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Städtebauliche Modellvorhaben, Beispiel Weimar

Hausarbeit 1999 22 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Zur geographischen Lage der Stadt
1.2. Stadtgeschichtliche Entwicklung

2. Modellstadt Weimar
2.1 Konzeption des Modellvorhabens
2.2 Zur Auswahl Weimars
2.3 Aufgabenschwerpunkte
2.4 Finanzierung und Förderung

3. Grundlagen städtebaulicher Planung

4. Lage, Abgrenzung und Charakteristika der Sanierungsgebiete
4.1 Sanierungsgebiet ,,Nördliche Innenstadt"
4.2 Sanierungsgebiet ,,Weimar Innenstadt"

5. Planungs- und Sanierungsziele in Weimar

6. Planung und Sanierung in Weimar - Die Jakobsvorstadt
6.1. Planungsziele und Problemstellung
6.2. Erste Erfolge

7. Zusammenfassende Bewertung
7.1. Weimar nach acht Jahren Stadtsanierung
7.2. Zukunft Weimars

8. Anhang und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit befaßt sich mit den Städtebaulichen Modellvorhaben am Beispiel der Stadt Weimar. Nach einer kurzen Einleitung, die die geographische Lage und die Stadtentwicklung dieser Stadt skizzieren soll, werde ich auf die Konzeption des Modellvorhabens näher eingehen. Nach einem kurzen Exkurs zum Verständnis städtebaulicher Planungen soll anhand des Modellvorhabens veranschaulicht werden, welche Kriterien, Maßnahmen und Ziele ein solches Programm umfaßt und welche Art von Fördermitteln zur Verfügung stehen. Im Anschluß daran werden die Sanierungsgebiete charakterisiert und untersucht, Probleme und Planungsziele dargestellt. Die Sanierung in der Jakobsvorstadt, als Schwerpunkt der Sanierungsmaßnahmen in Weimar, soll vorgestellt werden.

Abschließend werden die durchgeführten Maßnahmen im Hinblick auf die Zielstellung bewertet und ein kurzer Ausblick auf die Zukunft Weimars erstellt.

1.1. Zur geographischen Lage der Stadt

Die Stadt Weimar liegt im Zentrum des Bundeslandes Thüringen, an der Ilm im Thüringer Becken, am fuße des Etterberges. Das Stadtzentrum liegt etwa auf einem Niveau von 215 m ü. N.N. Das Stadtgebiet umfaßt ca. 51 km². Weimar zählt mit ca. 61000 Einwohner zu den größeren Städten Thüringens. Weimar ist aufgrund seiner kulturellen Bedeutung Anziehungspunkt für ca. 3 Mio. Touristen jährlich.

1.2. Stadtgeschichtliche Entwicklung

Funde aus der Altsteinzeit belegen, daß Weimar seit alters her Raum menschlicher Ansiedlungen ist. Die Stadtentwicklung geht von drei Keimzellen aus, die alle den Namen ,,Weimar" getragen haben: Zum einen ist es die Burg Weimar, ehemals auf einem Bergsporn in geringer Höhe, an der

Stelle des heutigen Schlosses gelegen, die Platzwahl deutet auf eine frühzeitliche Anlage hin. Weitere Keimzellen sind Oberweimar und die Jakobskirche. Die Burg Weimar und Oberweimar sind im Zusammenhang mit dieser Arbeit zu vernachlässigen, wichtigste Keimzelle ist somit die Jakobskirche, nachweislich der älteste Teil der Stadt und zugleich Ausgangspunkt des Wachstums Weimars.

Die Jakobskirche mit umliegender Siedlung war eine befestigte Wehranlage auf der höchsten Erhebung innerhalb eines sumpfigen Gebietes.

Im Verlauf der Stadtentwicklung spricht man bei der Jakobskirche und der umliegenden

Siedlung von der Jakobsvorstadt (im Anhang finden sich hierzu einige historische Karten zur Stadtentwicklung.)

Die erste urkundliche Erwähnung ist auf das Jahr 975 durch Otto II. , als ,,Wismares" zurückzuführen.

Seit 1254 ist Weimar Stadt.

Die erste Stadterweiterung erfolgt Anfang des 14. Jh., die Siedlung breitet sich Richtung Süden (bis zur heutigen Puschkin- und Schillerstraße) aus. Damit geht der Bau einer Stadtbefestigung einher, in die die Jakobsvorstadt nicht mit eingeschlossen wird.

Die Fertigstellung der Befestigungsanlage, eine Stadtmauer mit vier Toren und zehn Türmen, erfolgt jedoch erst Mitte des 16. Jh. Heute sind nur noch zwei Türme und ein kleines Stück Stadtmauer erhalten (s. Dias 4 u.5).

1547 wird Weimar zur Residenz des Herzogs Wilhelm erhoben. Dadurch erlebt die Stadt nicht nur einen wirtschaftlichen Aufschwung, sondern erfährt auch neue Impulse. So beginnt eine rege Bautätigkeit, eine Reihe von repräsentativen Bauten entsteht, die auch heute noch vorhanden und Zeuge dieser Zeit sind; wie z.B. das rote Schloß und das grüne Schloß. Während des 30jährigen Krieges (1618-1648) erlebt Weimar den wirtschaftlichen Niedergang, die Stadtentwicklung stagniert.1

Anfang des 18.Jh. kommt es zur Errichtung weiterer Repräsentationsbauten, z.B. des Goethehauses am Frauenplan (s. Dia 6).

1757 wird die Stadtmauer abgerissen, damit sich die Stadt ungehindert ausdehnen kann.

1775 kommt Goethe nach Weimar und nimmt großen Einfluß auf die Entwicklung der Stadt. Die klassische Periode Weimars beginnt, die Stadt wird zum geistig-kulturellen Zentrum für Kunst und Literatur.

Die klassische Bauperiode wird von Coudray, der 1816 nach Weimar kommt, unterstützt. Der ,,Graben" und der ehemalige Jugendklub (heute das Lesemuseum) sind nur einige der damals entstandenen Bauten (s. Dias 2, 3 u. 22).

1815 wächst Weimar über seinen mittelalterlichen Stadtumfang hinaus.

1860 wird die Kunsthochschule gegründet, später dann das Bauhaus, welches 1925 allerdings nach Dessau verlegt wird.

