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Spricht die Jugend eine eigene Sprache? Ein Überblick über Forschung und Realität von "Jugendsprache'

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 26 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Wer spricht Jugendsprache?
1.1 Altersgrenzen und Lebensphasen
1.2 Soziale Grenzen und Phasen der Gruppenzugehörigkeit

2 Jugendsprache und die Jugendsprache-Forschung
2.1 Übersicht
2.2 Jugendsprache - Soziolekt, Sprachvarietät oder Sammelbegriff? Dimensionen und Vergleich von Jugendsprache-Forschung

3 Bemerkungen zu den Einflussfaktoren auf Jugendsprache
3.1 Dialekt
3.2 Medien Fazit

Literatur und Anmerkungen zur Literatur

Einleitung

Seit einigen Jahren erfreut sich die Erforschung jugendlicher Kommunikationsformen beinahe gleichbleibender Popularität. Zwei Herangehensweisen an dieses, meist unter dem Begriff „Ju- gendsprache“ abgehandelte Thema treten dabei hervor: zum einen eine populärwissenschaftlich- journalistische Methode, die allerdings ihren Zenit zu überschritten haben scheint. Zum anderen eine wissenschaftliche, vor allem soziolinguistische und soziopragmatische Methode. Hier gibt es eine Reihe aktueller Untersuchungen, die immer mehr auf breiter empirischer Basis der Frage nach der Sprache der Jugend nachgehen. Denn diese Frage ist schwieriger zu beantworten als es zunächst scheint. Allein der Begriff „Jugendsprache” wirft Probleme auf: Gibt es tatsächlich eine Gemeinschaft jugendlicher Sprecher, die ihre eigenen mündlichen Kommunikationsformen pfle- gen, etwa so wie der Bayer bayrisch spricht? Ist Jugendsprache eine Art eigener Dialekt (in die- sem Falle: Soziolekt), eine eigene Varietät? Wenn dem so wäre, hieße es aber auch zu klären, wer überhaupt „die Jugend” ist. Darüber existieren unterschiedliche Auffassungen. Schließlich gibt es Thesen, nach denen die Entstehung jugendlicher Sprechweisen im engen Zusammenhang mit dem Aufkommen des Medienzeitalters zu sehen ist. Es würde sich hier also die Frage stellen, von wel- chen Faktoren Jugendsprache beeinflusst wird, ob sie nicht gar ein Konstrukt der Mediengesell- schaft ist, ein „Mythos” (vgl. SCHLOBINSKI/ KOHL/LUDEWIGT 1993: 9 ff.). Zusammengefasst, durchziehen demnach drei Kernfragen diese Arbeit:

0.1

(1) Was ist „Jugend“, gibt es überhaupt die Jugend?

(2) Was ist „Jugendsprache“, gibt es überhaupt die Jugendsprache?

(3) Wie verhalten sich Forschung und Medien zu „Jugendsprache“?

Ein Weg, diese Fragen zu beantworten, wäre das Sammeln und Auswerten von empirischem Material, doch dies kann im vorgegebenen Rahmen nicht geleistet werden (soweit nötig, wird deshalb auf vorfindbares Material zurückgegriffen (z.B. ANDROUTSOPOULOS 1998; AUGENSTEIN 1998; HENNE 1986; SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993; EHMANN 1992). Des- halb wird versucht, Antworten auf vorwiegend theoretischer Basis, anhand der Aufbereitung und Diskussion zentraler, exemplarischer Forschungsliteratur zu finden, um damit einen Überblick über das sprachliche Phänomen und linguistische Forschungsgebiet „Jugendsprache” mit seinen unterschiedlichen, widersprüchlichen Interpretationen zu ermöglichen. Die These lautet, dass es, ebenso wie es eine Vielzahl an Dialekten, Soziolekten, jugendlichen Subkulturen, sozialen Grup- pen und divergierenden wissenschaftlichen Ansätzen gibt, eine Vielzahl jugendlicher Sprech- und Schreibweisen besteht, für die „Jugendsprache“ nur eine Art Oberbegriff darstellt, der jedoch der Wirklichkeit nur eingeschränkt gerecht wird.

1 Wer spricht Jugendsprache?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 „Jugend“-Definitionen in Enzyklopädien

1.1 Altersgrenzen und Lebensphasen

Ist in der Öffentlichkeit, in den Medien und populärwissenschaftlichen Publikationen von „Ju- gendsprache” die Rede, dann steht nie ein abstraktes Kommunikationssystem im Mittelpunkt der Diskussion, sondern stets die Gruppe von Sprechern, die scheinbar für sich eine bestimmte Art der Kommunikation gewählt hat. Im Gegensatz zu den meisten sprachwissenschaftlichen Unter- suchungen geht es hier hauptsächlich um das soziale Phänomen, das nicht nur aufgrund seiner relativen Exotik reizvoll ist (vgl. HENNE 1986: 185; ANDROUTSOPOULOS/SCHOLZ 1998: 305 - „Es hat den Anschein, dass1, wenn die Medien Sprachfragen thematisieren, sie sich vorzugsweise mit stigmatisierten Sprechweisen beschäftigen”), sondern auch wegen der vielfältigen sozialen, zeitkritischen Implikationen, die dahinter stehen - etwa die Entfremdung zwischen den Generatio- nen. Wer diese Jugend ist, die angeblich Jugendsprache spricht, wird selten hinterfragt, meist scheint es eine Art Konsens in Medien und Öffentlichkeit zu geben, nach dem es so etwas wie die Jugend gibt, die dann natürlich auch ihre Sprache sprechen kann.

Im sprachwissenschaftlichen Umfeld ist die Frage nach der Sprechergruppe von Jugendspra- che deshalb von besonderem Interesse. „Jugendsprache” beinhaltet eine Abgrenzung gegenüber anderen Gruppensprachen. Doch wie sieht diese durch das Merkmal „Jugend“ begrenzte Gruppe aus? Juristische Definitionen (Volljährigkeit, Fähigkeit zu Rechtsgeschäften) sind wenig brauch- bar, da sie von Gesetzgeber zu Gesetzgeber variieren. In der Entwicklungsmedizin (Pädiatrie) wie in der Biologie wird zwischen Adoleszenz und Pubertät unterschieden. Pubertät umfasst die Stadien der sexuellen Reifung, Adoleszenz die Altersphase, welche zwischen Pubertät (Abschluss der Kindheit) und Geschlechtsreife liegt. Die Adoleszenz kann früh (Beginn im 10./11. Lebens- jahr, Ende mit 14 Jahren), im mittleren Alter (14. - 16./17. Lebensj.) oder spät (16./17. - 21. Le- bensj.) ablaufen, die Pubertät beginnt in der Regel ab dem 8. (Mädchen) bzw. 10. Lebensjahr (Jungen) und dauert im Normalfall ca. 4,5 Jahre (MUTZ/SCHEER 1997: [Online-Dokument]2 ).

Dieser unteren durchschnittlichen Altersgrenze der Adoleszenz schließen sich die meisten so- ziolinguistischen Forschungsarbeiten an. Henne nimmt an, dass etwa mit dem zwölften Lebens- jahr die Identitätsfindung mit Hilfe einer sprachlichen Profilierung einsetzt (Henne, nach PÖRKSEN/WEBER 1984: 66). Ähnlich formuliert Augenstein, die den biologischen Entwicklungs- schub, der im Alter von 12 oder 13 Jahren eintrete, als „wichtige[n] Zündfunke” versteht, der „bei den Jugendlichen eine intensive Beschäftigung nicht nur mit dem eigenen Körper, sondern auch mit dem ganzen Selbst auslöst” (AUGENSTEIN 1998: 26). Henne, Augenstein und andere Sprach- wissenschaftler übernehmen damit Erkenntnisse der Psychologie, nach denen das Jugendalter während der Pubertät zwischen dem 11. und 14. Lebensjahr beginnt (SCHMIDBAUER 1976: 104).

