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Stanley Kubricks "Dr. Strangelove"

Hausarbeit 2000 21 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Stanley Kubricks "Dr. Strangelove"

1. ein paar einführende Bemerkungen ...

„Dr. Seltsam gehört zu den am besten durchdachten und ausgeführten Nachkriegsfilmen, und er ist ebenso originell und schwer einzuordnen wie sein Regisseur." 1

Der Amerikaner Stanley Kubrick gilt zweifellos als einer der „größten" Regisseure des 20.Jahrhunderts; was die Auseinandersetzung mit seinen Filmen - aber auch mit seiner Person - meiner Auffassung nach sehr spannend macht.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich mich mit einem seiner frühen Filme näher beschäftigen: mit dem 1964 entstandenen „Dr. Strangelove or How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" / „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben".

Wobei ich ausdrücklich keine allgemeine Filmanalyse, sondern vielmehr eine Sequenzanalyse (zu einer von mir gewählten Szene) zu betreiben beabsichtige.

Ich möchte zunächst versuchen, den Menschen Kubrick zu beschreiben, aufgrund der wenigen Dingen die über ihn bekannt sind, ein Porträt zu zeichnen; dies ist meiner Meinung nach erforderlich, um Kubricks (filmisches) Lebenswerk besser verstehen und analysieren zu können. Dieses Lebenswerk möchte ich in Form einer „Filmographie" kurz darstellen. Darauf aufbauend werde ich mich ausführlich Dr. Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben zuwenden. Einigen allgemeinen / erläuternden Ausführungen zu diesem Film soll - nachdem ich in groben Zügen die von mir gewählte Analysetechnik vorgestellt habe - die eigentliche Sequenzanalyse folgen. Ich beabsichtige, die von mir gewählte Szene, welche ich natürlich kurz wiedergeben und ihre Wichtigkeit begründen werde, auf narrativer, visueller und auditiver Ebene zu untersuchen. Dies wird zum Einen in Form einer erklärenden und in Ansätzen interpretierenden Beschreibung und zum Anderen in Form eines tabellarischen Sequenzprotokolls geschehen, welches vorrangig der übersichtlichen graphischen Darstellung dienen soll.

Nach dieser ausführlichen Sequenzanalyse sollen zusammenfassende bzw. resumierende Bemerkungen die Hausarbeit abschließen.

2. Stanley Kubrick und seine Filme

„Der Amerikaner gilt wegen seines technischen Perfektionismus, der ihn mehrere Jahre an jedem Film arbeiten läßt, als Außenseiter im internationalen Filmgeschäft. Viele seiner Filme werden als Meisterwerke des jeweiligen Filmgenres gerühmt." 1

Stanley Kubrick galt Zeit seines Lebens als „extrem öffentlichkeitsscheu", deshalb ist über sein Leben und den (Privat)Menschen Kubrick nur relativ wenig bekannt. Die wenigen biographischen Daten jedoch, die bekannt sind, sind aber lediglich Anhaltspunkte und sind nicht wirklich hilfreich, die Frage, was Kubrick zu solch einem außergewöhnlichen Regisseur macht(e), zu beantworten.

Kubrick, geboren am 26.Juli 1928 in New York City; entstammt einer jüdisch-amerikanischen Mittelstandsfamilie. Schon auf der High-School fiel seine fotographische Begabung auf, weshalb er von seinem Vater - einem Arzt - zum 13.Geburtstag seine erste eigene Kamera bekam. Bereits ein Jahr später konnte er der Zeitschrift „Look" ein Foto (welches einen erschütterten Zeitungsverkäufer mit der Schlagzeile vom Tod Präsident Roosevelts zeigte) verkaufen.2 Er begann regelmäßig für „Look" zu arbeiten und wurde als 18jähriger 1946 fest angestellt.

1950 drehte Kubrick seinen ersten kurzen Dokumentarfilm Day of the Fight über den Preisgeld-Boxer Walter Cartier; bei dem er - wie bei der folgenden Dokumentation The Flying Padre - als Regisseur, Kameramann, Cutter, Tonmann etc. zugleich fungierte. Da beide Filme relativ erfolgreich waren, beschloß Kubrick, die Arbeit als Fotograph bei „Look" zu beenden und sich ausschließlich auf's Filme-machen zu konzentrieren. 1953 entstand -mit geliehenem Geld und auf das Drehbuch eines Freundes basierend - Stanley Kubrick's erster Spielfilm: Fear and Desire; den er produzierte, fotografierte, schnitt und mit schrieb. „Der Film ... ist ein allegorisches, zeitlich und geographisch unbestimmtes Kriegsdrama, eine Conradsche Reise an die Grenzen der Zivilisation, ins ,Herz der Finsternis`."3

Durch die beiden folgenden Spielfilme - Der Tiger von New York (Killer's Kiss) 1955 und Die Rechnung ging nicht auf (The Killing) 1956 - wurde Hollywood auf den Autodidakten Stanley Kubrick aufmerksam. Wobei Die Rechnung ging nicht auf der erste Film Kubricks war „... in dem sich fast alle wesentlichen Motive des späteren Werkes finden: die spezifische Auflösung des Raum-Zeit-Kontinuums zu Segmenten, in denen der Mensch dominiert wird, nicht mehr dominant ist; die zwischen Distanz und Invoviertsein wechselnde Kamera, die sich für Handlungsabläufe mehr zu interessieren scheint als für die Motive der Handelnden; die Reduktion der Charaktere auf Spielfiguren auf einem symbolischen Schachbrett; die emotionale und moralische Gleichmütigkeit der Erzählung."1

