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Kennzeichnet sich die Jugend Russlands durch demokratisches Potenzial oder Putin-Treue?

Eine Betrachtung zukunftsweisender politischer Bemühungen und gesellschaftlicher Aspekte der „Generation Putin“

Hausarbeit 2020 41 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Russland, Länder der ehemal. Sowjetunion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kurze Bestandsaufnahme: Wie ist es um die Demokratie in Russland bestellt?
3.1 Begriffsklärung
3.2 Gesellschaftlicher Wandel nach 1991
3.3 Merkmale der „Generation Putin“

4. Die „Generation Putin“ und Politik - Demokratisches Potenzial?
4.1 Das Protestpotenzial: Wie steht Russlands Jugend zu Putin und dessen Politik?
4.2 Die Digitalisierung und die sozialen Medien als demokratisches Potenzial
4.3 Das Paradoxon der „Generation Putin“: Zwischen Hoffnungsträger und politischer Passivität
4.4 Stellschrauben für ein demokratischeres Russland

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Meine schriftliche Arbeit mit dem Titel „Die Jugend Russlands: Demokratisches Potenzial oder Putin-Treue? Eine Betrachtung zukunftsweisender politischer Bemühungen und gesellschaftlicher Aspekte der „Generation Putin““ soll darlegen, welches demokratische Potenzial die Jugend Russlands beinhaltet und ob dieses zu einem gesellschaftlichen sowie politischen Wandel des Landes beitragen kann. Einführend soll ein kurzer, deskriptiver wie normativer Blick auf die aktuelle Verfasstheit der Demokratie in Russland geworfen werden. Hierbei wird die Inszenierung der vermeintlich demokratischen Staatsform Russlands durch die Regierung von der Wahrnehmung der vorherrschenden demokratischen Verhältnisse durch westliche Länder zu unterscheiden sein. Letztere wird das politische System Russlands als „Scheindemokratie“ entlarven.

Im nächsten Schritt soll die „Generation Putin“ vorgestellt werden, indem zunächst eine Begriffsklärung stattfinden wird. Darauf folgend beabsichtigt meine Ausarbeitung den gesellschaftlichen Wandel etwas näher zu beleuchten, welcher der russischen Gesellschaft nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991 attestiert werden kann. Es soll erörtert werden, welche Bedeutung die Vorgängergeneration für die junge Generation innehat und welchen weiteren Einflussgrößen die russische Jugend in ihrer Entwicklung erlag beziehungsweise noch immer unterliegt. Ein besonderes Augenmerk soll hierbei auf die System-Propaganda gelegt werden. Welche Merkmale nun die „Generation Putin“ im Einzelnen auszeichnet, soll im nachfolgenden Schritt geklärt werden, indem erst die Probleme und Ängste der jungen Russen und anschließend deren Potenziale und Wünsche im Fokus stehen werden.

Hieran anknüpfend intendieren meine schriftlichen Ausführungen, im Speziellen das mögliche demokratische Potenzial der jungen Generation herauszuarbeiten. Hierfür soll zunächst deren Protestpotenzial untersucht und im Zuge dessen deren Beziehung zu Putin sowie das Interesse an Politik im Allgemeinen analysiert werden. Ebenso wird die Digitalisierung mit ihren hervorgebrachten sozialen Netzwerken als eine Möglichkeit zur Ausbildung sowie zur Realisierung eines demokratischen Potenzials angeführt werden. Bei dem Versuch, die Ausgangsfrage nach dem Einfluss der „Generation Putin“ auf die gesellschaftliche und politische Zukunft des Landes zu beantworten, kristallisiert sich letztlich ein Spannungsverhältnis in Gestalt eines Paradoxon heraus. Es lässt sich diagnostizieren, dass sich die russische Jugend zwischen der Rolle des Hoffnungsträgers einerseits und politischer Passivität andererseits bewegt. Zu klären bleibt, an welchen Stellschrauben gedreht werden müsste, damit die Heranwachsenden einer demokratischeren Zukunft entgegensteuern können. Schlussendlich werde ich versuchen, ein Fazit meiner zusammengetragenen Aspekte im Hinblick auf meine Ausgangsfrage zu formulieren.

2. Kurze Bestandsaufnahme: Wie ist es um die Demokratie in Russland bestellt?

Um das derzeit vorherrschende demokratische Potenzial der jungen Russen bewerten zu können, ist es von Nöten, vorerst einen Blick auf den Zustand des vermeintlich demokratischen Systems Russlands zu werfen. Dieser wird aufgrund des begrenzten Rahmens, welchen eine Hausarbeit mit sich bringt, vergleichsweise knapp ausfallen. Im Anschluss daran kann erst die Frage aufgeworfen werden, ob überhaupt die Notwendigkeit eines demokratischer Wandels durch die Jugend besteht, oder ob bereits alle notwendigen Rahmenbedingungen einer Demokratie gegeben sind.

Westliche Medien zeichnen ein recht einheitliches Bild der Staatsform Russlands. Von „gelenkter Demokratie“, „simulierter Demokratie“ und „defekter Demokratie“ ist die Rede. Aufgrund der zentralen Machtstellung des amtierenden Präsidenten Wladimir Putin wird sie oftmals auch als autoritäre Präsidialherrschaft, als eine Mischung aus Autokratie und Oligarchie oder als parlamentarisch-präsidentielles Mischsystem bezeichnet, bei welchem sowohl das Parlament als auch der Präsident eine direkte Legitimation durch das Wahlvolk innehaben. Die Unterstellung, bei der vorherrschenden Staatsform handele es sich lediglich um eine gelenkte, simulierte oder gar defekte Demokratie, rührt daher, dass eine sichtbare Kluft zwischen russischer Verfassung und politischer Realität existiert. (Vgl. Mommsen 2018)

Die 1993 durch Volksabstimmung angenommene Verfassung Russlands weist auf dem Papier alle unabdingbaren Säulen einer Demokratie wie die Gewaltenteilung, die politische Partizipation der Bürgerinnen und Bürger in Form von freien Wahlen, die Meinungs- und Pressefreiheit sowie die Wahrung des Rechts auf. Doch der Vorwurf vornehmlich westlicher Staaten lautet, dass all diese Gegebenheiten nur formal vorhanden seien. Die politische Realität habe nur wenig mit der ausgearbeiteten Verfassung gemein. Die Verfassungsprinzipien würden von dem Präsidialkabinett, das ausschließlich aus Technokraten bestehe, gebeugt, demokratische Institutionen und Verfahrensweisen existierten nur zum Schein und eine objektive Meinungsbildung sei aufgrund der staatstreuen Medien und der strengen Kontrolle der Parteienlandschaft nicht möglich. Hierdurch würde jegliche Art oppositioneller Bemühungen kleingehalten und unterdrückt, was wiederum dazu führe, dass mögliche Veto-Akteure, welche als „Checks and Balances“ fungieren würden, nicht am politischen Geschehen teilhaben. Die System-Propaganda tue ihr übriges dazu, ebenso wie die immer wiederkehrenden Manipulationen der Parlamentswahlen und das gezielte Unterdrucksetzen Oppositioneller und Demonstranten bis hin zur physischen Übergriffen auf politisch Andersdenkende (vgl. ebd.). Der hoch aktuelle Vorfall eines mutmaßlichen Giftanschlags auf den Oppositionellen Alexej Nawalny, der derzeit aufgrund dessen im Koma liegt, kann als eines unter vielen Beispielen hierfür gelten. Auch wenn russische Ärzte abstreiten, dass Spuren einer giftigen Substanz in dem Blut Nawalnys nachgewiesen werden konnten, liegt der Verdacht einer zielgerichteten Vergiftung des Oppositionspolitikers dennoch nahe, denn eine Verlegung Nawalnys zur medizinischen Behandlung in einem deutschen Krankenhaus wurde zunächst von der russischen Regierung vehement verweigert. Ähnliche Fälle gab es auch schon in der Vergangenheit. Nichtsdestotrotz bleibt der Vorwurf zum jetzigen Zeitpunkt ungeklärt (vgl. ZEIT ONLINE 2020). Zudem werde die Verfassung dahingehend ausgehöhlt, sodass Machtinhaber Putin die Möglichkeit eröffnet wird, Präsident auf Lebenszeit zu sein. Putins dominante Machtstellung im politischen System Russlands ließe sich überdies als „Machtvertikale der Exekutive“ (Mommsen 2018) umschreiben, was auf die Tatsache anspielt, dass sich der Präsident in der politischen Praxis die Position einer Alleinherrschers sichert, was der Rolle des Parlaments in einem demokratischen System unvereinbar gegenübersteht (vgl. ebd.).

