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Modekonsum und Verhalten

Seminararbeit 2000 24 Seiten

Soziologie - Konsum und Werbung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

- Inhaltsverzeichnis

- Vorwort

- Einleitung

- Simmels Theorie zum Dualismus des Menschen am Beispiel Mode

- Schlusswort

- Anmerkung

- Zeittafel

- Bibliographie

Vorwort

Diese Hausarbeit behandelt die Thematik der Mode, mit der sich der Soziologe, Georg Simmel, in seinen Aufsätzen ,,Philosophie der Mode" (Erstveröff. 1900) und ,,Physiologie der Mode" (Erstveröff. 1895) verstärkt beschäftigte.

Für mich stand in dieser Ausarbeitung im Vordergrund, welche Ergebnisse Simmel in seinen Beobachtungen zur Mode machte und inwieweit seine Erkenntnisse darauf hinweisen, welche Rolle die Mode in unserer Gesellschaft einnimmt und ihr zugetragen wird.

Unter diesen Gesichtspunkten vorgegangen, formulierte ich meine Überschrift: ,,Simmels Theorie zum Dualismus des Menschen am Beispiel der Mode"

Einleitung

Im folgenden werde ich versuchen Simmels Erkenntnisse und Schlussfolgerungen zum Dualismus des Menschen darzustellen und sie anhand des Beispiels Mode zu verdeutlichen. Dabei werde ich (auch) den Bezug zur Gegenwart suchen, um aufzeigen zu können, inwieweit Simmels Ergebnisse auf das Heute zutreffen.

Um meine Vorgehensweise nachvollziehen zu können, werde ich im folgenden die verschiedenen Begriffe, die Simmel im Zusammenhang mit dieser Thematik benutzt, benennen und erläutern. Dieses soll die Voraussetzung sein, um den Zugang hierzu zu finden. Meines Erachtens nach, ist es von (grosser) Wichtigkeit, von Beginn an die Position der Mode zu verstehen, um ihre Bedeutung nachvollziehen zu können, so wie die von ihr ausgehende Wirkung auf die Gesellschaft und die daraus entstehende Rolle, die sie einnimmt, die Simmel hier als ,,Macht"1 bezeichnet. Da der Mensch hier an erster Stelle steht, werde ich mit dem Dualismus2 Simmels beginnen, der als Grundlage für das Verständnis des ,,Mode-Dualismus"3 von Bedeutung ist. Da, wie Simmel selbst schreib,

,,[...] der Dualismus [nicht] unmittelbar beschrieben [werden kann,] sondern nur an den einzelnen Gegensätzen, die für unser Dasein typisch sind[,]" (G. Simmel 1995, 9)

wird er (der Dualismus) Hauptgegenstand meiner Arbeit sein und sich über den gesamten Beleg erstrecken. Nur unter der Voraussetzung, den Einfluss, der von der Mode ausgeht, verstanden zu haben, ist die ,,Zweckmässigkeit"4 der Mode nachvollziehbar, die den Menschen in eine Gruppe ordnet, in der er sich anpasst, dabei aber nicht seine Besonderheit aufzugeben braucht. Simmels Interesse bezieht sich ausserdem auf die Phänomenologie der Mode in alltäglichen Situationen, Verhalten und Leben in der Gesellschaft.

Ich versuche in dieser Arbeit analytisch vorzugehen und die Bedeutung und Wichtigkeit der Mode in bezug auf den Dualismus des Menschen darzustellen, mit der Absicht aufweisen zu können, inwieweit Simmels Theorie in unserer ge genwärtigen Gesellschaft anwendbar ist.

Um die Bedeutung von Mode und den von ihr ausgehenden Einflüssen auf den Menschen und sein Umfeld verständlich zu machen und gar zu begreifen, muss man den Menschen, laut Simmel, in seinem Dualismus zwischen Individual- und Gesellschaftswesen sehen. Simmel sucht nach einer philosophischen Erklärung für die Polarität dieser zwei Faktoren. So geht von den Menschen eine unzählige Anzahl von Kräften, die in ihrer Wirkung weit über die humane Erscheinung hinauswirken, aus. Diese vielfältigen Impulse äussern sich in uns durch Sehnsüchte, Verlangen und Spannungen. Simmel vertritt die Ansicht:

,,[dass] der Mensch [...] ein dualistisches Wesen von Anbeginn an [sei]; und dies verhindert die Einheitlichkeit seines Tuns so wenig, daß es gerade erst als Ergebnis einer Vielfachheit von Elementen eine kraftvolle Einheit zeigt."

(G. Simmel 1995, 9)

Das bedeutet, dass der Mensch an sich und sein Leben erst den Sinn und den Reichtum der unausschöpflichen Möglichkeiten erhält, wenn seine innere Energie über die eigenen Grenzen hinauswächst.5 Dieses ist nach Simmel von Notwendigkeit um die Erfüllung seiner Selbst (- als Individuum) zu erreichen. Doch dieser ,,Dualismus" lässt sich nicht in Worte fassen, so wenig, wie es eine Anleitung zur praktischen Lebensumsetzung durch diesen gibt. So hat Simmel versucht, dieses anhand einzelner Gegenstände, wie an dem von mir speziell bearbeiteten Thema Mode, zu beschreiben.

Es ist und sollte zweifellos des Menschen Bestreben sein, seinen eigenen und damit persönlichen Weg innerhalb einer Gesellschaft zu gehen. Simmel spricht hier von einem Kampf mit unserem Selbst, der aus Kompromissen, langsam gewonnenen und schnell verlorenen Versöhnungen, aus Verbindungen mit der Gesellschaft (- dem sozialen Umfeld) und der individuellen Entwicklung besteht.6 So ist des Menschen (- als Gesellschaftswesen) Bedürfnis (von Beginn) das Allgemeine, wie das Einzelne anzustreben und zu erfassen und es sich eigen zu machen.7 Simmel beschreibt dieses Vorgang wie folgt:

,,Mag sich die Schwingung unsrer Seele zwischen diesen Polen philosophisch verkörpern im Gegensatz der All- Einheits-Lehre und dem Dogma von der Unvergleichlichkeit, dem Fürsich-sein jedes Weltelements, mögen sie sich praktisch bekämpfen als die Parteigegensätze des Sozialismus und des Individualismus, immer ist es eine und dieselbe Grundform der Zweiheit, die sich schließlich im biologischen Bilde als der Gegensatz von Vererbung und Variabilität offenbart [...]"

