baum nur dann, wenn genügend Wärme und Licht vorhanden sind (Sonne: Akzeptanz und Liebe in der Familie) und das lebensnotwendige Wasser (die tägliche Kommunikation mit dem Kind) genügend Nährstoffe (Sprachanregungen) enthält.“ (vergl. Wendt S.8).

Die Wurzeln des Sprachbaums werden durch die sensomotorische Entwicklung und die sozialemotionale Entwicklung gebildet.

Die sensomotorische Entwicklung beinhaltet die Entwicklung des Hörens, Sehens, der

Ausbildung der Stimme durch Schreien und Lallen, sowie der Entwicklung des Tastsinns und der Bewegungsfähigkeit/ Motorik.

Die sozialemotionale Entwicklung beinhaltet die geistige Entwicklung, bzw. die Hirnreifung. Erst wenn alle Fähigkeiten und Entwicklungsprozesse miteinander in Beziehung gesetzt werden können und das Kind sie zum zweckgerichteten Handeln einsetzten kann, spricht man von sensomotorischer Integration. Erst wenn die sensomotorische Integration stattgefunden hat, ist das Kind in der Lage, Sprache störungsfrei zu erlernen.

Entwicklung des Hörens

Die Fähigkeit zu hören entwickelt sich bereits im Mutterleib. Ab dem vierten Lebensmonat nach der Geburt entwickelt sich aber erst die Fähigkeit Kopf und Körper gezielt

Schallquellen zuzuwenden und erst an dem siebten Lebensmonat beginnt das Kind fremde und selbstproduzierte Laute nachzuahmen.

Sehen

Eine weitere wichtige Voraussetzung für die Sprachentwicklung ist die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit. Kinder gucken die Mundbilder und die Stellung der Lippen beim Sprechen von den Erwachsenen ab.

Ausbildung der Stimme durch das Schreien

Die Stimme entfaltet sich mit dem ersten Schrei des Neugeborenen. Die Stimmbänder haben die Funktion des „Tongebers“ und werden ständig trainiert. Der Säugling lernt schnell, daß das Schreien bestimmte Reaktionen in seiner Umwelt auslöst. Was für die Eltern anfangs sinnloses Schreien ist, gewinnt schnell an Bedeutung. So entwickelt sich eine erste „stimmliche“ Kommunikation zwischen Eltern und Säugling.

Lallphase

Die Lallphase folgt der Schreiphase. Die Kinder gurren, jauchzen und bilden Ketten gleicher Laute. Die Säuglinge berühren dabei immer neue Stellen im Mund- und Gaumenbereich mit ihrer Zunge.

Tastsinn

Kinder erfassen nicht nur über das Hören und Sehen ihre Umwelt. Auch die Wahrnehmung ist ein wichtiger Teil des sprechen lernens. „Der Tastsinn ermöglicht dem sprechen lernenden Kind, den kleinen Unterschied beim Bilden der Laute „b“ und „p“ zu unterscheiden, den Druck der Zunge beim „t“ kürzer und stärker zu dosieren als beim „d“, ... , wobei eben nicht nur das Hören, sondern auch das muskuläre Empfinden zentrale Bedeutung hat. Tastsinn und Bewegungsempfindungen unterstützen also als ganz wesentliche Wahrnehmungskanäle den Lernprozeß beim Sprechen.“1

Bewegungsfähigkeit/Motorik

Zum Sprechen sind zielgerichtete Mund- und Zungenbewegungen erforderlich. Dies verlangt eine feine Abstimmung unterschiedlicher Muskelgruppen aufeinander. Diese „Feinmotorik“ entwickelt sich unter anderem mit Hilfe des Tastsinn und der visuellen Eigenkontrolle. Durch ertasten erfassen die Säuglinge ihre Umwelt und im Laufe der späteren Entwicklung lernen sie Bewegungsreize aufeinander abzustimmen und später mit Hilfe des Tastsinnes ( von Zunge und Lippen) die für die Aussprache wichtigen Spannungszustände der Mundmuskulatur herzustellen. Neben der Feinmotorik ist eine Entwicklung der Grobmotorik erforderlich. Die Grobmotorik entwickelt sich durch das ständige Bewegen des Säuglings durch strampeln, zappeln und krabbeln, lange bevor das Kind das erste Wort spricht. Durch die ständige Bewegung trainieren die Kindern ihre Muskeln und die Beweglichkeit ihrer Gelenke.