1919 wird die Weimarer Republik ausgerufen.2

Schwere Luftangriffe während des Zweiten Weltkrieges (1943) verursachen gravierende Zerstörungen in der Stadt.1

Während der DDR-Zeit kommt es in Weimar zu einer Entwicklung voller Widersprüche. Zwar bekommt die Stadt eine herausgehobene Stellung zuerkannt, die von der SED mit dem ,,klassischen Erbe" begründet wird, einzelne Einrichtungen kommen auch in den Genuß spezieller Förderung, ganzheitlich betrachtet ist jedoch sowohl die Förderung und Entwicklung als auch die Instandhaltung der Stadt voller Defizite. Darin liegt auch der Verfall historischer Bausubstanz und der Niedergang einzelner Kultureinrichtungen in den letzten Jahrzehnten begründet.

2. Modellstadt Weimar

2.0. Städtebauliche Modellvorhaben

Die Städtebaulichen Modellvorhaben beziehen sich auf Städte in den Neuen Bundesländern. Im April 1990 wurden fünf Städte der damaligen DDR in das Städtebauförderungsprogramm der BR Deutschland aufgenommen, je Bundesland eine Stadt.

Das Land Thüringen erwählte Weimar.

Später wurden weitere Städte aufgenommen, so daß nun insgesamt 21 Städte an diesem Förde rungsprogramm teilhaben. In Thüringen sind das neben Weimar, Jena, Mühlhausen und Mühlberg (s. im Anhang Abb.4).3

2.1. Konzeption des Modellvorhabens

Städte des Modellvorhabens sollen überschaubare, mittelgroße Kreisstädte in verschiedenen Regionen (Bundesländern) der ehemaligen DDR sein.

Der Erhalt der städtebaulichen Struktur soll gewährleistet sein, Bausubstanz soll durch Instandsetzung auch für die Zukunft erhalten, und durch behutsame Sanierung soll eine zeitgemäße und moderne Nutzung ermöglicht werden.

Mit den Modellvorhaben will man zeigen, welche Möglichkeiten und Wege der Stadterneuerung im besonderen Maße geeignet sind, um diese nach den Wünschen der Bürger durchzuführen.3

Dieses Vorhaben soll möglichst schnell konkrete Zeichen setzten.

Durch Sofortmaßnahmen sollen in einem kurzen Zeitraum erste Erfolge geschaffen werden. Ziel ist es, die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt zu erhöhen.

Langfristig ist man bestrebt, den Aufbau einer kommunalen Trägerschaft und Planungshoheit, einer umfassenden Bürgerbeteiligung und die Mobilisierung privater Initiativen und Kräfte zu erreichen.

Dieses Vorhaben soll realisiert werden durch eine enge inhaltliche Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Städtebaus zwischen Alten und Neuen Bundesländern, und durch die Erprobung des städtebaulichen Sanierungsrechts des BauGB in der ehemaligen DDR. Vorhandene Erfahrungswerte der Bundesrepublik sollen helfen, an eventuellen Erfolgen anzuknüpfen und bereits begangene Fehler nicht zu wiederholen.

Jeder Modellstadt steht ein Sanierungsträger zur Seite, der die Aufgaben betreut und koordiniert. In Weimar ist das die Deutsche Stadtentwicklungsgesellschaft (DSK). Die DSK ist gleichzeitig auch Treuhänder der Stadt.

Aufgaben und Befugnisse zwischen der Stadt und der DSK sind vertraglich geregelt.

Die DSK übernahm Anfang 1990 als Treuhänder der Stadt wesentliche Aufgaben. Mit Hilfe dieses Sanierungsträgers wird die städtische Verwaltung entlastet.

Grundlage ist auch hier das BauGB, hoheitliche Aufgaben kann die DSK nicht übernehmen.4

Die Grundfinanzierung für diese Vorhaben soll aus Quellen erfolgen, die prinzipiell jeder anderen Stadt auch zur Verfügung stehen. Die Kategorien der Finanzierung sollen übertragbar sein.

Die Modellvorhaben sollen stellvertretend für den gesamten Stadterneuerungsprozeß in den Neuen Bundesländern stehen. Durch diese Vorhaben soll der Erneuerungsprozeß verdeutlicht werden.

Für Weimar ist durch die Aufnahme in das Förderungsprogramm eine frühzeitige und zielgerichtete Sanierung möglich geworden.5

2.2. Zur Auswahl Weimars

Das zur Aufnahme in das Förderungsprogramm wesentliche Auswahlkriterium ,,Kreisstadt mittlerer Größe" trifft uneingeschränkt auf Weimar zu.

Aber auch andere Gründe waren ausschlaggebend, so ist Weimar eine mittelalterliche Stadt mit besonderem Kulturbesitz, Geistes-, Kultur- und Nationalgeschichte, die Anfänge des Bauhauses finden hier ihren Niederschlag.3

Bei der Auswahl Weimars stellt sich die Frage, ob die besondere kulturelle und klassische Bedeutung dieser Stadt nicht Anstoß für die Auswahl zur Modellstadt war. Ganz zu verneinen ist diese Behauptung nicht.

Gewiß hat Weimar Modellcharakter. In der Stadt bestehen eindeutig mittelalterliche Strukturen und Straßensysteme, die auch heute noch eine hohe Kongruenz mit dem damaligen Straßenbild haben.

Nennenswert ist in diesem Zusammenhang auch die harmonische Mischung von Gebäuden unterschiedlicher Entstehungszeiten, so findet man in Weimar z.B. eine Vielzahl klassischer Bauten. Repräsentative Bürgerhäuser und dominante bauliche Anlagen wechseln mit einfachen Handwerkshäusern ab. Um das Schloß, den alten Siedlungskern, finden sich einfache, schlichte Häuser, um öffentliche Plätze, wie den Markt und den Herderplatz, bürgerliche Gebäude.

Wenn auch nicht explizit genannt, fiel die Auswahl zur Modellstadt sicherlich auch wegen seiner kulturellen Stellung auf Weimar, denn als Kulturzentrum ist die Stadt sowohl von nationaler als auch von internationaler Bedeutung und zieht jährlich Millionen von Touristen an.

2.3. Aufgabenschwerpunkte des Modellvorhabens

Aufgabenschwerpunkte dieses Modellvorhabens sind die Durchführung unaufschiebbarer Sanierungsarbeiten an Gebäuden, wie z.B. Dachsanierungen und -sicherungen, aber auch einzelne Sanierungsmaßnahmen mit besonderer Bedeutung für die Innenstadterneuerung. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Identifikations- und Lernwert der Bürgerinnen und Bürger der Stadt gelegt.

Weitere Schwerpunkte sind die denkmalpflegerische Sanierung des Stadtzentrums und der Erhalt der historischen Altstadt.