(G. Simmel (10) 1995, 5)

Die zwei Pole, die der Mensch in Einklang zu bringen versucht, müssen wie folgt unterschieden werden: der erste Pol beinhaltet das Allgemeine, die Einheit und die Gleichheit von Formen und Inhalten des Lebens, während der zweite (Gegen-) Pol das Spezielle, die Mannigfaltigkeit und die Entwicklung der Individualität in sich trägt.8

Damit lässt sich zusammenfassend sagen, dass es nach Simmel des Menschen Lebensinhalt und Bestreben ist; einerseits den Anschluss an die Gesellschaft (dem sozialen Umfeld) - also die Erfahrung der Einheit - zu haben,(- wir benutzen hier den Begriff ,,gesellschaftliche Zugehörigkeit"), und anderseits das Verlangen und Bedürfnis nach Abgrenzung dieser Vereinigung und Zugehörigkeit, durch das Erschaffen von Akzeptanz, die in der Heraushebung der eigenen ,,Individualität" begründet liegt.

Er sagt, dass der Mensch an sich (- von seinem Beginn an) ein dualistisches Wesen sei. Dieses zeigt sich durch die einzelnen Gegensätze, die für jedes einzelne Dasein typisch sind. Simmel spricht in diesem Kontext von der ,,psychologischen Grundlage"9 unseres Charakters. Hier geht es um die Universalien unseres Naturells (- Inneren), dass der Bewegung wie der Ruhe bedarf. In seinem Aufsatz ,, Zur Psychologie der Mode",10 baut er auf diesen Gedanken auf. So geht er gleich zu beginn auf die angestrebte Individualität und die gesuchte und benötigte gesellschaftliche Zugehörigkeit ein. Es geht um die Zusammenkunft und den Kompromiss, die gesellschaftliche Zugehörigkeit mit der Individualität aufzuwiegen. Er schreibt hier von den grossen gegensätzlichen Kräften, die über uns hinausgehen (sollten), da ihr Kampf um den Ausgleich unser Schicksal (Ziel) ist.11

An dieser Stelle geht Simmel auf den Entwicklungsprozess des menschlichen Typus ein, der seine Entwicklung durch die psychologische Grundlage unseres Wesens erhält. Hierbei handelt es sich um den Wechsel von Gegensätzlichkeiten, die in Einklang zu bringen sind, um den Ausgleich zu bewirken.12

So soll es, nach Simmel, des Menschen Bestreben sein, auf der einen Seite nach dem Allgemeingültigen und Abstraktesten zu streben und dabei auf der anderen Seite nach dem Einzelnen und Speziellen zu schauen. Unser Dasein soll in gelassener und geniesserischer Selbstaufgabe an Personen wie Dingen Interesse zeigen und sich genauso (energisch) an ihnen erfreuen und ergötzen können. Wenn wir uns als eigenständige Person mit einer Gruppe vereinigen und aus der gleichen, durch unser individuelles Bestreben, aus dieser hervortreten und dabei die eigenen Grenzen erkennen, befinden wir uns im Ausgleich zwischen unseren Gegensätzlichkeiten.

Die Aufgabe eines jeden ist die Vereinigung zwischen der Tendenz(- wie Simmel sie nennt- ), die zum Allgemeinen und zur Gleichartigkeit neigt, mit der zum Besonderen und Einzigartigen strebenden Tendenz und eine Ausgewogenheit zwischen den Polen zu erreichen.

Die Herausforderung ist bewältigt, wenn die Hingabe an die soziale Gemeinschaft mit der Durchsetzung der eigenen Individualität in Einklang gebracht wurde.13

Fassen wir an dieser Stelle zusammen: Für Simmel sind die Menschen dualistische Wesen, so dass eine Einheitlichkeit in ihrem Handeln grob betrachtet nicht möglich scheint. Aber tatsächlich entsteht erst durch die Vielschichtigkeit menschlicher ,,Seins-Gegensätze" das einheitliche Gesamtbild Mensch.14 Es stellt sich hier zweifellos die Frage, was hat die Dualität des Menschen mit der Mode gemein. Um Simmels Gedankengang nachvollziehen zu können, ist das seinige Verständnis, in Hinblick auf den Menschen und dessen Stand in der Gesellschaft, von Bedeutung.

Simmel zeigt in seinem Aufsatz ,,Philosophie der Mode" eine Skizze, die die Entwicklung des Menschen beschreibt und die seine Rolle und Position als Einzelner in der Gruppe (Gesellschaft) darstellt. So ist es an dem Menschen selbst die Grenzen seiner Schwingungen zu finden und die verschiedenen Kräfte bestehend aus den Tendenzen (Individualität und der Gesellschaftszugehörigkeit) im Ausgleich zu wiegen, da nach Simmel, in diesem Prozess des Ausgleiches, sich das menschliche (unser) Schicksal befindet.15

In der Mode werden die sozialen Gegensätze des Menschen und das Ringen nach Symbiose der entgegengesetzten Wesenszüge demonstriert und gleichzeitig wird eine Selbstwahl der gesellschaftlichen Position angestrebt. Hier unterscheidet Simmel zwischen dem Nachahmenden (= Anpassenden) und dem Abhebenden (= Mutigen), die sich in ihren ,,modischen" Faktoren unterscheiden.

Bei der Kategorie der Abhebenden weist Simmel nochmals verschiedene Differenzierungen auf, die Extreme auf der einen wie auf der anderen Seite darzustellen suchen, doch dazu später mehr.

Um Zugang zu dem Thema im Zusammenhang mit der Mode zu bekommen, werde ich vorab einen groben Abriss in Form einer enzyklopädischen Begriffsdefinition liefern:

,,[...] der schneller als der Stil einer Epoche sich wandelnde Geschmack in Kultur, Zivilisation und Lebensweise. Mode entsteht kurzfristig und erscheint unvorhersehrbar. Sie wird oft von einzelnen Produzenten einer Ware oder Dienstleistung gemacht und gesteuert [...]"

(Brockhaus 1986, 589)

,,[...]gleichartige Weise der inneren und ä u ß eren Lebenshaltung; erstreckt sich auf alle Gebiete, die dem Zeitgeschmack unterworfen sind [...]

(Bertelsmann 1969, 1214)

Mag diese Deskription zur Mode auch allgemein gehalten wirken, so beinhaltet sie Begriffe, die wir bei Simmel wiederfinden und dort bedeutend sind. Hier geht es in erster Linie, um die Termini ,,Lebensweise" und ,,Lebenshaltung", die sich bei der Kategorisierung Simmels auf die ,,Abhebenden", die die Tendenz zur Differenzierung und Abwechslung haben, beziehe n, und dies einerseits bedingt durch den Wechsel, der von der Mode ausgehenden Inhalte der Gegenwart, durch die Unterschiedlichkeit (= Individualität)16 von Gestern und Morgen (- wodurch sie ihre Begründung findet), wie anderseits, durch die Gegebenheit, dass, so Simmel, die Mode immer eine ,,Klassenmode"17 ist und als solche zu sehen ist, da sie die ,,Differenzierungs- Tendenz" darstellt und es ermöglicht, die eigene Gruppe von den anderen abzugrenzen (- wodurch sie ihren Sinn erhält). Hieraus entsteht der ,,Gesamtrhythmus",18 nach dem sich die einzelnen Individuen in der Gruppe unterschiedlich bewegen, der aber die Gruppe als Ganzes in eine Richtung führt.

