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Gewalt in den Medien

Hausarbeit 1999 16 Seiten

Medien / Kommunikation - Theorien, Modelle, Begriffe

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Begriffsdefinition
2.1 ,,Massenmedien"
2.2 ,,Gewalt"

3. Gewalt in den Medien
3.1 Fiktionale Gewalt
3.2 Gewalt in Nachrichten

4. Wirkungen der Gewalt in den Massenmedien
4.1 Methoden der Wirkungsforschung
4.1.1 Die Inhaltsanalyse
4.1.2 Laborstudien und Felduntersuchungen
4.1.3 Die Vielseherforschung
4.1.4 Befragung von Experten
4.1.4.1 Psychologen und Psychiater
4.1.4.2 Richter und Staatsanwälte
4.2 Modelle zur Wirkung der Massenmedien
4.2.1 Katharsisthese
4.2.2 Inhibitionsthese
4.2.3 Lerntheorie
4.2.4 Stimulationsthese
4.2.5 These der allgemeinen Erregung
4.2.6 Suggestionsthese
4.2.7 Habitilualisierungsthese
4.2.8 Hypothese der Rechtfertigung von Verbrechen
4.2.9 These der Wirkungslosigkeit
4.3 Auswirkungen der Massenmedien auf die Gesellschaft
4.3.1 Reflexions- und Kontrollthese
4.3.2 Eskapismusthese

5. Was wird getan?
5.1 Straf- und Medienrecht
5.2 Soziale Umgebung

6. Schlussbetrachtung

7. Literaturnachweis

1. Vorwort

1971 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 59.947 Fälle von Gewaltkriminalität statistisch erfasst. Sechzehn Jahre später ist die Zahl auf 108.024 Fälle gestiegen. Selbst bei Betrachtung der Veränderung der Bevölkerungszahl zeigen diese Werte eine erschreckende Entwicklung.1 1984 wird der privatwirtschaftliche Rundfunk neben demöffentlich-rechtlichen in Deutschland zugelassen. Computerspiele und Videofilme halten ihren unaufhaltbaren Einzug. Die Häufigkeit der Gewaltdarstellungen in den Medien nimmt seit dieser Zeit erheblich zu.2

Die Verbindung zwischen der Entwicklung von Gewalthandlung und Gewaltdarstellung wird am Schicksals des zweijährigen James aus Liverpool deutlich. Am 12. Februar 1993 locken zwei zehnjährige Jungen den kleinen James aus einem Einkaufszentrum und treiben ihn, unter schwersten Misshandlungen, durch das Zentrum Liverpools, um ihn dann letztendlich zerschmettert auf den Bahngleisen eines nahgelegenen Bahnhofes liegen zu lassen. Die Gewalttaten der beiden Jungen weisen bis ins Detail Parallelen zum Horrorfilm ,,Child play III" auf, in welchem eine vom Teufel besessene Puppe zunächst ihren Schöpfer tötet und schließlich selbst in einer langwierigen Prozedur zerstückelt wird.

Fassungslosigkeit war damals, wie Zeitungen berichten, die erste Reaktion der mit dieser Gräueltat konfrontierten Menschen. Was folgte war die Suche nach dem Schuldigen. ,,Ein Horrorvideo machte die zwei Jungen zu Monstern" glaubte auch prompt das Berliner Boulevardblatt ,,BZ" zu wissen, und bot seinen Lesern damit einen angeblichen Schuldigen auf dem Präsentierteller. ,,Alle indizierten Filme müßten verbrannt, mit Säure überschüttet werden. Damit wir unseren Kindern ihre Unschuld wiedergeben."3

Den Medien die Schuld an Gewalttaten zu geben, ist eine äußerst attraktive Lösung. Nicht nur, dass das Ursache-Wirkungsprinzip ,,Je mehr Gewalt in den Medien, desto mehr Gewalt in der Gesellschaft!" leicht verständlich ist, es bietet auch noch die beruhigende Gewissheit, Handeln zu können.

In dieser Arbeit werde ich mich mit der Frage beschäftigen, ob die Medien wirklich in einem solchen monokausalen Verhältnis für die Gewalt in unserer Gesellschaft verantwortlich gemacht werden können. Eingehen werde ich dabei auf bestehende Thesen und Analyseergebnisse, Methoden der Wirkungsforschung, Lösungsansätze, und auf die Begriffe Gewalt und Massenmedien an sich.

2. Begriffsdefinition

2.1 ,,Massenmedien"

,,Massenmedien oder auch Massenkommunikationsmittel sind all jene Medien, über die durch Techniken der Verbreitung und Vervielfältigung mittels Schrift, Bild und/oder Ton optisch bzw. akustisch Aussagen an eine unbestimmte Vielzahl von Menschen vermittelt werden."4 Fernseh- und Rundfunkanstalten bieten eine große Auswahl von Nachrichten, Musik und Unterhaltung, und gelten, aufgrund ihrer akustischen und/oder visuellen Empfangbarkeit, als audiovisuelle Medien. Printmedien drucken Schrift und Bilder in auflagestarken Zeitungen und Zeitschriften oder auf Plakaten sowie Flugblättern und erreichen somit ebenfalls ein breites Publikum. Nicht zu vergessen sind die sich immer schneller ausbreitenden elektronischen Medien, wie Internet, sowie die diversen Computerspiele.

,,Entscheidend ist [...], daß diese technischen Medien auch in einen sozialen Prozeß integriert sein müssen, der als Massenkommunikation bezeichnet werden kann."5 Innerhalb dieser Massenkommunikation wird den Massenmedien eine große Bedeutung zu Teil. Sie besitzen wirtschaftliche und politische Macht und können die Gesellschaft durch ihre Allgegenwart stark beeinflussen. Viele Menschen werden von morgens bis abends mit den Massenmedien konfrontiert, sei es der Radiowecker, Postwurfsendungen, die morgendliche Zeitung, Plakate an Bushaltestellen, Litfasssäulen oder das Fernsehen am Abend. Massenmedien greifen in die Arbeitswelt der Menschen als auch in seine Freizeit ein - ein Leben ohne Massenmedien ist heutzutage kaum noch vorstellbar.