Innerhalb dieses Vorhabens soll ebenfalls die technische Infrastruktur verbessert werden, übergreifende städtebauliche Rahmenpläne und verschiedene Konzepte (z.B. Verkehrs- und Versorgungskonzepte) sollen als Grundlage für weitere Maßnahmen entwickelt werden.6

2.4. Finanzierung und Fördermittel

Das Konzept der Städtebaulichen Modellvorhaben sieht vor, daß die Grundfinanzierung zur Durchführung der Maßnahmen aus Quellen stammt, die prinzipiell jeder anderen Stadt auch zur Verfügung stehen. Die Grundfinanzierung soll also in übertragbaren Kategorien von statten gehen (s.o.).

Die Finanzierung des Vorhabens in Weimar läuft sowohl auf privater als auch auf öffentlicher Ebene ab (s. Abb.14) :

Finanzierung auf privater Ebene

Die Förderung von privaten Instandsetzungs- und Modernisierungsmaßnahmen erfolgt nach den ,,Richtlinien zur Gewährung von Städtebaufördermitteln zur Durchführung von Instandsetzungs- und Modernisierungsmaßnahmen in den Sanierungsgebieten [...]".7 Antragsberechtigt sind Hauseigentümer über die Stadt Weimar, förderungsberechtigt sind Gebäude, einschließlich des Wohnumfeldes, die in Sanierungsgebieten liegen. Kosten, die nicht durch Mieteinnahmen gedeckt sind, werden in rentierliche Kosten (Darlehen) und unrentierliche Kosten (Zuschuß) gegliedert. Zunächst werden die Gelder als ein zins- und tilgungsfreies Darlehen gewährt, welches sich nach Ablauf einer bestimmten Bindungsfrist (ca. 10 Jahre) ganz oder teilweise in einen Zuschuß umwandelt.8 Grundsätzlich sollen sich Hauseigentümer mit 15 % an den Gesamtkosten beteiligen, diese Eigenbeteiligung muß jedoch nicht pekuniärer Art sein, sondern kann auch über handwerkliche Leistungen erbracht werden. Weitere 10 % der Gesamtkosten sind von der Stadt zu tragen.

Bei größeren Maßnahmen, für die eine Baugenehmigung erforderlich ist, muß der Eigentümer einen Architekten mit der Betreuung der Maßnahmen beauftragen. Die dadurch entstehenden Kosten sind ebenfalls förderungswürdig.

Wird die Förderung beschlossen, erfolgt ein Modernisierungsvertrag zwischen der Stadt Weimar und dem Hauseigentümer, die Laufzeit eines solchen Vertrages beträgt in der Regel 10 Jahre (s. Anhang, Abb. 5 ff.)4.

Finanzierung auföffentlicher Ebene

Öffentliche Städtebaufördermittel werden in Weimar zur Instandsetzung und Modernisierung von Gemeinbedarfseinrichtungen bewilligt, wenn dies zum Erreichen des Sanierungszieles erforderlich und die Finanzierung durch andere Mittel nicht gedeckt ist. Andere Mittel können Eigenleistungen der Stadt, aber auch Fremdmittel sein. Mit Hilfe der Städtebauförderung sollen städtebauliche Mißstände und Mängel behoben, historische Stadtteile gesichert und erhalten werden.

Die Fördermittel waren anfangs in Weimar sehr hoch, wenn auch nicht ausreichend für den immensen Nachholbedarf an Maßnahmen.

Anfang 1990 fehlte es in der ehemaligen DDR noch an Länderstrukturen, folglich gab es keine Landes- und Stadtverwaltungen, die über Fördergelder verfügen und diese verteilen konnten.

Die ersten Gelder, die bereitgestellt wurden, kamen aus dem damaligen Reise- und Devisenfonds, für jede der damals noch fünf Modellstädte waren es 27 Mio. DM.

Nach der Währungsunion verwaltete das Bundesministerium für Raumordnung und Städtebau die Gelder.9

Anfang 1992 war die Länderstruktur hergestellt, die öffentliche Struktur war geschaffen.

Dies hatte zur Folge, daß das Geld eine breitere Verteilung erfuhr, und auch anderen Städten mehr Gelder für ihren Aufbau bewilligt wurden.

Für Weimar bedeutete dies harte Einschnitte in den Fördergeldern.

Ab 1992/1993 wird Weimar im Rahmen der Städtebauförderung vom Land Thüringen unterstützt.10

Fördermittel der Stadt Weimar:

- Projektfonds (1990): (27 Mio. DM aus Reise- und Devisenfonds)

- Sofortprogramm (1990/91) (ca. 17 Mio. DM
- 25 Mio. DM ·42 Mio. DM)

- Bund-Länder-Programm

- Programm Städtebauliche Modellvorhaben (s. Tab.1)

Tab.1: Bewilligte Fördermittel im

Rahmen des Städtebauförderungsprogrammes in DM11

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Nach: Stadtsanierung Weimar, 1996

In Weimar kam es durch diese Mittel bis zum März 1997 zur teilweisen bzw. komplexen Sanierung von 19 öffentlichen Gebäuden.

Bisher wurden z. B. der Graben, das Deutsche Nationaltheater, der Marktplatz... gefördert und fertiggestellt.

Heute hat die Stadt ca. 6-10 Mio. DM jährlich an Fördermitteln zur Verfügung, 1991 war die Summe etwa fünfmal so hoch.

Nach den drastischen Einschnitten bei den Fördergeldern sind die heute zur Verfügung stehenden Mittel natürlich nicht ausreichend, um alle Maßnahmen zufriedenstellend durchzuführen.11

Weimar erhielt im Vergleich zu anderen Städten in den letzten Jahren überdurchschnittlich viele Fördergelder, was vor allem von anderen Städten häufig kritisiert wurde. Mit Hilfe dieser Fördergelder war es allerdings auch möglich, schnell, zielgerichtet und systematisch mit den komplexen Sanierungsaufgaben zu beginnen und somit schnell erste erfolge zu erzielen.12

2. Grundlagen städtebaulicher Planungen

Als Planung bezeichnet man die ,,gedankliche Vorwegnahme von künftigen Handlungsschritten zur Erreichung eines erwünschten Zustandes".13

Die Qualität von Planungen hängt eng mit den zugrundeliegenden Daten und Prognosen, ihrer laufenden Fortschreibung und Anpassung zusammen.

Nach dem Baugesetzbuch sind Städte und Gemeinden ,,berechtigt und verpflichtet, die städtebauliche Verpflichtung und Ordnung des Gemeindegebietes im Rahmen der Gesetze zu lenken."14

Kernziel ist das Abwägen verschiedener Interessensgruppen und das Verhindern von Fehlentwicklungen, ,,eine Entwicklung zum Wohle der Allgemeinheit [ist] anzustreben" (vgl.§1, Abs.5 BauGB).