Putin verteidigt die Legitimität seiner Staatsform, indem er sie eine „souveräne Demokratie“ nennt, ein demokratisches Konzept also, das sich von westlichen Demokratiemodellen klar abgrenzen soll. Diese „besondere Form der russischen Demokratie“ (ebd.) zeichnet dem Präsidenten zufolge aus, dass sie handlungsfähig bleibt. Er betont, dass das russische Volk noch nicht bereit sei, sich selbst überlassen werden zu können. Politische Prozesse müssten gelenkt werden, anstatt blind der Verfassung zu folgen (vgl. ebd.). Dass Putin hiermit gezielt demokratische Prinzipien unterläuft, ohne die keine Staatsform, die sich Demokratie nennt, bestehen kann, möchte ich nun anhand der demokratischen Pfeiler der freien Wahlen, der Opposition, der Presse- und Versammlungsfreiheit und der freien Meinungsbildung demonstrieren.

Wie bereits angeklungen, ziehen westliche Berichterstattungen insbesondere den gerechten Ablauf der Wahlen in Russland in Zweifel. Und tatsächlich meldete die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa immer wieder Unregelmäßigkeiten bei Russlands Parlamentswahlen und stufte sie daher als nicht frei und unfair ein. Es kann also durchaus von Wahlbetrug gesprochen werden (vgl. Bidder 2017, S. 141).

Die Beeinflussung und Manipulation beginnt allerdings schon weit vor den Wahlen. So werden beispielsweise Kampagnen zur gezielten Zerstören der Reputation politischer Gegner ins Leben gerufen (vgl. ebd., S. 61). Dies bekam unter anderem der Oppositionelle Alexej Nawalny zu spüren, als dieser 2011 die Massenproteste gegen die Parlamentswahlen anführte und sich damit als bedrohlicher Konkurrent Putins herausbildete (vgl. ebd., S. 175). Schon bald darauf sah Nawalny sich mit Vorwürfen der Veruntreuung von Staatsgeldern konfrontiert, musste um seine politische Karriere fürchten und wurde schließlich zum wiederholten Male zu einer mehrtägigen Haftstrafe verurteilt (vgl. ZEIT ONLINE 2019). Dies verkörpert nur eines von vielen Beispielen, in denen Demonstranten und Oppositionelle beobachtet, befragt und verhaftet wurden (vgl. Bidder, S. 96-99). Diese systematische Unterdrückung der Opposition erstickt jeden politischen Wettbewerb. Und obwohl in der Staatsduma vier Parteien vertreten sind, wird das Land in der Praxis von bloß einer Partei regiert, und zwar von jener, dessen Gründer Wladimir Putin ist: „Einiges Russland“ (vgl. ebd., S. 169 und Bundeszentrale für politische Bildung 2016). Bekanntermaßen gilt die Kreml-Partei in der russischen Bevölkerung als alternativlos, weshalb sie sich den Namen „Partei der Macht“ eingefangen hat, ebenso wie „Partei der Gauner und Diebe“ aufgrund der offensichtlich betriebenen Korruption der Parteimitglieder (vgl. ebd., S. 13).

Als ein weiteres Mittel der Einflussnahme nutzt der Kreml die Medien (vgl. ebd., S. 91). Das Staatsfernsehen dient dem Großteil der russischen Bevölkerung laut einer Umfrage der „Stiftung Öffentlicher Meinung“ noch immer als Hauptinformationsquelle und genießt das größte Vertrauen der Russen (vgl. Krawatzek 2017). Es lobt die Arbeit der Regierung, indem Wladimir Putin als heroische Figur darstellt wird, während es fortlaufend den vermeintlich negativen Einflusses des Westens auf Russland propagiert (vgl. Bidder 2017, S. 172). Die Unterrepräsentation alternativer Positionen wird von der Einschränkung der Presse- und Versammlungsfreiheit weiter verstärkt (vgl. ebd., S. 91-92). Berichten Journalisten über wahre Tatsachen, die der Regierung jedoch missfallen, gelten sie schnell als Oppositionelle und werden öffentlich angefeindet und verfolgt. Dies kommt einer Zensur gleich (vgl. ebd., S. 90).

Und letztlich ist ebenfalls eine vielseitige, staatliche Beeinflussung der jungen Generation zu beobachten, unter anderem mithilfe der erwähnten Propaganda über die Medien, aber auch im Rahmen der Schulbildung und durch die Gründung von Jugendorganisationen, die im Dienste der politischen Führung stehen und Jugendliche in Form einer patriotischen Erziehung zu staatstreuen Bürgerinnen und Bürgern heranziehen sollen (vgl. Krawatzek 2017). Hierbei werden Kreml-Gegner als ein klares Feindbild dargestellt und oppositionelle Vertreter im Zuge militärischer Übungen sinnbildlich bekämpft (vgl. Bidder 2017, S. 48-49). Auf die staatlichen Eingriffe in die Entwicklung der Jugend wird im weiteren Verlauf noch detaillierter eingegangen werden.

Bilanzierend lässt sich behaupten, dass eine große Diskrepanz zwischen russischer Verfassung und politischer Praxis besteht, ebenso wie zwischen der russischen Gesellschaft und der Regierung, sodass das politische System Russlands durchaus als „Scheindemokratie“ betitelt werden kann. Oder, um es mit den Worten der Boulevardzeitung „Moskowskij Komsomolez“ zu sagen, als „Putlandia“ (ebd., S. 135), da die politischen Zustände einem neuzeitlichen Großfürstentum gleichen: „Russlands Verfassung garantiert Gewaltenteilung, Presse- und Versammlungsfreiheit. Doch sie ist nicht mehr als eine leere Hülle “ (ebd.), so der deutsche Journalist Benjamin Bidder (vgl. ebd.). In Russland konnte sich über die Jahre somit keine Verfassungskultur herausbilden und etablieren, weshalb Verstöße gegen demokratische Richtlinien von der russischen Bevölkerung größtenteils als Normalität hingenommen werden (vgl. Mommsen 2018).