Sozialemotionale Entwicklung

„Sprechen“ bedeutet immer, eine Beziehung zu anderen Menschen eingehen zu können. Diese Fähigkeit zum sozialen Kontakt, lernt das Kind in seinen ersten Phasen. So, wie der Säugling in seinen ersten Monaten von seiner Umwelt behandelt wird, wie er gepflegt und versorgt, gestreichelt und beschäftigt wird, so wird er sich später gegenüber seiner Umwelt verhalten.

Geistige Entwicklung/Hirnreifung

Mit dem Wachstum des Säugling wächst auch sein Gehirn. Es entwickeln sich Fähigkeiten wie z.B. Dinge zu unterscheiden oder Mienen und Gesten zu erfassen. Geistige Lernprozesse, die von wichtigen Bezugspersonen angeregt wurden, werden mit der Zeit deutlich.

Sensomotorische Integration

Erst wenn die oben genannten Entwicklungsprozesse miteinander in Verbindung gebracht werden können, wenn das Kind seine Bewegungen und sein Denken zum zielgerichteten Handeln einsetzen kann, ist sensomotorische Integration entwickelt. Erst wenn die sensomotorische Integration stattgefunden hat, ist das Kind in der Lage Sprache zu erwerben. Diese Entwicklungsprozesse sind nicht nur für die frühkindliche Entwicklung von Bedeutung, sie beeinflussen den Umgang mit Sprache und Kommunikation über die gesamte Lebensspanne hinweg.

Der Stamm des Sprachbaumes kann sich erst entwickeln, wenn alle Wurzeln ausgebildet sind. Ihn bilden nach Wendt die beiden Begriffe Sprechfreude und Sprachverständnis.

Sprechfreude

Ein aktiver Schritt des Sprechen lernens findet in den ersten zwei Jahren statt. Die Kinder beginnen hier mit Wörtern zu spielen und sie zu wiederholen, ohne ihren Sinn zu verstehen. Sie beginnen Wörter und Satzgebilde zu lernen. Die Kommunikationsfähigkeiten des Kindes entwickeln sich rapide, wenn die Sprechabsichten von den Erwachsenen freudig aufgenommen werden und die Sprechversuche Erfolg zeigen.

Sprachverständnis

Die Fähigkeit Sprache zu verstehen ist beim Kind eher entwickelt, als die Fähigkeit zu sprechen. Es begreift die Bedeutung einzelner Wörter bevor es sie aussprechen kann. Das Verständnis für Sprache entwickelt sich indem das Kind Neugier und Interesse an seiner Umwelt zeigt und sich Mitmenschen ihm in Kontakt zuwenden.

Die Krone des Baumes beschreibt die endgültige Sprachentwicklung des Kindes. Die drei Bereiche Artikulation1, Wortschatz und Grammatik wachsen hierbei nebeneinander. In seiner Artikulation gelingt es dem Kind immer besser, die Laute seiner Muttersprache richtig zu bilden. Erst werden Laute beherrscht, die im vorderen Mundbereich gebildet werden (z.B. „m“, “f“, “p“), dann die des mittleren Bereiches (z.B. „l“, “n“ und „t“), später dann die Lautverbindungen, die im hinteren Mund- und Rachenbereich entstehen (z.B. „gr“, „kr“, „gl“). Im Bereich Wortschatz nimmt das Kind zunächst nur Dinge auf, die es anfassen kann, später dann auch Dinge, die nicht greifbar sind oder sich außerhalb seiner unmittelbaren Reichweite befinden ( z.B. „Himmel“). Die Ausbildung der Grammatik beginnt bei der Bildung von kurzen, grammatikalisch nicht richtigen Sätzen ( „Ich Kuchen essen“) und geht bis zur Ausbildung vollständiger Sätze mit Nebensatzkonstruktionen.