Die Vorbereitung und Durchführung der Sanierung der Altstadt von Weimar erfolgt ebenfalls entsprechend der gesetzlichen Grundlagen des Baugesetzbuches (vgl. § 140 ff.). Grundlage für die Durchführung einer förmlichen Sanierungsmaßnahme ist demnach die vorbereitende Untersuchung (§141 BauGB).

Hierbei handelt es sich um ein festgelegtes raumplanerisches Element, mit dessen Hilfe planerische Grundlagen erarbeitet, nötige Daten gewonnen und städtebauliche Mißstände erhoben werden.

Von städtebaulichen Mißständen in der Substanz spricht man, wenn ein Gebiet in seiner Beschaffenheit den allgemeinen Anforderungen an gesunde und sichere Verhältnisse nicht mehr entspricht, städtebauliche Mißstände in der Funktion hingegen liegen vor, wenn das Gebiet die Aufgaben nicht mehr erfüllen kann, die ihm obliegen, bzw. in seiner Erfüllung beeinträchtigt ist.

Außerdem sollen bei der vorbereitenden Untersuchung auch die nachteiligen Auswirkungen auf betroffene Bürger ermittelt und dargestellt werden. Hier spricht man von Sozialplanung. Die vorbereitende Untersuchung fand in Weimar vom 23.01.1991 - zum 06.04.1992 statt. Hierbei stellte sich heraus, daß viele Daten zum Gebäudebestand unvollständig waren, bzw. völlig fehlten.15

Daraufhin wurden 20 Weimarer Architekturbüros mit einer Bestandsanalyse zu den Grundstückserhebungen im Sanierungsgebiet beauftragt.

Parallel dazu wurden weitere Gutachten erstellt.

Die Ergebnisse sämtlicher Untersuchungen bildeten somit die Grundlage für den

Rahmenplan.

Die städtebauliche Rahmenplanung gehört nicht zu den gesetzlich geregelten Bauleitplänen. Sie hat keine unmittelbar rechtliche Bedeutung.

Da es sich bei der Rahmenplanung jedoch um eine integrierte Planung handelt, d.h. das sektorale Konzepte und verschiedene Fachplanungen zusammen laufen, bietet sie eine wichtige Entscheidungshilfe.

Im Rahmenplan werden Entwicklungsziele verbunden und differenziert festgelegt, und Aussagen zu Standortentwicklungen und zur zeitlichen Reihenfolge von Maßnahmen getroffen.

Nach dem BauGB handelt es sich hierbei um informelle Planung, die Ziele und Maßnahmen herleitet und begründet.

Die Stadt Weimar hat die Gruppe Planwerk Anfang 1991 mit der Erstellung der Rahmenplanung betraut, Anfang 1994 wurde die Arbeit von der Gruppe und weiteren 17 Weimarer Architektur- und Planungsbüros beendet (s. Anhang Abb. 13).16 In Weimar lag aufgrund von besonders drängenden Maßnahmen und fehlender planerischer Grundlagen ein besonderer Entwicklungsdruck vor.

Die Bearbeitung lief zielgebunden und parallel ab, d.h. Analyse, Zielfindung und Konzeptentwicklung wurden nicht in verschiedenen Sequenzen, sondern zeitgleich und ineinandergreifend entwickelt, so wurde z.B. die Untersuchung zur Festlegung des förmlichen Sanierungsgebietes vorgezogen und am 30. Oktober 1991 wurde in der Stadtverordnetenversammlung der Beschluß über das förmliche Sanierungsgebiet ,,Weimarer Innenstadt" gefaßt.17

Die Rahmenplanung hat also keine unmittelbar rechtliche Bedeutung, ist jedoch eine wichtige Entscheidungshilfe.

Der Rahmenplan ist Grundlage für Bürgerbeteiligungen, entscheidendes Instrument zur Gewinnung von Abwägungsunterlagen, und außerdem können erforderliche und gesetzlich definierte Bebauungspläne aus dieser integrierten Planung abgeleitet werden.18

Als Kernziel wurde die ,,Entwicklung zum Wohle der Allgemeinheit" und die Vermeidung von Fehlentwicklungen genannt. Um das möglichst optimal zu erreichen, ist die zweistufige, gesetzlich definierte Bauleitplanung entscheidendes Instrument.

Die erste Stufe ist der Flächennutzungsplan (FNP), auch als vorbereitender Bauleitplan zu verstehen, der den planerischen Willen zum Ausdruck bringt und die Selbstbindung der Gemeinde bewirkt. Der FNP stellt die angestrebte städtebauliche Entwicklung dar. Er basiert auf der Grundlage vieler anderer Gutachten und Konzepte.

In Weimar wurde der Vorentwurf des FNP im November 1990 genehmigt und zwei Monate später gemäß der Richtlinien ausgelegt.

Der FNP ist die Grundlage für den Bebauungsplan, den rechtlich verbindlichen Bauleitplan. Er ist das Instrument für städtebauliche Ordnungsaufgaben. Die Nutzung der Grundstücke und Gebäude in der Stadt wird durch ihn bestimmt.

Nach seiner Verabschiedung sind alle Festsetzungen in diesem Plan rechtsverbindlich.

Beim Aufstellen der Bauleitplanung ist das ,,Abwägungsgebot" einzuhalten. Die Abwägung zwischen öffentlichen und privaten Interessen muß sorgfältig und gewissenhaft erfolgen, ansonsten sind die festgesetzten Planungsziele anfechtbar. [1819]

4. Lage, Abgrenzung und Charakteristika der Sanierungsgebiete

4.0. Sanierungsgebiete in Weimar

In Weimar gibt es zwei Sanierungsgebiete: das Sanierungsgebiet ,,Weimarer Innenstadt" und das Sanierungsgebiet ,,Nördliche Innenstadt".

Das Gebiet ,,Weimarer Innenstadt" wurde am 16.10.1991 von der Stadtverordnetenversammlung förmlich festgelegt.

Sechs Jahre später, am 17.12.1997, wurde mit Beschluß des Stadtrates die ,,Nördliche Innenstadt" zum zweiten Sanierungsgebiet Weimars erklärt.20

Mit den Städtebaulichen Modellvorhaben steht das Sanierungsgebiet ,,Nördliche Innenstadt" nicht in direktem Zusammenhang. Es soll in dieser Arbeit nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

4.1. Sanierungsgebiet ,,Nördliche Innenstadt"

Die ,,Nördliche Innenstadt" ist seit Ende 1997 förmlich festgelegtes Sanierungsgebiet (s. Abb.11).

Es ist das zweite Sanierungsgebiet in der Stadt, daran wird der offensichtlich hohe Handlungsbedarf im Bereich der Stadtsanierung deutlich.

Trotz der späten förmlichen Festlegung, wurde bereits 1993 mit der Sanierung in diesem Gebiet begonnen.