Es lohnt sich also, nachzuforschen, ob eine Änderung der soeben beschriebenen politischen Praxis von der jungen Generation Russlands herbeigeführt werden kann, oder vielmehr, ob diese einen solch demokratischen Wandel überhaupt wünscht. Um den Antworten auf diese Fragen nachgehen zu können, soll im nachfolgenden Kapitel umrissen werden, welche gesellschaftliche Gruppe genau gemeint ist, wenn die Sprache auf die „Generation Putin“ fällt. Außerdem wird zu klären sein, wie sich diese in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat und welche Merkmale bezeichnend für sie sind.

3. Wer ist die „Generation Putin“?

3.1 Begriffsklärung

Der Begriff „Generation Putin“ hat sich mittlerweile als gängige Bezeichnung einer bestimmten Gruppe der russischen Gesellschaft etabliert. Junge Russen bezeichnen sich selbst in einem neutralen Sinne als „Generation Putin“. Gemeint ist mit dem Eigennamen diejenige Generation, die in das Zeitalter unmittelbar nach dem Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991 hineingeboren wurde. Die „Generation Putin“ umfasst hauptsächlich Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren und zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass sie bisher keinen anderen Präsidenten als Wladimir Putin erlebt hat (vgl. Russian Analytical Digest 2020). Bei den verschiedensten Befragungen der „Generation Putin“, von welchen ich einige im Rahmen meiner Hausarbeit aufgreifen werde, handelt es sich zumeist um diese Gruppe der 16- bis 24-Jährigen. In Russland ist der Anteil der Jugend an der Gesamtbevölkerung besonders hoch: Etwa 40 Millionen junge Menschen leben in Russland. Das entspricht 27 Prozent der gesamten Einwohnerzahl (vgl. Alexeeva / Gutnik / Piskunova 2007, S. 44).

Markiert wird mit dieser begrifflichen Abgrenzung der Bevölkerungsgruppen ein Generationswechsel. Diejenigen Personen, die in die sowjetische Gesellschaft hineingeboren wurden, fanden sich in einem völlig anderen Umfeld wider als die Individuen, die der „Generation Putin“ angehören. Die von Grund auf verschiedenen Lebenswelten prägten und prägen die jeweilige Gesellschaft und deren Mitglieder. Daher soll im Folgenden die Bedeutung der Vorgängergeneration für die Entwicklung der Lebensweise russischer Jugendlicher bestimmt werden, um anschließend weitere Einflussgrößen sozioökonomischer Art etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Auch der Einfluss des Kremls auf die Jugend soll hier nochmals angesprochen werden.

3.2 Gesellschaftlicher Wandel nach 1991

3.2.1 Bedeutung der Vorgängergeneration

Der Zerfall der Sowjetunion im Jahre 1991 verkörpert zweifelsohne ein Wendepunkt in der Geschichte der russischen Gesellschaft. So wurde mit dem Regierungswechsel von Michail Gorbatschow zu Boris Jelzin, welcher den Untergang des kommunistischen Systems begleitete, ein rasanter Modernisierungsprozess in Gang gesetzt (vgl. Bidder 2017, S. 9-10). Die katastrophale wirtschaftliche Lage vor 1991 verbesserte sich zusehends, der Kapitalismus ist zur Normalität für die heutige Jugend geworden (vgl. ebd., S. 13-15 und S. 229). Das Jahr 1991 bedeutete ein Aufbruch ins Ungewisse, der bis heute andauert (vgl. ebd., S. 21). Gleichzeitig entfernen sich die jungen Menschen immer weiter von den Ereignissen der russischen Vergangenheit. Während die Vorgängergeneration klare Lebensentwürfe hatten, sind die Jugendlichen heute scheinbar fortlaufend auf der Suche nach dem Lebenssinn und vor allen Dingen nach sich selbst (vgl. ebd., S. 39).

Dies mag unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass diejenigen Russen, die in den 90er Jahren geboren wurden, unter einem andauernden Spannungsfeld zweier Pole aufwuchsen: Einerseits ist die Gesellschaft nach dem Zeitalter der Sowjetunion so frei wie noch nie zuvor, andererseits wird das Land von autoritärer Hand geführt, von einem Machthaber, der nun schon seit 20 Jahren seine Position als Staatsoberhaupt inne hat, Wladimir Putin. Denn selbst als Dmitri Medwedew kurzzeitig das Amt des Präsidenten übernahm, stand dieser ganz unter dem Einfluss Putins. (Vgl. Bidder 2017)

Neben dem eher zwiespältigen Verhältnis zur Zukunft, schält sich im Hinblick auf die Haltung zum Zusammenbruch der Sowjetunion unter der „Generation Putin“ jedoch ein klarer Konsens heraus: Die Bewertung des Zerfalls der sowjetischen Zustände spielt für sie kaum eine Rolle. Laut Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung haben 50 Prozent der befragten Jugendlichen gar keine Meinung zu dieser Thematik (vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung 2020). Und auch zu Gorbatschow und Jelzin haben sie keinerlei Beziehung. Dennoch fällt auf, dass sie die negativen Ansichten ihrer Vorgängergeneration zu Gorbatschow nicht teilen (vgl. Bidder 2017, S. 20).

Es stellt sich also die Frage, welche Bedeutsamkeit der Vorgängergeneration der Jugend Russlands hinsichtlich der politischen wie gesellschaftlichen Entwicklung des Landes zukommt. Wie eben angeschnitten, ist sehr wohl ein Bruch zwischen den Generationen erkennbar, bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel nach der Sowjetzeit. Diese zu beobachtende Entwicklung verläuft zwar äußerst schleppend, denn noch sind die Vorstellungen der Zukunft der „Generation Putin“ verschwommen, ihre Bedürfnisse und Träume unterscheiden sich allerdings klar von den der älteren Generation (vgl. ebd., S. 39).

Die Jugend lebt nach völlig neuen Regeln, ihre Vorgängergeneration dient ihnen nicht mehr als Orientierungsgröße. Im Zeitalter der Sowjetunion konnte eine klare Unterscheidung zwischen richtig und falsch getroffen werden, unter den neuen gesellschaftlichen Bedingungen sind die Ratschläge der Eltern und Großeltern jedoch größtenteils unbrauchbar für die Jugendlichen. Die postsowjetische Jugend wirkt daher oftmals orientierungslos in einer Welt, die immer komplexer zu werden scheint. Sie hat ihren Platz in der modernen Gesellschaft noch nicht gefunden. (Vgl. Alexeeva / Gutnik / Piskunova 2007, S. 44-47)