Ein weiterer wichtiger Teil des Sprachbaumes ist die Sonne, ohne die ein Baum, auch mit den besten Anlagen, nicht wachsen könnte. Auch Kinder brauchen viel Wärme, liebe und Akzeptanz in der Familie, um „gedeihen“ zu können. Dabei ist es aber auch wichtig, die richtige Menge an Sonne zu geben.

Der letzte Teil ist die Gießkanne, die die Kommunikation darstellen soll. Erst durch die tägliche Kommunikation mit dem Kind kann sich Sprache entwickeln. Dabei ist der Blickkontakt, durch den das Kind emotionale Nähe erfährt, sowie das Zuhören, das Aussprechen lassen und die Sprachanregung von großer Bedeutung.

6.2 Wahrnehmungsstörungen

Verlauf der Wahrnehmung

Grundvoraussetzungen für den Erwerb von Sprache sind die Bewegungs - und Wahrnehmungsfähigkeit (aus „Psychomotorische Entwicklungsförderung“ Band 6 S.13).Eine intakte Wahrnehmung ermöglicht dem Kind, alle Reize aufzunehmen und miteinander in Beziehung zu setzen. Die Aufnahme des Reizes erfolgt über das entsprechende Sinnesorgan und wird dann über die entsprechenden Rezeptoren an das Gehirn in die entsprechenden sensorischen Zentren weitergeleitet. Dort erfolgt eine Speicherung des Wahrgenommenen und ein Vergleich des neuen Reizes mit bereits gespeicherten Reizen. Im nächsten Schritt werden die Einzelreize der verschiedenen Zentren miteinander koordiniert, verarbeitet und in bisherige Erfahrungen eingeordnet. Dann folgt die Reaktion als motorische Handlung oder Verhaltensänderung. Liegt nun eine Wahrnehmungsstörung vor, wird der vorhandene Reiz nicht ausreichend verarbeitet und es folgt keine - oder eine falsche Reaktion, bzw. motorische Handlung. Mit einer gestörten Wahrnehmung ist nicht nur die Motorik des Kindes gestört, sondern dadurch auch dessen Spracherwerb.

Ursachen von Wahrnehmungsstörungen

Die Ursachen von Wahrnehmungsstörungen können nicht eindeutig belegt werden. Sie können organische aber auch umweltbedingte Ursachen haben. Zu den organische Ursachen zählen Hirnfunktionsstörungen. Diese können in der pränatalen1, perinatalen2 oder auch postnatalen3 Phase auftreten. Weitaus häufigere Ursachen für Wahrnehmungsstörungen sind allerdings umweltbedingte Ursachen. Hierzu zählt ein Mangel an Entwicklungsreizen. Die Kinder wachsen in einer Umgebung auf, die ihnen wenig sensorische Erfahrung bietet. Überbehütung und Bewegungsmangel sind weitere Punkte. Auch unausgewogene Reizeinflüsse können zu Wahrnehmungsstörungen führen (z.B. optische oder akustische Reizüberflutung). Weitere Wahrnehmungsstörungen sind Störungen in der Handlungsplanung und -durchführung sowie in der Raum - und Zeitorientierung. Auch weisen Kinder mit Wahrnehmungsstörungen ein beeinträchtigtes Empfinden und Erleben der eigenen Körperlichkeit sowie ein gestörtes oder begrenztes Bewußtsein des eigenen Körperschemas auf.