Weitaus mehr Unsicherheit besteht in der Frage nach der oberen Grenze des Jugendalters. Biologische Altersvorstellungen erklären nicht, warum ein Student, dessen physischer Wachs- tums- und Reifeprozess in der Regel als abgeschlossen gilt, sich eindeutig jugendsprachlicher Kommunikationsmuster bedient (vgl. PÖRKSEN/WEBER 1984: 68), während ein 17-jähriger Ar- beitnehmer unter Umständen „erwachsener” wirkende Sprachmuster seines beruflichen Umfeldes verwendet. Die Psychologie nennt diese spätere Reifephase Postadoleszenz (SCHMIDBAUER 1976: 104, vgl. auch Abb. 1). Hier knüpft Weber an, der Jugend (i.d.S. Adoleszenz und Post- adoleszenz) „strukturell eingrenz[t] als Lebensphase zwischen der Kindheit und dem Eintritt des Menschen in den Arbeitsprozess als Lohn- und Gehaltsempfänger” (PÖRKSEN/WEBER 1984: 65). Dies sei ein Lebensabschnitt, der „durch gesellschaftlich organisierte und überwachte Lernpro- zesse und durch die zunehmende Ablösung von der Familie geprägt ist.” (PÖRKSEN/WEBER 1984: 65). Das Ende des Jugendalters ist also abhängig von Grad und Art der Sozialisation (s.u.) und liegt in unserem Kulturkreis spätestens zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr (vgl. ANDROUTSOPOULOS 1998: 4). Androutsopoulos greift in seiner Untersuchung auf ein Schreib- schriftenkorpus zurück, bei dem die Redakteure der aufgeführten Fan-Magazine (Fanzines) zum Teil das 30. Lebensjahr überschritten haben (Frontpage, Groove - vgl. ANDROUTSOPOULOS 1998).

1.2 Soziale Grenzen und Phasen der Gruppenzugehörigkeit

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, innerhalb derer sich das Individuum bewegt, prägen seinen Sprachgebrauch. Damit ist es nicht das biologische, sondern das soziale Alter, welches darüber bestimmt, was „Jugend” ist (vgl. MATTHEIER 1987: 81). Allerdings: Auch wenn „Ju- gend” nun eingegrenzt und instrumentalisiert scheint, kann man noch nicht festlegen, wer Jugend- sprache spricht. „,Jugendsprache’ ist nicht mit der ‚Sprache der Jugend’, also mit dem Sprach- verhalten Jugendlicher schlechthin gleichzusetzen” schreibt Androutsopoulos und betont, nicht alle Jugendlichen sprächen Jugendsprache (ANDROUTSOPOULOS 1998: 4). Eine 1981 vom Ju- gendwerk der Deutschen Shell herausgebene und vielfach als Referenz verwendete Studie, in der unter anderem Daten zu jugendlichen Sprachverhalten gesammelt wurden, kommt zu dem Ergeb- nis, dass Jugendliche nicht nur nach dem Alter zu unterscheiden sind, sondern auch nach Ausbil- dung, Berufserfahrung, politischer Einstellung und Gruppenzugehörigkeit (vgl. PÖRKSEN/WEBER 1984: 68).

Die Untersuchungen von Androutsopoulos, Augenstein, Weber und Schlobinski zeigen, dass es keine einheitliche Sprechergemeinschaft Jugendlicher gibt: „Es kann die Jugendsprache nicht geben, weil es die Jugend als homogene Gruppe nicht gibt“ (SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 37). Die Anwendung jugendsprachlicher Kommunikationsmuster ist stark abhängig von der Zugehörigkeit des Sprechers zu sozialen Gruppen und Subkulturen; eine Zugehörigkeit, die in den unterschiedlichen Lebensphasen jedoch mehrfach wechseln kann.

„Jugendphänomene sind selbstverständlich soziokulturelle Phänomene, nicht zu erklären ohne die ö- konomische und politische Struktur der Gesellschaft, die familiären Beziehungen, den Status der Jugend, die jugendspezifischen Institutionen.“ (Bruder-Bezzel/Bruder 1984 zit. nach SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 37)

Ältere wie neuere Untersuchungen der Jugendsprache-Forschung sprechen von Gruppen unter- schiedlicher sozialer Ebenen, die sich dem Freizeit- und Subkulturbereich ebenso wie dem Aus- bildungsbereich oder der sozialen Herkunft zuordnen lassen (vgl. z.B. SCHLOBINSKI/ KOHL/LUDEWIGT 1993; ANDROUTSOPOULOS 1997 ff.; PÖRKSEN/WEBER 1984). Teilt man die Jugend als interessierende Peer Group in derartige Untergruppen (subkulturelle Szenen, Angehö- rige sozialer Schichten, Schülergruppen etc.) auf, ergibt sich die Frage, wieso nicht vollständig vom Begriff „Jugendsprache“ Abstand genommen wird und einzelgruppenspezifische Sprachun- tersuchungen erfolgen, wie dies bereits mit anderen Sondersprachen, Fachsprachen oder situati- ven Varietäten geschah: „Ist damit das Ende der Jugendsprachforschung eingeleitet [...] ?“ (SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 38).

Im übrigen gibt es Thesen, die in dem Verlust eines gesamtgesellschaftlichen Sprachcodes in der modernen Gesellschaft, der mit dem Zerfall eines staatlich-religiös geprägten Gesellschafts- ganzen in individualisierte Gruppenstrukturen und seiner Ersetzung durch ein an Konsum und der Erreichung persönlicher Ziele orientiertem Gesellschaftssystem ein Argument sehen

(a) für die Entstehung einzelgruppenspezifischer Kommunikationsformen und

(b) gegen den künstlichen Aufbau übergreifender, in diesem Sinne vereinfachender Strukturen wie „Jugendsprache“ (Vgl. Lefébvre nach PÖRKSEN/WEBER 1984: 107).

Entscheidend für ein übergreifendes Verständnis von Jugendsprache ist manchen Forschern, dass eine größere Permeabilität zwischen den Gruppengrenzen zu bestehen scheint, was die Ver-wendung und das Verständnis von Wortschatz und Wortbildung betrifft. „Viele Leitformen [sind] überregional gültig“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 374) sagt Androutsopoulos, und Weber zeigt, dass Wörter aus der jugendlichen Drogenszene Berlins der achtziger Jahre für Gymnasiasten verständlich sind (PÖRKSEN/WEBER 1984: 67), womit er bestätigt, dass gruppenübergreifende Einzelmerkmale einer jugendsprachlichen „Grammatik“ (z.B. Verletzung standardsprachlicher Wortbildungsmuster) erkennbar sind.

Mitglieder jugendlicher Subkulturen haben meist nur für einen beschränkten Zeitraum, der Phase der Adoleszenz/Postadoleszenz, am Sprachprozess einer Gruppe teil. Wer als Erwachsener Jugendsprache imitiert, wird von Jugendlichen oft nicht ernstgenommen (vgl. SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 12; AUGENSTEIN 1998: 252). Mit dem Ende des Jugend- alters, dem Eintritt ins Berufsleben, werden die bisherigen gruppenspezifischen Kommunikati- onsmuster meist rasch abgelegt. Zur Untersuchung von Jugendsprache sind also zwei Faktoren von Bedeutung: Die Beobachtung der Peer Group „Jugend” und der sich innerhalb dieser (mehr oder weniger variablen) Grenzen bewegenden sozialen und/oder subkulturellen Peer Groups.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 „Jugend“-Definition

2 Jugendsprache und die Jugendsprache-Forschung

Die Jugendsprache-Forschung ist ein jüngeres Forschungsgebiet der germanistischen Sprachwissenschaft. Bei der Betrachtung ihrer Geschichte, Inhalte und Kontroversen lässt sich nicht nur ein Bild dieses Forschungsfelds entwickeln, sondern auch ihres Gegenstands.

2.1 Übersicht

Obwohl Henne die Existenz von Forschungsarbeiten über Gruppensprachen wie etwa die Stu- denten- und Schülersprache schon zu Beginn dieses Jahrhunderts nachweist (HENNE 1986: 221), ist erst Anfang der 1980er Jahre ein deutliches Anwachsen von wissenschaftlichen und populär- wissenschaftlichen Untersuchungen über jugendsprachliche Phänomene zu verzeichnen. Bis frü- hestens 1957 bleiben Untersuchungen zur Sprache der deutschen Jugendbewegung „ein unbe- kanntes Kapitel deutscher Sprachgeschichte“ (HENNE 1986: 221). Doch auch nach 1960 wurde das Thema vielerorts entweder nicht ernstgenommen oder als Beispiel für sprachliche Degenerati- on herangezogen und als Gefahr für die Standardsprache verstanden: „Die Witzigkeit des Jargons ist nur äußerlich, in Wahrheit spiegelt er sprachliche Verwilderung und emotionale Verrohung wider“ (Helmut Lamprecht 1965, zit. nach SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 9). Zudem bezeichnet Henne die Großzahl der in den 1960er Jahren erschienenen Artikel als „wenig profes- sionell, also ohne sprachwissenschaftliche Konzeption“ (HENNE 1986: 222).