1957 realisierte Kubrick - mit finanzieller Unterstützung von United Artists - Wege zum Ruhm (Paths of Glory); eine auf Humphrey Cobb's Roman Paths of Glory beruhende Anklage gegen Krieg und Militarismus. Der Film, dessen Hauptdarsteller Kirk Douglas im übrigen auf ein Honorar verichtete und nur am Einspielergebnis beteiligt werden wollte, wurde von Kritikern zwar hochgelobt, fiel aber beim Publikum durch. Kirk Douglas war es auch, der Kubrick 1959 dazu überredete, die Regie des Historienfilm Spartacus - an Stelle von Anthony Mann - zu übernehmen, in dem er selbst die Titelrolle spielte; der einzige Film im übrigen, den Stanley Kubrick ohne jeden Einfluß auf das Drehbuch und die endgültige Form inszenierte. Spartacus verhalf - meines Erachtens nach - Stanley Kubrick zum endgültigen „Durchbruch", bei Kritikern und Zuschauern gleichermaßen. 1960 siedelte Stanley Kubrick nach England über, „weil eine Verfilmung des sexuell recht freizügigen Romans , Lolita ` (1962) von Vladimir Nabokov in US-Filmstudios auf Widerstand gestoßen war"2 ; wobei Kubrick die Romanvorlage entscheidend verändert hatte, weil ihn nicht primär die pädophile „amour fou" zwischen Humbert Humbert und Lolita interessierte.

Mit Dr.Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben (Dr.Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb) wandte sich Stanley Kubrick 1964 wieder der Militarismuskritik zu; mit satirischen Mitteln führt er den Rüstungswettlauf und die Möglichkeit einer atomaren Katastrophe (Weltuntergang) vor. Der Film gilt ebenso als Meilenstein seines Filmgenres (Politsatire) wie die beiden folgenden Werke 2001: Odysee im Weltraum (2001: A Space Odysey) und Uhrwerk Orange (A Clockwork Orange).

Mit 2001 (1968) revitalisierte Stanley Kubrick das Genre des Science-Fiction und führt es zugleich an seine Grenzen, Verrückung von Raum und Zeit und die Verrätselung von Bildinhalten werden erstmals filmisch (wirklich) umgestzt. Der Film beeindruckt durch eine Fülle von Spezialeffekten, die in dieser Perfektion nie zuvor eingesetzt worden waren und für die sich Douglas Trumbull und Kubrick selbst verantwortlich zeichnen; er ist „.. ein absolutes filmisches Universum geworden, ein Entwurf der Evolution der Menschheit vom Homo erectus, der durch die Entdeckung des Werkzeuges als Waffe zum Homo necans, zum Artgenossen tötenden Menschen wird, dann in den Sphären des Kosmos zum Erforscher der Geheimnisse der Evolution, die er nicht ergründen kann, bevor er nicht stirbt und erneut geboren wird.."1. Kein anderes Werk der Filmgeschichte zog so den interpretatorischen Eifer auf sich wie 2001, der eigentlich weder eine Story, noch einen manifesten Inhalt, sondern lediglich Spuren von Sinn und Bedeutung hat.

In Uhrwerk Orange (1971), der auf den gleichnamigen Roman von Anthony Burgess basiert, inszeniert Kubrick das zentrale Thema der Gewalt im Modus ironischer Theatralität; „Gewalt ist einmal mehr, wie in allen Filmen Kubricks, eine Frage der Perspektive, des Sehens, des Blickes der Kamera"2. Der Film, eine futuristische „Fabel" über eine gewalttätige Gesellschaft, war gerade wegen seiner provokanten Darstellung von Gewalt (und Sex) äußerst umstritten - und ist es bis heute.

In Barry Lyndon (1973-75), den Stanley Kubrick nach dem Roman von William Makepeace Thackeray drehte, widmet er sich (wieder) dem Historienfilm; allerdings war der Film kein Erfolg und Kubrick suchte danach lange Zeit nach geeignetem (Film)Stoff. 1980 verfilmte Kubrick einen Roman des populären Horrorautors Stephen King: Shining; der allerdings weder den Ansprüchen der Kritiker noch den Wünschen des Publikums, das auf Genre-Spezifika hoffte, gerecht wurde. Für die Hauptrolle des psychologischen Horrorthrillers - den verhinderten Schriftsteller Jack Torrance -wurde Jack Nicholson engagiert, der damals noch am Beginn seiner (Weltklasse-) Schauspielerkarriere stand. Mit Full Metal Jacket (1987) - dem vorletzten Film- kehrte Kubrick zu seinen Anfängen zurück und dreht erneut einen radikalen (Anti-)Kriegsfilm. Kubrick versteht es, den Krieg nicht als Ausnahmezustand, sondern als Zustand bzw. Wesen der Moderne darzustellen; er zeigt - relativ brachial - wie Menschen im Krieg zu Kampfmaschinen und Killern degradiert werden.

Nach verschiedenen Projekten, die Kubrick geplant und wieder verworfen hat, verfilmte Kubrick schließlich - zwei Jahre lang - das psychologische Drama Eyes Wide Shut (1999) nach Arthur Schnitzler's „Traumnovelle"; mit dem Ehepaar Tom Cruise / Nicole Kidman in den Hauptrollen. Der Film wurde ebenfalls kontrovers rezipiert, Kubrick wurde u.a. vorgeworfen, „Altmännerphantasien" filmisch umgesetzt zu haben; aber trotz allem überwogen auch bei Eyes Wide Shut weitestgehend die positiven Kritiken. Zudem ist der Film sein „Vermächtnis": Stanley Kubrick starb am 7.März 1999, vier Tage nachdem er den Schnitt von Eyes Wide Shut beendet hat und ohne die Uraufführung miterlebt zu haben .

„Nur wenige Regisseure besitzen die Begabung, mit jedem ihrer Filme ein neues filmisches Konzept zu entwickeln. Eine solche konzeptuelle Begabung geht weitüber die Fähigkeit, ein Drehbuch abzufilmen, hinaus, und sei dies noch so filmgerecht verfasst. .. Denn die Fähigkeit zur Entwicklung eines Filmkonzepts besteht im Wesentlichen darin, den eigenen Vorstellungen eine unerwartete Form zu geben, die im Nachhinein oft als die einzig mögliche erscheint. Es ist vor allem dieses konzeptuelle Talent, durch das Kubrick sich als Regisseur ausgezeichnet hat." 1

Stanley Kubrick war nicht nur ein außergewöhnlicher Regisseur, sondern - was natürlich eng damit zusammenhängt - ein außergewöhnlicher Mensch. Er galt Zeit seines Lebens als sehr verschlossen und introvertiert. Kubrick stellte an sich selbst und auch an seine Filmteams hohe Anforderungen, er „erreichte die Selbstdizplin, die für seine anspruchsvollen Projekte erforderlich war, nur durch ein gewisses Maß an Despotismus. Dieser war im Grunde genommen wohlwollend, allerdings war Kubrick rücksichtslos, sobald etwas oder jemand die Verwirklichung seiner Ideen gefährdete."