2.2 ,,Gewalt"

Die Gewalt, die ein Rezipient durch das Konsumieren massenmedialer Gewaltdarstellungen aufnimmt, kann in zwei unterschiedliche Erscheinungsformen unterteilt werden: erstens die personale Gewalt und zweitens die strukturelle Gewalt. Unter personaler Gewalt versteht man dabei die ,,beabsichtigte, psychische und/oder physische Schädigung von Personen, Lebewesen oder Sachen durch eine andere Person"6. Strukturelle Gewalt ist in einem sozialen System latent vorhanden und manifestiert sich durch unterschiedliche Machtverhältnisse und ungleiche Lebenschancen. Wird zum Beispiel eine Person von der Gesellschaft und der sozialen Struktur seines Landes so eingeschränkt, dass sie ihre potentiellen geistigen und körperlichen Fähigkeiten nicht voll ausleben und verwirklichen kann, wird von struktureller Gewalt gesprochen.7

3. Gewalt in den Medien

,,Gewalt ist keine Erfindung der Medien, sondern sie entsteht aus unterschiedlichen Gründen beim Zusammenleben der Menschen."8 Der Medienwissenschaftler Wolfgang Neumann- Bechstein bringt mit dieser Aussage ein grundlegendes Problem zur Sprache. Gewalt wird in den Medien als Teil der Berichterstattung und Nachahmung unseres Lebens zum Thema gemacht. Nachrichtensendungen zeigen aktuelle Kriegsgeschehen, berichten über reellen Völkermord, über Menschen in erschreckenden Grenzsituationen. Auch Krimiserien oder Horrorfilme basieren häufig auf wahren Begebenheiten. Jede dieser Gewaltdarstellungen könnte für sich allein gesehen gerechtfertigt werden, die Summe der Gewaltakte jedoch, schafft eine unrealistische Dichte von Gewalt und verzerrt somit das Bild der Realität.9 Die Frage, warum dieser Dichte der Gewaltdarstellungen nicht Einhalt geboten wird, beantwortet Helmut Thoma, Geschäftsführer des Fernsehsenders RTL: ,,Der Zuschauer darf sich seine Regierung wählen, also auch sein Fernsehprogramm. Ich wundere mich auch hin und wieder über die Wahl, aber der Wurm muß dem Fisch schmecken und nicht dem Angler. Und wir diskutieren aus der Angler-Perspektive." 10 Verlangt das Publikum also Gewalt, wird Gewalt gesendet. Das Programm wird in diesem Fall nicht nach moralischen oder ethischen, sondern nach marktwirtschaftlichen Aspekten zusammengestellt. Gewaltdarstellungen gelten lediglich als Verkaufsargument.

3.1 Fiktionale Gewalt

Actionfilme, Krimis, Thriller und Horrorvideos erfreuen sich beim Publikum als auch bei den Fernsehsendern und im Videoverleih größter Beliebtheit. Der Zuschauer erhält die gewünschte Spannung und Ablenkung vom Alltag, der Veranstalter macht einen beträchtlichen Gewinn. Nicht nur, dass Gewaltszenen einen idealen Zeitpunkt bieten um Sendungen für geldbringende Werbung zu unterbrechen, violente Filme sind aufgrund ihrer Massenproduktion in den USA auch noch kostengünstig zu erwerben. Aufgrund der immer wiederkehrenden, schematisierten und einfachen Handlungsabläufe, sind keine überdurchschnittlich gutne und damit auch teuren Drehbuchautoren und Schauspieler nötig; die Produktionskosten können äußerst niedrig gehalten werden. Aus dieser Perspektive gesehen ,,schmeckt der Wurm", entgegen Helmut Thomas Aussage, sogar ,,dem Angler". Und auch das Publikum ist zu einem großen Teil zufrieden. Nicht erst seit Erfindung des Fernsehers ist der Mensch daran interessiert, sich einem gewissen Nervenkitzel auszusetzen. Schon Jahrhunderte alte Märchen, Sagen und Tragödien des Theaters haben sich der Gewalt als stilistisches Mittel bedient, um ein Publikum zu befriedigen, das Lust an der Angst verspürt. 11

,,Medienproduzenten, die am Markt mithalten wollen, meinen deshalb nicht auf Gewaltdarstellungen verzichten zu können." 12 erklärt der Medienwissenschaftler Wolfgang Huber. Programme, die Gewalt nicht miteinbeziehen, gelten häufig als unrentabel. ,,Es war ein Mißverständnis in vielenöffentlich-rechtlichen Anstalten, dass sie glaubten, ihr eigener Geschmack müsse auch der der Masse sein. Die haben 40 Jahre Zeit gehabt, die Leute zu diesem höheren Geschmack zu erziehen, geholfen hat es nichts." 13 kommentiert Helmut Thoma das Programm desöffentlich-rechtlichen Rundfunks, der mit weniger Gewalt auszukommen versucht.

3.2 Gewalt in Nachrichten

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Gewalt, die in Form von realer Berichterstattung das Angebot der Medien mitbestimmt. Nachrichtensendungen aber auch Boulevardmagazine und Reality-TV zeigen die interessantesten und spektakulärsten Geschehnisse des Tages. Journalisten entscheiden dabei welches Ereignis zur Nachricht wird: Durch Nachrichtenselektion, Plazierung und Gewichtung beeinflussen sie also in Form von GateKeepern die Berichterstattung. Folgende Kriterien entscheiden unter anderem über den Nachrichtenwert eines Ereignisses:

1. Ungewöhnlichkeit
2. emotionale Intensität
3. Negativität (Konflikt, Kriminalität, Schaden) 14

Diese Faktoren spiegeln sich in den meisten auf Gewalt beruhenden Ereignissen wieder. Das Schicksal des zweijährigen James in Liverpool konnte beispielsweise von den Medien als ungewöhnlich, emotional intensiv und äußerst negativ klassifiziert werden, und erhielt aufgrund dessen höchste Priorität im Programm der Nachrichtensendungen und einen Platz auf den Titelseiten der Zeitungen. Keine Zeitung würde zur Zeit die Schlagzeile ,,Es herrscht Frieden in Deutschland" drucken, keine Nachrichtensendung würde einen Beitrag über schlüpfende Vögel in Meiers Garten in ihr Programm aufnehmen. Diese Ereignisse erfüllen einfach nicht die oben genannten Kriterien.

Die Folge ist eine unüberschaubare Dichte von negativen Berichten und Reportagen, die tagtäglich in die Wohnzimmer der Menschen dringen. Gewalt scheint, urteilt man nach der Maxime ,,Nachrichten spiegeln wieder, was in unserer Gesellschaft geschieht", alltäglich.