Das Desinteresse gegenüber Jugendsprache oder die warnende Kritik sind zwei Extrempositi- onen, die nicht von jedem in Wissenschaft und interessierter Öffentlichkeit geteilt worden sein mögen. Tatsache ist aber, dass sie erst in den 1970er Jahren durch wissenschaftlich ernstzuneh- mende und wertneutrale Texte ersetzt wurden und erst nach 1980 große, vor allem auch empiri- schen Arbeiten erschienen. Noch 1984 bezeichnete Ernest Hess-Lüttich „Jugendsprache“ als ein von Germanisten nicht als „seriös“ akzeptiertes Thema (HESS-LÜTTICH 1984: 303). Hennes „Die Jugend und ihre Sprache“ (HENNE 1986) war die „erste breit empirisch fundiert[e]“ Untersu- chung (SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 22). Doch schon früher erschienen Abhandlungen u.a. von Heinemann (1979, 1983), Henne (1981), Glindemann (1981), Maas (1982), Brenner (1983), Bausinger (1984), Beneke (1985). Sie untersuchten jugendsprachliche Kommunikations- formen pragmatisch, gruppenorientiert und bezogenen auf ihre subkulturelle Anwendung, ge- schichtlich, ästhetisch, sprach- und gesellschaftskritisch und in ihrer Gesamtheit (vgl. HENNE 1986: 225). 1984 veröffentlichten Pörksen und Weber ihren Arbeiten in einem Band, mit dem die von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gestellte Preisfrage „Spricht die Jugend eine andere Sprache?“ beantwortet wurde (PÖRKSEN/WEBER 1984) und in dem sich die Autoren mehrfach auf die bereits erwähnte Shell-Studie von 1981 beziehen. Ebenso wie das kommerziell äußerst erfolgreiche populärwissenschaftliche „Lass uns mal ‘ne Schnecke angraben“ (MÜLLER- THURAU 1983) zeigt dies, dass die Untersuchung von Jugendsprache nicht nur für die Wissen- schaft von zunehmendem Interesse war, sondern auch in Medien und Öffentlichkeit ihren Wider- hall fand. Gleichzeitig sind die häufigen gegenseitigen Referenzen ein Indiz dafür, dass das The- ma sowohl in der Forschung als auch in den Medien annähernd überschaubar blieb. Im Wesentlichen hat sich daran bis heute nichts geändert, auch wenn mit ANDROUTSOPOULOS 1998, ANDROUTSOPOULOS/SCHOLZ 1998, AUGENSTEIN 1998, EHMANN 1992, SCHLOBINSKI/KOHL/ LUDEWIGT 1993 und SCHLOBINSKI/HEINS 1998 zusätzliche zentrale Beiträge zum Thema er- schienen, die sich im Gegensatz zu vielen älteren Arbeiten vor allem durch ihre empirische Beleg- dichte auszeichnen.

2.2 Jugendsprache - Soziolekt, Sprachvarietät oder Sammelbegriff? Dimensionen und Vergleich von Jugendsprache-Forschung

Grundvoraussetzung für die Zulässigkeit der Kategorisierung bestimmter sprachlicher Varianten als Varietät ist eine gewisse Kohärenz inner- wie außersprachlicher Merkmale. Außersprachlich können Varietäten etwa geographisch (Dialekt) oder sozial (Soziolekt) definiert werden (vgl. BUßMANN 1990: 827). Wichtig ist in jedem Fall die Möglichkeit der Abgrenzung gegenüber an- deren Varietäten und ihre erkennbare Verwendung. Nach Androutsopoulos kann Jugendsprache aber weder i.d.S. abgegrenzt werden (ANDROUTSOPOULOS 1998: 590), noch besteht eine klare Verwendungsdichte (ANDROUTSOPOULOS 1998: 591). Dennoch bezeichnet er Jugendsprache als „Sekundärvarietät“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 586). Was also ist Jugendsprache?

In der ab etwa 1980 einsetzenden, von Henne sogenannten „dritten Phase“ der Jugendsprache- Forschung (HENNE 1986: 225) wurde der Forschungsgegenstand Jugendsprache zu einem For- schungsfeld. Verschiedene Autoren wählten unterschiedliche Fokussierungen, um sich dem The- ma zu nähern, wobei unterschiedliche Deutungen von Jugendsprache entstanden. Wird jugendli- ches Sprachverhalten untersucht, stehen entweder unterschiedliche Sprechergruppen im Mittelpunkt der empirischen Belegsammlungen oder es wird - mit oder ohne den Blick ins Detail - der Versuch einer umfassenden Charakterisierung dieses Begriffs unternommen: „Eine gewisse Uneinheitlichkeit herrscht über den terminologischen wie auch begrifflichen Status des For- schungsgegenstands“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 32). Dabei kristallisieren sich vornehmlich folgende Untersuchungsdimensionen heraus, die entweder Jugendsprache an gewisse soziokultu- relle Voraussetzungen knüpfen und somit einen Fokus festlegen oder einen Ausblick auf das Ge- samtphänomen Jugendsprache anstreben, indem sie eine für Jugend als besonders repräsentativ angesehene Gruppe (meist Schüler) wählen (Doch auch die Autoren dieser „gesamtheitlichen“, an der Langue-Ebene orientierten Ansätze, die Jugendsprache theoretisch nicht zwingend in kleinere Gruppeneinheiten differenzieren, und die von Jugendsprache als der Sprache/eines Dialekts der Jugend ausgehen, von einem „Soziolekt/Generationssoziolekt“ [Beneke/Hess-Lüttich, zit. nach ANDROUTSOPOULOS 1998: 32], würden es als fahrlässig bezeichnen, Jugendsprache nicht weiter zu differenzieren und in gewisser Weise zu relativieren [s. HENNE 1986: 207 ff.]):

2.2.1

(1) Gesamtheitsanspruch - es gibt so etwas wie eine Jugendsprache, auch wenn diese diffe- renziert werden muss:

(1a) linguistisch-wissenschaftlich untersucht

(1b) populärwissenschaftlich-soziographisch vorgestellt > Orientierung an Langue-Ebene

(2) „Jugendsprache“ als kritisch hinterfragter Sammelbegriff insgesamt unzusammenhängen- der Gruppensprachen, meist untermauert durch empirische Sammlungen (Fragebögen, Interviews, Beobachtungen, Textanalysen) aus den Bereichen

(2a) soziale Umgebung/Familie, Herkunft (u.a. mit dialektologischen Ansätzen)

(2b) Schule/Universität (u.a. mit pädagogischen Ansätzen)

(2c) musikalisch-modische Subkultur/Szene (u.a. mit soziologischen Ansätzen) > Orientierung an Parole-Ebene

Diese Grobeinteilung, die sich auf die Formel „Jugendsprache vs. Jugendgruppensprachen“ ver- dichten ließe, ist nicht absolut. Querverbindungen zwischen den verschiedenen Punkten werden in praktisch jeder Arbeit aufgebaut. Androutsopoulos trennt deshalb zwischen einem „traditionellen“ und einem „ethnographischen“ Forschungslager (vgl. ANDROUTSOPOULOS 1998: 32). Obwohl diese Einteilung der oben aufgeführten in mancher Hinsicht entspricht, wurde sie hier nicht über- nommen, da sie sich in der Praxis als nicht ganz unproblematisch erweist. Findet man doch z.B. bei HENNE 1986, den Androutsopoulos im Gegensatz zu SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993 dem traditionellen Lager zuordnet, und eben Schlobinski nicht nur einige technische Ähnlichkei- ten: Beide Autoren, sowohl Henne als auch Schlobinski, fokussieren in ihren Untersuchungen eindeutig auf die Sprache der Schüler (im Gegensatz zu den Untersuchungen von Androutsopou- los etwa). Beide organisieren Interviews, vorwiegend mit Gymnasiasten (vgl. HENNE 1986: 130 ff.; SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 169 ff.). Auch scheinen sich die Überlegungen der Autoren in mancher Hinsicht zu gleichen:

2.2.2

(1) „Das Sekundärgefüge ,Jugendsprache‘ - und dies ist notwendigerweise hinzuzufügen - zerfällt nun in zahllose ‚Teilsprachen‘. Besser: Es ist ein Dach, unter dem viele jugendliche Gruppen mit je eigenen sprachlichen, musikalischen und sonstigen Ausdrucksbedürfnissen (z.B. Kleidung und Frisur) wohnen. Gruppenstile sind sprachlich differenziert; aber sprachliche Differenzierung ist nur ein Teil der Gruppenstile.“ (HENNE 1986: 211)

(2) „Jugend und Jugendsprache sind soziologisch fundierte Kategorien, hinter denen sich ein komplexes Bündel von Phänomenen verbirgt. [...] Selbst wenn man unterstellt, man wüsste, was eine Jugendgruppe ist, dann gibt es immer noch so viele Jugendsprachen wie es Jugendgruppen gibt.“ (SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 39)

Ausschlaggebend dafür, diese beiden Vertreter der Jugendsprache-Forschung zu trennen, waren zum Teil sicherlich Schlobinskis eigene Äußerungen, in denen er zum einen Abstand von der „traditionell“ soziolinguistischen Form der Datenerhebung durch Fragebögen nimmt und einen ethnographischen Ansatz für die Jugendsprache-Forschung proklamiert (SCHLOBINSKI/KOHL/ LUDEWIGT 1993: 40), zum anderen Henne direkt - unter Berufung auf andere Autoren - kritisiert (SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 22 ff.). Tatsächlich treffen hier einige unterschiedliche empirische Vorgehensweisen aufeinander. Problematisch erscheint die Unterscheidung zwischen „traditionell“ und „ethnographisch“ weiterhin, weil es deutlicher das Ergebnis ist, das die beiden Untersuchungen trennt, als der streitbare Weg dorthin, der in beiden Fällen über umfangreiche Datensammlungen erfolgte.

Henne nämlich kommt zu dem Schluss, dass Jugendsprache keine homogene, im klassischen Sinne geographisch oder sozial begrenzbare Varietät des Deutschen ist (vgl. SCHLOBINSKI/KOHL/ LUDEWIGT 1993: 22), sondern es sich hier um ein Bündel von Sprachformen handelt, die zusam- mengenommen einen besonderen Stil des Sprechens, einen „sprachlichen Jugendton“ (HENNE 1986: 209) ergeben. Henne umfasst mit diesem Bündel beinahe alle Merkmale eines gemeinhin als jugendsprachlich identifizierten Sprachregisters (im folgenden ergänzt durch Zusätze anderer Autoren, damit ein möglichst repräsentatives Beschreibungsinstrumentarium jugendsprachlicher Kommunikationsmerkmale entsteht):

2.2.3

(1) Phraseologie und Idiomatik: Grüße, Anredeformen und Partnerbezeichnungen (Schne- cke);

(2) griffige Namen- und Spruchwelten (zieh Leine);

(3) Redensarten und stereotype Floskeln (ganz cool bleiben), bei (2) und (3) Tendenz zu Funktionsverbgefügen (sich keinen Kopp machen);

(4) metaphorische, zumeist hyperbolische Sprechweisen (Oberpenner, Megaparty);

(5) Repliken mit Entzückungs- und Verdammungswörtern (saugeil);

(6) Lautwörterkommunikation (hechel, kotz);

(7) prosodische Sprachspielereien, Lautkürzungen, Lautschwächungen, graphostilistische Mitteln (WA-hn-sinnig);

(8) lexikalische Experimente im Bereich der Wortbildung, die als produktivstes und meistbe- achtetes Merkmal eines jugendsprachlichen Registers gilt: Neuwort (Mucke), Neubedeu- tung (fett, abfahren), Neubildung (z.T. mit Tendenz zur morphologischen Integration von Entlehnungen, vorw. Anglizismen - flashig, spacig), Adjektivbildung auf -mäßig (feten- mäßig) und Bildung von Wortfamilien (nerven > Nerver, Nerverei, nervig), Worterweite- rung: Präfix- und Suffixbildung, Kurzwortbildung (Abi)

(zusammengestellt aus HENNE 1986: 208, SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 22, ANDROUTSOPOULOS 1998: 36 ff.)

Hennes Konstruktion von Jugendsprache erscheint als übergreifendes Gebilde aufgrund seines kleinsten Nenners gemeinsamer Merkmale, das den Sprechern einer durch minimale Gemeinsam- keiten zusammengefügten Gesamtgruppe „Jugend“ zuzuordnen ist. Diese „die jugendlichen Gruppenstile übergreifende Spielart des Sprechens (und, weniger, des Schreibens)“ (HENNE 1986: 211), herausgefiltert aus den Ergebnissen einer Fragebogenaktion (Befragung von 536 Schülern aus Braunschweig, Neuss, Mannheim und Melsungen, davon die Mehrheit Gymnasias- ten, aber auch Real-, Haupt- und Berufsschüler), legt nahe, dass Jugendsprache eine Sekundärva- rietät (im weiten Sinne) zum Standard bildet: vgl. 2.2.1, Punkt 1. Diese Theorie einer allgemein feststellbaren sekundär erworbenen Sprachvarietät wird von mehreren Autoren vertreten (ANDROUTSOPOULOS 1998: 34):

„Da innerhalb der interpersonalen Kommunikation Jugendlicher eine ganze Anzahl verschiedener Erscheinungen jugendtypischer Besonderheiten existiert, deren Gesamtheit eine vom allgemeinen gesellschaftlichen Usus [...] abweichende jugendspezifische Sprachvarietät konstituiert [...], sollte deshalb von einer jugendspezifischen Sprachvarietät (besser: jugendspezifischen Sprachteilvarian- ten) als eine der Jugend entsprechende Form der Sondersprache die Rede sein.“ (EHMANN 1992: 16)

Geographisch und sozial ist diese Varietät kaum eingrenzbar, es gibt jedoch Anhaltspunkte für ihre Existenz:

(a) z.B. aufgrund der vorgefundenen Sprechergruppe: Jugendsprache ist die Sprache der Ju- gend (s.o.; was schon der Hennes Buchtitel „Jugend und ihre Sprache“ nahe legt), ein „medien- vermittelter Generationssoziolekt der Altersgeneration“ (AUGENSTEIN 1998: 255), der anders ist als der Standard oder die Sprache der Erwachsenen. Diese Varietät ließe sich etwa im Varietäten- raum Umgangssprache ansiedeln (Jürgen Beneke, nach ANDROUTSOPOULOS 1998: 33).

(b) aufgrund ihrer Funktionen, die sie z.T. von den Funktionen anderer Varietäten unterschei- den: als Sprachprofilierung und individuelle Identitätsfindung (HENNE 1986: 208); als Aufbau von Wir-Gemeinschaft und Verständigungssystemen im Kontext von Gruppen- und Szenekom- munikation („Ingroup-Ton“ - AUGENSTEIN 1998: 252, 261) - „Kommunikation auf allen Wellen [...] im ‚feeling‘ gemeinsamer ‚vibrations‘“ (HESS-LÜTTICH 1984: 331); als extern gerichtete Kontrollinstanz, die der Gruppe anzeigt, wer sich ihr noch zugehörig fühlt oder nicht mehr zu ihr passt (Nave-Herz, nach ANDROUTSOPOULOS 1998: 35); als Ausdruck der Suche nach „ädaqua- ten Ausdrucksformen für ‚ihre‘ Sonderwelt“ aufgrund eines in der Standardsprache vorhandenen Mangels an brauchbaren lexikalischen Einheiten (EHMANN 1992: 26) und einer jugendlichen, dem Erwachsenen verschlossenen, gedanklich-emotionalen Intimität (MÜLLER-THURAU 1986: 9); als Ausdruck und Strategie der Überwindung sprachlicher Unsicherheit und Abgrenzung gegen- über Erwachsenen (PÖRKSEN/WEBER 1984: 74 ff.) und der daraus resultierenden „Lust oder gar Zwang, sprachlich auffallen zu wollen“ (EHMANN 1993: 10); als sprachliche Umsetzung einer „Protesthaltung“ (EHMANN 1992: 26); als „Spiegelung“ und „Gegenspiegelung“ aktueller Bezüge (Neuland, nach ANDROUTSOPOULOS 1998: 35) etc. (eine eingehende Analyse der Funktionen - metasprachliche, Darstellungs-, Appell- und Ausdrucksfunktion - von Jugendsprache bietet AUGENSTEIN 1998).