Wir kommen hier auf den Individualismus der Mode zu sprechen. Dass sich Mode nicht einfach so entwickelt, ist ausser Frage stehend, zumal wir wissen, dass sie nicht als Produkt hergestellt und angefertigt werden kann, sondern durch Gemeinschaft, sprich Kollektivität, Form annimmt. So beleuchte ich erst noch einmal die Kollektivität, bevor ich dann auf die Mode eingehen werde.

Zwei Begriffe, die im Zusammenhang mit Mode oft erwähnt werden, sind ,,Individualität" und ,,Kollektivität". Hier stellt sich die Frage, welche Bedeutung ihnen im Zusammenhang mit Mode zukommt und inwieweit diese Begriffe zueinander gehören. In einem Fremdwörterlexikon nachgeschlagen, finden wir folgende Worterläuertung:

- Kollektivität = Gemeinschaft, Gemeinschaftlichkeit

(Duden Bd. 5 1995, 408)

- Individualität = Eigenartigkeit, Einzigartigkeit

(Duden Bd. 5 1995, 341)

Bei diesen Be griffen handelt es sich um häufig benutzte Worte, die jedem bekannt und in ihrer Bedeutung geläufig sind. Scheinen sie uns zuerst gegensätzlich oder zumindest nicht so als könnten sie in einem Satz Platz finden, so wird am Beispiel Mode ihre gegenseitige Abhängigkeit zueinander deutlich.

Wir wissen, dass Mode durch die erhöhte Nachfrage einer (bestimmten) Stilrichtung entsteht. Hier kommen die einzelnen Individuen zum Einsatz. Durch ihre Motivation nach Einzigartigkeit wird aus einer optischen Hervorhebung eine Gemeinschaftlichkeit.

So kann man nur bei einem ,,kollektiven Verhalten"19 von Mode sprechen. Das heisst, dass ein Individuum als Innovator eine Neuerung einführen kann; zur Mode wird diese erst, wenn sie von einer grösseren Personenzahl (- von Individuen) übernommen wird.

Doch was macht die Mode aus? Erfüllt sie doch primär die Funktion der Darstellung und Differenzierung des Äusseren und wird somit zur ,,Zweckmässigkeit",20 da ihre Präsenz nicht auf der Sachlichkeit liegt, sondern im Irrationalen. Da die Mode lediglich das ,,Äusserliche des Lebens"21 erfasst und damit die Seite, die der Gesellschaft zugänglich ist, wird sie zu einer ,,Sozialform",22 gekennzeichnet durch bemerkenswerte Zweckmässigkeit. Sie ist als Mittel zum Zweck gar nicht mehr wegzudenken, schon aus dem Wissen heraus, dass die Kleidung jeher eine zur Schau tragende Rolle in der Gesellschaft eingenommen hat, wodurch wir unser ,,individuelles Unterschiedsbedürfnis"23 (aus-) leben.

Wie beim Menschen gibt es hier den Dualismus, der ganz ähnlich zwischen den Tendenzen variiert. Simmel spricht hier von ,,sozialen Tendenzen"24, die nur in ihrer Zusammenkunft, basierend auf der Ausgewogenheit beider zum gleichen Anteil, eine Basis zur Entstehung von Mode gewährleisten. Der Dualismus funktioniert hier wie beim Menschen, der einen Einklang zwischen seiner Gesellschaftzugehörigkeit (- durch Anpassung) und seiner Individualität (- durch Abgrenzung) finden muss. Bei der Mode geschieht dies auf der selben Ebene, so ist hier der Einklang zwischen dem Individualismus (- Bestreben zur Abhebung) und der Anpassung (- Bedürfnis des Zusammenschlusses) zu finden. Unumstritten haben in die Mode weitere Faktoren Einfluss, so wird der festgelegte Rahmen, durchaus gross gehalten, wenn auch streng (- in seiner Variation), um einen gemeinsamen Stil erkennbar zu machen. Nur so ist es möglich, dass sich das Individuum in die Gruppe eingliedert und nicht herausfällt, sich aber gleichzeitig auch abhebt.

Die Mode wird zum Erkennungsmittel, einzelne Individuen können sich durch sie mit gleichgestellten Mitgliedern einer Gruppe identifizieren und Mitglied dieser Gruppe werden. Die Gruppe ist charakterisiert durch bestimmte zusammenhaltende Merkmale, Simmel stellt dieses modellhaft als Kreis dar, wecher sich von Tieferstehenden abgrenzt.25 So liegt es jedoch im Naturell der Unteren sich nach den, von der Masse abgrenzenden, höheren Ständen zu orientieren, indem sie diesen nacheifern und ihr Streben nach höheren Sphären ausrichten. Nun erkennen wir einen Grund für den häufigen Wechsel innerhalb der Mode: da sich die obere Schicht von der Mode abwendet, sobald die Tieferstehenden sich dieser nähern, sich dieser bemächtigen und so die Abgrenzung überwinden,26 unterliegt die Mode permanenten Änderungen. Dieser fortdauernde Kamp f um die Individualität wird stärker, je dichter die Kreise aneinander rücken.

In diesem Kontext, benutzt Simmel die Begriffe ,,Abscheidungsmoment" und ,,Nachahmungsmoment".27 Das Streben nach Individualität ist an sich eine Entscheidung, die mit mehr oder weniger Intention durchgeführt wird, wodurch ein bestimmtes Verhalten angebracht wird, das durch seinen Bestand an Kontinuität zur Abgrenzung (- Individualität)28 führen kann.