4. Wirkungen der Gewalt in den Massenmedien

Die Frage nach den Auswirkungen der Gewalt in den Massenmedien auf den Zuschauer, beschäftigt die Wissenschaft seit Jahrzehnten. International wurden bisher über 5000 Studien zu diesem Thema herausgebracht. In diesem Kapitel möchte ich eine kurze Übersicht über die Methoden der Medienforscher geben, als auch auf die bisher veröffentlichten Analyseergebnisse eingehen.

4.1 Methoden der Wirkungsforschung

4.1.1 Die Inhaltsanalyse

Eine häufig angewandte Methode der Wirkungsforschung ist die Inhaltsanalyse. Diese objektive und systematische Form der Analyse stellt nach quantitativen als auch qualitativen Gesichtspunkten die Struktur der Gewalt im Medienangebot fest.

Das festgestellte Gewaltausmaß schwankt dabei je nach der zugrunde liegenden Gewaltdefinition. So definiert der Medienwissenschaftler Gerbner, Gewalt als ,,the overt expression of physical force (with or without weapon, against self or other) compelling action against one's will on pain of being hurt or killed, or actually hurting or killing." 15 Die für Inhaltsanalysen des CBS (Columbia Broadcasting System) festgelegte Definition lautete hingegen "the use of physical force against persons or animals, or the articulated, explicit threat of physical force to compel particular behaviour on the part of that person". 16 Mitunter basierend auf die Unterschiedlichkeit der Definitionen von Gewalt, variieren die Ergebnisse der jeweiligen Studien stark.

Ein weiterer Punkt, der bei Inhaltsanalysen beachtet werden muss, ist, dass ein direkter Schluss von Medieninhalten auf deren Wirkung als unzulässig gilt. Aufgrund dessen wird meist die funktionale Inhaltsanalyse durchgeführt, die darauf basiert, dass die Wirkung der Medieninhalte auf den Rezipienten von seiner individuellen Persönlichkeit und Lebenserfahrung abhängt. Ebenfalls von diesen individuellen Merkmalen abhängig, ist die Einschätzung des Rezipienten der Gewalttätigkeit der gezeigten Medieninhalte. So wird beispielsweise reale Gewalt häufig als gewalttätiger eingestuft, als fiktionale Gewalt, da sie wirklich Menschen zu Schaden kommen lässt. 17

Ein weiteres Kriterium vieler Versuchspersonen ist die künstlerische Ästhetik eines Films. So wird ein Film mit zehn Morden, die einfühlsam und für den Rezipienten verständlich dargestellt werden, als weniger gewalttätig eingestuft, als ein Film mit zehn Morden, die auf purer Brutalität und Mordlust aufgebaut sind. 18.

4.1.2 Laborstudien und Felduntersuchungen

Die Ergebnisse von Wirkungsstudien sind stark davon abhängig, ob sie in einem Labor oder in Form einer Felduntersuchung durchgeführt wurden.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen diesen Forschungsarten liegt in der unterschiedlichen, dem Rezipienten zur Verfügung stehenden, Programmauswahl. So kann sich der Rezipient in einer Feldstudie sein Programm bzw. seine Lektüre aus dem kompletten zur Verfügung stehenden Angebot wählen, der Rezipient in einer Laboruntersuchung jedoch konsumiert zuvor festgelegte Medieninhalte. Des weiteren wird im Labor meist die Kurzzeitwirkung der Medieninhalte auf den Rezipienten untersucht, Feldstudien ermöglichen es hingegen auch langfristige Effekte festzustellen. Ebenfalls unterschiedlich ist die Auswahl der Versuchspersonen. Laborstudien bevorzugen meist Studenten oder Kleinkinder, wohingegen in Feldexperimenten die Versuchspersonen nach einer systematischen Zufallsauswahl zusammengestellt werden. Auch die direkte Umgebung der Rezipienten weist größte Unterschiede auf. Innerhalb einer Felduntersuchung bleiben die Menschen in einer natürlichen, ihnen vertrauten Umgebung, in Laboruntersuchungen befinden sie sich in einer künstlichen Situation.

Aufgrund dieser Unterschiede ist, nach Meinung des Medienwissenschaftlers Kunczik, den Methoden der Felduntersuchung der Vorzug zu geben. 19

4.1.3 Die Vielseherforschung

Die Vielseherforschung beschäftigt sich mit Rezipienten, die mehr als 4 Stunden Fernsehen pro Tag konsumieren. Schwerpunkt ist dabei die Frage, ob die Medieninhalte bei Vielsehern zu einem verzerrten Weltbild, beispielsweise erkennbar durch übertriebene Angstzustände, führen.

Eindeutige Schlüsse konnten innerhalb dieser Forschungsmethode bis heute noch nicht gezogen werden, da nicht deutlich erkennbar ist, ob festgestellte Angstzustände auf das soziale Umfeld und die individuelle Persönlichkeit des Rezipienten, oder tatsächlich auf die konsumierten Medieninhalte zurückzuführen sind. 20

4.1.4 Befragung von Experten

4.1.4.1 Psychologen und Psychiater

Von großer Wichtigkeit für die Wirkungsforschung ist vor allem auch die Meinung von Psychologen und Psychiatern.

So wurden 250 Psychologen und Psychiater nach ihren Erfahrungen hinsichtlich der Gewalt in den Medien und der eventuell daraus resultierenden Aggressivität ihrer Patienten befragt. Einig waren sich die Befragten über die Tatsache, dass durchaus ein schädlicher Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Aggressivität besteht. Allerdings könne man lediglich davon ausgehen, dass Mediengewalt meist nur dann eine Wirkung zeigt, wenn weitere Einflüsse auf den Patienten wirken. So bestehe ein nicht zu unterschätzender Zusammenhang zwischen den heimischen Verhältnissen bzw. der Erziehung eines Menschen und seiner Reaktion auf violente Medieninhalte. Weiterhin wurde beobachtet, dass viele Patienten bereits aufgetretenes gewalttätiges Verhalten dadurch rechtfertigten, dass sie durch die Medien dazu verleitet worden wären (siehe Rechtfertigungsthese). 21

4.1.4.2 Richter und Staatsanwälte

Weitere Experten zum Thema Medien und Gewalt sind Richter und Staatsanwälte, da sie täglich mit aggressiven Menschen konfrontiert sind und vor allem auch hinterfragen müssen, was die Ursache des gewalttätigen Verhaltens der Angeklagten ist.