Im Gegensatz etwa zu HENNE 1986, EHMANN 1992, 1993 und ähnlichen Untersuchungen las- sen z.B. ANDROUTSOPOULOS 1998, AUGENSTEIN 1998, SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993, SCHLOBINSKI/HEINS 1998 die Sichtweise zu, dass es eine (auch eingeschränkt) homogene Ju- gendsprache nicht gibt, sondern vielmehr „alle ‚Jugendsprachen‘ von Kleingruppen und Netzwer- ken ähnlich strukturiert sind“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 589). Neben der kritischen Auseinan- dersetzung mit dem Begriff „Jugendsprache“, die Henne nicht führt, beziehen sich die Beobachtungen in den genannten Werken oftmals auf bestimmte Phänomene, etwa jugendliche Sprachproduktivität und Textualität. Einzelne, über einen längeren Zeitraum beobachtete Schü- lergruppen, jugendliche Subkulturen und ihre Schriftproduktion oder Dialekträume bilden den Mittelpunkt des Interesses dieses „Neuorientierungen“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 40). SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993 geht sogar so weit, die Existenz einer Jugendsprache zu verneinen (37). „[Es gibt nur] jugendliche Ausdrucksformen, die abhängig sind von sozialen Zu- sammenhängen und spezifischen Situationen“, erklärt Peter Schlobinski, derjenige unter den Ver- tretern gruppensoziologisch vorgehender Sprachwissenschaftler, der sich am längsten und mit dem größten Aufwand mit dem Thema „Jugendliche und ihre Sprechweisen“ beschäftigt, auf seiner Homepage (http://www.fbls.uni-hannover.de/sdls/schlobi/jugend/index.htm). Dort steht auch, man verfolge - etwa bei dem aktuellen Projekt, bei dem verschiedene Schülergruppen, jugendliche Ausdrucksformen (Musik, Graffiti = Wandsprühereien) und das Verhältnis von jugendlichen Ausdruckweisen und Medien/Werbung über einen langen Zeitraum untersucht und teilnehmend beobachtet werden - „einen sprachsoziologisch und pragmatisch fundierten Ansatz, in dem jugendliche Ausdrucksweisen sowie deren Funktionalisierungen exemplarisch im sozialen Kontext und auf der Folie von Wertesystemen untersucht werden, wobei eine Binnenperpektive über die Schüler eingenommen wird“ (vgl. SCHLOBINSKI/HEINS 1998).

SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993 regt eine ethnomethodologische, „realistische Jugend- sprachforschung“ (38) an, deren Interesse dem „Sprechen in spezifischen Verhaltenskontexten“ (38) gilt. Kennzeichen der Methodik Schlobinskis ist (ähnlich wie bei Androutsopoulos und Au- genstein), am „Alltagsleben“ (oder einer durch Moderation erreichten Konstruktion von Alltags- leben) der interessierenden Gruppe teilzunehmen und durch Beobachtung die relevanten Aspekte des Geschehens zu erfassen. Fragebogenermittlungen, aus denen HENNE 1986 ebenso wie EHMANN 1992 größtenteils ihr Korpus bezogen, sind nach Schlobinski kein adäquates Mittel, ein originär sprechsprachliches Register wie das der Jugendsprache zu erfassen, da sie nur einen passiven Sprachzustand („Sprachwissensstrukturen“ - Wachau, zit. nach SCHLOBINSKI/KOHL/ LUDEWIGT 1993: 23) widerspiegeln und das kontextbedingte Wechseln Jugendlicher in verschie- dene, den jeweiligen Alltagssituationen angepasste Sprachstile ignorieren (zu „Kontextbedingun- gen für die Entfaltung kreativer Sprachstile“: SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 209 ff.). Erst die „teilnehmende Beobachtung“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 40), also die Interaktion mit Versuchsgruppen ausgewählter Jugendlicher über einen längeren Zeitraum, ermöglicht nach Androutsopoulos ein differenzierteres Bild der jugendlichen Sprechweisen. Die Tatsache, dass auch hier Fragebögen trotz aller vorgebrachten Bedenken hinzugezogen werden (s. SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993, AUGENSTEIN 1998), verwischt die Trennlinie zwischen „traditioneller“ und „ethnographischer“ Untersuchungsmethode ebenso zusätzlich wie die „Stil- tendenzen der Gruppensprachen“ (Last, zit. nach ANDROUTSOPOULOS 1998: 42), die Androutso- poulos als eine Art Quintessenz der ethnographischen Richtung präsentiert, und die sich mit den unter 2.2.3 ausgemachten Merkmalen jugendlicher Kommunikation überschneiden:

2.2.4

(1) Fäkalisierung und Emotionalisierung der Ausdrucksweise;

(2) Selbstrelativierung und inflationäre Anwendung von Partikeln;

(3) Dialogisierung und szenisches Erzählen;

(4) Tendenz zur radikalen Sprechweise: Satzabbrüche, Lautverschmelzungen, Klitisie- rungsprozesse, Gesprächs- und Rückversicherungspartikel.

(nach ANDROUTSOPOULOS 1998: 42)

Androutsopoulos selbst mischt die Untersuchungsmethoden, indem er sich zwar selbst als der traditionellen Richtung verhaftet sieht (ANDROUTSOPOULOS 1998: 51), doch aber beobachtende Langzeitstudien betreibt, selbst wenn diese nicht auf die Ressourcen zurückgreifen können, die Schlobinski zur Verfügung stehen. Ähnlich verhält es sich mit AUGENSTEIN 1998: Es werden Interviews, moderierte Gruppengespräche, sozialpädagogisch geprägte Studien an den jugendli- chen Besuchern von Jugendzentren, Fragebögen und Auswertungen von bestehendem Material vorgenommen. Dennoch bleiben beide Forschungsarbeiten einem „traditionell“ soziolinguisti- schen Ansatz treu, gehen dabei weniger in die soziopragmatische Richtung Schlobinskis. Gerade diese Sprachverhaltensforschung aus verschiedenen Perspektiven, die hier allerdings nur teilweise geschieht, welche Androutsopoulos (1998: 51) aber in vollem Umfang anregt, führt zu den effek- tivsten Ergebnissen.

Augenstein und vor allem Androutsopoulos (1998; 1997a) führen dabei eine Methode an, die das Verständnis von Jugendsprache um einer vorher nicht in diesem Umfang beachteten Aspekt erweitert: die Analyse eines umfassenden Textkorpus aus Zeitschriften „Jugendlicher“. Und hier ergibt sich wiederum eine Trennlinie, die das Bild einer traditionellen und einer ethnographischen Richtung aufweicht. Werden in HENNE 1986 und SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993 Schüler als die primären Vertreter der Jugend herangezogen, sind es bei Androutsopoulos (1998, 1997a, 1997b, 1999) Vertreter von Subkulturen (House/Techno-, HipHop-, Punk-, Heavy-Metal-Szene) bzw. ihre schreibende „Avantgarde“, bei SCHLOBINSKI/HEINS 1998 jugendliche Graffiti- Künstler, deren sprechsprachlich geprägter textueller Output zur lexikalischen Analyse benutzt wird.