Kubrick's Neugier auf die Welt war unstillbar, er hatte ein nahezu zwanghaftes Bedürfnis sich zu informieren, wobei die Themen, mit denen er sich auseinandersetzte, sehr verschieden waren. Sein Hauptinteresse galt der Kommunikation (bzw. deren Folgen), die auch zum zentralen Anliegen seiner Filme wurde;z.B. ist die Fehl-Kommunikation in Dr. Seltsam der eigentliche Auslöser für die nukleare Katastrophe. Aber auch gesellschafts-kritische Elemente lassen sich in all seinen zwölf Filmen aufzeigen; allerdings übte Kubrick nicht mit dem sprichwörtlichen „erhobenem Zeigefinger" Kritik an gesellschaftlichen Gegebenheiten, sondern meist durch ironisierende oder satirische Mittel.

3. Dr. Strangelove or: How I Learned To Stop Worrying And Love The Bomb

„Wodurch sich Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben auszeichnet und was bei jedem Sehen stärker hervortritt, ist, wie vollendet es Kubrick in diesem Film gelungen ist, genau die Wirkung zu erzielen, die er im Sinn hatte." 2

Stanley Kubrick hatte u.a. ein starkes Interesse an der ausweglosen Situation der Nuklearmächte und bei seinen Nachforschungen stieß er auf den Roman „Red Alert" des englischen Autors und Ex-Navigators der Royal Air Force Peter George. Er entschloß sich, denselben zu verfilmen und drehte - nachdem er die Filmrechte für $3500 erworben hatte - 1964 (mitten im Kalten Krieg) die Polit-Satire Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben; die die Strategie der nuklearen Abschreckung der (ehemaligen) „Supermächte" und die darin enthaltene Möglichkeit einer atomaren Katastrophe zum Thema hatte.

„Der Film schildert die logischen Konsequenzen der Annahmen von Peter George. .. Bei dem Versuch, diese Geschichte in Form eines ernsthaften Kinothrillers zu erzählen, kam Kubrick nicht sehr weit"3 ; weshalb er sich entschied, den Film in Form einer grotesken, gruseligen Komödie zu inszenieren. Kubrick wählte das Lachen als Mittel, um den gelähmten Willen der Zuschauer wieder zu beleben; er war der Meinung, so am ehesten seine Abischt - die Menschen zu warnen und zu einer Reaktion / zum Widerstand gegen das drohende atomare Verhängnis zu bewegen - zu erreichen. Meiner Überzeugung nach war dies eine sehr intelligente Entscheidung, weil: „Lachen ist eine Form der Kommunikation, die die Angst oder die Furcht, die das Thema Atomkrieg auslöst, so weit vermindern kann, dass die Menschen für etwas empfänglich werden, das sie normalerweise verdrängen."4 Kubrick gelingt es auf einzigartige Weise, diese Warnung nicht mit hochmoralischem oder belehrendem Unterton, sondern durch die satirische Darstellung des kollektiven Wahnsinns, seinen grotesken Humor und ein besonderes Fingerspitzengefühl für die Balance zwischen Komödie und (Polit)Thriller zu vermitteln.

Dr.Seltsam ist ein sehr viel kompelxerer Film (als Wege zum Ruhm; Anm. d.A.), der Kubricks einmalige Beherrschung von Konzept, Struktur und Zielsetzung bestätigt."5

Stanley Kubrick begann 1962 - kurz nachdem er die USA für immer verlassen hatte und nach England übergesiedelt war - die Dreharbeiten zu Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben in den Shepperton Studios in der Nähe von London. Das Projekt wurde finanziel unterstützt von der Columbia; die jedoch die Mitwirkung von Peter Sellers verlangte. Dieser wurde für drei Rollen zugleich besetzt: er verkörpert Captain Lionel Mandrake, Präsident Merkin Muffley und Dr. Seltsam; aus dem ursprünglichen Vorhaben, ihn auch noch die Rolle des Major Kong spielen zu lassen, wurde jedoch nichts, da Sellers den texanischen Akzent nicht beherrschte.6

Desweiteren wurden u.a. Sterling Hayden (General Jack D. Ripper), George C. Scott (General „Buck" Turgidson) und Slim Pickens (Major T. Kong) als Schauspieler für den schwarz/weiß und auf 35 mm gedrehten Film engagiert.

Das Drehbuch entstand in Zusammenarbeit von Stanley Kubrick, Peter George und Terry Southern, die im übrigen auch erst die Figur des Dr. Seltsam „entwarfen", da dieser im Roman - der Filmvorlage - überhaupt nicht existiert7 ; Kameramann des 102 Minuten (bzw. geschnitten 93 Minuten) langen und $1.500.000 teuren Films war Gilbert Taylor und als ArtDesigner wurde Ken Adam (u.a. James Bond, Dr.No) verpflichtet.

Erwähnenswert finde ich weiterhin die Tatsache, dass das Original-Ende des Films zunächst eine Tortenschlacht-Szene im War Room war; Kubrick kam dies dann aber doch zu übertrieben und aufgesetzt vor, er befürchtete, die Tortenschlacht würde den Film vollends in's Lächerliche ziehen, weshalb er sie im Nachhinein wieder herausschnitt.

Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben wurde im November 1963 fertig gestellt, die Filmpremiere mußte allerdings wegen der Ermordung J.F. Kennedys auf den Januar '64 verschoben werden. Der Film wurde von den Kritikern (und Zuschauern) überwiegend positiv aufgenommen, obwohl er natürlich - wie ausnahmslos alle KubrickFilme - kontovers diskutiert und mit Reaktionen von Begeisterung bis Empörung bedacht wurde. Dr. Seltsam wurde nicht nur vierfach für den Academy Award® - u. a. für das beste Bild un die beste Regie - nominiert, Kubrick wurde außerdem von New Yorker Film- Kritikern als bester Regisseur benannt.8

Die Handlung von Dr. Seltsam ist zeitlich und räumlich sehr begrenzt: das Geschehen ist auf einige wenige Stunden und auf drei Schauplätze - ein verriegeltes Büro im Luftstützpunkt Burpelson, die Kabine eines B-52-H-Bombers und der unterirsdische Lagebesprechungsraum des Pentagon - beschränkt. „Für einen Film, der das Ende der Welt schildert, sind die Räume, in denen er spielt, lächerlich klein."9

Die Charaktere veranschaulichen auf groteske Weise was passiert, wenn Menschen unter Zeitdruck zusammenarbeiten müssen und dabei sowohl den Abbruch der Kommunikation erfahren als auch ihren gesunden Menschenverstand verlieren; sie sind „vom Wahnsinn gekennzeichnet, Gefangene ihres eigenen Ichs"10.

Der Film beginnt im Cockpit des B-52-H-Bombers, der gerade auf Russland zusteuert: Major Kong, der etwas ordinäre und schwachsinnige Pilot und sein Team werden durch einen Angriffscode aus ihrer Lethargie gerissen. Für die Auslösung des Atomalarms verantwortlich ist General Jack D. Ripper, ein „Mann, der sich völlig in der obsessiven Vorstellung einer Welt verloren hat, die, wie er glaubt, die ,Essenzs` seines Körpers verseucht"11 und der sich gerade im Büro des Luftstützpunktes Burpelson verschanzt hat. General Turgidson erfährt von der Auslösung des Atomalarms, als er sich gerade auf der heimischen Toilette befindet; seine Geliebte nimmt für ihn das unheilverkündende Telefonat entgegen. Allmählich kommt Bewegung in den Film und seine drei Schauplätze. Während sich im Lagebesprechungsraum des Pentagon u.a. der amerikanische Präsident Merkin Muffley, General Turgidson, Dr. Seltsam den Kopf über die prekäre Lage zerbrechen, verliert General Ripper, in Gegenwart von Gruppenkapitän Mandrake, im Büro des Luftstützpunktes die Nerven - und den Verstand.

„Eine Besonderheit des Films, die in den folgenden Szenen immer stärker hervortritt, ist die faktische Unfähigkeit der Charaktere, vielleicht mit Ausnahme des Präsidenten, die letzte Konsequenz des Geschehens zu erfassen. Sie begehen eine der allergrößten Sünden: Sie kommunizieren nicht miteinander. Denn sie können sich überhaupt nicht vorstellen, dass es außer ihren eigenen Obsessionen noch andere Dinge geben könnte, die wichtig sind."12

Schnell wird klar, dass deshalb die atomare Katatrophe nur noch eine Frage der Zeit ist: der Rückholcode für den auf Russland zusteuernden Bomber ist außer General Ripper niemandem bekannt und der weigert sich strikt, ihn preiszugeben. Im Büro des Luftstützpunktes diskutiert Mandrake eifrig mit General Ripper, allerdings ist dieser so in seinen Wahnvorstellungen gefangen, dass er glaubt die Russen würden ihm, als US-Soldaten verkleidet, den RückholCode abpressen wollen. Schließlich geht er in's Badezimmer um sich eine Kugel in den Kopf zu jagen. Im Lagebesprechungsraum des Pentagon meldet sich nun endlich auch Dr. Seltsam, in seinem rasselnden Rollstuhl und mit seiner schwarzbehandschuhten Hand, die sich immer wieder zu Sieg-Heil-Grüßen verselbständigt, zu Wort.

„Der Film nähert sich nun seinem Höhepunkt und entwickelt sich dabei mit zunehmendem Tempo zu einer immer beißenderen Satire, bis der Albtraum schließlich losbricht."13 Der B-52-Bomber befindet sich weiterhin auf Zielkurs; die Versuche, ihn zurückzuordern sind gescheitert. Major King, ganz auf seinen Auftrag und die bevorstehende Beförderung bedacht, versucht mit allen Mitteln die klemmende Bombe zu lösen, schließlich setzt er sich auf sie - die Bombe wie ein mächtiges Symbol der Potenz zwischen seinen Schenkeln - und bringt die Bombe zur Detonation. Zu den Klängen von Vera Lynns Lied „We`ll meet again" fliegen Major „King Kong" und seine Jungs mitsamt der Atombombe in die Luft...

4. Die Schlußszene

„Und so verlangt der Film nicht nur aus einem Blickwinkel betrachtet zu werden, sondern aus mehreren: dem absurden, dem semantischen, dem faktischen, dem surrealen und dem nuklearen Blickwinkel. Dennoch macht er wie alle wirklich bedeutenden Kunstwerke den Eindruck, als stünde alles in einem perfekten Verhältnis zueinander." 14