Nichtsdestotrotz reagiert die „Generation Putin“ auf die veränderte Lebenswelt. So wird das Thema der Globalisierung in Abgrenzung zur Vorgängergeneration immer präsenter und relevanter. Die Jugend hebt sich von ihrer vorherigen Generationen insbesondere dadurch ab, dass sie einer global verbindenden Kultur, was unter anderem eine weltweite Verbreitung von Informationen beinhaltet, insgesamt offener gegenüber. Auch ist der übernommene Patriotismus weniger militärischer Art. Zumindest in dieser Hinsicht haben die geführten Kriege der Vergangenheit scheinbar Spuren hinterlassen. Wie eine aktuelle Umfrage des Russian Analytical Digest zeigte, lehnt der Großteil der jungen Russen jegliche kriegerische Aktivitäten entschieden ab. Anderen Ländern stehen sie zudem freundlich gegenüber. (Vgl. Russian Analytical Digest 2020)

Die Bewältigung der neuartigen Herausforderungen, die das moderne Zeitalter mit sich bringt und welche die „Generation Putin“ beschäftigt, scheint die ältere Generation nicht ausreichend anzuerkennen. Nach dem Empfinden der jungen Russen herrscht ein Mangel an Verständnis und Anerkennung durch die Vorgängergeneration vor, was wiederum zu einem fehlenden Gefühl der Selbstwirksamkeit führt. Überdies gab ein Drittel der Jugendlichen im Rahmen einer Befragung an, sich ungeliebt von seinen Eltern zu fühlen (vgl. Alexeeva / Gutnik / Piskunova 2007, S. 56-58). Dies verdeutlicht erneut die wachsende Kluft, die sich zwischen den Generationen mit dem Wandel der Außenbedingungen nach dem Zerfall der Sowjetunion aufgetan hat.

Doch auch ein Riss durch die russische Jugend selbst ist wahrnehmbar: Es findet sich einerseits eine konservative und regime-loyale Schicht, welche den Begriff der „Nation“ hochhält. Auf der anderen Seite positioniert sich eine kleinere, liberale Schicht mit dem bereits erwähnten Fokus auf Weltoffenheit und Chancengleichheit (vgl. Los / Bushuev 2018) Einige gesellschaftliche Muster der Sowjetzeit wurden von dieser konservativen Schicht bewahrt und fortgeführt. Hierzu zählen „Duldsamkeit und Obrigkeitshörigkeit, politische Passivität gepaart mit der Sehnsucht nach einem starken Staat und kollektiven Errungenschaften [und] der Westen als festes Feindbild [...]“ (Bidder 2017, S. 211). Es sind also nicht nur die äußeren Einflüsse von Bedeutung, sondern insbesondere auch die innere Verfasstheit der Menschen: „Wir dachten, das Land, die Gesellschaft betrete eine völlig neue Realität. Das war naiv. Immer wieder stoßen wir an unsichtbare Mauern: die Mauer des Regimes, das einmal war, die Mauer der damaligen Traditionen und die Mauer in der Köpfen der Menschen“ (ebd.) (vgl. ebd.).

Umfragen des WZIOM-Instituts zufolge gibt der Großteil der Jugend an, ebenso konservativ zu sein wie seine Eltern. Und tatsächlich hat sich beispielweise an der traditionellen Haltung Homosexuellen gegenüber wenig geändert. Noch immer lehnt die russische Gesamtbevölkerung eine Gleichstellung dieser Personengruppe strikt ab (vgl. Bidder 2017). Die von dem deutschen Journalist Klaus Mehnert angeführten Charakteristika der sowjetischen Gesellschaft, nämlich der Patriotismus, die hohe Bedeutsamkeit von Gemeinschaft und Kollektiv sowie Autorität und Staatsgefühl und die Abkehr von der Politik wurden von der „Generation Putin“ im Kern übernommen (vgl. ebd., S. 218). Ebenfalls in der Jugend durchgesetzt haben sich die festgefahrene Meinungen zu verschiedensten gesellschaftlichen Themen und die Tendenz zu einer Gesellschaft mit wenig Diskurs (vgl. ebd., S. 98).

Das erwähnte tradierte Feindbild stellt eines der markantesten geerbten Merkmale der russischen Bevölkerung dar. Der Westen und Amerika gelten fortwährend überwiegend als fremd und feindselig und auch nach Ende des Kalten Krieges ist die Entfremdung vom Westen noch immer in den Köpfen der Russen präsent (vgl. ebd., S. 10). Auch wenn sich das Verhältnis Russlands Amerika gegenüber stetig gewandelt hat: Vom Verbündeten während des Zweiten Weltkriegs zum Klassenfeind im Kalten Krieg, zur Amtszeit Gorbatschows als bewundertes Vorbild und mit Ausbruch der Krim-Krise wieder zur Auslöser allen Übels (vgl. ebd., S. 213-214). Als Ursache dieser vollzogenen Sinneswandlungen führt der Autor Benjamin Bidder die russische Sehnsucht nach einem einfachen Weltbild an (vgl. ebd., S. 215).

Dieses Misstrauen gegenüber dem Westen und Amerika hat die Jugend überwiegend beibehalten, wenn auch die USA zugleich die Neugierde der jungen Russen weckt (vgl. ebd., S. 216-217). Und ein Teil der „Generation Putin“ lehnt eine Abkehr vom Westen sogar eher ab (vgl. ebd.). Nichtsdestoweniger ist die Entfremdung der Jugend Russlands vom westlichen Europa allgegenwärtig, wie die jüngsten Umfragen der Friedrich-Ebert-Stiftung belegen: Dieser zufolge glauben lediglich 52 Prozent, dass die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen jemals wirklich freundlich sein können (vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung 2020). Zudem halten die jungen Menschen „[...] Amerika und Europa für eine andere Zivilisation, eine fremde Welt“ (vgl. Bidder 2017, S. 225). Dennoch werden manche Aspekte des gesellschaftlichen Lebens wie auch ökonomische Faktoren in Europa, die individuelle Freiheit sowie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, besser bewertet als in Russland. Herausgestellt hat sich im Rahmen der Studie ebenfalls, dass die Wahrscheinlichkeit einer Identifikation als Europäer wächst, je öfter eine Person reist. Als Europäer identifizieren sich derzeit gerade einmal 20 Prozent der Jugendlichen. Im Zuge der Befragungen wurde jedoch eine klare Differenz zwischen Moskau und dem restlichen Russland ersichtlich: Moskauer sehen sich häufiger als Europäer und Kosmopoliten (vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung 2020).

Dass sich der Westen als Feindbild der russischen Gesellschaft etablieren konnte und sich bis heute so vehement hält, ist nicht zuletzt der Verdienst Wladimir Putins. Aus russischer Sicht ist der „verdorbener Westen“ (Bidder 2017, S. 199) darauf aus, Russland ins Chaos zu stürzen (vgl. ebd., S. 170). Russlands negative Einstellung dem Westen gegenüber liegt sicherlich aber auch darin begründet, dass es sich mit immer wiederkehrenden Vorwürfen seitens der westlichen Ländern, wie dem der Korruption und dem Hass gegen Homosexuelle, konfrontiert sieht (vgl. ebd., S. 198).

Der Soziologe Juri Lewada fasst den Kern der schlechten Beziehung zum westlichen Europa als ein dauerhaftes Spannungsverhältnis auf, dem Russland unterliegt. Es sei hin- und hergerissen zwischen der Vorstellung der Überlegenheit des eigenen Systems und Minderwertigkeitskomplexen angesichts der Rückständigkeit in vielerlei Bereichen (vgl. ebd., S. 213). Und auch die jungen Russen teilen diese Vision eines einflussreichen und starken Staates: „Russlands Jugend [...] [will] ihr Land als Supermacht wieder hergestellt sehen, die außerhalb der euroatlantischen Gemeinschaft steht und Widerstand gegen internationale Normen leistet“ (ebd., S. 224). Zugleich sind sie sich jedoch sehr wohl bewusst, dass die „Global Player“ andere sind (vgl. ebd., S. 224).