Mode kann nur dort entstehen, wo die sozialen Tendenzen (- bestehend aus dem Bedürfnis des Zusammenschlusses und der Absonderung), in Verbindung kommen. Von den gegensätzlich wirkenden Tendenzen unseres Wesens, für die jede Seite der Mode eine Vereinheitlichung darstellt, findet die eine in der sozialen Form der Mode, und die andere an ihrem Inhalt, ihre Befriedigung. Dieses, in Verbindung zu beiden Momenten, bedeutet; sollte eines der beiden nicht vorhanden sein, der ,,Abscheidungsmoment" (- Bedürfnis und Möglichkeit nach Distanzierung) oder der ,,Nachahmungsmoment" (- Bedürfnis und Wunsch nach Zusammenkunft), ist die Basis der Mode unvollständig, so dass Mode hier endet.29

Hieraus folgert Simmel, dass dies ein Faktor für die verschiedenartige Kleidung der unteren Schicht ist, die sich weniger auffällig und spezifisch darstellt und sich auch in ihrer Festigkeit unterscheidet. Dieses demonstriert er an den Naturvölkern, die keine spezifische Mode haben, aus dem Grund heraus, dass jedes Mitglied des Kreises für sich etwas Individuelles verkörpert und dort die

Nachahmung als solche für abstossend gehalten wird, wodurch keine Mode entstehen kann.30 Ein weiterer Grund in der nicht bestehenden Mode liegt, laut Simmel, bei diesen Völkern darin, dass hier keine Gefahr für eine gesellschaftliche Vermischung besteht, da ihnen die soziale Struk tur fehlt. Denn die Struktur ist die Notwenigkeit der Differenzierung, durch die die Absonderungs-Tendenz für die Gesellschaftsabteilungen von Wichtigkeit werden.31

Kommen wir noch einmal zu unserer Frage, was ist Mode. Um dieses vielleicht noch differenzierter sehen zu können, verlassen wir Simmel und tauchen in die Gegenwart und sehen nach, was unsere Zeitgenossen dem entgegenzubringen haben. Es stellt sich hier die Frage; ,,Ist Mode, was alle haben wollen oder ist Mode, was alle tragen?"

Der ,,soziale Aspekt" ist nur einer, der im Zusammenhang mit dem Begriff Mode zu nennen ist. So wird dieser Aspekt von T. Schnierer wie folgt erläutert:

,,[...] von Mode wird nur dann gesprochen, wenn diese von sehr vielen oder zumindest von mehreren Individuen ,getrage n` wird, Mode zeichnet sich also immer durch Kollektivität aus [...]"

(T. Schnierer 1995, 20)

Das bedeutet mit anderen Worten, dass Mode nicht produziert wird, sondern entsteht - nämlich durch die Nachfrage, so dass selbst der Modeexperte bzw. -schöpfer erst ex post wissen kann32, ob Mode geschaffen ist. Simmel spricht vom ,,Wesen der Mode"33 das sich dadurch abzeichnet, dass es nur einem erlesenen Teil der Gesellschaft zugänglich ist, und es so zur Abhebung kommt, indem die modische Kleidung nur von einer ausgewählten Gruppe präsentiert wird. Für Simmel ist der Begriff ,,Mode" eine Wertung, die darin Begründung findet, das Mode einerseits den Anschluss an die Gleichgestellten bedeutet, anderseits die Abgrenzung zu den Aussenstehenden schlussfolgert.34 Nach Simmel ist die Mode eine ,,Zweckmässigkeit",35 die ein (reines) Erzeugnis sozialer Bedürfnisse ist, zu der wir, wenn auch nicht (immer) ersichtlich, durch die fehlende Begründung ihrer Gestaltung, eine ,,zweckmässige Beziehung" haben. Und wenn wir unsere Kleidung auch nach unseren Bedürfnissen wählen und die Kleidung diesen anpassen, so hegt die Mode an sich nicht im geringsten diesen Anspruch, wodurch manches Mal, in nicht nachzuvollziehender Weise scheussliche und absurde Dinge zur Mode werden, dass der Eindruck entstehen könnte, die Mode will ihre Macht demonstrieren. Dieses möge sicher auch darin Begründung finden, dass die Mode erst zu wirken beginnt, ,,[...] wenn die Unabhängigkeit gegen jede andere Motivierung positiv fühlbar wird [...]", (G. Simmel 1995, 13), wodurch sie nicht auf sozialen Bedürfnissen beruht. Hier liegt wohl auch die Begründung, warum ihre Präsenz bei sachlichen Bezügen keine Nennung findet und so die Begründung ihrer Existenz unseren Bedürfnissen angepasst ist.36 Hieraus lässt sich folgern, warum die Mode in gewissen Ebenen keinen Anklang findet, da ihre Präsenz überflüssig ist und gar störend wirken kann, wo die Sachlichkeit ihren Platz hat.37

Das Wesen der Mode kristallisiert sich heraus, indem sie nur einer bestimmten Gruppe zu eigen ist, während die Gesamtheit sich noch (immer) auf dem Weg zu ihr befindet. An dieser Stelle noch von Mode gesprochen, verliert sie an diesem Titel, so bald, was nur einigen zuvor war gegönnt, nun von jedem genossen werden kann.38 Damit wäre das Schicksal der Mode in Worte gefasst. Hier kommen die Tendenzen der ,,allgemeinen Verbreitung" und der ,,Vernichtung ihres Sinnes"39 zum Wirken, die ihr die besondere Rolle verleihen, die Mode ausmacht, indem sie stets die Grenzen darstellen zwischen Zukunft und Vergangenheit, so lange sie Mode sind.

Von der Mode geht ein grosser Einfluss auf die Gesellschaft (Gruppe) aus, der lenkend (bzw. orientierend) auf den Einzelnen wirkt. So ist es kaum verwunderlich, dass Simmel von der ,,gestiegenen Macht der Mode"40 spricht, die die Gesellschaft dirigiert, durch ihre Hervorhebung der Gegenwart und die daraus zur Folge habende Betonung des stetigen Wandels. Simmel erklärt diese neue Positionierung der Mode und ihre Einflussnahme anhand des gesellschaftlichen Bewusstseins, das eine Verminderung der dauerhaften Überzeugung vorweist, begründet durch den raschen Wechsel zum Anderen und der Sehnsucht zur

Individualität, wodurch die Mode ihre Bedeutung erhält, da jene, die sich zu differenzieren suchen, nach ,,fortwährender Abwechslung"41 streben, da ihnen diese Geschwindigkeit, die von der Mode ausgeht den Vorsprung (- Abstand) gewährt. Somit sei die rasche Alternation der Mode erklärt, da nur so die Bedingungen erfüllt sind, die geforderte Differenzierung zu den Unteren zu haben, da sonst die Nachahmenden (noch) schneller aufholen könnten.42

Man könnte Spekulieren, ob es nicht ein (generelles) menschliches Phänomen ist, die Vergangenheit zu brechen und sie hinter sich zu lassen, vielleicht begründet aus der Motivation unbelastet der Zukunft zu begegnen. Simmel geht darauf nicht weiter ein, er setzt hier voraus, dass es des Menschen Gewohnheit ist, mit der Vergangenheit zu brechen. Darin sieht er die Begründung für den immer schneller werdenden Wandel der Mode.43 So wird hier die Betonung der Gegenwart gleichgesetzt mit der des Wechsels. Doch die Macht der Mode geht weit über diese Veränderung hinaus, war sie doch bisher auf die Äusserlichkeit begrenzt, so ist sie längst Bestandteil unserer Überzeugung geworden.