Ob aus Fragebögen oder Magazinen, jeder der genannten Autoren gebraucht die verschrift- lichte Fassung von Jugendsprache, um eine breite Datenbasis zu haben. Offensichtlich reicht die teilnehmende Beobachtung nicht. Jugendsprache scheint nicht nur Sprechstil, sondern in gewis- sem Maße auch ein Schreibstil zu sein, der die Standardschreibe bewusst unterläuft. Die Einwän- de, die Schlobinski gegen Hennes Erhebungen vorbringt, können zudem nicht nur auf dessen Handhabung schriftlicher Daten zurückfallen, sondern auch auf die Beobachtungsmethode. Man könnte z. B. einwenden, dass die Authentizität von audiovisuellen Mitschnitten durch die Anwe- senheit eines erwachsenen Moderators/Versuchsleiters beeinträchtigt wird. Diese Situation scheint bei den von Schlobinski geschilderten Studien (SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993;

SCHLOBINSKI/HEINS 1998) möglich und wird bei AUGENSTEIN 1998 (251 ff.) dargestellt. Die besten, weil ungezwungensten Voraussetzungen für eine Beobachtung nennt Androutsopoulos:

„Der Erstkontakt mit den InformantInnen erfolgte informell, mit dem Untersucher in seiner Rolle als (ausländischer) Student, der Kontakt zu (mehr oder weniger) Gleichaltrigen zwecks Freizeitgestal- tung sucht. Nach meiner Einschätzung war es wichtig, nicht einfach als Untersucher geduldet, son- dern als ‚Bekannter‘ und/oder ‚Gleichgesinnter‘ akzeptiert zu werden.“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 58)

Hieraus ergeben sich natürlich ganz andere Möglichkeiten, der Unterschied zu Schlobinskis Ar- beiten, HENNE 1986, aber auch EHMANN 1992 bleibt allerdings signifikant: Unter den in diesen Arbeiten studierten Schülergruppen gäbe es wohl kaum einen, der in der Lage wäre, aus seinen Erfahrungen eine solche Abhandlung wie Androutsopoulos zu erstellen, auch nicht im nachhinein. Ist mit dieser wissenschaftlich/sozialen Reife Androutsopoulos noch ein Jugendlicher (weil „Gleichaltriger“ - s.o.) oder schon Erwachsener? Wenn letzteres zutrifft, wie wahrscheinlich, er sich aber unter Gleichaltrigen und Gleichgesinnten bewegt, fallen diese dann noch in die Katego- rie „Jugendliche“? Zumindest sind es eine andere, sozial reifere Art von Jugendlichen als jene aus den oben genannten Schülergruppen.

Dennoch verweisen fast alle Autoren auf ein Register von allen jugendlichen Gruppensprachen gemeinsamen Merkmalen, auch wenn dieses nur minimal ist. „Er spricht Jugendsprache“ hieße dann, ob es sich nun um einen 15-jährigen Schüler in der Untersuchungen Schlobinskis oder um einen 25-jährigen Raver aus den von Androutsopoulos analysierten Techno-Magazinen handelt, „seine Rede enthält eine bemerkenswerte Anzahl von wiederkehrenden Elementen einer spezifischen sozialen Markierung“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 591). Ob dies nun eine Varietät repräsentiert, macht Androutsopoulos abhängig von der Auslegung des Varietätenbegriffs, er zumindest kommt zu folgender Definition von Jugendsprache:

„Jugendsprache ist eine sekundäre Varietät, die in der sekundären Sozialisation erworben, in der alltäglichen informellen Kommunikation im sozialen Alter der Jugend habituell verwendet und als solche identifiziert wird. Sie wird auf der Basis einer areal und sozial verschiedenen Primarvarietät realisiert [...], deren Kompetenz, Verwendungshäufigkeit und spezifische Ausprägung nach der so- ziokulturellen Orientierung der SprecherInnen variiert.“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 592)

Dies ist eine Definition, die einen weiten Spielraum ermöglicht. Womit die offenen Fragen aus dem ersten Kapitel wieder aufgenommen werden: Ebenso schwer wie eine allgemeingültige Ant- wort auf die Frage, wer oder was „die Jugend“ oder ein Jugendlicher ist, fällt die Bestimmung dessen, was Jugendsprache ist. Nur Bücher wie „affengeil“ (EHMANN 1993) oder „Lass uns mal ‘ne Schnecke angraben“ (MÜLLER-THURAU 1983), die in „kürzester Zeit in die Bestsellerlisten vorstießen“ (SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 9), kennen diese Problematik nicht. Fest steht, wie oben schon angesprochen, dass jugendsprachliche Kommunikationsformen ü- ber ein „standard- oder umgangssprachliches ‚Grundgerüst‘ in Syntax, Morphologie, Lexik, Se- mantik und auch Aussprache, zu dem dann supplementär bestimmte sprachliche Marker kom- men“ (AUGENSTEIN 1998: 112), verfügen. Diese für die Gruppe als Identifikationssignale wichtigen Marker (s. 2.2.3 und 2.2.4) prägen jede Sondersprache, an ihrem Vorhandensein wird die Existenz von Jugendsprache plausibel gemacht. Dieser kleinste gemeinsame Nenner regional, situativ und sozial so verschiedener jugendlicher Umgangssprachen ermöglicht eine Vorstellung von Jugendsprache, die in jedem Fall relativieren und abstrahieren muss und von engen Varietä- tendefinitionen. Eine Jugendsprache zumindest ist ebenso schwer festzumachen wie eine Jugend.

3 Bemerkungen zu den Einflussfaktoren auf Jugendsprache

Zum Abschluss soll ein Überblick gegeben werden über zwei der bedeutendsten Einflussfaktoren auf das jugendliche Sprachregister: Dialekt und Medien. Beide bilden einen Antagonismus und machen sich am deutlichsten in Wortschatz und bei Entlehnungen bemerkbar, auf die sich hier auch hauptsächlich bezogen wird. Sind Jugendliche in Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte primär betroffen von einer stilbildenden Wirkung der Massenmedien, so schöpfen Jugendliche in ländlichen Gebieten oder in Regionen mit weitgehend intakten Dialekten häufig noch aus deren lexikalischen Vorgaben (EHMANN 1992: 97). Als einflussnehmend auf Jugendsprache werden auch Fremdsprachen sowie Fach- und Sondersprachen beschrieben (EHMANN 1993: 18). Doch in beiden Fällen lässt sich eine stark zunehmende Vermittlung durch die Medien vermuten, womit die Behandlung der Massenmedien als Einflussfaktor eine Reihe anderer möglicher Faktoren ein- schließt.

3.1 Dialekt

40,2 % von 400 Jugendlichen (Alter: 13 bis 25 Jahre) in acht deutschsprachigen Großstädten, Ballungsgebieten und ländlichen Räumen, die Ehmann 1990 befragte, stimmten auf die Frage „Wie stark beeinflusst Dein Heimatdialekt bzw. die regionale Umgangssprache Deines Wohnor- tes Dein sprachliches Verhalten“ für die mögliche Antwort „sehr stark“, 31% erwiderten „mä-ßig“. Von denen, die angaben, (fast) gar nicht oder am wenigsten von der regionalen Sprechweise beeinflusst zu werden, kamen die meisten aus Großstädten wie Hamburg oder Berlin, während die Bewohner dialektal stärker geprägte Gebiete (bayerische Alpenregion, München, Wien, Bern) die Wirkung ihres Heimatdialekts auf ihren Sprachgebrauch einräumten (Abb. 3, EHMANN 1992: 20).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3 Fragebogen: Wie stark beeinflusst Dein Heimatdialekt bzw. die regionale Umgangssprache Deines Wohnortes Dein sprachliches Verhalten? (jeweils x Antworten von 50/Stadt) (Quelle: EHMANN 1992: 20)

Ehmann gibt an, während seiner Untersuchungen beobachtet zu haben, dass „Jugendliche aus ländlichen Regionen [...] ihren Dialekt nicht nur ganz bewusst und mit einigem Stolz als Protest gegen die von außen aufgezwungenen standardisierten Sprachnormen [benutzen]“ (EHMANN 1992: 21), sondern auch eine größere Kreativität bei der Bildung jugendsprachlicher Ausdrücke zeigten als großstädtisch geprägte Jugendliche. Während die Sprache Jugendlicher in Ballungs- räumen starke Einflüsse der Medien (v.a. Anglizismen - s.u.) aufweise, seien in ländlichen Ge- genden viele Ausdrücke der „jugendsprachliche[n] Sonderlexik [...] dialektalen Ursprungs“ (EHMANN 1992: 21). Damit übernimmt der Dialekt in den betreffenden Gegenden wesentliche Aufgaben von Jugendsprache, nämlich als identitätsstiftende, sozialkommunikativ markierte Gruppensprache. Wenn Dialekt hier wie Jugendsprache funktioniert, stellt sich die Frage, wie man Jugendsprachgebrauch von Dialektgebrauch trennen will. Schließlich verwenden auch ältere Menschen in vorwiegend ländlichen Regionen Dialekt als soziales Identifikationsmittel.