Bei einer Befragung von Richtern und Staatsanwälten in NRW stellten diese heraus, dass sie durchaus von einem aggressionsverstärkenden Einfluss der Gewalt in den Medien ausgehen. Über 90% der Befragten erklärten, dass Jugendliche durch den Konsum medialer Gewalt abstumpfen und somit eine größer werdende Gewaltbereitschaft entwickeln würden. Immerhin 50% gingen davon aus, dass eine Nachahmung der gezeigten Gewalthandlungen und eine daraus resultierende Persönlichkeitsveränderung der Rezipienten möglich sei. Zur Folge dessen fordern Richter und Staatsanwälte eine Verstärkung der gesetzlichen Kontrolle von Gewalt in den Medien.

Des weiteren wurde aber betont, dass die Erziehung und das soziale Umfeld der aggressiven Individuen einen wesentlich stärkeren Einfluss auf ihr gewalttätiges Verhalten üben würden. Um dem entgegenzuwirken, sollten Eltern und Schule auf Kinder und Jugendliche einen positiven Einfluss üben, und moralische und ethische Normen der Gesellschaft einfühlsam vermitteln. 22

4.2 Modelle zur Wirkung der Massenmedien

Basierend auf den Ergebnissen der in 4.1 vorgestellten Forschungsmethoden, wurden verschiedene Thesen zur Wirkung von Gewalt in den Medien aufgestellt.

4.2.1 Katharsisthese

Die Katharsisthese, erstmals erwähnt bei Aristoteles, später weiterentwickelt von Freud, besagt, dass die Bereitschaft des Rezipienten aggressives Verhalten zu zeigen, zurückgeht, wenn er Gewaltakte an fiktiven Modellen beobachtet und sie dynamisch miterlebt und verarbeitet. Dieses Miterleben wird durch die Medien, beispielsweise mittels eines Horrorfilms, wie nie zuvor möglich gemacht. Anhänger der These behaupten, dass die Massenmedien eine bereinigende Wirkung auf den Zuschauer hätten und seine Gewaltbereitschaft in Form eines Triebventils abschwächen würden.22 a Die Katharsisthese kann jedoch als empirisch widerlegt betrachtet werden. Seymour Feshbach, früher selbst leidenschaftlicher Verfechter der Katharsisthese, begründet diese Entwicklung: ,,Die Ergebnisse [neuer Forschungen] zeigen mir, dass die Bedingungen, unter denen eine Katharsis auftreten kann, nicht alltäglich sind, während die aggressionsfördernden Bedingungen [...] häufiger vorkommen." 23

4.2.2 Inhibitionsthese

Die Inhibitionsthese ist eng verbunden mit der Vorstellung einer kathartischen Wirkung der Massenmedien, doch werden bei der Inhibitionsthese anstelle von kathartischen Wirkungen, hemmende Effekte gesetzt. Es wird dabei davon ausgegangen, dass das Betrachten von fiktiven oder realen aggressiven Verhaltensweisen zu Aggressionsängsten oder Schuldgefühlen führt, die ein gewalttätiges Verhalten verhindern. Diese Wirkung tritt dann besonders stark auf, wenn die nachteiligen Folgen aggressiver Handlungen deutlich dargestellt werden. 24

4.2.3 Lerntheorie

Die Lerntheorie basiert auf der Annahme, dass das mehrmalige Ansehen gewalttätiger Medieninhalte besonders Kindern und Jugendlichen aggressive Handlungsmuster vermittelt, die im wirklichen Leben von diesen angewandt werden könnten. Kommt es häufig zu einer Übernahme dieser Handlungsmuster, sei eine grundlegende Veränderung der Persönlichkeit der Betroffenen nicht ausgeschlossen.

Bei dieser Form des Beobachtungslernens ist die Ausführung der Modelle sehr von den erwarteten Konsequenzen abhängig. Sollte das Individuum von positiven Konsequenzen, beispielsweise einer Belohnung, ausgehen, so wird es mit größerer Wahrscheinlichkeit auf die erlernten gewalttätigen Handlungsmuster zurückgreifen, als wenn negative Folgen zu erwarten sind.

Anhänger der Lerntheorie vertreten allerdings auch die Meinung, dass einer Übernahme gewalttätiger Handlungsmuster besonders bei Kindern und Jugendlichen Einhalt geboten werden kann. Solche kompensierenden Einflüsse seien beispielsweise Gespräche mit Eltern oder Lehrern über konsumierte Gewalt in den Medien. Durch solche Gespräche könne Einfluss auf den Bezug des Individuums zum gezeigten Modell genommen werden. So sei die Wahrscheinlichkeit, dass ein gesellschaftlich integriertes Kind mit gutem sozialen Umfeld, sich positiv entwickelnder Persönlichkeit und Intelligenz ein gewalttätiges Handlungsmodell übernimmt, äußerst gering. Es würde sich, beispielsweise aufgrund der moralischen Werte Toleranz und Rücksicht gegenüber anderen, selbst von erfolgreichen Gewalthandlungen distanzieren und sie als negativ einschätzen. 25

4.2.4 Stimulationsthese

Bei der Stimulationsthese wird davon ausgegangen, dass ein bereits im Vorfeld frustriertes und verärgertes Individuum durch das Konsumieren gewalttätiger Medieninhalte zu aggressiven Verhaltensweisen verleitet wird. In dieser Form stimulierend wirkt Gewalt in den Medien jedoch nur, wenn die gezeigten Handlungsabläufe dem Ärgernis des Rezipienten ähneln. Verstärkend auf diesen Effekt wirkt es, wenn die Leiden eventueller Opfer nicht gezeigt werden und der Protagonist seine Situation durch gewalttätiges Verhalten verbessert. 26

4.2.5 These der allgemeinen Erregung

Die These der allgemeinen Erregung basiert auf medizinischen Ergebnissen, die besagen, dass der Rezipient auf den Konsum von gewalttätigen Medieninhalten mit einem erhöhten Erregungsniveau reagiert. 27

Dieses Erregungsniveau führe zu einer Intensivierung der Reaktion eines Individuums auf Umweltreize 28, und sei in seiner Ausprägung vom Realitätsgehalt und Wiedererkennungswert des konsumierten Medieninhaltes abhängig. So würde eine Schießerei in einem Westernfilm ein Kind weniger erregen, als eine Filmszene, in der sich ein Elternpaar streitet. 29 Nach Kunczik 30 gilt diese These in der Literatur als empirisch belegt und unbestritten.