Sollte es wirklich so sein, dass die ,,gesellschaftlichen Formen",44 präsentiert durch Kleidung, Beurteilung und Empfinden, die den Menschen als Individuum bestärken, durch die Mode (Personalmode),45 im ständigen Wandel sind. Hier wirkt die Tendenz des ,,Sich-abheben"- Wolle ns.

Die ,,Differenzierungs-Tendenzen" verstärken sich, wenn die Mode für diesen Zweck nicht aus dem eigenen Kreis kommt, sondern von aussen. Hier wirkt die Exotik der Fremde, die den Zusammenhalt des Kreises durch ihre Mode (Gruppenmode bzw. Klassenmode)46, auf der sie basiert, unterstützt, indem sie ihr eine besondere Stellung verleiht und eine neue Form der Sozialisierung schafft, die begründet ist in der Gemeinschaft und der Beziehung zu einem ausserhalb des Kreises liegenden Punkt.47

Doch oft wird die ser Kampf umgangen und es geht in Richtung der ,,Nachahmung".48 Dieses ist ein sicherer und bewährter Weg, der von anderen schon gegangen - und so geebnet - wurde. Doch vielmehr liegt hier die Motivation in dem beruhigenden Gefühl von Sicherheit, da wir nicht allein sind, sondern aufgenommen und im Schutz der (einer) Gruppe. Bei der Nachahmung wird die Einzelperson von der Gruppe geleitet, was bedeutet, dass Formen und Verhalten vorgegeben sind und keine (eigenen) Entscheidungen getroffen werden müssen.

Doch zur Nachahmung neigt lediglich eine Seite unserer Grundrichtungen, jene, die die Einheitlichkeit sucht und nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit strebt.49 Nicht aber die Seite (- der Grundrichtungen), die das Bedürfnis nach Differenzierung hat. Hier ge ht es um das Herausheben aus der Gruppe.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Nachahmung eine zweckmässige Kraftbewährung ist, die keine persönlichen Anstrengungen mit sich führt. Da dieses nur auf eine Seite zutrifft, ist die reine Nachahmung nicht ge nügend, um uns zum notwendigen Ausgleich zu leiten. Wir unterscheiden also zwischen der Seite, die das ,,Bleibende im Wechsel betont", und der anderen, die den ,,Wechsel im Bleibenden sucht",50 um zu der gewünschten Individualität zu kommen.

Wie schon beschrieben gilt auch im Bereich der Mode Simmels Dualismus Theorie. Hier geht er vom Individualisten aus, der seine Zweiheit zwischen dem Nachahmenden (- jener, der die Sicherheit braucht und den Anschluss an die Gemeinschaft wahrt) und dem Abhebenden (- der sich abzugrenzen vermag und nach Differenzierung sucht), findet.

Somit findet in der Mode auch der Nachahmende, der ebenso wie seine Artgenossen von den Bewegungen der Gruppe abhängig ist, sich aber in gewisser Weise (doch) hervorzuheben vermag, in dieser Gemeinschaft seinen Platz. Von der Gruppe geborgen, enthält er sich so den Entscheidungen, wodurch er ohne das von den Individualisten getragene Risiko, den vorgeschriebenen Weg gehen kann. Sein Bedürfnis sich dennoch von der Gruppe abzuzeichnen, funktioniert durch seine Gruppenzugehörigkeit, die als Gesamtheit den einzelnen trägt und ihn als Repräsentant hervorheben lässt.51

Simmel differenziert unter der Gruppe von Individualisten. Wir wissen, dass diejenigen, die nicht innerhalb der Gruppe untertauchen und sich führen lassen, die Individualität suchen und zum ,,Sich-abhebenden" werden. Für sie, die als Einzelne repräsentieren (verkörpern) wollen, bietet die Mode ein geradezu perfektes Darstellungsforum. Die Mode erfüllt somit zwei Bedürfnisse, hier sprechen wir von einer ,,Doppelfunktion",52 die einerseits die Tendenz zur Differenzierung, die Abwechslung und nicht zuletzt das ,,Sich-abheben" von der Masse, anderseits, - das ist hier das Entscheidende - die Tendenz des ,,Unterschiedsbedürfnis", wie Simmel es nennt, beinhaltet. Die Doppelfunktion ist gekennzeichnet, durch die Wandlungsfähigkeit und Vielfalt der Mode in ihrem ständigen Wechsel, aber vor allem in ihrer eigenen Individualität, wodurch sie kennzeichnend wird, und die Abgrenzung ermöglicht, die der Individualist fordert. In diesem Zusammenhang bringt Simmel den Begriff ,,Klassenmode"53 ins Spiel, der bildlich macht, dass sich die höhere Schicht durch ihre Mode von der unteren zu unterscheiden sucht. Man könnte hier aber auch von der ,,Personalmode" sprechen, die in ihrer Definition der ,,Sozialmode" sehr nah ist, so dass man von einem Grenzfall sprechen darf. Die Personalmode (- Klassenmode)55 findet ihren Anklang bei den Individualisten und wird aus der Motivation heraus getragen, sich mit ihr abzuheben (- abzugrenzen), Simmel benutzt hier den Begriff des ,,individuellen Unterscheidungsbedürfnis".54

Die Tendenz auf Differenzierung beinhaltet das ,,Sich-abheben" und verlangt, was die Mode schafft, da sie einerseits durch die ständige Alternation ihres Erscheinens heute individuell macht und sich von gestern und morgen unterscheidet, anderseits, dass sie da verschwindet, wo die Tieferstehenden sich ihrer bemächtigen.

