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Der Zerfall der Aura des Kunstwerkes nach Walter Benjamin am Beispiel von Antoine de Saint-Exupérys "Le petit Prince"

©2020 Essay 8 Seiten

Zusammenfassung

In dieser Arbeit werden die Frage nach der Aura sowie weitere zentrale Begriffe und Ideen Benjamins genauer erläutert und exemplarisch anhand des kleinen Prinzen von Antoine de Saint-Exupéry aufgezeigt. Um die Aurafrage ausreichend klären zu können, soll dabei auch auf den genauen Unterschied zwischen Original und Kopie beziehungsweise Reproduktion nach Benjamin eingegangen werden.

Auch wenn nicht jeder "Der kleine Prinz" gelesen hat, so kennen ihn zumindest viele oder haben schon einmal von ihm gehört. Mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren gehört die märchenhafte Erzählung von Antoine de Saint-Exupéry zu den erfolgreichsten Büchern der Welt und zu den meistverkauften nichtreligiösen Werken überhaupt. Nicht viele Romane wurden auf so mannigfaltige Weise immer und immer wieder neu adaptiert. Egal ob als Comic, Oper, Film oder Fernsehserie, als Theaterstück, als CD-ROM oder als Puppenspiel, ja sogar ein Museum ist dem Prinzen in Japan gewidmet worden. Dabei haben all diese Adaptionen der berühmten Romanvorlage eines gemeinsam: sie sind eine Hommage an die einst vom ursprünglichen Autor höchstselbst erschaffenen Kultfigur. Doch trifft das tatsächlich zu? Wären Begriffe wie "Kopie", "Replikat", "Fälschung" oder gar "Fake" nicht vielleicht angemessener? Kennen wir den echten kleinen Prinzen überhaupt? Natürlich ist der blonde Reisende mit seinem markanten Äußeren nur eine fiktive Figur, eine Zeichnung ihres französischen Erschaffers. Aber wie hat diese Figur ihr berühmtes Erscheinungsbild angenommen und was löst dieses so oft adaptierte Aussehen bei der Betrachtung in uns aus?

Leseprobe

Original vs. Kopie: Der Zerfall der Aura des Kunstwerkes nach Walter Benjamin am Beispiel von Antoine de Saint-Exupérys „Le petit Prince“

Auch wenn nicht jeder Der kleine Prinz gelesen hat, so kennen ihn zumindest viele oder haben schon einmal von ihm gehört. Mit über 140 Millionen verkauften Exemplaren gehört die märchenhafte Erzählung von Antoine de Saint-Exupéry zu den erfolgreichsten Büchern der Welt und zu den meistverkauften nichtreligiösen Werken überhaupt1. Nicht viele Romane wurden auf so mannigfaltige Weise immer und immer wieder neu adaptiert. Egal ob als Comic, Oper, Film oder Fernsehserie, als Theaterstück, als CD-ROM oder als Puppenspiel, ja sogar ein Museum ist dem Prinzen in Japan gewidmet worden2. Dabei haben all diese Adaptionen der berühmten Romanvorlage eines gemeinsam: sie sind eine Hommage an die einst vom ursprünglichen Autor höchstselbst erschaffenen Kultfigur. Doch trifft das tatsächlich zu? Wären Begriffe wie „Kopie“, „Replikat“, „Fälschung“ oder gar „Fake“ nicht vielleicht angemessener? Kennen wir den echten kleinen Prinzen überhaupt? Natürlich ist der blonde Reisende mit seinem markanten Äußeren nur eine fiktive Figur, eine Zeichnung ihres französischen Erschaffers. Aber wie hat diese Figur ihr berühmtes Erscheinungsbild angenommen und was löst dieses so oft adaptierte Aussehen bei der Betrachtung in uns aus?