4.2.6 Suggestionsthese

Vertreter der Suggestionsthese gehen davon aus, dass Medieninhalte beim Rezipienten bestimmte Erinnerungen oder Gedanken wecken und damit bestimmte Handlungen nach sich ziehen, die mit dem Inhalt des Gezeigten große Ähnlichkeit haben. So würde, nach dieser These, ein selbstmordgefährdetes Individuum, wenn dieses beispielsweise eine Berichterstattung über einen Selbstmord sieht, darin den entscheidenden Anreiz zum eigenen Suizid sehen und sich umbringen.

Nach Angaben des Wissenschaftlers Trübner wurden drei Monate nach der Berichterstattung über den angeblichen medikamentösen Selbstmord des Politikers Barschel, der in einer gefüllten Badewanne aufgefunden wurde, 13 ähnliche Selbstmorde verübt. Auffällig sind dabei nicht nur die Ähnlichkeiten der Suizidfälle, sondern auch die Tatsache, dass diese Selbstmordrate viermal höher ist, als gewöhnlich. 31

4.2.7 Habitilualisierungsthese

Der Konsum medialer Gewaltdarstellungen führe, nach der Habitualisierungsthese, zu einer Abstumpfung des Rezipienten gegenüber Gewalt. Gewalt könnte somit als alltägliches Konfliktlösungsmittel betrachtet und dadurch auch häufiger angewendet werden. Vor allem wenn mediale Gewalt in einer angenehmen Situation, wie beispielsweise während des Essens entspannt auf der Wohnzimmercouch, konsumiert wird, könnte dies einen Konditionierungsprozeß zur Folge haben, in welchem Gewalt mit Entspannung und Wohlbefinden gleichgesetzt wird.

Da die zahlreichen Studien mit ihren unterschiedlichen Forschungszielen und Interpretationen noch keine eindeutigen Ergebnisse erbracht haben, sind auf diesem Gebiet noch weitere umfangreiche Studien nötig. 32

4.2.8 Hypothese der Rechtfertigung von Verbrechen

Vertreter dieser Hypothese gehen davon aus, dass aggressive Individuen oder potentielle Kriminelle gewalttätige Medieninhalte unterbewusst konsumieren, um ihre späteren kriminellen Taten damit rechtfertigen können.

So interpretierten, wie in klinischen Fallbeispielen aufgezeigt wurde, die Konsumenten eines Films die gezeigte physische Wiederstandslosigkeit der Frauen bei einer Vergewaltigung als kooperatives Verhalten, und sahen darin die Rechtfertigung, selbst eine Frau zu vergewaltigen. 33

Allerdings kann eine rechtfertigende Wirkung medialer Gewaltdarstellung auch nach einer erfolgten Gewalthandlung auftreten. So erklären vor allem jugendliche Straftäter vor einem Gericht häufig, dass massenmediale Gewaltdarstellungen ihr gewalttätiges Verhalten ausgelöst hätten. 34

4.2.9 These der Wirkungslosigkeit

Da bisher noch, nach Ansicht der Anhänger dieser These, keine Langzeitstudie beweisen konnte, dass mediale Gewaltdarstellung einen deutlichen Anstieg der wirklichen Gewalt in der Gesellschaft bewirken, vertreten einige Wissenschaftler die These der Wirkungslosigkeit. 35

Einzelfälle, in denen eine Wirkung der Gewalt in den Medien festgestellt werden konnte, seien auf unnatürliche Situationen zurückzuführen und somit nicht auf die Realität übertragbar oder höchstens ein gesellschaftliches Randproblem. 36

Allerdings geht kaum ein Vertreter dieser Hypothese von einer wirklichen Wirkungslosigkeit medialer Gewaltdarstellungen aus. Vielmehr beziehe sich die These auf die individuelle Wirkungsebene ,,und zwar nur in dem Sinne, daß Mediengewalt außer in pathologischen Einzelfällen keine reale Gewalt nach sich zieht." 37

4.3 Auswirkungen der Massenmedien auf die Gesellschaft

Von großer Wichtigkeit ist auch die Beschäftigung mit den kulturellen und gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen der Mediengewalt. Im folgenden stelle ich die wichtigsten Thesen vor, die sich nicht mit der Wirkung auf den Einzelnen, sondern mit der Wirkung auf die Gesellschaft beziehen.

4.3.1 Reflexions- und Kontrollthese

Die Reflexionsthese besagt, dass Wertvorstellungen und kulturelle Strömungen einer Gesellschaft durch ihre kulturellen Erzeugnisse, beispielsweise die Massenmedien, wiedergespiegelt werden. Basis dieses Gedankenmodells ist die Annahme, dass Menschen kulturelle Produkte herstellen, in denen sie ihre eigene Persönlichkeit wiedererkennen können. Allerdings lassen sich aus der Geschichte zahlreiche Beispiele nennen, in denen eine derartige Reflexion nicht der Fall war. So wurden im Dritten Reich, aller Gewalttätigkeit zum Trotz, vor allem einfache, friedvolle Spielfilme produziert.

Entgegen den Aussagen der Reflexionstheorie, behauptet die Kontrollthese, dass Massenmedien kulturelle Strömungen und Wertvorstellungen der Gesellschaft aktiv formen und manipulieren würden. Die häufige Darstellung massenmedialer Gewalt könnte somit die Wirkung nach sich ziehen, dass eine gewalttätige Gesellschaft geformt wird. Reflexions- und Kontrollthese schließen sich allerdings nicht unbedingt gegenseitig aus. Theoretisch wäre es möglich, dass beide Erscheinungsformen gleichzeitig auftreten. 38

4.3.2 Eskapismusthese

Vertreter der Eskapismusthese gehen davon aus, dass die Massenmedien durch den Rezipienten hauptsächlich zur Erholung und Unterhaltung genutzt werden. Auf diese Weise würden die Medien ihren Teil zur Beständigkeit einer Gesellschaft beisteuern, und der breiten Masse eine Fluchtmöglichkeit aus dem eintönigen Alltag bieten. Der Konsum von Actionfilmen, Thrillern und Krimis sei aufgrund ihrer mitreißenden, spannenden Effekte am besten für diese Form der Flucht geeignet. 39

5. Was wird getan?

5.1 Straf- und Medienrecht

,,Bei der Lösung der gesellschaftlichen Probleme mit Gewaltdarstellungen wird [...] striktes Recht nur eine Nebenrolle spielen." kommentiert der Medienanalytiker Wolfgang Schulz die Frage nach rechtlichen Möglichkeiten zur ,,Gewalt-in-den-Medien-Frage". Dies sei auf folgende Faktoren zurückzuführen: Einerseits würden, basierend auf das Verfassungsrecht, keine weiteren mit Strafe drohenden Verbote von Programminhalten zugelassen werden können. Andererseits könne man solche Verschärfungen der Regelungen und Verbote nicht steuern oder rechtspolitisch durchführen. 40

Zwar wird, aufgrund dieser Faktoren, davon gesprochen, dass das deutsche Recht in der ,,Gewalt-in-den-Medien-Frage" ,,einen Rasenmäher-Motor, aber die Bremsen eines Rolls- Royce" 41 hätte, trotzdem gibt es zu bestimmten Gewaltdarstellungen Gesetze und Beschränkungen.