Klarheit verschafft die Vorstellung von Androutsopoulos, nach der der Gesamtjugendwort- schatz nur über einen gemeinsamen Kern immer wiederkehrender Wörter besteht, der areal be- schränkt und u.a. durch einen Regional- bzw. Großstadtwortschatz ergänzt wird (ANDROU- TSOPOULOS 1998: 462). Der Gebrauch traditioneller dialektaler Marker (z.B. jofel und schofel in Münster) gehöre ebenso zu Jugendsprache wie areal beschränkte Ausdrücke, die nicht sofort auf einen Ursprung im Dialekt zurückzuführen sind (z.B. wuppen in Hamburg, zu arg in Heidelberg) (ANDROUTSOPOULOS 1998: 463 ff.).

3.2 Medien

Jugend, so scheint es, ist einer der zentralen Topoi der modernen Mediengesellschaft, der vor allem vom Unterhaltungsfernsehen, von der Werbung und Musik, von Jugendzeitschriften wie Bravo, Mädchen, Young Miss, aber auch von für eine volljährige Zielgruppe produzierten Maga- zinen (sogenannte Lifestyle-Magazine, Modezeitschriften, Zeitschriften für neue Medien, Kino, Musik etc.) beständig aufgegriffen wird. Jugend und Jugendlichkeit, direkt neben Schönheit und Sportlichkeit, wurden vornehmlich von der Unterhaltungs- und Kosmetikindustrie längst zu Idea- len stilisiert, mit denen das Individuum tagtäglich konfrontiert wird (vgl. SCHLOBINSKI/ KOHL/LUDEWIGT 1993: 28). Angesicht dieses Stellenwerts der Jugend in der heutigen Medien- und Werbelandschaft verwundert es kaum, dass die „Funktionalisierung der Jugendsprache in der Werbung gang und gäbe“ ist (HENNE 1986: 198).

Doch Werbung, Musik und die übrigen Medien sind nicht nur Spiegel der Gesellschaft, sie sind auch nachweislich starke Einflussnehmer, nicht zuletzt für junge Menschen (s. EHMANN 1992: 75 ff.). „Die heute Zwölf- bis Neunzehnjährigen wachsen wie keine zweite Generation zuvor in einer stark von Medien geprägten Welt auf“ (MEDIENPÄDAGOGISCHER FORSCHUNGSVERBUND SÜDWEST 1998: 173). So stellt sich die Frage, in welche Richtung der Ideentransfer läuft: Sind es die Unterhaltungsmedien und die Werbung, die jugendsprachliche Elemente aufnehmen und sich nutzbar machen, um etwas an eine Zielgruppe zu verkaufen oder ist es die Jugend, die den angebotenen Wortschatz übernimmt (vgl. HENNE 1986: 194 ff.; Schlo- binski/Kohl/Ludewigt 1993: 33 ff.; PÖRKSEN/WEBER 1984: 72)? Letztere Vermutung liegt im Deutschen zumindest bei den in jugendsprachlichen Ausdrucksformen besonders häufig vorzufin- denden Anglizismen nahe.

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Abb. 4 Fragebogen: Wodurch erhält Deiner Meinung nach die Jugendsprache die meisten Anregungen hinsichtlich der Bildung neuer Wörter und Wendungen? (jeweils x Antworten von 50/Stadt)

(Quelle: EHMANN 1992: 74)

43,5 % der von Ehmann befragten Jugendlichen gaben an, dass ihrer Meinung nach die meisten Anregungen zu neuen Wörtern von Film- und Musikstars kommen, 33,5 % sahen den größten Einfluss in Zeitschriften und Comics. Nur 14,5 % stimmten der „eigenen Kreativität“ als Pro- duktivitätsfaktor zu, wobei diese Größenordnung nur aufgrund von 42 % der Leipziger Jugendli- chen erreicht wurde, während sich die westliche Jugend als wesentlich unkreativer einschätzte (nur 4% in München - s. Abb. 4, EHMANN 1992: 74). Ehmann kommt zu dem Schluss: „Wer- bung und Massenmedien scheinen besonders geeignet, Sprachmoden zu vermitteln bzw. zu inten- sivieren“ (1992: 75).

Begrüßungsformeln wie hi und hey, Schimpfwörter wie Fuck oder Shit und Lehnwortbildungen wie raven (ursprüngl. von Rave) oder spacig (ursprüngl. von Space) deuten die Dominanz der angloamerikanischen Medienkultur an, die von den deutschen, auf ein jugendliches Publikum abzielenden Massenmedien übernommen wird und mit dem die heutige Jugend in Berührung kommt, sobald sie auch nur regelmäßig Fernsehen oder Radio konsumiert.

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Abb. 5 Mediale Freizeittätigkeiten (tägl./mehrmals pro Woche, in Prozent)

(Quelle: MEDIENPÄDAGOGISCHER FORSCHUNGSVERBUND SÜDW EST 1998: 176)

Die seit Jahren erfolgenden Erhebungen des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest belegen (s. Abb. 5 und 6), dass dieser Medienkonsum hoch ist, demnach kommt der überwiegende Teil der heutigen Jugend mit mittlerweile fast standardisierten und neuen Anglizismen und Wort- bildungen in Kontakt. Daneben gibt es eine Reihe von der Werbung, Filmen oder Fernsehsendun- gen hervorgebrachter Redewendungen und lexikalischer Einheiten, die sich in jugendlichen Aus- drucksformen niedergeschlagen haben, oftmals im Zusammenhang mit bestimmten Lautwörtern (z.B. das sogenannte „Wayne-Speak“ oder ein Partikel wie boah!/boah ey!, deren Ursprung auf Filme bzw. wahrscheinlich auf Comic-Sprache zurückzuführen sind - SCHLOBINSKI/ KOHL/LUDEWIGT 1993: 37). Allerdings handelt es sich dabei in vielen Fällen um Modewörter, die nur für „kurze Zeit eine hohe Vorkommenshäufigkeit haben“ (ANDROUTSOPOULOS 1998: 375). Dieser sprachliche „Verschleißprozess“ (HESS-LÜTTICH 1984: 333), der aus dem exzessi- ven Gebrauch eines Wortes resultiert, das ersetzt wird, sobald es zur „Konformität gerinnt“ (HESS-LÜTTICH 1984: 332), steht aber auch symptomatisch für die Rolle der Unterhaltungsme- dien, die immer wieder auf die Produktion neuer Reize angewiesen sind.

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Abb. 6 Fernsehnutzung pro Woche in Prozent

(Quelle: Jugendmedienstudie 1997, nach RUNKEHL/SIEVER 1997: 6)

Eine gewisse Beständigkeit scheinen manche Anglizismen zu haben (s. Grußfloskeln, Kommuni- kationspartikel etc.), wahrscheinlich, weil Entlehnungen aus dem Englischen in der deutschen Sprache allgemein eine große Rolle spielen (vgl. SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 33), wo- bei die Spekulation interessant ist, ob hier zum ersten Mal die Jugend die Rolle eines sprachlichen Innovators, eines „Jungbrunnen[s] der Gemeinsprache“ (HESS-LÜTTICH 1984: 334), übernom- men hat. Sollte hinter dieser Sprachproduktivität jedoch die Kreativität der Massenmedien stehen, so erlangt die Frage „Mediensprache gleich Jugendsprache?“ (SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 33) eine brisante Bedeutung für das Deutsche, doch auch bei Schlobinski bleibt sie offen:

„Ohne die Frage nach der Henne oder dem Ei beantworten zu können - eines ist sicher: Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Medienwelt und der Jugendsprache. Nicht zufällig wird der Anfang des Booms der Jugendsprache immer wieder zu Beginn der Nachkriegszeit, zur Zeit des Wirtschaftswunders und des Rock und Pop lokalisiert, während davor Jugendsprache eher als marginales Phänomen behandelt wurde.“ (SCHLOBINSKI/KOHL/LUDEWIGT 1993: 34)