Zusammenhang von Sprach - und Wahrnehmungsstörungen

Nach Kasper läßt sich ein Zusammenhang von Wahrnehmungsstörungen und Sprachstörungen feststellen. So zeigen Kinder mit verzögerter Sprachentwicklung häufig Wahrnehmungsstörungen im taktil - kinästhetischen Bereich und Schwierigkeiten mit der Fingerdifferenzierung. Dysgrammatismus1 und Dyslalien2 finden sich bei Kindern mit vestibulären Wahrnehmungsstörungen.

6.3 Psychomotorische Sprachentwicklungsförderung

Ansatz und Ziele der Förderung

Psychomotorische Sprachentwicklungsförderung ist ein Ansatz zur Förderung sprachbehinderter Kinder. Dieser Ansatz integriert alle Bereiche der kindlichen Entwicklung. Er berücksichtigt die entwicklungspsychologische, die psychotherapeutische und die sozialtherapeutische oder kommunikationstherapeutische Ebene gleichermaßen. „Er setzt nicht am Symptom an, sondern versucht, das Kind in seiner gesamten Persönlichkeit zu akzeptieren.“ (Olbrich „Auditive Wahrnehmung und Sprache“). Bewegung ist hierbei „Fundament“ und „Träger“ der entwicklungsfördernden Arbeit. Als oberstes Entwicklungsziel wird die Entwicklung der Handlungskompetenz gesehen. Fundamente für die Entwicklung der Handlungskompetenz sind die ausreichende Entwicklung der Ich - Kompetenz, der Sach - Kompetenz sowie der Sozial - Kompetenz.

Die Handlungskompetenz ist nach Olbrich „ die Befähigung, sich über sensomotorische und motorische Lernprozesse sinnvoll mit der eigenen Persönlichkeit als Einheit von Leib, Seele und Geist mit der realen Umwelt kritisch und gestaltend auseinanderzusetzen unter Einsatz der Sprache als spezifisch menschlicher Möglichkeit von Aneignung, Verarbeitung, Darstellung und Kontakt.“

Die Ich - Kompetenz beschreibt Olbrich wie folgt: „Die Befähigung, ich als Einheit von Körper, Seele und Geist wahrzunehmen, Umweltinformationen zu assimilieren in die Ganzheit der Person und zu handeln als kreativer, wachstumsorientierter Mensch.“ Die Sachkompetenz ist „die Fähigkeit, mit allen Sinnen die materiale Umwelt zu erfahren, zu erleben und in die eigene Persönlichkeit zu integrieren, aus der Integration heraus auf die Umwelt einzuwirken und zu handeln und die Sprache dabei einsetzen als den spezifisch menschlichen Weg des Aneignungs - und Verarbeitungsprozesses, über Sprache die Umwelt abbilden.“

Die Sozial -Kompetenz ist „ Die Fähigkeit, die gesellschaftliche und soziale Umwelt wahrzunehmen, diese Informationen ganzheitlich zu verarbeiten, Aktivität zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen.“

Beispiel einer Behandlung

Olbrich setzte 1978 die psychomotorische Übungsbehandlung bei zehn sprachentwicklungsgestörten Kindern in der Eingangsklasse einer Sonderschule für Lernbehinderte ein. Es sollte ein Abbau der Sprachstörungen und eine Sprachaktivierung erreicht werden. Bei fünf dieser Kinder wurde stammeln diagnostiziert, in zwei Fällen Dysgrammatismus, ein Kind stotterte1, ein Kind polterte2 und ein Kind litt an einer schweren Sprachstörung infolge eines Hirnschadens (Epilepsie). Die Kinder bekamen 20 Therapiestunden pro Woche (in Gruppen bis zu drei Kindern und ein Kind in Einzeltherapie). Als Ergebnis konnte festgehalten werden, daß die Sprachkompetenz aller Kinder erweitert werden konnte. Das Symptom des Stotterns ging während der Übungsstunden sogar bis zur völligen Symptomfreiheit zurück. Die Freude an der Bewegung löste auch Freude an der Sprache aus. Die entspannte Sprechmotorik bewirkte eine verständlichere Aussprache. Insgesamt wurde die gesamte Persönlichkeitsentwicklung der Kinder positiv beeinflußt. Weitere Punkte, die bei allen Kindern eingeleitet werden konnten waren das verbesserte Selbstwertgefühl, die erhöhte Ausgeglichenheit, Freude an Leistung, Kontaktbereitschaft und Gruppenfähigkeit.