Die letzte Szene im Film, die ich im folgenden analysieren möchte, gehört Dr. Seltsam. Er schildert seine Vision eines unterirdischen Reiches schildert, wo die Menschen kilometertief unter der Erde überleben könnten, wenn alles Leben (auf der Erde) zerstört wäre. Man könne, erklärt Seltsam dem Präsidenten, General Turgidson und Desadeski (Vertreter der russischen Vertretung), die ihm gegenübersitzen und seine Ausführungen gespannt und interessiert verfolgen, einen „Nukleus" der Menschheit - für die Auswahl wäre ein Computer zuständig - in den tiefsten Schächten der Bergwerke für ca. 100 Jahre unterbringen bzw. „konservieren". Während seiner Rede wird Dr. Seltsam zusehends erregter; so nimmt z.B. sein Gesicht äußerst lüsterne Züge an als er über die unterirdische Fortpflanzung oder über das Schlachten von Tieren spricht; aber auch seine Körperhaltung - er bewegt sich immer heftiger in und mit seinem Rollstuhl - verrät seine innerliche / emotionale „Explosion". Die rechte Hand Seltsam's, die einen schwarzen Handschuh trägt, verrät sein wahres, (neo)faschistisches Gesicht: als sie sich zu verselbständigen beginnt, erhebt sie sich immer wieder zum Heil- Hitler-Gruß und schafft es, diesen in der letzten Einstellung durchzuführen. „Seine heil ende Hand hebt sich wieder sichtbar zum Gruß. Seine aufgeregte Stimme nimmt einen Nazitonfall an Aus dem Tod bezieht Dr. Seltsam neue Kraft. Als wäre er ein Pilger zu einem unheiligen Lourdes, wird er genau in dem Augenblick, als die Atombombe gezündet wird und der visionäre Albtraum beginnt, aus seinem Rollstuhl herausgerissen und auf die Füße gestellt. Jubelnd schreit er: ,Mein Führer - ich kann wieder gehen!` Es sind die letzten Worte des Films."15

4.1. Exkurs: Hinweise zur Analysetechnik

Bevor ich mich im Folgenden ausführlich mit der eben beschriebenen Schluß-Szene aus Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben auseinandersetze, möchte ich noch kurz erläutern, wie ich dabei vorgehen werde, an welcher Analysemethode ich mich orientiert habe und warum.

Ich möchte die von mir gewählte (Schluß)Szene auf drei Ebenen untersuchen, auf narrativ, visuell und auditiv; gestützt auf Knut Hickethiers Methode: „Die im ganzheitlichen Wahrnehmungsvorgang während der Filmbetrachtung vorhandene Simultaneität verschiedener Faktoren wird zunächst in ein überschaubares Nacheinander methodisch aufgelöst, in weiteren Schritten das Zusammenspiel der einzelnen Elemente untersucht .."16. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass durch eine ausschließlich auf formale Aspekte ausgerichtete Filmanalyse inhaltliche Punkte verzerrt bzw. übersehen werden können; Werner Faulstich: „Aber die Nutzung dieser ,Brille` bringt auch Nachteile mit sich: beispielsweise den Nachteil, daß anderes verzerrt oder aus dem Blickwinkel verdrängt oder auch daß das Gesehene eingefärbt und damit verändert wird."17. Daher muß die formal-inhaltliche Auswertung - d.h. die quantitative - eine Symbiose mit der interpretativen - der qualitativen - eingehen, d.h. von rein formal Aspekten kann und muß stets auch auf inhaltliche Punkte geschlossen werden. Ich werde also die narrativen, visuellen und auditiven Elemente der Szene untersuchen und - soweit es mir möglich ist - deren Verwendung begründen / interpretieren.

Zur Veranschaulichung der Analyseergebnisse habe ich ein Einstellungsprotokoll erstellt, welches im Anhang zu finden ist. Das Einstellungsprotokoll hält auf übersichtliche Weise alle relevanten Informationen (Länge der Einstellung, Handlungsverlauf, Kameraperspektive/- aktivität, Bildinhalt und -komposition, Tontrakt) fest und ist ein nützliches Hilfsmittel bei einer Filmanalyse, wenngleich es in der Regel nur bedingt Eingang in wissenschaftliche (Film)Untersuchungen findet. Unter einer Einstellung möchte ich - um mit Hickethier zu sprechen - die „kleinste kontinuierlich belichtete filmische Einheit" verstehen, die aus mehreren Phasenbildern besteht und mit einem Schnitt beginnt bzw. auch endet.

4.2. Das Narrative

Die Narration eines Filmes (bzw. in meinem Fall: der Szene) setzt sich aus Dramaturgie, Erzählstrategie und Montage zusammen; außerdem sollten bei der Analyse der narrativen Ebene das generelle Thema benannt und die Figurenkonstellation untersucht werden. All diese Mitteilungsebenen zusammen erzeugen beim Zuschauer die Bedeutung und Wirkung des Gesehenen.

Die Szene beginnt nachdem Major Kong die Atombombe - inklusive sich selbst und des B-H- 52 Bombers - in die Luft gejagt hat; die detonierende Bombe wird musikalisch begleitet durch „We'll see again". Dr. Seltsam befindet sich inmitten der rat- und tatlosen Berater-Runde im Lagebesprechungsraum des Pentagon, er fährt mit seinem Rollstuhl in's Bild und ergreift das Wort, um den Anwesenden den, seiner Meinung nach, einzigen Ausweg aus der katastrophalen Situation zu erklären: seine (neofaschistische) Vision eines unterirdischen 100jährigen Reiches, in dem ein, nach bestimmten Auswahlkriterien konstituierter, „Nukleus" der Menschheit nach der atomaren Weltzerstörung weiterexistieren könne. Während dieser Erklärung wird Seltsam äußerst (sexuell) erregt, zudem verselbständigt sich sein rechter, behandschuhter Arm immer mehr, so dass er am Ende der Szene -somit des Films - förmlich aus seinem Rollstuhl gerissen wird und stehend schreit „Mein Führer - ich kann wieder gehen!". Alle zentralen Themen des Films werden in dieser Sequenz angesprochen: atomare Zerstörung, der Kalte Krieg, misslungene Kommunikation und Sexualität. Kubrick versteht es, durch die Schluß-Szene Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben zu einer absoluten Farce „verkommen" zu lassen; konnte der Zuschauer bisher noch einen letzten Hauch (politischer) Ernsthaftigkeit erkennen, wird spätestens durch Dr.Seltsam's Rede das Groteske offenbart. Meiner Meinung nach ist eben diese Szene der dramaturgische Höhepunkt des Films, die bis dahin aufgebaute Spannung bzw. der bis dahin entstandene Konflikt entlädt sich schlagartig und der Zuschauer weiß - meiner Einschätzung nach - plötzlich nicht mehr, ob er lachen oder weinen soll. Der Film entwickelt sich durch diese letzte, 5min lange und 32 Einstellungen zählende Szene vom satirischen Polit-Thriller hin zur rabenschwarzen, skurrilen Komödie.