Das zwanzigste Jahrhundert markiert den Beginn des Medienzeitalters, und Henne sieht die Ent- stehung von Jugendsprache im Zusammenhang mit der Entstehung einer modernen Jugend, die erst „verzögert in die Erwachsenenrollen eingegliedert werden“ (Henne 1986: 187). Allerdings folgert Henne aus dieser Verlängerung der Adoleszenz eine zunehmende Ausrichtung und Kon- zentration der Jugend auf sich selbst (HENNE 1986: 187), auf die eigene Wirklichkeit. Doch ist es nicht auch der starke Bezug auf eine von den Medien konstruierte Wirklichkeit, die den modernen Jugendlichen und seine Sprache prägt? Dass von Werbung und Medien vorgeschlagene Items oft nicht von Jugendlichen akzeptiert werden, scheint ein Indiz dafür, dass Jugendsprache nicht nur ein Medienprodukt im Sinne eines „Reiz-Reaktions-Mechanismus“ (SCHLOBINSKI/KOHL/ LUDEWIGT 1993: 35) ist, sondern gegenseitige Wechselwirkungen bestehen. Wie diese aber ge- nau aussehen, das - darüber ist man sich in der Forschung einig (s. SCHLOBINSKI/KOHL/ LUDEWIGT 1993, SCHLOBINSKI/HEINS 1998, HENNE 1986) - kann nur durch weitere empirische Untersuchungen ermittelt werden.

Fazit

Anliegen dieser Arbeit war es, aus der Perspektive der zentralen Werke der JugendspracheForschung einen möglichst weit gespannten und umfassenden Überblick über das Forschungsfeld und gesellschaftliche Sprachphänomen zu ermöglichen. Trotz der vermeintlichen Begrenztheit dieser Gruppensprache(n) handelt es sich hierbei um ein sehr komplexes Thema, das im Rahmen der Konzeption dieser Arbeit nicht im Detail abgehandelt werden konnte. Dazu wäre nicht zuletzt die Zuhilfenahme empirischen Materials vonnöten gewesen, denn Jugendsprache ist vor allem sprechsprachliche Alltags- und Umgangskommunikation, die als erstes auf der Parole-Ebene lokalisierbar ist. Wichtiger schien es, die Probleme von Jugendsprache und JugendspracheForschung zu diskutieren und Antworten auf die unter 0.1 gestellten Fragen mit Hilfe der wissenschaftlichen Literatur und theoretischer Überlegungen zu finden.

Was dabei herauskam, kam man wie folgt zusammenfassen:

(1) Was ist „Jugend“, gibt es überhaupt die Jugend?

Biologisch ist Jugend klar eingrenzbar, doch nur eine soziale Definition von Jugend ermöglicht das Verständnis jugendlichen Sprachverhaltens. Es gibt nicht die Jugend, eine Vielzahl von sozialen und psychologischen Faktoren prägen den Weg des Jugendlichen von der Pubertät bis zur vollständigen sozialen Reife, die meistens am Eintritt in das Berufsleben, in der gesell- schaftlichen Integration und Verantwortungsübernahme in der „Erwachsenenwelt“ gesehen wird.

(2) Was ist „Jugendsprache“, gibt es überhaupt die Jugendsprache?

Letztlich diese Frage in der Forschung noch nicht einheitlich geklärt, die Auffassungen dar- über divergieren. Es deutet sich aber an, dass es die Jugendsprache als homogene, klar ab- grenzbare sprachliche Varietät nicht gibt. Allerdings gibt es Anzeichen für überregionale Ge- meinsamkeiten im sprachlichen Register Jugendlicher, die es als zulässig erscheinen lassen, die zahlreichen existierenden jugendlichen Gruppensprachen unter dem Oberbegriff „Jugendspra- che“ zu vereinfachen. Demnach ist Jugendsprache eine Sekundärvarietät, die nur während ei- ner bestimmten Altersphase aus gruppendynamischen Beweggründen erworben und in be- stimmten Situationen angewendet wird, jedoch deutliche regionale, gruppenspezifische und individuelle Unterschiede aufweist.

(3) Wie verhalten sich Forschung Medien zu „Jugendsprache“?

In der Geschichte der Erforschung von Jugendsprache lassen sich zwei unterscheidbare Grundlinien trennen: Zum einen den Gesamtheitsanspruch, der so etwas wie eine übergreifende Jugendsprache auf der Langue-Ebene zu vereinheitlichen sucht, wobei allerdings fast immer empirisches Material zu Demonstrationszwecken herangezogen wird. Ganz besonders gilt dies für die Grundkonzeptionen und Einführungen populärwissenschaftlicher Texte, aber auch vereinzelte wissenschaftliche Arbeiten neigen zu einer übergreifenden Vereinheitlichung von Jugendsprache als vom Standard abweichender Sondersprache. Die deutlichste Tendenz zur Vereinfachung ist dagegen in den Medien zu beobachten.

Zum anderen wird Jugendsprache zunächst auf der Parole-Ebene untersucht, um sie dann als kritisch hinterfragten Sammelbegriff insgesamt unzusammenhängender Gruppensprachen zu verstehen oder anhand eines kleinsten gemeinsamen Nenners jugendsprachlicher Merkmale zu identifizieren.

Umfassende, vor allem moderne Untersuchungen liegen, wie gezeigt werden konnte, zwischen diesen beiden Extremen. In den Massenmedien, dazu wird auch die Werbung gerechnet, hingegen ist eine bis heute zunehmende Funktionalisierung von Jugendsprache zu beobachten, während sich die Frage stellt, in welche Richtung heute der Transfer jugendsprachlicher Wörter und Redewendungen läuft. Alles deutet daraufhin, dass die Medien eine zentrale Rolle bei der Sprachbildung Jugendlicher übernommen haben.

Alles in allem scheint die These bestätigt, dass der Begriff „Jugendsprache“ allein der Wirklich- keit nur eingeschränkt gerecht wird und eine Vielzahl an Erläuterungen, Relativierungen und Detailuntersuchungen nötig ist, um das widerzuspiegeln, was Jugendliche heute sprechen.

Literatur und Anmerkungen zur Literatur

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ANDROUTSOPOULOS, JANNIS K. (1998): Deutsche Jugendsprache. Untersuchungen zu ihren Strukturen und Funktionen. Frankfurt a.M.

ANDROUTSOPOULOS, JANNIS K./ A. SCHOLZ (Hrsg.) (1998): Jugendsprache. Frankfurt a.M.

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BUßMANN, HADUMOD (1990): Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart

EHMANN, HERMANN (1992): Jugendsprache und Dialekt. Regionalismen im Sprachgebrauch von Jugendlichen. Opladen

EHMANN, HERMANN (1993): Affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache. München

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HENNE, HELMUT (1986): Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik. Berlin

HESS-LÜTTICH, ERNEST W.B. (1984): Kommunikation als ästhetisches Problem. Vorlesungen zur angewandten Textwissenschaft. Tübingen

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SCHMIDBAUER, WOLFGANG (1976): Jugendlexikon Psychologie. Reinbek

SCHLOBINSKI, PETER/ NIELS-CHRISTIAN HEINS (1998): Jugendliche und ‚ihre‘ Sprache. Opladen SCHLOBINSKI, PETER/ GABY KOHL/ IRMGARD LUDEWIGT (1993): Jugendsprache. Funktion und Wirklichkeit. Opladen

[...]


1 Neue Rechtschreibung: Um die Kontinuität zu wahren, wurden Zitate und Buchtitel im laufenden Text in die neue Rechtschreibung übertragen. In der Literaturliste wurden sie in ihrem Originalzustand belassen.

2 Online-Dokument: Hier sind keine Seitenangaben möglich, die zitierte Stelle ist allerdings mit den Suchfunktionen der betreffenden WWW-Programme (z.B. Netscape, Internet Explorer) zu finden.

Details

Seiten
26
Jahr
1999
Dateigröße
570 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99406
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2
Schlagworte
Spricht Jugend Sprache Forschung Realität Jugendsprache Hauptseminar

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