Das Gebiet erstreckt sich vom Hauptbahnhof im Norden bis zum Rathenauplatz und der Eduard-Rosenthal-Str. im Süden. Im Südosten begrenzt das Gebiet ,,Am Kirschberg" das Sanierungsgebiet.

Im Osten wird das Gebiet von der Schlachthofstraße, im Westen von der Falkenstraße und dem Zeppelinplatz eingeschlossen.

Die Sanierung in der ,,Nördlichen Innenstadt" kann wegen angespannter Haushaltslage nur innerhalb eines weitaus bescheideneren Finanzrahmens erfolgen, als das in der Altstadt der Fall ist.

Im Zeitraum von 1991 bis 1997 wurden 9,9 Mio. DM Städtebaufördermittel zur Verfügung gestellt, die Stadt Weimar steuerte 3,3 Mio. DM hinzu. Für Einzelprojekte, z.B. für das Frauenhaus, das Kinder- und Jugendzentrum etc. flossen weitere 15 Mio. DM Fördergelder.20

4.2. Sanierungsgebiet ,,Weimar Innenstadt"

Dieses Sanierungsgebiet umfaßt die historische Altstadt, einschließlich der Jakobsvorstadt und schließt somit das traditionelle Zentrum mit seinen merkantilen und dienstleistungsbezogenen Versorgungsfunktionen ein.

Es liegt im Herzen der Weimarer Innenstadt, die sich innerhalb des gesamten städtischen Siedlungsgefüges relativ klar abgrenzen läßt.

Im Osten wird das Gebiet durch die Ilm und die Parkanlagen abgegrenzt, hierbei handelt es sich um eine naturräumliche Barriere der Siedlungsentwicklung.

Im Norden begrenzt das ,,Gauforum", ein unmaßstäblich großes und als städtebaulicher Mißstand definiertes Gebäude das Sanierungsgebiet (s Anhang Abb.10). Es trennt die Jakobsvorstadt vom Bahnhofsviertel.

Im Westen reicht das Sanierungsgebiet über die historische Stadtgrenze hinaus bis hin zur Washingtonstraße und schließt den Bereich beidseitig der Coudraystraße mit ein.21

Bei diesem Areal handelt es sich um einen Bereich mit großem Entwicklungspotential, momentan wird er hauptsächlich von der Universität genutzt. Städtebaulicher Mißstand ist hier eine große, zur Zeit als Parkplatz genutzte Fläche.

Im Süden begrenzen die Steubenstraße und die Geschwister-Scholl-Straße das Gebiet.

Die Steubenstraße ist eine Straße mit überörtlicher Verbindungsfunktion, die zum Teil jedoch auch als Barriere wirkt.

Das Sanierungsgebiet hat eine Größe von 93,5 ha, davon entfallen 46,6 ha auf die historische Altstadt und die Jakobsvorstadt.22

Der Bereich der historischen Altstadt bildet den eigentlichen Kern des historischen Ensembles Weimars, hier konzentrieren sich die Siedlungselemente, die den Charakter Weimars prägen. In der Altstadt ist das mittelalterliche Straßen-, Gassen- und Platzsystem noch weitgehend vorhanden: dominante bauliche Anlagen, wie z.B. das Schloß oder das Rathaus, die für die Altstadt kennzeichnende Randbebauung mit kleinteiligen Läden im Erdgeschoß und der Wohnfunktion im Obergeschoß sind in ihrer Struktur erstaunlich gut erhalten. Überformungen und Beeinträchtigungen dieses Raumgefüges sind nur in einigen Teilbereichen vorhanden und hauptsächlich durch Abrisse oder Neubauten entstanden.

Bezeichnend für Weimar sind ebenso die Gebäude aus den verschiedenen baulichen Epochen, die in einer harmonischen Mischung das Stadtbild angenehm prägen. Charakteristisch ist der Wechsel von repräsentativen Bürgerhäusern zu einfachen Handwerkerhäuser. Dieser Wechsel vollzieht sich von einem Straßenzug bzw. - bereich zum anderen. Im Bereich des Schlosses, sowie in weiteren nördlichen Teilbereichen herrscht eine hohe Bebauungsdichte mit kleinzelliger Struktur vor, während in der Nähe von öffentlichen Platzräumen verstärkt bürgerliche Strukturen aufzufinden sind.

Die Altstadt ist geprägt durch traditionelle Mischungen aus Läden, Handwerk und Wohnen, einige Repräsentationsbauten sind ebenso vorzufinden.

Bis zum Schleifen der Stadtmauer war hier das eigentliche städtische Zentrum.

Diese Merkmale kennzeichnen auch heute noch maßgeblich die Struktur der Altstadt, damals wie heute befindet sich hier das attraktive städtische Zentrum.

In der ehemaligen DDR war die gesamte Altstadt als Flächendenkmal unter Schutz gestellt. Dieser Schutzstatus ist mittlerweile in das Denkmalschutzgesetz des Landes Thüringens übernommen worden.

Die Jakobsvorstadt weist die ältesten Siedlungsstrukturen auf.

Charakteristisch sind hier die zwei-, seltener auch dreigeschossigen einfachen Handwerkshäuser in Blockrandbebauung. Handwerksbetriebe oder kleine Läden waren im Erdgeschoß angesiedelt, während oben kleine Wohneinheiten zur Verfügung standen. Die Hinterhöfe wurden vielfach gewerblich genutzt.

Zum Graben hin (südl. Jakobsvorstadt, s. auch Dias 2 u. 3) wird die Bebauung dichter und mehrgeschossiger, sie stammt überwiegend aus der Gründerzeit.

Typisch für die Jakobsvorstadt ist die kleinzellige Struktur mit ihren relativ engen Gassen. Markantes raumbildendes Wahrzeichen ist die Jakobskirche mit Kirchhof. Der Stadtgrundriß der Jakobsvorstadt mit seinem Gassen- und Straßensystem ist weitgehend erhalten geblieben. Wesentliche Überformungen fanden jedoch auch statt, so ist mit dem Bau des ,,Gauforums" in den 30er Jahren historische Bebauung zerstört und unmaßstäblich überformt worden.

Auch durch den Bau des Studentenwohnheimes am Jakobsplan in den 70er Jahren wurde der historische Platzraum zerstört (s. Dia18 u. 20).23

Während der historische Stadtgrundriß trotz genannter Überformungen noch gut erkennbar ist, verhält es sich mit dem historischen Stadtaufriß anders. Das räumliche Ensemble wurde an vielen Stellen durch Kriegszerstörungen oder durch Abrisse beeinträchtigt. Dies ist vor allem im nördlichen Teil des Gebietes der Fall, wo das Stadtbild durch großflächige Brachen beeinträchtigt wird.24

Gravierende Mißstände ergeben sich im Stadtbild vor allem durch die jahrzehntelange Vernachlässigung vieler Gebäude.