Die Arbeit der Journalisten, Redakteure und weiterer Medienakteure basiert in Deutschland auf Art.5 Abs. 1GG in dem es heißt: ,,Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt." 42

Eingeschränkt wird dieser Artikel durch verschiedene Paragraphen des Straf- und des Medienrechts.

So ist beispielsweise ,,die Verbreitung von Druckschriften und Rundfunksendungen, die grausame oder sonst unmenschliche Gewalttaten gegen Menschen verherrlichen, das heißt Situationen nachahmenswert erscheinen lassen, verharmlosen im Sinne von normalisieren und akzeptieren oder in einer Weise darstellen, die die Menschenwürde verletzt." 43 mit Strafe bedroht.

Harte Formen der Pornographie, Gewaltverherrlichung oder -verharmlosung, Kriegsverherrlichung und Verletzungen der Menschenwürde sind durch § 184 bzw. 131 StGB unter Strafe gestellt und mit einem absoluten Sendeverbot belegt. Nur zu bestimmten Zeiten gesendet werden dürfen nach §131 Abs.2 StGB Medieninhalte, die als jugendgefährdend eingestuft werden. Konkretisiert wird dieses Gesetz durch den Staatsvertrag, der sich auf die Bewertungen der ,,Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft" (FSK) beruft. 44 So dürfen vom FSK erst ab 16 Jahren freigegebene Filme von 22.00 bis 6.00 Uhr und ab 18 Jahren freigegebene Filme von 23.00 bis 6.00 Uhr gezeigt werden. 45 Kontrolliert wird die Einhaltung dieser Sendezeiten beimöffentlich-rechtlichen Rundfunk durch die eigene Anstalt, beim privaten Rundfunk durch die jeweils zuständige Landesmedienanstalt. Von besonderer Wichtigkeit ist auch das Gebot wechselseitiger Achtung, weshalb in Artikel 5 Abs.2 GG jedem das Recht der persönlichen Ehre zugesprochen wird, welche nicht verletzt werden darf.

Des weiteren verboten ist durch § 111 StGBöffentlich zur Begehung von Straftaten aufzufordern, gleichgültig ob die Aufforderung erfolgreich ist, oder keine Beachtung findet. Nach Absatz 2 des selben Paragraphen wird auch dieöffentliche Billigung von Straftaten strafrechtlich verfolgt.

Strafrechtlich verfolgt werden können bei Zuwiderhandlung Produzenten, Regisseure, Drehbuchautoren, Darsteller, Intendanten, Abteilungsleiter und Redakteure, die im Falle einer Missachtung mit Geldbußen bis 500.000 DM oder dem Lizenzentzug rechnen müssen. 46

Eine weitere Instanz zum Schutz der Jugend vor gewalttätigen Inhalten des Fernsehprogramms, ist die 1993 gegründete Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF). Ob allerdings die Aussage des FSF ,,Die Themen werden jetzt sorgfältiger ausgewählt. Gewalt spielt kaum noch eine Rolle." 47 haltbar ist, ist hinsichtlich der aktuellen Inhaltsanalysen fraglich. Für die Prüfung von Computerspielen ist die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) zuständig. Da die Kontrolle im Bereich der Unterhaltungssoftware aber noch nicht verpflichtend ist, gibt es noch viele Spiele, die keiner Prüfung unterzogen wurden. Inwieweit eine Einschränkungen im PC-Bereich sinnvoll ist, hat der Bundestag gesetzlich noch nicht entschieden. 48

Da, wie in dieser kurzen Resümee deutlich wurde, die rechtlichen Möglichkeiten begrenzt und in vielen Bereichen, wie z.B. Computer und Internet, noch nicht ausgereift oder nicht vorhanden sind, müssen andere Instanzen in die ,,Gewalt-in-den-Medien-Frage" miteinbezogen werden.

5.2 Soziale Umgebung

Die familiäre Umwelt ist, nach Aussage des Medienwissenschafters Roland Burkart, die ,,primäre Sozialisationsinstanz" der einzelnen Individuen der Gesellschaft. 49 So lernen Kinder durch Beobachtung und Imitation ihrer Eltern oder auch älterer Geschwister bestimmte Verhaltensweisen. Da diese Lernphase das Kind in seiner Persönlichkeitsentwicklung am meisten prägt, ist sie von besonders größer Relevanz für sein späteres Verhalten. 50 So wird ein Kind, welches bereits in frühen Jahren mit gewalttätigen Handlungsmustern innerhalb der Familie konfrontiert wurde, auch später eine größere Bereitschaft zeigen, diese Handlungsmuster anzuwenden. Gewalttätige Medieninhalte könnten in einem solchen Fall durchaus diese aus der sozialen Umgebung stammende Grundbereitschaft zu Gewalt unterstützen. Lernt nun ein Kind in seiner Familie Verhaltensmuster, die auf Toleranz, Verständnis und gewaltfreie Konfliktlösung basieren, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass es später gewalttätigen Handlungsmustern folgt, äußerst unwahrscheinlich. Das Konsumieren medialer Gewalt würde bei einem solchen Kind eher zu emotionaler Distanzierung und negativer Wertung des Gezeigten, als zu einer Nachahmung führen. 51

Aber auch außerhalb dieser auf Beobachtung und Imitation basierenden Lernphase kann die Familie Einfluss auf Kinder und Jugendliche nehmen. So sei ab einem Alter von drei bis fünf Jahren bereits eine weitere Stufe des Vermittelns von Handlungsabläufen, nämlich das erklärende Gespräch, möglich. 52 So könnten beispielsweise, bezüglich der ,,Gewalt-in-den- Medien-Problematik", Eltern mit ihren Kindern über konsumierte Medieninhalte sprechen und sich zusammen mit den Kindern ein Fernsehprogramm zusammenstellen.