„Die Jugend „erbt“ das erreichte Niveau der Entwicklung von Gesellschaft und Staat und trägt schon heute die Zukunft in sich. Sie erfüllt die Funktion der sozialen Reproduktion und agiert als Nachfolge in der Entwicklung der Gesellschaft“ (Alexeeva / Gutnik / Piskunova 2007, S. 67-68). Dabei haben die Jugendlichen eigene Interesse und Ziele, die teilweise nicht mit den der Gesamtgesellschaft übereinstimmen (vgl. ebd.). An dieser Stelle lässt sich demnach resümieren, dass anhand gewisser übernommener Werte und Traditionen wie die Feindseligkeit gegenüber der westlichen Welt ein Stück weit eine Brücke zu der Vorgängergeneration geschlagen wird. Auch die wahrnehmbare Tendenz der Jugend, zunehmend nach Individualität und Selbstverwirklichung zu streben, kann der kommunistischen Vergangenheit Russlands und der mit ihr verbundenen Angst, aufgrund des Konformitätsdrucks in der Masse unterzugehen, zugeschrieben werden. Diesbezüglich spricht Juri Lewada von dem Russen als „homo sovieticus“ (Bidder 2017, S. 217), als nachhaltig von der Sowjetunion geprägt (vgl. ebd.). Jedoch lässt sich ebenso feststellen, dass weder die historischen Ereignisse Russlands, noch die sowjetische Generation einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der russischen Jugend ausüben, da sie aufgrund ihrer neugewonnenen Freiheit sowie der rasanten Modernisierung und Globalisierung der Gesellschaft vor noch nie dagewesenen Herausforderungen stehen. Entscheidend für die zukünftige Entwicklung der „Generation Putin“ sind daher vielmehr die aktuell vorherrschenden sozioökonomischen Bedingungen, die nun näher betrachtet werden sollen.

3.2.2 Einflussgrößen: sozioökonomische Bedingungen und System-Propaganda

Zu den sozioökonomischen Einflussfaktoren der „Generation Putin“ zähle ich im Einzelnen die momentane wirtschaftliche und soziale Beschaffenheit des Landes sowie die eben angeschnittene Betrachtung des Elternhauses. Ein besonderes Augenmerk soll des Weiteren auf das politische System und deren Propaganda als Einflussgröße gelegt werden. Die Einflussnahme des Kremls lässt sich in der Wehrerziehung der Jugend und der Gründung von Jugendorganisationen sowie dem russischen Schulunterricht wiederfinden.

Zu den gegenwärtigen Problemen der russischen Gesellschaft zählen sowohl soziale als auch materielle und territoriale Ungleichheiten. Nach dem großen Wirtschaftsboom im Anschluss an die Amtsübernahme Putins, gerät die ökonomische Entwicklung Russlands zudem nun zusehends ins Stocken. Aufgrund des schrumpfenden Bevölkerungswachstums herrscht mittlerweile ein Mangel an Arbeitskräften vor, es droht der Stillstand. Und nicht zuletzt sind die Arbeitsplätze überwiegend schlecht bezahlt (vgl. Steiner 2018). Dass sich die Jugendlichen von diesen Problematiken nicht unbeeindruckt zeigen, äußert sich darin, dass sie nach der Beseitigung von sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten streben. Dies hat zur Folge, dass einige von ihnen Aussteigerphilosophien entwickeln, was wiederum eine negative Einstellung zur Arbeit und die Missachtung von Gesetzen und gesellschaftlichen Grundwerten nach sich zieht. Begünstigt werden diese rebellischen Züge der Jugend darüber hinaus von dem bereits erwähnten Empfinden eines Mangels an Liebe und Anerkennung durch die Eltern und den hierdurch vermehrten Konflikten mit dem Elternhaus (vgl. Alexeeva / Gutnik / Piskunova 2007, S. 56-58).

Auch die territorialen Differenzen sind bereits angeklungen. Während sich die Bewohner Moskaus von den neusten und modernsten Trends umgeben sehen, von denen ein Großteil westlicher Art ist, wirken viele ländliche Gegenden von der Gesellschaft abgehängt. Außerdem können die Moskauer als politischer gelten. Sie zeichnen sich durch liberalere Einstellungen aus und zeigen ein größeres Misstrauen gegenüber den staatlichen Institutionen. Das erhöhte Aufkommen internationalen Menschenverkehrs in der Großstadt scheint Spuren in den Ansichten der russischen Einwohner hinterlassen zu haben. Sie sind weltoffener als die russische Restbevölkerung und eher dem Westen zugewandt. Folgerichtig lässt sich sagen, dass sich der Wohnort und die hierdurch verschiedenen Umwelteinflüsse wie beispielsweise die der westlichen Welt oder anderer fremder Länder auf die Entwicklung der jungen Russen auswirken. (Vgl. ebd.)

Eine gezielte und bewusste Beeinflussung der Jugend stellt hingegen die System-Propaganda des Kremls dar. Als Antwort auf die Massenproteste Ende 2011 warb Putin intensiv mit öffentlichen Auftritten um die Heranwachsenden. Insbesondere über die Medien inszenierte er sich als starkes Vorbild und jungen, dynamischen Politiker, der stets ein offenes Ohr für die Anliegen der jungen Generation habe (vgl. Goncharenko 2017). Er bot eine vielfältige, direkte Kontaktaufnahme mit ihm via Blog, Telefon und Fernseher an. Ein Dialog, bei welchem die Äußerungen der jungen Russen ernstgenommen wurden, fand dennoch nicht statt (vgl. Mommsen 2018). Das unterstützende Potenzial der Jugend für die Durchsetzung seiner Politik, erkannte Putin allerdings bereits zu einem viel früheren Zeitpunkt. Schon zu Beginn seiner Präsidentschaft im Jahre 2000 setzte er auf die Gründung diverser Jugendorganisationen, die bis heute bestehen. Die größten, kremlnahen Organisationen sind „Naschi“ und die „Junge Garde“. Sie sind patriotisch ausgerichtet und bestehen laut Angaben der russischen Regierung jeweils aus mehreren Hunderttausend Mitgliedern (vgl. Bidder 2017, S. 48-49).