Die genannten, überaus positiven Ergebnisse der oben genannten Studie sind Beweis dafür, daß die psychomotorische Sprachentwicklungsförderung durch ihren ganzheitlichen Ansatz mehrere Persönlichkeitsvariablen ganzheitlich erfassend wirkt (vergl. Kiphard „Psychomotorische Entwicklungsförderung“ Band 3 ).

7. Beurteilung meines Praktikums

Die Arbeit im sprachheilkindergarten brachte mir sehr viel Freude und interessante Einblicke in die therapeutische und pädagogische Arbeit.

Anfänglich hatte ich etwas Bedenken, was meine Arbeit mit sprachbehinderten Kindern betraf. Das Wissen um die Sprachbehinderung und Bedenken vor Verständigungsproblemen, brachte mich anfangs dazu, mich besonders deutlich, sogar überkorrekt auszudrücken. Schnell zeigte sich jedoch, dass meine anfängliche Scheu völlig unbegründet war. Ich lernte schnell den Kindergartenalltag kennen und wurde von Kindern und Mitarbeiterinnen freundlich aufgenommen. Von Anfang an wurde ich in die Gruppenplanung einbezogen. Anregungen und Vorschläge meinerseits wurden aufgenommen und mir wurde schon früh die Verantwortung für die Gruppe übertragen. Bald stellte ich allerdings fest, daß es schwer war, die pädagogische Arbeit mit der therapeutischen Arbeit zu koordinieren.

Um eine Überforderung des Kindes zu vermeiden mußten die pädagogischen Ansätze (z.B. Bastelarbeiten zur Gestaltung des Gruppenraumes) oft zurückgestellt werden. Die Mitarbeiterinnen und Therapeuten waren immer für meine Fragen offen und bereit, diese ausführlich zu beantworten. Von mir angeleitete Projekte wurden anschließend mit der Gruppenleitung reflektiert.

In Hinblick auf mein angestrebtes Studium hatte ich jedoch oft einen zu hohen Anspruch an mich selbst, dem ich aufgrund der mir mangelnden Erfahrung nicht gerecht werden konnte. Dieser Anspruch wurde noch durch die Gruppenleitung unterstützt, indem mir zusätzlich Aufgaben übertragen wurden, die mich zeitlich überfordert haben. Ich erhielt zum Beispiel die Aufgabe, in meiner Freizeit eine Projektdokumentation auszuarbeiten. Große persönliche Unterstützung habe ich während dieser Zeit durch die zweite Mitarbeiterin der Gruppe sowie die Leitung des Kindergartens erfahren.

Abschließend kann ich noch sagen, dass meine Erfahrungen aus dem Sprachheilkindergarten mich in meiner Berufswahl bestätigt haben und mir immer wieder Anstoß in meinem Studium geben. Auch konnte ich sicherlich einen Grundstein für meine spätere Tätigkeit in diesem Bereich legen.