In seinem 1936 erstmals erschienenen Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit (damals zunächst auf Französisch publiziert unter dem Titel „L’muvre d’art â l’époque de sa reproduction mécanisée“) vertritt Walter Benjamin die These, dass Kunstwerke wie Der kleine Prinz und ihre Rezeption einem Wandel unterworfen seien. Dies geschehe zum einen durch die Möglichkeit der massenhaften Reproduktion, zum anderen durch eine veränderte Abbildung der Wirklichkeit und damit eine veränderte kollektive Wahrnehmung. Zudem verliere in diesen Prozessen das Kunstwerk seine Aura, was in der Konsequenz wiederum die soziale Funktion der Medien beeinträchtige und verändere3.

Im Folgenden sollen diese Phänomene, d.h. die Frage nach der Aura sowie weitere zentrale Begriffe und Ideen Benjamins genauer erläutert und exemplarisch anhand des kleinen Prinzen von Antoine de Saint- Exupéry aufgezeigt werden. Um die Aurafrage ausreichend klären zu können, soll auch auf den genauen Unterschied zwischen Original und Kopie bzw. Reproduktion nach Benjamin eingegangen werden. Wichtig ist hierbei die klare Abgrenzung zwischen dem literarischen Kunstwerk im weiteren Sinne, d.h. dem Roman Saint-Exupérys in seiner reinen Schriftform und dem künstlerischen Werk im engeren Sinne, also den Zeichnungen und Illustrationen des Autors. „Die ungeheuren Veränderungen, die der Druck, die technische Reproduzierbarkeit der Schrift, in der Literatur hervorgerufen hat, sind [schließlich] bekannt. Von der Erscheinung [...] sind sie aber nur ein, freilich besonders wichtiger, Sonderzufall.“4 Daher soll es im Folgenden zwar primär um die konkreten Zeichnungen des Autors gehen, diese gehören aber unweigerlich zum literarischen Gesamtkunstwerk Der kleine Prinz und bilden somit eine künstlerische Einheit.

Sei es in der Literatur oder in der bildenden Kunst, in beiden Bereichen drücken Schöpfer ihre Emotionen, Wahrnehmungen und Ansichten aus. Im Fall von Literatur werden diese Emotionen niedergeschrieben und bei der bildenden Kunst niedergemalt oder eben gezeichnet. Antoine de Saint-Exupéry vereint in seinem Werk also zwei Disziplinen desselben Handwerks - nämlich der Kunst. Dabei ist „[d]as Kunstwerk [.] grundsätzlich immer reproduzierbar gewesen. Was Menschen gemacht hatten, das konnte immer von Menschen nachgemacht werden.“5 Der maßgebliche Unterschied zwischen der Literatur und der bildenden Kunst war und ist bis heute jedoch, dass die Literatur, d.h. insbesondere das hierfür bevorzugte Medium des Buches, bereits vom Grundgedanken darauf abzielt verlegt, gedruckt und somit vervielfältigt zu werden. Malereien, Zeichnungen, Bildhauereien oder andere klassische Formen der bildenden Kunst zeichnen sich dagegen durch ihre Einmaligkeit und ihren besonders exklusiven Charakter aus (ausgenommen hiervon sind die Fotografie und Filmkunst). Wenn wir den kleinen Prinzen betrachten, stellt uns dies vor eine besondere Hürde, da sich das Werk nicht eindeutig einsortieren lässt. Es handelt sich zweifellos um Literatur, aber durch die vielen Illustrationen eben nicht ausschließlich. Saint-Exupéry kombiniert in seinem Werk also zwei vom Ansatz völlig unterschiedliche Kunstrichtungen, die sich in ihrer Wirkung und ihrem Verbreitungsgedanken grundsätzlich nur schwer vereinen lassen.

