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Die Epidemie in Thukydides Schriften. Die Attische Seuche und ihre Auswirkungen

Hausarbeit 2020 17 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Die „Pest“ in Athen
3.1. Soziale Folgen
3.2. Politische Folgen

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wer [...] den Willen haben wird, sich ein truglos-klares Bild vor Augen zu führen von dem, was gewesen ist und was - nach Menschenart - wieder einmal so und ähnlich sein wird - wenn der mein Werk für nützlich erachtet, wird mir das genügen. Als Besitztum für immer [...] ist es geschaffen.1 -Thukydides

Bereits in der Anfangsphase des zu einem Krieg zugespitzten Konfliktes zwischen den Stadtstaaten Athen und Sparta, welcher von 431 bis 404 v. Chr.2 die gesamte griechische Welt sowie die Reiche der Perser und Karthager in ihren Grundfesten erschütterte, ereilte die Bürger Athens zusätzlich ein schwerer Schicksalsschlag:

Die Seuche in Athen im Jahr 430 gehört zu den prägenden Ereignissen in der Geschichte der Stadt.

Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Ausbruch der Seuche, ihrem Krankheitsbild und Verlauf, den Auswirkungen auf die Gesellschaft Athens und dem weitere Kriegsgeschehen. Zudem sollen folgende Fragen analysiert und beantwortet werden: Um welche Art von Erkrankung handelte es sich bei der Attischen Pest? Inwiefern beeinflusste die Seuche die psychische Verfassung der Athener und damit das Zusammenleben in der Stadt? War die Epidemie die Ursache für den Zerfall des klassischen Athens und war sie kriegsentscheidend?

Diese Fragen sollen vor allem mit Hilfe der überlieferten ausführlichen Quellen des bedeutendsten Geschichtsschreibers der Antike, Thukydides, unter Einbeziehung ausgewählter Sekundärliteratur, geklärt werden.

Thukydides erlebte den Kriegsverlauf als Zeitzeuge, Politiker und Heerführer. Des Weiteren widerfuhr ihm die Epidemie nicht nur als Außenstehender, er durchlebte die Krankheit am eigenen Leib.3 Thukydides verbrachte einen Großteil seines Lebens mit der acht Bücher umfassenden Geschichtsschreibung des Peloponnesischen Krieges, die sich durch ihre bis dato einmalige kritische Rationalität und Reflexion hervorhebt.4 5 6

Er selbst erhebt den Anspruch, alles „Sagen- und Märchenhafte“7 aus seinen Berichten ausklammern und die Geschehnisse ohne Deutung schildern zu wollen.

Um die Fragen dieser Arbeit ergründen zu können, ist es notwendig, den Ausbruch der Epidemie in seinen historischen Kontext einzubetten. Gerade für das Verständnis der gesellschaftlichen Folgen muss die damalige Situation der Athener während des Kriegs im Vorfeld geklärt werden. Darauf folgt eine genaue Untersuchung der von Thukydides beschriebenen Epidemie und der Frage, ob die Symptome sich einer bestimmten Krankheit wie der Pest zuordnen lassen. Auf die anschließende Darlegung der gesellschaftlichen Auswirkungen folgt ein Blick auf die politischen Veränderungen, die sich durch den Ausbruch der Epidemie ergeben haben. Abschließend wird die Beantwortung der Fragen zusammengefasst.

2. Historischer Kontext

Der Peloponnesische Krieg begann im Jahr 431 und wird aufgrund seiner Ausdehnung auch als antiker Weltkrieg bezeichnet.8 In seinem zweiten Jahr kam es zu der von Thukydides beschriebenen Epidemie. Der Konflikt zwischen Athen und Sparta dauerte viele Jahre, beinhaltete militärische Pausen und zeitweilig wechselnde Feindbeziehungen. Daher scheint es sinnvoll, den Krieg in mehrere Abschnitte zu unterteilen und den von Thukydides beschriebenen Konflikt als aufeinander folgende Kriege zu deuten.9

Die Ursache des Streites zwischen Athen und Sparta, den beiden mächtigsten Stadtstaaten im Mittelmeerraum, lässt sich auf die Perserkriege zurückführen. Seit deren Ende waren die beiden Machtblöcke, der Peloponnesische Bund unter der Führung Spartas einerseits und der Attische Seebund mit Athen an der Spitze andererseits, aufgrund ihrer machtpolitischen Ziele in ihrer Koexistenz gefährdet. Selbst der Abschluss eines auf 30 Jahre angelegten Friedensvertrages im Jahr 446/5 brachte keine andauernde Beschwichtigung. Nach einigen Jahren des Friedens provozierte Perikles, der Anführer der Athener, schließlich einen neuen Krieg: Zuerst sperrte Athen alle Häfen im Gebiet des attischen Seebundes für die Handelsmacht Megara, die Mitglied des Peloponnesischen Bundes war, und nahm ihr damit beinahe jede Möglichkeit zur Handelstätigkeit im Ägäisbereich. Gleichzeitig wurde die korinthische Kolonie Poteidaia, die sich in dem Gebiet des attischen Seebundes befand, dazu aufgefordert, alle traditionellen Beziehungen zu Korinth abzubrechen. Diese aggressive attische Außenpolitik des Perikles führte dazu, dass die Bündnispartner Spartas, allen voran Korinth, zum Krieg drängten.10