Außerdem können Schule und Kirche alsöffentliche Institutionen Einfluss auf Kinder und Jugendliche nehmen. Mediengewalt zum Thema des Schulunterrichts zu machen und kirchlich organisierte Veranstaltungen für Eltern als auch Jugendliche und Kinder zu diesem Thema anzubieten, wären einige Lösungsansätze, um negative Folgen der Gewalt in den Medien zu vermeiden.

6. Schlussbetrachtung

Was lässt sich nun, betrachtet man die vielen Forschungsergebnisse, Thesen und Theorien, zuverlässig über die Wirkung der Gewalt mit den Medien sagen?

Als problematisch ist sicherlich die Überschätzung der Wirkung medialer Gewaltdarstellungen durch die breite Masse zu bewerten. Zu einseitig sind die Aussagen, wie sie beispielsweise im Fall des kleinen James in Liverpool gemacht wurden; Aufrufe wie ,,Alle indizierten Filme müssten verbrannt, mit Säure überschüttet werden!" schüren nur die Wut der Menschen gegen die Massenmedien. Was dabei vergessen wird, ist die Bedeutung der immer noch einflussreichsten Instanzen unserer Gesellschaft: Familie, Schule, Kirche und Freundeskreis eines jeden Individuums.

Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, betonen zeitgenössische Medienwissenschaftler wie Roland Burkart immer wieder, dass ,,Kinder und Jugendliche, die in einem ,,intakten" sozialen Umfeld leben, [...] durch Gewaltdarstellungen im Fernsehen nicht gefährdet zu sein" scheinen. 53,,For some children, under some conditions, some television is harmful. For other children under the same conditions, or for the same children under other conditions, it may be beneficial. For most children, under most conditions, most television is probably neither harmful nor particularly beneficial" erklärt auch der Medienwissenschaftler Schramm in einer knappen Zusammenfassung der momentanen Forschungslage. (Schramm 1961, in: Kunczik 1996, 255)

Aufgrund der Tatsache, dass mediale Gewaltdarstellung hauptsächlich auf Problemgruppen in bestimmten sozialen Situationen Einfluss üben, sollten sich zukünftige Forschungen und Analysen besonders auf diesen Bereich konzentrieren. Erst wenn herausgestellt wurde, warum bestimmte Menschen, in bestimmten Situationen auf bestimmte Medieninhalte aggressiv reagieren, kann eine wirkliche Lösung des ,,Gewalt-in-den-Medien-Problems" gefunden werden.

7. Literaturverzeichnis

Bücher:

- Branahl, Udo, Medienrecht, Wetsdeutscher-Verlag, Opladen 1992
- Burkart, Roland; Kommunikationswissenschaft, bóhlauWien, 3. Auflage 1998
- Bourne, Lyle/Ekstrand, Bruce; Einführung in die Psychologie; Verlag Dietmar Klotz; Frankfurt a.M. 1992
- Friedrichsen, Mike/ Vowe Gerhard (Hrsg.); Gewaltdarstellung in den Medien, Westdeutscher-Verlag; Opladen 1995
- Hall, Christian; Rundfunk in der Bundesrepublik Deutschland; in: Was Sie über Rundfunk wissen sollten, Vistas-Verlag; Berlin 1997
- Huber, Wolfgang; Die tägliche Gewalt, Herder-Verlag, Freiburg 1993
- Kunczik, Michael/Zipfel, Astrid; Wirkungen von Gewaltdarstellungen; In: Fernsehforschung in Deutschland; Nomos-Verlag, Baden-Baden 1998
- Kunczik, Michael, Gewalt und Medien, Köln 1996
- Lehne, Werner; Exkurs - Die Massenmedien und der Prozeß der Nachrichtenproduktion; In: Der Konflikt in der Hafenstraße, Centaurus; Pfaffenweiler 1994
- Merten, Klaus/Schmidt, Siegfried/Weischenberg, Siegfried (Hrsg.); Die Wirklichkeit der Medien; Opladen 1994
- Neumann-Bechstein, Wolfgang; Was wir über Hörer und Zuschauer wissen; In: Was Sie über Rundfunk wissen sollten; Vistas-Verlag; berlin 1997
- Noelle-Neumann, Elisabeth (Hrsg.); Lexikon Publizistik Massenkommunikation, FischerVerlag; Frankfurt a. M. 1994
- Vogelgesang, Waldemar; Judengliche Videoqliquen, Westdeutscher-Verlag, Opladen 1991
- Unbekannter Autor: Referat zu Vogelgesang, Waldemar (1991). Jugendliche Video- Cliquen. Action- und Horrorvideos als Kristallisationspunkte einer neuen Fankultur, http://www.cmr.fu-berlin.de/~ines/courses/lv03ss/Studie_Vogelgesang.htm [Dieser Literaturhinweis wurde ergänzt von der Hausarbeiten.de-Redaktion]

Zeitschriften:

- Gottberg, Joachim; Interview in: Focus 34/1998
- Handwerk, Michael/Römer, Dieter; Rückzug ins Biedermeier; in: Focus 37/1998
- Thoma, Helmut; Interview in: Spiegel Oktober 1990

Internet:

- Gottberg, Joachim; Jugendschutz in den Medien; www.fsf.de
- Sachsen-Info; Die perverse Moral auf dem Unterhaltungssektor; www.sachsen-info.de
- Wiesbaden-Online-Nachrichtenservice; Bundestag warnt vor Hysterie; www.wiesbaden- online.de

[...]