Aus soziologischer Sicht kann bei der Mode von einem ,,Produkt der klassenmässigen Scheidung"55 gesprochen werden, die ihre Wichtigkeit auf das Ehrgefühl ihrer Träger baut, da sie ihnen die Möglichkeit gewährt, sich durch sie, der eigenen Gruppe anzugleichen, um diese (auch) zu repräsentieren, aber dabei die Abhebung zu unteren Gruppen zu wahren. Hier kann man auch von der ,,Individual- und Gruppenmode"56 sprechen. Wenn die Begriffe an sich in ihrer Bedeutung keinen Unterschied aufweisen, so unterscheiden sie sich zumindest in ihrem Ausdruck, wodurch bei der Gruppenmode, der Eindruck entstehen kann, dass es sich hier um eine Uniformierung handelt, durch die der Einzelne der Gruppengemeinschaft unterliegt und seine Individualität einbüsst. Doch bei diesen vielen Begriffen geht es oftmals nur um die Darstellung ihrer Vielfalt, trotz der vorhandenen gleichen Bedeutung. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass innerhalb einer Gruppe, von den Einzelnen adoptierte Worte, verschiedene Begriffe für das Selbe Geltung finden. Hier wird einmal mehr deutlich, welche Funktion (Rolle) und Position die Mode im gesellschaftlichen Leben erhält /hat. Betrachtet man die Geschichte der Mode, so wird einem doch im wesentlichen die Entwicklung ihrer Inhalte vermittelt, weniger ihre Bedeutung. Doch seit des Menschen Bestehen gibt es (die) Kleidung in ihrer ganzen Vielfalt und mit ihr die Neigung zur persönlichen Differenzierung, die durch den Wunsch sich (mit ihr) von anderen zu unterscheiden und von den Niedrigeren abzugrenzen, bestimmt ist. Simmel hat hier eine Verbildlichung gewählt, die das gerade Beschriebene verdeutlichen soll. Die Mode in ihrer ,,Diffenzierungs-Neigung", als ,,Klassen- Trenner"57 (- in der Gesellschaft); stellen wir uns so vor: wir befinden uns in einem Saal (Gesellschaft), der gefüllt ist mit Bildern (Menschen), (- die sich an sich nicht differenzieren), hier kommt der Rahmen (Mode) zu seiner Funktion. Durch seine Präsenz agiert er als Abgrenzung (Differenzierung) eines jeden Bildes. Doch nicht die Trennung von den anderen ist seine alleinige Bestimmung, hier kommt es zur ,,Doppelfunktion",58 die sich durch den Rahmen darstellt. Mit dem Bild, das er rahmt (trennt), wird ein ,,einheitliches und zusammengehöriges" Bild (Wesen/Gruppe) präsentiert, dass nach aussen alle Beziehungen abschneidet.59 Simmel fasst dieses sehr treffend zusammen:

,,So bedeutet die Mode einerseits den Anschluß an die Gleichgestellten, die Einheit eines durch sie charakterisierten Kreises, und eben damit den Abschluß dieser Gruppe gegen die tiefer Stehenden, die Charakterisierung dieser als nicht zu jener gehörig."

(G. Simmel 1995, 12)

Damit ist deutlich gemacht, dass diese Tendenzen sich sowohl unterscheiden als auch miteinander verbinden, und handelt es sich aus unserer Logik heraus auch um zwei konträre Funktionen, so erhalten sie ihre Wirkung nur in ihrer Verbindung.

Zusammenfassend: Die Mode in ihrer Präsenz, hat die Funktion der Differenzierung, die die Gruppenzugehörigkeit und -unterscheidung bestimmt. Die Doppelfunktion bzw. -wirkung, von der die Rede war, brachte Simmel im Zusammenhang mit der Darstellung der Mode, auf die Gesellschaft. Wir können sagen, dass die Gruppe der Individuen sich durch ihre Mode ausdrücken und durch ihren raschen Wechsel sich selbst ständig der Veränderung aussetzen. Durch ihre Position im Stand, steht ihnen die (neue) Mode (zuerst) zur Verfügung, wodurch sie sich von den tiefer Stehenden abgrenzen. Sie bestimmen durch die Mode ihre Zugehörigkeit und Gleichheit zu ihren Angehörigen und untereinander und differenzieren sich gleichzeitig von den anderen.

Wie schon angesprochen, führt Simmel in seiner Beschreibung zu den Individualisten, eine Differenzierung durch. Was wir bis jetzt über den Dualismus, die gegensätzlichen Tendenzen, die Differenzierung und nicht zuletzt über die Mode erfahren haben, lässt darauf schliessen, dass die Mode an sich für jeden Individualisten die Möglichkeit der Selbstdarstellung bietet. Hier treffen wir nun auf den sogenannten ,,Modenarren",60 wie er von Simmel betitelt wird. Der Modenarr gehört zweifellos zu unseren Individualisten, allerdings zu der besonderen Sorte, die ihre individuellste Differenzierung suchen,

,,[...] indem es [seine] Kräfte aufnimmt und formt, nicht indem es ihre Individualität erst anerkennt, um sie dann sich dienstbar zu machen, sondern es sie äußerlich unter irgend ein subjektives Sche ma beugt, wodurch es denn freilich im letzten Grunde keine Herrschaft über die Dinge, sondern über sein eigenen, gefälschtes Phantasiebild ihrer gewonnen hat." (G. Simmel 1995, 30f)

Er erfüllt stets die ,,gesellschaftlichen Forderung der Mode"61, jedoch auf einer anderen Ebene. So gehört er der Gruppe an, wird wie der Nachahmende von ihr getragen, wenn er auch durch sein Erscheinungsbild auffällt und der Gruppe vorausgeht, so geht er dennoch ihren Weg. Simmel spricht hier gar von; ,,[d]ie Aufgeblasenheit des Modenarren ist [...] die Karikatur einer durch die Demokratie begünstigten Konstellation des Verhältnisses zwischen dem Einzelnen und der Gesamtheit".62 Er setzt fort und behauptet, dass dieses Verhalten in Zeiten der Demokratie begünstigt ist, so führt nicht er die Gruppe, sondern sie ihn. Der Modenarr (- von Simmel auch Modeheld genannt -) erhält so, lediglich in seiner Präsenz, reduziert auf die quantitative Hervorhebung und seiner Differenzierung zur Qualität, seine ihn kleidende Auszeichnung. Damit ,,[repräsentiert] [...] [der] Modeheld [...] ein wirklich originelles Gleichgewichtsverhältnis zwischen socialem und individualisierendem Trieb [...]"(G. Simmel 1992, 109) Das bedeutet mit anderen Worten, dass die Individualität, die der Modenarr (Modeheld ) darzustellen sucht und letztlich auch erhält, die quantitative Steigerung von dem ist, was die Gruppe an Qualität bietet.

Die ,,Individualitäts-Verwirklichung" kann auch, da es hier nicht um die Festsetzung einer einzelnen Form geht, (die Ausgewogenheit zwischen den Kräften, einerseits die individuelle Besonderheit und anderseits die soziale Gleichheit), die Rebellion gegen die Mode zur Folge haben, indem die Profilierung in der Opposition gesucht wird. Simmel schreibt hier;

,,[dass] wer sich bewußt unmodern trägt oder benimmt, erreicht das damit verbundene Individualisierungsgefühl nicht eigentlich durch eigene individuelle Qualifikation, sondern durch bloße Negation des sozialen Beispiels[...]"