Die erste kriegerische Auseinandersetzung, der ,Archidamische Krieg‘ von 431 bis 421, wurde nach König Archidamos II. von Sparta benannt. Sie begann mit der Plünderung attischer Ländereien durch die Spartaner. Die unterschiedlichen militärischen Stärken der beiden Kontrahenten und ihrer Bündnisse spiegelten sich in ihrer jeweiligen Taktik wider. Denn während der Stadtstaat Sparta auf dem Land unbesiegbar zu sein schien, waren die attischen Streitkräfte auf der See eine nahezu unanfechtbare Größe.

Athen war durch seine Möglichkeiten, die Versorgungswege über das Meer nutzen zu können, im Vorteil. Dies machte die jährlichen Raub- und Plünderungszüge der Spartaner durch Attika nahezu nutzlos. Die Taktik des Atheners Perikles schien zunächst aufzugehen. Sie bestand in dem Verbleib der Bevölkerung hinter den Stadtmauern, um Kämpfen auf dem Land aus dem Weg zu gehen. Dies bedeutete jedoch, dass die Landbevölkerung in den Städten Zuflucht suchen und Haus und Hof zurücklassen musste.11

Die so entstandene Überfüllung der Polis begünstigte die Ausbreitung von Krankheiten. Schließlich brach im Jahr 430, nachdem die Spartaner erneut in Attika eingefallen waren, die sogenannte „Pest des Thukydides“12 aus.13 Als Perikles selbst jener in dieser Untersuchung noch zu beschreibenden Seuche im Jahr 429 zum Opfer fiel, änderte sich die Taktik der Athener und in der Folge das gesamte Kriegsgeschehen.14

3. Die „Pest“ in Athen

In den Aufzeichnungen des Thukydides berichtet dieser, dass die Krankheit bereits andernorts zugeschlagen habe, sie aber nirgendwo so heftig ausgeartet sei wie in Athen, wo es zu einem regelrechten Massensterben kam.15 Die Schilderung der Epidemie gehört zu den „eindringlichsten und zugleich bedrückendsten Partien [seines] gesamten Werkes“16.

Er beschreibt, dass die Seuche Berichten zufolge „von dem südlich Ägyptens gelegenen Äthiopien aus, [...] nach Ägypten und Libyen heruntergekommen“17 sei und sich dann im Land des Großkönigs ausgebreitet habe. Zuerst habe sie die Menschen im Hafen Piräus befallen. Dies führte zu Gerüchten, dass die „Peloponnesier [...] Gift in die Zisternen geschüttet“18 hätten. Vom Hafen aus gelangte die Krankheit in die Oberstadt und in weitere Regionen. Des Weiteren dehnte sie sich auch auf das Heer aus.19

Den Verlauf der Krankheit und die mit ihr einhergehenden Symptome schildert Thukydides sehr ausführlich und genau. Dabei trägt er nicht nur die eigenen Erfahrungen oder andere individuelle Krankheitsverläufe vor, sondern beschreibt das „Ganze [...] Erscheinungsbild“20 der Seuche. Dazu erstellt er eine Aufzählung der Symptome, um das Wesen der Krankheit zu erfassen. Es gilt an dieser Stelle zu erwähnen, dass nicht in jedem individuellen Krankheitsfall jedes dieser erwähnten Symptome in Erscheinung trat. Er äußert, dass er dies tue, damit niemand die Krankheit verkenne „falls sie noch einmal hereinbrechen sollte“21.

Diese Überzeugung, dass die Erkenntnis dessen, was ist, die Möglichkeit der Gestaltung und Beeinflussung des Zukünftigen in sich birgt, gilt als eine Neuheit in den Texten seiner Zeit.22 In früheren und auch noch in sehr viel später verfassten Texten dagegen wurden vergleichbare Geschehnisse schicksalsgläubig oder fraglos hingenommen.23

Die Attische Seuche beschreibt Thukydides nach der Anmerkung, dass sie sowohl Vorerkrankte als auch vollkommen Gesunde heimsuchen konnte, wie folgt: Beginnend im Bereich des Kopfes, breitete sich die Krankheit im ganzen Körper bis in die Extremitäten aus.24

Im Einzelnen erläutert er den Beginn mit „Hitzewallungen [im Kopf] sowie Rötung und Entzündung der Augen“25. Rachen und Zunge wurden blutig und ein äußerst übelriechender Atem stellte sich ein. Niesen und Heiserkeit kamen dazu. Schließlich wurden auch die Bronchien befallen und es entwickelte sich ein starker Hustenreiz. Sobald die Seuche sich im Magen festgesetzt hatte, erbrachen die Erkrankten Galle und entwickelten außerdem einen „mit heftigen Krämpfen verbundene[n], ergebnislose^] Würgreiz.“26 Dabei erlitten sie schlimme Schmerzen.