Dr. Seltsam ist der eigentliche Protagonist dieser Szene, er ist als schizophrene Inkarnation des Bösen mit grotesk komischen Zügen argumentativ eigentlich nicht zu widerlegen; er ist ein deutschstämmiger amerikanischer (und wahrscheinlich mißglückter) Wissenschaftler mit offensichtlicher Nazivergangenheit - nicht nur sein rechter Arm läßt darauf schließen. Allein der Name „Dr. Strangelove" verdeutlicht Kubricks satirische Intentionen; ein Mann, der solch einen Namen trägt, muß einfach mindestens so merkwürdig sein, wie dieser es vermuten läßt ...

Ihm gegenüber stellt (bzw. setzt) Kubrick den amerikanischen Präsidenten Merklin Muffley, der einzig zurechnungsfähige Akteur des Films, der aber durch seine Vernunft Realitätsfremde offenbart. Der Präsident ist, so könnte man meinen, nicht mehr als eine politische Marionette, er hat - aus Unkenntnis und Verunsicherung - keinen sicheren persönlichen Standpunkt, er muß sich auf die Urteilsfähigkeit seiner Berater verlassen. Seine eigentliche Aufgabe ist vielmehr, den „chaotischen Haufen" an hohen Militärs und Ministern um ihn herum zu koordinieren und zu zähmen. General Jack Turgidson ist einer der egozentrischen Berater Muffleys, er kann als ein militanter Ignorant jeglicher Vernunft, der sich durch affenhafte Züge und einen äußerst ausgeprägten Sexualtrieb auszeichnet charakterisiert werden. Eigentlich interessiert ihn nichts mehr, als sein (Sexual)Trieb und die Tatsache, dass er möglichst schnell zu seiner Geliebten zurückkehren muß (und will); die „atomare Krisensitzung" im Pentagon wird für Turgidson erst spannend, als Dr. Seltsam sich über die Fortpflanzung in dem von ihm beschriebenen unterirdischen Reich ausläßt. Desadeski, der mit Klischees beladene Vertreter der russischen Regierung, ist der vierte relevante „Akteur" der Schluß-Szene, wenngleich er nicht wirklich agiert, sondern einfach nur mißtrauisch und schweigsam, neben Muffley und Turgidson sitzend, der Rede Seltsam's folgt.

Interessant an dieser Figurenkonstellation ist nicht nur, dass Dr. Seltsam in dieser letzten Szene des Films seinen ersten wichtigen Auftritt und damit das erste Mal die volle Aufmerksamkeit der anderen hat und dabei sichtlich aufblüht. Sondern auch die Tatsache, dass sich während dieser Szene, also innerhalb von 5 Minuten (wobei die erzählte Zeit im übrigen gleich der Erzählzeit ist!) zwischen Präsident Muffley und General Turgidson Vertrautheit und (Ein)Verständnis entwickelt, obwohl sich beide bis dahin eher antagonistisch gegenüberstanden.

Außerdem handelt es sich in dieser Szene um eine äußerst groteske Kommunikations- Situation: die miteinander kommunizierenden Personen - Seltsam, Muffley, Turgidson (und Desadeski) - hören sich nicht wirklich zu, jeder verfolgt primär seine persönlichen Gedanken / Interessen: Seltsam ist froh seine „Vision" ausführlich darlegen zu könne, der Präsident hofft, aus diesem - sich als schwachsinnig entpuppenden - Plan hilfreiche Ratschläge zu bekommen und Turgidson ist eigentlich nur „triebgesteuert" und deshalb halbwegs interessiert. Alexander Walker bezeichnet dies als die „faktische Unfähigkeit der Charaktere .. die letzte Konsequenz des Geschehens zu erfassen", „Sie begehen eine der allergrößten Sünden: Sie kommunizieren nicht miteinander. Denn sie können sich überhaupt nicht vorstellen, dass es außer ihren eigenen Obsessionen noch andere Dinge geben könnte, die wichtig sind".18

In der von mir zur Analyse ausgewählten Szene zeigt sich außerdem, dass Stanley Kubrick ein Meister der Erzählkunst ist: ihm gelingt es bravourös dem Zuschauer die Situation im Konferenzraum des Pentagon nach dem Abwurf der Atombombe sehr authentisch zu vergegenwärtigen. Mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln - lediglich durch die Veränderung der Mimik, Gestik und Artikulation - erzählt er die (persönliche) Entwicklung der involvierten Personen bzw. deren Gemütsverfassung nach. Abgesehen von dieser „mimetischen Narration"19 vermag es Kubrick den Zuschauer durch die Montage, d.h. durch die Konzepzion und Aneinanderreihung der einzelnen Einstellungen zu „fesseln". Meiner Auffassung nach zeigt sich insbesondere in dieser Schluß-Szene Kubricks „einmalige Beherrschung von Konzept, Struktur und Zielsetzung" (A.Walker); er versteht es, genau das umzusetzen, was er mit diesem Film beabsichtigte (einen Appell / Warnung). Dies wird nicht nur, aber hauptsächlich durch die Gestaltung der narrativen Ebene dieser Szene deutlich. Da aber narrative, visuelle und auditive Konzeption unabdingbar zusammenhängen, möchte ich mich im folgenden auch den audio-visuellen Charakteristiken der Schluß-Szene von Dr. Seltsam oder Wie ich lernte die Bombe zu lieben zuwenden.

4.3. Das Visuelle

Bei der Analyse der visuellen Gestaltung / Konzeption von Dr. Seltsam - bzw. der letzten Szene - sind zunächst einige grundlegende Charakteristiken festzustellen: der Film / die Szene sind in schwarz/weiß, nicht in Farbe gedreht, dies bringt meiner Auffassung nach den grotesken Realismuseffekt der Handlung zum Tragen; der auch durch das, an den Fernsehstandard 1,33 : 1 erinnernde, Format unterstrichen wird.