Angelockt werden die jungen Menschen hauptsächlich mit folgendem Versprechen: Wer mitmacht, profitiert! So eröffnen die von der Regierung geförderten Jugendorganisationen den Jugendlichen zum Beispiel diverse Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt und die Chance, fortan der Elite anzugehören (vgl. Nauer 2020). Ebenso erwarten sie gemeinsame Unternehmungen wie das Errichten von Zeltlagern, wodurch das positive Gefühl einer Gruppenzugehörigkeit entfacht werden soll (vgl. Bidder 2017, S. 48-49). Die Trauer um die enormen Verluste, die Russland im Zweiten Weltkrieg erleiden musste, wird in ein Gefühl des Triumphes und Stolzes transformiert, indem intensiv das Andenken an die militärischen Siege des Landes gepflegt wird (vgl. Nauer 2020). Auch dem Verlangen der Jugendlichen nach Orientierung werden die Jugendorganisationen gerecht. Sie zeichnen ein einfacheres Weltbild mit einer klaren Freund-Feind-Unterscheidung: Die russischen Patrioten stehen den Faschisten und deren mutmaßliche Helfershelfer gegenüber. Hierbei werden Oppositionelle sowie westliche Einflüsse für ebenso feindlich erklärt, da sie sich vermeintlich gegen Putin verschworen haben: „Vor unseren Augen formiert sich eine widernatürliche Allianz zwischen Liberalen und Faschisten, Westlern und Ultranationalen, internationalen Fonds und internationalen Terroristen. Sie eint nur eines: der Hass auf Putin“ (Bidder 2017, S. 53). So werden auch politisch Andersdenkende zur Zielscheibe militärischer Übungen wie dem Schießtraining (vgl. ebd., S. 49-53)

Eine weitere Erziehungsinstanz der „Generation Putin“ bildet die Wehrerziehung ab. Diese verkörpert eine an die Schullaufbahn anknüpfende Vorbereitung auf den Wehrdienst und formiert somit eine Gruppe aus jungen Menschen, die einer russischen Jugendarmee gleicht. Zu ihr zählen rund 200000 Mitglieder und sie kann als eine „[...] Mischung aus Dauer-Ferienlager, Sportklub und Militärtraining“ (Grieß 2018) beschrieben werden. Neben einer militär-taktischen sowie patriotischen Wehrerziehung, der Verwendung von militärischem Vokabular und Symbolen, der Verleihung von Auszeichnungen und dem Angebot von Spaßprogramm in Form von Fanshops und Erlebnisparks wird vor allen Dingen Gehorsam gegenüber Obrigkeiten eingeübt. Die Wehrerziehung ist klar staatliche geprägt: „Es gibt Berichte darüber, dass ganze Schulklassen mit mehr oder weniger sanften Hinweisen seitens der Staatsmacht hinein bugsiert worden sind“ (ebd.). Mithilfe prominenter Unterstützung wirkt die staatlich geförderte Wehrerziehung nach außen wie ein Heranziehen stolzer, vaterlandstreuer und motivierter Jugendlicher, welche die Zukunft des Landes hinsichtlich der Sicherung des Status einer Weltmacht positiv beeinflussen werden. (Vgl. ebd.)

Als noch grundlegender für die Entwicklung der „Generation Putin“ kann die schulische Ausbildung gelten, da diese jeder Jugendliche im Laufe seines Lebens durchlaufen muss. Diese stellt eine subtilere ideologische Beeinflussung der Jugend durch das Regime dar als die eben aufgegriffene Einflussnahme mittels Jugendorganisationen und Wehrerziehung (vgl. Los / Bushuev 2018). Putin investierte schon immer in die Jugendarbeit und so auch in einen Gesetzesentwurf zu einer einheitlichen, patriotischen Erziehung (vgl. Goncharenko 2017). Dieser „staatlich verordnete[.] Patriotismus“ (ebd.) übergeht und verkennt die Auseinandersetzung mit der russischen Vergangenheit. Und obwohl die Schulbildung laut Verfassung frei von jeder Ideologie sein muss, ordnet Putin die Verwendung eines einzigen Geschichtsbuchs an: „Geschichte als Schulfach [...] [ist] dazu da, eine nationale Einheit zu schaffen, nicht das Bewusstsein der jungen Generation zu spalten“ (Bidder 2017, S. 227), verteidigt Putin sein patriotisches Erziehungskonzept (vgl. ebd., S. 225-227). An dieser Stelle wird einmal mehr deutlich, dass die Schulen Russlands möglichst keine Gelegenheiten für die Schulung kritischen Denkens bieten sollen (vgl. Krawatzek 2017). Dieser Ansatz erziehe „Sklaven [...], aber keine Modernisierer“ (Bidder 2017, S. 228), kritisiert der Journalist Benjamin Bidder. Russlands Schulsystem ist nicht darauf ausgerichtet, die Individualität der Jugendlichen zu fördern, sondern vielmehr das Auswendiglernen, um loyale Staatsdiener heranzuziehen (vgl. ebd., S. 227-228).

Hierdurch entsteht bei den Schülerinnen und Schülern das Empfinden, Bildung orientiere sich ausschließlich am Resultat und nicht am Bildungsprozess, was folgerichtig zu einem verkümmerten Interesse am Erkenntnisprozess selbst führt. Tatsächlich steht diese „traditionellen Schule“ heute im Widerspruch zu den Werten der Jugend. Die schulische Ausbildung verweigert ihnen das Ausleben ihrer zunehmenden Freiheitstendenz und Autonomie ebenso wie die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls. Und letztlich trägt die geringe Vergütung von Arbeit dazu bei, dass Bildung nicht als Chance für ein erfülltes Leben angesehen wird. Umfragen ergaben, dass die Mehrheit Bildung ausschließlich aus Gewohnheit vollziehen. (Vgl. Alexeeva / Gutnik / Piskunova 2007, S. 59-60)

Nach den von mir ausgeführten Aspekten kann dem russischen Regime meines Erachtens durchaus eine erfolgreiche Instrumentalisierung der Jugend durch die staatlich finanzierten Jugendorganisationen sowie die Wehrerziehung und die Schulbildung unterstellt werden. Putins patriotische Erziehung der „Generation Putin“ begünstigt seine politische Arbeit, indem sie beispielsweise regimekritische Demonstrationen eindämmt und oppositionelle Bemühungen im Keim zu ersticken versucht (vgl. Krawatzek 2017). Es ist nun zu klären, welche Merkmale der „Generation Putin“ sich im Zuge des Einwirkens der angeführten äußeren Einflussgrößen entwickelt haben und welche politischen Prognosen und gesellschaftlichen Tendenzen anhand dieser gegenwärtigen sozialen Konstitution der Jugend abgeleitet werden können. Hierfür sollen vorerst die Probleme sowie Ängste und anschließend die Potenziale und Wünsche der jungen Russen betrachtet werden.

3.3 Merkmale der „Generation Putin“

3.3.1 Probleme und Ängste

Die in den vorherigen Abschnitten erwähnte Tatsache, dass die Bedeutung der Vorgängergeneration für die Ausgestaltung der Zukunft der Jugendlichen immer weiter abgenommen hat, zog ein Werteverlust nach sich. Daher kann die derzeitige Phase der Umorientierung als eine der großen Herausforderungen der jungen Generation gedeutet werden. Dabei sind gerade moralische Orientierungspunkte sowie Zielorientierungen aufgrund der vergleichsweisen freien Gesellschaft heute noch wichtiger als je zuvor. Dies mag einer der Gründe sein, weshalb sich der Großteil der jungen Erwachsenen nach einer staatlichen Lenkung sehnt, welche sie mit Wladimir Putin verwirklicht sehen (vgl. Bidder 2017, S. 211-212).