Obwohl sie kein hohes Fieber hatten, verspürten die Betroffenen eine starke Hitze bis hin zur Empfindung, innerlich zu brennen. Äußerlich zeigte die Haut keine Blässe, sondern war blutunterlaufen und gerötet. Schließlich entstand ein Ausschlag mit kleinen Bläschen und Geschwüren. In Verbindung mit einem unstillbaren Durstempfinden entwickelte sich ein solcher Drang nach Kühlung und Wasser, dass nicht wenige in ihrer Not tatsächlich in eine Zisterne sprangen.

Die meisten Erkrankten erlagen der Seuche nach sieben bis neun Tagen. Jene, welche diesen Zeitpunkt überlebten, erlitten häufig eine Vereiterung der Bauchhöhle, gefolgt von starkem Durchfall, und starben an der dadurch verursachten Entkräftung. Bei vielen Überlebenden kam es zum Befall der Extremitäten und Geschlechts-teile. Einzelne überlebten auch dieses Krankheitsstadium, wobei manche einen Verlust ihrer Extremitäten, ihrer Sehfähigkeit oder ihres Gedächtnisses erlitten.27

Im Lauf der Jahre widmeten sich viele Historiker, Altphilologen und Mediziner der Seuchenbeschreibung des Thukydides. Zur Zeit der ,Attischen Seuche‘ wurde allgemein noch von der Annahme der Hippokratischen Medizin ausgegangen, dass nämlich eine „Luftverderbnis“ zur Erkrankung großer Menschenmengen führe.28 Thukydides dagegen beschreibt, wie vor allem die betreuenden Ärzte von der Krankheit befallen wurden.29 Er schildert hierbei den Vorgang der Ansteckung eines Gesunden durch den erkrankten Menschen, ohne jedoch den Terminus der „Ansteckung“ wortwörtlich zu verwenden.30

[...]


1 Thukydides: Der Peloponnesische Krieg, (Reihe vor Ort), übers. v. M. Weißberger, Berlin/ Boston 2017, l, 22, 3.

2 Im Folgenden wird aus Gründen der Übersichtlichkeit in dieser Arbeit auf den Zusatz „v. Chr.“ verzichtet. Alle genannten Jahreszahlen beziehen sich auf die vorchristliche Zeit.

3 Thuk. ll, 48, 3.

4

5 Vgl. Sonnabend, H.: Thukydides. (Studienbücher Antike 13), Hildesheim u.a. 2011, S.25.

6 [Im Folgenden zitiert als Sonnabend, H.: Thukydides].

7 Thuk. l, 22, 3.

8 Vgl. Funke, P: Athen in klassischer Zeit. 32 0 0 7 München. S. 83. [Im Folgenden zitiert als: Funke, P.: Athen].

9 Vgl. Davies, J. K.: Das klassische Griechenland und die Demokratie. (dtv-Geschichte der Antike 2), München 41991, S. 142.

10 Vgl. Funke, P: Athen, S. 83f.

11 Vgl. Ebd. S. 86f.

12 Vgl. Habs, H.: Die sogenannte Pest des Thukydides. Versuch einer epidemiologischen Analyse, (Sitzungsbericht der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Mathematischnaturwissenschaftliche Klasse 6), Berlin/Heidelberg 1982, S. 121-164. [Im Folgenden zitiert als: Habs, H.: Die sog. Pest des Thukydides].

13 Vgl. Thuk. ll, 47, 3.

14 Vgl. Funke, P.: Athen, S. 87f.

15 Vgl. Thuk. ll, 47, 3.

16 Sonnabend, H.: Thukydides, S. 91.

17 Thuk. ll, 48, 1.

18 Ebd. ll, 48, 2.

19 Vgl. Ebd. ll, 57, 1.

20 Thuk. ll, 51, 1.

21 Ebd. ll, 48, 3.

22 Vgl. Sonnabend, H.: Thukydides, S. 94.

23 Vgl. Grimm, J.: Die literarische Darstellung der Pest. S. 33.

24 Thuk. ll, 49, 2-8.

25 Ebd. ll, 49, 2.

26 Ebd. ll, 49, 4.

27 Vgl. Thuk. ll, 49, 2-8.

28 Vgl. Leven, K. H.: Thukydides und die „Pest“ in Athen, Medizinhistorisches Journal 26 (1991), 128-160, S.133. [Im Folgenden zitiert als Leven, K. H.: Thukydides und die „Pest“].

29 Vgl. Thuk. ll, 47, 4.

30 Vgl. Leven, K. H.: Thukydides und die „Pest“, S.133f.

Details

Seiten
17
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346361462
ISBN (Buch)
9783346361479
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v993704
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Schlagworte
Thukydides Attische Pest Seuche Peloponnesischer Krieg
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Titel: Die Epidemie in Thukydides Schriften. Die Attische Seuche und ihre Auswirkungen