Zudem (be)nutzen „Kubrick und sein Kameramann Gil Taylor auch in den Aufnahmen des Lagebesprechungsraums nur das unmittelbar zur Verfügung stehende Licht und erzielen auf diese Weise eine beklemmende, gespenstische Wirkung"20. Durch viel Frontallicht und einen direkten Rückraum wird die düstere Atmosphäre, aber auch die Weite und Größe des Pentagon-Konferenzraumes veranschaulicht.

Der Zuschauer wird durch den indirekten point of view nahezu aktiv in das geschehen mit einbezogen, er „sitzt" förmlich zwischen Dr. Seltsam auf der einen und dem Präsidenten und General Turgidson auf der anderen Seite und kann - wie bei einem Tennisspiel - beide Seiten der Argumentation beobachten.

In dieser letzten Szene sind u.a. folgende visuelle Spezialeffekte zu finden: low-angels-shots - z.B. wird Dr. Seltsam oft aus der Position unterhalb des „eye-level" aufgenommen, als ironische Anspielung auf die gefahrvolle Macht des beeinträchtigten Dr. Strangelove; high- angle-shots - durch das Gruppenbild aus der Vogelperspektive vird die groteske Situation verdeutlicht; eye-level-angle - beim Dialog zwischen Präsident Merklin Muffley und Dr. Seltsam, wodurch beim Zuschauer die Realismusillusion als Gesprächsbeiwohner erzeugt wird.

Zudem können verschiedene Elemente der cineastischen Bildkomposition „identifiziert" werden. Kubrick versteht es die Aufmerksamkeit des Zuschauers auf das wichtigste Objekt im Bild zu richten; z.B. durch Bewegung im Bild ( _ Dr. Seltsams Auftritt als Werner von Braun), durch extreme Nahaufnahmen ( _ der russische Botschafter beim geheimen Fotografieren der Angriffskarte) oder durch spezielle Anordnung der Personen und Objekte ( _ Dr. Seltsam inmitten aller Anwesenden sitzend, die um ihn herum stehen).

In den Bilder ist ständig Bewegung, auch wenn die Kamera gerade still steht; z.B hält General Turgidson in einer Einstellung das Bild - im eigentlich ruhigen Bildaufbau - einzig durch das Rollen seiner Augen in Bewegung. Desweiteren wird die Illusion dreidimensionaler Tiefe erzeugt; z.B. als der russische Botschafter in die Tiefe des Raumes hineinläuft. Erwähnenswert ist weiterhin, dass Kubrick klare Schnitte verwendet; beim Übergang zwischen den einzelnen Einstellungen gibt es keine nennenswerten Besonderheiten (wie „Flip", „Wipe" etc.). Außer der Tatsache, dass die Einstellungsgr öß en sehr häufig wechseln - zwischen der Totalen (zeigt eine Person, umgeben von viel Raum; z.B. Präsident, Turgidson und Desadeski vor Wandtafel sitzend), der Halbtotalen (Person füllt das Bildformat; z.B.

Seltsam im Rollstuhl sitzend), der Super-Totalen (eine Person in einem weitläufigen raum; als sich der russische Botschafter von der Gruppe entfernt), der Nahen (Person wird mit Kopf und Oberkörper gezeigt; Seltsam im Rollstuhl) und der Großaufnahme ( nur der Kopf einer Person wird gezeigt; sitzender Dr. Seltsam).21 Die Einstellungsgrößen wechseln im übrigen um so schneller, je weiter die Szene fortgeschritten ist; sie unterstreichen also die sich rasant entwickelnde Handlung bzw. helfen, das Tempo derselben zu erhöhen. Die Kameraperspektive hingegen wechselt weit weniger oft. In den meisten Einstellungen wird das Geschehen aus der Normalperspektive, die dem Zuschauer vertraut ist und seinen Sehgewohnheiten entspricht; gezeigt, d.h. die Kamera richtet sich nach der Augenhöhe der handelnden Personen, wodurch das Gefühl neutraler Beobachtung vermittelt wird. Nur ausnahmsweise verwendet Kubrick - bzw. Kameramann Gil Taylor - die Froschperspektive: z.B. zeigt die Kamera den russischen Botschafter von unten nach schräg oben als er geheime Foto-Aufnahmen macht; wodurch er als überlegen dargestellt wird und beim Zuschauer Gefühle wie Ehrfurcht und Bewunderung (für seinen Mut!?) ausgelöst werden können. Aus der Vogelperspektive - Kamera nimmt von oben nach (schräg) unten auf - schließlich, wird nur kurz die um Dr. Seltsam stehende Gruppe gezeigt.

Durch all die bisher benannten Elemente visueller Gestaltung unterstreicht Stanley Kubrick die Surrealität der aktuellen Handlung der Schluß-Szene; meiner Meinung nach gelingt es ihm perfekt, durch wenige, aber ausgewählte Mittel den Höhepunkt von Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben äußerst anschaulich und sehenswert zu gestalten.

4.4. Das Auditive

Die auditive Gestaltung der Schlußszene von Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben ist sehr dialoglastig, da es keine begleitende bzw. untermalende Hintergrundmusik gibt; einzig die Stimmen der agierende Personen (und einige Geräusche) sind zu vernehmen. Durch das Fehlen einer Hintergrund- / Begleitmusik wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers ausschließlich auf die Dialoge gelenkt; man kann sich diesen überhaupt nicht entziehen, da man durch nichts abgelenkt wird.