(G. Simmel 1995, 20)

Auch hier (- wie bei dem Modenarren) handelt es sich um eine gesonderte Form der Individualität. Simmel führt dieses Beispiel fort, indem er davon ausgeht, dass es sich hier um eine ,,absichtliche Unmodernität"63 handelt, wodurch, wenn die Nachahmung zur Mode geworden ist, es sich hier um eine Nachahmung mit umgekehrten Vorzeichen handeln würde. Damit wäre der Rebell (Unmoderne) dem Modenarren (Modehelden) gleichzusetzen, da sie sich in ihrer Motivation nach Individualität (Differenzierungsbestreben) und deren Umsetzung ebenbürtig sind, lediglich die Umsetzung beider geht in entgegengesetzte Richtungen. Doch hier stellt sich die Frage, aus welcher Motivation heraus handeln beide in gegensätzliche Richtungen. Es geht nicht um die Abgrenzung oder das Bestreben nach Individualität, vielmehr ist es ein Spiel beider Tendenzen. Es mag verwunderlich wirken und verwirrend für den Beobachtenden sein, mit welcher Energie Tendenzen das Entgegengesetzte von Inhalten in sich aufnehmen und ihre Kraft in die Verneinung setzten. Hier handelt es sich um eine besondere Form des Bedürfnisses, sich von der Menge abgrenzen zu wollen oder zumidest ihr nicht zu gleichen. Dieses Bedürfnis beinhaltet keineswegs die Unabhängigkeit von der Gruppe, sondern lediglich eine Abhebung der eigenen Stellung in dieser. Eine weitere Erklärung wäre die instabile Situation, indem durch auffälliges Verhalten die eigene recht schwach ausgebildete Individualität verloren zu gehen droht. Fest steht, dass dieses nichts mit charakterlicher Stärke gemein hat.

Hier angekommen, möchte ich die Gelegenheit genutzt wissen, nochmals auf verschiedene Begriffe, die im Vorfeld schon ihre Erwähnung fanden, einzugehen. Die Mode an sich ist ein reines Erzeugnis sozialer Bedürfnisse, zu der wir, wenn es auch nicht immer ersichtlich ist, durch die fehlende Begründung ihrer Gestaltung, eine ,,Zweckmässigkeitsbeziehung" haben, wie Simmel es nennt. Und wenn wir unsere Kleidung auch nach unseren Bedürfnissen wählen und damit jene diesen anpassen, so hegt die Mode an sich nicht im geringsten diesen Bedürfnisanspruch. Dieses möge sicher auch darin Begründung finden, dass die Mode erst zu beginnen wirkt, ,,[...] wenn die Unabhängigkeit gegen jede andere Motivierung positiv fühlbar wird [...]",(G. Simmel 1995, 13) dadurch wird ihre Präsenz auch nicht überall zu jeder Zeit, akzeptiert.

- Schlusswort

Wie schon in der Einleitung formuliert, habe ich anhand der Aufsätze Simmels versucht, die von ihm formulierten Erkenntnisse und Schlussfolgerungen zum Dualismus des Menschen am Beispiel der Mode herauszuheben und darzus tellen, ohne dabei die Bedeutung und Rolle, die der Mode zugedacht ist und die sie selbst ergriffen hat, ausser acht zu lassen, wodurch sie ihre ,,Wichtigkeit", ihre ,,Zweckmässigkeit" (laut Simmel) erhält. Darüber hinaus, ist in diesem Kontext der Dualismus der Mode, ein wichtiger Bestandteil, der es erst ermöglicht, ihr Entstehen und Bestehen zu begreifen.

Ich hoffe deutlich gemacht zu haben, wie Simmel den Dualismus des Menschen (an der Mode) erklärt. Wichtig ist auch hier die Erkennung und Einteilung der Zweiheitigkeit, die er beim Menschen, wie auch bei der Mode vornimmt.

Um Simmels Gedankengang nachvollziehen zu können, müssen wir den Menschen in seinem Dualismus zwischen den Distanzen der Individualität und der Gesellschaft betrachten, die eine zahlreiche Vielfalt von Impulsen beinhalten. Nach Simmel erhält der Mensch erst seinen Sinn (- die Erfüllung seiner Selbst), wenn er über die eigenen Grenzen hinauswächst. Hier geht es darum, die zwei Pole (- der Einheit und Gleichheit von Formen und Inhalten - und der Mannigfaltigkeit und Entwicklung der Individualität) in Einklang zu bringen. Für Simmel handelt es sich hierbei um die Universalien unseres Naturells. Zusammenfassend kann man also sagen, dass es durch den Dualismus des Menschen, eine Einheitlichkeit in ihrem Handeln scheint grob betrachtet durch die ,,Vielschichtigkeit" menschlicher ,,Seins-Gegensätze" nicht möglich, zu einem harmonischen (- dem angetrebten) Gesamtbild kommt.

An dieser Stelle ist zu klären, was die Mode mit dem Dualismus des Menschen zu tun hat. Wie beim Menschen beinhaltet der Dualismus der Mode den Einklang der Tendenzen zwischen Gesellschaftszugehörigkeit und Individualität. Erst wenn die Zusammenkunft, und damit die Ausgewogenheit der Tendenzen der Anpassung und der der Abgrenzung, geschaffen ist, besteht eine Basis für die Entstehung von Mode Zur Mode sei anzumerken, dass es ihr Wesen ist, alle Individuen anzugleichen, aber nicht im Ganzen, sondern auf das Äussere beschränkt, dieses aber über die blosse Bekleidung hinaus, da sie in ihrer Existenz nicht nur orientiert, sondern prägend und damit verändernd, auch auf unsere Gesellschaft, wirkt. Durch ihren raschen Wechsel, den sie uns bietet, stellt sie einen Gegensatz zur Beständigkeit dar, wodurch die ständigen (permanenten) Veränderungen ihrer Inhalte, sich als Veränderungen abzeichnen und ihren Reiz erhalten. Damit ist die Funktion der Mode eine ,,Maske", die von denen benutzt wird, die die Individualität suchen. Um diese Einzigartigkeit zu demonstrieren, wird die Mode eingesetzt, um konträr gegen die äusserliche Gleichstellung zu wirken. Die Mode bietet so die Möglichkeit, auch den ,,Noch-so- Unscheinbaren", der von sich allein nicht die Individualität erreicht, aufzunehmen, wodurch er zum ,,Sich-abhebenden" wird und Platz in seinem Kreis findet. Wir können zwar behaupten, dass seine Persönlichkeit einem verallgemeinernden Schema angepasst wurde, doch dieses hat bezogen auf die soziale Ebene, eine individuelle Färbung, wodurch sie in der Gesellschaft zur Individualität wird. Damit lässt sich sagen, dass die Mode eine Lebensform, wenn auch unter vielen unterschiedlichen, eine spezielle ist, durch die ,,[...] man die Tendenz nach sozialer Egalisierung mit der nach individueller Unterschiedlichkeit und Abwechselung [...]" (G. Simmel 1995, 10) innerhalb der Gruppe (Gemeinschaft) zusammenführt.