Heute bereitet besonders der Entwicklungsdruck Probleme in der Jakobsvorstadt.

Durch die attraktive, zentrumsnahe Lage und die freien Brachflächen besteht ein Entwicklungsdruck, der leicht zu städtebaulichen Fehlentscheidungen und zu weiteren Überformungen führen könnte. Hier sind Vorsicht und Feingefühl geboten.25

5. Planungs- und Sanierungsziele in Weimar

Für die städtebauliche Entwicklung des Sanierungsgebietes ,,Weimar Innenstadt" sollen folgende Leitvorstellungen und Entwicklungsziele gelten:

1. Die Altstadt von Weimar soll einschließlich der Jakobvorstadt mit ihren kulturhistorischen Werten und stadtbildprägenden Elementen als kulturelles Gesamtensemble von nationaler Bedeutung erhalten werden.

Dieses Ziel ist an den Erhalt des überkommenen Stadtgrundrisses der Altstadt, einschließlich der Jakobsvorstadt, mit dem öffentlichen Straßen-, Gassen- und Platzsystem, sowie an den Erhalt der Bau- und Freiflächenstruktur und der Sicherung des Bestandes durch eine Erhaltungssatzung gebunden.

2. Die Altstadt ist als Standort kultureller Einrichtungen von nationaler und internationaler Bedeutung zu sichern und zu entwickeln.

An dieses Ziel ist die Herausarbeitung der altstadttypischen Struktur- und Gestaltungsmerkmale, wie Maßstäblichkeit, Proportion und Baustil, als Maßstab für die Entwicklung der Altstadt und der Jakobvorstadt gebunden. Zudem soll eine Gestaltsatzung die unterschiedlichen Entwicklungsschwerpunkte für Teilräume berücksichtigen.

3. Die Entwicklung der Altstadt als merkantiles Zentrum für die Versorgung der Weimarer Bevölkerung und ihres Einzugsgebietes ist als drittes Entwicklungsziel zu nennen.

Damit soll die Sicherung und Entwicklung der kulturellen und sozialen Gemeinbedarfseinrichtungen einhergehen.

4. Die Erhaltung und Stärkung der Altstadt und Jakobsvorstadt als Wohnort für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen ist mit Bindung an das Erarbeiten eines differenzierten Verkehrskonzeptes zu sichern.

Durch das Verkehrskonzept soll eine Verringerung des motorisierten Individualverkehrs zugunsten einer hohen Geh- und Aufenthaltsqualität in den Straßen, Gassen und Plätzen erreicht werden. Maßnahmen zur Verbesserung des ÖPNV und für ein Parkraumkonzept für Anwohner, Beschäftigte, Einkäufer und Touristen sollen entwickelt und durchgeführt werden.26

6. Planung und Sanierung in Weimar: Die Jakobsvorstadt

6.0. Die Jakobsvorstadt

Wie bereits oben erwähnt, ist die Jakobsvorstadt nachweislich der älteste Stadtteil Weimars. Einstmals aus der Stadtbegrenzung ausgegrenzt und auch zu DDR-Zeiten sehr stark vernachlässigt, gehört das 4 ha große Gebiet heute wieder zum Altstadtkern und Stadtzentrum.

Es ist begrenzt durch die Straßenzüge Jakobsstraße - Friedenstraße - Karl-Liebknecht-Str. - Graben (eine Karte hierzu findet sich im Anhang).

Markantes raumbildendes Wahrzeichen ist die Jakobskirche mit dem Kirchhof.

Während der DDR lag das Hauptaugenmerk bei Sanierungs- und Erneuerungsprozessen in der Altstadt. Die Vernachlässigung, welche die Jakobsvorstadt erfahren hat, hatte einen sehr starken Verfall zur Folge.

Im Rahmen der Stadtsanierung gehört die Jakobsvorstadt zu den wichtigsten Projekten (s. Anhang Abb.12 und Dias 2, 3, 16 u. 17).

6.1. Planungsziel und Problemstellung in der Jakobsvorstadt

Planungsziel in der Jakobsvorstadt ist, dieses verfallene Gebiet wieder zu revitalisieren.

Dadurch, daß das Gebiet heute wieder dem Altstadtkern und Stadtzentrum zugerechnet wird, ergeben sich neue Anforderungen an die baulichen Qualitäten, an die Nutzungen, Anbindungen und Wegebeziehungen.

Der historische Grundriß ist mit seinen kleinen Gassen und Straßen weitgehend erhalten und fügt sich zudem an den Grundriß der Altstadt an.

Der Stadtaufriß weist jedoch viele Defizite und Mißstände auf, die durch Kriegszerstörungen, Abrisse und Neubauten verursacht wurden.

Durch den Bau des Gauforums und die damit einhergehende Aufschüttung des Asbachtals im Jahre 1937 wurde die Nord - Süd - Achse (Jakobsstraße und nördliche Anbindung) unterbrochen. Dies hat wesentliche Auswirkungen auf die Wirtschaftsstruktur und die funktionellen Zusammenhänge (s.Abb. 10).

Anfang der 70er Jahre entstand der elfgeschossige Plattenbau am Jakobsplan. Dieses Gebäude sollte ein Pendant zum Gauforum darstellen.

Dies ist nicht gelungen, vielmehr hat man durch diesen Bau die mittelalterliche Struktur in diesem Bereich der Jakobsvorstadt und die ,,Silhouette der Stadt Weimar" zerstört27, somit die Lage zusätzlich verschlimmert und einen zweiten städtebaulichen Mißstand geschaffen. Flächenabrisse in der Jakobsstraße, der Roll- und Friedensgasse in den 80er Jahren haben weitere städtebauliche Probleme in diesem Bereich geschaffen.

Heute bereitet vor allem der Entwicklungsdruck Probleme in der Jakobsvorstadt.

Durch die attraktive, zentrumsnahe Lage und die freien Brachflächen besteht ein Entwicklungsdruck, der leicht zu städtebaulichen Fehlentscheidungen und zu weiteren Überformungen führen könnte. Hier sind Vorsicht und Feingefühl geboten.

Mit der Stadtsanierung soll diesen Problemen begegnet werden.

Das Gebiet soll aus städtebaulicher, funktionaler und gestalterischer Sicht qualitativ aufgewertet werden, die vorhandene Bausubstanz soll revitalisiert werden.

Abrisse sind zu vermeiden, die Sanierung ist, sofern dies nur eben möglich ist, vorzuziehen.