Walter Benjamin merkt hierzu an: „Das reproduzierte Kunstwerk wird in immer steigendem Maße die Reproduktion eines auf Reproduzierbarkeit angelegten Kunstwerkes.“6 Die Illustrationen des kleinen Prinzen waren schließlich nie dafür gedacht allein zu stehen oder unabhängig vom Text für sich selbst zu wirken. Die Geschichte wurde für das Massenmedium Buch konzipiert, welches sich durch seine Verwendung als primär kommunikatives Mittel vom rein ästhetischen Wesen bildender Kunstwerke abhob. Dadurch ging der einmalige Charakter der Zeichnungen jedoch unweigerlich verloren. Benjamin betont in seinem Aufsatz aber, dass genau diese Einzigartigkeit die Echtheit der Kunst definiere. Wenn wir in diesem konkreten Fall also von den vom Autor mit der Hand höchstselbst gezeichneten Illustrationen sprechen und nicht von den im Druckverfahren technisch reproduzierten Abbildungen in den Büchern, worin unterscheiden sich Original und Reproduktion?

„Noch bei der höchst vollendeten Reproduktion fällt eines aus: das Hier und Jetzt des Kunstwerkes - sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet.“7 Benjamin stellt diese Unnahbarkeit, d.h. das reelle und gegenwärtige Vorhandensein der Zeichnungen von Antoine de Saint-Exupéry, als erste These auf, um den Begriff der Echtheit genauer zu definieren. Das „Hier und Jetzt“8 des Originals, wie Benjamin es nennt, kann nur in der Morgan Library in New York erfahren werden. Dort ist das handschriftliche Manuskript des kleinen Prinzen sowie die bis 1943 entstandenen Illustrationen von Antoine de Saint- Exupéry ausgestellt.9 Doch die Wirkung dieser einmalig vorhandenen Zeichnungen ist nicht dieselbe, wie bei anderen Kunstwerken. Genau wie bei der Fotografie oder dem Film, die eine Vielzahl von Abzügen ermöglichen, hat die Frage nach dem Original keinen Sinn - zumindest nicht in der Literatur. Zwar existieren verschiedene Auflagen des Buches und gewisse Sammlerstücke oder limitierte Erstauflagen sind unter Liebhabern sicherlich sehr gefragt, das reine Buch als solches besticht jedoch nicht durch sein Äußeres. Es besitzt zwar eine gewisse „Aura“10, die sich beim Lesen oder Betrachten auswirkt, doch diese ist bei jedem gedruckten Exemplar identisch. Es spielt keine Rolle ob wir Romeo und Julia mit braunem oder schwarzem Einband lesen, ob als Taschenbuch oder in gebundener Form - die Geschichte und das Leseerlebnis bleiben immer gleich.

Anders verhält es sich laut Benjamin mit ästhetischen Kunstwerken wie Saint-Exupérys Zeichnungen. Es macht einen immensen Unterschied ob wie die wahrhafte Mona Lisa im Louvre in Paris anschauen oder ob wir sie auf einer Postkarte aus dem Urlaub zugeschickt bekommen haben und uns zu Hause ansehen. Erst die Aura, so schreibt Benjamin, lässt die Werke zu historischen Zeugen werden und verleihe ihnen Autorität. Wörtlich definiert er sie als „einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“11. Durch das auf Reproduzierbarkeit angelegte Buchformat, verkümmert die „Aura“ des kleinen Prinzen jedoch, denn durch sie hebt sich sowohl die Einmaligkeit, das „Hier und Jetzt“ als auch deren Ferne, also die „Aura“ auf. Das Kunstwerk Der kleine Prinz wird als Buch zu jeder Zeit an und jedem Ort betracht- und besitzbar. Damit verliert es seine historische Zeugenschaft und letztlich seine Autorität. Die Aura des Kunstwerks zerfällt zugunsten des Anliegens des Autors seine Kunstfigur massentauglich zu machen. Doch damit nicht genug.