Das Fehlen von Leitlinien und Perspektiven macht sich ebenfalls in der ganz persönlichen Lebensplanung der jungen Russen bemerkbar. Es macht sich Frustration hinsichtlich der Suche nach dem Sinn des Lebens breit (vgl. Alexeeva / Gutnik / Piskunova 2007, S. 52-53). Nicht selten sind die Lebensentwürfe der Jugendlichen deshalb von Gedanken des sozialen Protests in Gestalt des Ausbrechens aus der Gesellschaft, die keine Orientierung bieten kann und zudem von Ungleichheiten jeglicher Art gezeichnet ist, geprägt. Dies mündet dann oftmals in einer Kriminalisierung (vgl. ebd., S. 56-58). Hierzu tragen auch die russischen Medien einen Teil bei: Sie propagieren kriminelle Handlungen, indem sie diese in die Vorstellung eines „romantischen Banditen“ einbetten und Hoffnungen auf das „schnelle Geld“ schüren. Die Sinnkriese vieler junger Menschen kann zusätzlich als Ursache eines vermehrten Auftretens sozialpsychologischer Probleme sowie Persönlichkeitsstörungen aufgefasst werden. Es besteht nachweislich ein wachsender Bedarf der Jugendlichen zur Einnahme von Psychopharmaka. Darüber hinaus erleben extremistische politische Organisationen und totalitärer Sekten einen erhöhten Zulauf (vgl. ebd., S. 44-47). Im Gegensatz dazu sind die Schulen scheinbar nicht im Stande, das „ideologische Vakuum“ der jungen Generation zu füllen. Die russischen Bildungsinstitutionen fördern die russischen Schülerinnen und Schüler hinsichtlich der sozialen, emotionalen und individuellen Komponenten nicht. Demzufolge findet eine ganz individuelle Moralentwicklung bei den Heranwachsenden statt. Denn auch die Lehrkräfte können ihnen nicht als Vorbilder dienen. Ihre Beziehung zu den Lehrerinnen und Lehrern wird von den Jugendlichen hauptsächlich als gleichgültig und nicht wohlwollend empfunden. Ihre Position nehmen sie als der Lehrperson untergeordnet wahr. Darüber hinaus bemängeln die jungen Russen die fehlenden Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung an den Schulen (vgl. ebd., S. 58-59).

Es lässt sich allerdings eher eine Werteverschiebung als ein völliger Werteverfall beobachten. Denn es existieren durchaus Werte, die der „Generation Putin“ wichtig sind. So wie die ungleiche wirtschaftliche Verfasstheit Russlands aktuell die Jugend beeinflusst, wirkte sich genauso der Wirtschaftsboom des Landes zu Beginn des 21. Jahrhunderts aus. Während traditionelle Werte wie der Altruismus eine starke Abwertung erfuhren, hat sich aufgrund der neugewonnenen Freiheit, des erstarkten Wohlstandes des Landes und des wachsenden Einflusses der Massenkultur eine Bevorzugung materieller und hedonistischer Werte entwickelt. Die Konsumorientierung hat seither drastisch zugenommen, der Spaß steht für die „Generation Putin im Mittelpunkt. Doch ebenso das Streben nach Selbstverwirklichung hat im heutigen Zeitalter eine hohe Priorität bei den jungen Menschen. Trotz einem erhöhten Konformismus und Negativismus präferieren sie selbstständiges Denken und Handeln und sind stetig auf der Suche nach Bestätigung ihres Ich-Gefühls und ihrer Individualität. Zu ihren größten Ängsten zählt demgemäß, dass sie ihre Potenziale nicht vollends entfalten können. Und trotz der hohen Bedeutsamkeit materieller Werte und der Entfaltung der Individualität besteht nur wenig Interesse an Arbeit, denn der zu erwartende, geringe Verdienst kann die Motivation der Jugendlichen wie bereits erwähnt nicht wecken. (Vgl. ebd., S. 55-56 und S. 58-59)

Die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung kann als eine Reaktion auf die mangelhafte Anerkennung der Individualität verstanden werden. Die teils nicht zufriedenstellenden Zustände in Familie und Elternhaus, auf die bereits eingegangen wurde, lassen bei den jungen Menschen das Gefühl der niedrigen Selbstwirksamkeit aufkommen, was ich neben anderen Faktoren ursächlich für die überwiegende politische Passivität der „Generation Putin“ erachte (vgl. ebd., S. 56-58). Diese Inaktivität schlägt sich jedoch auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen der Jugendlichen nieder. Sozial bedeutsame Werte wie Schaffenskraft, aktives Tätigsein im Leben, eine interessante Arbeit sowie Wissen werden von ihnen überwiegend abgelehnt, da diese in ihrem Bewusstsein wenig präsent sind: „Die Unterschätzung der Bedeutsamkeit eigenen aktiven Handelns, die geringe Bereitschaft, selbst Verantwortung zu übernehmen, das Ablehnen einer aktiven Lebensbewältigung verstärkt stereotype Reaktionen und das Unvermögen, die vielfältigen Wege aus sich entwickelnden (schwierigen) Situationen zu erkennen“ (ebd., S. 51) (vgl. ebd.). Folglich sind die Jugendlichen in einem Teufelskreis verhaftet, in welchem sie durch ihre Passivität stets ihr Empfinden der eigenen mangelnden Selbstwirksamkeit bestätigen, was wiederum dazu führt, dass sie sich auch zukünftig nichts zutrauen werden, keine Erfolgserlebnisse erfahren und somit dauerhaft in ihrer Inaktivität verharren. Aufgrund des passiven Wartens auf soziale Gerechtigkeit macht sich überdies eine allgemeine Unzufriedenheit breit (vgl. ebd., S. 55-56).

Dieser soziale Infantilismus, also die unrealistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten, bringt die jungen Menschen zwangsläufig bei Entscheidungssituationen in eine Vormundschaft der Eltern. Auch erweisen sich Reaktionen der Menge als bedeutsam für die Auslösung bestimmter Emotionen und Handlungen. Dies mag daher rühren, dass viele junge Erwachsene keine stabile Persönlichkeit ausgebildet haben, was den mangelnden Gelegenheiten zur Selbstverwirklichung geschuldet ist. Und auch wenn bereits bestimmte Weltanschauungen und Meinungen vorhanden sind, lassen sie sich doch leicht von ihrer Außenwelt beeinflussen, was zu einem Gefühl der Entfremdung führen kann, wenn Handlungen nicht selbstständig ausgeführt wahrgenommen werden (vgl. ebd.). Dieses Abhängigkeitsverhältnis lässt nur wenig konstruktive Identitätsentwicklungsprozesse zu. Es bilden sich vornehmlich „übernommene“ oder „diffuse Identitäten“ heraus und die Aggressivität in der Gesellschaft nimmt nachweislich zu. Die „subjektive Arbeitslosigkeit“, was nicht bloß die reale Arbeitslosigkeit meint, sondern auch das Unvermögen, sich Arbeit zu suchen, steigt innerhalb der russischen Bevölkerung ebenfalls an und erklärt unter anderem den größer werdenden Mangel an Arbeitskräften. Ganze 32 Prozent der Jugendlichen sind arbeitslos. Dieser Zustand wirkt ebenfalls in einem negativen Sinne auf das Selbstbewusstsein der jungen Russen ein. Er kann Unsicherheit und Depression auslösen. Auch hier spielt sicherlich die Selbstwahrnehmung der Jugendlichen als unfähige Individuen eine entscheidende Rolle. Denn genügend Arbeitsplätze wären in jedem Fall vorhanden (vgl. ebd., S. 61-62).