1 Fischer Lexikon Publizistik Massenkommunikation; Fischer-Verlag; Frankfurt a.M. 1994; S. 571

2 Rundfunk in der Bundesrepublik Deutschland, In: Was sie über Rundfunk wissen sollten; Vistas-Verlag; Berlin 1997; S. 21

3 Vowe, Gerhard/Friedrichsen, Mike; Wie gewaltig sind die Medien?; In: Gewaltdarstellung in den Medien, Westdeutscher Verlag; Opladen 1995; S. 8

4 Burkart, Roland; Massenkommunikation; In: Kommunikationswissenschaft; bóhlauWien, 3. Auflage 1998; S. 168

5 Burkart, Roland; Massenkommunikation, In: Kommunikationswissenschaft; bóhlauWien, 3. Auflage 1998; S. 169

6 Kunczik, Michael; Wirkungen von Gewaltdarstellungen; In: Gewaltdarstellungen in den Medien, Westdeutscher-Verlag; Opladen 1995; S. 126

7 Kunczik, Michael; Wirkungen von Gewaltdarstellungen; In: Gewaltdarstellungen in den Medien, Westdeutscher-Verlag; Opladen 1995, S. 127

8 Was wir über Hörer und Zuschauer wissen, In: Was sie über Rundfunk wissen sollten, Vistas-Verlag; Berlin 1997; S. 271

9 Was wir über Hörer und Zuschauer wissen; In. Was sie über Rundfunk wissen sollten; Vistas-Verlag; Berlin 1997; S. 273

10 Interview mit Thoma, Helmut, In. Spiegel; Oktober 1990, S. 35

11 Neumann-Bechstein, Wolfgang; Führt Gewalt in den Medien zu Gewalt in der Realität?; In: Was sie über Rundfunk wissen sollten; Vistas-Verlag; berlin 1997; S. 272

12 Huber, Wolfgang; Die tägliche Gewalt, Herder-Verlag, Freiburg 1993; S. 29

13 Interview mit Helmut Thoma, In: Spiegel, Oktober 1990, S. 35

14 Lehne, Werner; Exkurs - Die Massenmedien und der Prozeß der Nachrichtenproduktion; In: Der Konflikt um die Hafenstraße; Centaurus; Pfaffenweiler 1994; S. 164 ff

15 Gerbner 1978, in: Kunczik 1996, S. 40

16 CBS; In: Kunczik 1996

17 Kunczik 1996, S. 40

18 Krebs, Dagmar; in: Merten/Schmidt/Weischenberg, 1994, S. 359ff

19 Kunczik 1996, S. 60ff

20 Burkart, Roland; Das Fernsehen - ein Jahrhundertmedium; In:mmunikationswissenschaft; bóhlauWien, 3. Auflage 1998; S. 316

21 Neumann-Bechstein, Wolfgang; Führt gewalt in den Medien zu Gewalt in der sellschaft?; In: Was sie über Rundfunk wissen sollten; Vistas-Verlag, Berlin 1997; S. 272

22 Persönlichkeit, So sieht das in der Praxis aus, In: Einführung in die Psychologie; S. 398

22 a Vgl. hierzu: Autor unbekannt, Zu: Vogelgesang, Waldemar (1991). Jugendliche Video- Cliquen. Action- und Horrorvideos als Kristallisationspunkte einer neuen Fankultur, http://www.cmr.fu-berlin.de/~ines/courses/lv03ss/Studie_Vogelgesang.htm [Dieser Literaturhinweis wurde ergänzt von der Hausarbeiten.de-Redaktion]

23 SWR Schriftenreihe ,,Fernsehforschung in Deutschland", Nomos-Verlag; Baden-Baden 1998, S. 561

24 Burkart, Roland; Fernsehen und Gewalt; In: Kommunikationswissenschaft, bóhlauWien, 3. Auflage 1998, S. 332

25 Kleiter 1994, In: Kunczik 1996; In einer Pilotstudie wurden 82 Schüler aus der dritten bis sechsten Klasse untersucht

26 Burkart, Roland; Fernsehen und Gewalt; In: Kommunikationswissenschaft, bóhlauWien, 3. Auflage 1998, S. 333

27 vgl. auch Sturm, 1991; nach Burkart 1998

28 Tannenbaum/Zillmann 1975; e.b.d.

29 Kunczik 1975; e.b.d.

30 Kunczik 1987, e.b.d.

31 Trübner 1988, In: Kunczik 1996

32 Burkart, Roland; Fernsehen und Gewalt, In. Kommunikationswissenschaft; bóhlauWien, 3. Auflage 1998, S. 336

33 vgl. Morokoff 1983, in: Kunczik 1996

34 Neunmann-Bechstein, Wolfgang, Führt gewalt in den Medien auch zu Gewalt in der Realität; In. Was sie über Rundfunk wissen sollten, vistas-Verlag, Berlin 1997, S. 272

35 Kunczik 1987, nach Burkart 1998

36 vgl. Haase 1981; e.b.d.

37 Kunzcik 1993, e.b.d.

38 Burkart, Roland; Wirkungen der Massenmedien; In: Kommunikationswissenschaft; bóhlauWien, 3. Auflage 1998; S. 248

39 Burkart, Roland; Funktionen der Massenmedien; In: Kommunikationswissenschaft; bóhlauWien, 3. Auflage 1998, S. 376

40 Schulz, Wolfgang, Kampf der Fiktionen, In: Gewaltdarstellung in den Medien, S. 349

41 Zitat nach Schulz, Wolfgang, S. 350, e.b.d.

42 Deutscher Bundestag, Artikel 5 Abs. 1, Grundgesetz, Bonn 1994, S. 14

43 Udo Branahl: Medienrecht, 2. Auflage, Westdeutscher Verlag GmbH, 1996 nach: § 131 StGB

44 Die FSK wird unterstützt durch eine Grundsatzkomission. In ihr wirken Vertreter der Landesjugendbehörden, des Bundesjugendrings, des Bundesministeriums für Jugendfragen und der Filmwirtschaft mit.

45 Schulz, Wolfgang, Kampf der Fiktionen, In: Gewaltdarstellungen in den Medien, Westdeutscher-Verlag, Opladen 1995, S. 350

46 Schulz, Wolfgang, Kampf der Fiktionen, In: Gewaltdarstellungen in den Medien, Westdeutscher-Verlag, Opladen 1995, S. 350

47 Joachim von Gottberg: Unerträgliche Situation: Nachrichtenmagazin Focus, 2.11.1998, S. 316

48 Schulz, Wolfgang, Kampf der Fiktionen, In: Gewaltdarstellungen in den Medien, Westdeutscher-Verlag, Opladen 1995, S. 351

49 burkart, roland, Kommunikationswissenschaft, S. 337

50 Persönlichkeit, Lerntheorien und soziale Lerntheorien, In: Einführung in die Psychologie, 378/379

51 vgl. Kleiter 1994, In: Kunczik 1996

52 Persönlichkeit, So sieht das in der Praxis aus, In: Einführung in die Psychologie, S. 398

53 Burkart, Roland; Fernsehen und Gewalt; In: Kommunikationswissenschaft, bóhlauWien, 3. Auflage 1998, S. 338

Details

Seiten
16
Jahr
1999
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99723
Note
1,0
Schlagworte
Gewalt Medien

Autor

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Titel: Gewalt in den Medien