Im Planungsziel sind deshalb wichtige Faktoren berücksichtigt:

Die Randbereiche ( Karl-Liebknecht-Straße, Friedensstraße, Graben und Jakobsstraße), sowie Teile des Rollplatzes werden als besonderes Wohngebiet ausgewiesen. Die nördliche Jakobsstraße soll über das Gauforum zur Carl-August-Allee angebunden werden. Die in diesem Zusammenhang entstehende Neubebauung soll kleinzellig ausfallen, die Jakobstraße soll als wesentliche Geschäftsstraße wieder belebt werden. Um diese Revitalisierung zu erreichen, muß eine generelle Aufwertung vorhandener Läden erfolgen, leerstehende Geschäftsräume müssen wieder nutzbar gemacht werden. Außerdem muß eine Ansiedlung kleinteiliger, nicht störender Gewerbe erfolgen, die Erdgeschosse von Neubauten sind zu Geschäftsräumen umzufunktionieren.

In diesem Zusammenhang soll die Wohnfunktion in den Obergeschossen wieder verstärkt gefördert werden.

Das Studentenwohnheim am Jakobsplan soll abgerissen und durch eine kleinzeilige Neubebauung in einer dem Straßenbild angemessenen Höhe ersetzt werden. Dies kann jedoch erst geschehen, wenn ausreichend Ersatzwohnraum für die dort lebenden Studenten geschaffen wurde.

Als weiteres Ziel ist die Versorgungsstruktur zu nennen. Die leerstehenden Brachflächen üben eine starke Anziehung auf Investoren aus. Hier muß unbedingt versucht werden, einer weiteren Zerstörung des Stadtbildes Einhalt zu gebieten.

In Bereichen der Friedensstraße (Blockrand zwischen Karl-Liebknecht-Straße und Friedensgasse) hat man sich als Ziel gesetzt, die Nutzung dieser Straße, entsprechend ihrer Lage an der Hauptverkehrsstraße, entscheidend zu verbessern.

Der Innenbereich der Jakobsvorstadt, das ,,grüne Herz", als allgemeines Wohngebiet ausgewiesen, soll beibehalten werden, Neubauten sollen ausschließlich der Funktion Wohnen dienen, wobei kleinere Geschäfte und nicht störendes Gewerbe durchaus denkbar wären. Der altstadttypische Maßstab ist jedoch auch hier unbedingt zu wahren. Maßnahmen im Bereich der Verkehrsberuhigung sollen zudem die Wohnqualität erhöhen. Ziel ist desweiteren die Neugestaltung des Gauforums. Das Gebäude als solches soll als Ensemble ein Mahnmal an die NS-Zeit sein. In diesem Bereich geht es vor allem um die Aufwertung des Umfeldes. Das Gebäude wird derzeit von Universität und Stadtverwaltung genutzt, das Umfeld dient größtenteils als Parkplatz.

Insgesamt soll die Jakobsvorstadt revitalisiert werden. Der Bereich soll durch Geschäfte und Gewerbe belebt werden. Außerdem soll das Gebiet wieder zum altstädtischen Wohnstandort für breite Bevölkerungsschichten und nicht nur für Einkommensschwache, wie das heute der Fall ist, werden.

6.2. Erste Erfolge

Erste Erfolge sind in der Sanierung der Jakobsvorstadt bereits zu verzeichnen, sie beziehen sich hauptsächlich auf die Sanierung der verfallenen Gebäude.

So sind einige Straßenzüge bereits fertiggestellt, wie z.B. die Kleine Kirchgasse, der Graben etc. Die Häuser wurden sehr gut wiederhergestellt, es wurde eine angenehme Farbwahl getroffen. Durch die mittelalterliche Straßenstruktur hat man in diesen Bereichen der Jakobsvorstadt ein angenehmes und freundliches Bild dieses Stadtviertels. Das kann momentan allerdings nur schwer aufrecht erhalten werden, denn es besteht noch immer ein immenser Handlungsbedarf in diesem Gebiet, sei es nun an noch zu sanierenden Häusern oder an den städtebaulichen Mißständen.

7. Zusammenfassende Bewertung

7.1. Weimar nach acht Jahren Stadtsanierung

Der Prozeß der Stadtsanierung lief in Weimar in den letzten acht Jahren mit hoher Intensität und auch relativ zügig ab, ganz so, wie es das Modellvorhaben vorsieht. Forciert wurde der Prozeß sicherlich noch einmal mit der Wahl Weimars zur Kulturhauptstadt Europas 1999. 1999 wurde somit zum Stichtag für die Fertigstellung vieler Einzeldenkmäler und Gebäude.

Beim Vergleich zwischen dem jetzigen Stand der Sanierung und der Zielstellung (s. Punkt 5.), kann die Stadt Weimar mit der Zwischenbilanz relativ zufrieden sein.

Gewiß ist die Sanierung noch nicht abgeschlossen und es besteht auch weiterhin ein großer Handlungsbedarf, aber bis heute wurde schon viel erreicht, das trifft vor allem auf den Altstadtbereich zu.

Es bestehen auch immer noch städtebauliche Mißstände, die das Bild und die Raumstruktur der Stadt empfindlich stören. Hier sind vor allem das Studentenwohnheim und das Gauforum zu nennen. Lösungen scheinen schwierig, da noch nicht einmal Lösungsansätze vorhanden sind, so ist z.B. ungeklärt, wohin man die studentische Bevölkerung umsiedeln kann, damit der Plattenbau endlich abgerissen werden kann.

Die Planungs- und Sanierungsziele sind jedoch noch lange nicht erfüllt. Vor allem das Ziel, das Sanierungsgebiet als Wohnstandort zu erhalten und zu stärken, ist in seiner Erfüllung gefährdet, denn die sich momentan vollziehenden Bevölkerungsbewegungen widersprechen diesem. So führten 1996 noch 30% aller Umzüge aus dem Sanierungsgebiet in Neubaugebiete: Diese Tendenz ist vor allem bei jungen Familien zu beobachten. Zuzüge erfolgen nur in geringem Umfang, hierbei handelt es sich in der Regel um Studenten. Das Ziel, diesen Wohnstandort für eine breite Bevölkerungsschicht attraktiv zu machen, wurde bisher verfehlt. In diesem Bereich muß noch viel getan werden. Ebenso ist dem Leerstand im Sanierungsgebiet weiterhin entgegenzuwirken.

7.2. Zukunft Weimars

Zweifelsohne sind in den vergangenen acht Jahren bereits beträchtliche Erfolge im Bereich der Stadtsanierung zu verzeichnen, dennoch wird sich die Stadt in den nächsten 15-20 Jahren noch sehr intensiv mit der Sanierung befassen müssen.