In gleichem Maße wie Saint-Exupéry seinen Lesern also die Aura seiner Zeichnungen durch technische Reproduktion entzieht, schränkt er sie in einem wesentlichen anderen Aspekt ein bzw. kommt ihnen zuvor. Indem er die von ihm erdachte Welt, seine geschaffenen Figuren und die Orte, an denen die Handlung seiner Erzählung spielt, selbst illustriert und bebildert, nimmt er dem Leser ein Stück seiner Phantasie und folglich auch dem literarischen Werk ein Stück seiner Aura. In der Regel entstehen diese Bilder nur im Kopf des Lesers. Gerade bei Autoren, die es mit Liebe zum Detail bei der Geschichte fast schon übertrieben haben, erträumt man sich fast automatisch die Szenen und kreiert vor seinem geistigen Auge ein visuelles Model des im Buch Beschriebenen. Dadurch verbindet jeder persönliche Emotionen mit dem Buch und bringt sich den Inhalt auf individuelle Weise näher. Den kleinen Prinzen dagegen stellt sich jeder gleich vor. Sein Äußeres wird in der Geschichte nicht explizit beschrieben - zumindest nicht mit Worten. Stattdessen erklärt der Erzähler, der als gestrandeter Pilot erstmals in der Sahara auf den Prinzen trifft, er habe seine Bekanntschaft aus der Wüste porträtiert12. Der Text wird unterbrochen und dem Leser wird eine Zeichnung des kleinen Prinzen präsentiert. Diese Abbildung, die, wie alle anderen Illustrationen im Roman ursprünglich vom Autor selbst gezeichnet wurden, durchlief jedoch einen zentralen Wandel, an dem sich die Verkümmerung der Aura nach Benjamin effektiv schildern lässt.

Weil Saint-Exupéry einen Vertrag mit dem Verlag Éditions Gallimard hatte, verklagte dieser den amerikanischen Verleger, bei dem der Autor sein Werk als erstes publizieren ließ. Die erste Ausgabe in Frankreich erschien bei Gallimard mit einem Copyrightvermerk von 1945, der in späteren Auflagen mit 1946 angegeben wurde, da die Ausgabe erst 1946 in den Handel gekommen sein soll13. Die postum erschienene Ausgabe von Gallimard brachte aber nicht nur einen leicht veränderten Text (im Unterschied zur Originalausgabe sieht der kleine Prinz an einem Tag die Sonne z.B. 43-mal untergehen14 statt 44-mal). Auch die Farben der Illustrationen wurden verändert, so dass der Prinz einen blauen Mantel (vgl. Abb. 4.1) trägt statt eines grünen Mantels (vgl. Abb. 4.2). Diese Änderungen wurden weltweit in fast allen Ausgaben übernommen 15 und wirken sich nun unweigerlich auf die Aura der Figur sowie ihre Wahrnehmung und Interpretation und das damit verbundene Leseerlebnis aus. Beide Darstellungen strahlen jeweils eine eigene und individuelle Stimmung aus, die sich an verschiedenen Nuancen festmachen lassen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABB. 1: Der kleine Prinz mit blauem Mantel

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABB. 2: Der kleine Prinz mit grünem Mantel

[...]


1 Vgl. https://www.domradio.de/themen/kultur/2018-04-06/vor-75-iahren-erschien-die-erzaehlung-der-kleine-prinz

2 Vgl. https://www.lernando.de/magazin/360/Der-kleine-Prinz-wird-70

3 Vgl. Benjamin, Walter, 1963, S. 16 ff.

4 Benjamin, Walter, 1963, S. 11 f.

5 Ebd. S. 11

6 Ebd. S. 21

7 Ebd. S. 13

8 Vgl. Benjamin, Walter, 1963, S. 15

9 Vgl. https://www.lernando.de/magazin/360/Der-kleine-Prinz-wird-70

10 Vgl. Benjamin, Walter, 1963, S. 16

11 Ebd. S. 18

12 Vgl. De Saint-Exupery, Antoine, 2007, S. 12

13 Vgl. https://web.archive.org/web/20090122123948/http://www.lepetitprince.net/sub ochibo/chronoframeset- E.html

14 De Saint-Exupery, Antoine, 2007, S. 27

15 Vgl. https://web.archive.org/web/20090122123948/http://www.lepetitprince.net/sub ochibo/chronoframeset- E.html

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