Welche Gedanken umtreiben die Jugendlichen nun im Hinblick auf ihre Zukunft? Die im Rahmen der Russland-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung geäußerten Sorgen und Ängste der „Generation Putin“ lassen sich grob in fünf Themengruppen einteilen. Diese sind die Folgenden: Umweltkatastrophen, Kriege, Verfall und Untergang der Welt aus unbestimmten Gründen, Menschheitsentwicklung und Lebenssinn, Egozentrismus und unangemessene Selbsteinschätzung. Die nachfolgende Grafik veranschaulicht die genannten Sorgen und Ängste der Jugendlichen im Einzelnen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Sorgen und Ängste der Jugend Russlands (Friedrich-Ebert-Stiftung 2020)

Wie aus der Abbildung 1 ersichtlich wird, beschäftigt auch die anhaltend hohe Migration die Jungend Russlands. Das Maß an Intoleranz ist bei russischen Jugendlichen mit 20 Prozent erheblich stärker ausgeprägt als bei nichtrussischen. Wobei die Moskauer bei dieser Thematik ebenfalls deutlich offener eingestellt sind als die übrige Bevölkerung des Landes (vgl. Alexeeva / Gutnik / Piskunova 2007, S. 56-58). Es geht jedoch auch hervor, dass die Migrations-Problematik einen vergleichsweise geringen Stellenwert einnimmt. Die Angst vor Umweltzerstörung hingegen ist den jungen Russen allgegenwärtig und erweist sich als eine Gemeinsamkeit mit den Jungendlichen anderer Länder (vgl. ebd., S. 52-53). Globale Problemfelder sind also keineswegs irrelevant für die jungen Menschen. So hat die Furcht vor Krieg höchste Priorität bei der „Generation Putin“. Auffällig ist, dass all jene politische Themen, die von einer Vielzahl der westlichen Ländern im Hinblick auf Russlands politisches System angeprangert werden, wie ein gewisses Maß an Unterdrückung und Manipulation, Korruption sowie Menschenrechtsverletzungen, sich nicht unter den meist genannten Ängsten der jungen Russen befinden.

Alles in allem kann die junge Generation heute als progressiver gelten als ihre Vorgängergenerationen. Allerdings tragen sie eine größere soziale Last in Form von Verantwortung für die Zukunft. Diese Erwartungen führen durchaus zu Ängsten bei den Heranwachsenden. Diese werden nochmals verstärkt, da sich insgesamt eine instabile Stellung der Jugendlichen innerhalb der russischen Gesellschaft diagnostizieren lässt (vgl. ebd., S. 58-59). Zwar macht die Jugend „[...] einerseits einen wesentlichen Teil sozialer Mobilität und ökonomischen Fortschritts aus, andererseits ist sie [jedoch] noch nicht vollständig in die realen sozioökonomischen und politischen Verhältnisse hineingewachsen“ (ebd., S. 67). Dies macht die jungen Russen „[...] einerseits zur Quelle der sozial-ökonomischen und geistigen Wiedergeburt Russlands [...], andererseits [verursacht sie] aber auch Kriminalität, Drogenkonsum und soziale Spannungen [...]“ (ebd.). Sie haben ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden und sind auf der ständigen Suche nach moralischen Richtlinien, aber auch nach neuen Bewältigungsstrategien für die neuartigen Herausforderungen, mit denen sie sich im Zuge des modernen Zeitalters konfrontiert sehen (vgl. ebd., S. 67-68). Die Jugendpolitik der Regierung scheint nicht wirksam zur Sozialisation der jungen Generation beitragen zu können. Es bleibt ein Widerspruch zwischen den langfristigen, gesamtgesellschaftlichen Interessen und den realen Interessen der Jugendlichen unter den gegenwärtigen Bedingungen bestehen (vgl. ebd., S. 61-62).

Trotz der beschriebenen, überwiegenden Passivität der Jugend ist sie nicht vollkommen unbeweglich. Sie trägt durchaus Dinge in sich, welchen sie eine hohe Bedeutsamkeit zumessen und die eine gewisse Strebsamkeit aufkommen lassen. Einige Potenziale und Wünsche der „Generation Putin“ sind bereits angeklungen. Im anschließenden Kapitel sollen diese nun weiter entfaltet werden.

3.3.2 Potenziale und Wünsche

Neben dem angesprochenen Verlangen der Jugendlichen nach Individualisierung und Selbstverwirklichung, die vornehmlich deren ganz persönlichen Bereich tangieren, schnitten die Heranwachsenden im Zuge der Befragungen der Friedrich-Ebert-Stiftung überraschenderweise jedoch auch politische Themen an. Aber mehr noch: Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse darauf ziehen, dass die „Generation Putin sich zumindest zum Teil an demokratischen Prinzipien interessiert zeigt. Hierzu zählt der von ihnen geäußerte Wunsch nach der Umsetzung einiger demokratischer und globaler Werte, was die politische Partizipation, die Garantie von Grundrechten sowie soziale Gleichberechtigung beinhaltet. Außerdem fordert sie eine zur Bedürfnisbefriedigung notwendige individuelle Freiheit ein (vgl. ebd., S. 50-52). Demgegenüber halten sich noch immer hartnäckig einige konservative Werte wie der Wunsch nach einem starken und handlungsfähigen Staat (vgl. Friedrich-Ebert-Stiftung 2020). Dies kann auch als ein Zeichen der großen Sehnsucht der Jugend nach Führung und Orientierung in der komplexen Welt gedeutet werden (vgl. Bidder 2017, S. 49).

Das nachfolgende Schaubild, welches das Resultat der Umfrage zu den bedeutsamsten Werten der Jugendlichen darstellt, verweist nochmals auf die Wichtigkeit der Menschenrechte für die „Generation Putin“. Sie verdeutlicht jedoch auch die Abgeschlagenheit der Demokratie, dennoch findet sie zumindest zum Teil Berücksichtigung. Einen paradoxen Anschein hat jedoch die Tatsache, dass die Jugend zwar die Garantie von Grundrechten und Gleichheit sowie den Schutz von Minderheiten einfordert, sie homosexuelle Menschen jedoch nach wie vor hiervon ausnehmen. Und zuletzt stützen die Ergebnisse die These, dass kein absoluter Wertezerfall vonstattengeht, sondern sich sehr wohl neue Werte in die vermeintlichen Lücken, die der gesellschaftliche Wandel mit dem Verlust an traditionellen Moralvorstellungen mit sich brachte, geschoben haben. Lediglich zwei Prozent der Befragten können nicht beantworten, welche Aspekte des gesellschaftlichen Lebens ihnen wichtig sind.

[...]

Details

Seiten
41
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783346257055
ISBN (Buch)
9783346257062
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v931273
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg – Institut für Sozialwissenschaften
Note
1,0
Schlagworte
Russland Generation Putin

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Titel: Kennzeichnet sich die Jugend Russlands durch demokratisches Potenzial oder Putin-Treue?