8.Literaturverzeichnis

Blucha, Ulrike, „Die Bedeutung der Bewegung für die Sprache“, Fachliteratur für anwendbare Pädagogik „Entdeckungskiste“ Heft Nov/Dez 99

Bundessozialhilfegesetz § 47 (Eingliederungshilfe - Verordnung) vom 27.Mai 1964 (BGB S. 339) in der Fassung vom 1. Februar 1975 (BGB S. 434)

Kasper G., „Mototherapie bei sensorischen Integrationsstörungen“

Kiphard, Ernst J., „ Mototherapie Teil 2 “ , Psychomotorische Entwicklungsförderung - Band 3

Leistungsvereinbarungen § 93 Abs.2 BSHG; Teilstationäre Sprachheileinrichtungen, Anlage zum Protokoll der 8. Sitzung der AG 3 am 26.05. 1997

Olbrich, Ingrid, „Psychomotorische Entwicklungsförderung“ - Band 6, Auditive Wahrnehmung und Sprache, modernes lernen Dortmund

Schmidt, Lilo, „Stubenhocker und Zappelphilipp“

Wendlandt, Wolfgang (2000): Sprachstörungen im Kindesalter. Materialien zur Früherkennung und Beratung, hrsg. von Springer, Luise / Schrey-Dern, Dietlinde, Forum Logopädie, Stuttgart

Zimmer Renate. „Handbuch zur Sinneswahrnehmung“ Grundlagen einer ganzheitlichen Erziehung; Herder Verlag

[...]


1 § 47 des BSHG: Personen, die nicht sprechen können, Seelentaub und Hörstummen, Personen mit erheblichen Stimmstörungen sowie Personen, die stark stammeln, stark stottern oder deren Sprache stark unartikuliert ist.

1 anamnesisch: die Erhebung der krankheitlichen Vorgeschichte des Kindes sowie dessen Entwicklung

2 Leistungsvereinbarung § 93 Abs. 2 BSHG teilstationäre Einrichtungen

1 KOOP: Kooperative Kindertagesstätte

1 Artikulation: Aussprache

2 Semantik und Lexik: Wortschatz

3 sprachretrogende Funktionen: kommunikatives Verhalten, wie z.B. andere ausreden lassen, Blickkontakt halten

1 auditiv: die auditive (hörende) Wahrnehmung betreffend

2 Nutz - und Störschall: Kann das Kind sich mit dem Therapeuten unterhalten, während eine Kassette im Hintergrund läuft.

1 taktil: umfasst das Tasten und Berühren

2 kinästhetisch: auch propriozeptive Wahrnehmung genannt, umfasst die Tiefensensibilisierung und das Bewegungsempfinden

3 vestibulär: umfasst die Gleichgewichtswahrnehmung

1 retardiert: zurückgeblieben, nicht altersgemäß entwickelt

3 Sonos: Steckbausteine

1 KIM- Spiele: benannt nach einer Romanfigur des englischen Schriftstellers Rudyard Kipling (1836 - 1936); Spiele die die Fähigkeit fördern, sich Dinge gesehene oder erfühlte Dinge zu merken und Eigenschaften dieser wiederzugeben

1 Zitat von Wolfgang Wendt „Sprachstörungen im Kindesalter“

1 Artikulation: Aussprache

1 pränatal: die Beeinträchtigung erfolgt währen der Schwangerschaft (z.B. durch Infektionen der Mutter)

2 perinatal: Beeinträchtigungen während der Geburt (z.B. Sauerstoffmangel durch Nabelschnurumschlingungen)

3 postnatal: nach der Geburt entstandene Beeinträchtigungen ( z.B. durch frühkindliche fieberhafte Infekte oder Entzündungen)

1 Dysgrammatismus: Störungen beim Erwerb und Gebrauch von Grammatik (z.B. Auslassungen oder falsche Satzstellung)

2 Dyslalie: Auslassung von Lauten oder Lautverbindungen, bzw. ersetzten dieser durch andere Laute

1 stottern: das Sprechen ist durch Störungen des Redeflusses beeinträchtigt; Wiederholungen von Lauten oder deren Dehnung, gekennzeichnet durch Kraftanstrengung

2 poltern: überhastete verwaschene undeutliche Aussprache; unregelmäßiges Sprechtempo

Details

Seiten
33
Jahr
2000
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99005
Note
gab keine
Schlagworte
Praktikumsbericht Jahrespraktikum

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Praktikumsbericht vom Jahrespraktikum LH