Ungeklärt ist zum Beispiel immer noch, wie mit dem Studentenwohnheim und dem Gauforum verfahren werden soll. Hierfür muß in nächster Zukunft eine Lösung gefunden werden. Weiteres Problem sind die immer knapper werdenden Fördermittel (s. 2.4.). Um auch in Zukunft die Planungen sachgerecht ausführen zu können, wären Fördermittel in Höhe von 12- 15 Mio. DM jährlich erforderlich, ungeachtet der Ausgaben für Kultur- und Einzeldenkmale. Es stehen aber nur 6-10 Mio. DM jährlich zur Verfügung. Es besteht also unbestreitbar ein großes Defizit.

Finanzielle und inhaltliche Unterstützung durch den Bund und das Land Thüringen sind für Weimar auch in Zukunft unverzichtbar.

Heute geht man davon aus, daß Weimar in Zukunft aufgrund seines Bedeutungsüberschusses mittel- bis langfristig wieder mit Wanderungsgewinnen zu rechnen hat. Die touristische Attraktivität der Stadt ist nicht zu vergessen. Aufgrund seiner kulturellen Bedeutung ist Weimar Anziehungspunkt für mehr als 3 Mio. Touristen jährlich, im Jahr 1999, wenn Weimar ein Jahr lang Kulturhauptstadt Europas ist, werden Attraktivität und Besucherstrom weiter steigen. Hier liegt auch ein weiteres, noch auszubauendes Potential der Stadt, denn meiner Meinung nach ist das Interesse an dieser Stadt ungebrochen groß, und viele Menschen werden sich nicht nur für die Stadt Weimar als kulturelles Zentrum, sondern auch für die Veränderung und Erneuerung in dieser, schon vielen Menschen bekannten, mittelalterlichen Stadt interessieren.

8. Literaturverzeichnis:

- Böhlhaus, H., (1975): Geschichte der Stadt Weimar, Weimar
- Gruppe Planwerk, (1994): Städtebauliche Rahmenplanung Weimar, Rahmenplan Altstadt, Weimar
- Günther, G., ( ): Geschichte der Stadt Weimar,
- Kieling, U. und Priese, G. (Hrsg.) (1989): Historische Stadtkerne - Städte unter Denkmalschutz, Berlin
- Magistrat der Stadt Weimar: (1990): Stadtsanierung Heft 1,
- Müller, H., (1996): Thüringen, Köln
- Patze, H. (Hrsg.) (1989): Handbuch historischer Stätten Deutschlands - Thüringen, Stuttgart
- Reisebuch DDR (1989), Berlin
- Salzmann, Dietrich, Zur baulichen Struktur der Stadt Weimar, Weimar
- Stadt Weimar, (1992): Stadtsanierung Heft 4 u. 5
- Stadt Weimar, (1992): Modellvorhaben, Stadtsanierung Weimar, 5. Sachstandsbericht
- Stadt Weimar, (1993): Stadtsanierung Heft 6, 7, u. 8
- Stadt Weimar, (1993): 2 Jahre Stadtsanierung Weimar
- Stadt Weimar, (1995): Stadtsanierung Heft 10
- Stadt Weimar, (1995): Chronik der Stadtsanierung ,,Weimar Altstadt" 1990-1995
- Stadt Weimar (1996): Stadtsanierung Heft 11 u. 12
- Stadt Weimar (1997): Stadtsanierung Heft 13, 14, 15 u.17
- Stadt Weimar (1998): Stadtsanierung Heft 18
- Stadtverwaltung Weimar, (1994): Planungen in Weimar
- Stadtverwaltung Weimar (1998): Ihr Stadtviertel - Stadterneuerung in der Nördlichen Innenstadt
- Thüringer Ministerium für Wirtschaft und Infrastruktur (1996): Wohnungs- und Städtebau, Förderprogramme 1996, Erfurt
- Thüringer Ministerium für Wirtschaft und Infrastruktur (1998): Wohnungs- und Städtebau, Förderprogramme 1998, Erfurt

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[1] Kieling, U. u. Priese, G. (1989): Historische Stadtkerne, Berlin, Leipzig

[2] Kieling, U. u. Priese, G. (1989): Historische Stadtkerne, Berlin, Leipzig Müller, H. (1996): Thüringen, Köln Reisebuch DDR (1989),Berlin,Leipzig

[3] Stadt Weimar, (1992): 2 Jahre Stadtsanierung Weimar

[4] Fritz, J. u. Marx, R. (1992), Sanierungsträgerschaft der Modellstadt Weimar

[5] Stadt Weimar (1992), 2 Jahre Stadtsanierung

[6] Stadt Weimar (1992): 2 Jahre Stadtsanierung

[7] Stadt Weimar (1997), Stadtsanierung, Heft 13

[8] Thüringer Ministerium für Wirtschaft und Infrastruktur, Wohnungs- und Städtebau, Förderungsprogramme 1996 u. 1998

[9] Stadt Weimar, (1992): 2Jahre Stadtsanierung

[10] Information von Herrn Dr. Unruh, Leiter des DSK - Büros in Weimar

[11] Stadt Weimar (1997): Stadtsanierung, Heft 13

[12] Stadt Weimar (1992): 2 Jahre Stadtsanierung

[13] Stadt Weimar (1994): Planungen in Weimar

[14] Stadt Weimar (1992): Stadtsanierung, Heft 4

[15] Gruppe Planwerk (1994): Städtebauliche Rahmenplanung Weimar, Rahmenplan Altstadt

[16] Stadt Weimar (1994): Planungen in Weimar

[17] Gruppe Planwerk (1994): Städtebauliche Rahmenplanung Weimar

[18] Stadt Weimar (1994): Planungen in Weimar

[19] BauGB

[20] Stadt Weimar (1998) Ihr Stadtviertel - Stadterneuerung in der Nördlichen Innenstadt

[21] Stadt Weimar (1998): Stadtsanierung, Heft 18

[22] Gruppe Planwerk (1994) Städtebauliche Rahmenplanung Weimar

[23] Gruppe Planwerk (1994): Städtebauliche Rahmenplanung Weimar

[24] Gruppe Planwerk (1994): Städtebauliche Rahmenplanung Weimar

[25] Stadt Weimar (1994): Planungen in Weimar

[26] Gruppe Planwerk (1994) Rahmenplan

[27] Stadt Weimar (1994): Planungen in Weimar

Details

Seiten
22
Jahr
1999
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99352
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Städtebauliche Modellvorhaben Beispiel Weimar Raumplanung Neuen Bundesländern

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Titel: Städtebauliche Modellvorhaben, Beispiel Weimar