Die Dialoge - zwischen Seltsam, Muffley und Turgidson - sind durch stetige Wechsel der (Sprach)Lautstärke und der Tonlage sehr rhythmisch gestaltet. Insbesondere an Dr. Seltsam kann man verfolgen, wie sich seine Stimme im Laufe des Gesprächs verändert: je aufgeregter / erregter er durch das, was er sagt, wird, um so heftiger wechselt er die Tonlage (Stimme wird immer höher) und die Lautstärke (anfangs normal, zum Ende hin immer höher). Aber auch an Turgidson, der sich laut, flüsternd oder auch erregt zu Wort meldet, und am Präsidenten, der mal verzweifelt, mal verwundert oder auch sehr ruhig spricht, kann man erkennen, dass die auditive Ebene stark mit der narrativen zusammenhängt. Durch den Hall der gesprochenen Worte - bzw. auch der wenigen Geräusche (knirschen, würgen) die zu vernehmen sind - wird die Größe des Konferenzraumes des Pentagon vermittelt. Am Ende der Sequenz, nach Seltsams Aufschrei „Mein Führer - ich kann wieder gehen!", ist Vera Lynns Lied „ We'll meet again" zu zu den Bildern der atomaren Explosion vernehmen, „das .. eine eigene beruhigende Ironie besitz: Nun braucht man sich tatsächlich keine Sorgen mehr um die Atombombe zu machen."22 Es scheint, als wäre die Explosion, von der selbst keine Geräusche zu vernehmen sind, rhythmisch mit der Musik verbunden, beide stimmen genau überein; jedoch verdeutlicht der offensichtliche Kontrast zwischen Bild (Explosion der Atombombe) und Ton ( „Wir werden uns wieder sehen...") den Charakter des Filmes: den einer Albtraum-Komödie. Die Auswahl des Schluß-Liedes unterstreicht meiner Meinung nach Kubricks Fingerspitzengefühl bei der Gratwanderung zwischen Polit-Real-Satire und grotesker Komödie. Die Tatsache, dass bis auf den Beginn und das Ende keine einzige Einstellung in Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben durch Musik begleitet wird, finde ich persönlich sehr interessant und gelungen, da so die - größtenteils schwachsinnigen - Dialoge der handelnden Personen besser, unverfälschter zur Geltung kommen.

5. Zusammenfassung

„In Dr. Seltsam hat Kubrick die Logik seinerüberzeugungen bis zum bitteren Ende demonstriert. Er hat deutlich gemacht, dass der Krieg .. nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich ist. Die radikale Kritik an der amerikanischen Atompolitik .. kam erst richtig in Gang, nachdem viele Menschen Kubricks Film gesehen und gelobt hatten." 23

An dieser Stelle möchte ich meine Ausführungen zu Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben bzw. zu dessen Schluß-Szene mit einigen wenigen resumierenden Worten abschließen, da ich denke, das Wesentlichste bis hierher dargelegt zu haben. Ich habe zu Beginn versucht Stanley Kubrick und sein einzigartiges Lebenswerk zu porträtieren; obwohl ich dabei keine wirklich neuen Erkenntnisse darstellen konnte - da ich mich ausschließlich auf die vorhandene Literatur zum Thema gestützt habe - denke ich, dass dies für das Verständnis / die Rezeption des Filmes durchaus hilfreich, wenn nicht gar notwendig ist.

Danach habe ich den Film als Gesamt(kunst)werk charakterisiert, wozu ich Thema, Inhalt und Form desselben erläutert, Daten zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte genannt und ihn - wie ich glaube - persönlich gewürdigt habe.

Im Folgenden habe ich mich - nach Abgrenzung der Szene und einem kurzen Exkurs zur Theorie der Filmanalyse - der Analyse der von mir ausgewählten 5minütigen Schluß-Szene zugewandt; wobei ich vorrangig die narrative, visuelle und auditive Gestaltung derselben untersucht habe. Die Analyse-Ergebnisse habe ich zum Einen ausführlich erläutert und zum Anderen in Form eines Einstellungsprotokolls veranschaulicht. (siehe S.19)

Ich hoffe, mit dieser Hausarbeit Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben, insbesondere dessen letzte, alles entscheidende Szene ausführlich genug beschrieben bzw. analysiert und dem geneigten Leser einen kleinen Einblick in - meiner Meinung nach - einen der wichtigsten Kubrick-Filme gegeben zu haben.

EINSTELLUNGSPROTOKOLL: SCHLUSS-SZENE DR. SELTSAM

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Literaturverzeichnis

_ Walker, Alexander: Stanley Kubrick: Leben und Werk; Henschel Verlag; Berlin; 1999 _ Seesslen / Jung: Stanley Kubrick und seine Filme; Schüren Presseverlag; Marburg; 1999 _ Nelson, Ellen: Stanley Kubrick; Heyne Verlag; München; 1984

_ Koebner, Thoma (Hg): Filmregisseure: Biographien, Werkbeschreibungen, Filmographien; Reclam; Stuttgart; 1999

_ Jordan / Lenz (Hg.): Filmlexikon der 100 bedeutendsten Filmregisseure; Rowohlt; Hamburg; 1994

_ Faulstich, Werner: Einführung in die Filmanalyse; Vandenhoeck und Ruprecht; Göttingen 1995

_ Hickethier, Knut: Fim- und Fernsehanalyse; Metzler; Stuttgart / Weimar; 1996

_ Drexler, Korte (Hg.): Einführung in die systematische Filmanalyse; Erich Schmidt Verlag; Berlin 1999

[...]


1 A. Walker 1999; S.8

2 A. Walker 1999, S.114

3 ebd. S. 29

4 ebd. S.157

5 ebd .S 158

6 Quelle: http://kubrickfilms.warnerbros.com/video_detail/dsl/index.html S.2

7 Quelle: ebd. S.1

8 Quelle: ebd. S.2

9 A.Walker 1999, S.116

10 ebd. S 116

11 ebd. S.123

12 ebd. S.134

13 A. Walker 1999, S.149

14 A. Walker 1999, S.158

15 ebd. S.155

16 Hickethier 1996; S.24

17 Faulstich 1995, S.13

18 Walker 1999, S.134

19 siehe Hickethier 1996, S.109

20 Walker 1999, S. 131ff

21 vgl. hierzu: Drexler / Korte 1999, S.25fff.

22 Walker 1999, S.156

23 A.Walker 1999, S. 156

Details

Seiten
21
Jahr
2000
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99405
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
2
Schlagworte
Stanley Kubricks Strangelove Seminar

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Titel: Stanley Kubricks "Dr. Strangelove"