- Zeittafel

(Eine grobe Übersicht Simmels Werdegang:)

1. März 1858 Georg Simmel, geboren in Berlin (Deutschland)

(als siebten Kind; jüdischer Eltern)

(bis 1914, lebt Simmel in Berlin)

1870 Besuch des Friedrich-Werder-Gymnasiums (Berlin)

1876 (Studium) Geschichte, Philosophie, Völkerpsychologie, Kunstgeschichte, Altitalienisch,

1881 (Promotion)

(Dissertation: Das Wesen der Materie nach Kants Physischer Monadologie)

1885 Privatdozent

1890 (Heirat) mit Gertrud Kinel

Schriftstellerin

(bekt. u. d. Pseudonym Marie-Luise Enckendorf)

1901 (Professur)

1911 Dr. rer. Pol. H.c. der Universität Freiburg

1914 Professur in Strassburg

26. Sep. 1918 gestorben in Strassburg

- Anmerkungen

- Bibliographie

Schnierer, Thomas

"Modewandel und Gesellschaft

Die Dynamik von ,,in" und ,,out" "

Leske & Budrich, Opladen 1995

Rammstedt, Otthein

Hrsg. "Georg Simmel Gesamtausgabe Nand 1 -10"

Suhrkamp, Frankfurt a. M.

Simmel, Georg

Hrsg. Heinz-Jürgen Dahme

Aufs ä tze 1887 bis 1890

Ü ber sociale Differenzierung

Die Probleme der Geschichtsphilosophie (1892)

(Band 2)

Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1989

Simmel, Georg

Hrsg. Heinz-Jürgen Dahme und David P. Frisby

Georg Simmel Aufs ä tze und Abhandlungen 1894 bis 1900

(Aufsatz: Zur Psychologie der Mode - Sociologische Studie, S. 105 - 114)

(Band 5)

Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1992

Simmel, Georg

Hrsg. Michael Behr,

Volkhard Krech und

Gert Schmidt

Georg Simmel

Philosophie der Mode (1905)

Die Religion (1906/ 2 1912)

Kant und Goethe (1906/ 3 1916)

Schopenhauer und Nietzsche (1907)

(Band 10)

Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1995

Simmel, Georg

"Philosophie des Geldes"

(8. Auflgage)

Duncker & Humblot, Berlin 1977

Frisby, David

Simmel and Since

Essays on Georg Simmel's Social Theory

[Kap. Part II /5 ,, Some economic aspects of The Philosophy of Money"; Pg.80-97]

By Routledge 1992

Wörterbücher / Lexika:

Bertelsmann

(Volkslexikon)

Bertelsmann Verlag, Gütersloh 1969

Brockhaus

(Enzyklopädie - Bd. 03 (J-Neu))

F.A. Brockhaus Verlag, Mannheim 1986

Duden

(das Fremdwöterbuch Bd. 03)

Duden Verlag, 1990

- Bemerkungen /Notizen:

[...]


01. G. Simmel 1995, S. 17

02. G. Simmel 1995, S. 9

03. G. Simmel 1995, S. 15

04. G. Simmel 1995, S. 12

05. G. Simmel 1995, S. 9

06. G. Simmel 1995, S. 9

07. G. Simmel 1995, S. 9

08. G. Simmel 1995, S. 10

09. G. Simmel 1995, S. 9 + G. Simmel 1992, S. 105

10. G. Simmel 1992, S. 105 - 114

11. G. Simmel 1992, S. 108

12. G. Simmel 1995, S. 9

13. G. Simmel 1992, S. 105f

14. G. Simmel 1995, S. 9

15. G. Simmel 1992, S. 105

16. G. Simmel 1992, S. 106

17. G. Simmel 1995, S. 15

18. G. Simmel 1995, S. 31

19. G. Simmel 1995, S. 23

20. G. Simmel 1995, S. 12 + 28

21. G. Simmel 1995, S. 28

22. G. Simmel 1995, S. 28f

23. G. Simmel 1995, S. 29

24. G. Simmel 1995, S. 15

25. G. Simmel 1995, S. 28

26. G. Simmel 1995, S. 13

27. G. Simmel 1995, S. 14 + G. Simmel 1992, S. 107

28. G. Simmel 1995, S. 29

29. G. Simmel 1992, S. 108

30. G. Simmel 1992, S. 108

31. G. Simmel 1995, S. 14 + 29

32. T. Schnierer 1995, S. 20

33. G. Simmel 1995, S. 16

34. G. Simmel 1992, S. 107

35. G. Simmel 1995, S. 10 + 28

36. G. Simmel 1995, S. 12f

37. G. Simmel 1995, S. 13

38. G. Simmel 1995, S. 16

39. G. Simmel 1995, S. 16f

40. G. Simmel 1995, S. 17

41. G. Simmel 1995, S. 32

42. G. Simmel 1995, S. 16 + 32

43. G. Simmel 1995, S. 17

44. G. Simmel 1995, S. 13

45. G. Simmel 1995, S. 29

46. G. Simmel 1995, S. 28 + G. Simmel 1992, S. 112

47. G. Simmel 1995, S. 14

48. G. Simmel 1995, S. 10 + 32

49. G. Simmel 1992, S. 106

50. G. Simmel 1995, S. 11 + G. Simmel 1992, S. 106

51. G. Simmel 1992, S. 106

52. G. Simmel 1995, S. 12

53. G. Simmel 1992, S. 106

54. G. Simmel 1995, S. 29 + G. Simmel 1992, S. 112

55. G. Simmel 1995, S. 29

56. G. Simmel 1992, S. 107

57. G. Simmel 1995, S. 29

58. G. Simmel 1995, S. 12 + 29f + G. Simmel 1992, S. 112f

59. G. Simmel 1995, S. 12

60. G. Simmel 1995, S. 12

61. G. Simmel 1995, S. 18f

62. G. Simmel 1995, S. 19

63. G. Simmel 1995, S. 19

Details

Seiten
24
Jahr
2000
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v99808
Note
2,0
Schlagworte
Modekonsum Verhalten

Autor

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Titel: Modekonsum und Verhalten